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K53
Kirchennechtliche Abhandlungen.
Herausgegeben

VOII

Dr. Ulrich Stutz,


o. ö. Professor der Rechte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Uuiversität
zu Bonn.

20. Heft:

Die deutsche Pfarrei und ihr Recht zu Ausgang des


Mittelalters.

Auf Grund der Weistümer

dargestellt von

Dr. Franz Xaver Künstle,


Rechtspraktikant in Freiburg i. Br.

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1905.
DIE

DEUTSCHE PETARREI

UND IHR RECHT

ZU AUSGANG DES MITTELALTERS,

773 - -
AUF GRUND DER WEISTÜMER

DARGESTELLT VON

DR. FRANZ XAYER KÜNSTLE,


RECHTSPRAKTIKANT IN FREIBURG i. Br.

STUTTGART.
VERLAG VON FER IM INAND ENKE.
1905.
Q -

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.


- -
MEINEM BRUDER

D. KARL KÜNSTLE
PROFESSOR DER THEOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT FREIBURG i. Br.

GEWIDMET
Vorwort.

Nachstehende Untersuchung unternimmt es, all das, was


die Weistümer und Offnungen über die ländliche Pfarrei und
ihr Recht berichten, möglichst vollständig und erschöpfend
zusammenzustellen und zu bearbeiten.
Gewiss ist das Bild, das man so gewinnt, in mehr als
einer Hinsicht recht einseitig*). Gegenüber Darstellungen, die
fast nur auf gemeine oder partikuläre kirchliche Vorschriften
abstellen, oder lediglich die tatsächlichen Verhältnisse berück

*) Bei unserer Arbeit hat es sich sehr unangenehm fühlbar ge


macht, dass die meisten Weistümerausgaben einen ausreichenden rechts
und ortsgeschichtlichen Apparat vermissen lassen. Angesichts der Masse
der benutzten Quellen und der Schwierigkeit, die in den Lokalzeit
schriften und der ortsgeschichtlichen Literatur zerstreuten Urkunden und
Nachrichten über sie heranzuziehen, konnte an eine Nachholung des
Versäumten im Rahmen dieser Arbeit nicht gedacht werden. Sind so
vielleicht hie und da Irrtümer über die grundherrlichen und kirchen
rechtlichen Verhältnisse im Einzelnen mit untergelaufen, so lässt doch
die Uebereinstimmung des das gesamte Gebiet des Weistumsrechtes um
fassenden Materials in allen wesentlichen Punkten uns hoffen, dass das
von uns entworfene Gesamtbild auch dem Leser als richtig sich er
weisen wird!
VIII Vorwort.

sichtigen, scheint es jedoch angebracht, einmal zu zeigen, was


Pfarramt und Pfarrei nach volkstümlicher Anschauung sein
konnten und sollten.

Nicht die Einrichtung der Pfarrei überhaupt, wohl aber


das Gewand, in dem das deutsche Volk sie sich zu eigen
machte, möchten wir im Folgenden herauszuarbeiten versuchen.

Der Verfasser.
Inhalt.

I. Allgemeiner Teil.

I. Abschnitt. Seite
Die Gemeinde . . . . . . . . . . . . .
Erstes Kapitel. Die Gemeinde in wirtschaftlicher und
politischer Beziehung. . . . . . . . . . w»
VFr-J

Zweites Kapitel. Die Gemeinde in kirchlicher Beziehung


I. Geschichtlicher Ueberblick über die Entwicklung der Ge
meindealsPfarz‘ei ..............
II. Die Gemeinde als Pfarrei .

II. Abschnitt.
Erstes Kapitel.
DerPfarrer. Der Pfarrer in kirchlicher Beziehung 20
20
Zweites Kapitel. Die politische Stellung des Pfarrers 28
I. Im Mittelalter überhaupt . 28
II. Nach den Weistümern . 29
1. Privilegium immunitatis 29
2. Privilegiumfori . . ‚ . . . . . . . . . 32
Drittes Kapitel. Der Pfarrer als Angehöriger der wirt
schaftlichen Gemeinde . . . . . . . . . . . . 35

II. Spezieller Teil.

I. Abschnitt.
Die Besetzung der Pfarreien nach den Weistfimern . 42
I. Allgemeines . 42
II. Die Rechte Dritter bei der Besetzung der Pfarreien 44
X Inhalt.

1. Die Rechte der Grundherren .


a) Weltliche Grundherren
b) Geistliche Grundherren
2. Die Rechte der Gemeinden

II. Abschnitt.
Rechte und Pflichten des Pfarrers . - - - - - - - - 70

Erstes Kapitel. Rechte und Pflichten des Pfarrers in


kirchlicher Beziehung . - - - - - - - -
70
I. Rechte - - - - - - - - - 70
1. Rechte in Bezug auf die Seelsorge . - - - - -
70
2. Rechte bei Anstellung der niederen Kirchendiener .
3. Rechte bei der Verwaltung des Kirchenvermögens . 75
II. Pflichten . - - - - - - - - - - - - - - - 78

Zweites Kapitel. Rechte und Pflichten in wirtschaftlicher


Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
I. Rechte 80
II. Pflichten . 85

III. Abschnitt.

Das Einkommen des Pfarrers . 91


I. Die Pfarrgüter 91
II. Die Zehnten . 93
III. Die Stol gebühren 95

IV. Abschnitt.

Die kirchliche Baulast 102


Verzeichnis der Quellen und der Literatur.

I. Quellen").
Alemannia, Zeitschrift für Sprache, Literatur und Volkskunde des Elsass
und des Oberrheines Bd. I ff. Bonn 1873 ff.

Burckhardt, L. A., Hofrödel von Dinghöfen Baselischer Gotteshäuser


und anderer am Oberrhein. Basel 1860.

Chlumecky, P. Ritter v., Einige Dorfweistümer (Bann- und Bergtai


dinge) aus Mähren; im Archiv für Kunde österreichischer Geschichts
quellen Bd. XVII. Wien 1857.
Grimm, Jakob, Weistümer, 6 Bände und ein Registerband. Göttingen
1840–1878.

Hardt, Luxemburger Weistümer, als Nachlese zu Grimms Weistümern


gesammelt. Luxemburg 1870.
Kaltenbaek, J. P., Die österreichischen Rechtsbücher des Mittelalters
I. Reihe: die Pan- und Bergtaidingbücher, 2 Bände. Wien 1846
bis 1847.
*Kindlinger, N., Geschichte der deutschen Hörigkeit. Berlin 1819
(Anhang).
Klingner, Johann Gottlob, Sammlungen zum Dorf- und Bauern
rechte Bd. II, 101 ff.; deutsche Dorfweistümer in Böhmen. Leip
zig 1850.
Loersch, Hugo, Die Weistümer der Rheinprovinz, I. Abteilung: Die
Weistümer des Kurfürstentums Trier, Bd. I. Oberamt Boppard,
Hauptstadt und Amt Koblenz, Amt Bergpflege. Bonn 1900.
Maurer, Georg Ludwig v., Geschichte der Dorfverfassung in Deutsch
land, Bd. II. Erlangen 1866 (Anhang).

) Mit * bezeichne ich diejenigen Quellen, die zwar für meinen


Gegenstand nichts abtrugen, aber von mir durchgesehen wurden.
XII Quellen- und Literaturverzeichnis.

Maurer, Georg Ludwig v., Geschichte der Markenverfassung in


Deutschland. Erlangen 1856 (Anhang).
*Neumann, Theodor, Magdeburger Weistümer aus den Originalen des
Görlitzer Ratsarchivs. Görlitz 1852.

Oelrichs, Gerhard, Vollständige Sammlung alter und neuer Gesetz


bücher des kaiserl. und des hl. römischen Reiches freien Stadt
Bremen. Bremen 1771.
Oesterreichische Weistümer, gesammelt von der kaiserl. Akademie
der Wissenschaften, 8 Bände. Wien 1870–1896:
Band I: Die Salzburgischen Taidinge von H. Siegel und Karl
Tomaschek 1870.
Band II–V: Die Tirolischen Weistümer; 1875. 1877. 1880. 1888.
Band II–IVvonJ.v.Zingerle und K.Th.v. Inama-Sternegg,
Band V von J. v. Zingerle und J. Egger. -

Band VI: Steirische und kärntische Taidinge 1881, von F. Bi


schoff und A. Schönbach.
Band VII–VIII: Niederösterreichische Weistümer von G.Win
ter 1886. 1896.
*Osenbrüggen, E, Deutsche Rechtsaltertümer aus der Schweiz. Zürich
1859.

Rein, Dr. A., Drei Uerdinger Weistümer aus dem Jahr 1454. Krefeld
1854. -

Reyscher, Dr. A. L, Sammlung altwürttemberger Statutarrechte. Tü


bingen 1834.
Rochholz, E. L, Aargauer Weistümer. Aarau 1876.
*Rössler, Dr. Emil Franz, Ueber die Bedeutung der Geschichte des
Rechts in Oesterreich. Prag 1847 (Anhang: Urkundliche Beiträge
zur Rechtsgeschichte p. XXX–XXXIV).
Rechtsquellen von St. Gallen, Sammlung schweizerischer Rechts
quellen; XIV.Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons St.Gallen,
erster Teil: Offnungen und Hofrechte, erster Band: Alte Land
schaft von Max Gmür. Arau 1903.

Schauberg, Dr. Joseph, Zeitschrift für noch ungedruckte schweize


rische Rechtsquellen, 2 Bände. Zürich 1844–1847.
Schulte, Dr. Aloys, Gilg Tschudi, Glarus und Säckingen. II. Kap. §7:
Neue Säckinger Rodel und Weistümer; im Jahrbuch f. schweiz.
Geschichte. Bd. XVIII. Zürich 1893, S. 60 ff.
*Sommer, Geschichtliche und dogmatische Entwickelung der bäuerlichen
“-
band).
in Deutschland Bd. III. Hamm 1830 (Beilagen

Walter, K., Weistümer der Ortenau. (Im Selbstverlag des Ver


fassers, o. J.)
Wasserschleben, Hermann, Deutsche Rechtsquellen des Mittelalters.
Leipzig 1892.
Quellen- und Literaturverzeichnis, XIII

Wigand, Dr. Paul, Wetzlar’sche Beiträge für Geschichte und Rechts


altertümer. Bd. I. Wetzlar 1836 (S. 79–88 und 93–113). Bd. II.
1845 (S.210–215). Bd. III. Giessen 1851 (S. 62–72 u. 184
is 203).
*Wigand, Dr. Paul, Denkwürdigkeiten für deutsche Staats- und Rechts
wissenschaft, für Rechtsaltertümer, Sitten und Gewohnheiten des
Mittelalters, gesammelt aus dem Archiv des Reichskammergerichts
zu Wetzlar. Leipzig 1854, S. 192ff. (Weistümer von zu Trier ge
hörigen Orten).
Zeitschrift für schweizerisches Recht, Band I ff. Basel 1850 ff.
Zeitschrift für deutsches Recht, Bd. XIII. Tübingen 1857. „Der Gmaind
zu Eckingen Büchlein de anno 1531“.
Zeit“
1850 ff.
für die Geschichte des Oberrheines, Bd. Iff. Karlsruhe
I (1850)3ff.; II(1851)55ff. 309ff.; III(1852)484ff.; V (1854)
378ff.; VI (1855) 107ff. 254ff.; XII (1861) 263 ff.; XIV (1862)
275ff.; XVI(1864) 141 ff.; XVII (1865) 129ff.374ff.; XVIII(1865)
62 ff. 225ff.; XIX. (1866) 460 ff.; XX (1867) 484 ff.; XXI (1868)
432ff.; XXIII. (1871) 404ff.; XXX. (1878) 442 ff.; XXXVI (1883)
124ff. 241 ff.; XXXVII (1884) 98 ff.

II. Literatur.

Arens, Franz, DasTiroler Volk in seinen Weistümern;in den geschichtl.


Untersuchungen von K. Lamprecht. Heft 3. Gotha 1904.
Beyerle, Dr. Konrad, Grundeigentumsverhältnisse und Bürgerrecht
im mittelalterlichen Konstanz. Bd. I. Heidelberg 1900.
Bodmann, Franz Joseph, Rheingauische Altertümer oder Landes
und Regimentsverfassung des westlichen oder Niederrheingaues im
mittlern Mittelalter; zweite Abteilung, die Regimentsverfassung.
Mainz 1819.
Brünneck, Wilhelm v., Beiträge zur Geschichte des Kirchenrechts in
den deutschen Kolonisationslanden:
Heft I: Zur Geschichte des Kirchenpatronats in Ost- und
Westpreussen. Berlin 1902.
Heft II: Zur Geschichte des märkischen Provinzialkirchen
rechts. Berlin 1904.

Dacheux, L, Eine Steuerrolle der Diözese Strassburg für das Jahr 1464;
in den Mitteilungen der Gesellschaft für Erhaltung der geschicht
lichen Denkmäler im Elsass Bd. XVIII.
Diözesanarchiv, Freiburger, Organ des kirchlich-historischen Vereins
der Erzdiözese Freiburg. Band I ff. Freiburg 1865ff.
Eichmann, Eduard, Der Recursus ab abusu nach deutschem Recht;
in den Untersuchungen zur deutschen Staats- und Rechtsgeschichte
von Dr. Otto Gierke. Heft 66. Breslau 1903.
XTV Quellen- und Literaturverzeichnis.

Eisenberg, Richard, Das Spolienrecht am Nachlass der Geistlichen


in seiner geschichtlichen Entwickelung in Deutschland bis Fried
rich II. Jurist. Dissert. Marburg 1886.
Friedberg, Dr. Emil, Lehrbuch des kathol. und evangel. Kirchen
rechts. 5. Aufl. Leipzig 1903.
Geffcken, Heinrich, Die Krone und das niedere deutsche Kirchen
gut unter Kaiser Friedrich II. (1210–1250). Phil. Diss. Leipzig
1890.
Gierke, Dr. Otto, Das deutsche Genossenschaftsrecht Band I: Rechts
geschichte der deutschen Genossenschaft. Berlin 1868.
Hatch, D. Erwin, Die Grundlegung der Kirchenverfassung West
europas im frühen Mittelalter. Vom Verfasser autorisierte Ueber
setzung, besorgt von D. Adolf Harnack. Giessen 1888.
Hauck, Dr. Albert, Kirchengeschichte Deutschlands. I. 3. u. 4. Aufl.
1904; II. 2. Aufl. ibid. 1900; III. 1. Aufl. ibid. 1896; IV.
1. Aufl. ibid. 1903.
Hinschius, Dr. Paul:
1. Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutsch
land. 6 Bände. 1869–1897.
2. Zur Geschichte der Inkorporation und des Patronatrechts; in
der Festgabe für August Wilhelm Heffter zum 3. August 1873.
Berlin 1873.
Huber, Eugen, System und Geschichte des schweizerischen Privatrechts.
4 Bände. Basel 1886–1893.

Imbart de la Tour, Les paroisses rurales du 4e au 11e siècle. Paris


1900.

Kraus, Dr. F. X, Lehrbuch der Kirchengeschichte. 4. Aufl. Trier 1896.


Lamprecht, Karl:
1. Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter. Untersuchungen
über die Entwickelung der materiellen Kultur des platten Landes
auf Grund der Quellen zunächst des platten Landes. Bd. I, 1. und
2. Darstellung. Leipzig 1886.
2. Das Schicksal des deutschen Bauernstandes biszu den agrari
schen Unruhen des XV. und XVI. Jahrhunderts; in den Preussi
schen Jahrbüchern, Bd. 56. Berlin 1885.
Loening, Dr. Edgar, Geschichte des deutschen Kirchenrechts. 2 Bde.
Strassburg 1878.
Löwe, Fritz, Die rechtliche Stellung der fränkischen Bauern im Mittel
alter. Jur. Diss. Heidelberg 1888.
Meyer, Georg, Lehrbuch des deutschen Staatsrechts. 5. Aufl. Leipzig
1899.
Maurer, Georg Ludwig v.:
1. Einleitung zur Geschichte der Mark-, Hof, Dorf- und Stadt
verfassung und der öffentlichen Gewalt. München 1854.
Geschichte der Markenverfassung in Deutschland. Erlangen
1856,
Quellen- und Literaturverzeichnis. XV

3. Geschichte der Dorfverfassung in Deutschland. 2 Bde. Er


langen 1865–1866.
Michael, Emil, Geschichte des deutschen Volkes seit dem XIII.Jahr
hundert bis zum Ausgang des Mittelalters. I. 2. Aufl. Freiburg
1897. II. 1.–3. Aufl. Ibid. 1899. III. 1.–3. Aufl. Ibid. 1903.

Paulus, C, Welt- und Ordensklerus beim Ausgang des XIII. Jahr


hunderts im Kampfe um die Pfarrrechte. Philos. Diss. Göttingen
1900.
Pestalozzi, C, Das zürcherische Kirchengut in seiner Entwickelung
zum Staatsgut. Jurist. Diss. Zürich 1903.
Phillips, Georg, Kirchenrecht. Bd. I–II. 3. Aufl. Regensburg 1855;
Bd. III– VIII. 1. Aufl. ibid. 1848–1889.
Planck, Dr. G.J,Geschichte der Entstehung und Ausbildung der christ
lichen Gesellschaftsverfassung im röm. Staat von der Gründung
der Kirche an bis zum Anfang des VII.Jahrhunderts. 5 Bde. Han
nover 1803–1809.

Rettberg, Dr. Fr.Wilhelm, Kirchengeschichte Deutschlands. 2 Bde.


Göttingen 1846–1848.
Schäfer, Dr. Heinrich, Pfarrkirche und Stift im deutschen Mittel
alter; in den kirchenrechtlichen Abhandlungen von Dr. U. Stutz.
Heft 3. Stuttgart 1903.
Schefold, J. B., Die Parochialrechte. 2 Bde. Stuttgart-Sigmaringen
1846.
Stengel, Dr. Karl,Wörterbuch des deutschen Verwaltungsrechts. 2 Bde.
und ein Ergänzungsband. Freiburg 1890–1892.
Stüve, Dr. C., Wesen und Verfassung der Landgemeinde und des
ländlichen Grundbesitzes in Niedersachsen und Westfalen. Jena
1851.
Stettler, Friedrich, Staats- und Rechtsgeschichte des Kantons
Bern von den ältesten Zeiten bis zur Einführung der Verfassung
vom Juli 1831. Bern und St. Gallen 1845.
Stutz, Dr. Ulrich:
1. Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens von seinen An
fängen bis auf die Zeit Alexanders III. Bd. I, erste Hälfte.
Berlin 1895.
2. Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-germanischen
Kirchenrechts. Berlin 1895.
3. Kirchenrecht; in von Holtzendorff-Kohlers Enzyklopädie der
Rechtswissenschaft. Bd. II. 6. Aufl. 1904, S. 809ff.
4. Das Habsburgische Urbar und die Anfänge der Landeshoheit;
in der Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, ger-
manistische Abteilung. Bd. XXV. 1904, S. 92ff.
5. Imbart de la Tour, Les paroisses rurales du 4e au 11e siècle
und Andrea Galante, La condizione giuridica delle cose sacre;
in den Gött. Gel. Anz. 1904 Nr. 1, S. 1 ff.
6. Das Münster zu Freiburgi. Br.im Lichte rechtsgeschichtlicher
Betrachtung. Tübingen und Leipzig 1901.
XVI Quellen- und Literaturverzeichnis.

7. Artikel „Patronat“; in Hauck-Herzogs Realenzyklopädie für


protestantische Theologie und Kirche. Bd. XV. S. 13–26.
8. Artikel „Pfarre und Pfarrer“; ebenda S.239–252.
Thudichum, Friedrich, Die Gau- und Markverfassung in Deutsch
land. Giessen 1860.
Tibus, A., Gründungsgeschichte der Stifter, Pfarrkirchen etc. im Be
reiche des alten Bistums Münster. Münster 1885.

Wielandt, Dr. Friedrich, Handbuch des badischen Gemeinderechts.


Bd. I. Die bad. Gemeindegesetzgebung im engeren Sinne mit Er
läuterungen. 3. Aufl. Heidelberg 1893.
Wyss, Friedrich v., Abhandlungen zur Geschichte des schweizerischen
öffentlichen Rechts. Zürich 1892.

zeit“ für die Geschichte des Oberrheines. Bd. I ff. Karlsruhe


1850 ff.
I. Allgemeiner Teil.

I. Abschnitt.

Die Gemeinde.

Erstes Kapitel.
Die Gemeinde in wirtschaftlicher und politischer Beziehung.

Politische Ortsgemeinden im heutigen Sinne kannte das


Mittelalter nicht 1).
Die realen Grundlagen derselben, die Dorfschaften, be
standen zwar grösstenteils schon damals, hatten jedoch einen
wesentlich anderen Charakter 2).
Heute liegt die Hauptbedeutung der Gemeinde auf dem
Gebiet des öffentlichen Rechts. Sie bildet das unterste Glied
der lokalen Staatsverwaltung, dem in Unterordnung unter das
Staatsganze und unter Aufsicht der höheren Staatsorgane die
selbständige Erfüllung des Staatszweckes innerhalb ihres Gebietes
übertragen ist.
Auf ihr baut sich die Verwaltung des Staates auf, so dass
sie sich als eine der bedeutsamsten Grundlagen des ganzen Staats
organismus darstellt 3).

1) Lamprecht, Das Schicksal des deutschen Bauernstandes bis


zu den agrarischen Unruhen des XV. und XVI. Jahrhunderts S. 177.
Stettler, Staats- und Rechtsgeschichte des Kantons Bern, S. 68.
2) Gi erke‚ Genossenschaftsrecht I, 710 fl‘.
') Georg Meyer, Staatsrecht S. 28 u. 308 ü‘.
Künstle, Deutsche Pfarrei. 1
2 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Diesen Charakter hat die Gemeinde aber erst im verflossenen


Jahrhundert erhalten ).
Die Gemeinde der Weistümer war noch eine Wirtschafts
gemeinde“).
Ihre Grundlage bildete die Mark, die Almende"). Die
Gemeindeverfassung war die Dorfmarkverfassung“). Voll
berechtigtes Mitglied der Gemeinde war nur der Markgenosse;
Markgenosse aber nur derjenige, welcher durch Abstammung
oder Aufnahme dem persönlichen Verband der Gemeinde
genossen angehörte), sowie in der Mark wohnte und einen
eigenen Haushalt besass").
Organ der Gemeinde war die Versammlung der Mark
genossen, das Märkerding'), welche jährlich mehrere Male, teils

') L. Jolly, Die Gemeinde, in Stengels Wörterbuch des deutschen


Verwaltungsrechts I, 495. Vgl. auch Wielandt, Handbuch des badi
schen Gemeinderechts I, 26ff.
Ueber die Entwicklung der Gemeinde siehe:
Gierke, Genossenschaftsrecht I, 162. 593ff. 710 ff. Hub er,
System und Geschichte des schweizerischen Privatrechts IV, 41 ff. –
K. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter I, 1,S.169 ff.
– Derselbe, Das Schicksal des deutschen Bauernstandes bis zu den
agrarischen Unruhen des XV. und XVI. Jahrhunderts S. 177 ff. –
Schröder, Deutsche Rechtsgeschichte S. 16 ff. 123 ff. 425 ff.–Stett
ler, Staats- und Rechtsgeschichte des Kantons Bern von den ältesten
Zeiten bis zur Einführung der Verfassung vom Juli 1831, S. 68ff. –
Stüve, Wesen und Verfassung der Landgemeinden und des ländlichen
Grundbesitzes in Niedersachsen und Westfalen S. 111 ff. – F.v. Wyss,
Abhandlungen zur Geschichte des schweizerischen öffentlichen Rechts
S. 4 ff.
*) F. v. Wyss, Abhandlungen S.27; Löwe, Die rechtl. Stellung
der fränk. Bauern im Mittelalter S. 24 ff.
*) K. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben I, 1, S. 282.
“) K. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben I, 1, S. 282;
v. Maurer, Dorfverfassung I, 98.
*) Gierke, Genossenschaftsrecht I, 162. 593 ff.
') Schröder, Deutsche Rechtsgeschichte S.426; Gierke a. a.O.
I, 594; Löwe S. 35.
') v. Maurer, Dorfverfassung II, 76.
Die Gemeinde in wirtschaftlicher und politischer Beziehung. 3

geboten, teils ungeboten, zusammentrat 1) und unter dem Vor


sitze des Grundherrn bezw. seines Vertreters oder des Dorf
vorstehers —— je nachdem die Gemeinde eine grundherrliche
oder eine freie war — über die gemeinsamen Angelegenheiten
beriet und Beschlüsse fasste 2).
Infolge der Identität der Markgenossenschaft und der
Dorfgemeinde erstreckte sich die Kompetenz der Mark
versammlung nicht bloss auf die eigentlichen Markangelegen
heiten, wie die Regelung der Benützung der Almende, die
Wahl der Markbeamten, Aburteilung der Markfrevel u. a. mß),
sondern vielmehr auf sämtliche Angelegenheiten, die sich
durch das Zusammenleben in ein und demselben Dorfe er
gaben.
So wurde die Versammlung der Gemeindegenossen gelegent
lich des Märkerdings insbesondere auch zur Besprechung und
Regelung des Verhältnisses der Gemeinde zu dem Grundherrn,
dem Pfarrer und Schulmeister benützt 4).
Zur Ausführung und Ueberwachung der Gemeindebeschlüsse
und zur Vertretung der Gemeinde nach aussen waren be
sondere Gemeindevorsteher vorhanden 5), welche als genossen
schaftliche ‘1) Beamte von der Genossenschaft gewählt und ent

1) Gierke I, 625.
2) Löwe S. 36.
s) Schröder S. 425.
4) v. Maurer, Dorfverfassung II, lfl‘. u. 87 fli; Lamprecht,
Deutsches Wirtschaftsleben I, 1, S. 310 fl‘.
5) Gierke l, 628; Löwe S. 26. In ein und derselben Gemeinde
konnten mehrere Vorsteher vorhanden sein; cf. Grimm III, 272 3° u. a. a. O.
Die für dieselben gebrauchten Bezeichnungen sind sehr verschieden und
vielfältig. Sie treten uns entgegen unter den Namen: Bauernkönig
(Grimm VI, 242 w), Bauermeister (III, 273 9°), Bauernrichter (III, 27),
Bürgermeister (IV, 601"), Dorfgraf (III, 457), Dorfmeier (IV, 28216),
Dorfrichter (III, 698), Dorfvogt (I, 247), Heimburge (V, 478 2"), Hunne
(IV, 768 m), Zentner (VI, fein’) u. s w. Vgl. auch Zeitschr. f. d. G.
d. Oberrheins 1856. Bd. VIL 5- 257
6) Gierke I, 628; v. Maurer, Dorfverfassung II, 34.
4 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

setzt wurden 1), öfters allerdings unter Mitwirkung des Grund


herrn 2).
In späterer Zeit 3) begegnen wir neben den Dorfvorstehern
noch einem besonderen Kollegium von Genossen, welches, dem
heutigen Gemeinderate vergleichbar, jene in der Ausübung ihres
Amtes zu unterstützen hatte und in minder wichtigen Ange
legenheiten an Stelle der Gemeindeversammlung handelte 4).
Als Markgenossenschaft stellt somit die Gemeinde eine ge
schlossene Einheit dar mit eigener Verfassung und eigenen Or
ganen, jedoch ohne öffentlichen Charakter, vielmehr rein privat
rechtlicherNatur 5), lediglich auf Interessengemeinschaft beruhend
und daher auch nur die Markgenossen umfassend.
Doch gewinnt sie öffentliche, politische Bedeutung überall
da, wo sie infolge der Zersplitterung der alten Gerichtsbezirke
und deren Auflösung durch die Immunitäten zugleich Gerichts
bezirk wird.

Zweites Kapitel.
Die Gemeinde in kirchlicher Beziehung.
I. Geschichtlicher Ueberblick über die Entwicklung der
Gemeinde als Pfarrei.

In kirchlicher Beziehung hat die Dorfschaft ursprünglich


eine selbständige Stellung ebensowenig eingenommen wie in
politischer.
Der unterste kirchliche Verwaltungssprengel, die Pfarrei,
umfasste, soweit deren ursprünglicher Umfang überhaupt noch

1) v. Maurer, Dorfverfassung II, 41.


2) v. Maurer, Dorfverfassung II, 42; Grimm I, 123.
3) Gierke S. 631/632.
‘) Gierke S. 632; Lamprecht I, 1, S. 318. 322; v. Maurer,
Dorfverfassung II, 65 ff.
5) v. Wyss, Abhandlungen S. 28; v. Maurer, Dorfverfassung
II, 2-57.
Geschichte der Pfarrei. 5

nachweisbar ist, gleich dem politischen stets mehrere Dörfer


mit einer einzigen Pfarrkirche und einem Pfarrer ).
Wohl bestanden in den einzelnen Filialorten schon sehr
frühe neben der Pfarrkirche Kapellen (oratoria, basilicae,
martyria)*), denen häufig, insbesondere in den grundherrlichen
Ansiedelungen“), auch Priester vorstanden, die an den Werk
tagen und den gewöhnlichen Sonn- und Feiertagen die Messe
lasen und die Seelsorge der benachbarten Bevölkerung ver
sahen“).

') Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben I, 1, S.239; v. Mau


rer, Markenverfassung S. 194. Einen trefflichen Beweis für diese Be
hauptung gibt uns bezüglich des Rheingaues Bodmann in Band II seiner
Rheingauischen Altertümer S.828ff. Danach bildete der obere Rheingau
mit sechs Dörfern bis in das XIII. Jahrhundert nur eine Pfarrei mit
der Pfarrkirche zu Eltvil; ebenso der mittlere Rheingau mit der Pfarr
kirche zu Winkel; ferner der untere Rheingau nur zwei Pfarreien, die
eine, sechs Dörfer umfassend, mit der Pfarkirche zu Lorch und die
andere mit der Pfarrkirche zu Geisenheim (S. 840).
Ferner verweise ich bezüglich des Bistums Münster auf Tibus,
Gründungsgeschichte der Stifter, Pfarrkirchen etc. im Bereiche des alten
Bistums Münster, woraus ebenfalls hervorgeht, dass ursprünglich jede
Pfarrei eine Reihe von Ortschaften umfasste (S. 445 mit 156 und 379;
273 ff. u. 453ff).
Ob nun die Grenzen der ersten Pfarreien sich mit denen der wirt
schaftlichen und politischen Verbände (Bodmann S.840 und v. Maurer,
Markenverfassung S. 194),insbesondere mit denen der Hundertschaften,wie
Lamprecht I, 1, S. 238. 254 nachzuweisen sucht, völlig deckten, oder
ob sie sich ganz zufällig ohne Rücksicht auf bereits vorhandene Organi
sationen entwickelten (v. Wyss, Abhandlungen S. 143; Thudichum,
Markenverfassung S. 81; Schröder S. 145), mag als ausserhalb des
Rahmens unserer Darstellung liegend dahingestellt bleiben. Immerhin
hat aber die Ansicht von Lamprecht und Bodmann sehr grosse
Wahrscheinlichkeit für sich. Vgl. auch Stutzin den Gött. Gel. Anz. 1904
Nr. 1, S.21, Note 3.
*) Stutz, Benefizialwesen S. 67. 141; Loening, Kirchenrecht
II, 354; Lamprecht I, 1, S. 239; Hinschius, Kirchenrecht II, 268;
Hauck, Kirchengeschichte II, 621.
*) Stutz, Benefizialwesen S. 134 ff. 150. 195.
*) Stutz, Benefizialwesen S. 67; Loening II, 354.
6 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Die Zugehörigkeit der betreffenden Orte zur Pfarrei


wurde aber hierdurch in keiner Weise berührt; diese blieb
vor- wie nachher bestehen und trat hauptsächlich darin zu
Tage, dass die Taufe nur in der Pfarrkirche gespendet und
empfangen werden durfte 1), dass sämtliche Pfarrangehörige
an den höchsten Feiertagen den Gottesdienst in der Pfarr
kirche besuchen mussten 2), und dass die Einkünfte der Pfarr
pfründe, insbesondere der Zehent, nur dem Geistlichen der
Hauptkirche zustanden 3), während die Priester an den Dorf
kapellen von den Dorfeinwohnern bezw. dem Grundherrn
unterhalten werden mussten.
Mit der Zeit trat jedoch immer mehr eine Lockerung in
dem Verhältnisse der Filialkirchen zu der Pfarrkirche ein.
Es erhielten die ersteren nach und nach ebenfalls das Tauf
recht 4), und die Angehörigen des betreffenden Dorfes brauchten
den Gottesdienst der Pfarrkirche nicht mehr besuchen, so dass
ein solches Dorf tatsächlich die Stellung einer selbständigen
Pfarrei einnahm und sich nur dadurch von einer solchen unter
schied, dass der Priester der Filialkirche als Plebanus der Auf
sicht des Pfarrers unterstand und die gesamte Pfarrpfründe un
geteilt dem letzteren verblieb 5).
Der weiteren Fortentwicklung dieser Plebaneien zu selb
ständigen Pfarreien stand lange Zeit der Widerstand der Pfarrer
entgegen, die sich wegen der mit einer Teilung bezw. Verklei
nerung ihrer Pfarreien verbundenen Schmälerung der Einkünfte
hartnäckig der Erhebung von Plebaneien zu Pfarreien wider
setzten.
Nachdem aber auch dieses Hindernis durch Papst Ale

1) Loening II, 351; Stutz, Benefizialwesen S. 243.


2) Loening II, 352; Hauck I, 228.
3) Stutz a. a. O. S. 240/43; Hatch-Harnack, Kirchenverfas
sung S. 465.
4) Stutz a. a. O. S. 195; Hauck II, 714; IV, 22; Bodmann
II, 828.
5) Hinschius II, 268.
Geschichte der Pfarrei. 7

xander III. (1159-1191) beseitigt worden war 1), konnte die


weitere Entwicklung ungestört ihren freien Lauf nehmen.
Gegen Ende des XIII. Jahrhunderts scheint diese Entwick
lung im grossen und ganzen ihren Abschluss erreicht zu haben,
so dass von da an beinahe jedes einigermassen bedeutende Dorf
eine eigene Pfarrei bildete 2); dies gilt hauptsächlich von den
jenigen Gemeinden, welche zugleich auch in wirtschaftlicher
Beziehung eine selbständige Stellung einnahmen
Mit dieser eben geschilderten Entwicklung stehen die kirch

1) Bodmann II 834.
2) Hauck IV, 19 u. 23 fiÄ; Bodmann II, 833; Tibus S. 151fl‘.
und 379 fll, welcher uns ein Verzeichnis der im Jahr 1313 bestehenden
Pfarreien des westfälischen Teiles des Bistums Münster gibt, aus dem
hervorgeht, dass in jener Gegend bei Beginn des XIV. Jahrhunderts
die Pfarreieinteilung bereits eine derart vollständige war, dass seit 1313
bis 1869, also in einem Zeitraum von mehr als 550 Jahren, nur etwa
dreissig neue Pfarreien gegründet worden sind.
Für die grosse Zahl der um das XIII. Jahrhundert am Ober
rhein bereits vorhandenen Pfarreien sind folgende Verzeichnisse sehr
interessant :
a) Liber decimationis cleri Constantiensis pro papa de anno 1275
(Freiburger Diözesanarchiv 1865, Bd. I, 15 fll).
b) Liber Quartarum et Bannalium in Dioecesi Oonstautiensi de anno
1324 (Diözesanarchiv 1869, Bd. IV, 1 ff).
c) Liber taxationis ecclesiarum et beneficiorum in Dioecesi Constan
tiensi de anno 1353 (Diözesanarchiv 1870, Bd. V, 1&1).
Bezüglich der früheren Diözese Strassburg vgl.: „Etat eccle'sia
stique du Diocese de Strasbourg en 1454“ par Pabbe Grandidier, sowie
D ach eux, „Eine Steuerrolle der Diözese Strassburg für das Jahr 1464“,
beide abgedruckt in Bd. VIII der Mitteilungen der Gesellschaft für Er
haltung der geschichtlichen Denkmäler im Elsass. In Bd. XVI (1901) u.
XVII (1902) der N. F. der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins hat
Kaiser unter dem Titel „König Sigmunds Einkünfte aus dem Zehnten
des Bistums Strassburg“ ebenfalls Strassburger Zehntenverzeichnisse publi
ziert, die hierfür auch sehr bemerkenswert sind.
3) Nach v. Maurer, Dorfverfassung I, 113 hing die Erhebung
eines Dorfes zur Pfarrei ursprünglich zusammen mit der Abmarkung der
Dorfmark und Ausscheidung aus der grösseren Mark, also mit der Um
wandlung eines Dorfes zu einer selbständigen Markgenossenschaft.
8 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

lichen Verhältnisse der Gemeinden der Weistümer, soweit sich


diese Dinge überhaupt aus den Weistümern beurteilen lassen,
im allgemeinen im Einklange 1).
Pfarreien, die sich aus mehreren selbständigen Gemeinden,
d. h. Dorfmarkgenossenschaften, zusammensetzen2), begegnen
uns in den Weistümern äusserst selten, ebenso Markgenossen
schaften, die mehrere Pfarreien umfassen 3). Vielmehr fallen 4)

1) Wir finden auch in den Weistümern noch eine Reihe von An


deutungen, welche darauf schliessen lassen, dass eine darin erwähnte
Pfarrei früher Bestandteil einer grösseren war und erst durch Teilung
dieser entstanden ist, so zum Beispiel die Bezeichnung einer Pfarrkirche
als Tochterkirche im Verhältnis zu einer benachbarten als der Mutter
kirche (cf. österreichische Weistümer Bd. VIII, 1063; Grimm V, 179 2).
Dafür spricht ferner der Umstand, dass ein Pfarrer die benachbarte
Pfarrei zu besetzen hat (cf. Grimm II, 618), und zwei Pfarreien noch
gemeinsame Kreuzgänge haben.
Vgl. auch Grimm V, 545 ° (Rechte der Abtei Klingenmuenster zu
Vorder-Weidenthal um 1530): „und seint im auch nit mere da schuldig,
wan die kirche daselbes ein capellanie ist geweszen und ist gemacht zu
einer pfarren umb des kirchegangs willen, der da gehorte gein Gossers
weiler‚ das da die heübtpfarre ist, und man auch den sent da besitzet.“
2) Grimm VI, 276" (das dorfrecht des dorfs zue Benzen
zimbern): „Item ein pfarrer zu Munningen soll auch das volk
zu Bintzenzimmern nach altem herkommen mit einem helfer ver
sehen, der an statt eines pfarrers wisz ihnen mitzutheilen die heiligen
sacrament und was nach christlicher ordnung not und guet seie.“
3) Grimm I, 429 (Weistum von Ulm bei Lichtenau): „Man sol
wissen zue dem ersten mole, daz ein botte sol künden vnd sagen den
lüten von der kirchen zue Schertzen vnd zue Vlme, daz sü
zuesamen kommen jn den hofl‘ zue Vlmen ufl‘ den vorgenanten dag beyde
hueber verlehent lüte, eygen lüte vnd alle die da wollent nyssen walt
vnd weyde vnd wasser, die da gehorente jn den vorgenanten hofl‘ nach
dez gotzhus reht.“
4) Zahlreich sind diejenigen Pfarreien, die ausser dem Hauptorte,
wo sich die Pfarrkirche befand, noch ein oder auch mehrere Nebenorte
umfassten. Diese Nebenorte spielten jedoch auch in wirtschaftlicher Hin
sicht keine eigene Rolle, bildeten vielmehr mit dem Hauptorte nur einen
Verband, so dass auch hier Pfarrei und Gemeinde zusammenfielen (cf. z. B.
G ri m m II, 683).
Die Gemeinde als Pfarrei. 9

in weitaus den meisten Weistümern, in denen des Pfarrers Er


wähnung getan ist, die Grenzen der Gemeindemark mit denen
des Pfarreibezirks zusammen.

II. Die Gemeinde als Pfarrei.

Noch bei Beginn des Mittelalters bildete die Pfarrei ledig


lich einen territorialen Bezirk für die Ausübung der Seelsorge.
Die Gläubigen dieses Bezirkes waren nur die Objekte der
seelsorgerischen Tätigkeit des Pfarrers, dem sie als Einzelne
ohne jeglichen Einfluss oder Rechte bei der Verwaltung der
kirchlichen Angelegenheiten gegenüberstanden 1).
Hierin ist nach den Weistümern eine wesentliche Aende
rung eingetreten.
Wir sehen die Gemeinde nicht nur in wirtschaftlicher,
sondern auch in kirchlicher Beziehung als geschlossene Einheit,
als Genossenschaft dastehen, welche ihre kirchlichen Angelegen
heiten in gemeinschaftlichen Versammlungen - meistens ge
legentlich des Märkerdings oder der Abhaltung des grundherr
lichen Gerichts, öfters auch in besonderen Versammlungen 2) —
bespricht, die sittliche und religiöse Führung ihrer Mitglieder
überwacht 3), die Verwaltung des Kirchenvermögens in ihren
Händen hat4), die niederen Kirchendiener ernennt 5), bei der
Besetzung der Pfarrei vielfach einen sehr weitgehenden Ein
fluss besitzt ‘1), ja sogar die sittliche Haltung der Geistlichen,
insbesondere des Pfarrers 7), sowie deren Amtsführung beauf

') Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands II, 718. 782; IV, 50.


2) Vgl. die vielen Send- und Kirchenweistümer bei Grimm, H ardt
und Loersch.
3) Vgl. S. 73 sowie die Anmerkungen dazu.
4) Vgl. S. 14 u. 75 ff. sowie die Anmerkungen zu denselben.
i) Vgl. S. 75.
6) Vgl. S. 15 u. 65 ff.
7) Oesterreichische Weistümer Bd. I, 322‘ (Landrecht im Ziller
tal 1487): „- und ob dann ain priester in leithäuser (Wirtshäuser) gen
wolt und des nachts auf der strass muetwillen mit den laien, da sol man
10 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

sichtigt), also im Besitze von solchen Rechten ist, dass es


den Anschein erweckt, als ob sie auch in religiöser Hinsicht
einen völlig souveränen Verband mit eigenem Vermögen und
eigenen Beamten dargestellt habe.
Dieser Eindruck lässt auch kaum nach, wenn wir den
Charakter der Gemeinde in kirchlicher Beziehung und das
sich hieraus für sie ergebende Verhältnis zu den kirchlichen
Angelegenheiten näher betrachten.
Die innige Verbindung zwischen Staat und Kirche und
die im XII.Jahrhundert anhebende, das ganze Mittelalter hin
durch andauernde, tiefinnerliche religiöse Bewegung hatte allen
Organisationen einen mehr oder minder religiösen Charakter
aufgeprägt.
So finden wir nicht nur überall in Stadt und Land eine
grosse Anzahl rein religiöser Genossenschaften“), sondern auch
neben diesen eine Reihe weltlicher Verbände, die ausser ihrem
weltlichen bezw. wirtschaftlichen Charakter einen religiös
genossenschaftlichen besitzen. Ich erinnere nur an die welt
lichen Ritterorden, insbesondere aber an die Zünfte).
in beschaidenleich von weisen, beswäret er aber daruber iemant mit
red oder mit werchen, da soll in ain richter umb pessern als ain andern
laien nach landsrechts.“ V, 179“ (Weistum von Mölten): „Es soll
auch kein priester im wirtshaus ligen nach ave Maria zeit.“
Grimm II,770, Abs.5(Sendweistum zu Olef 1546): „Item sowelcher
ein pastor gesatzt vnd verordnet ist, der soll halten einen coadiutoren,
dieselbigen sollen geschickt sein die kirch vnd kyrspell zu regieren, daß
wort gottes dem volck zu zemlichen zeiten zuuerkundigen, sich freund
lich vnd lieblich mit einander vnd gegen einander halten, defs ab entz
achter der zeiten sich nit uff der strafsen, noch wein
haufs finden zu lassen vnd sollen darneben ein vnbefleckt
h aufstatt vnd ehrlich gesindt halten . . .“
Grimm VI,688, Abs. I(Weistum von Muengersdorf) „.. . im fall
auch iemands hier wer der zur priesterstatt were erkoren . .., den heischt
man keusch und züchtig sein . . .“; Grimm III, 815, Abs. IV.
') cf. S. 15.
*) Michael, Geschichte des deutschen Volkes II, 51 ff.; Hauck
IV, 311 ff.
*) Michael a. a. O. I, 144ff. 150.
Die Gemeinde als Pfarrei. 11

Mit den letzteren haben die Gemeinden als Markgenossen


schaften vieles gemein.
Wie bei jenen beruht auch bei diesen die Mitgliedschaft
auf der gleichen Lebensbeschäftigung innerhalb eines bestimmten
örtlichen Bezirkes und auf dem Betrieb einer selbständigen
Wirtschaft.
Es liegt daher nahe, dass auch die Markgenossenschaften,
dem Zuge der Zeit folgend, ebenfalls einen solch religiös
‘genossenschaftlichen Charakter angenommen haben, und dies
umso mehr, als von jeher auf dem Lande der religiöse Sinn
weit mehr ausgebildet war als in der Stadt, und sich räumlich
die Grenzen der Markgenossenschaften mit denen der Pfarreien
meistens deckten.
Tatsächlich hat die Gemeinde, d. h. Dorfmarkgenossen
schaft, einen religiös-genossenschaftlichen Cha
rakter besessen 1).
Hierfür spricht nach den Weistümern ausser den sehr
häufig wiederkehrenden Bezeichnungen der Gemeinde als
Pfarrei bezw. Kirchspiel2), der Gemeindegenossen als Kirch
genossen 3), Kirchspielsleute etc. und den gemeinschaftlichen
Gemeindeflurprozessionen, an welchen sämtliche Gemeinde
genossen bei Strafvermeiden teilnehmen mussten 4), insbe
sondere aber der Umstand, dass der aus der Kirche Aus

1) Gierke I, 591. 624; v. Maurer, Dorfverfassung I, 110. 367;


derselbe, Markenverfassung S. 194 ff; derselbe, Einleitung S. 167;
vgl. auch österr. Weist. V, 145 fi‘. „Marlinger pfarr dorfbuech“.
2) Vgl. Grimm VII, 302 unter Kirchspiel.
3) Grimm IV, 354 (Kirchspielsmann II, 619; III, 108); Gmür,
Rechtsquellen von St. Gallen I, 1, S. 225 2“. Vgl. auch Grimm I, 165:
„alle die, die in die kilchen ze Meggen hoerent“ (III, 65136); „kirch
tueni g‘)“, Grimm
österr. Weistümer I, 177 3‘. von St. Peter): „Item ufs iedem
I, 353“ (Dingrodel

hus sol ein erber bot gan, wan man mit dem crütz gat, den ein lut
Priester für gut nimpt; welhe von Ror das nit tunt, befsert ein mensch
ein schilling pfening“; Grimm I, 417, Abs. IX; österr. Weistümer
H, 15 19; V, 147 32; VII, 663 15.
12 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

geschlossene, der Gebannte, auch von der Gemeinde ausge


schlossen wurde 1).
Bei diesem religiösen Charakter der Gemeinde lässt sich
auch ihr Verhältnis zur Kirchenzucht, zum Kirchenvermögen,
den Kirchenbeamten, insbesondere aber dem Pfarrer wohl er
klären.
1. Als religiöse Genossenschaft hatte die Gemeinde
in erster Linie dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder ein sitten
reines Leben führen, ihren kirchlichen Pflichten nachkommen,
also die Sonn- und Feiertage heiligen, an diesen Tagen den
Gottesdienst besuchen, an den gemeinsamen Flurprozessionen
teilnehmen u. s. w.
Wie wir aus den Weistümern ersehen können, kommt
die Gemeinde dieser Pflicht in weitgehendem Masse nach.
Sie regelt das Tanzen 2) und Kartenspielen 3), bestraft

1) Grimm IV, 472 12 (Otfnung von Muttenz. 1464): „Wer ouch von
geistlichen gerichten sich bannen liesz vnd im bann were so lang, das
die kirch verslagen wirt vnd man one singen sin must, den sol der vogt
heiszen schweren vsz dem kilchspil, vntz daz die kirch entslagen wird.“
Grimm V, 214 12 (Ueberlingen): „Item, wer och in den bann kumpt, das
die kierch verschlagen wiert, so sol dieselb person usz den grichten
gon, und ist die pen 1 E ü.“ Vgl. auch Grimm II, 768, Abs. III
letzter Satz; IV, 38121, sowie I, 352 3°: diejenigen, welche trotz drei
maliger Aufforderung an den Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst nicht
besuchen, sind vom Vogte „aufs den gerichten“ zu verweisen (Text auf
S. 13 bei Note 7). Siehe auch Eichmann, Der Recursus ab abusu
S. 17 u. 71.
2) Grim m I, 200, Abs. IV (Offnung zu Burgau 1469): „Item ain Vogt
her mag wol laufsen verbieten schweren ouch tantzen, spilen, karten, zu
zitten so man besorgen müst vnlust, schaden oder vnfründtschafft . . .“;
vgl. auch Grimm I, 353 ‘4: der Leutpriester hat das Recht, das Tanzen
zu verbieten; die Zuwiderhandelnden werden von der Gemeinde mit je
3 Schillingen bestraft; III, 370 1: während der Adventszeit ist das Tanzen
verboten; V, 1373: die Herrschaft hat das Tanzen, Kegeln und unziem- ‘
liehe Kleidung bei Strafe zu verbieten; V, 152 3‘; V, 154 4°; österr. Weis
tümer II, 261 1; III, 228. 369“; V, 242“. 272 1 u. a. a. O.
3) Grimm I, 200, Abs. IV; I, 223, Abs. VIII; V, 129 ‘s. 178 2°;
V, 349 1s. 356 2°; österr. Weistümer I, 329 16; II, 106 35 u. a. a. O.
Die Gemeinde als Pfarrei. 13

die Völlerei 1), Zank und Hader 2), die Vergehen der Gemeinde
genossen in geschlechtlicher Hinsicht 1"), die Gotteslästerung4)
u. dgl.; sie trifft Bestimmungen bezüglich der Sonntagsruhe 5),
des Verhaltens auf dem Kirchweg 6), des Besuchs des Gottes
dienstes 7) und der übrigen kirchlichen Veranstaltungen, ins
besondere der Prozessionen und Wallfahrten”).
In einigen österreichischen Weistümern finden wir die
Gemeinde zwecks Ueberwachung der sittlichen und religiösen
Lebensführung der Dorfeinwohner sogar in Bezirke eingeteilt,
an deren Spitze je eine von der Gemeinde ernannte Vertrauens
person steht, der neben dem Pfarrer unter Strafandrohung
der Gemeinde gegenüber die Pflicht obliegt, ihr bekannt ge
1) Grimm V, 64627 (Bürgerliche Ordnung des Dorfs Hochsteden):
„Item des ubermeszigen zutrinken soll sich ein ieder bei pen eins gulden
unableszlich zu bezalen abhalten“; III, 27437; V, 349 1'; VI, 34771;
österr. Weistümer I, 327 31’.
1) Grimm I, 782, Abs. II (Weistum von Wartenberg oder Enken
bach 1560): „f0rder so weisen wir, wo sich zwen mit scheltworten vber
Lifen vnd ie einer den andern in sein ehre verletzt, soll er vnserm gn.
errn x. ß hlr verfallen sein“ u. a. a. O.
3) Grimm I, 504; III, 1463; IV, 380 1°. 56315; österr. Weistümer
I, 12531; II, 45‘1 u. a. a. O.
‘) Grimm I, 782; III, 27215; IV, 56315; V, 349 1°. 57113; österr.
Weistümer I, 105 1’. 32731.
5) Grimm I, 3523‘ (Dingrodel von St. Peter): „Item wer an einem
gebannen virtag werket, der befsert das dem gotshus mit einem bann
schatz, das ist III schilling pfenig“; I, 352 ‘° fi‘. 489. 507; IV, 472 11. 510 35;
V, 270 1"; österr. Weistümer II, 15 fll; III, 362 27; VII, 6636 u. a. a. O.
6) Grimm 1,353“ (Dingrodel von St. Peter): „Item wo zwei ein
ander uf dem kilchweg beschelten, die sind schuldig eim lütpriester zu
befsern, als innen die uudertanen erkennend“; I, 504; IV, 380 13.
7) Grimm I, 352 3° (Dingrodel von St. Peter): „Item wo zwei men
scheu bi einander sitzend und nit zu kilchen gangen sind nach ordnunge
der heiligen kilchen, denen sol man dristund nacheinander gebieten
den kilchgang zu tund, und so dick das nit gehalten wird sol man
innen die befserung abnemen, und sol innen der vogt darnach aufz den
gerichten bieten . . .11; I, 489; I, 61 16. 10437. 194 21; österr. Weistümer
II, 43; III, 6 u. a. a. O.
11) Grimml, 353 ‘2. 417; österr. Weist. II, 151°; V, 147 31'; VII, 663 11.
14 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

wordene sittliche und kirchliche Uebertretungen zur An


zeige zu bringen, damit die Schuldigen bestraft werden
können 1).
2. Die Erfüllung der den Genossen obliegenden kirch
lichen Pflichten setzt anderseits aber auch die Möglichkeit
voraus, dies tun zu können, d. h. einen Ort, wo der Gemeinde
gottesdienst abgehalten werden kann, die hierzu notwendigen
Paramenten und Gerätschaften sowie einen tauglichen und
tugendhaften Priester.
a) Demgemäss sorgt die Gemeinde dafür, dass das vor
handene Kirchenvermögen, aus welchem die kirchlichen Be
dürfnisse der Gemeinde zu bestreiten sind, unversehrt erhalten
bleibt, ohne sich aber an demselben Eigentumsrechte anzu
massen.

1) Oesterr. Weistümer V, 147 6 (Marlinger pfarr dorfbuech): „. . . und


darumb sollen in ieder terzen zwen oder drei aufseher und phenter jär
lichen in den echaften tadingen gesetzt werden; die sollen bei hand
gelobten trewen an aidstat dem richter anloben, ir aufsehen zu haben,
und niemants zu verschenen, sonder wer also in arbait (an feiertagen)
betretten würdet, der soll gephennt werden“ etc.; ferner V, 147, Z. 35:
„Es soll auch, so oft man im jar mit dem kreuz geet, es sei verr oder
nahent, aus iedem haus und von iedem guet ain verstendige . . . mans
person mit geen. Darumb soll ain pfarrer in ieder terzen ainen aid
schwörer haben, die sollen bei iren trewen an aidstat aufsehen, wer in
sellichem seumig sei“; vgl. auch V, 599 4‘ (Lienz): „Item und alle die, die
an der unee sitzen, sull ein ieder viertailmeister in seinem viertail ge
denken; was er derselben leut in seinem viertail hat, die sull er dem
pharrer offen, das solichs gewentet werde“. Siehe auch Grimm IV, 442 3
(St. Ursanne): Hier sind sämtliche Pfarrangehörigen bei ihrem Eide ver
pflichtet, dem Pfarrer all diejenigen Gemeindegenossen anzuzeigen, von
denen sie wüssten „que soient de mauvaise vie, contrevenant aux com
mandemens de nostre mere sainte eglise soit tant de non observer les
festes que sont de commandement, ou qui feraient contre le‘ sacrement
de mariage . . .“. Vgl. dazu Siegel, Das pflichtmässige Rügen auf den
Jahrdingen, Sitzungsberichte der Wiener Akademie OXXV 1891 Nr. 9,
und über badische Rügegerichte am Ende des XVIII. Jahrhunderts z. B.
Gothein, Joh. Georg Schlosser als badischer Beamter, Bad. Neujahrs
blätter, Heidelberg 1899, S. 10.
Die Gemeinde als Pfarrei. 15

Sie verlangt, dass es nur mit ihrem Wissen veräussert


oder verpfändet werden dürfe 1), lässt sich ferner über den
Stand desselben alljährlich Rechenschaft geben 2) und wählt,
um sicher zu sein, dass ihre Rechte auch gewahrt werden, selbst
dessen Verwalter 3).
b) Sich wohl bewusst, von welch grosser Bedeutung ein
tüchtiger Priester, der mit gutem Beispiel seinen Pfarrange
hörigen vorangeht und seine Seelsorgerpflichten getreu und
sorgfältig erfüllt, für den sittlichen und religiösen Zustand eines
Dorfes ist, war die Gemeinde bestrebt, bei der Neubesetzung
der Pfarrei ihren Einfluss nach jener Richtung hin geltend
zu machen und zu verhindern, dass ein unwürdiger‘ Geistlicher
Pfarrer wurde.
Aus diesem Grunde beanspruchte sie vielfach da, wo ihr
das Patronatrecht nicht zustand, ein bald mehr bald minder
weitgehendes Mitwirkungsrecht bei der Neubesetzung der
Pfarrei, ja sie ging in ihrer Fürsorge selbst manchmal so
weit , dass sie sich von dem neuen Pfarrer bei dessen Ein
führung die getreue Erfüllung seiner Amtspflichten eidlich
angeloben liess 4). ‘
Auch die Amtsführung des Pfarrers sowohl wie die der
übrigen Geistlichen unterzieht sie ihrer Beaufsichtigung.
Nicht selten kommt es vor, dass sie einen untauglichen

1) Oesterr. Weistümer IV, 235 5 (Weistum von Latsch): „we1len auch


verrer, dass unser wiedumsbehausung und güter durch einichen pfarrer,
wer der sein möcht, [nicht] verändert, versetzt oder verkauft und ohne
ihr fürstlich gnaden, auch unserer vorwissen nichts davon alienirt, son
dern alles mit rath und guetachtung derselben gehandelt, darzue ihme
auch hülf und beistand erwiesen wird, werde“; vgl. auch Grimm II, 770;
VI, 271 22; Hardt, Luxemburger Weistümer 215 ‘s ff. (Kirchenweistum
von Enscheringen).
2) Siehe unten S. 77.
3) Siehe unten S. 77.
4) Vgl. das Nähere hierüber S. 68 f.
16 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Pfarrer einfach fortschickt") oder den Pfarrer nötigt, unfähige


Hilfspriester durch andere zu ersetzen“),
In anderen Fällen sucht sie den nachlässigen Pfarrer
dadurch zur pflichteifrigeren Verwaltung der Seelsorge an
zuhalten, dass sie ihm die Entziehung seiner Einkünfte an
droht).
Damit die Seelsorge der Gemeinde keine Not leide, ver
langt sie vom Pfarrer, dass er für eine hinreichende Anzahl
Hilfspriester sorge“), nicht allzuviel Messen für auswärtige
Personen lese“), sowie, dass er zu jeder Zeit im Pfarrhaus
zu finden sei"), nicht ohne Wissen oder Willen der Gemeinde
fortgehe und gegebenenfalls einen tüchtigenStellvertreter hinter
lasse").
Ferner tritt die Gemeinde dafür ein, dass die alther
gebrachte Gottesdienstordnung nicht geändert werde“), be

) Grimm II, 789 (Weistum des Kapitels zu Achen 1553): „Capitel


zu Aich setzt einen pfarrer zu Conzen, der die pfarre gut bedient und
mit dem die gemeinde wol zufrieden ist, und ist die gemeinde
nicht zufrieden, so schickt sie den pfarrer wie der gen
Aich“; VI, 283*; vgl. auch hierzu II, 770/771.
*) Oesterr. Weistümer V,3079 (der gemainschaft ze Kaltar statut
und recht): „Item, ab daz wär, daz ain pharrer ain gesellen hielt, der
den nachpawern nicht geviel, daz sullen sie auch an ainen pharrer prin
gen, der soll im urlayb geben und in nicht wider die nachpawern halten“;
vgl. auch V, 251 %. 307.
*) Grimm IV, 148(Weistum zu Longenheim 1404): „Item es ist zu
wissende, tet ein kilcher oder ein lupriester mit sinen gesellen nut
gnug den erberen luten in dem dorff, so mag man ynen verbieten
alle ir reht die si hant in dem dorffe zu Lagelhein vnd in dem banne“;
vgl. auch Grimm II, 771; IV, 3554u.5 und österr. Weistümer VIII,
S. 453“; vgl. hierzu auch Grimm V, 550.
*) Grimm II,770, Abs.V; IV,30, Abs.2. 145; österr.Weistümer
V, 251. 306; VII, 3567; VIII, 453“; Hardt S. 132.
*) Oesterr. Weistümer V, 307*. 317 7.
u. 7) Vgl. S. 80.
*) Oesterr. Weistümer V, 3077(Kaltern): Item ain itlicher pharrer
sol die mess halten und haben lassen, als sie von alter gestieft und her
kommen sind“; 180.
Die Gemeinde als Pfarrei. 17

stimmt, an welchem Tage, an welchem Altar oder in welcher


Kapelle die Messe zu lesen ist, an welchem Tage gepredigt oder
ein Amt gesungen werden muss"), setzt die dem Pfarrer für
seine Amtsleistungen zu gewährenden Gebühren fest“), verbietet
deren einseitige Steigerung“), verhilft aber auch anderseits dem
Pfarrer zu deren Bezahlung“) und sorgt dafür, dass er stets
einen auskömmlichen Unterhalt besitzt").
Diese weitgehende Fürsorge der Gemeinde für ihre kirch
lichen Angelegenheiten lässt sich jedoch aus ihrem religiös
genossenschaftlichen Charakter nicht völlig erklären; um sie
ganz verstehen und würdigen zu können, muss man vielmehr
die allgemein kirchlichen Verhältnisse jener Zeit in Betracht
ziehen.
Die Leiter der Kirche, die Bischöfe sowohl wie die Dom
herren, gehörten nicht nur beinahe ausnahmslos dem hohen und
höchsten Adel des Landes an, sondern sie betrugen sich auch
tatsächlich mehr wie weltliche als geistliche Fürsten und be
fanden sich den grössten Teil des Jahres auf Heerzügen und
in weltliche Händel verquickt, so dass sie keine Zeit hatten,
sich viel um die kirchlichen Angelegenheiten ihrer Diözese
zu kümmern und diesen daher ihren freien Lauf liessen.
Wie ihre Vorgesetzten waren auch die Pfarrer mehr
darauf bedacht, durch Erwerb von fetten Pfründen ein ange
nehmes Leben führen zu können, als den damit verbundenen
Pflichten nachzukommen. Häufig sind daher die Fälle, wo
) Vgl. S.78 f.
*) Grimm II, 262ff.; IV, 380% u. a. a. O.; vgl. auch bei Hardt
die Sendweistümer von Betzdorf (S. 116), Brandenburg (S. 136), Jtzig
(S. 370) und Mettendorf (S. 532), sowie das Kirchenweistum von Ensche
ringen (S. 214).
*) Oesterr.Weistümer V,242'';VIII,459".763%;vgl. auch Grimm
IV, 379 1.
*) Grimm IV, 381*; österr. Weistümer V, 242".
*) Grimm III,815(W. zu Dünchenheim 1521): „Deß soll die ehrw.
fr. dem priester gnuegsam geben, dass er sich hie erhalten könne vnd mit
darf achter die weg zugehn ...“; V,558'“ (VI, 270“).
Künstle, Deutsche Pfarrei. 2
18 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

ein und dieselbe Person zugleich Inhaber mehrerer Pfarr


pfründen ist 1), aber nur eine Pfarrei selbst besorgt, während
sie sich in den anderen durch einfache Geistliche, deren es da
mals eine überaus grosse Anzahl gab, gegen Bezahlung eines
kärglichen Lohnes vertreten liess, die es nun ihrerseits mit
der Erfüllung ihrer Pflichten ebenfalls nicht sehr genau nahmen
und darauf ausgingen‘, sich durch Erhöhung der Stolgebühren
und Veräusserung der Pfarrgüter ein besseres Auskommen zu
verschaffen 2).
Hierzu kommt das für die Kirche so unheilvolle Institut
der Inkorporation 1"), dessen sich die Klöster und Stifter, ins
besondere im XI. und XII. Jahrhundert, bedienten, um ihren
zerrütteten Finanzen aufzuhelfen, indem sie sich Pfarreien ein
verleiben liessen, um deren Vermögen an sich zu ziehen, den
Gottesdienst und die Seelsorge aber entweder durch einen Mönch
vom Kloster aus oder durch einen Weltgeistlichen - Leut
priester, Pleban — gegen ein meistens nur sehr geringes Ent
gelt versehen zu lassen 4).
All diese Umstände hatten nicht nur sehr grosse Nachteile
für die Ausübung der Seelsorge im Gefolge, sondern sie führten
auch vielfach, insbesondere wenn die Pfarrei inkorporiert war,
zur Zerstörung der materiellen Grundlage der betreffenden
Pfarreien.
Unter diesen traurigen Zuständen hatte am meisten die
Landbevölkerung zu leiden.
Sie war zu vielen und grossen Abgaben gegenüber dem

1) Stutz, Das Münster zu Freiburg etc. S. 11 sowie in der Real


enzyklopädie für protest. Theologie und Kirche Bd. XV unter „Patro
nat“ und „Pfarre und Pfarrer“ S. 18 u. 244.
2) Mich a e l, Geschichte des deutschen Volkes II, 4ff. 43 ff;
Kraus, Kirchengeschichte S. 466.
3) Hinschiu s, Zur Geschichte der Inkorporation und des Patronat
rechts S. 15.
4) Stutz, Das Münster zu Freiburg S. 17 und unter „Pfarre und
Pfarrer“ a, a. O. Bd. XV, 244/245.
Die Gemeinde als Pfarrei. 19

Pfarrer verpflichtet, erhielt aber hierfür vielfach gar keine


oder doch nur eine sehr mangelhafte Seelsorge.
Was Wunder, wenn sich die Gemeinden schliesslich auf
rafften, die Verwaltung des Kirchenvermögens selbst in die
Hand nahmen, die Veräusserung desselben an ihre Zustim
mung knüpften, die Aufsicht über die Amtsführung der Geist
lichen selbst ausübten und getreue und sorgfältige Erfüllung
ihrer Pflichten verlangten!
Ueberblicken wir nunmehr kurz das in vorstehenden Zeilen
zum Ausdruck gekommene Verhältnis der Gemeinde des Mittel
alters zur Kirchenzucht, zum Kirchenvermögen und zum Pfarrer,
so ergibt sich zweifellos die Tatsache, dass die Pfarrgemeinde
der Weistümer in kirchlichen Dingen eine ganz andere Stellung
einnahm als die von heute.
Man wird freilich aus alledem nicht schliessen dürfen, dass
die mittelalterliche Gemeinde grundsätzlich viel selbständiger
gestellt war als die heutige, die übrigens nach partikularem
Recht, namentlich auf dem Gebiete der kirchlichen Vermögens
verwaltung, auch mehr Einfluss besitzt, als ihr nach gemeinem
katholischen Kirchenrecht zukäme.
Vielmehr waren es, wie wir gesehen haben, lediglich die
kirchlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, die sie
tatsächlich mehr hervortreten und in grösserem Umfange
tätig sein liessen als heutzutage.
Ein selbständiges Bestimmungsrecht stand auch ihr weder
bezüglich der Kirchenzucht, noch des Kirchenvermögens, noch
bezüglich der Amtspflichten des Pfarrers zu, vielmehr be
schränkten sich ihre Rechte lediglich auf die Darlegung, Ein
Schärfung und Ueberwac‚hung der den einzelnen Mitgliedern der
Gemeinde sowie dem Seelsorgegeistlichen kraft seines Amtes
obliegenden Pflichten.
II. Abschnitt.

Der Pfarrer.

Erstes Kapitel.
Der Pfarrer in kirchlicher Beziehung.

Das Institut des Pfarramtes hat sich in der christlichen


Kirche schon verhältnismässig früh entwickelt 1).
Es ist nicht, wie von Einigen nachzuweisen versucht wurde 2),
aus deutsch-heidnischen Verhältnissen hervorgegangen, war viel
mehr, als das Christentum in Deutschland Eingang fand, schon
geraume Zeit vorher in den südlichen Ländern, insbesondere
in Süd-Gallien bekannt und daselbst auf dem Lande allgemein
verbreitet 3).
Dem rein kirchlichen Ursprung des Pfarramtes entsprechend
war und ist auch die Stellung des Pfarrers in allen christlichen
Ländern im wesentlichen die gleiche.

1) Zur Geschichte des Pfarramtes vergleiche:


Planck, Geschichte d. christl.-kirch]. Gesellschaftsverfassung I, 546;
H a uck, Kirchengeschichte Deutschlands I, 222 ü‘. ; II, 714; Hin s chiu s,
Kirchenrecht II, 262 fll; Lo ening, Geschichte des deutschen Kirchen
rechts I, 163; II, 276; Stutz, Benefizialwesen I ää 4. 5. 14; derselbe,
Kirchenrecht in v. Holtzendorff-Kohlers Enzyklopädie der Rechtswissen
schaft II, ä 19, 1 S. 832; derselbe, „Pfarre und Pfarrer“ in der Real
enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche XV, 240 ü‘.
2) Hatch-Harnack, Grundlegung der Kirchenverfassung S. 45 fil;
vgl. hierzu auch Stutz, Benefizialwesen S. 68, Note 16.
3) Imbart de la Tour, Les paroisses rurales du 49 au 116 siecle.
Paris 1900, S. 3 ff; vgl. hierzu Stutz in den Gött. Gel. Anz. 1904
Nr. 1 S. 20 ff.
Kirchliche Stellung des Pfarrers. 21

Diese beruht ausschliesslich auf dem Verhältnis zum Bischof.


Innerhalb einer Diözese vereinigt der Bischof in seiner
Person die gesamte Kirchengewalt _in ihrer dreifachen Ab
stufung.
Vermöge dieses Umstandes ist er allein zur Ausübung
der Seelsorge befugt. Andere Personen können daher nur in
seinem Namen, als seine Beauftragte und Stellvertreter seel
sorgerische Funktionen vornehmen.
Ein solch allgemeiner Stellvertreter des Bischofs in der
Ausübung der Seelsorge über die Bewohner eines bestimmten
örtlichen Bezirks ist der mit dem Namen pastor, parochus,
Pfarrer bezeichnete Geistliche. ,
Als Stellvertreter des Bischofs ist der Pfarrer in dem ihm
zugewiesenen Sprengel allein und ausschliesslich zur Vornahme
seelsorgerischer Funktionen berechtigt 1) und hierzu dem Bischof
gegenüber verpflichtet. Dieses ausschliessliche Recht 2) auf Aus

1) Ein Prinzip, welches seit dem XIII. Jahrhundert sehr häufig zu


Gunsten des Ordensklerus durchbrochen wurde. Vgl. Paulus, Welt
und Ordensklerus beim Ausgang des XIII. Jahrhunderts im Kampfe
um die Pfarrrechte S. Sff.
2) Eine Folge dieses ausschliesslichen Rechts des Pfarrers ist der
sogenannte „Pfarrzwang“, das heisst die Pflicht der Parochianen, sich
geistliche Handlungen nur von ihrem Pfarrer spenden zu lassen. Prak
tische Bedeutung hat der „Pfarrzwang“ erst durch das germanische
Eigenkirchenrecht erlangt, das für die meisten Amtshandlungen des Pfar
rers die Gebührenpflicht eingeführt hat, und zwar dadurch, dass der
Eigenkirchenherr, an den die Gebühren ursprünglich zu entrichten waren,
durch den Bischof auf Grund des diesem zustehenden Bannrechts (bannus
episcopalis = iurisdictio) den Grundholden und den übrigen Pfarreieinge
sessenen verbieten liess‚ ihre kirchliche Bedürfnisse anderswo als bei der
grundherrlichen Pfarrkirche zu befriedigen. Die Uebertretung dieses
Verbotes war nicht nur mit Bannbussen, sondern häufig sogar mit der
Exkommunikation bedroht; vgl. Stutz, Die Eigenkirche S. 27 ff., sowie
den Artikel „Pfarrei“ a. a. O. S. 242/249.
Heute ist der Pfarrzwang noch aufrecht erhalten bezüglich der
Taufe, der österlichen Kommunion, des Aufgebots, der Trauung, der
Wegzehrung, der Oelung und des Begräbnisses (Stutz, Kirchenrecht ä 80,
22 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

übung der Seelsorge innerhalb eines bestimmten abgegrenzten


Territoriums bildet die Grundlage des Pfarramtes und dasjenige
Merkmal, durch welches sich dessen Inhaber kirchenrechtlich
‘ von allen anderen Geistlichen unterscheidet.
Hierzu ist im Laufe der Zeit, insbesondere unter dem
Einfluss des germanischen Eigenkirchenrechts, eine Reihe
anderer Momente getreten, die, wie z. B. die Anstellung auf
eine Pfründe 1) und die dadurch bedingte tatsächliche Unab
setzbarkeit des Pfarrers, nach aussen hin sogar als die wesent
lichen und unterscheidenden Merkmale des Pfarrgeistlichen er
scheinen, tatsächlich aber nichts anderes sind als historische
Anhängsel des Pfarramtes und daher auch fehlen können, ohne
dass hierdurch der betreffende Geistliche seines pfarrlichen Cha
rakters entkleidet würde 2).

S. 932), hat aber nur formale Bedeutung, da die Uebertretung desselben


keinerlei Strafe nach sich zieht.
Eine Ausnahme besteht nur unter gewissen Voraussetzungen be
züglich der Ehesohliessung, insofern die ohne Erlaubnis des zuständigen
Pfarrers vor einem fremden Priester geschlossene Ehe ungültig ist.
1) Stutz, „Patronat“ und „Pfarre, Pfarrer“ a. a. O. S. 16 u. 244;
derselbe, Die Eigenkirche S. 29 ff.
2) Das moderne Kirchenrecht versagt zwar den Seelsorgegeistlichen,
die nicht auf eine feste Pfründe angestellt und daher beliebig absetz
bar sind, wie zum Beispiel den Desservants, den Pfarrkuraten etc.‚
den Namen Pfarrer (vgl. Stutz im Artikel „Pfarre“ S. 249/250). Dies
hindert aber nicht, dass sie trotzdem die Pfarrer des betreffenden Be
zirks sind, d. h. die Vertreter des Bischofs mit dem Recht auf alleinige
Ausübung der Seelsorge während ihrer Amtszeit.
Einige Kirchenrechtslehrer, wie zum Beispiel Fri e db erg in seinem
Lehrbuch des Kirchenrechts, rechnen zu den wesentlichen Merkmalen des
Pfarrers dessen Unabsetzbarkeit. Meines Erachtens ist die Aufnahme
dieses Momentes in den Begriff des Pfarrers nicht angängig, weil
mit der Stellung desselben zum Bischof unverträglich.
Der Pfarrer ist nur der Stellvertreter des Bischofs in der Ausübung
der Seelsorge innerhalb eines bestimmt abgegrenzten Teils des Bistums.
Als Stellvertreter und Beauftragter des Bischofs besteht sein Recht nur
so lange, als der ihm erteilte Auftrag fortdauert. Kirchenrechtlich steht
aber nichts im Wege, dass dieser Auftrag beliebig widerrufen werden
Kirchliche Stellung des Pfarrers. 23

Wenden wir nunmehr unseren Blick auf den Geistlichen,


welcher uns in den Weistümern unter dem Namen „Pfarrer“
entgegentritt, so machen wir die Wahrnehmung, dass auch hier,
im Einklang mit dem kirchlichen Recht, ausnahmslos nur der
jenige Geistliche als Pfarrer 1) bezeichnet ist, welcher ein selb
ständiges und ausschliessliches Recht auf Ausübung der ge
samten Seelsorge innerhalb einer bestimmten Pfarrei, d. h.
eines bestimmten, genau abgegrenzten örtlichen Bezirkes
besitzt.
Von ihm sind strenge unterschieden die Kapläne, Vikare,
Gesellpriester, Helfer, Leutpriester etc. Diese nehmen zwar
auch seelsorgerische Funktionen vor, jedoch nicht kraft eigenen
Rechts, sondern nur als Stellvertreter des Pfarrers.
Kirchenrechtlich besteht somit bezüglich der wesent
lichen Merkmale zwischen dem Pfarrer von heute und dem zur
Zeit der Weistümer kein Unterschied 2), hier wie dort ist er

kann. Da, wo der Pfarrer im Besitze einer Pfarrpfründe ist, ist der
Bischof, sofern nicht gewichtige Gründe gegen die Amtsführung des be
treffenden Geistlichen vorliegen, faktisch allerdings meistens ausser stande,
von seinem Absetzungsrecht Gebrauch zu machen, da er demselben
nicht auch die Pfründe beliebig entziehen kann und daher eventuell den
Nachfolger aus eigenen Mitteln unterhalten müsste.
1) Neben dem Namen Pfarrer (pferrer, Grimm IV, 623; pferner,
Grimm I, 528; III, 330; pherner, Grimm I, 507; II 215) begegnen
wir noch den Bezeichnungen: pfarrherr, pastor und kirchherr (s. unten
S. 26).
2) Das Trienter Konzil (1545-1563) hat zwar in dem Decretum
Tametsi (sessio XXIV. c. 1 de reformatione matrimonii) die Bestimmung
getroffen, dass in denjenigen Pfarreien, in denen dieses Dekret auf
bischöfliche Anordnung publiziert sein werde, eine vollgültige Ehe nur
dann zu stande komme, wenn der Ehekonsens von den Nupturienten „coram
parocho“ erklärt werde. Hierdurch wurde jedoch die kirchenrechtliche Stel
lung des Pfarrers in keiner Weise berührt. (Anderer Ansicht Stutz unter
„Pfarre“ a. a. O. S. 247.) Schon vor dem Tridentinum waren, wie wir oben
(S. 21, Note 2) gesehen haben, die Parochianen verpflichtet, die Ehe vor
ihrem Pfarrer abzuschliessen; schon damals war die Uebertretung dieses
Gebotes, wenn auch nicht mit Nichtigkeit, so doch mit kirchlicher Strafe
bedroht, Die Neuerung, welche durch das Decretum Tametsi bezüglich
24 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

derjenige Geistliche, der ein selbständiges und ausschliessliches


Recht auf Ausübung der Seelsorge innerhalb seines Amtsbezirkes
besitzt.
In tatsächlicher Beziehung sind dagegen wohl einige
Verschiedenheiten wahrzunehmen, unter denen hauptsächlich fol
gende zwei hervortreten.
1. Im Wesen der pfarrlichen Stellung liegt, dass der Pfarrer
als kirchlicher Beamter und Stellvertreter des Bischofs nur von
diesem seines Amtes enthoben werden kann.
Nachdem aber unter der Herrschaft des Eigenkirchen
rechts die Geistlichen an den grundherrlichen Kirchen zu herr
schaftlichen Beamten herabgesunken waren, übten die Eigen
kirchenherren trotz des heftigen Widerspruchs der Kirche nicht
nur das freie Besetzungsrecht an den in ihrem Eigentum stehen
den Pfarrkirchen aus, sondern sie nahmen, wenigstens in der
ersten Zeit, auch das Recht für sich in Anspruch, die von ihnen
bestellten Pfarrer nach freiem Belieben wieder abzusetzen 1).
Durch Papst Alexander III. wurden zwar all diese Rechte
der Grundherren formell beseitigt, tatsächlich erhielten sich
aber Ueberbleibsel des alten Eigenkirchenrechts noch geraume
Zeit 2).
So war auch noch zur Zeit der Weistümer in diesem Punkte
vielfach die Praxis anders als das geltende Kirchenrecht und
der diesem entsprechende heutige Rechtszustand.
Wir finden nämlich nicht nur Weistümer, die dem Grund

der Eheschliessung getroffen worden ist, besteht daher lediglich darin,


dass die den Parochianen obliegende Pflicht, den Ehekonsens vor ihrem
Pfarrer zu erklären, verschärft und deren Uebertretung mit einer höheren
Strafe belegt worden ist.
Vgl. hierzu auch Paulus, Welt- und Ordensklerus beim Ausgang
des XIII. Jahrhunderts im Kampfe um die Pfarrrechte S. 2.
1) Stutz, Die Eigenkirche S. 19. 29/30, sowie unter „Patronat“
a. a. O. S. 16; auch Kirchenrecht ä 18, S. 830; und „Das Münster zu
Freiburg“ S. 9.
2) Stutz, Die Eigenkirche S. 43 und unter „Patronat“ S. 171i;
sowie Kirchenrecht S. 867 ff. und Das habsburgische Urbar S. 229 ff.
Kirchliche Stellung des Pfarrers. 25

herrn als Patron der Pfarrkirche das Recht zusprechen, den


von ihm eingesetzten Pfarrer auch abzusetzen 1), sondern auch
solche, in denen sich die Pfarrgemeinde 2) selbst die Befugnis
beilegt, einem unfähigen oder missliebigen Pfarrer, falls ihrer
Beschwerde über diesen keine Folge gegeben werde, das Amt
zu entziehen.
2. Wie in der urchristlichen Zeit ist auch heute jeder
Pfarrer strenge zur persönlichen Ausübung der Seelsorge
verpflichtet, es sei denn, dass die Pfarrei inkorporiert, oder
dass er von dieser Pflicht durch den Bischof ausdrücklich ent
bunden ist.
Nach den Weistümern war der Pfarrer zur persönlichen
Ausübung der Seelsorge grundsätzlich nicht verpflichtet. Er
konnte sich vielmehr hierbei beliebig von einem anderen
Priester vertreten lassen; seine Pflicht beschränkte sich somit
lediglich auf die Sorge für eine geordnete Seelsorge 3).
Auf diesen Umstand sind denn auch die sehr häufig wieder
kehrenden Namen „Leutpriester“ und „Kirchherr“ zurückzu
führen.
a) Der Leutpriester nimmt tatsächlich die Stellung des
Pfarrers ein; er versieht die gesamte Seelsorge der Pfarrei
allein und selbständig. Aber trotzdem ist er nicht der Pfarrer.
Zu dieser Eigenschaft fehlt ihm vor allem, dass er kein eigenes,
selbständiges Recht auf die Ausübung der Seelsorge hat, sondern
dieses Recht von einer anderen Person ableitet 4). Diese andere

1) cf. unten S. 52, Note 2 u. 3 und S. 53, Note 1.


2) Siehe oben S. 16, Note 1 und unten S. 67, Note 3.
3) Oesterr. Weistümer V, 315 22 (Kaltern): „Item des ersten, ob ain
pharrer dieselbe pfarr zu Kaltar nicht selber Verwesen
möcht oder wolte, so sol er ainen erbern, fromen gelerten priester zu
einem vicarier setzen“; ferner V, 319 11; Grimm V, 179 1 (Bernard
zell 1393); II, 252 (Kell 1542) „vndt soll darumb angemaster pastor oder
zur zeit regente . . .“. Siehe auch unten S. 26, Note 9.
4) Vgl. hierzu die Wendungen „der kirchherr oder sein leutpriester“,
z. B. Grimm IV, 359 8. 376‘ und die Weistümer auf S. 27, Note 2.
26 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Person, ein Kloster'), ein Stift*) oder ein Geistlicher“), ist der
echte,wahre Pfarrer, der parochus verus“) und daher auch stets
im Besitze der Pfarrpfründe.
Der Leutpriester ist lediglich der Stellvertreter des wirk
lichen Pfarrers, der aber die mit dem Besitze der Pfarrpfründe
verbundenen Seelsorgerpflichten nichtpersönlich ausübt, sondern
durch einen Leutpriester gegen Ueberlassung eines Teiles des
Pfarreinkommens ausüben lässt").
b) Was nun den „Kirchherrn“ betrifft,so legt der Name
– Herr der Kirche – die Annahme nahe, dass er der Eigen
tümer der Kirche ist, d. h. der Grundherr, auf dessen Grund
und Boden die Kirche steht. -

Dies war wohl ursprünglich der Fall"), zur Zeit der Weis
tümer aber nicht mehr.
Die Pfarreien, wo weltliche Grundherren den Namen
„Kirchherr“ führen, sind höchst selten"); in den überwiegend
meisten Fällen treten uns als Kirchherren Klöster bezw.Stifter")
und Geistliche“) entgegen.

') z. B. Grimm IV, 30. 55. 91. 145. 355; V, 103; VI, 312.
*) Grimm VI, 654*. Siehe auch unten S. 61, Note 2 ff.
*) Siehe unten Note 9, sowie S. 27, Note 2 u. 3.
*) Grimm VI, 609,Abs. II. 654*; Loersch S.39; Gmür, Rechts
quellen von St. Gallen I, 1, S. 291.
*) Siehe auch Stutz, Das Münster zu Freiburg S. 10; „Pfarre und
Pfarrer“ a. a. O. S.244; sowie „Das habsburgische Urbar“ S. 234. Im
Rheinland wurde umgekehrt mit Pleban (Leutpriester kommt dort nicht
vor) der „offizielle Pfarrinhaber“ bezeichnet, der die Pfründe innehat,
aber die Seelsorge nicht selbst ausübt. Schäfer, Pfarrkirche und Stift
S. 53 ff. mit S. 186 ff.
%) Vgl. Stutz, Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens S. 144 ff.;
Die Eigenkirche S. 29; unter Kirchenrecht § 18, S.829; sowie unter
„Patronat“ a. a. O. S. 15 und ebenda unter „Pfarrer“ S. 244.
') Rochholz, Aargauer Weistümer 128“.
*) Grimm IV, 355%; VI, 312.
*) Grimm II, 262. 264; IV, 57. 105. 148. 237. 379; V, 1791.
374 18, 451 7. 481 15.
Kirchliche Stellung des Pfarrers. 27

Da, wo weltliche Herren den Namen „Kirchherr“ tragen,


bedeutet diese Benennung wohl nichts anderes als „Patron“.
Als Patron wird der Kirchherr auch in den wenigen Weis
tümern zu gelten haben, in denen neben ihm der Pfarrer er
wähnt ist 1).
Im allgemeinen ist aber der Name „Kirchherr“ nicht
gleichbedeutend mit Patron, sondern mit Pfarrer.
Für die Stellung dieses als Kirchherr bezeichneten Pfarrers
ist es nun sehr charakteristisch, dass neben ihm meistens der
Leutpriester erwähnt ist, der an seiner Statt die Seelsorge
ausübt 2).
Mit Rücksicht auf letztere Erscheinung wird man wohl
nicht fehl gehen, wenn man den Satz aufstellt, dass in den
Weistümern der Name „Kirchherr“, sofern er auf einen ein
zelnen Geistlichen angewandt ist, im allgemeinen die Be
zeichnung für diejenigen Pfarrer bildet, welche die Seelsorge
nicht in Person ausüben, sondern sich mit der Nutzung der
Pfründe und der rechtlichen Vertretung des Pfarramtes be
gnügen und die gottesdienstlichen Funktionen durch einen
von ihnen bestellten Vikar oder Leutpriester gegen ein mehr
oder weniger geringes Entgelt versehen liessen 3).

1) Grimm I, 394, Abs. IV (IV, 73).


2) Grim m IV, 359 8 (Küsznacht): „die ander buosz sol des kylherren
sin, der soll des tages schryber sin oder sin lypriester an sin stat“;
IV, 376 6; Zeitschrift für schweizerisches Recht II (1853), S. 46; vgl.
auch Grimm IV, 441 17 (Role de Roggenbourg 1505): „Item ils disent
d’une part que le eure ou le leutpriester doit demeurer a R“;
ferner IV, 57 (mit 55) 105. 145. 148. 237. 354 (Einleitung, 5 1 u. 6); V, 179 1;
R0 c h h o l z , Aargauer Weistümer 52 5; S c h a u b e r g, Zeitschr. für noch
ungedr. schweiz. Rechtsquelleu I, 137; II, 51, Art. 211.
3) Siehe auch S chäf er, Pfarrkirche und Stift 56 3 und Freiburger
Diözesanarchiv III (1868) S. 57 Note 2; V (1870) S. 17 Note 2 und 3;
VII (1873) S. 68 Note 1; sowie die S. 26 unter Note 6 angegebene
Literatur.
28 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Zweites Kapitel.
Die politische Stellung des Pfarrers.
I. Im Mittelalter überhaupt.

Entgegen dem heutigen Recht, welches, beherrscht von


dem Grundsatze der „Gleichheit vor dem Gesetze“, grundsätz
lich sämtlichen Staatsbürgern die gleichen Rechte gewährt und
die gleichen Pflichten auferlegt, waren während des ganzen
Mittelalters die Angehörigen des geistlichen Standes mit zahl
reichen und vielfach sehr weitgehenden politischen Sonder
rechten ausgestattet.
Die wichtigsten dieser Sonderrechte waren die privile
giaimmunitatis und fori, d. h. die Freiheit von öffent
lichen Abgaben und Lasten und die Befreiung von der welt
lichen Gerichtsbarkeit.
Seit Anerkennung des Christentums durch den Staat hatte
die Kirche diese Privilegien für ihre Diener beansprucht und
dem Staate gegenüber mit grosser Energie und wechselndem
Erfolg verfochten.
Seit dem X. Jahrhundert wurde die Anerkennung dieser
Sonderrechte, insbesondere unter dem Einfluss der pseudo
isidorischen Dekretalen, immer allgemeiner, bis Friedrich II.
dieselben im XIII. Jahrhundert sogar reichsgesetzlich be
stätigte 1).
In der Folgezeit, hauptsächlich aber seit dem XV. Jahr
hundert, verloren die genannten Privilegien immer mehr an
Bedeutung.
Nicht nur wurden die Güter der Geistlichen allgemein
zur Tragung der öffentlichen Steuern und Abgaben heran

1) Hins chius, Kirchenrecht V, S. 415; Stutz, Kirchenrecht ä 30,


S. 854; Friedberg, Kirchenrecht S. 281. 292. 522; Eichmann, Der
Recursus ab abusu S. 13. 15. 71; Zeitschr. für die Geschichte des Ober
rheins 1855, Bd. VI, S. 4.
Politische Stellung des Pfarrers. 29

gezogen, sondern es urteilte auch vielfach der weltliche Richter


über Geistliche, in Strafsachen sowohl wie in Zivilsachen 1).

II. Nach den Weistümern.

Die bevorrechtigte politische Stellung der Geistlichen und


damit auch des Pfarrers gegenüber der grossen Masse der
übrigen Bevölkerung tritt uns in den Weistümern verschie
dentlich entgegen.
Auch hier sind es die Privilegia immunitatis und fori,
welche besonders hervortreten.
1. Privilegium immunitatis.
Prinzipiell waren die Geistlichen von allen Abgaben
und Lasten sowohl gegenüber dem Staate wie dem Grund
herrn befreit und zwar nicht bloss bezüglich ihrer Pfründe
güter, sondern mit ihrem gesamten Grundbesitze.
Ausdrücklich zugesprochen ist ihnen dieses Privileg aller
dings nur hinsichtlich der ersteren 2); dass sich dasselbe aber
auch auf ihren Privatbesitz erstreckte, ergibt sich meines Er
achtens aus den Bestimmungen einer Reihe von Weistümern,
die alle den Zweck verfolgen, das Ansammeln von zins- und
bedepflichtigen Gütern in den Händen von Geistlichen zu ver
hindern.
Ich verweise zunächst auf das Weistum von Saarbrücken
aus dem Jahr 13213).

1) Hinschius V, S. 424; Eichmann, Der Recursus ab abusu


S. 76 fl‘. 111.
2) Grimm V, 565 5 (Lingenfeld 1515): „Item ein pfarrer weist man
auch frondinst und beet frei so weit, wan er bei den gutern, die der
pfarr zngehorig, verpleibt“, V, 566‘ (Schwegenheim); V, 591 32 (Schiffer
stadt): „bed- und steuwer“ frei; VI, 6132 (Kesselheim): „so11en
pflichtigh sein, ihre kurmud oder bestheupt zu geben, auszgenomen
geistliche und deutscheherren gueder, die allwegh . . . frei ge
halten werden; II, 222 (Widem, frei von allen Beden); IV, 478 15 (Pfaffen
häuser, geben nichts).
3) Grimm II, 7: „wir verbieden, so wer eynen son hait, das er
Z0 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Nach diesem darf der einzige Sohn eines zinspflichtigen


Bauern überhaupt nicht oder doch nur mit Erlaubnis des
Grundherrn in den geistlichen Stand eintreten, während einem
solchen Eintritt nichts entgegensteht, wenn noch ein anderer
Sohn vorhanden ist.
Ich kann mir diese Bestimmung nur damit erklären, dass
der Grundbesitz des betreffenden Bauern, wenn er an den geist
lichen Sohn gefallen wäre, abgabenfrei geworden wäre, und dass
der Grundherr dem durch jenes Verbot vorbeugen wollte).
Aufdenselben Gesichtspunkt sind wohl auch die weiteren
Bestimmungen zurückzuführen, nämlich
1. dass die Geistlichen überhaupt vom Erwerb von Bauern
gütern ausgeschlossen sind“);
2. dass da, wo sie solche Güter erwerben durften, aus
drücklich bestimmt ist, dass sie bezüglich des Neuerwerbs nicht
abgabenfrei sein sollen“). Ferner
den nit paffe mach ane vnsern willen; hait er me dan eynen sone, so
mag er eynen paffen machen; vellet den gut oder erbeschafft ane, das
vns ist oder wirt. dinste schuldig, das er das verdiene, also es sich hei
schet, wer darwidder dede, der verlure sin anefalle erbes und gudes“,
vgl. auch Grimm I, 318, Z. 27 und IV, 490'9.
) Vgl. auch den Schlusssatz von Grimm II, 7, Abs. II.
*) Grimm III,725, Abs. II (Offnungfür Auxmus): „Auch offentman
euch, wer seine paurecht an wil werden mit verkauffen, der soll dis mein
frauen von erst anpieten vor allermänniklich, oder iren richter an ire
stat, und darnach die nächsten erben; ob die nicht wollten, so soll er es
ainem dann geben, davon mein frau und ir gottshaus unbeswärt be
leib, und soll ez weder edeln noch geistlichen leuten geben“;
III, 736'; V, 265“ (Beyenheim 1455): „zum achten wird auch keinem
edelman oder geistlichen person hebige güter zu kaufen vergönnet und
zugelassen“; IV, 335“ (Grundherr soll hofrechtliche Güter weder an Klö
ster noch an Geistliche zu Lehen geben); IV, 6659(Verkauf von Gütern
an Geistliche verboten); V, 286“; VI, 41 *. 398*; österr. Weistümer
II, 7“ bezw. 8“ (Tegernsee in Tirol): „. . . darumb söllicher kauf,
der in beschähe, nit kraft haben möchte und grossen schaden prin
gen den grunthern an iren rechten“.
*) Grimm IV,550“ (Hainhausen 1500): „Item so edelleuth oder
pfaffen aigene gutter da hetten, weren vndt seindt frey; da sy aber
Privilegium immunitatis. 31

3. dass ausdrücklich auch die im Besitze von Geist


lichen befindlichen Hubgüter für abgabepflichtig erklärt sind").
Sowie
4. dass besonders hervorgehoben ist, dass Hubgüter auch
dann zinspflichtig bleiben, wenn Geistliche damit belehnt
werden") u. a. m.
Aus all diesen Weistümern geht doch ohne Zweifel her
vor, dass es keineswegs selbstverständlich war, dass auch geist
liche Personen, wenn sie Zinsgüter besassen, zinspflichtig waren,
da es ja in einem solchen Fall einer besonderen Betonung der
Zinspflicht nicht bedurft hätte ).
Aus den angeführten Weistümern ergibt sich aber auch,
dass man allseits bestrebt war, die absolute Abgabenfreiheit
der Geistlichen möglichst einzuschränken.
So waren denn in der Praxis trotz der grundsätzlichen
Freiheit der Geistlichen meistens nur die Widemgüter, also
die im Eigentum der Kirche stehenden Güter, von Abgaben
befreit“).
weitter an sich prechten, daruon sollen sy dienen vnnd ver
bee den als andere arme leuth“; V, 565. 566* (591*).
') Grimm I, 786 (Weistum des huphofs zu Dörkheim): „Item
wiset der huber und spricht zum rechten, wer da hübig gut hat in dem
vorg. huphof, er si pfaf, edelman oder lei, der ist schuldig in den
huphof zu antworten“.
*) Grimm V, 272" (Kleinlinden): „Item, wan unser gn. f. und
herr mit solchem zentguet belehnet, er sei edel oder unedel, pfaff oder
leie, behelt unser gn. h. diese vorgeschriebene gerechtigkeit . . .“; vgl.
auch bei Stutz, Das habsburgische Urbar S.234: „Ez dient ouch darin
(in einen Grundzins) der phafe von Sant Sthoergen 35/2 3 und 3 quart.
habern.
*) Vgl. auch Grimm III,599(Rechte von Meiningen 1450): „Item
es sal auch kein amptman, kein burgman, kein geislich ad er wernt
lich priester, ader sunst nyemandt, der der stadt nicht zu stewr
ader zu beth stet, keynen weyn schenken“; IV, 144 (Dinghof zu
Heilig-Kreutz 1500): „Item . . . und die priester sindt fry pfennige und
hünre“; I, 789; II, 154; III, 330; IV, 478.
*) Grimm II, 227 (Weistum zu Oberheimbach vor 1500): „Item
wyset man nyemans fryhe, iz sü ritter adir knecht, phaffe adir leyen,
32 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Wir finden aber auch schon Gemeinden, in denen selbst


die Pfarrgüter teils mit Gemeindeabgaben 1), teils mit Steuern,
insbesondere mit ausserordentlichen Steuern ?), belastet sind.

2. Privilegium fori.
Bezüglich der Behandlung des Pfarrers und der übrigen
Geistlichen in Straf- und Zivilsachen finden sich in den Weis
tümern, trotz der grossen Anzahl von Bestimmungen über die
Gerichtsbarkeit der verschiedenen Gerichte, nur sehr spärliche
Nachrichten.
1. Vor den Landgerichten 3) sehen wir einen Geistlichen
weder als Kläger noch Beklagten, geschweige denn als An
geklagten auftreten 4), obschon gerade diese Gerichte, als Ge
dan alleyn e lehen vnd wedeme an allenbeden“; III, 494 (Marxheim):
„Item wysennt sie, das alle die gute, die in Marxheimer termeny ligent,
die sollent die atzunge alle semptliche bezalen, . . . vfsgescheiden der
alde kirchinwyddeme“; III, 497; IV, 596 3. 6231“; V, 254 s. 475 1°. 566 ‘
(Schwegenheim): „Deszgleichen so weist man ein pfarer, wan er bei dem
widtumb bleibt wie er empfingt oder ergreift, frei . wan er aber weiter
beethafte guter kauft oder beseet, sol er davon fronen und beet geben
wie ein ander gemeinsman“; VI, 49 8. 62 15. 507 ‘. 613 2. 614°; Vgl. auch
I, 789 und III, 494 (Wicker), „wo die widemgüter nur dann bet
frei sind, wenn sie der Pfarrer selbst bebaut.
') Grimm II, 156 (Genzingen): „Item weifset das gericht vor ein
recht, niemandt hie frey, er sey pfafl‘ oder sey ritter oder knecht, sie sollen
kirchen, klaufsen, weg vndt steg, mühlen vnd backhaufs vndt gräben
helffen machen vndt befsern“; V, 254 s; Kaltenbaeck II, 191 21; österr.
Weistümer VIII, 699 ‘1 (Text S. 38, Note 3) ; Wasserschleben S. 238 6.
2) Grimm V, 565 6 (Lingenfeld 1515) (5: Der Pfarrer ist „frondienst
und beet frei“ bezüglich der Pfarrgüter): „Item wird aber ein brand
schaczung . . . in das dorf L. gelegt, so ist und sol alsdan weder edelman
noch pfarer . . .‚ keiner frei sein, sonder iglicher sampt und sonder gleich
reichen und geben nach erbarer leut erkantnus“.
3) Die Zahl der Weistümer, die sich mit der Gerichtsbarkeit der
Landgerichte beschäftigen, ist, wie aus Grimm VII, 267 ersichtlich,
keineswegs unbedeutend.
‘) Wohl besitzen wir Weistümer, aus denen hervorgeht, dass Geist
liche im Landgericht anwesend waren (cf. z. B. Grimm III, 438). Nach
dem Weistum von Oerbach aus dem Jahr 1480 (Grimm I, 626) war
Privilegium fori. 33

richte über Freie, das meiste Anrecht auf eine Gerichtsbarkeit


über sie gehabt hätten.
Dieser Mangel jeglicher Bestimmungen bildet wohl den
besten Beweis dafür, dass von den Landgerichten das von der
Kirche für ihre Priester beanspruchte privilegium fori ziemlich
allgemein beobachtet worden ist. Denn hätte sich ihre Gerichts
barkeit auch auf die Geistlichen erstreckt, so hätte dies, da sie
reichsgesetzlich ausgeschlossen war, ausdrücklich hervorgehoben
werden müssen 1).
2. Die wenigen Weistümer, welche Bestimmungen bezüg
lich der Gerichtsbarkeit weltlicher Gerichte über Geistliche
enthalten, sind ausnahmslos grundherrliche 2).
Die Zuständigkeit dieser Gerichte ist jedoch eine äusserst
beschränkte; sie war meistens nur dann gegeben, wenn es sich
um Zivilstreitigkeiten handelte und auch dann nur unter der
Voraussetzung, dass der Geistliche als Kläger an denselben
beteiligt war 3).
Aber auch in diesen Fällen war die Gerichtsbarkeit nicht
immer eine ausschliessliche in dem Sinne, dass die betreffenden
Kleriker unbedingt verpflichtet waren, vor dem grundherrlichen
Gerichte Klage zu erheben, vielmehr beruhte dieselbe vielfach
nur auf freiwilliger Unterwerfung seitens des Klägers 4).
Wir besitzen nur zwei Weistümer, nach denen Geistliche

sogar ein Pastor als Stellvertreter des Grafen zu Wied Vorsitzender


eines solchen Gerichtes.
1) Vgl. z. B. Sch aub erg, Zeitschr. f. noch ungedr. schweiz. Rechts
quellen II, 50, Art. 211 3.
2) Grimm VI, 711/712 5 (Vrogzedel des voptgedings zu Villen);
Rochholz, Aargauer Weistümer 128 (Dorfoffnung zu Oeschgen 1559);
Oesterr. Weistümer I, 321 2*’ (Statuta et ordinationes vallis Zillerstal) ;
VIII, 984 1°.
3) Grimm VI, 712 5; Rochholz 128; österr. Weistümer VIII, 984 1°
(Text siehe S. 34, Note 1). ‚
‘) Grimm VI, 712 5: „im f all oich einige geistlige personen alhie
vor gericht erschinen und rechts begern würden, sall inen uf ire ge
sinnen gedien und recht wederfarn.
Künstle, Deutsche Pfarrei. 3
34 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

bei dem weltlichen Gerichte klagen mussten 1), in dem einen


zudem nur dann, wenn es sich um Geldschulden handelte 2).
In all den erwähnten Fällen war aber die Zuständigkeit
des weltlichen Gerichts nur dann begründet, wenn der Priester
in einem Zivilstreite als Kläger beteiligt war, während für die
Strafsachen und die übrigen Streitigkeiten der Geistlichen die
kirchlichen Gerichte zuständig blieben.
Ueberhaupt scheint die Kirche in den Fällen, wo Priester
als Beklagte bezw. Angeklagte vor einem weltlichen Gericht
hätten auftreten müssen, das privilegium fori mit viel grösserer
Hartnäckigkeit und besserem Erfolg vertreten zu haben 3).
Wir finden nur ein einziges Weistum 4), wo ein weltliches
(grundherrliches) Gericht eine eigentliche Gerichtsbarkeit über

1) Oesterr. Weistümer VIII, 984 1° (Rechte zu Dürnstein vor 1355):


„Und ‘uns weder pharrer noch der techant noch munich noch niemants
nicht ferrer laden sol dann fur unsern richter, was si mit uns zu
schaffn haben“; Rochholz, Aargauer Weistümer S. 128.
2) Rochholz 128: der Pfarrer kann keinen Unterthanen vor sich
zitieren, wie der jetzige Pfarrer irrig gethan, sondern er hat wegen
Schulden die Pflichtigen vor Gericht zu belangen.
3) Siehe z. B. Grimm VI, 78 7.
‘) Oesterr. Weistümer I, 321 2’ ff. (Landrecht im Zillerthal): „und ob
ain briester ainem laien gelten solt, ain pfarrer oder sein gesell,
und daz er in nicht aufrichten wil, den mag man vor den widem
wol zu dem recht gebieten als ainem laien, ist er dem rechten gehor
sam, so geschicht hinz im was recht ist, und ob man in erweisen
mag, das sol umb geldsehuld geschehen zu gleicher weis
als hinz ainem laien, spricht er aber, er well sich umb die geldschuld
mit seinem aid bereden und daz im das recht also sagt, daz er den aid
also sweren sull, da sol er von seiner wirdikait vor der landschrann
nicht tuen und sol gen in die kirchen und legen zwen vinger
in das heilig cwangeli, denselben aid sol im sein pfarrer und seiner ge
sellen ainer geben, und wann er also geswert, so ist er umb die geld
schuld ledig und los; wör er aber dem rechten nicht gehorsam als lants
recht ist, wo in dann sein gelter anchumbt vor dem widem, da mag er
in wol gepfenten auf volle werung oder daz sein än kain sich under
winden an gericht und gerichtsbot, und sol des unengolten sein vor aller
mäniklich, wann wir laider verr haben zu dem official“.
Privilegium fori. 35

einen Geistlichen besass, d. h. über einen solchen urteilte, hier


aber sowohl in Straf- wie in Zivilsachen.
Aber auch die Gerichtsbarkeit dieses Gerichtes ist sehr
eng begrenzt.
Die Strafgerichtsbarkeit erstreckte sich nur auf den Fall,
dass ein Geistlicher Nachts mit einem Laien auf der Strasse
Streit anfing und diesen hiebei verletzte 1), und die Zivilgerichts
barkeit nur auf Geldschulden 2). Letzteren Falls war er überdies
noch dadurch privilegiert, dass er einen etwaigen Reinigungs
eid nicht vor der versammelten Gerichtsgemeinde zu schwören
brauchte, sondern in der Kirche ablegen durfte 3).

Drittes Kapitel.
Der Pfarrer als Angehöriger der wirtschaftlichen Gemeinde.
Die Gemeinde der Weistümer war, wie wir bereits oben 4)
ausgeführt haben, eine ausschliesslich wirtschaftliche Gemeinde,
deren Grundlage die Mark bildete 5). Mitglied der Gemeinde
war dementsprechend auch nur derjenige Dorfinsasse, welcher
Mitglied der Markgenossenschaft war, d. h. almendberechtigten
Grund und Boden innehatte und ausserdem dem persönlichen
Verband der Genossen, sei es durch Abstammung oder Auf
nahme, angehörte.
Das Gesagte gilt sowohl bezüglich der freien wie der
1) Oesterr. Weistümer I, 322° (Landrecht im Zillerthal): „und ob
dann ain priester in leithäuser gen wolt und des nachts auf der strass
muetwillen mit den laien, da sol man in beschaidenlich von weisen, be
swäret er aber daruber iemant mit red oder mit werchen, da sol in ain
richter umb pessern als ain andern laien nach landsrecht, und ob ain
briester als unordentlich hielt, umb schaden näm, um sach als vor ge
schrieben steet, die schäden sind nicht höher ze pessern nuer als umb
ain laien“.
2 ‘1‚3) cf. S. 34, Anmerkung 4.
‘)s.21r.
e) Gierke s. 162 a. 589 s.
36 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

grundherrlichen Gemeinden 1). Der Unterschied zwischen beiden


beruhte lediglich darin, dass bei den letzteren das Eigentum
an der Mark formell dem betreffenden Grundherrn 2) zustand,
während bei den freien Gemeinden, deren Zahl allerdings sehr
klein war, die Mark im Eigentum der Genossenschaft stand 2').
Eine Folge des grundherrlichen Obereigentums war aber,
dass nur diejenigen Personen Märker, mithin Mitglieder der
Gemeinde sein konnten, welche in der Mark hofrechtliche Güter
besassen, also dem hofrechtlichen Verbands angehörten, woraus
sich als weitere Folgerung ergab, dass in solchen Marken Freie
ohne Einbusse ihrer bisherigen Freiheit nie Märker werden
konnten 4).
Mit Rücksicht auf diesen Unterschied war auch die Stel
lung des Pfarrers zur Gemeinde verschieden, je nachdem diese
eine grundherrliche oder eine freie war.
1. In grundherrlichen Gemeinden konnte der
Pfarrer niemals Mitglied der Gemeinde — im formellen
Sinne —— sein.
Denn diese Mitgliedschaft hätte er sich nur erwerben
können, wenn er sich in den hofrechtlichen Verband hätte
aufnehmen lassen, was aber nur dadurch hätte geschehen
können, dass er entweder seine Widemgüter dem Grundherrn
übergab, um sie von diesem wieder als hofrechtliche Güter
zu empfangen, oder dass er ein bereits hofrechtliches Gut
erwarb.
Ersteres war jedoch schon aus dem Grunde unmöglich,
weil er nicht Eigentümer, sondern nur Nutzniesser jener Güter
war, und auch dies nur so lange, als er das Pfarramt innehatte,
so dass er über dieselben auf die Dauer nicht rechtsgültig ver
fügen konnte 5).

1) Gierke S. 588 fi‘.


2) Siehe Maurer, Markenverfassung S. 65 fl‘.
3) Maurer, Markenverfassung S. 63 E.
‘) Gierke S. 163. 594.
5) cf. z. B. Grimm VI, 271 22 (Text unten S. 63, Note 2).
Pfarrer und Wirtschaftsgemeinde. 37

Von dem Erwerb eines hofrechtlichen Gutes war er zwar


grundsätzlich nicht ausgeschlossen, wenngleich er hierin,
wie wir oben gesehen haben, öfters sehr beschränkt war 1).
Aber auch auf diese Weise konnte er nicht Gemeinde
mitglied, Markgenosse werden, da er als Geistlicher in
den Verband der Grundholden infolge der damit stets ver
bundenen Freiheitsbeeinträchtigung nicht eintreten konnte 2).
Erwarb er daher ein derartiges Grundstück, so erlosch ent
weder die an den Besitz desselben geknüpfte Gemeindemitglied
schaft, oder er musste, wie zum Beispiel aus dem Weistum
von Gildwiller 3) hervorgeht, einen Einwohner, der bereits
„Huber“ war, zu seinem Anwalt oder Vogt bestellen, der
nunmehr auch an seiner Stelle Huber, d. h‚ Gemeindemit
glied war. Hierdurch erhielt der Pfarrer tatsächlich die Rechte
eines Märkers, hatte aber andererseits auch die Pflichten und
Lasten eines solchen zu tragen4).
Immerhin finden wir in einer grossen Reihe von Weis
tümern grundherrlicher Gemeinden den Pfarrer nicht nur
im Besitze mannigfacher die der vollberechtigten Genossen

1) cf. oben S. 29 ff.


2) Vgl. Grimm VI, 7515.
3) Grimm IV, 56, Abs. IV (Dinghof zu Gildwiller l394—1625): „Item
es soll auch ein jeder, welcher dinckhoffguet vberkompt vnd jnhanden
hat, selbst hueber sein, auszgenommen p ri e s t e r, edelleuth, witwen vnd
waisen, die sollen ahnjhrer statt vogten oder anwalden haben,
welche zuuor hueber seyen.“ Eine ähnliche Vorschrift enthält Grimm
VI, 398 1‘ (Dreieicher Wildbann 1338): „Auch deilent sie, daz diese
egenante hube kein geistlich man keufin sal, ez were dan daz es
uf in irsturbe, oder vore in siner hant hette, e he geistlich wurde, der
sal sie behalden und sal einen mündeling seczin ubir sich, unde
nicht under sich“; vgl. auch Zeitschr. für schweizerisches Recht 1882.
Bd.XXIII, 347 (Das Entlibucher-Landrecht 1491, Art. 133).
4) Als stadtrechtliches Gegenstück begegnet in Konstanz und anders
wo der Satz, dass Nichtbürger freies Grundeigentum innerhalb der Mauern
nur durch Salleute aus der Mitte der Bürger erwerben, innehaben und
veräussern können. Vgl. Beye rle, Grundeigentumsverhältnisse und
Bürgerrecht im mittelalterlichen ‘Konstanz. Bd. I. Heidelberg 1900, S. 22 ff.
38 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

sogar vielfach bedeutend übersteigender Rechte, sondern auch


zur Tragung der Gemeindelasten verpflichtet1).
Diese Rechte beruhen jedoch, wie aus dem Wortlaut
zahlreicher Weistümer deutlich hervorgeht, lediglich auf Zu
geständnissen der betreffenden Gemeinden 2), während sich
andererseits die dem Pfarrer auferlegten Gemeindelasten als
nichts anderes denn als Gegenleistungen für jene Rechte dar
stellen 3).
Dass er in grundherrlichen Gemeinden nicht Gemeinde
genosse war, ergibt sich zudem auch aus dem Umstand, dass
er mit Ausnahme von einigen wenigen Gemeinden, die geist

1) Siehe im speziellen Teil unter „Rechte und Pflichten in wirt


schaftlicher Beziehung“ S. 80 ff.
2) Gmür, Rechtsquellen von St. Gallen I, 1, S. 46° (Einzugs
und Hofrechtsordnung von Rorschach 1535): „Doch sond sy ain pfarrer
lassen sytzen wie ain hofman und halten wie von alterhar, so
lang er pfarrer ist und nit lenger“; Wigand, Wetzlarsche Bei
träge III, 697 (Weistum des dorf Eschau im Spessart von 1494): „Un
sern Pastoren zu F betreffend, den erkennen Wir, dass er Macht hat, so
viel Schwein mit in unsern Märker Busch zu treiben, als er auf seinen Trog
erziehen thut, auch erkennen wir ihme so viel Brenn-Holtz zu, als er
durchs Jahr von nöthen hat . . .“; Grim m III, 413, Abs. I und 418 2‘. 569,
Abs. IV; vgl. auch Kaltenbaeck I, 487‘; österr. Weistümer III, 218 2°
(Weistum von Fliess): „Und wer dann pfarrer hie ist, der soll genzlichen
in unsern rechten und gemainschaft sein, als ein anderer
nachpauer“; VIII, 699" (den Text siehe Note 3); Hardt, Luxem
burger Weisthümer 373 ‘1 ff. 533 12; Schauberg 1,137; Grimm II, 572
(Weisthum zu Dalheim 1472); „Item ein iglicher mach so viel schwein
in den acker thun, alfs er in seinem haus ziehen mag, vnd auch der
kirc hh er . . .“; siehe auch den Anfang dieses W. S. 570, Abs. IV;
II, 252; III, 256 “; IV, 138, Abs. IX; Maurer, Markenverfassung S. 118;
Dorfverfassung I, 115; vgl. auch v. Brünneck, Beiträge II, 91.
3) Oesterr. Weistümer VIII, 699 21 (Bannbüchel über Mühlbach 1586):
„Es soll ain pfarherr der in dem dorf sitzt auch alle gerechtigkait haben
alfs ain ieeder nochbar hat, auch hinwiderumb mit den nochbarn
ain mitleiden haben zu allen nottürften was der gemain nutz
sei.“ Grimm III, 413 (Altenhaslau 1354): „man weiset ahn einem
merckerdinge, dafs er einen eigenen hirten mag halten . . ., und sol er
dargegen thun etc.“; vgl. auch III, 418 i‘.
Pfarrer und Wirtschaftsgemeinde. 39

lichen Grundherren gehörten 1), niemals zum Erscheinen im


Märkerding verpflichtet war 2), es sei denn, um als Gerichts
schreiber zu fungieren, wofür er aber stets eine besondere
Vergütung erhielt 3).
2. In den freien Gemeinden dagegen war das Ver
hältnis des Pfarrers zur Gemeinde ein wesentlich anderes.
Hier stand der Mitgliedschaft des Pfarrers nicht der Um
stand entgegen, dass sie mit einer Schmälerung der persönlichen
Freiheit verbunden war, so dass er ohne Beeinträchtigung
seiner Würde wohl Mitglied werden konnte.
Tatsächlich finden wir ihn denn auch in solchen Gemeinden
nicht nur als Märker, in welcher Eigenschaft er selbst zum
Dorfmeister gewählt werden kann, von diesem Amte aber wegen
der damit zusammenhängenden Mühen verschont bleiben soll 2),

1) Grimm I, 786; österr. Weistümer VIII, 959 22 (Rechte der


Bürger zu Kottes XIVJXV. Jahrhundert): „Item, es ist auch recht:
swer gesessen ist auf des gotshaus aigen und auch in dem selben lant
gericht, es sein phaflen herren oder chnecht holden, wie sie gcnant
sein, die gehörnt all in meins herren des abbts pantaiding und in seine
recht.“
In den Gemeinden, welche geistlichen Grundherren gehörten, nahmen
der Pfarrer und die übrigen ansässigen Geistlichen überhaupt vielfach
eine Stellung ein, die von der der übrigen Dorfeinwohner nicht viel
verschieden ist. Vgl. z. B. Grimm I, 218, Abs. VIII. 224, Abs. IV. 234,
Abs. I. 369; II, 165; Schauberg II, 621°; Zeitschr. f‘. d. Gesch. d.
Oberrheins 1883. Bd. 36, S. 250 2 (Breisgauer Weistümer, Gottenheim); ins
besondere Grimm II, 251/52, wo der Pfarrer sogar zur Entrichtung des
Grundzinses an den Grundherrn (Abt) verpflichtet war.
2) In einigen Weistümern ist ausdrücklich hervorgehoben, dass der
Pfarrer zum Erscheinen im „Ding“ nicht verpflichtet ist; vgl. Grimm
II, 215, Abs. IV, 223, Abs. IV; IV, 5977; V, 6316 etc.
3) Grimm I, 166; II, 570; IV, 51. 91. 35911. 3724. 376 5. 6253.
4) Oesterr. Weistümer II, 60 (Unter-Langkampfen): „Die nachpern
heten volgende dorf- und veldordnung firohin allzeit zu halten fürgeno
men, gemacht und beschlossen: Nemblichen, das alle jahr aus inen den
obbemelten nachbern (doch ausserhalb aines herrn pfarrers und
des Habans, so damit nit beladen werden sollen) zween dorf
maister . . .“; Grimm I, 513, Abs. II.
40 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

sondern auch im Besitze der in der Markgenossenschaft vor


handenen Ehrenämter. ‘
So ist z. B. der jeweilige Pfarrer zu Rodheim (Wetterau)
oberster Märker der Rodheimer Mark 1); ferner soll in der Seul
berger und Erlenbacher Mark der Märkermeister entweder aus
der Zahl der in der Mark begüterten Edelleute oder der dort
wohnenden Priester gewählt werden 2), und in dem „frihen
Keuchergerichte“ sollen eventuell die Pastoren den obersten
Holzgrafen wählen dürfen 3).
Ob nun die eben angeführten Beispiele nur Ausnahmsfälle
darstellen, wie Maurer in seiner Dorfverfassung Band I, 155
und 226 anzunehmen scheint, entzieht sich meiner Beurteilung.
Es genügt die Feststellung, dass der Pfarrer in den grund
herrlichen Gemeinden niemals als Märker auftritt, wohl aber
in freien.
Theoretisch hatte diese verschiedene Stellung des Pfarrers
zur Gemeinde die Folge, dass er in den Gemeinden, denen er
als Mitglied angehörte, ein selbständiges Recht auf Almende
benützung hatte, andererseits aber auch kraft seiner Mit
gliedschaft verpflichtet war, die Gemeindelasten wie jeder
andere Gemeindegenosse zu tragen, während er in den an
deren Gemeinden ein solches Recht nicht besass, dement
sprechend aber auch grundsätzlich von allen Gemeindelasten
befreit war.
Praktisch war jedoch dieser Unterschied von keiner
oder doch nur sehr geringer Bedeutung, insofern er in den
ersteren Gemeinden von den meisten mit der Mitgliedschaft
verbundenen Pflichten entbunden war, und in den letzteren
zur teilweisen Tragung der Gemeindelasten herangezogen wurde,
während die Rechte in beiden ziemlich gleich waren 4).

1) Grimm V, 2483.
2) Grimm V, 320 1‘.
3) Grimm III, 458, Satz 2.
‘) Siehe unten im speziellen Teil unter „Rechte und Pflichten in
wirtschaftlicher Beziehung“ S. 80 fl‘.
Pfarrer und Wirtschaftsgemeinde. 41

Noch viel weniger bestand hinsichtlich seiner allgemeinen


Stellung im Dorf insbesondere bezüglich seines persönlichen
Verhältnisses zu den Pfarrangehörigen ein Unterschied.
Als Seelsorger der Gemeinde, als Priester und einzig ge
bildeter Mann im Dorf besass er naturgemäss, mag er nun
formell Gemeindemitglied gewesen sein oder nicht, ein er
höhtes Ansehen, infolgedessen man in allen wichtigen Ange
legenheiten seinen Rat einholte und ihn zu denjenigen Ge
schäften, bei denen die Anwesenheit einer besonders glaub
würdigen Persönlichkeit von grösster Bedeutung war, wie bei
Errichtung von Testamenten 1), Abschluss von Verträgen u. dgl.
heranzog 2).

1) Grimm V, 74 1s (Offnung des Zwinghofs zu Buenzen 1568):


„Es mag ouch ein frau ir morgengab dem mann, si sige gesond, siech
oder im todbett, vor einem priester (und) zweien oder dreien biedermannen
im zwing schenken und vermachen“; österr. Weistümer VII, 1023 s;
Loersch S. 14, Nr. 11; Grimm III, 776. Siehe auch Oelrichs, Samm
lung alter und neuer Gesetzbücher der Stadt Bremen S. 559.
2) Oesterr. Weistümer II, 95XV11 (Pillersee): „Item, damit uns als
der herrschaft und unserm probst wissen sei, wie es umb unsers gotz
haufs grunt und poden gehandelt werde, so schaffen wir und wellen be
riierter ursach halben, das kain brief anderst, dann durch unser,
unsers pfarrers oder unsers richters insigil versigelt oder ver
fertigt werde“; Grimm III, 275.
II. Spezieller Teil.

I. Abschnitt.

Die Besetzung der Pfarreien nach den Weistümern.


I. Allgemeines.

Die Zahl derjenigen Weistümer, welche die Besetzung


der Pfarreien berühren, ist verhältnismässig gering und zwar
sowohl gegenüber der Gesamtzahl der uns vorliegenden Weis
tümer als auch gegenüber denjenigen Weistümern, in denen
des Pfarrers Erwähnung getan ist.
Aber auch da, wo des Besetzungsrechtes Erwähnung ge
schieht, wird es keineswegs vollständig geregelt. Diese Weis
tümer behandeln vielmehr ausschliesslich die Dritten bei der Be
setzung zustehenden Rechte, insbesondere diejenigen der Grund
herren und der Gemeinden, während das Besetzungsrecht des
Bischofs bezw. dessen Mitwirkung hiebei ganz und gar zurück
tritt. Hieraus darf jedoch nicht gefolgert werden, dass zu der
Zeit, aus welcher unsere Weistümer stammen, im XV. und
XVI. Jahrhundert, noch dieselben Zustände, wie etwa im
X. und XI. Jahrhundert, wo der Bischof so gut wie keine
Rechte bei der Besetzung der Benefizien hatte 1), geherrscht
haben, wie umgekehrt aus der geringen Zahl von Weistümern,
die sich mit der Besetzungsfrage abgeben, auch nicht geschlossen

1) Siehe S tutz, Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens I 1, 228 fi‘.


257. 275; Die Eigenkirche 14 fl‘. 25. 42; Das Münster zu Freiburg S. 9;
P h i 1 l i p s, Kirchenrecht VII, 637.
Besetzung der Pfarreien im allgemeinen. 43

werden darf, dass in denjenigen Gemeinden, deren Weistümer ‘


die Besetzung der Pfarrei nicht erwähnen, das freie Kollations
recht des Bischofs Anwendung gefunden hat.
Dieses Zurücktreten des Bischofs sowohl, wie die geringe
Zahl der betreffenden Weistümer ist vielmehr darauf zurück
zuführen, dass die Regelung der Pfarreibesetzung ausserhalb
der Befugnis der Gemeindegenossen lag, und daher auch kein
Grund für sie vorhanden war, Bestimmungen hierüber in das
Weistum aufzunehmen.
Dies galt vor allem bezüglich derjenigen Gemeinden, wo
sich die Besetzung in den ordentlichen bezw. althergebrachten
Formen vollzog, also vom Bischof auf Grund des ihm nach
gemeinem Kirchenrecht zustehenden Kollationsrechts oder vom
Grundherrn bezw. einem anderen Dritten gemäss eines ihnen
von der Kirche zugestandenen Rechts, wo mithin die Gemeinde
weder ein Recht für sich beanspruchte noch ein solches zu
vergeben hatte.
Nur da, wo die Gemeinde bei der Besetzung selbst be
teiligt war, lag für sie eine Veranlassung vor, ihre Rechte
nach dieser Richtung hin durch Aufnahme in das Weistum
für ewige Zeiten zu sichern.
Dementsprechend beschäftigen sich auch hauptsächlich
nur die Weistümer derjenigen Gemeinden mit der Besetzung
der Pfarreien, denen hiebei irgendwelche Befugnisse zustanden‘
bezw. welche solche beanspruchten 1).
Neben jenen finden wir allerdings auch eine Reihe von
Weistümern, in denen lediglich das Besetzungsrecht Dritter
erwähnt ist, ohne dass die Gemeinde bei der Besetzung irgend
welche Rechte für sich in Anspruch nahm. .
Offenbar lagen in diesen Fällen besondere Umstände
vor, die das Hervorheben jener Rechte der Dritten gerecht
fertigt erscheinen liessen, die wir aber nicht mehr ermitteln
können.

1) Siehe unten S. 65 ff.


44 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass diese Bestimmungen


zur Zeit des Kampfes zwischen Kirche und Grundherrn auf
Veranlassung des letzteren aufgenommen und dann weiterge
führt worden sind.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass sich weder über das
Verhältnis des Bischofs zur Besetzung der Pfarreien noch
über die Rechte Dritter allgemeine Grundsätze aufstellen
lassen, so dass wir uns im Folgenden darauf beschränken
müssen, darzulegen, wie in einzelnen Gemeinden die Be
setzung der Pfarrei erfolgte, wem das Besetzungsrecht zustand,
und wie dieses Recht beschaffen war.

II. Die Rechte Dritter bei der Besetzung der Pfarreien1).

Als Drittberechtigte bei der Besetzung der Pfarreien


treten uns in den Weistümern entgegen:
Weltliche Herren 2), Klöster - und zwar Männer- 1') und
Frauenklöster4) -, Kollegiatstifter 5), Spitäler 11), der Pfarrer

1) Siehe hierzu: Stutz unter „Patronat“ in der Realenzyklopädie


für protestantische Theologie und Kirche. 3. Aufl. XV, 239 fi‘; derselb e,
Das habsburgische Ürbar und die Anfänge der Landeshoheit in der Zeit
schrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, Bd. XXV, germanistische
Abteilung S. 227 fl'.; v. Brünn eck, Beiträge zur Geschichte des Kirchen
rechts in den deutschen Kolonisationslanden. Heft I, Zur Geschichte des
Kirchenpatronats in Ost- und Westpreussen. Berlin 1901.
2) Grimm I, 445; II, 768; III, 4102; III, 41711; IV, 4732 (144)?;
V, 552; österr. Weistümer VIII, 279 2°; Zeitschr. f. d. G. des Oberrheins
1883. Bd. XXXVI, S. 248 1° (Weistum von Bamlach); Rochholz, Aar
gauer Weistümer S. 52 Nr. 2 und S. 128 Nr. 56; Hardt‚ Luxemburger
Weistümer S. 732 16.
i) Grimm I, 188. 24013. 242. 654. 811; II, 618; III, 449; IV, 104.
162. 223. 378“. 478 1 (V, 482 11’) ?. 558 12; VI, 312; Gmür, Rechts
quellen von St. Gallen I, 1, S. 291; Hardt 381.
‘) Grimm II, 602; III, 815; IV, 17. 30. 763"; V, 38611. 451 7.
5) II, 788; IV, 442; V, 550; VI (609). 654.
1) VI, 283 1. 269/7022.
Rechte Dritter bei der Besetzung. 45

der Mutterkirche bezüglich der Pfarrei der Tochterkirche 1),


sowie Gemeinden 2).
Abgesehen von den Gemeinden, waren die übrigen Be
setzungsberechtigten mit verschwindend wenigen Ausnahmen 3)
stets die Grundherren 4) der betreffenden Pfarreien.
Dies ist keineswegs Zufall, sondern erklärt sich daraus,
dass das Besetzungsrecht, wie in mehreren Weistümern aus
drücklich hervorgehoben ist, als Zubehör des „Dinghofes“ galt 5),

1) Oesterr. Weistümer VIII, 1063"; den Text siehe unten bei


Note 4.
2) Grimm VI, 283 ‘3; III, 885.
‘) Grimm III, 4102 und 417 “l (Altenhaslauer Mark, 1354 und
1461). Die Altenhaslauer Mark, umfassend fünf Dörfer, bildete eine
freie Markgenossenschaft und ein „des heyl. reichs frey gericht“ (III, 410 1).
Hier stand das Patronatrecht dem „marckherr“ (III, 410 3), „dem schützer
und schirmer des gerichts“ (III, 415 2) zu. Dies war im Jahr 1354 ein
Herr von Trymberg (III, 410 2) und im Jahre 1461 ein Herr von Hanau
(III, 415 2).
Grimm IV, 763" (Weistum zu Miel.), Grundherr war hier ein
Johann Quadt von Lanscron, Patron aber das Frauenkloster „St. Marien
binnen Oollen“. Nach dem Wortlaut des Weistums „und die fraw
St. Marien soll auch einen pastor stellen zu Meill, der selbe soll alle
sontags apostel und heiligstags miss singen und sonst ieder Wochen
drey messen zu Meill in der kirchen thun . . .“, zu schliessen, war die
betr. Pfarrei dem erwähnten Kloster, dem auch der grosse Zehent zu
stand, inkorporiert.
4) Auch der unter Note 1 erwähnte Pfarrer war der Grundherr des
Dorfes, bezüglich dessen Pfarrei ihm das Lehensrecht zustand, vgl. österr.
Weistümer VIII, 1062 (Rechte und Banntaiding der Pfarre zu Litschau zu
Eisgarn): „Item zu vermerken, dal's das dorf Eyfskhier ist iberall ge
stieft und ungestieft 15 lehen, vier halbe lehen, vier hoffstätt. und die
lehen dien 15 3 dem pfarrer zu Lietschauw und die halben vier «Ü, die
vier hofistätt aine sechs i)‘ und gehörent dieise holtung mit dem gericht
und obrigkait dem pfarrer zu L. zu alfs rechten grundherrn,
allain aufsgenohmen die drei malefitzartickel, wie dann der stieftbrief
vermag“.
5) Grimm IV, 104 (Dinghof zu Lutterbach, Anfang des XV. Jahr
hunderts): „In den dingho ff hört quing vnd ban, lutte vnd gfit . . .
der kichensatz“. IV, 144 (Dinghof zu Logenheim 1404): „In den
46 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

so dass nur der Eigentümer dieses Hofes, der Grundherr,


jenes Recht ausüben konntel).
Mit Rücksicht auf den verschiedenen Umfang der den
Genannten zustehenden Rechte haben wir zu unterscheiden
zwischen den Rechten der Grundherren 2) einerseits und den
der Gemeinden andererseits und unter den ersteren wieder
zwischen den Rechten der weltlichen und denen der geistlichen
Grundherren. ‚

1. Die Rechte der Grundherren.


a) Weltliche Grundherren.
Für die weltlichen Grundherren bei der Besetzung von
Pfarreien zustehenden Rechte finden wir in den Weistümern

selben dinghof hoeret twing vnd ban . . . vnd der kilchensacz mit alleme
rehte, den sol der alteste von Girsberg lihen vnd nieman anders vnd
darzuo alle die manlehen sol er lihen die von dem selben dinghoue dar
ruerent“. IV, 162 (Dinghof zu Wiedensohlen 1364): „Vnd sol man och
wissen, dz die kirch vnd der kirchsach (l. kirchsacz) hört in dem wis
senthaffen dinghof zii Widensol“. IV, 4731. 4781 (Thiengen 1301): „Bi
dem ersten so hoeret schvz, ban vnd der saz der chilchvn in den hof“.
V, 50 1. 386 “ (anno 1349) (V, 482 19 mit 479 1 anno 1380); Zeitschr. f.
d. Gesch. des Oberrheins 1883. Bd. XXXVI, 2481° (Breisgauer Weis
tümer, Bamlach): „Der kilchensatz hort in den dinckhofe und soll der
hofherr die kilchen lyhen mit der hand“; Rochholz S. 52 2: Offnung
von Zieffikon (die Kirche zu Z. gehört in den Meyerhof zu Z.). Vgl. auch
Grimm III, 449; IV, 21; VI, 323°; sowie Stutz, Das habsburgische
Urbar“ S. 223. 230 fl‘. ‘ '
1) In einem Fall wird das Besetzungsrecht an Stelle des Grund
herrn vom Besitzer des Dinghofes, dem Vogt, ausgeübt (Grimm V, 482 "
[W. von Dettwiller 1380]: Ein vogt hat auch recht die kirche zu Dett
wilre zu liehende).
2) Da nach dem Wortlaut der Weistümer die Rechte der nichtgrund
herrlichen Patrone (siehe oben S. 45, Note 3) von denen der Grundherren
nicht verschieden sind und offenbar ebenfalls auf ein früher bestandenes
Eigenkirchenrecht zurückgehen (cf. den Wortlaut der Altenhaslauer Mark
Grimm III, 410 2), behandle ich im folgenden ihre Rechte unter denen
der Grundherren.
Rechte weltlicher Grundherren. 47

die Wendungen „die pfarr (pastorei) verleyhen), die kirche


lihen“), den kilchensatz lihen“), die pfruond verlihen“), den
pastor setzen“)“.

') Grimm I, 445 (Rechte zu Hirschhorn 1560): „Die pfarr zu


Eschellbach hatt die herrschaft de iure patronatus und von erbrecht zu
verleyhen“; III,410“(Altenhaslauer Mark, 1354):„Item wisen wir, daß
ein herr von Trymberg in demselben frey gerichte belehnet ist gewest
mit dem gottes lehen, dass er recht hat gehabt, die pastoreien zu
verley hen, als oft die von einem pastorn ledig wird, und einen andern
pastorn mit dem gottes lehen zu belehren“.
*) Zeitschr. f. d. Gesch. des Oberrheins 1883. Bd. XXXVI, 24810
(Weistum von Bamlach; den Text siehe S. 45, Note 5); Grimm
III, 417" (Altenhaslau 1461): „Darnach weiset man unserm herrn
von Hanau diese pfarrkirche zu lehen, und einen zentgräffen zu be
stettigen“. Aus dem Zusatze sowie aus dem übrigen Inhalt des Weis
tums ergibt sich, dass das Wort „lehen“ kein Substantiv, sondern ein
Verbum ist und so viel bedeutet als „zu Lehen geben, zu verleihen“; siehe
auch Grimm V, 482", (Weistum von Dettwiller, Text oben S. 46,
Note 1), sowie österr.Weistümer V, 765'“ (Weistum von Schenna, Text
unten S. 55*).
*) Grimm IV, 144 (Dinghof zu Logenheim 1404; den Text siehe
S. 45, Note 5). Grimm IV, 473“ (Dinghoff zu Muttenz): „Ovch ist
zuwissen, daz der vorgenant herr (Conrat Münch von Münchenstein) zu
lihen hat den kilchensatz zu M., so dick vnd so vil vnd er lidig wirt,
vnd nyemand anders in dem dinckhoff zu M.“ Vgl. hierzu auch Grimm
III, 410“ (Altenhaslauer Mark) – Text oben unter Note 1 –, wo nur
statt kirchsatz das völlig gleichbedeutende Wort „gotteslehen“ gesetzt
ist; ferner Grimm V, 55* (Rottenflue, Text unten Note 4) und Zeitschr.
f. d. Gesch. d. Oberrheins 1883, Bd. XXXVI, 2489(Bamlach, Text oben
S. 45, Note 5); sowie Stutz, Das habsburgische Urbar,wo die Wendung
„den Kirchensatz leihen“ häufig wiederkehrt.
Wie sowohl aus den bei Stutz angeführten Stellen als auch aus
den eben erwähnten Weistümern, insbesondere aber aus dem Wortlaut
der Weistümer von Hirschhorn (Grimm I, 445), Rothenflue (Grimm
V., 55.) und Bamlach (Zeitschr.f. d. Gesch. d. Oberrheins XXXVI,248')
hervorgeht, bedeutet „den Kirchensatz leihen“ nichts anderes als „die
Kirche leihen, die Pfarrei verleihen, die Pfründe leihen“. Einen anderen
Sinn kann das Wort „Kirchensatz“ in dieser Zusammenstellung überhaupt
auch gar nicht haben. Denn unter „Kirchensatz“, wofür auch die Worte
„Kirchenlehen“ und „Gotteslehen (Grimm I, 445)“ vorkommen, ver
48 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Es erhebt sich nunmehr die Frage: Was bedeuten diese


Wendungen? Sind sie etwa nur andere Ausdrucksformen für
das dem Patron nach gemeinem Kirchenrechte zukommende
Präsentationsrecht, oder sind sie dem Wortlaute nach auszu
legen?
Bei der Untersuchung dieser Frage hat man vor allem
zu berücksichtigen, dass die Weistümer grösstenteils von nicht
rechtsgelehrten Leuten verfasst sind, die sich als solche nicht
an technische Ausdrücke hielten, sondern ein Recht so benann
ten, wie es eben nach aussen hin in Erscheinung trat.

steht man, wie durch zahllose andere Urkunden zweifellos feststeht, das
Geistlichen oder weltlichen Personen, und zwar ersteren ohne Rücksicht
auf ihre hierarchische Stellung (vgl. z. B. Grimm VI, 765) zukommende
Recht, eine Kirche zu besetzen d. h. im kanonischen Sinne die Be
fugnis, dafür einen Geistlichen zu präsentieren, und im Sinne der un
kanonischen, auf das Eigenkirchenrecht zurückgehenden mittelalterlichen
Praxis, das Recht, die Kirche bezw. Pfründe zu verleihen und Zinsen,
Abgaben etc. dafür zu beziehen (cf. Stutz, unter Patronat S. 18 und
das habsburgische Urbar S. 235 ff).
Vielleicht ist die Wendung „den Kirchensatz leihen“ etwas jünger
als „die Kirche leihen etc.“ und zurückzuführen auf die Zeit, wo man
vom Standpunkt des kanonischen Rechts an dem Ausdruck „die Kirche
leihen“ Anstoss nahm. Ursprünglich sagte man vom Patron: „er hat
den Kirchensatz und leiht dem gemäss die Kirche“ (cf. z. B. Weistum
von Bamlach (Text oben S. 45, Note 5). Später wurde diese Ausdrucks
weise als unkorrekt empfunden, und liess man ihn daher nur den
Kirchensatz leihen.
“) Grimm V, 553 (Zwingrechte der Muenche von Muenchenstein
zu Rothenflue 1480-1500 ?): „Item so hab ich (Hans Friederich Münch
von Münchenstein) zuo R. den kilchensatz und die pfruond zuo verlihen“;
cf. auch österr. Weistümer VI, 3493 (Banntaiding der Herrschaft zu
Pfannberg, Text unten S. 56, Note 1), sowie Stutz, Das habsburgische
Urbar S. 232 ff.
5) Grimm II, 768: Sendweistum zu Olef. (Text unten S. 52, Note 1);
Wasserschleben, Deutsche Rechtsquellen S. 285 31 (Weistum von Offen
bach); Maurer, Dorfverfassung II, 453 (Weistum von Rockenhausen,
den Text siehe unten S. 52, Note 3); und ibidem S. 465 (Weistum von
Imbsweyler, Text unten S. 53, Note 1).
Rechte weltlicher Grundherren. 49

Schon diese Erwägung spricht dafür, dass die betreffenden


Weistümer das Recht des Grundherrn, wenn dieser lediglich
die Befugnis besessen hätte, den mit der Pfarrei zu belehnen
den Geistlichen dem Bischof vorzuschlagen, nicht als Ver
leihungs- oder Einsetzungsrecht bezeichnet hätten, da ja in
diesem Fall die Verleihung der Pfarrei, die Einsetzung des
Pfarrers, nicht von dem Grundherrn, sondern von dem Bischof
vorgenommen worden wäre.
Zudem kann als sicher angenommen werden, dass infolge
des während mehrerer Jahrhunderte in aller Oeflentlichkeit
geführten Kampfes der Kirche gegen die seitens der Grund
herren bezüglich der Besetzung der Pfarreien angemassten
Rechte der Begrifi des Präsentationsrechtes als desjenigen
Rechtes, welches dem Grundherrn von der Kirche allein zu
gestanden wurde, allgemein bekannt war 1) und daher nicht
leicht mit der Bezeichnung eines Rechts, das die Kirche für
sich in Anspruch nahm und inhaltlich von dem Präsentations
recht so sehr verschieden ist, verwechselt oder gar vertauscht
werden konnte.
Hiezu kommt, dass in keinem der uns vorliegenden Weis
tümer für die Rechte der Grundherren jemals die Bezeichnung
Präsentationsrecht oder ein ähnlich lautender Ausdruck ge
braucht ist, sondern stets Ausdrücke, die schon nach ihrem
Wortlaute auf ein weitergehendes Recht schliessen lassen.
Diese Tatsache ist um so bedeutsamer, als in einem
Weistum, aus dessen Wortlaut sich schon ergibt, dass dem
Berechtigten nur ein Präsentationsrecht zugestanden hat, dieses
Recht nur als Präsentationsrecht bezeichnet ist 2).
\
1) Dass es bekannt war, ergibt sich aus dem in der folgenden Note
mitzuteilenden Weistum von Ehringen.
2) Grimm VI, 283 33 (Das Dorfrecht zu Ehringen 1484): „Item von
der pfarr wegen ist es ie und allwegen an uns herkommen, dasz ein
gemaind zue E. macht hat einen pfarrer zu wöhlen und ihne dem
ambt zue Hailsprunn zu praesentiren, dem mag der abt die pfarr
leihen, und wo ein pfarrer einer gemaind nicht gefällig, mag sie inner
eim viertheil jahr das urlaub verkünden, . . .“
Künstle, Deutsche Pfarrei. 4
50 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Ferner ist noch darauf hinzuweisen, dass das Patronat


recht der Gemeinden in keinem einzigen Weistum Verleihungs
recht oder ähnlich genannt ist 1).
Ich glaube, dass wir auf Grund dieser Erwägungen wohl
den Satz aufstellen können, dass in den zitierten Weistümern
die für die Rechte der grundherrlichen Patrone vorkommenden
Ausdrücke nicht gleichbedeutend sind mit dem kanonischen
„Präsentationsrecht “ .
Ist diese Annahme aber richtig, dann können die
Grundherren bei der Besetzung von Pfarreien nur Rechte
besessen haben, die über das Präsentationsrecht hinaus
gingen2 “' 3).

(1) cf. unten S. 65 ff.


2) Vielleicht hat es auch darin seinen Grund, dass gerade in diesen
Weistümern das Besetzungsrecht der Grundherren erwähnt ist. Aus dem
Weistum von Bamlach (Zeitschr. f. d. Gesch. des Oberrheins 1885,
Bd. XXXVI, S. 248 1“) ist z. B. ersichtlich, dass der dortige Grundherr
das von ihm beanspruchte Recht „die Kirche zu leihen“ in das Weistum
aufnehmen liess, um es sich auf diese Weise gegen etwaige Widersprüche
Dritter sicherzustellen: „were, das den herren nott angienge umb die
recht der kilchen, so sönt die huber bezuge sin, wo er sie bedarft, oder
wo er will, das der herre des hofes recht hat zu lyhende die kilchen
mit der hand etc.“.
s) In den aus dem XIV. Jahrhundert stammenden deutschen Ueber
setzungen der neueren Kulmer Handfeste aus dem Jahr 1251 ist das
lateinische „jus patronatus“, das sich der Deutschherren Orden über
die Pfarrkirchen in Kulm und Thorn vorbehalten hatte, durch „recht
der liunge“ oder „verliunge“ wiedergegeben. In Heft I seiner Bei
träge zur Geschichte des Kirchenrechts in den deutschen Kolonisations
landen untersucht von Brünneck S. 14111, welche Deutung diesen als
Verleihungsrecht bezeichneten Patronatrechten des deutschen Ordens zu
komme. Er gelangt hierbei ebenfalls zu dem Resultat (S. 19), dass dieses
Verleihungsrecht nicht identisch sei mit dem gemeinrechtlichen Prä
sentationsrecht, sondern darüber hinausgehe, und soviel bedeute als das
dem Orden zustehende Recht, die Temporalien dem vom Bischof auf seine
Präsentation zum Pfarrer bestellten Geistlichen zu übertragen.
Siehe auch die Ausführungen v. Brünnecks in Heft II, 3fl'. seiner
Beiträge.
Rechte weltlicher Grundherren. 51

Versuchen wir nunmehr, an Hand der Weistümer zu er


mitteln, welches der tatsächliche Inhalt dieser Rechte war.
Wie bereits anfangs erwähnt, finden sich für die Be
setzungsrechte der Grundherren hauptsächlich die Wendungen:
die Pfarrei verleihen, die Kirche leihen, die Pfründe verleihen,
den Pfarrer setzen, also Ausdrücke, die den Schluss nahe
legen, es habe nicht der Bischof, sondern wie ehedem unter
der Herrschaft des Eigenkirchenrechts der Patron den Pfarrer
allein und ausschliesslich ernannt und eingesetzt.
Ein derart weitgehendes Recht der Patrone hätte zwar
zu dem kanonischen Recht, nach welchem diesen lediglich
das Recht zusteht, dem kirchlichen Oberen den Priester, wel
cher die Pfarrei erhalten soll, vorzuschlagen, in schrofiem
Widerspruch gestanden, nicht aber zu der Praxis jener
Zeit1).
Denn die Bestimmungen des kanonischen Rechts über
das Patronatrecht hatten keineswegs überall Eingang oder
Anerkennung gefunden. Nicht nur behielten in Frankreich
und England 2) und zum Teil auch in der Schweiz 3) die
Grundherren bezüglich ihrer früheren Eigenkirchen noch ge
raume Zeit ihr altes freies und uneingeschränktes Besetzungs
recht, sondern auch in Deutschland kam es, wie aus den Be
schlüssen einer grossen Anzahl von Provinzialkonzilien und
zahlreichen Spezialurkunden unwiderleglich hervorgeht, nicht
selten vor, dass Grundherren nach wie vor den Pfarrer ihrer
Dörfer allein und ohne Mitwirkung des Ordinarius ein- und
absetzten 2).
Ein solch freies Besetzungsrecht besass nach dem Send

1) Siehe Stutz unter „Patronat“ S. 18; derselbe, Das habsbur


gische Urbar S. 229/30 und die dort angegebene Literatur; derselbe
Das Münster zu Freiburg S. 10 tf.
2) Hinschius, Kirchenrecht II, 632.
3) Pestalozzi, Das Zürcherische Kirchengut S. 6 fl‘. 24.
‘) cf. die Literatur bei Note 1 und ausserdem Stutz, Kirchenrecht
11, g 9a, S. 950 s.
52 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

weistum zu Olef zweifellos der Herr zu Drimborn hinsichtlich


der Pfarrei Olef.
Diesem sprechen die Sendschöffen in seiner Eigenschaft
als Grundherr des Dorfes und Stifter der Pfarrkirche aus
drücklich das Recht zu, „einen pastor nach seinem wol
gefallen zu setzen").“
Dass dieses Besetzungsrecht nicht durch bischöfliche
Institution beschränkt war, ergibt sich einmal aus dem Zu
satze „So welcher dan ein pastor gesatzt ist, der ist pabst,
buschoff . . . des gantzen kyrspels“, dann aber auch daraus,
dass die Pfarrangehörigen sich mit Beschwerden über die Amts
führung des Pfarrers nicht an den Bischof, sondern an den
Herrn zu Drimborn zu wenden haben, dem als „landtherr“
das Recht zustand, auf solche Klagen hin „jenen pastoren zu
entsetzen und einen anderen ansetzen, der dartzu geschickt (das
heisst tauglich) ist zu seinem gefallen“*).
Ein freies Besetzungsrecht darf ferner mit ziemlicher
Sicherheit auch in den Pfarreien Rockenhausen) und
') Grimm II, 768: „Erstlich sprechen wir scheffen, als demnach
vnser gepietender juncker vnd herr zu Drimborn ein giffter der kyrchen
zu Oleff ist, ein hervber land vnd leut, ein gewaltiger herr, vber waßer
ganck, missenganck, klockencklanck vnd chorgesanck; hat er auch ge
walt, einen pastor nach seinem wolgefallen zu setzen. So wel
cher dan ein pastor gesatzt ist, der ist pabst, buschoff, vnd ein
besitzer vnd sträffer des heiligen senntz, vnd gantzen kyrspels,
welcherley sachen dann vbertretten ist.“
*) Grimm II,770/71: „Item obs sach were, dass derselbig pastor
nit geschickt genug were, in sulchen vurfs. sachen, vnd wie sichs
sunsten einem frommen pastor zugehorth, so soll die gemeindt, so well
cher dan ein herr zu Drimborn ist, demselbigen vorgeben
vnd klagen vber die vngeschickligheit desselbigen pastors, so mag
der landtherr jenen pastoren entsetzen, vnd einen anderen
ansetzen, der dartzu geschickt ist zu seinem gefallen . . .“; vgl. auch
S.771, Abs. I.
*) Maurer, Dorfverfassung II,453: „Besetzung und entsetzung aller
der statt Rockenhausen Ambter und dinsten: Zue R. hatt mein gne
diger Fürst unnd Herr Georg Gustauus Pfalntzgraff bey Rheyn Hertzog
jnn Bayern etc. Ambtleuth zu setzen und zue entsetzen, schultheissen,
Rechte weltlicher Grundherren. 53

Imbsweiler 1) für den Pfalzgrafen bei Rhein angenommen


werden.
Hiefür spricht nicht nur, dass auch diesem wie dem
Herrn zu Drimborn das Recht zugesprochen ist, die Pfarrer
jener Dörfer zu setzen 2) und zu entsetzen, sondern insbeson
dere der Umstand, dass diese Pfarrer gleich dem Bürger

burgermeister, Gerichts leuth, Gerichtsschreiber, Bauwmeister, Vierer,


Pfarrherr, Schulmeister, Glöckner, Kirchengeschworne etc.“
1) M aurer, Dorfverfassung II, 463: „Efs hatt mein gnediger Fürst
und herr auch einen schultheifsen. sambt den gerichts persohnen. dero
gleichen pfarhern und Glöcknern zu Imbfsweiller zuesetzen. unnd
zu entsetzen. ohnne jnntrag menniglichs.“
Nach dem Weistum von Offenbach (Wasserschleben, Deutsche
Rechtsquellen, VII. Pfalzer Weistümer S. 285 Nr. 31) stand dem „Chur
fürst Pfalz“ (also demselben Herrn wie oben) auch das Recht zu „ein
pfarrer zu setzen und zue endsetzen, aber der thumbstift zu Speycr hat
die collatur wegen habenden dritten theil zehendts“. Was mit der
hier dem Domstift zugesprochenen Collatur gemeint ist, ist nicht recht
verständlich. Die dem Bischof zustehende institutio collativa kann hier
mit nicht gemeint sein, da diese nicht vom Domstift ausgeübt werden
konnte. In der nachreformatorischen Zeit wurde das Wort „Collatur“
allerdings auch zur Bezeichnung des dem Patron zustehenden Ernen
nungs- bezw. Präsentationsrechtes gebraucht (cf. Stutz unter „Patronat“
S. 20; sowie das Weistum von Latsch, Oesterr. Weistümer IV, 234 31, wo
streng unterschieden ist zwischen den Rechten des Bischofs als „ordina
rius“ und als „collator“). Auf Grund dieser Erwägung wäre die Annahme
nicht ganz unbegründet, dass wir es hier mit einem Compatronat zu tun
haben. Hiergegen spricht aber, dass nach dem oben erwähnten Wort
laut des Weistums die Rechte des Churfürsten und des Domstifts offen
bar nicht gleich waren. Sollte das kurfürstlich-pfalzische Recht kano
nisch-rechtlich ein Nominations- oder Subpräsentationsrecht, und das
domstiftisch-speirische ein Alleinpatronat gewesen sein?
2) Das Wort „setzen“ findet sich sonst nur noch in den Weistümern
solcher Gemeinden, deren Pfarreien inkorporiert waren; vgl. z. B. Grimm
I, 188; IV, 30; V, 558 12 (Weistum von Wilgartswiesen, die Inkorporation
ergibt sich aus V, 557” und V, 6912); Wasserschleben S. 260 1°
(Weistum von Bubenheim 1535, unten S. 64 4); ferner Grimm II, 789
(unten S, 60, Note 4), sowie für die Bedeutung des Wortes „setzen“
Grimm II, 771, Abs. I.
54 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

meister und den übrigen Gemeindebeamten als herrschaftliche


Beamten galten, und dass bezüglich ihrer Ein- und Absetzung
kein Unterschied gemacht ist von der Ein- und Absetzung
der anderen mit aufgezählten zweifellos frei ein- und absetz
baren Beamten 1).
In den übrigen Weistümern, in denen der Rechte der
Grundherren bei der Besetzung von Pfarreien Erwähnung
getan ist, lassen sich dagegen keine Anhaltspunkte dafür auf
finden, dass auch hier die Patrone ein freies Besetzungsrecht
besessen und ausgeübt haben, vielmehr lässt schon der Um
stand, dass nicht auch ihnen das Recht zugesprochen ist, „den
Pfarrer zu setzen und zu entsetzen“, sondern stets nur das
Recht „die Pfründe 2) zu verleihen“, auf einen anders gear
teten Inhalt schliessen.

1) Vielleicht lassen sich die weitgehenden Rechte des Herrn zu Drei


born und des Pfalzgrafen bei Rhein daraus erklären, dass diese beiden
Herren nicht bloss die Grundherren sondern auch die Landes
herren der betr. Pfarrbezirke waren (bezüglich des Herrn zu D. vgl.
Grimm II, 768 u. 771), und wir es hier mit landesherrlichen Patronaten
zu tun haben. Für das Bestehen eines landesherrlichen Patronats könnte
hinsichtlich Olef. geltend gemacht werden, einmal, dass hier dem Patron
das Recht, den Pfarrer zu entsetzen, ausdrücklich in seiner Eigenschaft
als „landtherr“ zugesprochen ist (Grimm II, 770), dann insbesondere
die Wendung „so welcher dan ein pastor gesatzt ist, der ist pabst, bu
schoff . . . des gantzen kyrspels“ (Grimm II, 768), eine Wendung, welche
im XV. Jahrhundert in der Form „Dux Cliviae est papa in terris suis“
als Bezeichnung für die Privilegien der Landesherren bezüglich der
Kirchen ihres Landes sehr häufig vorkommt (Eichmann, Der Recursus
ab abusu S. 77 u. 259). Hier findet sich diese Wendung allerdings für
die Rechte des Pfarrers in Anwendung. Dieser Umstand würde iedoch
keineswegs gegen obige Annahme sprechen, da ia der Pfarrer nur der
Vertreter des Landesherrn war.
An Literatur über den landesherrlichen Patronat vgl. v. Brünneck,
Beiträge zur Geschichte des Kirchenrechts in den deutschen Kolonisations
landen H. I u. II1; Stutz, Das hahsburgische Urbar und die Anfänge
der Landeshoheit S. 253 ff; derselbe, unter „Patronat“ S. 19 E‘. und
Kirchenrecht 5 39, S. 867 fll; Eich mann, Der Recursus ab abusu S. 69 ff.
2) Die noch vorkommenden Ausdrücke „Pfarrei“ und „Kirche“ sind
Rechte weltlicher Grundherren. 55

Zwar hatten auch sie, auf Grund des ihnen nach ge


meinem Kirchenrecht zustehenden Präsentationsrechtes, die
Befugnis, die Person des neuen Pfarrers zu bestimmen.
Nach dem Wortlaut der Weistümer kam ferner auch
ihnen gleich jenen das über das kanonische Patronatrecht
hinausgehende Recht zu, die Pfründe zu verleihen, das heisst
das Recht, die Temporalien zu verleihen, den neuen Pfarrer
in den Besitz der Pfründe einzuweisen.
Der Unterschied liegt aber darin, dass dieses „Pfründe
verleihungsrecht“ nicht auch ein freies in dem Sinne war,
dass bei Vakanz der Pfarrei diese vom Patron beliebig, ohne
Mitwirkung des Bischofs auf einen anderen Geistlichen über
tragen werden durfte, vielmehr war dieses Recht, wie sich
nicht nur aus zahlreichen anderen Urkunden 1), sondern auch
aus einigen Weistümern zweifellos ergibt, dadurch beschränkt,
dass der Berechtigte die Pfründe nur an den vom Bischof
auf seine Präsentation zum Pfarrer bestellten Geistlichen ver
leihen konnte.
So sagt zum Beispiel das Weistum von Schenna 2):
„Wann ain pfarrer stirbt, so soll alsdann ain herschaft mit
iren knechten den widem verhüeten und essen und trinken
geben solang, unzt ain anderer kombt mit warem ur
kunt, der dann pfarrer sein soll. So mag im die
herschaft die pfarrkirchen einantworten mit
allem dem, das darzue gehört...“
Nach dem Wortlaut dieses Weistums kann es keinem
Zweifel unterliegen, dass der Grundherr hier nur die Befug
nis hatte, den von einer anderen Person, das heisst dem

identisch mit Pfründe; vgl. v. Brünneck, Beiträge I, 19 und Stutz, Das


habsburgische Urbar S. 230 ff.
') Stutz, Das habsburgische Urbar S. 228 ff.; derselbe, unter
„Patronat“ a. a. O. S. 18/19, insbesondere aber v. Brünneck, Beiträge
I, 1.9 und II, 3 u. 40.
) Oesterr. Weistümer V, 765 1‘.
56 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Bischof bereits zum Pfarrer bestellten Geistlichen („untzt


ain anderer kombt mit warem urkunt“) die Pfründe zu über
tragen.
Dass ihm auch das Recht zustand, den zu ernennenden
Pfarrer dem Ordinarius vorzuschlagen, ist hier wie auch in
den übrigen Weistümern nicht besonders hervorgehoben.
Eine ausdrückliche Betonung dieses Rechts durch die
Verfasser des Weistums war aber auch gar nicht notwendig,
da dasselbe ihm als Patron der Kirche schon nach Kirchen
recht zukam und überdies in dem Recht, die Pfründe zu ver
leihen, mit enthalten war.
Das eben Gesagte gilt in gleicher Weise und in gleichem
Umfange für die Pfarrkirche St. Georg zu Adriach, bezüglich
derer es in dem Banntaiding der Herrschaft Pfannberg 1)
heisst: „Die pfarrkirchen bei Sanct Georgen zu Adriach
sambt derselben zugehörungen ist gevoget zu der herrschaft des
schloss Pfannberg. als wen ein pfarrer todes fierwierdt, so soll
die herrschaft den pfarrhof alsbalt verwarn und bis so lang
ain andrer gesetzt wierdt inhalten und denselben sambt
dessen zuegehörung alsdan dem gesetzten pfarrer
übergeben und mit disen lautern ausdruklichem bevelch
einantworten, das er die darzue gehörigen unterthanen
wider alt herkomben kainesweegs dringen oder beschwörn
thue . . .“
Ferner ist in den Rechten zu Hirschhorn bezüglich der
Pfarrei zu Eschellbach 2) ausdrücklich hervorgehoben, dass die
Verleihung der Pfarrpfründe durch die Herrschaft „de iure
patronatus“ zu erfolgen habe.
Durch den einschränkenden Zusatz „de iure patronatus“
sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass der Grundherr
die Pfründe nicht wie ehedem seine Vorfahren frei, sondern
nur an den vom Bischof auf seine Präsentation zum

1) Oesterr. Weistümer VI, 349 ‘; siehe auch Kaltenbaeck II, 75 1.


2) Siehe oben S. 47, Note 1. ’
Rechte weltlicher Grundherren. 57

Pfarrer bestellten Geistlichen verleihen dürfe. Denn unter


dem hier erwähnten „ius patronatus“ ist nicht das von
Alexander III. begründete, heute in allgemeiner Geltung be
findliche streng kirchliche Patronatrecht zu verstehen, sondern
vielmehr dasjenige, welches damals im stillen Einverständnis
mit der Kirche praktisch gehandhabt wurde und darin bestand,
dass dem Patronatsherrn ausser dem ihm ohnehin zukommen
den Präsentationsrecht noch die Befugnis eingeräumt war, dem
auf seine Präsentation zum Pfarrer Ernannten die Pfründe zu
übertragen 1).
Dass auch in den übrigen Weistümern, in denen dem
Patron das Pfründeverleihungsrecht zugesprochen ist, dieses
Recht in der angegebenen Weise beschränkt war, dafür haben
wir keine Beweise. ‘
Da sich aber aus denselben auch keine Anhaltspunkte
ergeben, die das Vorhandensein eines freien Besetzungsrechtes
einigermassen rechtfertigen könnten, dürfen wir wohl anneh
men, dass auch bezüglich dieser Pfarreien die Patrone ent
sprechend der allgemeinen Praxis nur ein durch das bischöf
liche Bestätigungsrecht beschränktes Pfründeverleihungsrecht
besessen haben.
Hinsichtlich der faktischen Wirkung unterschied sich das
eben geschilderte Pfründeverleihungsrecht von einem freien
Besetzungsrecht in nichts; tatsächlich war auch dieses Ver
leihungsrecht ein freies Besetzungsrecht.
Wie wir oben gesehen haben, bildete nach den Weis
tümern der Besitz der Pfarrpfründe ein wesentliches, wenn
nicht das wesentlichste Merkmal der Pfarreigenschaft.
Pfarrer wird nicht derjenige Priester genannt, welcher
die Seelsorge der Gemeinde versieht, sondern stets nur die

1) Vgl. v. Brünneck, Beiträge I, 14 fi‘. (oben S. 50, Note 3) und


II, 2111; Stutz, a. a. O. unter „Patronat“ S. 19; derselbe, Das habs
burgische Urbar S. 232 fl‘. und Geffcken, Die Krone und das niedere
Kirchengut unter Kaiser Friedrich II. S. 11; vgl. auch das Weistum von
Latsch, österr. Weistümer IV, 23431 und dazu oben S. 53, Note 1.
58 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

jenige Person, welche die Pfarrpfründe inne hat, gleichviel,


ob sie die Seelsorge persönlich ausübt oder durch andere aus
üben lässt 1).
Die Pfarrpfründe galt aber als Akzessorium des Ding
hofes 2), des grundherrlichen Hofes; der Eigentümer desselben
nahm daher nicht nur bei Vakanz der Pfarrei die Widem in
Besitz und bezog während dieser Zeit deren Nutzungen s),
sondern bestimmte auch denjenigen Geistlichen, welcher die
Pfründe von neuem erhalten sollte; gegen seinen Willen konnte
niemand damit „belehnt“ werden; er selbst nahm die „Beleh
nung“ vor, er händigte die Pfründe dem von ihm Bezeich
neten, von ihm Ernannten aus, er eröffnete durch die Beleh
nung dem neuen Pfarrer den Zugang zum Kirchengebäude,
um darin gottesdienstliche Handlungen vorzunehmen, und ge
währte ihm damit zugleich das Recht auf Besitz und Nutzung
(Gewere) des Kirchen- und Pfarrgutes für die Dauer seiner
Amtszeit 4).
Der Bischof war bei diesem ganzen Vorgang nur in so
weit beteiligt, als die Uebertragung der Pfarrpfründe auf den

1) Siehe oben S. 25 fl‘. ‘


11) Siehe oben S. 45, Note 5.
3) Oesterr. Weistümer V, 765 1‘ (Weistum von Schenna, im Wort
laut mitgeteilt oben S. 55) und VI, 3493 (Banntaiding der Herrschaft
Pfannberg, abgedruckt oben S. 56); vgl. hierzu auch Grimm III, 885
(Text unten S. 65, Note 5).
Nach den beiden ersterwähnten Weistümern stand somit den betr.
Grundherren das Recht der Zwischennutzung (Regalienrecht) zu (cf. hier
über Stutz, Die Eigenkirche S. 25 und den Artikel „Patronat“ a. a. O.
S. 18). Dass dem Grundherrn auch das Spolienrecht am Nachlass des
verstorbenen Pfarrers zustand, dafür konnte ich in den mir zugänglichen
Weistümern keine Belege auffinden; vgl. aber v. Brünneck, Beiträge
I, 24 und II, 56; ferner Stutz, Die Eigenkirche S. 27 und unter „Patronat“
S. 18; Gef f cken, Die Krone und das niedere Kirchengut unter Kaiser
Friedrich II. S. 12 i'll; sowie Eisenberg, Das Spolienrecht am Nach
lass der Geistlichen. Marburger juristische Doktordissertation 1896.
4) v. Brünneck, Beiträge I, 22 und Stutz a. a. O. unter „Patro
nat“ S. 19.
Rechte weltlicher Grundherren. 59

neuen Pfarrer nicht erfolgen durfte, bevor er seine Zustimmung


hiezu, die institutio collativa erteilt hatte 1). Da diese Zu
stimmung aber erteilt werden musste, sofern nicht ganz ge
wichtige Bedenken gegen die Persönlichkeit des Präsentierten
obwalteten‚ trat dieses Recht des Bischofs gegenüber dem des
Grundherrn völlig in den Hintergrund, so dass es in den
Weistümern überhaupt gar nicht erwähnt ist.
Tatsächlich mag es wohl auch nicht selten vorgekommen
sein, dass Grundherren Pfarreien verliehen haben, ohne sich
vorher mit dem Bischof über die Person des zu Ernennenden
in Verbindung gesetzt zu haben.

b) Geistliche Grundherren.
Wie‘ die weltlichen Grundherren waren auch die Klöster,
Kollegiatstifter etc. 2) ursprünglich Eigentümer der auf ihrem
Grund und Boden errichteten Kirchen und setzten als solche
die zur Verrichtung des Gottesdienstes erforderlichen Priester
nach freiem Belieben ein und ab 3).
Während nun im Laufe des XI. und der folgenden Jahr
hunderte das Eigentum der weltlichen Grundherren an ihren
Eigenkirchen und den dazu gehörigen Dotalgütern vollständig
verschwand und an dessen Stelle das Patronatrecht — frei
lich, wie wir sahen, meist noch nicht mit dem späteren, be
schränkten Inhalt — trat 4), blieben die geistlichen Grund
herren nicht nur vielfach im Besitze ihrer alten Eigentums
und Besetzungsrechte 5), sondern es wurden diese seit dem

1) Stutz a. a. O. S. 19.
2) Zu den geistlichen Grundherren rechne ich im folgenden auch den
Pfarrer von Litschau (österr. Weistümer VIII, 1062, Text oben S. 45, Note 4),
sowie die Spitäler (Grimm VI, 271" und 283 1. Ueber den kirchlichen
Charakter der Spitäler siehe Diözesanarchiv 1866, Bd. II, 279 ff.
3) S tu tz, Benefizialwesen
4) Hinschius, S. 166II,
Kirchenrecht ff; 631.
d ers elb e, Die Eigenkirche S. . 19.«4 i)“.
44‘1
5) S tutz, Das Münster zu Freiburg im Lichte rechtsgeschichtlichpr‘ «
Betrachtung S. 16/17. ‘
60 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

XII., hauptsächlich aber im XIII. Jahrhundert mittels der


Inkorporation auch solchen Herren wieder eingeräumt, deren
ursprüngliche Rechte sich bereits in Patronatrechte umgewan
delt hatten 1).
Entsprechend dieser Entwicklung finden wir in den Weis
tümern nur eine geringe Anzahl geistlicher Grundherren,
denen bezüglich der Pfarreien ihrer Dörfer lediglich ein Lehen-,
ein Pfründeverleihungsrecht 2), das heisst ein Patronatrecht im
Sinne der mittelalterlichen Praxis zustand 3); in den weitaus
meisten Fällen waren ihnen die betreffenden Pfarreien in
korporiert 2).

1) Hinschiu s, Zur Geschichte der Inkorporation und des Patronat


rechts S. 24.
2) Grimm II, 602 (Weistum von Dutisfeld 1506): „... wysent
sy . . . myn frawe von sant Thomas vur eyn grontherren . . ., Item myn
frauw ytzontgenant ist lehenherrn vnd gitfter der kyrchen“; V, 451 ".
Vgl. auch Grimm II, 618 (Weistum zu Barweiler): „Weifsen vnd er
kennen, dafs der abt des gefürsten gotshaufs zu st. Maxemin vur der
statt Trier, alfs verus patronus vnd collator der motterpfarkirchen
zu Vxheim schuldich . . .“; IV, 223 (Colcnge de Lapoutroie 1698): „le
seigneur dud. djnckhoff, qui est dont apresent monsieur Pabbe’ de Pairis,
est seigneur collateur dans les paroisses d’Orbey, La Poutroye et
Bonhomme“.
Die in den beiden letztgenannten Weistümern vorkommenden Aus
drücke „collator“ und „collateur“ sind offenbar nur Uebersetzungen des
deutschen Wortes „lehnherrn“ und wollen wie dieses nur zum Ausdruck
bringen, dass den betr. Grundherren das Recht zukam, die Pfarrpfründe
zu Lehn zu geben, zu verleihen.
Nach dem Weistum des Kapitels zu Achen (Grimm II, 789, Text
S. 16, Note 1) stand diesem Kapitel das Recht zu „den pfarrer zu Conzen
zu setzen“. Ob diese Pfarrei inkorporiert war, ist aus dem Weistum eben
sowenig ersichtlich als, welches der Umfang dieses Setzungsrechtes war.
Der Ausdruck „setzen“ legt aber die Vermutung nahe, dass das Dom
kapitel das freie Besetzungsrecht hatte (cf. oben S. 52, Note 1 und S. 53,
Note 2). Ein Kompatronat zwischen einem weltlichen und einem geist
lichen Patron bestand in Rothenflue (Grimm V, 55 2); vgl. auch Stutz,
M “Jans habsburgische Urbar s. 230.
„e ‚s‘ .3) cf. oben S. 5511‘.
‘ ‘) Dies ist insbesondere überall da der Fall, wo der Seelsorge
Rechte geistlicher Grundherren. 61

Diese Inkorporation erstreckte sich aber nach den uns


vorliegenden Weistümern keineswegs nur auf das Vermögen
der Kirche, sondern beinahe ausnahmslos auch auf das Pfarr
amt, so dass der Grundherr auch die Stellung des Pfarrers
einnahm und als solcher für die Seelsorge und den Gottes
dienst der Gemeinde zu sorgen hatte1).
Diese Sorge war jedoch meistens einem Weltgeistlichen,
geistliche den Namen „Leutpriester“ führt (cf. oben S. 25 f. und die
Noten dazu); vgl. auch Grimm I, 654 (I, 240 13 “‚ 15. 242). 811; II, 634;
III, 449; IV, 17. 21. 30. 67. 70. 104. 144. 3555 (37833). 4781; V, 50.
386“; VI, 268. 270 22. 2841 (3121). 6542; Gmür, Rechtsquellen von
St. Gallen I, 1, S. 291|92. 373 25.
1) Sog. incorporatio quoad temporalia et spiritualia oder incorpo
ratio plena (pleno iure) Hinschius II, 451.
Dass eine incorporatio plena vorliegt, ergibt sich für den
einzelnen Fall entweder daraus, dass der neben dem geistlichen Grund
herrn auftretende, die Seelsorge ausübende Geistliche den Namen Leut
priester (Pleban) führt, oder daraus, dass der betr. Grundherr bezw.
Patron selbst Pfarrer, Pastor, Parochus etc. genannt ist. Grimm III, 776
(Sendweistum zu Boppard 1412): „Item fragiten die vurgenannten herren,
. wer eyn pharner sy der pharkirehen zu Bopart . . .? Ist geant
worte, das das sy eyn proibst zu sente Martin zu Wurmifse, vnd die
seefs canoniche . . .“. IV, 77215 (Weistum zu Vettweisz 1383): „Item
wir schefienen ind dat gemeyne kirspel van Wys doen kunt, . . . dat wir
dye vurgenante heren van sent Merten in Oolne vur unse pastoere
halden . . .2 (Diese beiden Pfarreien III, 776 und IV, 772 15 gehören zu
den wenigen, wo der Grundherr nicht auch der Patron der Pfarrkirche
ist); IV, 67 und 70; V, 550 3. 557 2 (Wilgartswiesen): „Auch so weisen
wir mein herrn von Hornbach vor ein pastor . . .“; VI, 6542 (Masburg):
Dekan und Kapitel des Stifts zu Carden sind die „veri pastores“ der
Gemeinde; VI, 609 (Weistum des S. Florinshofes zu Kerlich 1551): die
Herren von St. Florin sind „rechte pastoer“ des Kirchspiels Kerlich;
Loersch S. 391 (Weistum des Sendgerichts für Niederspay, Oberspay
und Brey): „die Herren des Stifts St. Martin zu Worms sind die „rechten
pastoren“, Gmür, Rechtsquellen von St. Gallen I 1, 291 (Gaiserwald 1500);
das Kloster von St. Gallen ist „rechter kirchherr und pfarrer“.
Eine solche incorporatio plena kann auch zu Gunsten eines Frauen
klosters vorkommen (cf. Grimm IV, 17 u. 67/70).
Vgl. hierzu auch Hinschius, Zur Geschichte der Incorporation
und des Patronatrechts S. 19.
62 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

dem Leutpriester, übertragen, der an Stelle des Klosters, des


Stifts etc. die pfarrlichen Rechte ausübte 1) und von diesem
ohne Mitwirkung des Ordinarius frei eingesetzt wurde 2).
Hier war somit der Patron wirklicher Eigenkirchenherr.
In seinem Eigentum stand das Vermögen der Kirche, er be
zog dessen Einkünfte und verfügte nach freiem Belieben über
das Pfarramt; er konnte dasselbe selbst ausüben, das heisst
durch Regulargeistliche vom Kloster aus ausüben lassen 3)
oder auch die Ausübung desselben beliebig einem Geistlichen
übertragen, ohne in der Auswahl desselben durch Rechte des
Bischofs irgendwie beschränkt 4) zu sein.
Im Falle der Uebertragung des Pfarramtes an einen
Geistlichen leitete dieser das Recht zur Vornahme seelsorgeri
scher Funktionen nicht vom Bischof, sondern von ihm ab,
war daher sein Stellvertreter, sein Beamter 5), so dass er nur
von ihm ein- und abgesetzt werden konnte.

1) cf. oben S. 26.


1') Dieses Recht stand dem Patron, dem parochus habitualis, schon
nach gemeinem Kirchenrecht zu (Hinschius, Kirchenrecht II, 452);
vgl. auch Grimm IV, 30 (Weistum von Dammerkirch): „Item mein guc
dige frauw die abbtissin soll seczen einen leütpriester gen D.“; I, 188
(Rechte zu Appenzell 1379 Ü’). Der Abt von St. Gallen soll „vfi‘ die kilchen
ainen lütpriester vnd mesner geben vnd sazzen“; sowie III, 815.
3) Tatsächlich kam es jedoch selten vor, dass die Seelsorge vom
Kloster aus versehen wurde; cf. Grimm III, 776; V, 5501‘ (V, 594 2°),
sowie Geffcken, Die Krone und das niedere Kirchengut unter Kaiser
Friedrich II. S. 15/16. Denn die Gemeinden waren mit einer solchen
Pastoration nicht zufrieden und bestanden darauf, dass ihnen ein ständiger
Priester gesetzt werde, der im Dorfe wohne (cf. Grimm I, 188; III, 815;
IV, 105. 145. 304; VI, 654 ‘1).
4) Wohl war er mancherorts dadurch in seiner freien Entschliessung
beschränkt, dass die Gemeinden bei Erledigung der Leutpriesterstelle
ein Mitwirkungsrecht für sich in Anspruch nahmen (cf. unten S. 67 ff.).
In der Pfarrei Wangen in der March beanspruchten die Kirchgenossen
sogar das Präsentationsrecht bezüglich des einzusetzenden Leutpriesters
(Grimm IV, 354 1, Text unten S. 56, Note 3).
5) Aus diesem Verhältnis des parochus habitualis zum Leutpriester
Rechte geistlicher Grundherren. 63

Mit vollem Recht bezeichnet daher Stutz 1) die Inkorpo


ration als „das seit Einführung des Patronats isolierte, syste
matisch ausgebaute und mit besonderem Namen versehene
Eigenkirchenrecht “ .
In mehreren Weistümern wird trotz zweifellos vorliegen
der Inkorporation der die Seelsorge ausübende Geistliche
„Pfarrer“ oder „Pfarrherr“ genannt 2).
Hier lag somit -—- ob überall, mag dahingestellt bleiben 3) ——
nur eine Inkorporation quod temporalia oder minus plena vor.
Das heisst das betreffende Kloster oder Stift war wohl Eigen
tümer des Vermögens der Pfarrkirche, nicht aber auch Pfarrer,
sondern hatte aus den Einkünften der Pfarrpfründe an der

erklärt sich auch die häufig vorkommende Wendung „der kirchherr oder
sein leutpriester (cf. oben S. 26, Note 1).
1) Gött. Gel. Anzeigen 1904 Nr. 1 S. 18.
2) Grimm VI, 2681i‘. (Goldburghausen 1575): „Das dorf G., das
gericht, der kirchensatz, zehenden etc. . . . gehören allein dem gottshaus
(Spital) zue Nördlingen . . .11 und 271 22: „Und wann ein pfarrer abgehet,
so verleiht das spital die pfarr, und die pfarr ist confirmirt vom stuel zue
Rom. und ein ieglicher dem die pfarr verlihen wird, der soll geben ein in
strument, dasz er das spital bei der pfrüend wöll bleiben lassen “; vgl. auch
V, 553 23. 55812. 594". 607‘; Wasserschleben, Deutsche Rechts
quellen S. 238° (Altripp) und S. 260 1° (Bubenheim).
3) Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass das Volk den Leutpriester,
welcher ja tatsächlich die Stellung des Pfarrers einnahm, auch Pfarrer
nannte, wie auch heute noch von der Landbevölkerung die Seelsorge
geistlichen ohne Unterschied ihrer Stellung als Pfarrer bezeichnet werden.
So ist z. B. im Weistum von Weidenthal (Grimm V, 591) der die Seel
sorge eventuell ausübende Geistliche Pfarrer bezw. Pfarrherr genannt,
während es nach der Fassung des ä 29: „sofern von gemeltem stift
(Limburg) die gemein mit einem pfarhern versehen wür d, soll man dem
selben die zehende garb zu geben schuldig sein 11 keinem Zweifel unterliegen
kann, dass der hier als „pfarherr“ bezeichnete Geistliche nur ein Leut
priester war. Vgl. auch Stutz, Das Münster zu Freiburg etc. S. 21:
Obgleich das Münster zu Freiburg seit dem Jahre 1456 der Universität
daselbst inkorporiert war, führen die beiden Pfarrvikare Johannes Kerer
und Sebastian Villinger auf Grund besonderer Vergünstigung den Titel
Pfarrer.
64 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

betreffenden Kirche einen ständigen Benefiziaten zu unter


halten, welcher aber die pfarrlichen Rechte selbständig und in
eigenem Namen ausübte 1).
Auch hier scheint nach dem Wortlaut der in Betracht
kommenden Weistümer der Patron entgegen den Bestimmungen
des kanonischen Rechts, nach welchen ihm lediglich ein
Präsentationsrecht zukam 2), vielfach ein freies Besetzungsrecht
ausgeübt zu haben.
Dies war zweifellos der Fall in der Pfarrei Wilgarts
wiesen, in dessen Weistum es bezüglich des Besetzungsrechts
des Abtes von Hornbach heisst „Item so weisen wir, dasz
mein herr von Hornbach hat ein pfarrer zu setzen zu Wil
gertswiesen, mit wissen und willen der herrn amptleut und
der ganzen gemein unden und oben“ 2).
Dasselbe gilt für die Pfarrei Bubenheim, wo dem Patron,
dem Kloster St. Martin zu Worms, das Recht zustand, „den
Pfarrer zu setzen und zu entsetzen“ 4).
Auch die in den Weistümern von Hördt 5), Herxheim
am Sande 6) und Altripp 7) vorkommende Wendung, der Patron
ist verpflichtet, der Gemeinde aus den Einkünften der Pfarrei
einen Pfarrer zu „halten“ bezw. zu „erhalten“, lässt darauf
schliessen, dass diese Pfarrer vom Patron frei eingesetzt wur
den, insofern‘ aus derselben hervorgehen dürfte, dass jene Pfarrer
nur als Angestellte, als Beamte des betreffenden Patrons an
gesehen wurden 2). Zudem kommt diese Wendung auch be

1) cf. Hinschius, Kirchenrecht II, 446 sowie Grimm V, 55323


und 607 ‘.
2) Hinschiu s, Kirchenrecht II, 447.
3) Grimm V, 558 12; vgl. hierzu auch V, 557 2 u. 691 2.
4) W a s s er s c h l eb e n, Deutsche Rechtsquellen des Mittelalters
S. 260 1°; vgl. hierzu S. 53.
5) Grimm V, 55323.
6) Grimm V, 607 4.
7) Wasserschleben S. 238 6.
6) Bezüglich der Pfarreien Hördt und Herxheim (oben Note 5 u. 6)
ist nicht ausgeschlossen, dass ein incorporatio plena vorlag.
Rechte geistlicher Grundherren. 65

züglich des Leutpriesters vor 1), der, wie oben gezeigt 2), stets
frei eingesetzt wurde.
Hinsichtlich der Pfarrei Goldburghausen 3), welche dem
Spital zu Nördlingen inkorporiert war, ist dem Patron nur
das Recht zugesprochen, „die pfarr zu verleihen“. Ob dieses
Verleihungsrecht ein freies war, kann aus dem Wortlaut des
Weistums nicht festgestellt werden. So viel geht aber aus
demselben hervor, dass das Recht des Patrons bei der Be
setzung dieser Pfarrei nicht auf das Präsentationsrecht be
schränkt war.

2. Die Rechte der Gemeinden 2).

a) Die Zahl derjenigen Pfarreien, in denen nach den


‘Veistümern der Gemeinde das Patronatrecht zustand, ist
sehr klein.
Wir finden nur zwei Gemeinden, welche befugt waren,
die Person des neuen Pfarrers zu bestimmen 5), und es ist

1) Grimm VI, 6542; vgl. auch Grimm II, 770; III, 815 und
IV, 304 12.
2) S. 62, Note 2.
3) Grimm VI, 268, Text oben S. 63, Note 2.
2) Vgl. Hin schi u s II, 637; D ov e, Zeitschr. f. Kirchenrecht 1862,
Bd. 11,463; Hauck IV, 33111; Maurer, Dorfverfassung I, 371 u. II, 226 fli;
Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins 1856, Bd. VII, 318 3.
2) Grimm VI, 283 35 (W. v. Ehringen 1484, Text S. 49, Note 2);
III, 885 (W. zu Freiensteinau 1434): „Item sie han geweyst, wann das
kirchampt ledig werde, so sollen sie den slossel zur kirchen eyns hern
von Fulda amptman geben, der ine behalt, so lange bisz dye menner eins
kirchers vberkommen.“ (Beide Gemeinden sind grundherrlich.) Hierzu
kommt noch die Pfarrei Wangen in der March, in welcher die „Kirch
genossen“ das Präsentationsrecht bezüglich des Leutpriesters besassen
(Grimm IV, 3541, Text S. 66, Note 3). Häufiger kam es vor, dass
die Gemeinde den Frühmesser und andere Altarbenefiziaten einzusetzen
hatte. Vgl. z. B. österr. Weistümer IV, 11 15 fi‘. (Weistum von Glurns):
„Item von wegen der friemess, die ist der gemain und gehört der statt
zue . . . Item und so die gottsgab der friemöss daselbs ledig ist, so
Künstle, Deutsche Pfarrei. 5
66 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

nicht anzunehmen, dass noch mehrere andere Gemeinden das


selbe Recht besessen haben, da diese es gewiss nicht unter
lassen hätten, eine solch wichtige Befugnis durch Aufnahme
in ihre Weistümer gegenüber Dritten sicher zu stellenl).
Während nun das Besetzungsrecht der Grundherren und
sonstigen Patrone stets als Verleihungs-, Lehens- oder Ein
setzungsrecht bezeichnet ist 2), wird das der Gemeinde nur
Wahl-‚ bezw. Präsentationsrecht 3) genannt.
Hier ist somit schon durch den gebrauchten Ausdruck
jeder Zweifel über den Inhalt und den Umfang des den be
treffenden Gemeinden bei der Besetzung ihrer Pfarreien zu
stehenden Rechts ausgeschlossen.
Sie besassen lediglich das Recht, den anzustellenden
Pfarrer auszuwählen und dem Besetzungsberechtigten zu prä
sentieren 4).

mögen die von Gl. die ainem friemösser verleichen mit aller freihait
und gerechtigkait dem, der ihnen darzue gefölt, und die von Gl. seint
verleicher der wirdigen gottsgab.“
1) Dieser Satz gilt jedoch lediglich für die grundherrlichen Ge
meinden. Wie die Rechte der freien Gemeinden bei der Besetzung der
Pfarrei beschaffen waren, kann aus den Weistümern nicht ersehen werden,
da die wenigen Weistümer freier Gemeinden sich beinahe ausschliesslich
mit wirtschaftlichen Fragen befassen. Aus einer Reihe anderer Quellen
und Urkunden geht aber hervor, dass auch freie Bauerschaften und
Dörfer vielfach das Recht besassen, ihren Pfarrer zu wählen; vgl. die
S. 65, Note 4 angegebene Literatur.
2) Siehe oben S. 47.
5) Vgl. auch Grimm IV, 3541: Rechtung der Kilchgenossen von
Wangen in der March, nach welcher den „Kilchgenossen“ bezüglich des
Leutpriesters das Präsentationsrecht zustand , „wo ein weltlicher
priester zuo vns kunt, für den der merteil der vndertanen bit vnd in
gevelt, dem sol ein kilchherr die selben kilchen lihen willenklich an
alles wider reden“ (cf. auch hierzu IV, 355 ‘).
“) Ordinarius (Hinschius II, 43) einer Pfarrei braucht nicht not
wendig ein Bischof zu sein; es kann als solcher auch ein Abt als
praelatus nullius in Betracht kommen (Hinschius II, 343). In dem
S. 49, Note 2 angeführten Weistum von Ehringen (Grimm VI, 283 33)
Die Rechte der Gemeinden. 67.

b) Weit zahlreicher sind diejenigen Pfarreien, in welchen


der Gemeinde, wenn auch nicht das Patronatrecht, so doch
weitgehende Rechte bei der Besetzung des Seelsorgeramtes
zustanden, durch deren Anwendung sie nicht selten verhindern
konnte, dass eine ihr missliebige Persönlichkeit Pfarrer bezw.
Seelsorger wurde.
So ist zum Beispiel nach einigen Weistümern die Zustim
mung der Gemeinde zur Einsetzung des neuen Pfarrers 1) bezw.
Leutpriesters 2) erforderlich, oder es ist der Patron verpflichtet,
den bereits eingesetzten Geistlichen wieder fortzunehmen, wenn
er der Gemeinde nicht gefällt 3).
Nach anderen Weistümern muss der Pfarrer der Gemeinde

leiht ein Abt die Pfarrei E. an den von der Gemeinde präsentierten
Kandidaten. Wer dieser Abt ist, ist aus dem erwähnten Weistum nicht
ersichtlich. Wahrscheinlich war es der Abt von Heilbronn und nicht der
Grundherr der Gemeinde. Aber selbst wenn jener Abt nur der Patron
der Pfarrei E. wäre, würde dies an dem Rechte der Gemeinde E. nichts
ändern, insofern jener infolge des in ä 33 zum Ausdruck gebrachten
Rechts der Gemeinde gezwungen war, den ihm von dieser vorgeschla
genen Geistlichen seinerseits dem Ordinarius zu präsentieren, so dass
auch in diesem Fall die Gemeinde E. tatsächlich das Präsentationsrecht
besass.
1) Grimm V, 55812 (Wilgartswiesen): „Item so weisen wir, dasz
mein herr von Hornbach (= pastor primitivus vgl. 5 2) hat ein pfarrer
zu setzen zu W., mit wissen und willen der herrn amptleut
und der ganzen gemein unden und oben“; vgl. auch Grimm
IV, 354 1 (Text S. 66, Note 3).
2) Rochholz, Aargauer Weistümer S. 52 1’ (Offnung zu Zuffikon):
„wer je da kilchherr ist, der sol entheinen lupriester darsetzen an eins
twingherrn willen und öch an der gebursami willen“.
Siehe auch Zeitschr. f. schweizerisches Recht 1883. Bd. XXIV, 346 ‘3
(König Rudolfs Handveste für die Stadt Sursee) und Schauberg, Un
gedruckte schweiz. Rechtsquellen II, 501, Art. 211, Abs. II (Stadtrecht
von Diessenhofen).
3) Grimm II, 770 (Sendweistum zu Olef 1546, Text oben S. 52,
Note 2); vgl. auch VI, 283 31" (Ehringen, Text oben S. 49, Note 2); II, 789
(Achen 1533, Text oben S. 16, Note 1).
68 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

vor der endgültigen Amtseinsetzung vorgestellt 1) werden oder


vor der Investitur einige Probepredigten 2) halten, damit sie
sich von dessen Tauglichkeit überzeugen kann.
In wieder anderen Weistümern endlich muss der Pfarrer
der Gemeinde bei der Investitur feierlich versprechen, dass
er seinen pfarrlichen Pflichten getreulich nachkommen und
die Stolgebühren nicht erhöhen werde; erst wenn er dieses
Versprechen abgelegt l1a.t, gestattet ihm die Gemeinde, dass
er das Pfarrhaus beziehe und sein Amt ausübe 3), so dass die

1) Oesterr. Weistümer IV, 234 i“ (Latsch 1607): „Zum vierten,


die weil von alters bekanntlich gewest, dass ein ieder pfarrherr durch
ein bischof zu Kur, welcher der löblichen pfarr und staatlichen komunität,
wie in derselben briefen gesehen, nit allein ordinarius, sondern
vollmächtiger col ator gewest und noch ist, doch dass derselbigen
ihr fürstlichen gnaden, den mir für ein colator erkennen, uns, wie wir
dann gar nit zweifeln, als dieser ansehnlichen und statlichen pfarrmenig,
mit einen gelehrten exemplarischen und wol qualifizierten pfarrherrn, der
nit allein in administrierung der heiligen sacramente, predigen, gottes
dienste und auf der seelsorg fleissig sein achtung habe, fürsehe und
gnädigst begabe, auch denselbigen uns fürstelle, damit wir
dessen gewiss und uns gegen ihr fürslich gnaden . . . nicht zu beschweren
haben müchten. . . .“
2) Oesterr. Weistümer VIII, 459 33 (Stockeran XVII. Jahr
hundert): „soll kain pfarrherr alhie eingesetzt oder instaliert werden,
er habe dan seine 3. probpredig verricht; wann er alfsdann richter
und rath und ainer gesambten burgerschaft gefellig, soll er instaliert
werden“; vgl. auch Grimm IV, 106 (Lutterbach 1500): „Wenne ein
nfiwe kilchherre würt, der sol einen d i en st o der fün ff p funt gen,
e wir ime hulde tuon.“
3) Oesterr. Weistümer V, 180 15 (Mölten): „Ittem, so ain pfarrer
aufziecht, so soll man ihm die schlissel nit antworten, noch aufsperren,
bis er verspricht, die pfarr bei alten pfarrlichen rechten
zu halten; Gr ri m m IV, 442 1 (Role de la Paroisse de St. Ursanne):
„Et estant le cure presente et approuve par Pordinaire iceluy doib t
avoir serment aux parrochiens, de bien et debhuement administrer
1a. cure, en touts temps de peste et aultres, lequel serment sera defere
au dit cure par ung homme d’eglise ayant indulte a cette effect speciale
de son excellence reverendissime (Peveque de Bäle) ou de son vicaire
Die Rechte der Gemeinden. 69

vorher ergangene Amtsübertragungdurch den kirchlichen Oberen


tatsächlich an die Zustimmung der Gemeinde gebunden war,
und diese den Pfarrer in Pflicht nahm ).

général, lequel indulte impétrera par les parrochiens à leurs frais, et


semblablement doibvent les parrochiens avoir serment à leur curé.
Grimm I, 162 (Hofrecht von Adligenswil): „Wnd waere, das der
priester also vnendlich wer, so soll er (der „buwmeister“) von im solich
sicherheit naemen, das wir von im an gottes dienst vnuersumet
sin.“ Siehe auch die Weistümer S. 16, Note 1 und 3.
) Siehe auch Stutz, Das Münster zu Freiburg S. 28.
II. Abschnitt.
Rechte und Pflichten des Pfarrers.
Erstes Kapitel.
Rechte und Pflichten des Pfarrers in kirchlicher Beziehung.

I. Rechte.

1. Rechte in Bezug auf die Seelsorge.

Entsprechend dem Charakter der Pfarrei als untersten


kirchlichen Bezirks für die Verwaltung der Seelsorge ist
der Pfarrer als Vorsteher dieses Bezirkes in erster Linie
der Seelsorger der Bewohner des betreffenden Territoriums.
Kraft dieser Stellung steht ihm innerhalb seiner Pfarrei
die gesamte Seelsorge zu und zwar zu eigenem, ausschliess
lichem Recht; er ist, wie das Sendweistum von Olef aus dem
Jahr 1546 zutreffend sagt, der Pabst und Bischof seiner Pfarr
gemeinde 1).
Alle übrigen in der Pfarrei befindlichen Geistlichen er
scheinen demgemäss, soweit sie seelsorgerische Funktionen
vornehmen, stets nur als seine Gehilfen 2) bezw. Stellver
treter 3), die das Recht zur Ausübung der Seelsorge von ihm

1) Grimm II, 768 (Text oben S. 52, Note 1); vgl. dazu S. 54,
Note 1.
2) Das Abhängigkeitsverhältnis dieser tritt schon in ihrer Benennung
als Gesellen (Grimm IV, 30. 145; österr. Weistümer II, 78 3‘;
V, 251 13 etc.), G e s ellp ri e s t e r (österr. Weistümer I, 26 ‘5; V, 148 6 etc.),
Unterherren (österr. Weistümer V,1792°); Helfer (Grimm IV, 30;
VI, 276 17), Ooa dj u to r (Grimm II, 770) deutlich hervor.
3) Vgl. die Ausdrücke „der Kirchherr oder sein Leutpriester“ (oben
Pfarrliche Rechte betr. die Seelsorge. 71

ableiten, in seinem Namen und an seiner Statt handeln 1) und


daher auch von ihm nach freiem Belieben ein- und abgesetzt
werden 2).
Zwar kann es neben ihm in der Pfarrei noch Priester
mit eigenen Pfründen und eigenen, selbständigen Amtsbefug
nissen geben — wie die Frühmesser 3), Kapläne 2) u. dgl. —;
jedoch beschränken sich die diesen zustehenden Amtsbefugnisse
lediglich auf die Vornahme einzelner, durch Stiftung oder Her
kommen genau bestimmter, rein gottesdienstlicher Verrichtungen,
wie z. B. auf das Lesen der Messe zu gewissen Tageszeiten 5),
oder in bestimmten Kapellen 5).

S. 27, Note 2), sowie in den österr. Weistümern „Vikar“ II, 150 22;
V, 251 12. 315 25.
1) Grimm V, 1791 (Bernhardzell 1393): „ . .. das derselb kilch
herr oder lütpriester in der obgenanten kilchen ze B. ie an dem andern
sunnentag messe singen oder lesen sont, ald ain ander erber priester an
siner statt und von sinen wegen“; VI, 276 11 (Benzenzimmem 1450):
„ . . . Item ein pfarrer zu Munningen soll auch das volk zu B. nach
altem herkommen mit einem helfer versehen, der an statt eines pfarrers
wisz ihnen mitzutheilen die heiligen sacrament und was nach christ
licher ordnung not und guet seie.“
2) Das freie Ein- und Absetzungsrecht des Pfarrers ist überall grund
sätzlich anerkannt; die Gemeinde verlangt jedoch vielfach -— insbeson
dere in den österr. Weistümern -— sowohl bei der Ein- wie Absetzung
des Hülfspriesters gehört zu werden; vgl. österr. Weistümer V, 180 11.
307 1°. 31625. 319 24 u. a. a. O. m.
3) Grimm IV, 147. 289 12; VI, 225 1"; österr. Weistümer II, 150 22;
IV, 11 15 fi‘.
4) Grimm I, 445; IV, 341 1°. 384 25. 5695; V, 288. 368 32; österr.
Weistümer IV, 149 26; V, 306 33. 316 1 etc.; Hardt, Luxemburger Weis
tümer S. 135 3.
1") Oesterr. Weistümer IV, 11 26 (Glurns): „Item ain ieder friemösser
sol dann die früee möss fruee haben, damit ain arbaiter oder ehehalt
an ainem morgen zu ainer heiligen möss komben mög, als von alter
herkomben ist . . .“; 234 13 (Messe jeden Montag, Mittwoch und Freitag).
6) Oesterr. Weistümer V, 316 1 (Kaltern): „. . . oder aber unser ge
nediger herr von Oesterreich mag die selben güter nemen, so die von
Rotenburg zu den zwain messen in spital geben und gestiftet haben,
72 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Seelsorgerische Funktionen dürfen sie aber kraft eigenen


Rechtes nicht ausüben, sondern nur auf Grund ausdrücklicher
Ermächtigung des Pfarrers 1).
Im übrigen unterstehen auch sie der Aufsicht des Pfarr
geistlichen 2), zu dessen Unterstützung in der Seelsorge und
der Verwaltung des öflentlichen Gottesdienstes sie herangezogen
werden können3).
Das Recht des Pfarrers auf alleinige Ausübung der Seel
sorge ist aber nicht nur gegenüber anderen Geistlichen, son
dern auch gegenüber sämtlichen Pfarruntertanen ein aus
schliessliches.
Es ist diesen sowohl auf das strengste untersagt, sich in
die Seelsorge des Pfarrers einer fremden Pfarrei zu begeben 4),

und mag selber zwen erber kapplan darauf besetzen, die die selben zwo
messen Verwesen, und auch die güter darumb in nemen und niessent . . .11;
vgl. auch Grimm IV, 384 '6; V, 288. 368 32.
1) Grimm II, 769 (Olef): „Item wannehr ein fraw aufsgehet vnd
geleidt wirt, soll der pastor einen schillingh haben, vnd dal's soll nir
gens zugelafsen werden dan in der mutterkyrchen, efs
werde dan durch den pastor zugelafsen vnd erlaubet in
den capellen zu uergnnnen“; vgl. auch S. 71, Note 1.
2) Oesterr. Weistümer IV, 234 1‘ (Latsch): „Zum andern soll auch
ein pfarrherr fleissig achtung geben, damit dass die gestiften
früh m e s s e n, so alle montag, mittwoch und freitag fallen, von iezigen
und kinftigen frühmessern nach alter stiftung c el e b ri e r e t und ge
halten werden. . . .“
1) Oesterr. Weistümer IV, 11 3‘ (Glurns): „Item ain ieder friemösser
sol mit iedem p fa r e r h e l fe n s i n g e n zu ainer ieden vesper, metten
complet, ambt und begröbnussen, das ist von alters herkomben“; Grimm
IV, 25.
4) Oesterr. Weistümer VIII, 8 21 (Markgraf-Neusiedel): „das sich
kainer hie seiner rechten pfahr eissern oder entschlagen
solt sonder dieselb zu rechter zeit besuechen . . .“. Vgl. auch österr. Weis
tümer VI, 499 3 (Millstatt): „So ausserhalb der pfarr hochzeit
dingen, sollen ehe und zuvor vom herrn pfarrer erlaubnufs haben“;
VIII, 602 23; Grimm II, 263. 770; IV, 443 1’; Hardt, Luxemburger Weis
tümer S. 116 1’ (Sehnerweistum von Betzdorf); S. 1361’ (Senderweistum von
Brandenburg) und S. 532 1 (Mettendorfer Sehnerweistum).
Pfarrliche Rechte betr. die Seelsorge. 73

als auch zur Pflicht gemacht, selbst innerhalb der Pfarrei die
Sakramente und priesterlichen Segnungen nur von dem Pfarrer
in der Pfarrkirche zu empfangen ).
Von der Aufzählung der einzelnen, dem Pfarrer kraft
seines Seelsorgeramtes zustehenden Rechte glaube ich, um
Wiederholungen zu vermeiden, an dieser Stelle Umgang
nehmen zu können, da dieselben im grossen und ganzen iden
tisch sind mit den später zu behandelnden Pflichten“).
Nur sein Verhältnis zur Kirchen- und Sittenzucht“) mag
hier noch in Kürze gestreift werden.
Als Seelsorger der Gemeinde hatte der Pfarrer das Recht,
in kirchlicher oder sittlicher Hinsicht fehlende Gemeindeglieder
zu mahnen, zu warnen und zurechtzuweisen“).
AlsVerwalter des Busssakramentes konnte er ferner wegen
geheimer Vergehen in der Beicht auch kirchliche Strafen ver
hängen“).
Im übrigen stand aber die Gerichtsbarkeit über sittliche
wie kirchliche Vergehen innerhalb der Pfarrei (die Kirchen
und Sittenzucht) der Gemeinde zu"), welche dieselbe entweder
im Sendgericht") oder gelegentlich der alljährlich wieder

') cf. Grimm II,769(oben S. 72, Note 1): Jenes Gebot bezw. Ver
bot ist dort allerdings nur bezüglich der Beicht und der Aussegnung der
Wöchnerinnen ausdrücklich aufgestellt. Es kann jedoch keinem Zweifel
unterliegen, dass dasselbe auch für den Empfang der Sakramente galt
(cf. oben S. 21 f. und die Weistümer S. 72, Note 4).
*) Siehe unten S. 78.
*) Vgl. hierüber auch Hinschius II, 295ff. sowie Eichmann, Der
Recursus ab abusu S. 110.
*) Grimm IV, 442“, österr. Weistümer V, 599“.
*) Grimm I, 507 (Seligenstädter Sendweistum 1435): „.. . werde
dann dem ertzpriester (im Sendgericht) icht was vorbracht odir geruget
von firbrüchen wegen, dasselb mog er (der Pfarrer) strafen in der bichte“
vgl. auch Hinschius II, 295.
%) Siehe oben S. 12 ff.
') Grimm I, 504; II, 360. 455. 768; III,774; IV,613“, vgl. hier
zu Hinschius V. 425 ff.
74 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

kehrenden Gemeindeversammlungen) ausübte oder durch be


sondere Kirchenrichter“) ausüben liess.
Der Pfarrer war hiebei nur in so weit beteiligt, als er stets
Beisitzer), vielfach sogar der Vorsitzende“) des Sendgerichts
war, den Kirchenrichter zu ernennen") oder die von jenen
ausgesprochenen Strafen zu vollstrecken hatte ").

2. Rechte bei Anstellung der niederen Kirchendiener.


Für die Besorgung der niederen Kirchendienste bestand
im Mittelalter ein besonderes Amt, nämlich das des Messners").
Nach dem Ursprung“) sowohl wie den damit verbundenen
Obliegenheiten") war dasselbe ein Kirchenamt").

') Grimm I, 352*. 417. 846; IV, 442.


*) Grimm IV, 380“ (Kirchenrecht von Escholzmatt 1500): „Aber
ist recht, daz ein kilchherr hat ein kilchenrichter zu setzen, vnd der
richtet vber alle ding, die hienach geschriben stand etc.“.
*) Vgl. z. B. Grimm I, 507 (Seligenstädter Sendweistum 1435):
„Item, als unspherner an uns sintscheffen gefordert hat, yme ruge zu tun
von firbrechen wegen, und hat uns unser eyde gemanet, da sint wir
komen zu Aschaffenburg vor die scheffin . . . die han uns gewiset . . .,
das wir dem pherner kein ruge sullen tun . . ., denn wenn man den sint
haltet . . . so sitze ein pherner daby“. (Hier ist zugleich auch zum Aus
druck gebracht, dass da, wo die Zuständigkeit desSendgerichts begrün
det ist, die Strafgewalt des Pfarrers ausgeschlossen ist); III, 774.
*) Grimm II,361.618.768; III,774; VI, 64"; Hinschius V.,435.
*) Grimm IV, 380.
%) Grimm II, 768.
') Grimm I, 188. 374. 419. 445; III, 615; VI,277% auch Sigrist
(Grimm I, 163. 166. 705; IV, 380; V, 103. 411n 435. 455. 460.
482“. 490*); Glockner (I, 165. 447. 528; II, 424; III, 303 etc.);
Kirch wart (IV, 16*; V, 4131. 507 15; VI, 40826 etc.) und Küster
(Grimm II, 455; IV, 190) genannt. (Siehe auch Schäfer, Zur Ent
wickelung von Namen und Beruf des Küsters, Annalen des historischen
Vereins für den Niederrhein 1902. Bd. LXXIV, 163ff. und Stutz in
den Gött. Gel. Anzeigen 1904 Nr. 1, S.4, Note 1).
*) Vgl. Hinschius II, 103 und 364" (I, 4).
*) Die Obliegenheiten des Messners bestanden darin, den Pfarrer
bei Abhaltung des Gottesdienstes zu unterstützen (Grimm IV, 578*;
Pfarrliche Rechte betr. niedere Kirchendiener. 75

Mit Rücksicht darauf hätte die Besetzung desselben durch


die kirchlichen Organe, also den Pfarrer, erfolgen sollen.
Nach den Weistümern stand jedoch dieses Recht aus
schliesslich der Gemeinde 1) bezw. dem Grundherrn 2) zu.
Dem Pfarrer war nur vielfach ein Mitwirkungsrecht ein
geräumt, sei es, dass die Besetzung gemeinschaftlich durch Ge
meinde und Pfarrer 3) bezw. Gemeinde, Grundherrn und Pfarrer 4)
erfolgte, sei es, dass die Besetzung zwar durch die Gemeinde
allein erfolgte, der Pfarrer aber eine ihm missliebige Persön
lichkeit zurückweisen konnte 5).

3. Rechte des Pfarrers bei der Verwaltung des Kirchenvermögens 6).

Die Verwaltung des Kirchenvermögens 7) war bis in das


XIII. Jahrhundert 8) hinein ein ausschliessliches Recht der Kirche

VI, 482 26), das Heiligtum (Grimm IV, 190), den Kirchenschatz (Grimm
I, 163) zu hüten, die Paramente zu verwahren (Grimm VI, 409 32), für
das zum Gebrauch des Gottesdienstes erforderliche Oel und Wachs zu sorgen
(Grimm V, 587 15), das Glockengeläute zu besorgen (Grimm IV, 16. 28.
55. 76. 145. 150.230; V, 413. 587 11' etc.) u. dgl. m. Vgl. auch Hinschius
III, 322 und Mon e in der Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins 1851, II, 131.
1°) Hinschiu s I, 364 11; III, 322. Auf seine Eigenschaft als Kirchen
diener mag auch der Umstand zurückzuführen sein, dass er in mehreren
Gemeinden abgabenfrei war (Grimm I, 528; II, 822; IV, 144; V, 244 ‘).
1) Grimm I, 163. 166. 419; II, 424. 470. 634; IV, 570°; österr. Weis
tümer V, 148 ‘i. 18221. 202 ‘. 314 1°; VI, 240 1°. 293 12; VIII, 999 2‘1. Siehe
auch Zeitschr. f. deutsches Recht 1857, Bd. XVII, 135.
2) Grimm I, 188. 442. 445. 447; III, 559; IV, 57. 78. 144. 190;
V, 435 11. 553 23; Maurer, Dorfverfassung II, 453. 464; cf. auch Stutz,
Das habsburgische Urbar S. 233.
3) Grimm I, 163; II, 165. 424; V, 57311; VI, 277‘; österr. Weis
tümer IV, 28427; V, 251°; VIII, 232°.
4) Grimm V, 455 7. 482 22.
i) Grimm II, 165.
11) Für die Verhältnisse in den Kolonisationslanden vgl. v. Brünneck,
Beiträge zur Geschichte des Kirchenrechts in den deutschen Kolonisations
landen Heft II zur Geschichte des märkischen Provinzialkirchenrechts
S. 79 fll, die Verwaltung des Pfarr- und Kirchenguts.
76 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

und wurde in den ersten Jahrhunderten 1), wo das gesamte


Kirchenvermögen noch eine einheitliche Masse bildete, vom
Bischof 2) bezw. seinem Oekonomen 3), später aber, ungefähr
seit dem VI. Jahrhundert‘), nachdem die einzelnen Kirchen
in vermögensrechtlicher Hinsicht selbständig geworden waren,
von den an den betreffenden Kirchen angestellten Geistlichen
ausgeübt.
Seit dem XIII. Jahrhundert finden sich, insbesondere in
den Städten, neben dem Pfarrer auch Laien als Vertreter der
betreffenden Pfarrgemeinde an der Verwaltung des Kirchen
vermögens beteiligt 5).
In den folgenden Jahrhunderten trat der Pfarrer als
Verwalter des Kirchenvermögens immer mehr in den Hinter
grund.
Nach den Weistümern war die Verwaltung des Vermögens
der Pfarrkirche überall dem Pfarrer entzogen und stets be

2) Unter Kirchenvermögen ist im folgenden nur das Fabrikgut zu


verstehen, da die Verwaltung der „bona beneficii“ (Pfarrpfründe) dem
Pfarrer kraft seines Rechts als Nutzniesser zustand; vgl. v. Brünneck,
Beiträge II, 94 u. 97.
6) Hauck IV, 513.
1) Vgl. hierzu Stutz, Geschichte des kirchl. Benefizialwesens S. 1 ff.
2) Stutz, Benefizialwesen S. 1 ff. 44.
3) Friedberg S. 573.
4) Loening II, 635; Stutz, Benefizialwesen S. 47. 71 ff.
5) Hauck, Kirchengeschichte IV, 51 fll; vgl. auch v. Brünneck,
Beiträge II, 94 fl‘. In den Gebieten des germanischen Rechts, insbeson
dere im Frankenreiche war die oben dargestellte Entwickelung eine um
gekehrte. Hier war der Grundherr anfänglich als Eigentümer der auf
seinem Grund und Boden von ihm errichteten Eigenkirche zugleich auch
Eigentümer des dazu gehörigen Vermögens; ihm, und nicht der Kirche
stand daher auch die Verwaltung des betr. Kirchenguts zu; Stutz a. a. O.
S. 137. Im Laufe der Zeit trat hierin insofern eine Aenderung zu Gun
sten der Kirche ein, als der Grundherr das Eigentum an seiner Eigen
kirche und dem dazu gehörigen Vermögen verlor, und die Verwaltung
der letzteren eigenen, allerdings von ihm eingesetzten Organen übertragen
wurde (Grimm IV, 31961; V, 6431‘; VI, 408 26. 618).
Pfarrliche Rechte bei der Kirchengutsverwaltung. 77

sonderen Organen, den Kirchmeiern 1), Kirchenmeistern’), Hei


ligenpflegern 3), Kirchengeschworenen 4), Kirchpröbsten 5), Zech
meistern 6) und Zechpröbsten 7) anvertraut s).
Diese Personen galten aber nicht als Beamte der Kirche,
sondern der Gemeinde bezw. des Grundherrn und wurden da
her auch nicht vom Pfarrer, sondern von der Gemeinde 9) oder
dem Grundherrn 1°) ein- und abgesetzt, denen sie auch bei An
tritt ihres Amtes den Eid11) zu leisten und bei Beendigung
desselben — meistens nach Ablauf eines Jahres 12) — Rechen
schaft zu legen hatten 13).

1) Kirchmeier: Grimm IV, 24. 57. 3793; VI, 408 26.


2) Kirchenmeister: Grimm I, 621. 830; II, 147. 463; IV, 568 ".
7638; VI, 618. 684.
3) Heiligenpfleger: Grimm IV, 526’; V, 355 1*’ (Kirchenpfleger:
IV, 319 '11).
4) Kirchengeschworene: Grimm III, 110; IV, 612, V, 643 1‘.
5) Kirchprobst: Oesterr.Weist. II, 122 14; III, 341 s; IV, 51 32;V‚148 13.
8) Zechmeister: Oesterr. Weistümer V, 606 22.
7) Zechprobst: Oesterr. Weistümer VI, 455 1‘1; VIII, 760 1 (vgl. auch
Kirchenmombar: Grimm II, 771).
S) Wie aus obigen Noten zweifellos hervorgeht, ist die von
v. Brünneck in H. II seiner Beiträge S. 79180 ff. ganz allgemein auf
gestellte Behauptung, dass während des Mittelalters die Beteiligung der
Parochianen an der kirchlichen Vermögensverwaltung auf die Städte be
schränkt blieb und in den Dörfern überhaupt nicht oder doch höchstens
in einzelnen seltenen ‘Fällen Eingang gefunden habe, nicht richtig.
1’) Grimm IV, 24. 526; österr. Weistümer V, 606 22. Die Mitwir
kung der Gemeinden als solche ist im XV. und XVI. Jahrhundert noch
sehr gering. Im Vordergrund steht, dem Charakter der damaligen Ge
meinden entsprechend, das Recht des Grundherrn (vgl. Note 11 u. 13).
1°) Grimm I, 621. 830; VI, 618; vgl. auchNote 11 u. 13.
11) Dem Grundherrn: Grimm IV, 57; V, 355 12; VI, 408 26. Der Ge
meinde: österr. Weistümer VI, 455". Der Gemeinde und dem Pfarrer
gemeinschaftlich: österr. Weistümer IV, 51 32. 148 45; V, 606‘“; Grimm
IV, 526 1’.
12) Grimm IV, 31916; V, 35512. 643 14.
111) Dem Grundherrn: Grimm IV, 31961; V, 3551”. 64314; VI,
408 2‘. 618; österr. Weistümer II, 17 1°; Wasserschleben S. 260 1°; Der
Gemeinde: Grimm IV, 526 9; österr. Weistümer II, 16 3‘; V, 314 ‘. 542 15.
78 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Der Pfarrer war nur noch in so weit bei der Verwaltung


des Kirchenvermögens beteiligt, als die Rechenschaftslegung in
seiner Anwesenheit zu erfolgen hatte 3).

II. Pflichten.

Unter den dem Pfarrer als Seelsorger der Gemeinde ob


liegenden Pflichten sind insbesondere folgende ausdrücklich
hervorgehoben :
1. Die Abhaltung des öffentlichen Gemeindegottesdienstes.
Hierher gehört vor allem die Darbringung des Messopfers an
den Sonn- und Feiertagen 2), dann aber auch die Leitung der
Gemeindeflurprozessionen 3).
') Grimm IV, 57; österr. Weistümer V, 150 3‘; VI, 202 3°. 355 26; VIII,
760 1; vgl. auch Hardt S. 533 15 (Mettendorfer Sehnerweistum), wo zur Ver
äusserung von „Kirchengüter“ die Zustimmung des Pfarrers erforderlich ist.
2) Grimm II, 262 (Weistum zu Eschweiler 1401): „Zum ersten soll
ein jeder kyrcher, . . ., die kirch E. zu allen hochzeitlichen tagen
bedienen vnd versehen mit mifslesen, singen, predigen vnd tauffen
zu ewigen tagen“; IV, 763 3; V, 179 1. 607 4; österr. Weistümer V, 146 3
(Marlinger pfarr dorfbuech 1600), 170 33; H ardt, Lux. Weistümer S. 135
(Senderweistum zu Brandenburg 1588).
Feiertage waren ausser den vielen Frauentagen an manchen Orten
auch die Apostel- und Evangelistentage (Grimm IV, 763 3); Hardt S. 135
(Senderweistum zu Brandenburg); österr. Weistümer V, 146 3. 179 33.
Siehe auch Klingn er II, 1013 (Tschernowitzer Rüge 1555).
An diesen Tagen musste meistens ein Amt abgehalten werden
(Grimm II, 262; IV, 763 8; V, 179 1 und Hardt S. 135, Senderweistum
zu Brandenburg).
Vielfach musste auch an dem Tage, an dem das „Ding“ stattfand,
von dem Pfarrer die Messe gelesen werden (Grimm I, 705; II‚ 158;
IV, 623. 625 3).
Ob auch an den übrigen Werktagen die Messe zu lesen war (Grimm
III, 815), geht aus den Weistümern nicht zweifellos hervor; überall
scheint dies nicht notwendig gewesen zu sein, vgl. Grimm IV, 763 3
(dreimal in der Woche).
3) Oesterr. Weistümer IV, 128 2" (Taufers XVI. Jahrhundert): „Bei
solchem kreizgang soll der herr pfarrer selbsten beiwonen . . .“ II, 15 11’;
IV, 185 15; V, 179 4°.
Kirchliche Pflichten des Pfarrers. 79

2. Die Predigt an den Sonn- und Feiertagen).


3. Die Spendung der Sakramente“), insbesondere der
Taufe“) und Busse“).
4. Des weiteren hatte er den Pfarrangehörigen in allen
Lebenslagen mit den Segnungen der Kirche zur Seite zu stehen“).
Nach dieser Richtung ist hauptsächlich betont die Pflicht,
die Wöchnerinnen auszusegnen"), den Kranken das Viaticum
zu bringen "), den Sterbenden im Todeskampfe“) tröstend bei
) Grimm II,262(Weistum von Eschweiler,vgl.S.78,Note 2); II,448
(Weistum von Urmersbach 1574):„Zum ersten sollen sie einen dahe finden,
der das wort gottes verkündige . . .“; II, 770 (Weistum zu Olef 1546,
Text oben S. 9, Note 7), ferner ebenda 771: „Item alle sontagh vnd
heyligstag soll der pastor das wort gottes mit allem fleiss vnd nach allem
seinem vermugen verkundigen vnd predigen“ und ebenda weiter unten:
„Item der pastor soll des sontags zuGemund das wortgottesverkundigen.“
*) Grimm V, 607“ (Herxheim am Sande): „.. . ein pferrer, der
soll der gemein thon ein genügen am sontage und gebanten tagen
und mit den sacramenten, als recht ist“.
*) Grimm III, 776 (Sendweistum zu Boppard 1412): „Item fra
giten die vurgenannten herren, wer eyn pharner sy der pharkirchen zu B.
vnd dem folcke suille gereitschaft dune myt deiffen, mit be
reichten vnd von andern sachen, der noit von der heiliger kirchen
ist?“ III, 815 (Weistum zu Dünchenheim 1521): „Forters weisen wir“
(dass der Priester immer auf dem Widem zu finden sei) „wan man seiner
vonnötten hat leut zu berichten, kinder zu tauffen, frauen
auszusegnen vnd zu allen christlichen sachen, darzu sein von nöten
ist“; II, 262 (Text oben S. 78, Note 2); II, 769.
*) II, 769 (Sendweistum zu Olef): „Es soll ein jedes kyrspels kyndt,
der zum heiligen sacrament zu osteren gehet, bei seinem pastor
bichten“; vgl. auch III, 776 u. 815 (Text oben Note 3).
*) Grimm II, 769; III, 776 (oben Note 3); III, 815 (Weistum zu
Dünchenstein 1521): „Vnd in die kirch seye sie (die Aebtissin zu Stuben)
schuldig einen priester, der soll sein gott löblich vnd den nachbarn
behulfflich“; vgl. auch oben Note 3.
%) Grimm III, 815 (cf. oben Note 3); II, 769.
') Grimm IV,300" (Altstetten 1429): „vnd were das ein mentsch
krank läge, das er des heiligen sacramentes vnd der heilikeit notdurfftig
were, so mag der priester ze A. riten vntz an den sämen an die
stapffen ...“; II, 769/71.
*) Grimm II, 771 (Sendweistum zu Olef): „Item es sollen der
80 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

zustehen, sowie die Exequien in althergebrachter Weise abzu


halten 1).
Seinen Pflichten muss er mit grösster Sorgfalt nachkommen 2);
er muss, damit die Seelsorge keinen Schaden erleide, für genü
gende Hilfspriester sorgen 3)‚Tag und Nacht, früh und spät in seiner
Wohnung anzutreffen sein 4) und darf sich von seiner Pfarrei
nur dann entfernen, wenn er für einen Stellvertreter gesorgt hat 5).

Zweites Kapitel.
Rechte und Pflichten in wirtschaftlicher Beziehung.
I. Rechte.

Nach den Weistümern bestand das für den Unterhalt des


Pfarrgeistlichen bestimmte feste Vermögen stets aus einer bald
pastor vnd offerman zu aller zeit willigh vnd bereit sein zu uolgen
mit den heil. sacramenten einem jederen gehorsamen Christenmenschen
in notten seiner krankheiten vnd zu ermanen vnd vurgeben den todt vnd
leiden Christi.“
1) Grimm IV, 4441“ (Role de 1a Paroisse de St. Ursanne): „Et
seront tenus les eures et vicare celebrer le sacrifice de la messe pour
chasque trepasse trois fois, pour les obseques le premier, septieme et tren
tiäme . . .“; österr. Weistümer IV, 10 3°. 160 ‘° etc.
"') Oesterr. Weistümer IV, 23531 (Latsch): „Zum siebenten und be
schluss wellen wir, dass alle jahrtägfest, feiertäg, sonntäg und die fasten
zeit mit den gottesdiensten, predigen, auch allen christlichen ceremonien
fleissig sollen verricht werden, damit die ehre gottes berucht, das
volk zum guten vermahnt und endlich der willen der fundatoren oder
stifter vollzogen werde.“
s) Grimm II, 770 (den Text siehe oben S. 79, Note 1); IV, 30. 145;
VI, 2767; österr. Weistümer V, 251 11. 306 ‘a; VII, 356 7; VIII, 4534“
(Stockerau 1590: Der Pfarrer soll deutsche Hülfspriester halten), 459 36 etc.
4) Grimm III, 815 (Weistum zu Dünchenheim 1521): „Forters weisen
wir, dafs der priester soll haben einen wiedemh0b‚ darauf soll man inen
suchen vnd finden thagvnd nacht, frue vnd spat, wan man seiner
vonnötten hat . . .“; IV, 105. 145. 441 1"; österr. Weistümer IV, 235“.
5) Oesterr. Weistümer IV, 11 1 (Glurns): „Item, wann ain pfahrer
etwo hinreiten will, so soll er nindert hinreiten, er hab dann
einen andern an sein statt, damit niemant verkürzt wurd.“
Pfarrliche Rechte wirtschaftlicher Natur. 81

grösseren, bald geringeren Anzahl von Grundstücken, den


Widemgütern 1), welche von jenem, dem naturalwirtschaft
lichen Charakter der Zeit entsprechend grösstenteils selbst be
wirtschaftet wurden.
Auf diesen Umstand sind denn auch die zahlreichen wirt
schaftlichen Rechte zurückzuführen, welche dem Pfarrer nach
unseren Quellen innerhalb der Gemeinde zukamen.
1. Den weitesten Spielraum nahmen unter diesen Rechten
diejenigen ein, die ihm bezüglich der Benutzung des Gemeinde
landes, der Mark, der Almende, zustanden 2).
Der Umfang derselben war aber keineswegs in allen Ge
meinden derselbe.
Im allgemeinen war der Pfarrer nicht schlechter gestellt
wie die eigentlichen Markgenossen‘, er hatte dieselbe Holz
berechtigung 3), dasselbe Mast- und Weiderecht 4) wie jene, und
zwar in den freien Marken in seiner Eigenschaft als Märkerü)
und in den übrigen, den grundherrlichen Marken, auf Grund
alten Herkommens bezw. auf Grund ausdrücklichen Zugeständ
nisses ü) seitens des Grundherrn und der Genossenschaft 7).
In einer Reihe von Gemeinden —— und zwar ohne Rück
sicht auf ihren Charakter — waren ihm ausser den sonst gleichen
Rechten einige ganz bedeutende Vorrechte gegenüber den übrigen
Nutzungsberechtigten eingeräumt.
1) Vgl. unten S. 91 fi‘.
2) Vgl. Maurer, Dorfverfassung I, 226 fl’. und v. Brünneck
II, 91. (Siehe auch Grimm II, 769 und österr. Weistümer VII, 3563;
VIII, 1063 1° = Fischereirecht; ferner Grimm II, 769; III, 491; österr.
Weistümer VIII, 1063 2‘ = Jagdrecht.)
3) Hardt, Luxemburger Weistümer S. 373 Nr. 23, S. 401 Nr. 22
und S. 533 Nr. 12; Grimm II, 252; V, 374 18. 661 7 und Wigand, Wetz
lar’sche Beiträge III, 69 7 (oben S. 38, Note 2). Nur in einem Weistum
(österr. Weistümer II, 215“) ist dem Pfarrer dieses Recht ausdrücklich
abgesprochen.
4) Siehe die Weistümer S. 38, Note 2 und S. 87, Note 1.
5) S. 39 ff.
6) S. 38, Note 2.
7) Vgl. hierzu auch v. Brünneck, Beiträge II, 91.
Künstle, Deutsche Pfarrei. 6
82 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Diese bezogen sich der Beschaffenheit der Almende ent


sprechend hauptsächlich auf die Ausübung des Weiderechts.
Um Streitigkeiten unter den Genossen vorzubeugen und
eine rationelle Ausnützung der Weideflächen zu ermöglichen
und zu sichern, bestand von alten Zeiten her die zwingende
Vorschrift, dass das gesamte Vieh eines Dorfes nur in einer
Herde unter Aufsicht des von der Gemeinde angestellten und
besoldeten Hirten weiden dürfe 1).
Eine Ausnahme hiervon wurde nur zu Gunsten einzelner
besonders hervorragender Persönlichkeiten gemacht.
Zu diesen scheint in einigen Gemeinden ausser dem Grund
herrn auch der Pfarrer gehört zu haben.
So war ihm zum Beispiel in der „Altenhaslauer Mark“
die Vergünstigung eingeräumt, seine Herde unter einem eigenen
Hirten 2) weiden zu lassen.
Hiermit war, wie in dem betreffenden Weistum aus
drücklich betont ist, nicht auch das Recht auf einen „eigenen
Trieb“ verbunden 3), sondern er musste seine Herde an dem
selben Platz weiden lassen, an dem auch die Gemeindeherde
weidete. Der ihm durch jenes Recht gewährte Vorteil bestand
somit lediglich darin, dass seine Tiere einer besonderen Aufsicht
und Führung unterstellt waren.
In einigen wenigen Gemeinden hatte er aber auch das
weitergehende Recht auf eine „eigene Schäferei“, einen „eigenen
Trieb“ 4), das heisst die Befugnis, seine Herde, deren Grösse

1) Maurer, Markenverfassung S. 143.


2) Grimm III, 413. 418 2‘ (Weisung des Gerichts Altenhaslau 1461) :
„Darnach weist man einem gesefsenen pastor einen eigenen hirten
zu haben, das ist keine schäfferey .. .11
3) Grimm III, 418‘.
‘) Grimm III, 463 1° (Weistum der Oarber Mark 1499): „In der
mark soll keine schäferei sein, aufser zu Carben und Kaichen: es mag
aber ein pastor zu Kleincarben auch eyn scheferey haben, doch also
das er dieselbigen schaf alle nacht mit thoren und nagel beschliefsen
soll“ (vgl. hierzu auch die Note 1 S. 463; ferner V, 303 1° und 305 1');
Pfarrliche Rechte wirtschaftlicher Natur. 83

allerdings meistens genau festgesetzt war 1), unter einem eigenen


Hirten an einer von dem Treibgebiet der Gemeindeherde ver
schiedenen Stelle weiden zu lassen 2).
2. Ausser diesen auf die Benutzung der Almende sich
beziehenden Rechte waren dem Pfarrer noch öfters für die‘
Bewirtschaftung seiner Pfarrgüter besondere Vergünstigungen
gewährt.
In dieser Richtung sind insbesondere zu erwähnen:
a) Das Recht auf Vorschneid in der Ernte 3).
Im Mittelalter unterstand die Getreideernte — ähnlich
wie heute noch die Traubenlese — der Regelung der Gemeinde
und zwar in der Weise, dass deren Beginn von dieser und mit
der Wirkung festgesetzt wurde, dass vorher niemand Frucht
heimführen durfte 4). Nach den Weistümern war neben dem
Grundherrn auch dem Pfarrer mancherorts die Befugnis zu
gestanden, sein Getreide einige Tage vor den übrigen Dorf
bewohnern zu schneiden und heimzuführen.
b) Die Vergünstigung, dass die anderen Nachbarn die
zur Einbringung der Ernte erforderlichen Arbeiter erst dann

Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheines 1883. Bd. XXXVI, 278“; Loersch


S. 227 8 (siehe hierzu S. 226 3).
1) Grimm III, 4631”, Note 1 (200 Stück); V, 305° (400 Stück);
Loersch S. 227 8 (300 Stück).
2) Grimm II, 683, Abs. VII, 305 3.
3) Grimm III, 697 3‘ (Panteiding zu Patzmannsdorf 1460): „Item
sew ruegent vnd meldent, wann sew in dem ädöm (in den erndten)
wellent infüeren, so sol dye gmain mit ainander ainnig sein, so sol der
pharrer vnd der richter dew gmain begrüessen, das sy sew ainen tag
vor lassen f aren“. Oesterr. Weistümer VIII, 1113 (Zistersdorf XV. Jahr
hundert): „Item, der pfarrer mag albeg im jare wann er will in di
aw farn. “ Vgl. auch Ohlumecky, Einige Dorfweistümer aus Mähren, im
Archiv für Kunde österr. Geschichtsquellen, 1857 Bd. XVII‚ S. 56 Nr. 17.
4) Der Grund dieses Verbotes wird wohl -— wenigstens im Mittel
alter — in dem Zehntrecht des Grundherrn bezw. der Kirche und vor
allem in dem durch die Gemengelage geforderten Flurzwang zu suchen
88111 .
84 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

anwerben durften, wenn der Pfarrer seinen Bedarf an solchen


gedeckt hatte 1).
c) Die Befugnis, sein Getreide zuerst und vor allen anderen
Dorfinsassen in der Bannmühle mahlen zu dürfen 2).
3. Ausser und neben den unter Ziffer 2 und 3 aufgeführten
Rechten war der Pfarrer noch im Besitze einer Reihe von Be
vorzugungen, die sich zwar im Unterschied von den oben ge
nannten als Ausfluss der der Kirche und ihren Dienern zu
stehenden privilegia immunitatis 8) darstellen, jedoch infolge
ihres wirtschaftlichen Charakters an dieser Stelle kurz erwähnt
werden sollen, nämlich das Recht, eine eigene Badstube 4) und
einen eigenen Backofen 5) zu haben ‘1).

1) Oesterr. Weistümer VIII, 723 27 (Rechte des Marktes Zebing):


„Item, es soll niemant hie arbeiter gewinnen als lang bifs des von Walsee
Weingarten mit arbeit werden aufsgericht und das zue ieglicher arbeit,
und darnach des pfarrers, darnach die burger und dann die
weinzierl.“
2) Grimm III, 627 (Schönfelder Ehhaftsrecht): „auch sollen die
zu Sch. zu Hagenacker malen in der mül, . . ., und alsbald sie in die
mül kommen, so soll ihnen der müller aufschütten und malen vor
allermänniglich, ausgenommen vor einem pfarrer etc.“; Hardt,
S. 86 11. 9831.
3) Kaltenbaeck I, 487 3 (Marckthayding zu Neunkirchen): „Es wird
auch gemelt, dafs der Pfarrer zu N. einen freyen Böcken und einen
Fleischhaoker auf seinen Gründen haben mag, dann unser Frauen
Kirchen daselbst also befreyt ist.“
4) Oesterr. Weistümer VIII, 233 3° (Freiheiten und Rechte des Marktes
Raabs 1533): „soll im Oberndorff hie zu Rabtz kain badstuben sein,
ausgenommen im pfarrhoff und zehethoff, doch sollen sie ausser
irs gesints darinnen niemands baden lassen“. Vgl. hierzu Zeitschr.
f. d. Gesch. d. Oberrheins 1851, Bd. II, 259.
5) Oesterr. Weistümer VIII, 700 25 (Mühlbach 1586): „Es sollen
auch nicht mehr alfs drei pachöffen sein, in dem pfarrhoff ainer, in
der müll ainer und mitten in dem dorf ainer“; Kaltenbaeck I, 487 3
(Text oben Note 3).
8) Hierher gehört auch die Befugnis des Pfarrers, in seinem Pfarr
hof zu jeder Zeit und das ganze Jahr über ohne Rücksicht auf das Bann
recht des Grundherrn Wein ausschenken zu dürfen; vgl. österr. Weistümer
Pfarrliche Pflichten wirtschaftlicher Natur. 85

Diese Rechte waren im Mittelalter Bannrechte und stan


den als solche dem Grundherrn zu, so dass innerhalb der Mark
andere derartige Gewerbelokale nicht errichtet werden durften,
vielmehr sämtliche Bewohner des betreffenden Bezirks jene
gegen Entgelt benutzen mussten.
Im Interesse der Grundherren war jedoch die Benutzung
dieser vom Pfarrer getroffenen Einrichtungen öfters auf ihn
und sein Gesinde bezw. seine Holden beschränkt").

II., Pflichten.

Wie wir oben“) gesehen haben, war der Pfarrer den


Grundherren wie dem Staat gegenüber grundsätzlich von jeg
lichen Abgaben und Leistung von Diensten befreit.
Anders war sein Verhältnis zur Gemeinde.
Gegenüber dieser finden wir ihn – und zwar keineswegs
vereinzelt – nicht nur gleich den übrigen Dorfbewohnern zur
Tragung der Gemeindelasten herangezogen“), sondern darüber
hinaus noch mit besonderen, mit ausserordentlichen Pflichten
beschwert.

VIII, 109“ (Gerechtigkeit und Banntaiding der Pfarre zu Zistersdorf


1500). „Item, es hat auch dew widen und der pfarrer zwai leutheüser,
das ain ist auf der herschaft güt und dienet dem pfarrer 3 3 8, das
ander ist auf der widen güt und dienet dem pfarrer 3 3, 2 hünër; und
ist ain freis schenkhaus, und mag über jar schenken wann
und er will, man schenk panwein oder nicht. er mag auch wein
chaufen wo und er will án menickleichs irrung“; österr.Weistümer VII,
369“. 586". 10029; Hardt, S. 86 1. Vgl. hierzu auch den Aufsatz
über den „Weinbau im XIV–XVI.Jahrhundert“ in der Zeitschr. f. d.
Gesch. des Oberrheins 1852, Bd. III, 267.
') Oesterr. Weistümer VIII,2339(oben S. 84, Note 4);vgl.auch VII,
586" (Perchtholdsdorf): „. . . doch also das dieselben (Pfarrer etc.) nicht
zu viel wein ausschenken, damit die burger ihr wein auch schenken mügen,
alles ohn gefahr“; Grimm III, 599; Hardt S. 442.
*) S. 29 ff.
*) Vgl. hierzu die sehr bemerkenswerten Ausführungen bei v. Brün
neck, Beiträge II, 91 ff.
86 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

1. Die Pflicht zur Tragung der Gemeindelasten war, wie


der Anspruch auf Genuss der Gemeinderechte‚ Ausfluss der
Gemeindemitgliedschaft 1).
In denjenigen Gemeinden, denen der Pfarrer selbst als
Mitglied angehörte, wo er selbst vollberechtigter Märker 2)
war, war er daher prinzipiell in demselben Umfang zur Tra
gung der Gemeindelasten verpflichtet wie jeder andere Mit
märker, so dass die Befreiung von diesen nur auf einem ihm
von der Gemeinde verliehenen Privileg beruhen konnte.
Wie nun seine tatsächliche Stellung in diesen Gemeinden
war, ob er sämtliche oder nur einzelne Lasten zu tragen
hatte, oder 0b er gänzlich von denselben befreit war, lässt
sich aus den betreffenden Weistümern nicht feststellen.
Jedoch legt der Umstand, dass ihm nirgends eine Aus
nahmestellung ausdrücklich eingeräumt ist, die Folgerung
nahe, dass er entsprechend den gleichen Rechten auch die
gleichen Pflichten hatte. Hiefür spricht auch, dass er, wie
aus dem Weistum von Unterlangkampfen 3) hervorgeht, grund
sätzlich zur Uebernahme des Dorfmeisteramtes, das damals
nicht als Ehrenamt, sondern als eine Gemeindelast 4) ange
sehen wurde, verpflichtet war.
In den grundherrlichen Gemeinden dagegen war er als
Nichtmärker grundsätzlich von allen Gemeindelasten befreit 5).
Tatsächlich wurde er jedoch auch hier vielfach zu den
selben herangezogen.
Dies war ziemlich allgemein bezüglich derjenigen Lasten
der Fall, welche der Gemeinde durch die Benutzung der Al
menden erwuchsen.

1) Maurer, Markenverfassung ä 50.


2) Siehe oben S. 39 ff.
3) Oesterr. Weistümer II, 60"’ (siehe oben S. 89, Note 4).
‘) Maurer, Dorfverfassung II, 44; vgl. auch den Wortlaut des
zit. Weistums „doch ausserhalb aines herrn pfarrers etc.‚ so damit nit
beladen werden sol“.
i’) Siehe oben S. 361i‘.
Pfarrliche Pflichten wirtschaftlicher Natur. 87

Zu diesen gehörte in erster Linie die Unterhaltung der


Gemeindehirten.
Hiezu musste denn auch der Pfarrer, falls ihm nicht
das Recht zustand, einen eigenen Hirten zu halten, regelmässig
wie jeder andere Almendeberechtigte den nach der Zahl der
ausgetriebenen Tiere sich bemessenden Beitrag leisten 1).
Vereinzelt war er auch zur Mitwirkung beim Weg- und
Brückenbau 2) verpflichtet.
WVie aber schon aus der geringen Anzahl der betreffen
den Weistümer, sowie aus der ausdrücklichen Betonung dieser
Pflicht hervorgeht, handelte es sich hier nur um Ausnahms
fälle. Im allgemeinen scheint er sowohl von dieser wie den

1) Grimm VI, 44 15; österr.Weistümer VIII, 699 21 (oben S. 38, Note 3).
Diese Pflicht ergibt sich auch aus der grossen Anzahl derjenigen Weis
tümer, nach denen er für eine meistens genau bestimmte Anzahl Tiere
wegen der ihm anderweitig obliegenden Verbindlichkeiten (Stellung der
Zuchttiere) keinen Hirtenlohn zu entrichten brauchte; vgl. Grimm II, 263
(Weistum zu Eschweiler): „des (für die Haltung des „faselviehes“) soll
man dem kirchhern V stück rindviehe . . . ledigh zu lafsen“; II, 771;
III, 291 (zwei Schweine); III, 569 (für Eber 13 Stück „unverpfründ“);
VI, 31431 (für Eber „selb drit fri“); österr. Weistümer IV, 159 33 (für
Eber „hirten1ohn frei“); Zeitschr. f. schweiz. Recht 1883, Bd. XXIV, 353
(Twingrecht von Uffikon: Der Pfarrer hat den Wucherstier und den Eber
zu halten und ist hierfür vom Hirtenlohn befreit); Hardt, Luxemburger
Weistümer S. 373 1“ (Sehnerweistum zu Itzig 1619): der Pfarrer mag haben
4 stück Rindvieh, 8 Schaf und 8 Schwein „frey, los und ledigh alles
hirtenlohns . ..“; ebenda S. 533 11 (Mettendorfer Sehnerweistum): „ein
pastor hat macht, an kleinem viehe 32 stück, ahn groberem viehe 4 stück
zu halten ohne desfalls einichen hirtenlohn oder kosten zu geben“.
2) Grimm V, 2548 (Heldenberger Mark 1433): „sageten sie . . .,
das keine hofe zu H. fri sine solde, dan eins pherners hofe und eins edel
mans hofe . . ., und dach so sollen die alle paffen und etellude stuern
und helfen machen zu brocken, zu stegen und zu wegen glich andern
gemeindern“; II, 156 (Weist. zu Genzingen; Text oben S. 32, Note 1).
Oesterr. Weistümer VIII, 2321‘ (Raabs 1533): „sind unser burger und
underthanen im markt, so oft besserung der brucken von nöten, schuldig
ainen enfsbaum zu fuern, darzu der pfarrer ain ross leihen sol“;
III, 213 M.
88 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

anderen in persönlichen Dienstleistungen bestehenden und den


Markgenossen als solchen obliegenden Gemeindelasten infolge
seines Standes verschont gewesen zu sein, hatte aber anderer
seits eine Reihe von Verbindlichkeiten der Gemeinde und dem
Grundherrn gegenüber zu erfüllen, von denen die übrigen
Dorfbewohner befreit waren.
Die wichtigsten dieser ausserordentlichen Lasten waren
hauptsächlich folgende:
1. Die Pflicht, der Gemeinde das Zuchtvieh (faselvieh,
zielvieh, wuchertiere etc.) zu stellen).
Der Umfang dieser Pflicht war in den einzelnen Gemein
den verschieden; in den einen hatte er sämtliche Wuchertiere,
in den anderen nur einen Teil derselben zu halten *).

') Vgl. hierzu Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins 1852, III, 402.


*) Hengst, Stier, Eber und Widder: Grimm IV, 381 *; österr.
Weistümer IV, 159.
Hengst, Stier und Eber: Grimm IV, 355*.
Stier, Eber und Widder: Grimm II, 696; VI, 144*.
Stier und Eber: Grimm IV, 279; V, 1034; VI, 157; österr.
Weistümer II, 23120; III, 25:18; VIII, 699 30.
Eber und Widder: Grimm II, 771; IV, 7649; VI, 123.
Stier: Oesterr. Weistümer II, 1989; V, 316“; VIII, 1539.
Eber: Grimm II, 437. 528; III, 569; Wigand, Wetzlar’sche
Beiträge III, 69".
Widder: Grimm I, 404. 674; II, 272; Hardt, Luxemb. Weis
tümer S. 128 14.
In den weitaus meisten Gemeinden lag die Haltung des Zucht
viehes dem Grundherrn ob.
In einigen Gemeinden war diese Last geteilt zwischen dem Grund
herrn bezw. dessen Meier und dem Pfarrer; vgl. Grimm I, 463 (W. zu
Virnheim 1562): „Der schöff weiset zu recht, dasz der dorfher soll das
fasselviehe 2 theyl haltten, der pastor das drittheil. Man weisz wol, wie
man die hauffen theilt“; ebenso IV,528*; I,398(je zur Hälfte). 674(der
Meier „sol haben ein phaselrint und einen eber, und der kircherre einen
wider“); II, 437 (W. zu Duckweiler): „Item weist man v. gn. junckern
. ein fhuelen zu stellen vnder die pferde, item dem pastoir einen
beere“; IV,372" (der Meier einen Stier und einen Eber, der Pfarrer
„ein scheln“); VI, 157“ (der Meier und der Pfarrer je einen Stier und
Pfarrliche Pflichten wirtschaftlicher Natur. 89

Verschieden und mannigfach sind auch die Gründe,


welche in den Weistümern für die Tragung dieser Last durch
den Pfarrer angegeben sind.
In den meisten wurde dieselbe als Gegenleistung für den
ihm von der Gemeinde gewährten Zehnten 1) angesehen; in
einigen galt sie als Reallast des Widemhofes und musste da
her von dem Inhaber desselben, ohne Rücksicht auf die Person
getragen werden 2). .
Vereinzelt wurde ihm für das Halten der Zuchttiere eine
besondere Entschädigung geleistet und zwar entweder ’ in der
Weise, dass ihm von jedem Jungen eine bestimmte Abgabe
zu gewähren war 8), oder dadurch, dass er vom Hirtenlohn
ganz oder teilweise befreit war4).
2. Die Pflicht, auf dem „Ding“ das Amt des Gerichts
schreibers zu versehen 5).

einen Eber); H ardt, Luxemb. Weistümer S. 128 1‘: Der Pastor hat „das
geriedt under die schaff“ zu stellen, der „hoffmann des herrn“ unter
die Kühe und Schweine; österr. Weistümer III, 358 11: „der widem soll
haben einen pharrstier und der mairhof einen schweinpern“.
1) Grimm II, 533 (Hofgeding zu Udelhofen 1481 bezw. 1540):
„Item weisen die zehenden grofs vnd klein von allen sachen dem
pastoir zw, des sall der pastor zw geburlicher zeit stier vnd hier halten“;
vgl. auch II, 696; VI, 144 22; österr. Weistümer II, 1981° u. 2312°.
Als Aequivalent für den Empfang des kleinen Zehnten galt diese
Pflicht in den Weistümern: Grimm I, 404. 674; II, 272. 398; IV, 764 1°
V, 58152; österr. Weistümer III, 358 11; Hardt, Luxemb. Weistümer
S. 128 1‘.
2) Grimm VI, 221 1° (Holzkirchen 1450): „Item der uf dem widem
hof (sitzt) oder (den) inhat, der sol uf dem widemhof warten ainer ge
main mit ainem farn und bernswein“; V, 103‘ (Offnung von Fislisbach):
„Si hand ouch die rechtung zuo einem kilchherren, der inen soll haben
uf der Widum ein nutzlich wocherrind und ein nutzlich wocherschwin“;
V, 137 22 (Wengi 1475): „Item die widem sol haben ainen pfarren etc.“;
vgl. auch I, 43. 77 21. 263. 821; IV, 161. 321‘; VI, 2815 u. 317 22 etc.
3) Grimm IV, 279.
4) Siehe oben S. 87, Note 1.
5) Grimm I, 166 (Hofrecht zu Emmen 1303): „der vfsblybt on
eehafte not sols büssen mit 3 B, die erste buofs hört dem pfarrherren,
90 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Für diese Tätigkeit erhielt er aber meistens eine beson


dere Vergütung, bestehend in einem bestimmten Anteil der
Bussen 1). ‘
3. Den‚ Grundherrn und sein Gefolge gelegentlich der
Abhaltung des Dinges zu unterhalten 2) bezw. zu deren Unter
halt beizutragen f).

darumb er desselben tags schriber sin vnd die buossen verzeichnen sol . . .11;
II, 570; III, 616; IV, 51. 91. 105. 359 8. 372‘. 376 5. 6255; Hardt,
S. 152 18.
1) Grimm I, 166; IV, 51. 91. 35911. 372 ‘. 376 i. .
2) Grimm II, 251 (Kell 1542): „Verner erkennen vnndt wiesen ob
gem. scheffen, so ein erw. h. abt oder dessen kellner, knecht, ambtmann
quemen mit pferden oder zu fuefs, das jahrgedinge halten oder anderes
thun wollten, soll der pastor oder pfarherr sie ehrlich empfangen vnndt
ein weil's tischtugh uff den dische decken vnndt ein roeckenbroet vnndt
ein krausen mit Wasser dahin stellen, den pferdten gute strauwe laessen
machen, ruwefoeder geben vnndt ihnen die nacht das best thun her
bergen vnndt bedecken . . .11; III, 413. 4181“; IV, 91. 158. 170 2. 439;
österr. Weistümer VIII, 717 2°.
3) Grimm I, 679” (Boffisheim 1301): „wenne die eptissin des vorg.
closters zu offenem dinge dar kumt, so soll ir geben der kirchherr einen
imbis und der meier auch einen“; IV, 158. 237; österr. Weistümer
II, 41 ‘S; IV, 379 4.
III. Abschnitt.

Das Einkommen des Pfarrers.


Die hauptsächlichsten Einkommensquellen des Pfarrers
waren: die Pfarrgüter, die Zehnten und die Stolgebühren 1).

I. Die Pfarrgüter.
Den Grundstock der meisten Pfarrbenefizien bildeten im
Mittelalter die Widemgüter 2).
Bereits eine Bestimmung Ludwigs des Frommen setzte
voraus, dass jede mit einem Priester besetzte (Eigen)Kirche,
also namentlich jede Pfarrei mit mindestens einem Mansus =
30-40 Morgen Ackerland dotiert sein müsse 3).
Durch Schenkungen und Vermächtnisse hatte sich dieser
Grundbesitz im Laufe der Zeit sehr beträchtlich vermehrt 4).

1) Hauck IV, 48.


2) Es gab aber, wie z. B. aus dem Weistum von Goldburghausen
(Grimm VI, 270, ä 21) hervorgeht, auch Pfarreien, wo keine Widem
güter vorhanden waren, und das Einkommen des Pfarrers lediglich aus
fest bestimmten Naturalienabgaben der Pfarreiangehömgen bestand. Offen
bar ist hier das zweifellos früher vorhandene Pfarrgut bei der Inkorpo
ration der Pfarrei völlig eingezogen werden.
3) Mone‚ Zeitschr. f. d. Gesch. d. Oberrheins 1854, Bd. V, 35 ffi;
Rettberg II, 729-, Stutz, Die Eigenkirche S. 27; vgl. die schärfere
Interpretation dieser Bestimmung bei Stutz, Geschichte des kirchlichen
Benefizialwesens S. 255, Note 62 und Hauck II, 218, Note lfl‘.
4) Schefold, S. 277. Anderseits ist durch die Inkorporation die
finanzielle Grundlage mancher Pfarrei auf die Dauer vollständig ruiniert
worden. Die betr. Klöster etc. zogen die Pfarrgüter an sich und ver
liehen sie gegen bestimmte alljährlich zu entrichtende Zinsen an einzelne
Pfarrangehöflge, in deren Händen sie meistens für immer verblieben. Es
92 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Angaben über die Grösse der Pfarrgüter finden sich in


den Weistümern nicht"). Jedoch geht verschiedentlich aus
einzelnen Bestimmungen und Bemerkungen hervor“), dass
dieselbe öfters ganz bedeutend war. In manchen Gemein
den – insbesondere Oesterreichs – gehörte sogar der ge
samte Grund und Boden der Gemeinde zum Pfarrbenefizium,
so dass der Pfarrer der Grundherr des betreffenden Dorfes
war“).
In den überaus meisten Fällen bebaute der Pfarrer seine
Güter selbst“). Da, wo das Pfarrgut sehr umfassend war,
finden sich auch Teile derselben in den Händen von Laien,

kam zwar auch vor, dass ein Teil der früheren Pfarrpfründe dem von
dem parochus primitivus zu unterhaltenden plebanus bezw.vicarius per
petuus zugewiesen wurde, so dass dieser ein festes Anrecht darauf hatte
(Grimm IV, 30. 355; VI, 271*; siehe auch II, 270 und III, 815);
meistens erhielt letzterer aber von dem Inkorporationsbegünstigten nur
den notdürftigen Unterhalt auf die diesem gutdünkende Weise gewährt
und dies manchmal nur auf Drängen der betr.Gemeinde (vgl. Grimm
III, 815).
') Nur in dem „Pantaiding auf Hoflein ca. 1540“ (österr. Weistümer
VII, 1002“) sind die zur Pfarrpfründe gehörigen „Weingärten“ – aber
nur diese – namentlich und unter Angabe der Grösse („in summa 8 joch
1 quartale 1 rahen“) aufgezählt. Vgl. aber Pestalozzi, Das Zürcherische
Kirchengut S.28ff.
*) Hierher gehören die Bestimmungen über das Halten der Zucht
tiere, sowie über die ihm zustehenden wirtschaftlichen Rechte (eigene
Schäferei von 200 bis 400 Schafe, oben S. 83, Note 1).
*) Grimm V, 179/180; österr. Weistümer VIII, 1062 ff. (Rechte
und Banntaiding der Pfarre Litschau zu Eisgarn 1599): „Item, zu ver
merken, daß das dorf Eyßhier ist iberall gestieft und ungestieft 15 lehen,
vier halbe lehen, vier hoffstätt. und die lehen dien 15 d dem pfarrer
zu L. . . . und gehörent diefse holtung mit dem gericht und
obrigkait dem pfarrer zu L. zu als rechten grundherrn“;
vgl. auch I, 178 (Stiftrecht der Widem im Markte Abtenau 1570); VIII,
109 (Gerechtigkeit und Banntaiding der Pfarre zu Zistersdorf, XV. Jahr
hundert).
*) Dies ergibt sich aus den Bestimmungen über die ihm zustehenden
wirtschaftlichen Rechte und Pflichten.
Pfarrgüter. Zehnten. 93

und zwar entweder auf bestimmte Zeit als Pachtgüter 1) oder


dauernd als Lehengüter 2).

II. Die Zehnten 3).


Nach dem kanonischen Recht hatte der Pfarrer Anspruch
auf den kirchlichen Zehnten innerhalb seiner Pfarrei 4).
1) Vgl. z. B. österr. Weistümer lV, 11“ (Glurn s): „Item es ist
auch von alter herkomben, welcher nachtbauer zu G1. kürchenguet,
wüdenguet, friemössguet inn en h at, und güetermair ist und richtig
clichen zünset, den hat kein pfahrer etc. nicht zu vertreiben oder .
weiter zu vermairn ohn des burgermeisters etc. wüssen und wüllen‚
vorbehalten, ob ain nachtpauer von ainem pfarrer .. dingen wollt.“
Siehe auch Grimm, IV, 30 und v. Brünneck II, 83. .
2) Grimm I, 394 (Lossburg 1539): „Item der kilchherr hat aylff
lehen zu der pfarr gehörig, so jn dann seiner lehenhalb jrrung zu
stuend, oder eintrag geschehe, oder was seine lehenleut, sölcher
lehengüetter halb, spenn mit ainandern gewunnen, so soll
der kirchher ain gericht aufs seinen lehenleuten verordnen, vnndt die
oberkait vmb den stab pitten etc.“ Grimm V, 178; österr. Weis
tümer VIII, 109d‘. 2323 (Raabs. 1533): „soll des pfarrer richter
hie zu R. albegen bei unserm burgermaister etc. im bannthäding sein und
seins herren leut im rechten verantworten“; VIII, 281d‘. 748 “H.
959 11 fl‘.
Die Inhaber solcher Lehengüter bildeten innerhalb der Gemeinde
einen besonderen immunen (österr. Weistümer VIII, 109 1 mit 111'413“.
281 11) Verband mit dem Pfarrer an der Spitze. Sie gehörten weder der
grundherrlichen noch der wirtschaftlichen Gemeinde -— der Markgenossen
schaft — an und waren daher grundsätzlich sowohl vom Erscheinen im
Pantäding entbunden (österr. Weistümer VIII, 232 3. 283 11), als auch von
jeglichen Abgaben gegenüber dem Grundherrn wie der Gemeinde be
freit (österr. Weistümer VIII, 11121. 282 2". 958 12. 959 n) , hatten aber
anderseits keinen Anspruch auf Almendebenutzung (VIII, 1112‘); letztere
wurde ihnen jedoch vielfach von der Gemeinde eingeräumt (VIII. 111 2*),
wofür sie dann aber auch an den Gemeindelasten teilzunehmen hatten
(VIII, 111 1 ff. 958 n). Ihr Grundherr war der Pfarrer, unter dessen
alleiniger und ausschliesslicher niederer Gerichtsbarkeit sie standen (VIII,
110 3° fl“. 111 7. 111 33. 282 23) und dem sie auch allein abgabenpflichtig
waren (VIII, 111 "- 283). Vgl. auch Pestalozzi, Das Zürcherische
Kirchengut S. 31.
3) Vgl. Näheres hierüber Zeitschr. f. schweiz. Rechtsquellen 1854.
94 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Nach den Weistümern war er in dieser Hinsicht sehr


schlecht gestellt und zwar hauptsächlich in denjenigen Pfar
reien, welche Klöster und Stifter zu Grundherren hatten.
Nicht nur hatten diese unter dem Deckmantel der Inkor
poration das Vermögen der meisten Pfarrkirchen ihrer Dörfer
an sich gerissen, sondern sich auch in denjenigen Gemeinden,
wo ihnen dieses nicht gelungen war, den Zehnten entweder
ganz oder doch zum grössten Teil angeeignet 1).
So machen wir denn in den Weistümern die Wahrneh
mung, dass der Pfarrgeistliche nur in denjenigen Dörfern und
Gemeinden, die weltlichen Herren 2) gehörten bezw. frei
waren 8), die Zehnten ungeschmälert bezog 4), während er in
Bd. III, 50 ff: „Das Zehntrecht nach den schweizerischen Rechtsquellen“;
R ettb e r g, Kirchengeschichte Deutschlands II, 707; S ch ä f e r, Pfarrkirche
und Stift S. 19 fll; Hauck II, 222 ff: Pestalozzi, Das Zürcherische
Kirchengut S. 27 u. 32. Ueber die Entstehung des Zehntrechts der
Grundherren siehe insbesondere Stutz, Geschichte des kirch]. Benefizial
wesens S. 239 fl‘. 245. 263 und Imbart de la Tour, Paroisses rurales S. 2721i‘.
4) Schefold, Parochialrechte II, 259.
1) Der ganze Zehnt, der grosse und kleine, stand geistlichen Grund
herren in folgenden Weistümern zu: I, 776; II, 17. 115. 296 (618). (723).
736; III, 815; IV, 45218. 6111". 768"; V, 1021. 587 2. 679 13; VI, 323 7.
4261’. 43713. 46431. 562 8. Ob die betr. Pfarreien sämtlich inkorporiert
waren, kann nicht festgestellt werden; meistens wird dies wohl der Fall
gewesen sein.
Einem Laien wird der gesamte Zehnt nur in einem einzigen Weis
tum zugeteilt (Grimm II, 497 4), aber nicht in seiner Eigenschaft als
Grundherr des betr. Dorfes, sondern als Pfandbesitzer desselben. Ob der
Verpfänder ein geistlicher oder ein weltlicher Grundherr war, ist nicht
ersichtlich.
2) Grimm I, 445; II, 696. 768; III, 41511. Vgl. auch II, 533.
Hier stand im Jahr 1481, wo ein Kloster Grundherr war, der gesamte
Zehnt dem Kloster, im Jahr 1540 aber, wo der Graf von „Vianden und
Spanheim“ Herr des Dorfes war, dem Pfarrer zu. Nach Pestalozzi,
Das Zürcherische Kirchengut, S. 27, waren in Zürcherischen Landen nur
Klöster und Stifte zehntberechtigt, nicht auch weltliche Herren.
3) Grimm IV, 355 ‘.
4) Nur in zwei Weistümern (Grimm III, 492 und IV, 542 5) be
fanden sich auch weltliche Grundherren im Besitz von Zehntanteilen.
Zehnten. Stolgebühren. 95

denen der geistlichen Grundherren beinahe ausnahmslos nur


bezw. höchstens eine geringe Quote desselben, meistens den
dritten Teil) erhielt).

III. Die Stolgebühren).


In den Weistümern finden wir nur sehr spärliche Nach
richten darüber, ob und in welchem Umfange Stolgebühren zu
entrichten waren.
Nur einige wenige Weistümer“) regeln ausführlicher die
dem Pfarrer für die einzelnen Amtshandlungen besonders zu
gewährenden Abgaben; in einigen anderen finden sich noch
vereinzelt Festsetzungen der für eine bestimmte kirchliche
Funktion zu leistenden Gebühren) oder kurze, auf die
') Grimm I, 758; II, 257. 258; III, 364. 397; V, 544. 626.
698; VI 54. 525. 601 10; Alemannia 1902, Bd. III, N. F., S. 61;
Wasserschleben S. 286 * *; Hardt S. 99“. 3499. 372".
*) In einigen Weistümern bestand der Anteil des Pfarrers in der
Hälfte des grossen und kleinen Zehnten (so Grimm II, 398; IV, 57;
V,4517.568“;VI,5961; RochholzS.127; Loersch S. 214“;in anderen
bekam er dagegen nur den kleinen Zehnten (Grimm III, 393; IV,764";
Alemannia 1902, Bd. III, N. F., 68.80 etc.); in wieder anderen hatte er so
gar nur Anspruch auf /3 des kleinen Zehnten (Grimm I, 491; IV, 613";
V, 558). Vgl. auch Pestalozzi, Das Zürcherische Kirchengut S.33.
*) Vgl. hierzu Hauck II, 273.717; IV,48; Michael II,42; Sche
fold II, 304, insbesondere aber Stutz, Die Eigenkirche S. 27 und die
Artikel „Patronat“ S. 16 und „Pfarrer“ S. 242, wo darauf hingewiesen
wird, dass das Stolgebührenrecht erst durch das Eigenkirchenrecht zur
Herrschaft gebracht worden ist.
*) Grimm II, 262 (Weistum zu Eschweiler 1401); II, 768 (Send
weistum zu Olef 1546); IV, 379 (Kirchenrecht zu Eschholzmatt 1500);
Hardt, LuxemburgerWeistümer:Sehnerweistumzu Betzdorf1556(S.115);
Senderweistum zu Brandenburg 1588 (S. 135); Kirchenweistum von En
scheringen 1588 (S.212); Sehnerweistum zu Itzig 1619 (S.370); Metten
dorfer Sehnerweistum 1621 (S. 532); österr. Weistümer IV, 235"
(Latsch 1607) und V, 179*" (Mölten).
*) Grimm I, 241" (für den „Sant Johans segen 2 aimer win“).
Grimm II, 619 (W. zu Barweiler): Auff mendeltagh soll der pastor mit
dem custos mit der alter tauff von haus zu haus durch das gantzs kirspel
Q6 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Stolgebühren sich im allgemeinen beziehende Bemerkun


gen 1).
Die Nichterwähnung der Stolgebühren in einem Weistum,
das Bestimmungen über die kirchlichen Verhältnisse der Ge
meinde, insbesondere über die Rechte und Pflichten des
Pfarrers enthält, könnte nun die Folgerung nahelegen, in
diesen Pfarreien habe der Pfarrgeistliche keinen Anspruch auf
Stolgebühren gehabt.
Es mag zugegeben sein, dass man in manchen Gemeinden
die Pfründe sowie die Zehnten und die übrigen dem Pfarrer
gewährten wirtschaftlichen Vergünstigungen für eine genügende
Entschädigung hielt und ihm daher nicht noch Stolgebühren
bezahlte.
Ferner darf auch angenommen werden, dass er dort, wo
ihm für einzelne Amtshandlungen eine besondere Vergütung
zugesprochen ist, für die nichterwähnten nichts zu fordern
hatte.
Es wäre aber verfehlt, bezüglich all derjenigen Gemein
den, deren Weistümer die Stolgebührenfrage nicht regeln,
anzunehmen, der Pfarrer habe keinen Anspruch auf solche
gehabt.
I-Iiegegen spricht schon die Erwägung, dass die meisten
Weistümer, welche sich mit dem Pfarrer abgeben, hauptsäch
lich und in erster Linie Bestimmungen über seine wirtschaft
lichen Rechte und Pflichten treffen und nur nebenbei auch
seine kirchlichen berühren.
Ausserdem ergibt sich aus gelegentlichen Bemerkungen

gehen, dafs taufwafser aufstheilen, vnd soll iedes haufs, das rauch hält,
dem pastor geben ij eier, dem custos j ey. Von einem bastardts kindt
zu tauffen, gepürt dem pastor sechs albus“. Grimm III, 881 (für ein
Begräbnis „sibin schillinge phenninge vnde vier phenninge fuldischer
muntze“); III, 889 („selgenreth XVII groschen“): österr. Weistümer IV,
10 3° und 160 3° (Gebühren für Begräbnis und Abhaltung der Exequien,
sowie für das Hochzeitsamt).
1) Oesterr. Weistümer V, 242 4. 31531; VIlI, 763 5.
Stolgebühren. Q7

in einigen Weistümern, dass auch in solchen Gemeinden, deren


Weistümer die Stolgebühren nicht festsetzen, solche zu ent
richten waren.
So bestimmt zum Beispiel das Weistum von Kaltern1),
dass der Pfarrer seinen Gesellen als Lohn ausser „XL phunt
perner“ noch „darzu volgen lassen sol, was von der stole ge
vellet“, ohne dass in dem betreffenden Weistum, weder vor
noch nach jener Bestimmung, die Stolgebühren des Pfarrers
näher geregelt sind 2).
Nach den Weistümern, die Bestimmungen über die Stol
gebühren enthalten, waren nun dem Pfarrer hauptsächlich für
folgende Amtshandlungen besondere Vergütungen zu gewähren,
nämlich für die Taufe 3), die Aussegnung der Wöchnerinnen‘),
die Erlassung des Eheaufgebotes und die Eheschliessung 5),
für den Versehgang ‘1), das ist die Verbringung der hl. Eucha
ristie zu einem Sterbenden bezw. Kranken, die Spendung der
letzten Oelung (der „jüngsten toufif“) 7), für die Vornahme des
Begräbnisses S) und der Exequien 9). Ausserdem mussten vieler
1) Oesterr. Weistümer V, 315 3°.
2) Vgl. auch österr. Weistümer V, 2421 (Stein auf dem Ritten)
und VIII, 763° (Gars 1430). In diesen beiden Weistümern ist einerseits
den Pfarruntertanen geboten, die „alte pfarliche stol und gerechtigkeiten
(VIII, 763 14)“ sorgfältig zu bezahlen, anderseits aber auch dem Pfarrer
verboten, jene einseitig zu erhöhen. Es ist aber weder angegeben, für
welche priesterlichen Handlungen Stolgebühren zu entrichten sind, noch
ist deren Höhe bestimmt
3) Grimm II, 262. 769; österr. Weistümer IV, 235”; sowie die
S. 95, Note 4 angegebenen Luxemburger Weistümer.
4) Grimm II, 769; Hardt: Sendweistum zu Betzdorf (S. 115),
Brandenburg (S. 135), Itzig (S. 370) und Mettendorf (S. 332).
5) Grimm II, 262. 769; Hardt: Sendweistum zu Betzdorf, Branden
burg, Enscheringen (S. 212), Itzig und Mettendorf.
5) GrimmII, 263. 269; IV, 380°; Hardt: Sendweistum zu Branden
burg, Enscheringen und Mettendorf; österr. Weistümer IV, 235.
7) Grimm IV, 380°; österr. Weistümer IV, 235".
s) Grimm II, 262; III, 881; österr. Weistümer IV, 10 3°. 160 3°. 235 22
und die unter Note 6 erwähnten Luxemburger Weistümer.
9) Oesterr. Weistümer IV, 10 3°. 160 3°.
Kün stle, Deutsche Pfarrei. 7
98 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

orts alle „verrichten personen“), das heisst diejenigen, welche


an Ostern zur Beicht und Kommunion gegangen waren, dem
Pfarrer an den vier „hochzeiten“) des Jahres, das ist Weih
nachten, Ostern, Pfingsten und Allerheiligen bezw. „frawen
krautweyngh“), genau bestimmte Opfer spenden“).
Der Gegenstand der zu leistenden Vergütung war in den
einzelnen Pfarreien verschieden und bestand bald in Geld,
bald in Naturalien). So erhielt er:
1. Für die Taufe: ij Metzer albus), einen schilling"),
den dritten Teil des Patengeschenkes“), ein Brot ), zweijunge
Hähne und ein Stück Lebkuchen) etc.
2. Für die Aussegnung der Wöchnerinnen: einen Schil
ling), Eier"), zwei junge Hennen), einen Hahn"),

') Hardt S.137*(Senderweistum zu Brandenburg); Grimm II,769.


*) Grimm IV,380“; Hardt:Sehnerweistum zu Betzdorf(S. 116').
*) Grimm II, 769.
*) Ferner erhielt er an manchen Orten auch für die Teilnahme an
den Gemeindeflurprozessionen besondere Bezahlung; siehe österr. Weis
tümer IV, 149* und V, 241 *; ferner IV, 235 (Latsch), wo auch die
Gebühr für ein „amt, virgil und leichpredigt“ festgesetzt ist.
*) Da, wo der Anspruch des Pfarrers in Geldleistungen bestand, war
er nicht verpflichtet, statt des Geldes Naturalien anzunehmen, es sei denn,
dass der Verpflichtete ausser stande war, in Geld zu bezahlen. Für
diesen Fall bestimmt dasWeistum von Glurns (österr.Weistümer IV, 11"):
„. . . zween burger vom rat, die sollen denn den werth betheiern, und wie
er betheiert oder geschätzt wird, also soll er genomben und gegeben
werden.“
') Grimm II, 263; vgl. auch II, 619 (oben S. 95, Note 5).
') Grimm II, 769.
*) Hardt, Sehnerweistum zu Betzdorf (S. 116): „ein dritteil des
Wertes in Geld, so dem Kind uber tauf wird“, und Send-(Kirchen-)
Weistum zu Enscheringen (S. 214').
*) Hardt: Senderweistum zu Brandenburg (S. 137).
') Hardt: Mettendorfer Sehnerweistum (S. 532").
') Grimm II, 769.
*) Hardt: Sehnerweistum zu Betzdorf (S. 116 ’9).
') Hardt: Senderweistum zu Brandenburg (S. 137*).
') Hardt: Sehnerweistum zu Itzig (S. 374“).
-
Stolgebühren. 99

Steuber bezw. „ein pfenningh von den ausleidenden wei


bern“).
3. Für die dreimalige Verkündigung des Ehevorhabens,
die „drei manungh“*) nur Geldbeträge, deren Höhe aber ver
schieden war, je nachdem die Ehe in der Pfarrkirche oder
auswärts eingegangen wurde").
Meistens erstreckte sich aber die für die Eheschliessung
zu gewährende Gebühr auch auf das Eheaufgebot“), so dass
für letzteres nur dann eine Abgabe zu entrichten war, wenn
der Eheabschluss auswärts erfolgte"). Mancherorts waren aber
sowohl für das Eheaufgebot wie für die Eheschliessung be
sondere Gebühren zu gewähren, in anderen Pfarreien dagegen
nur für die „manungh“, nicht auch für die Eheschliessung").
4. Für die Eheschliessung stets nur Naturalien"). So
hatte er nach dem Sendweistum zu Olef zu beanspruchen:
„23 weins, einen braden, vnd einen weysplatz, vnd vf den
tagh des beuehlens ein paar symbscher handtschuch“*). Ferner
nach dem Weistum zu Eschweiler“): „zwo massen wein, zwei
brot, ein stück rindfleisch ahn der brost; hatt sich aber der
arm man verhauwen durch der koch, soll er so gut als sechs
pfundt ander rindtfleisch geben“; nach dem Senderweistum
zu Betzdorf „ein doppelt essen an fleisch, zwei brod und zwei
mass wein“ etc.").

') Hardt: Mettendorfer Sehnerweistum (S. 532).


*) Grimm II, 263. 769; Sendweistum zu Brandenburg (S. 137).
*) Grimm II, 770. 263 (III Metzer Albus bezw.: „ein goldtgulden
vnd ein Metzer albus fur sein gutwissen vnd ehrlichen abscheidt“. Hardt:
Mettendorfer Sehnerweistum (S. 532'', 10 bezw. 12 Steuber.)
*) Hardt: Senderweistum zu Itzig (S. 373*).
*) Grimm II, 769/770.
') Hardt: Sehnerweistum zu Brandenburg (S. 137). -

') Ausgenommen zu Latsch (1607), österr. Weistümer IV,235 -


-
-

Hier erhielt er für „ein hochzeit einsegnen“ 6 Kreuzer. - - - - - - -


*) Grimm II, 769. - - -

*) Grimm II, 263. --

") Hardt S. 116"; vgl. auch das Kirchenweistum zu Enscherin


100 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

5. Für den Versehgang nur Geld „12 albus und 3 ß“ 1);


„einen plaphart und nün angster“ 2); — „iij. blancq und ein
henne“, wofür aber im Falle des Absterbens noch 4 Messen
zu lesen waren 3).
6. Für das Begräbnis: 6 Schilling für das Begräbnis
einer erwachsenen Person und 4 Schilling für das eines Kin
des 4); 2 Sester Korn oder 4 Brod für das Begräbnis eines
Mannes und 1/2 Sester Korn oder drei Brod für das einer
Frau 5); 7 Steuber ‘1) etc. 7).
7. Für die Exequien, bestehend in drei Messen, nämlich
am Tage der Beerdigung, am siebenten und dreissigsten Tag
nach derselben je „ein pfundt perner“ 8).
Anspruch auf die Stolgebühren hatte nach kanonischem
Recht der Pfarrer, gleichviel ob die gebührenpflichtige Hand
lung von ihm selbst vorgenommen worden war oder nicht.

gen (S. 21416 „j. sester weins, iiij brodt, iij gericht, von icklichen ein
schüssel, ein stück rintfleisch rou [roh] “). Sehnerweistum zu Itzig:
1/2 Sester Wein, 2 Brod, den „brustkern von ochsen oder das best stuck
darnach, wie auch allerley gemeinen kosten wie uf der hochzeit ge
speist wird“; wenn kein Mahl gegeben wird, müssen die Brautleute sich
mit dem Pastor vergleichen. Oesterr. Weistümer IV, 160“ (1 f. und
das Essen).
1) Grimm II, 769.
2) Grimm IV, 380‘.
3) Hardt: Kirchenweistum zu Enscheringen (S. 2151’).
‘) Grimm II, 262/63; vgl. auch III, 881 (oben S. 95, Note 5).
5) Hardt: Sehnerweistum zu Brandenburg (S. 136 2).
‘) Hardt: Sehnerweistum zu Itzig (S. 37427).
7) In den österr. Weistümern wurde die Vornahme des Begräb
nisses im allgemeinen nicht besonders entlohnt, sondern für dieses und
die drei Seelenmessen meistens eine bestimmte Summe bezahlt; vgl.
österr. Weistümer IV, 103°. 160 3°. Ausnahme für das Begräbnis eines
. Kindes IV, 160‘1 (3 Kr.); vgl. auch IV, 235 26.
6) Oesterr. Weistümer IV, 10 3°. 16031’. Hier war es ausserdem
noch Sitte, dass der Pfarrer in den ersten dreissig Tagen jeden Tag
s das Grab des Verstorbenen zu segnen hatte, wofür er aber mancher
‚. “ 1’erts eine besondere Gebühr (IV, 10 6° : 30 Kreuzer) zu beanspruchen
L
Stolgebühren. 10 1

Bei inkorporierten Pfarreien waren sie daher nicht dem


die Seelsorge ausübenden Geistlichen, sondern dem parochus
primitivus zu entrichten 1).
Ob und in welchem Umfange letzterer von diesem Recht
Gebrauch machte, kann aus den Weistümern nicht ersehen
werden 2).

1) Hinschius II, 449/450. _


2) Vgl. aber Diözesanarchiv 1870, Bd. V, 181‘.
IV. Abschnitt.

Die kirchliche Baulast.


Nach gemeinem Kirchenrecht sind die Kosten für die
Instandhaltung und Wiederherstellung der Pfarrkirche sowohl
wie des Pfarrhauses in erster Linie aus der Kirchenfabrik zu
bestreiten. Ist kein Fabrikgut vorhanden, oder reicht es nicht
aus, dann haften subsidiär all diejenigen, welche irgend
welche Einkünfte von der betreffenden Kirche beziehen, die
Patrone, die Zehntherren, der Pfarrer und die sonstigen
Benefiziaten mit dem Ueberschuss der Congrua und im Not
falle, an letzter Stelle die Parochianen nach Massgabe ihres
Vermögens 1).
Bezüglich der Baulast des Pfarrhauses finden sich in
den Weistümern nur sehr wenige Bestimmungen, die zudem
so sehr verschieden sind, dass sich aus denselben ein allge
meiner Grundsatz nicht aufstellen lässt.
Nach einigen Weistümern lag der Gemeinde die Pflicht
ob, das Pfarrhaus, aber nur dieses, nicht auch die dazu ge
hörigen Oekonomiegebäude, falls dasselbe durch Feuer oder
auf irgend eine andere Weise ohne Verschulden des Pfarrers
zerstört wurde, wieder im Rohbau herzustellen, während die
innere Ausrichtung, sowie die Unterhaltung derselben der
Pfarrer bezw. Patron auf sich zu nehmen hatte 2).

1) S t u t z , Kirchenrecht ä 104, S. 954; Fr i e d b e rg, Lehrbuch des


Kirchenrechts S. 569; vgl. auch Pestalozzi, Das Zürcherische Kirchen
gut S. 73 fll, sowie v. Brünneck, Beiträge II, S. 95 ff.
2) Loe rsch , Die Weistümer der Rheinprovinz S. 58 6 (Sendgericht
Die kirchliche Baulast. 103

Nach dem Sendweistum von Perscheid hatte das Kirch


spiel das Pfarrhaus sowohl in bewohnbarem Zustand herzu
stellen wie zu unterhalten ).
In anderen Gemeinden ruhte die Baulast des Pfarrhauses
auf den Zehntbesitzern"), denen aber meistens auch die Pfarr
kirche inkorporiert war").
In der Pfarrei Wasserburg hatten „die meister““), die
Dorfvorsteher „einem priester sein husz in zimlichem buw zu
halten, so das die notturft erfordert“; ob aber auf eigene
Kosten oder auf Kosten der Gemeinde bezw. des Grundherrn
ist nicht ersichtlich.
In den erwähnten Fällen erstreckte sich die Baupflicht
am Pfarrhause nur in drei Gemeinden auch auf die Pfarr
kirche).

der Pfarrei Halsenbach 1635): „. . . wann es sach wehre, dass der witten
hoff durch feuwr oder unglück mangell bekämme, so soll ihnen das kir
spell wiederumb auffbauwen nach nothurfft und solle ihnen stellen in
dach und gefach und in seine vier wändten. Will dan der herr pastor
viel darein gebauwet haben, so magh ers thun, doch soll er selbigen
wiederumb liefferen wie er ihnen gefunden hat“; Grimm II, 264. Die
Instandhaltung des Pfarrhauses lag dem Pfarrer u. a. auch ob in Olef,
Grimm II, 770: „Er der pastor soll auch den widdenhoff mit seinem
zubehoir in guttem bow halten, also dass sich die gemeint mit zu be
clagen habe.“ Bauherr dagegen war, nach dem Zusatz zu schliessen, die
Gemeinde.
') Loersch S. 77.
*) Grimm V, 553*; VI, 654*; Wasser schleben S. 238%.
286 Nr. 36 (32).
*) Grimm V, 553*; VI, 654“. In letzterem Weistum hatte der
Patron das Pfarrhaus nur im Fall dessen Zerstörung wieder herzu
stellen, während die Unterhaltung desselben dem Pleban oblag. Siehe
auch IV,354“: Hier war der Baupflichtige zugleich Grundherr, Kirch
herr, Patron und Zehntherr. Zu tragen hatte er die Baulast als Kirch
herr (Patron).
*) Grimm VI, 407".
*) Grimm IV, 354; VI, 654“; Wasserschleben S. 238“. Diese
Pfarreien waren dem Pflichtigen plenissimo iure inkorporiert.
104 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

In einem Weistum ist sogar ausdrücklich betont, dass


der Bauherr des Pfarrhauses nicht auch die Kosten der In
standhaltung der Pfarrkirche zu tragen habe, und bestimmt,
dass diese aus den Kirchengefällen, dem Fabrikgut, zu be
streiten seien").
Wem in den Gemeinden der übrigen zitierten Weistümer
die Baulast der Pfarrkirche oblag, kann aus denselben nicht
ersehen werden.
Nach dem Wortlaut derselben zu schliessen, hat sich die
Baupflicht der betreffenden Personen lediglich auf das Pfarr
haus beschränkt.
Zahlreicher sind in den Weistümern die Nachrichten über
die Baulast der Pfarrkirche).
Nur äusserst selten ruhte diese auf dem Fabrikgut“),
eine Erscheinung, die wohl daraus zu erklären ist, dass die
meisten Pfarrkirchen inkorporiert waren und daher kein eigenes
Vermögen mehr besassen.
Als baupflichtige Personen kamen vielmehr meistens nur
die nach gemeinem Kirchenrecht subsidiär haftenden in Be
tracht, nämlich: der Pfarrer, die Gemeinde, die Zehntherren
und die Grundherren, welch letztere mit wenigen Ausnah
men“) geistliche Herren bezw. Institute und überdies die
Patrone der betreffenden Pfarreien waren.

') Grimm V, 553“ (Hoerdt 1565): „ein probst mus auch . . .


eim pfarher auch sonderlich behausung stellen. aber die kirch im dorf
H. wirt erhalten und gebauwen von den kirchengefellen.“
*) Dieselben rühren ausschliesslich aus der Sammlungvon Grimm.
In der grossen Sammlung der österr. Weistümer (8 Bände) konnte ich
hierüber nichts auffinden.
*) Grimm II, 455; IV, 568": In diesen beiden Pfarreien haftet
an zweiter Stelle, wenn das Fabrikgut nicht ausreicht, die Gemeinde
(II, 455) bezw. der Grundherr und die Gemeinde gemeinschaftlich (IV,
568); V, 553 (oben Note 1); VI, 408“.
*) Grimm II, 683 (Zinxheim 1622): Diese Pfarrei bestand aus
mehreren Dörfern, die offenbar verschiedenen Herren gehörten, denn
Die kirchliche Baulast. 105

Dem Pfarrer) lag da, wo er an der Baulast teilzuneh


men hatte, mit einer einzigen Ausnahme“), stets die Unter
haltung des Chores ob.
Die Gemeinde dagegen hatte meistens entweder den
Turm“) oder die Sommerseite“) des Langhauses im Stand zu
halten.
Die Baulast der Grundherren bezw. der Patrone war
weit umfangreicher als die der genannten.
Die Baupflicht hinsichtlich des gesamten Kirchengebäu
des) lag ihnen nur selten ob, wohl aber umfasst dieselbe in
zahlreichen Gemeinden den ganzen „Bauch“, das sogenannte
Langhaus“) der Kirche; in anderen, insbesondere in denjenigen
Pfarreien, wo auch der Pfarrer und die Gemeinde baupflichtig
war, erstreckte sich dieselbe nur auf den Winterteil des Lang
hauses"), wieder in anderen hatten sie nur einen dem Zehnt
anteil entsprechenden Betrag zu den Kirchenbaukosten bei
zusteuern“).

die Baulast des Langhauses war zwischen mehreren Personen geteilt;


IV, 139; VI, 492.
) Grimm I, 705. 821; II, 602. 683; IV, 61. 105. 158. 237. 354“.
379. 763*; V, 455. 568“; Hardt S. 370 (Sehnerweistum zu Itzig):
Nach diesem Weistum haben für die Erfüllung der dem Pfarrer oblie
genden Baupflicht eventuell nach dessen Tod seine „freundtschafft undt
erben“ zu haften.
*) Grimm IV, 148 (Turm). -

*) Grimm II, 602. 683; IV, 354“. 763*; V, 568%; VI, 492*.
*) Grimm I, 705; IV, 105. 139; V, 455. 458* (I, 821 den
Winterteil). Nach einem Weistum (Grimm IV, 354) hatte sie den
Turm „dz glogghus“ und das Langhaus „die Kilchen“ zu decken.
*) Grimm III, 815; V, 558*; Wasserschleben S. 278%. In
all diesen Fällen lag eine incorporatio plenissimo iure vor.
*) Grimm II, 87. 602. 618; IV, 148; V, 568“.
') Grimm I,705; IV, 61. 105. 139. 158. 469; V,455; V,458*
[I, 821 den Sommerteil; VI, 492“ (Weistum von St. Goar): „soll ein
graf zu Catzenelnbogen oder ein herr, der iederzeit das schlosz Rhein
fels einhat, die seiten der kirchen, so zum schlosz zu stehet, in bau und
dach halten.“
106 F. X. Künstle, Die deutsche Pfarrei.

Als baupflichtiger Zehntherr tritt uns in keinem Weis


tum eine vom Grundherrn bezw. Patron verschiedene Person
entgegen, vielmehr deckt sich stets Zehntherr und Grundherr
bezw. Zehntherr und Patron, sowie meistens Grundherr und
Patron.

*) Grimm II, 370(Niederuflingen 1632): „wir wisen den herrn das


sechste theil im zehnen vnd das sechste theil im kirchenbaw“.
Igirchenrechtliche Abhandlungen.
Herausgegeben

V01!

Dr. Ulrich Stutz,


o. ö. Professor der Rechte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitat
zu Bonn.

21. Heft:

Zur Geschichte und Dogmatik der Gnadenzeit


VOll

Dr. jur. Wilhelm v. Brünneck,


Geheimem Justizrat,
ordentlichem Honorarprofessor an der Universität Halle -Wittenberg.

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1905.
ZUR

GESCHICHTE UND DOGMATIK


DER GNADENZEIT.
Von

Dr. jur. Wilhelm v. Brünneck,


Geheimem Justizrat,
ordentlichem Honorarprofessor an der Universität Halle -Wittenberg.

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1905.
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

- -
---
O Inhalt.
N
--

-9,
- Seite
I. Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutsch
S lands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.

II. Die Gnadenzeit des älteren evangelisch-deutschen Kir


chenrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
III. Die Vorschriften des Preussischen Allgemeinen Land
rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
IV. Die neuere evangelische Kirchengesetzgebung über die
Gnadenzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Anhang. Der Fortgenuss des Ruhegehalts . . . . . 110
Beilage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
I.

Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche


Deutschlands.

Das schon frühzeitig in den deutschen Dom- und Kollegiat


stiften eingeführte Gnadenjahr fällt begrifflich nicht mit einer
Vergütung zusammen, welche die Kanoniker um deshalb
empfingen, weil sie nach ihrem Eintritt in das Stift und un
geachtet ihrer Verpflichtung zur Residenz zu Gunsten der
Kirchenfabrik, der Präbendenmasse, des Papstes oder des
Diözesanbischofs während eines oder mehrerer Jahre Karenz
erleiden mussten. Es stand ursprünglich und noch längere
Zeit hindurch, nachdem es aufgekommen war, in nicht wenigen
Stiften mit der Karenzzeit in keinem Zusammenhange.
Die letztere kann darum nicht seine Einführung verursacht
haben. Das meines Wissens erste urkundliche Zeugnis, in
welchem das Gnadenjahr, mochte es auch noch nicht so ge
nannt werden,begegnet, reicht in die erste Hälfte des XI.Jahr
hunderts zurück.
Den Kanonikern des von ihm in der Stadt Brüssel er
richteten Kollegiatstifts gesteht der GrafBalderich von Brabant
im Jahre 1047 das Recht zu, dass ein jeder von ihnen die
ihm gehörige Präbende für die Dauer eines ganzen Jahres
von Ende seines Lebens ab jedwedem, den er zu bedenken
wünsche, hinterlassen möge").
*) Siehe die Urk. in Auberti Miraei opera diplom. et histor. T. I
Contin. cod. donat. piar. (Bruxellis, 1723) c. 47, p.57–58: „concessi illis,
ut unus quisque fratrum ipsorum post vitae suae spatium per annum
integrum praebendam suam cuicunque sibi placuerit, relinquat.
v. Brünneck, Gnadenzeit. 1


2 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Der letztwilligen Verfügung oder Vergabung von Todes


wegen, auf welche man die Worte der angeführten Urkunde
zu beziehen hat, steht die den Domherren der Kathedrale zu
Worms von dem dortigen Bischof Buggo im Jahre 1140 ge
stattete Verpachtung ihrer Präbenden zur Seite. Sie sollte,
wie uns vom Chronisten berichtet wird, mit der Massgabe ge
schehen dürfen, dass die Pächter befugt waren, die Pacht noch
ein Jahr lang nach dem Tode der Verpächter fortzusetzen,
während es vordem den Kanonikern nur freigestanden hatte,
ihre Präbenden für die Zeit ihres Lebens und weitere dreissig
Tage nach ihrem Tode zu verpachten 1).
Welche Beweggründe es waren, die den Grafen Balderich
von Brabant und später den Bischof Buggo von Worms be
wogen, den Kanonikern die Befugnis einzuräumen, wegen ihrer
Präbenden für Jahresdauer nach ihrem Tode letztwillig zu
verfügen oder unter Lebenden eine ihr Stift bindende Verein
barung mit dritten Personen einzugehen, erhellt nicht. Auf
klärung hierüber gibt erst ein vom Bischof Eberhard von
Worms 1263 bestätigtes Statut des dortigen Domkapitels. Mit
Ausdehnung des Privilegs von 1140 auf Fälle, in welchen
Domherren wünschen möchten, den Stand der Weltgeistlichen
aufzugeben und als Mönche in den einen oder anderen reli
giösen Orden einzutreten, wird verordnet, es sollte das Gnaden
jahr, wie jetzt die bezeichnete Vergünstigung genannt wird,
ihnen gewährt sein, um zu vermeiden, dass sie nicht mit
Schulden belastet ihren heilsamen Entschluss aufzugeben genötigt
würden. Sie sollten vielmehr die Möglichkeit behalten, nach
ihrem Tode, oder wenn sie durch Professleistung bei einem
Orden aus dem Stifte schieden, die Einkünfte ihrer Pfrün
den noch ein Jahr lang zu geniessen und dadurch in den

1) Schannat, Histor. Wormatiens. p. 69 „anno MCXL Buggo


episcopus indulsit, ut fratres Wormat. (so. eccl. cath. canonici) post obi
tum locare possint praebendam ad annum, nam prius solum ad XXX dies
locare poterant“.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. Z

Stand gesetzt sein, diese zur Bezahlung ihrer Schulden zu


verwenden").
Der gleiche Grund wird für die Bewilligung des Gnaden
jahrs in anderen Urkunden angeführt, von welchen einige dem
XII, andere dem XIII. und XIV. Jahrhundert angehören“).

*) Schannat l. c.: „Hoc privilegium – postmodum (a. 1263) ad


eos etiam extensum fuit, qui valedicto clero monachatum induebant, ut
ex sequenti ordinatione constat fusius: „Eberhardus – Wormatiensis
episcopus omnibus – salutem. Dilecti – fili, decanus et capitulum
ecclesiae nostrae – decreverunt et statuerunt, quod quicunque canoni
corum ecclesiae sua pia inductus intentione habitum religionis cujus
cunque assumere voluerit, ne forte debitorum aggravatus onere
tam sanum immutare cogatur propositum, annum gratiae praebendae
suae liber e per cipiat et in solution em debitorum suorum
convertat.“
*) Siehe das den Kanonikern der Hamburger Stiftskirche von Erz
bischof Hartwig I. von Bremen 1165 erteilte Privileg (Lappenberg,
Hamb. UB. I Nr. 232 p. 213): „statuimus, quod post discessum cujus
cunque fratris defuncti praebenda, pro qua vivus deo militabat per manus
decani vel alterius fratris – ad hunc usum anno integro subser
viat, ut si debitis tenetur, ex integro reddantur, vel pau
peres Christi pro anima e ipsius remedio cotidie inde reficia
mus“; desselb. Urk. von 1174 (Staphorst, Hist. eccl. Hamb. P. I,
T. I, p. 585); siehe ferner Urk. des Grafen Heinrich von Gardelegen betr.
Erricht. d. Kollegiatst. Stendal von 1192 (Riedel, Cod. dipl. Brand. I,5
Nr. 14 p. 27): „Notum sit –, quod – ecclesiam in Stendale in proprie
tate mea construxi et canonicos ibidem – institui, quibus – decedenti
bus – prospicere disposui, scilicet aliquo eorumdem in extremis agente,
si debitis forte oneratus fuerit, lice at ei stipendium pre
bende sue integraliter ab obit u suo per anni circulum
creditoribus suis pro debitis assign are. Si vero estimatio
prebende pluris fuerit, quam requirant debita, quicquid solutis debitis
residuum fuerit, deducta vicari mercede, in usus pauperum pro vo
1untate sua preordinet erogandum“; Urk. Heinrichs, Herrn von
Rostock von 1226 (Meckl. UB. II Nr. 323): Als Stifter des Kollegiat
stifts Güstrow verordnet er: „ut post obitum canonici defuncti ipsi de
functo praebenda sua – usque ad anniversarium suum ad debita
ipsius persolvenda vel ad emendation em pra eben darum
libere relinquantur“; Urk. des Bischofs Volrad von Halberstadt von
1257 (UB. des Hochstifts Halberstadt II Nr.924, p. 169–170); Urk. des
4 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Freilich war es nicht allein die Rücksicht auf vorhandene


Gläubiger, um derentwillen man den Mitgliedern der Dom
kapitel und Kollegiatstifte die Verfügung über die Prä
bendeneinkünfte während einer bestimmten Zeit nach ihrem
Tode freigab. Es sollten die Kanoniker, wenn sich nach
Deckung ihrer Schulden ein Ueberschuss ergab, zugleich
Gelegenheit haben, durch Gaben an die Armen oder zu
anderen frommen Zwecken das eigene Seelenheil zu be
denken"). -

Andererseits ist für die Auffassung, welche in der ge


gebenen Möglichkeit, mit Hilfe der Einkünfte des Gnaden
jahrs unberichtigte Schulden zu decken, den ersten und wich
tigsten Zweck der bewilligten Vergünstigung erblickt, ein
Umstand bezeichnend. Das im Jahre 1261 zu Mainz gehaltene
Provinzialkonzil verbot den Geistlichen, indem es sich damit
in Gegensatz stellte zu dem Inhalt älterer Privilegien, die
Früchte des Gnadenjahrs ihren Verwandten oder anderen be

Bischofs Heinrich von Schwerin betr. d. Kollegiatstift Bützow von 1263


(Meckl. UB. II Nr.994): „annum gracie eisdem rebus humanis exemptis
concedimus, ut de proventibus praebendarum suarum debita singula
persolvan'tur aut pro suorum remissione peccatorum sacris
locis viel personis miserabilibus largiatur“; Urk. des Grafen
Gerhard von Holstein von 1265 (Staphorst l. c. II p. 216): „conce
dentes ipsis– annum illum, qui apud ecclesias annus gratiale
nuncup a tur, ita videlicet quod primo anno integro post obitum ali
cujus eorum fructus ejusdem praebendae in integrum cedant ad debita
defuncti solvenda,viel alias pias causas exinde ordin an das“;
Urk. des Bischofs Otto von Paderborn von 1292 (Schaten, Annal. Pader
born. L. XII ad ann. 1292, p. 177 vgl. mit das. p. 180); Statut. eccl.
B. Mariae virg. Eichstett. v.J. 1338 (Cod. dipl. antiquit. Nordgav.p. 163):
„concedimus et indulgemus eisdem canonicis – annum gratiae – ita
videlicet, ut reditus universos – in solutionem suorum debitorum
ob animae suae remedium, aut in alios quoscunque usus licitos et honestos
– defunctus deputare valeat et donare“.
') Siehe die in der vorigen Note angeführten Urk. des Erzbischofs
Hartwig I. von Bremen von 1165, des Grafen Heinrich von Gardelegen
von 1192, des Bischofs Heinrich von Schwerin von 1263.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 5

freundeten Personen) letztwillig zuzuwenden. In Zukunft,


so wurde beschlossen, sollte ihnen die Befugnis, darüber letzt
willigzu verfügen, nur noch insoweit zustehen, als es sich um
die Bezahlung von Schulden, welche sonst in Ermangelung
anderweitigen Vermögens ungedeckt blieben, oder aber darum
handelte, dass sie den Kirchen, von denen sie ihre Pfründen
besassen, die Früchte des Gnadenjahrs zu irgend welchem
frommen Zwecke hinterlassen würden“).
Keine der angeführten Urkunden deutet irgendwie an, es
sei das Gnadenjahr den Stiftsherren als Vergütung für eine
Karenz gewährt worden, der sie nach ihrer Aufnahme in das
Stift trotz erfüllter Residenzpflicht unterworfen gewesen wären.
Es lässt sich im Gegenteil behaupten, dass erst seine Einfüh
rung es war, welche in manchen Domkapiteln und Kollegiat
stiften statutarische Festsetzungen des Inhalts hervorrief, es
sollte fortan den neu aufgenommenen Mitgliedern zu Gunsten
der verstorbenen älteren Mitglieder eine gewisse Zeit lang der
Genuss ihrer Präbenden vorenthalten werden. Nur bei dieser
Annahme ist die in einzelnen Urkunden angetroffene Bestim
mung zu verstehen, welche dem Nachfolger eines verstorbenen
Kanonikers verbot, die Früchte der mit seiner Stiftsstelle
verknüpften Präbende vor Ablauf des Gnadenjahres an sich
zu reissen und so die vom Statut den einzelnen Mitgliedern
des Stifts gewährte Vergünstigung zu vereiteln“).

*) Vgl. die Urk. des Grafen Balderich von Brabant von 1047 oben
S. 1, Note 1.
*) Siehe den Beschluss des Mainzer Provinzialkonzils von 1261 in
Hartzheim,Concil.Germ. III p. 613 Nr.54:„Sunt nonnulli, qui annum
gratiae, qui pro revelatione debitorum in fructibus beneficiorum defunctis
clericis est concessus, dampnabiliter abutuntur fructus ipsius anni consan
guineis suis vel aliis, quibus voluerint, relinquentes –, quod de coetero
fieri prohibentes – statuimus: quod nisipro relevatione debitorum, quae
tamen aliunde solvi non possunt, anno gratiae clerici non utantur, vel
nisi ipsius anni fructus pro aliqua pia causa ipsi relinquant ecclesiae,
unde beneficia habere noscuntur“.
*) Man vgl. z. B. das Privileg des Grafen Gerhard von Holstein
6 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Dass es Dom- und Kollegiatstifte in Deutschland gegeben


hat, bei welchen Karenzzeit und Gnadenjahr in umgekehrtem
Verhältnis zueinander standen, soll nicht bestritten werden).
Nicht überall fand das Gnadenjahr als eine reine Vergünstigung
und mit der vorhin bezeichneten Zweckbestimmung Eingang,
Wenn bei Stiften, denen ein Gnadenjahr in diesem Sinne
fremd blieb, eine statutarische Bestimmung dahin getroffen
ward, die neu aufgenommenen Mitglieder (Neopräbendaten)
sollten gehalten sein zum Vorteil der Kirchenfabrik oder der
Präbendenmasse, des Bischofs oder gar des Papstes, trotz
beobachteter Residenz, eine gewisse kürzere oder längere Zeit
hindurch auf den Genuss ihrer Präbenden zu verzichten, so

für die Kanoniker der Hamburger Kirche von 1265 (Staphorst l. c.


II p.216) bei den Worten „firmiter inhibentes, ne is qui defuncto suc
cesserit in praebenda infra annum gratiae intromittat se de praebendae
fructibus ullo modo praedictam nostram concessionem et statutum in
irritum revocando“ mit den Statuten des Kollegiatstifts Bingen vom
Jahre 1403 (Dürr, Diss. de anno grat. in Schmidt,Thesaur.VI p. 172).
Der neu aufgenommene Kanoniker hat zu schwören: „quod me non
intromittam nec petam fructus pra eben dae meae hoc anno,
videlic et a die praesentis meae admissionis computando,
donec et quo usque annus termine tur, quia cedere debet
defuncto pro salute animale suae et suorum creditorum“.
) Die Zahl der Statuten, in welchen die Anschauung vorherrscht,
die Karenzzeit sei die Ursache des Gnadenjahrs und habe seine Bewilli
gung zur Folge gehabt, ist, soweit ich sehen kann, nicht gerade gross.
Als Beispiel mag hier angeführt werden: Stat. eccl. colleg. S. Martini
Hasso-Casselan. a. 1496 condit. (Kuchenbeck, Analect. Hassiac. collect.
V p. 117). Da heisst es: „Item conclusum et statutum, quod de duo
bus annis carentiae quilibet canonicus noviter receptus
carere tenetur, quorum duorum an norum primus dicitur annus
gratiae, quia cedit defuncto post mortem juxta antiquam
consuetudinem ac statutum ecclesiae“. Von Statuten neuerer
Zeit vgl. man hierzu Stat. des Kollegiatstifts St.Gangolf zu Magdeburg
vom 4.Okt. 1624(Dreyhaupt, Beschreib. des Saalkr. I p. 349 Nr. 122
zu 25: „Da aber einer per successionem ins Stifft kommt, – dann
sollen die Erben des verstorbenen canonici zur Recompens der sieben
vierteljährigen Carentz ein ganzes Jahr wiederum haben.“
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 7

musste es nahe liegen, ihnen einen, wenn auch nur teilweisen


Ersatz dadurch zu verschaffen, dass die bei Lebzeiten einbe
haltenen Einkünfte ihrer Verfügung für die Dauer eines Jahres
nach ihrem Tode überlassen wurden. Nicht allein, dass solches
ein Gebot ausgleichender Gerechtigkeit erforderte, mochte man
auch hoffen, auf diese Weise dem Missstande vorzubeugen,
dass bei entstehenden Vakanzen Stiftsstellen unbesetzt blieben,
weil sich niemand bereit fand, der bereit und willens gewesen
wäre, die damit verbundenen geistlichen Amtspflichten ein oder
gar mehrere Jahre lang unentgeltlich zu versehen. Nicht
weniger aber ist es wohl in manchen und nicht gerade seltenen
Fällen geschehen, dass das ursprünglich als eine blosse Ver
günstigung bewilligte Gnadenjahr, nachdem bei dem Stift die
Einhaltung einer kürzeren oder längeren Karenzzeit statuten
mässig angeordnet war, eine Umdeutung dahin erfuhr, als
handle es sich dabei nicht um eine reine Gnadenbezeigung,
sondern um eine Vergünstigung für Emolumente‚ die den
Kanonikern eigentlich schon bei Lebzeiten hätten zu teil wer
den müssen, deren Verabfolgung aber wegen der Karenz, die
sie nach ihrer Aufnahme in das Stift zu erleiden hatten, bis
zu ihrem Tode ausgesetzt blieb.

Wo solche Umdeutung stattfand und einer Auffassung


Raum gab, von der man in älterer Zeit noch nichts wusste,
wird man das dem Einfluss des kanonischen Rechts zuschreiben
dürfen. Schloss dieses die Verwendung jedes dem gemeinen
Besten der Kirche gewidmeten Gutes zu persönlichen Zwecken
und Bedürfnissen irgend welcher einzelnen Kirchenmitglieder
aus 1), so trat damit die den Kanonikern bewilligte Ver
günstigung, über die Einkünfte ihrer Präbenden, welche nach
ihrem Ableben fällig wurden, zu verfügen, zweifellos in Wider
spruch. Das Gnadenjahr liess sich damit nur vereinigen,

1) c. 3 X de praeb. et dignitat. III, 5: „Ratio nulla permittit, ut


quod pro commune utilitate datum esse cognoscitur propriis cujusdam
usibus applicetur“.
8 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

wenn man darin nicht, wie sein Name besagte, eine blosse
Gnadenerweisung erblickte, sondern die während seines Ver
laufes aufkommenden Früchte als bei Lebzeiten der Kanoniker
von diesen schon verdiente Einkünfte ihrer Pfründen ansah
und behandelte, und nur deren Ausfolgung wegen der nach
ihrem Eintritt in das Stift zu erduldenden Karenz bis nach
ihrem Ableben hinausgeschoben sein liess. Diese Erwägung
war es denn auch vermutlich, welche den Papst Johann XXII.
bewog, die durch Gewohnheitsrecht, Privilegien und Statuten
bei manchen Kirchen seit alters hergebrachte Verwendung
der Einkünfte erledigter Pfründen zum Besten des Nach
lasses verstorbener Benefiziaten, der Kirchenfabrik u. s. w.
nicht schlechterdings zu verbieten, sondern ihn bestimmte,
sich auf die Anordnung zu beschränken, es hätten die aus
den bezeichneten Titeln wegen der Interkalarfrüchte Berech
tigten sich mit den Einkünften zu begnügen, welche die
Präbenden zu der Zeit abwarfen, als die erste Abschätzung
des Stelleneinkommens unter Berücksichtigung der den Zehnt
pflichtigen obliegenden Leistungen stattfand. Dahingegen
durften zu deren Vorteil nicht auch die Ueberschüsse ein
gezogen werden, welche den Präbenden erst später zuflossen,
als im Laufe der Zeit (etwa infolge Steigerung der Kultur
und Zunahme der Bevölkerung, wie man hinzudenken mag)
deren Wert stieg, und die daraus zu ziehenden Einnahmen
wuchsen. Die Mehreinnahmen sollten den Nachfolgern der
Benefiziaten sofort und noch während der sonst von ihnen
einzuhaltenden Karenz ausgereicht bezw. ausgezahlt werden,
sofern nicht die, welche bisher die ganzen Interkalarfrüchte
erhoben, es vorziehen würden, für sich die Ueberschüsse
zu fordern und den Nachfolgern das ursprüngliche Stellen
einkommen zu überlassen. Das eine oder das andere zu
wählen wurde ihnen durch die päpstliche Konstitution frei
gestellt. Sie mussten sich aber hierüber innerhalb von zehn
Tagen nach erlangter Kenntnis von der eingetretenen Er
ledigung der Stellen erklären, andernfalls sollte die Wahl
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 9

befugnis auf die Nachfolger der verstorbenen Benefiziaten über


gehen"). -

Für die Weiterentwicklung des Gnadenjahrs als einer


Einrichtung des partikulären deutschen Kirchenrechts kommt
dieses hauptsächlich in der Form und Bedeutung in Betracht,
von der hier ausgegangen wurde. In Verbindung mit einer
Karenzzeit und zu dem Zweck, um den karenzleistenden
Geistlichen eine Vergütung zuverschaffen, vermochte es ausser
halb der Domkapitel und Kollegiatstifte in dem Benefizial
wesen nur beim Zusammentreffen besonderer Umstände und
auch dann nicht ohne Einschränkungen Fuss zu fassen.
Da die Pfarrstellen bei den Dorfkirchen und mehr oder
minder auch bei den Kirchen in den Städten nur gering und
fast durchweg wohl schlechter dotiert waren als die Kano
nikate, konnte man nicht darauf rechnen, dass sich bei ent
stehenden Vakanzen Geistliche um solche bewarben und zu
ihrer Uebernahme bereit fanden, wenn sie nicht mit Antritt
des Amtes zugleich auch in den Genuss des damit verknüpften
Einkommens gesetzt wurden. Die Aussicht, dass, wenn sie
starben, ihrem Nachlass die ihnen bei Lebzeiten vorent
haltenen Jahreseinkünfte zugeschlagen werden sollten, reichte
da schwerlich aus, Bewerber anzulocken. Wollte man den
Pfarrern die ganzen Einkünfte ihrer Pfründen noch über ihr
Lebensende hinaus für eine bestimmte Zeit zur Verfügung
überlassen, so war das kaum anders ins Werk zu setzen, als
indem man ebenso lange von einer Wiederbesetzung der er
ledigten Stellen Abstand nahm“).
*) Siehe c. 2 de elect. et elect. potest. in Extr. Joh. XXII tit. I
und vgl. damit die von Böhmer, Exerc. ad Pand. (ed. 2, 1775) P. III,
§ 25 p. 126 Note 2 angeführte durch Nicolaus Garzias mitgeteilte Ent
scheidung der Rota Romana: „fructus primi anni post obitum beneficiati
deberi ejus heredibus praesupposita consuetudine, quod beneficiati
primo anno non percipiant fructus beneficiorum, sed elorum solutio
differatur post e orum obitum“.
*) Man vgl. den von Erzbischof Walram von Köln verkündeten
Beschluss des dort abgehaltenen Provinzialkonzils vom Herbst des Jahres
10 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Wo man hiervor nicht zurückschreckte und den Pfarr


geistlichen das Gnadenjahr in Nachahmung der bei den Dom
und Kollegiatstiften bestandenen älteren Einrichtung als reine
Vergünstigung zugestand, erforderte das keineswegs immer die
Erteilung eines Privilegs. Auch blosse Uebung und Gewohn
heit konnte ihm da und dort in das Pfründenwesen bei Stadt
und Dorfkirchen Eingang verschaffen. Die Konnivenz der
bei der Erledigung von Pfarrämtern und deren Wiederbe
setzung Beteiligten und Berechtigten machte solches möglich.
War der Kirchenpatron seinem Pfarrer wohl geneigt, konnte
er ihm für den Todesfall versprechen, es solle die Präsen
tation des an seine Statt zu berufenden Nachfolgers bis kurz
vor Ablauf der gesetzlichen Präsentationsfrist (von 4 bezw.
6 Monaten) hinausgezögert werden. Und gelang es den geist
lichen Oberen (Bischof oder Archidiakon) zu bewegen, die
dem Präsentierten zu erteilende Institution (Investitur) noch
weitere 8 oder 4 Monaten hinauszurücken, dann ging ein volles
Jahr darüber hin, ehe der neue Pfarrer das erledigte Amt
antreten konnte. Inzwischen hatte der Patron es in seiner
Hand, die Früchte und Einkünfte der Stelle dem Nachlass des
verstorbenen Geistlichen zuzuwenden"). Nicht minder aber hing

1338 c. V. (Hartzheim, Concil. Germ. T. IV p. 451): „Walramus


– Coloniensis ecclesiae archiepiscopus–in visitatione nonnullarum eccle
siarum nostre civitatis et dioecesis – nuper facta cognovimus processisse,
quod fructus beneficiorum vacantium in eisdem ad certos annos de con
suetudine vel statuto competentes, ecclesiae vel defuncto ipsis sic to
taliter applicantur, quod in locum defuncti eisdem annis duranti
bus nullus substituitur, qui serviat ecclesiae in divinis, propter
quod ipsae ecclesiae debito ministrorum obsequio – non absque grandi
cultus detrimento divini et fundatores locorum suis votis et piae insti
tutionis proposito defraudantur“.
') Man hat sich dabei vor Augen zu halten, dass die Kirchen
patrone im Mittelalter, unbeirrt durch den von der Kirche und den geist
lichen Obern erhobenen Widerspruch, die Einkünfte erledigter Pfarreien
für sich in Anspruch nahmen und einzogen (vgl. meine Beiträge zur Ge
schichte des Kirchenwesens in den deutschen Kolonisationslanden II p. 63
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 11

es bei Pfarrämtern, welche der freien Verleihung unterlagen,


mehr oder minder von dem Willen und Ermessen des Bischofs
ab, eine kürzere oder längere Zeit bis zu ihrer Wiederbesetzung
verstreichen zu lassen. Auch dann war für eine Konnivenz, die
es dem Pfarrer erlaubte, über die Interkalarfrüchte letztwillig zu
verfügen, Raum gegeben. Wiederholten sich die Fälle, in
welchen Pfarrstellen so längere Zeit, als es eigentlich nötig
gewesen wäre, unbesetzt blieben, und wurden die während
dieser aufkommenden Einkünfte mit ausdrücklicher oder still
schweigender Zustimmung der Patrone und der geistlichen
Oberen dem Nachlass der verstorbenen Geistlichen zugeschlagen,
so liess sich daraufhin wohl die Behauptung aufstellen und
rechtfertigen, es sei diese Verwendung der Interkalarfrüchte
in der Kirchenverfassung des einen oder anderen Ortes von
alters hergebracht und habe sich ein hierauf gerichtetes Ge
wohnheitsrecht gebildet.
Nicht überall freilich ging die Ausdehnung des Gnaden
jahres auf andere als kanonikale Pfründen in der angedeuteten
WVeise ungestört und ungehindert vor sich. Das Verhalten
der kirchlichen Oberen war dem gegenüber ein verschiedenes.
Der Erzbischof von Köln bezeichnete es als einen Miss
brauch, dass Kirchenämter gewisse Jahre hindurch, wie Statut
oder Gewohnheit solches zulasse, unbesetzt blieben und in
zwischen die Einkünfte ihrer Pfründen zum Vorteil des Nach
lasses des verstorbenen Geistlichen oder zum Besten der
Kirchenkasse gänzlich einbehalten würden. Das unter seinem
Vorsitz und seiner Leitung abgehaltene Provinzialkonzil fasste
daraufhin in der Herbstsitzung des Jahres 1338 einen gegen
dieses Verfahren gerichteten Beschluss. Es sollte ferner, wie
die constitutio suscepti regiminis (c. 2 de elect. et elect. pot. in

bis 65). Ebenso aber hing es, wenn sie von dem Recht, das sie sich
deshalb zuschriehen. zum eigenen Vorteil keinen Gebrauch machten, von
ihnen ab, zu bestimmen, was damit werden sollte. Eine der möglichen
Arten der Verwendung war nun die, dass man sie dem Nachlass des
verstorbenen Geistlichen zuschlug.
12 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Extrav. Joh. XXII tit. I) vorsehe, deren strikte Befolgung


eingeschärft ward, nur noch erlaubt sein, im Verlaufe eines
Jahres für den Nachlass des verstorbenen Geistlichen und von
zwei weiteren Jahren zum Vorteil der Kirchenkasse einen
Teil der Pfründeneinkünfte mit der in der pästlichen Konsti
tution bezeichneten Massgabe einzuziehen. Für den Fall aber,
wenn der in das Kirchenamt berufene Nachfolger von dem
ihm danach zustehenden Recht auf sofortige Erhebung des
ihm gebührenden Teils der Einkünfte keinen Gebrauch machen,
ebensowenig aber das Amt vor Ablauf jener Frist antreten
wollte, ist ein geeigneter Vertreter zu bestellen, welcher die
geistliche Amtsverrichtung innerhalb jener Zeit besorgt und
aus den Einkünften der Pfründe zu besolden ist).
Dahingegen erkannte der BischoffWedego von Havelberg
in einer 1464 erlassenen Verordnung das an manchen Orten der
Mark Brandenburg durch Privilegien oder Gewohnheitsrecht
zu Gunsten der Pfarrgeistlichen eingeführte Gnadenjahr rück
haltslos ohne irgend welchen Vorbehalt an, indem er ausdrück
lich erklärte, er beabsichtige diese Einrichtung weder aufzu
heben, noch daran etwas zu ändern“).
Die Mark Brandenburg ist, soweit mein Blick reicht,
unter den deutschen Kolonisationslanden das einzige, inwelchem
während des Mittelalters das Gnadenjahr in das Benefizial

') Siehe den Beschluss des Kölner Provinzialkonzils (Hartzheim


l. c. IV p. 457). Im Anschluss an die oben S. 2, Note 9 angeführten
Worte heisst es da: „Nos – dictarum abusionum tribulos – extirpare
funditus sitientes vobis districtius praecipimus et mandamus, quatenus –
constitutionem suscepti regiminis – diligentius observetis – dicto –
durante triennio in locum defuncti, ne ecclesia debito ministrorum obse
quio defraudetur, in casu, ubi obtinens beneficium dicta constitutione
suscepti regiminis non uteretur –, de fructibus ipsius beneficii minister
ad debita ecclesiarum servitia impendenda idoneus ordinetur“.
*) Siehe die Urk. in Riedel, Cod. dipl. Brand. I,3 Nr. 11 p. 249:
„Quorumdam – locorum privilegia vel consuetudinem de anno gratiae
tollere non intendimus neque derogare“.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 13

wesen durch entstehendes örtliches Gewohnheitsrecht Ein


gang fand.
In Mecklenburg bedurfte es, nach den Urkunden zu
schliessen, stets der Verleihung von Privilegien, sollten anders
die Pfarrer der Stadt- und Dorfkirchen dieser Wohltat teil
haftig werden. Solche wurden einesteils von den weltlichen
Fürsten und Landesherrn, andernteils von den Bischöfen er
teilt bezw. anerkannt und namens der Kirche bestätigt. Ebenso
verhielt es sich damit in Holstein, im geistlichen Fürstentum
Lübeck und in einem Teil von Pommern, auf der Insel Rügen.
Ueber die Umstände, unter welchen in Mecklenburg die
Einführung des Gnadenjahrs ausserhalb der Domkapitel und
Kollegiatstifte vor sich ging, geben die von den Fürsten und
Bischöfen des Landes im XIII. und XIV. Jahrhundert aus
gestellten Urkunden näheren Aufschluss. Danach stand diese
dort in Verbindung mit einer anderen, den Geistlichen gün
stigen, ihr Verhältnis zu den Kirchenpatronen berührenden
Massregel. Indem die Herrn der mehreren Lande, in welche
ehemals die heutigen Staatsgebiete der Grossherzogtümer Meck
lenburg-Schwerin und Strelitz zerfielen, nicht sowohl für sich
selbst auf das ihnen als Patronen bis dahin zugestandene
Spolienrecht verzichteten, sondern auch ihre Vasallen diesem
Verzicht sich anzuschliessen bewogen, gaben sie den Kirchen
herren (rectores) und andern den Pfarrkirchen und Kapellen
vorstehenden Klerikern die früher nicht gehabte Freiheit, letzt
willig über ihr Vermögen zu verfügen, wobei diese nur gehalten
sein sollten, die Formen zu beobachten und die Bedingungen
zu erfüllen, welche das kanonische Recht vorschrieb"). Ent

') Urk. der Grafen Gunzelin und Helmold von Schwerin vom
18. Aug. 1267 (Mecklenb. UB. II Nr.428) – „notum esse volumus, quod
nos – ad commodum et profectum clericorum nostrorum terrae nostrae
Wittenburgensis – libertatem actenus non habitam ipsis concedimus et
donamus –, ut quisquis ipsorum in ultima voluntate constitutus res
suas mobiles legare vel donare poterit cuicumque –. Nolumus ut per
advocatos et officiales nostros jam dicte terre plebanorum sive etiam
14 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

sprangen diese Konzessionen der Willensentschliessung der


Fürsten allein, so verhielt es sich nicht ebenso mit der in den

vicariorum res et bona decumbentium vel etiam discendentium distrahan


tur – Damus etiam clericis nostris jam dicte terre – ann um gra
ti a e tali conditione, ut cuilibet ipsorum viam universae carnis ingresso
ecclesiae reditus cedant ad annum, dummodo de hiisdem redditibus insti
tuatur vicarius, qui honestam habeat sustentationem et eidem ecclesie
provideat in divinis“; Urk. Borwins u. s. Sohnes Waldemar, Herrn der
Lande Rostock, vom 11. Nov. 1276 (das. II Nr. 1411): „eidem consuetu
dini, immo verius corruptelae (nämlich dem Spolienrecht) de plane renun
ciamus – ac ipsam consuetudinem – per omnem districtum nostrum
penitus abrogamus, dantes et concedentes universis ecclesiarum rectoribus,
capellanis et vicariis aliisque clericis in nostro districtu – ecclesiastica
beneficia cum cura vel sine cura obtinentibus –- plenam ac liberam
potestatem disponendi, ordinandi ac testandi de bonis suis mobilibus et
immobilibus – et in usus ecclesiarum ac fidelium pauperum convertendi
et largiendi – observata tamen in omnibus ea forma, qua circa hujus
modi sacrorum statuta canonum approbant et permittunt –. Ceterum cum
secundum laudabilem ac piam terre consuetudinem nonnulli ex dictis clericis,
quorum domus adeo sunt communes, ut hospitalitatis gratia ceterisque
pietatis operibus – tanto – debitorum onere pregraventur, quod ipsis
nec vivis nec defunctis ad solutionem debitorum hujusmodi proprie suppe
tant facultates, ne de bonis suis operibus videantur incommodum repor
tare, sed potius ad caritatis opera per largiora beneficia affectuosius
accendantur, de consensu – Hermanni episcopi Zwerinensis, cujus ad hoc
auctoritas est potissimum requirenda, sepedictis clericis ad s o l u ti on e m
h u ju s m o di d e bi t o rum a n n um g r a ti e a die mortis eorum in bene
ficiis, que habuerant, liberaliter indulgemus. Distinctionem autem ac
impetrationem hujusmodi anni gratie predicto domino episcopo per suas
patentes literas, prout sibi – expedire videbitur, reservamus et committi
mus exprimendas“; Urk. der Fürsten Heinrich und Johann von Werle
vom 12. Mai 1277 (das. II Nr. 1437): „universis ecclesiarum rectoribus
aliisque clericis – beneficia cum cura optinentibus, quorum domus adeo
sunt communes, quod propter hospitalitatem et alia caritatis opera post
obitum ipsorum proprie non suppetunt facultates, de consensu – Her
manni episcopi Zwerinensis a n n u m g r a ti e a die mortis eorum in bene
ficiis, que habuerant, – contulimus sub hac forma, quod si contra ipso
rum aliquem legitime probatum fuerit, quod detesserator ecclesiasticorum
bonorum vel publicus potator extiterit aut manifestam cohabitationem
habuerit a predicta reddatur gratia alienus; ecclesiam vero testatores
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 15

selben Privilegien den Pfarrern und andern in der Seelsorge


tätigen Geistlichen noch ausserdem bewilligten Vergünstigung
des Gnadenjahrs. Dabei griff ein Zusammenwirken der welt
lichen obrigkeitlichen und der kirchlichen Gewalt Platz. Nicht
nur, dass der fürstliche Verleiher, wie mehrere Urkunden
besagen, die Zustimmung des Diözesanbischofs deshalb ein
holte, behielt er diesem auch das Recht vor, wegen Durch
führung der Einrichtung des Gnadenjahrs in den einzelnen
Fällen nähere Anweisung zu geben und Verfügungen zutreffen.
Wo aber das eine oder andere landesherrliche Privileg keinen
Hinweis auf ein Zusammenwirken mit dem Bischof enthält,
tritt darin doch das sichtliche Bestreben hervor, die Gnaden
bezeugung mit dem allgemeinen kirchlichen Interesse in Ueber
einstimmung zu bringen und Missbräuchen zu begegnen").

vel amici discendentis, si testatores defuerint, peridoneas personas inter


positas de bonis ecclesie per illius anni circulum officiare debebunt“;
Urk. des Fürsten Heinrich von Mecklenburg vom 22. Nov. 1327 (das. VII
Nr. 4874): „Hinc est quod quia frequenter contingit ecclesis curatis va
cantibus patroni earundem – bona a rectoribus ipsorum dimissa –
occupant – Nos – precipimus, ut ab inferendis [dampnis) bonis eccle
siarum se abstineant. De communi eciam consilio et assensu – nostrorum
omnium vasallorum in prepositura Vredelandensi commorancium, quos
communiter requisivimus – desideravimus omnium ecclesiarum rectori
bus inibi existentibus et altaristis dari et concedi annum gracie –
a domino Teodorico episcopo Havelbergensi. Cui donacioni et conces
sioni – una cum nostris vasallis – consentimus. Ipsi enim ecclesiarum
rectores et altariste de bonis ipsorum disponere debent licite – ex in
dustria eorum vel de ecclesis vel qualitercunque – acquisitis, ipsorum
debita persolvendo, dando et assignando illa fructusque et proventus
integri anni a die obitus eorum – cedendo, qualitercumque ipsis ob
salutem animarum ipsorum melius videbitur expedire“.
) Siehe die oben S. 13, Note 1 angeführten Urk. des Fürsten Bor
win von Rostock u. s. Sohnes Waldemar vom 11. Nov. 1276, der Fürsten
Heinrich und Jakob von Werle vom 14. Mai 1277, sowie des Fürsten
Heinrich von Mecklenburg vom 22. Nov. 1327 vgl. mit der dort zuerst
angef. Urk. der Grafen Gunzelin und Helmold von Schwerin vom 18. Aug.
1267 bei den Worten: „Damus – clericis nostris – annum gratie tali
conditione, ut cuilibet ipsorum viam universae carnis ingresso ecclesie
16 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Sehen wir jetzt, wie sich hiernach die Rechtswohltat des


Gnadenjahrs für die mecklenburgischen Pfarrgeistlichen im
Mittelalter gestaltete.
Wie über ihr sonstiges Hab und Gut durften Pfarrer und
andere bei Pfarrkirchen in der Seelsorge beschäftigte Kirchen
diener über die im Verlaufe des Gnadenjahres von ihren Pfrün
den aufkommenden Einkünfte von Todes wegen verfügen.
Nicht weniger aber sollten diese Interkalarfrüchte in Fällen,
wo die genannten Kleriker ohne Errichtung eines letzten
Willens starben, ihrem Nachlass hinzutreten. Aus der Mitte
der Landesgeistlichkeit erwählten Nachlasspflegern fiel dann die
Aufgabe zu, die gesamte Erbschaft einschliesslich der Ein
künfte und Früchte des Gnadenjahrs zu ordnen und an die
jenigen zu verteilen, welche darauf als gesetzliche Erben An
spruch zu machen hatten").
Um die Gnadenerweisung zu erklären und zu recht
fertigen, berufen sich die Fürsten auf den nicht anders denn
löblich zunennenden Landesbrauch, dass die Pfarrerihre Häuser
gewissermassen zu allgemeinen Herbergen machen und darin
neben andern Werken der Liebe und Barmherzigkeit eine die
eigenen Mittel weit übersteigende Gastfreundschaft üben. Das
habe, wenn nicht für alle, so doch für recht viele von ihnen
zur Folge, dass sie sich mit Schulden belasten. Damit sie nun

sue redditus cedant ad annum, dummodo de hisdem redditibus insti


tuatur vicarius, qui honestam habeat sustentationem et eidem ecclesie
provideat in divinis“.
') Siehe die Urk. des Fürsten Waldemar von Rostock vom 11. Nov.
1276 (Mecklenb. UC. II Nr. 1412): „rectoribus, capellanis – damus et
concedimus – de bonis suis mobilibus et immobilibus a c de proventi
bus anni gratie a die mortis eorum in beneficiis, que obtinuerunt,
dum viverent, ad eorum debita persolvenda et elemosinas ac donationes
faciendas plen am ac liber am potest atem disponendi, ordi
nandi ac testan di –. Si vero quempiam dictorum clericorum inte
status quocumque casu decedere contigerit, ordinatores sive procuratores,
qui a communi clero nostri domini ad hoc fuerint electi, de rebus sic
decedentis ordinandi – habeant liberam potestatem“.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 17

keinen Nachteil erleiden, sondern eher noch mehr ermutigt wer


den, sich wohltätig zu erweisen, soll es ihnen und ihren Erben
erlaubt sein, die im Verlaufe des nächsten mit dem Zeitpunkt
ihres Todes beginnenden Jahres fällig werdenden Einkünfte
ihrer Benefizien zur Deckung der von ihnen kontrahierten
Schulden mit heranzuziehen1).
Jedoch ist, wenn die Schuldentilgung in den Privilegien
an erster Stelle erwähnt und als wichtigster Zweck des be
willigten Gnadenjahrs hervorgehoben wird, das nicht dahin
zu verstehen, als sollten dieser Wohltat sich etwa allein nur
diejenigen Pfarrgeistlichen zu erfreuen haben, welche zu ihren
Lebzeiten Schulden machten und wegstarben, ohne dass solche
zuvor berichtigt wurden. Die zu dem Behuf in Aussicht
genommene Verwendung der Einkünfte des Gnadenjahrs bildet
darum noch keine Voraussetzung, von der es abhing, ob ein
Pfarrer oder Kaplan von der Rechtswohltat Gebrauch machen
konnte oder nicht. Das Vorhandensein von Schulden wird
nur darum in den Privilegien in den Vordergrund gerückt,
weil wegen der darin gedachten Umstände in den bei weit
aus meisten Fällen Geistliche mehr oder weniger mit solchen
beschwert waren und, ohne sie bezahlt zu haben, aus dem Leben
schieden. Es blieb nicht ausgeschlossen, dass der eine oder
andere Kleriker, ungeachtet der von ihm geübten Gastfreund
schaft noch während seines Lebens jedermann, der etwas von
ihm zu fordern hatte, gerecht wurde. Er war deshalb nicht
gehindert, wie sein übriges Vermögen, so auch die Einkünfte
des Gnadenjahrs zum Gegenstand von Vermächtnissen zu ‘guten
und frommen Zwecken _zu machen 2). Dahingegen sollten, wie

1) Siehe die in der vorigen Note angeführte Urk. des Fürsten Walde
mar von Rostock vom 11. Nov. 1276 und vgl. damit die Urk. des Bischofs
Hermann von Schwerin vom 30. Nov. 1276 (Mecklenbl. U.B. II Nr. 1413)
bei den Worten: „exequutores testamenti — de anno gratie, quem
vobis -— indulgemus, debita vestra persolvant“.
“) Siehe die Urk. des Fürsten Waldemar von Rostock vom 11. Nov.
1276 (oben S. 16, Note 1) bei den Worten: „elemosinas ac donationes
v. Brünn eck, Gnadenzeit. 2
18 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

die Fürsten Heinrich und Johann von Werle in dem von


ihnen am 14. Mai 1277 erteilten Privileg vorsahen, Kleriker,
die erweislich die Kirchengüter schädigten, öffentlich dem
Trunke fröhnten, oder im Konkubinat lebten, den Genuss des
Gnadenjahres verwirken 1). Es wurde so den kirchlichen Oberen
der Weg offen gehalten, unwürdigen Geistlichen die Wohltat
zu entziehen und den Missbrauch zu verhindern, dass solche sich
der bewilligten Gnade bedienten, um Gläubiger, die ihnen zu
unsittlichem Zweck Geld vorstreckten, zwecks Befriedigung
ihrer Forderungen auf die nach ihrem Tode fälligen Pfründen
bezüge zu verweisen.
Sonst war der gegebene Anspruch auf das Gnadenjahr
ein unbedingter. Er griff namentlich auch Platz, wenn das
von dem verstorbenen Pfarrgeistlichen hinterlassene Vermögen
an sich und ohne Zuhilfenahme der Interkalarfrüchte zur
Deckung seiner Schulden ausreichte. Die einzige Beschrän
kung, welche sich die letztwillig berufenen oder gesetzlichen
Erben gefallen lassen mussten, bestand in der durch die kirch
liche Ordnung gebotenen Auflage, dass sie oder die bestellten
Testamentsvollstrecker in ihrem Namen für die einstweilige
Wahrnehmung des Gottesdienstes und der geistlichen Amts
handlungen während der Dauer des Gnadenjahrs zu sorgen und
den damit beauftragten Vikaren für ihre Mühewaltung aus den
Pfründeneinkünften eine anständige und angemessene Ver
gütung zu leisten hatten2).

faciendas plenam ac liberam potestatem disponendi, ordinandi, donandi


et testandi“.
1) Siehe die Urk. vom 14. Mai 1277 oben S. 13, Note 1 bei den
Worten: „si contra ipsorum aliquem legitime probatum fuerit, quod detesse
rator ecclesiasticorum bonorum vel publicus potator extiterit aut mani
festam cohabitationem habuerit, a predicta reddatur gratis alienus“.
2) Siehe die oben S. 13, Notel angeführten Urk. der Grafen Gun
zelin und Helmold von Schwerin vom 18. Aug. 1267 bei den Worten:
„dummodo de hiisdem redditibus instituatur vicarius, qui honestam habeat
sustentationem et eidem ecclesie provideat in divinis“; Urk. der Fürsten
Johann und Heinrich von Werle vom 14. l\Iai 1277 bei den Worten:
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 19

Wie in Mecklenburg schloss sich auf Rügen an die Ab


schaffung des Spolienrechts und die den Klerikern zugestan
dene Freiheit, von Todes wegen zu verfügen, die Verleihung
des Gnadenjahrs unmittelbar an. Auch hier erfolgte diese unter
Zusammenwirken des Landesherrn und des zuständigen Ordi
narius, als welcher dort der dänische Bischof von Roeskilde
in Frage kam, zu dessen Diözese der Archidiakonatbezirk
Rügen gehörte. Kommt insoweit das am 13. Mai 1296 von
den Fürsten Wizlaff II und seinen Söhnen Wilzlaff III und
Sambor verliehene Privilegium mit den Privilegien der mecklen
burgischen Fürsten und Herrn entsprechenden Inhalts überein"),
so stellt sich, wenn wir dessen übrigen Text ins Auge fassen
und sehen, wie darin die Bewilligung des Gnadenjahres be
gründet wird, sogar in der Form der Abfassung eine fast
buchstäbliche Uebereinstimmung mit einem dieser Privilegien,
nämlich mit dem am 11. November 1276 von den Fürsten
Borwin und Waldemar von Rostock verliehenen Privileg

„ecclesiam vero testatores vel amici discendentis, si testatores defuerint,


per idoneas interpositas personas de bonis ecclesie per illius anni circu
lum officiare debebunt“.
') Siehe die Urk. der Fürsten Wizlaff II. und seiner Söhne Wiz
laff III und Sambor vom 13. Mai 1296 (Pommersches UB. III Nr. 1768)
bei den Worten: „cum praetextu cujusdam prave consuetudinis – cleri
corum bona mobilia et immobilia per mortem eorundem – relicta in
ecclesis vel beneficiis, in quibus dum viverent, residebant, passim a do
minis temporalibus jus patronatus in hujusmodi beneficiis habentibus
per laicales potentias rapiantur –; nos qui similiter hujusmodi pravam
– consuetudinem a nostris progenitoribus observatam invenimus et ali
quociens eciam permisimus – eidem consuetudini–in his nostris litteris
de plano renunciamus ac ipsam consuetudinem –per omnem districtum
nostrum penitus abrogamus, dantes et concedentes universis ecclesiae
rectoribus, capellanis et vicaris aliisque clericis in nostro districtu, vide
licet in archidiaconatu terrae Rugie ecclesiastica beneficia cum cura vel
sine cura obtinentibus – plenam ac liberam potestatem disponendi –
de bonis suis mobilibus et immobilibus“. Siehe im übrigen die in der
folgenden Note ausgehobenen Worte.
20 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

heraus. Das letztere hat der Kanzlei der rügenschen Fürsten


offenbar als Vorlage gedient").
In dem geistlichen Fürstentum Lübeck und in den an
grenzenden Teilen der Grafschaft Holstein bedurfte es, um das
Gnadenjahr aufGeistliche zu erstrecken die in keinem Kapitels
verbande standen, einer vorgängigen Aufhebung des Spolien
rechts nicht. Zwar war es da ebenfalls ein rein spontaner
Akt der weltlichen und geistlichen Gewalthaber, dem die Pfarr
geistlichkeit die Bewilligung jener Wohltat verdankte, nicht
aber geschah diese in irgend einem nachweislichen Zusammen
hange mit der Aufgabe von Ansprüchen, welche diese als
Kirchenpatrone wegen des Nachlasses der ihren Kirchen vor
stehenden Geistlichen erhoben. Es mag dahingestellt bleiben,
ob solche von ihnen vordem schon fallen gelassen oder über
haupt niemals geltend gemacht worden waren. Ebensowenig
geschieht in den Urkunden des Rechts der Pfarrer und an
deren Kleriker Erwähnung, dass sie von Todeswegen über
ihr Vermögen verfügen dürfen, oder, wenn sie ohne Errichtung

') Siehe die Urk. Borwins u. s.Sohnes Waldemar vom 11. Nov. 1276
(oben S. 13, Note 1) und vgl. damit die Urk. der rügenschen Fürsten
vom 13. Mai 1296 bei den Worten: „ceterum cum secundum laudabilem
ac piam terre consuetudinem nonnulli ex dictis clericis, quorum domus
adeo sunt communes, ut hospitalitatis gracia ceterisque pietatis operibus
tanto – debitorum onere pregraventur, quod ipsis nec vivis nec defunctis
ad solutionem debitorum proprie suppetunt facultates, ne de bonis operi
bus suis videantur incommodum reputare, quin potius ad caritatis opera
– accendantur, de consensu–Johannis Roskildensis episcopi, cujus ad hoc
auctoritas estpotissimum requirenda,sepedictis clericis ad solucionem hujus
modi debitorum annum gratie integrum a, die mortis eorum in bene
ficiis, que habuerunt, indulgemus, distinctionem autem ac interpretationem
hujusmodi anni predicto domino episcopo per suas patentes literas, prout
sibi expedire videbitur, reservamus“. Vgl. hiermit noch des Matthäus
von Norman Wendisch-Rügianischen Landgebrauch 91 Nr.4: „Dat hedden
de geistlichen testamentarien edder ere erven van allen geistlichen lenen
vnd parkerken, so vele der, de verstorven bi sinem levende in besitte
hadde, dat jar der gnaden“ (Ausg. v. Frommhold in Quell. zur pom
merschen Geschichte III).
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 21

eines letzten Willens versterben, von ihren Blutsverwandten


beerbt werden. Es wird das anscheinend als selbstverständ
lich vorausgesetzt. Wohl aber spielte‘ sich der Vorgang der
Bewilligung des Gnadenjahrs selbst in der gleichen Weise
ab wie in Mecklenburg, indem die landesherrliche mit der
bischöflichen Gewalt Hand in Hand ging 1). Entsprechend
geschah die Motivierung der Massregel durch Berufung auf
die von den Pfarrern geübte Gastfreundschaft und andere von
ihnen verrichtete Werke der Nächstenliebe, welche es mit sich
brachten, dass sie sich mit Schulden beschwerten. Damit letztere
besser und vollständiger abgetragen werden, als es ohnedem
geschehen möchte, sollen, wenn sie sterben, ihrem Nachlass
während des ganzen, von Zeit ihres Todes an laufenden Jahres
alle Früchte und Einkünfte des Pfründenguts (beweglichen
und unbeweglichen) einschliesslich der von den Gläubigen auf
dem Altar der Kirche geopferten frommen Gaben hinzutreten
und davon nur die Kosten in Abzug kommen, welche die
einstweilige Versorgung des Gottesdienstes bei der verwaisten
Kirche durch einen geeigneten Vertreter erfordert?).

1) Innerhalb des geistlichen Fürstentums Lübeck konnte selbst


verständlich von dem im Text berührten Zusammenwirken zweier Macht
haber nicht die Rede sein. Der Bischof vereinigte ja dort in seiner
Person die Stellung des Landesherrn mit der des Ordinarius. Dahingegen
bedurfte die Verleihung der Wohltat des Gnadenjahres durch den Bischof
der Zustimmung des Domkapitels in Fällen, wo dieser zugleich der Landes
herr war, ebensowohl wie in andern Fällen, wo es sich für ihn darum
handelte, dass er der für die Geistlichen ihres Landes von den Grafen
von Holstein geschehenen gleichen Gnadenverweisung die kirchliche An
erkennung und Bestätigung zu teil werden liess. Siehe die folgende Note.‘
2) Siehe das Statut des Bischofs Burchard von Lübeck vom 8. Sept.
1298 (U.B. des Bistums Lübeck, herausg. von Lewerkus I Nr. 355):
„Borchardus — epyschopus Lubicensis -—. Hinc estfquod nos — rectoribus
ecclesiarum, in quibus nos conferendi, instituendi, investiendi plenum jus
habemus, item rectoribus ecclesiarum, in quibus abbas Cysmariensis et
Segebergensis, Porecensis monasteriorum prepositi jus retinent patro
natus, ut dictorum rectores ecclesiarum elemosinis et liberalitati hospi
talitatis eo diligentius intendant —, de nostri capituli consensu -— an
22 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Als Entstehungsgründe, auf welche das Gnadenjahr, wo


es ausserhalb der Domkapitel und Kollegiatstifte stattfand,
zurückzuführen war, sind bis jetzt Privileg und Gewohnheits
recht ermittelt und festgestellt. Es fragt sich, ob und wo etwa
die Einrichtung in Städten und Dörfern noch auf einem dritten
Wege, nämlich vermöge statutarischer Beliebung Eingang ge
funden hat und in Nachbildung der für Kanonikate mass
gebenden Vorschriften auf die Benefizien der Pfarrgeistlichen
übertragen und angewandt wurde.
Für eine Autonomie und die kraft solcher vorzunehmende
Errichtung von Statuten mit normgebender Bedeutung bot
sich den Klerikern, die weder einem Dom- oder Kollegiat
stift noch einem religiösen Orden als Mitglieder angehörten,
eine Möglichkeit nur dort,wo diese innerhalb bestimmter kirch
licher Amtsverbände zu Gesamtheiten zusammengefast und kor
porativ organisiert waren. Das traf zu bei den Christianitäten
der Kölner Erzdiözese, unter welchem Namen die Pfarrer
und Kapläne mehrerer Archidiakonate und Dekanate in den
Gegenden am Niederrhein zu Versammlungen (Kapitel) sich
vereinigten und über die lokalen kirchlichen Verhältnisse Be
schlüsse fassten. Diese erhielten dann mit erlangter Geneh
migung des Erzbischofs von Köln die Eigenschaft verbind
licher, objektives Recht schaffender Statuten.

num gratie contulimus. Ita videlicet, ut cuilibet rectori ecclesie dece


denti post diem obitus sui integraliter omnes proventus ecclesiae tam in
rebus mobilibus quam immobilibus cum oblationibus altaris per integrum
annum cedant, ut si quae propter hospitalitatem et elemosinarum largi
tionem, ad quam singulos invitamus, decedens debita contraxerit, ea ab
executoribus testamenti sic tanto melius et perfectius persolvantur. Pro
viso tamen quod ab executoribus testamenti decedentis, si qui constituti
fuerint, alias ab episcopo, qui pro tempore fuerit, provideatur, ne per
illum annum gratie ecclesia suis debitis obsequis defraudetur. Eandem
quoque gratiam nobiles domini Gerhardus et Henricus comites Holzatie
et de Scowenburg– rectoribus ecclesiarum, in quibus ipsi jus possident
patronatus, de nostro et nostri capituli pleno consensu liberaliter con
tulerumt.“
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 2Z

Zu den mehreren und verschiedenartigen Gegenständen,


mit welchen sich die Christianitäten beschäftigten, gehörte das
Gnadenjahr. Im Mittelalter ist es freilich anscheinend nur
selten zur Abfassung hierauf bezüglicher statutarischer Vor
schriften gekommen. So viel mir bekannt, sind solche nur
in den 1393 errichteten Statuten der Christianitäten des
Xantener Archidiakonats enthalten). Diesen zufolge sollten,
wenn ein Geistlicher, der Mitglied der Christianität war, ver
starb, die Vollstrecker seines letzten Willens nach eingeholtem
Konsens des Archidiakon oder dessen Vertreter wählen zwischen
einer dem Nachlass des Verstorbenen durch den Amtsnach
folger zu leistenden Abfindung (taxa) oder dem Gnadenjahr.
Während bei Wahl der Abfindung dem neuen Pastor alsbald
die Sorge für die geistliche Bedienung der Kirche, die ihren
Pfarrer durch den Tod verloren hatte, zufiel, galten die Testa
mentsvollstrecker, wenn sie das Gnadenjahr wählten, für ver
pflichtet, einen geeigneten, vom Archidiakon geprüften und
bestätigten Vertreter auf Kosten des Nachlasses zu bestellen,
um während seiner Dauer den Gottesdienst und die pfarramt
lichen Geschäfte zu versehen. Dieser hatte sich dann seiner
seits wegen der Stolgebühren und Oblationen, welche ihm zu
gingen, mit dem Amtsnachfolger auseinanderzusetzen.
Ein Einfluss des kanonischen Rechts ist da unverkennbar.
Die den Testamentsvollstreckern gegebene Erlaubnis, zwischen
einer dem ursprünglichen Schätzungswert der Pfründe und
ihrer Einkünfte gleichkommenden Abfindung (taxa) und dem
die Ueberschüsse begreifenden Gnadenjahr zu wählen, entspricht
sachlich dem durch die Konstitution Suscepti regiminis (c. 2
de elect. et elect. pot. in Extr. Joh. XXII) angeordneten
Wahlrecht. Und wird die Abfindung gewählt, so lässt sich
darin wohl eine dem Verstorbenen für erlittene Karenz ge
währte Vergünstigung erblicken. Andererseits freilich stellt

') Siehe diese Statuten bei Binterim und Mooren, Die Erz
diözese Köln II, p. 255.
24 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

sich das Gnadenjahr, wo dieses Platz greift, als reine Ver


günstigung dar. Hieran zu zweifeln liegt um so weniger ein
Grund vor, als die Möglichkeit, den Erben des Verstorbenen
seinen Genuss zu verschaffen, nicht unbedingt gegeben ist.
Sie steht in Abhängigkeit von der Zustimmung des Archidia
kon als des zuständigen geistlichen Oberen. Er hat zu be
stimmen, ob die Testamentsvollstrecker überhaupt wählen und
das Gnadenjahr der Abfindung vorziehen dürfen oder nicht.
Der neueren Zeit und zwar dem XVII.–XVIII. Jahr
hundert gehören die Statuten der Christianitäten Düsseldorf,
Barchheim, Jülich und Siegburg an. Von diesen stehen in
haltlich die Siegburger den Xantener Statuten am nächsten ).
Die darin den Erben des verstorbenen Pastor auferlegte Ver
pflichtung, seinem Nachfolger im Amt ein Drittel der in das
Gnadenjahr fallenden Einkünfte herauszugeben, wenn sie es
nicht vorziehen, sich von diesem mit einem Drittel der vom Ver
storbenen bereits verdienten und noch nicht verdienten Früchte
und Einkünfte des Sterbejahrs abfinden zu lassen, erinnert an

) Siehe Stat. et decret. decanatus ruralis et capituli–Christiani


tatis Siegborgensis (Binterim u. Mooren a. a. O. II, p. 498–499):
„Annus gratie pastorum id est, quandopastor supervixit vesperas Marga
rethae, hoc est: horam circiter secundam pomeridianam diei duodecimi
Juli. Tunc defunctus habet non tantum fructus sive reditus curr. sed et
subsequentis cum onere deserviturae usque ad primas vesperas Marga
rethae anni subsequentis. Ex quo patet, quando annus gratiae incipit
et finitur. Ex reditibus anni istius tenentur heredes sollvere novello,
sive successoritaxam, quae est tertia pars redituum temporis non deser
viti a defuncto. Tempus autem deservitum est illud, quod defunctus
post Margarethae supervixit v. g., si supervixerit mensem unum, duos,
tres, quatuor, quinque; de his nihil praetendere potest novellus, sed
tantummodo de eo tempore habet tertiam partem, quod defunctus
usque ad sequens Margarethae non deservivit, in quo tamen puncto hae
redes defuncti habent electionem vel taxae, vel deserviturae; si eligant
deservituram, habent duas tertias redituum temporis a defuncto non
deserviti; si taxam eligant, habent solummodo tertiam partem istius
temporis praeter ratam temporis deserviti, et successor duas tertias cum
onere deserviturae“.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 25

die in den Xantener Statuten neben dem Gnadenjahr zur Wahl


gestellte Abfindung. Neu ist dagegen die Voraussetzung,
von der der Eintritt des Gnadenjahres abhängig gemacht wird.
Es soll nur stattfinden, wenn der verstorbene Pastor den
Margaretentag (12. Juli) eine kürzere oder längere Zeit hin
durch überlebt hat.
Mehr zu Gunsten des verstorbenen Pastors und seiner
Erben fiel die Entscheidung aus in den Statuten der anderen
genannten Christianitäten. Nach den Düsseldorfer Statuten )
hatte jeder Pastor oder Priester, der dem Kapitel als Mitglied
angehörte, nach erlangtem Besitz seiner Kirche das Gnaden
jahr zu geniessen, er mochte nun mit oder ohne Testament
versterben, sofern er nur den Margaretentag überlebte. Als
Gnadenjahr galt dann das dem laufenden Dienstjahr nächst
folgende Jahr. Da letzteres nach alter Gewohnheit mit dem
Remigiustage (1. Oktober) begann und mit dem vorhergehen
den Tage (30. September) das folgende Kalenderjahr endigte,
kam das Gnadenjahr diesem Zeitraum gleich. Entsprechende
Vorschriften begegnen in den Statuten der Christianitäten
Barchheim) und Jülich).

') Stat. christian. Dusseldorp. composit. a. 1621 confirm. a – duce


Philippo Wilhelmo a. 1675 (Binterim und Mooren a. a. O. II, p. 335),
Tit. VI de anno gratiae § 1 : „Pastor omnis vel presbyter huic capitulo
subjectus et privilegii hujus capax possessionem suae ecclesiae legitime
adeptus, sive testatus, sive intestatus decesserit, gaudebit anno gratiae
debito petito. § 2: si pastor – post festum Margarethae virginis ex
vivis excesserit – sequens annus reputabitur annus gratiae.– § 3: Pro
termino autem currentis anni et percipiendorum redituum festum S. Re
migii ex antiqua consuetudine observatum et constitutum est.“
*) Siehe diese Statuten (Binterim u. Mooren a. a. O. II, p.436)
c. 8 zu 2: „Festum S. Margarethae seu ejus profestum sunt signum seu
nota determinans, cui pastori competat annus gratiae post mortem –;
hic quoque notandum, quod 27. May 1727 in annali capitulo conclusum
est, ut quicunque pastorum vel vicariorum perpetuorum horam duodeci
anam meridianam in profesto sanctae Margarethae supervixerit, gaudeat
privilegio annigratiae et extunc praeter annum meriti (qui durat usque
26 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Man sieht, der Einfluss des kanonischen Rechts ist im


Schwinden. Manche der niederrheinischen Christianitäten
können es daraufhin wagen, dem Gnadenjahr durch die von
ihnen gefassten Beschlüsse eine Beschaffenheit und Bedeutung
zu geben, welche ihm die Konstitution des PapstesJohann XXII.
versagte.
Die gleiche Selbständigkeit weist die neuere Rechtsbildung
im Bistum Münster auf. Im Widerspruch mit dem Beschluss
des Kölner Provinzialkonzils vom Jahre 1338 kommt es ge
wohnheitsrechtlich zur Anwendung des Gnadenjahrs auf Pfarr
pfründen, ohne dass die Vorschriften der Konstitution des
Papstes Johann XXII. weiter beachtet werden. Die kirch
lichen Oberen traten dem nicht hindernd entgegen. Der
Generalvikar des Bischofs von Münster erkennt durch Erlass
vom 3. Januar 1645 das Gnadenjahr als eine bei allen Kurat
benefizien bestehende Einrichtung an. Wenn er sich darüber
näher äussert, so beabsichtigt er nicht, neues Recht zu schaffen,
er will nur das ohnehin schon geltende Recht erläutern und
zur Vermeidung von Streitigkeiten genauer bestimmen, welche
nach dem Tode des Pfarrgeistlichen zu erhebenden Einnahmen
in das Gnadenjahr fallen und darum seinen Erben gebühren,
und welche Verpflichtungen diese dafür zu erfüllen haben.
Als Termin, mit dem der neue Pastor befugt ist, in das
Pfarrhaus einzuziehen, seinen Hausstand darin einzurichten

ad terminum S. Remigi), gaudeat indulto anni gratiae, nimirum ut omnes


et singulos fructus anni sequentis –percipiat“. Vgl. damit noch c. 8 zu
1–3 (Binterim u. Mooren a. a. O. II, p. 435–437).
*) Siehe diese (Binterim u. Mooren II, p. 272–273) c. 6 § 1:
„Juxta antiqua statuta et privilegia hujus xtatis principium anni pastoralis
est festum Remigi – finis autem profestum ejusdem. – § 2: Festum
S. Margarethae incidens in diem 13tiam Juli seu hora 12 meridiana
hujus profesti est nota determinans, cui pastori competat annus gratie
– si pastor horam 12 meridianam in profesto S. Margarethae super
vixerit, gaudet privilegio anni gratiae et extunc praeter annum meriti,
qui durat usque ad terminum S. Remigii, gaudet indulto anni gratiae,
ut omnes et singulos fructus anni sequentis percipiat.“
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 27

und den Pfarracker mit ‘Vintersaat zu bestellen, soll, vorbe


haltlich anderweitiger Einigung unter den Beteiligten, der
Michaelistag oder der Tag angenommen werden, an welchem
in der Stadt Münster der Herbstmarkt stattfindet. Er fällt,
wenn der Tod des früheren Geistlichen vor dem 25. Juli ein
tritt, mit dem Herbstanfang des laufenden Jahres, bei später
erfolgendem Tode mit dem Herbstanfang des nächstfolgenden
Jahres zusammen. Von da ab hat hinwiederum der neue
Pastor den Gottesdienst in der Pfarrkirche zu versehen und
das Pfarramt zu übernehmen, während es bis dahin Sache
der Testamentsvollstrecker oder der Erben des Verstorbenen
ist, für Abhaltung des Gottesdienstes und Wahrnehmung der
pfarramtlichen Geschäfte durch einen geeigneten Vertreter
auf Kosten des Nachlasses zu sorgen. Je nachdem, ob der
Kuratgeistliche vor oder nach dem genannten Tage stirbt,
nimmt das Gnadenjahr für ihn oder seine Erben in Ansehung
der darin begriffenen Einnahmen einen geringeren oder
grösseren Umfang an. Ersteren Falls beschränkt es sich der
Hauptsache nach auf die innerhalb Jahresfrist, vom Todestage
an gerechnet, eingehenden baren Gelder und das Messkorn, wäh
rend im andern Falle dem Nachlass nicht sowohl die Früchte
der von dem Verstorbenen selbst auf dem Pfarracker bestellten
Saaten, sondern nicht minder diejenigen Früchte zuwachsen‚
welche den erst von den Testamentsvollstreckern oder den
Erben bestellten Saaten entspriessen 1).
Im Verlaufe des XVIII. Jahrhunderts ergingen denselben
Gegenstand betreffend zwei weitere Verordnungen der zustän
digen geistlichen Oberen: das Synodaldekret vom 18. Juni 1727
und die Konstitution des Kölner Erzbischofs Klemens August
vom 13. März 1754. Sie wiederholen im wesentlichen den
Inhalt des Erlasses von 1645. Neu ist darin die Bestimmung,

1) Siehe die Eleuteratio, qualiter anni gratiae -—— curatorum de


functorum participent (Sammlung der Gesetze und Verordnungen des
Erbfiirstentums Münster aus der Zeit von 1359—1811 I, p. 223 ff.).
28 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

dass, wenn der Nachfolger des verstorbenen Kuraten inner


halb des für dessen Erben noch laufenden Gnadenjahrs mit
Tode abgeht, seine Erben keinen Anspruch auf die gleiche
Wohltat sollen erheben dürfen. Auch wird darin der Fällig
keitstag für gewisse dem Verstorbenen oder seinen Erben in
Geld oder in Naturalien zustehende Hebungen bald auf den
25. Juli (Jakobitag), bald auf den Zeitpunkt anberaumt, wo
diese in jeder Parochie herkömmlich gezahlt oder geliefert
werden 1).
Ausserhalb des Bistums Münster hatte in der Ausdehnung
auf Pfarrpfründen das Gnadenjahr noch in einem rechts des
Rheins belegenen, wenngleich nur kleinem Teil der Erzdiözese
Köln das Mittelalter überdauert, nämlich im Dekanatsbezirk
Attendorn. Weil Attendorn mit seiner Umgebung zum
Herzogtum Westfalen gehörte, waltete da bis zur Säkulari
sation von 1803 der Kölner Erzbischof und Kurfürst zugleich
als Landesherr. Die den dortigen Pfarrern bewilligte ‘Wohl
tat des Gnadenjahrs stellte sich, verglichen mit dem in anderen
rechtsrheinischen Dekanatsbezirken der Kölner Erzdiözese be
stehenden Pfründenrecht als eine Besonderheit dar. Denn
dieses gestand zwar den Pfarrern im Falle ihres Todes eine
dem Verdienstjahr der Kanoniker entsprechende Sterbezeit
(annus meriti) zu, nicht aber das Gnadenjahr 2).
Dennoch nahm der Kölner Weihbischof und Generalvikar
Paulus Assemius nicht Anstand, durch Konstitution vom
25. März 1678 die in Attendorn und Gegend befolgte Uebung

1) Siehe die in der vorigen Note angef. Sammlung Münsterscher


Ges. I, p. 226.
2) Siehe die Konstitution des Weihbischofs Joh. Hein. Anethan für
das Dekanat Meschede vom 15. Juli 1683 (Seibertz, Die Statutar- und
Gewohnheitsrechte d. Herzogt. Westfalen, S. 59) bei den Worten: „ut
nullus defuncto sit annus gratiae, sed meriti tantum“; siehe ferner desselb.
Konst. für den Haardistrikt vom Jahre 1681 (das. S. 544) u. Bestätig.
dies. Konst. durch den Weihbischof Joh. Andr. von Franken-Sierstorfi‘
vom Jahre 1745 (das. S. 550).
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 29

und Gewohnheit für der Billigkeit gemässzu erklären und als ein
für alle Zeiten geltendes Gewohnheitsrecht zuzulassen und im
Namen des Erzbischofs anzuerkennen und zu bestätigen. Es
sollten demnach überall dann, wenn ein Pfarrgeistlicher nach
Martini mit Tode abging, nicht nur die Einnahmen des laufen
den, sondern auch die des folgenden Jahres als des Gnaden
jahres seinem Nachlass zu teil werden, während bei Nichtzu
treffen dieser Voraussetzung die Erben des Verstorbenen sich
mit den von ihm verdienten Früchten und Einkünften des
laufenden Jahres und mit dem Messkorn zu begnügen hatten,
mochte letzteres auch erst etwas später als Martinizur Hebung
kommen").
Soweit hiernach das Gnadenjahr Platz griff, knüpfte sich
an seinen Genuss für die Erben nur die eine Bedingung, dass
sie den neuen Pastor, wenn dieser alsbald nach erlangter
Investitur die Verwaltung der vakanten Stelle zu übernehmen
gewillt war, für seine Mühewaltung in der Art und dem
Umfang entschädigten, wie das sonst bei Anordnung einer
interimistischen Vertretung zwecks Abhaltung des Gottes
dienstes und Besorgung der Pfarrgeschäfte zu geschehen
hätte.

) Siehe die Konst. von 1678 bei Seibertz a. a. O. S.839: „cum


– noveritis, nobis pro parte decani et pastorum Christianitatis Atten
dornensis dioecesis Coloniensis expositum esse, quod per ante dictam
christianitatem consuetudo obtinuerit, ut, si pastor anni currentis moria
tur ante festum Martini obventiones competant pastori defuncto vel
ejus heredibus, incluso etiam missatico, quod paulo serius colligitur, ha
betur tamen de corpore annuarum obventionum –. Ubi vero pastoratus
obventiones sunt ampliores et ditiores, si pastor moriatur post festum
S. Martini episcopi, partem anni licet exiguam administraverit, tam ob
ventiones totius illius anni currentis, quam alterius subsequentis
tamquam anni gratia e cedant et competant heredibus defuncti,
hac tamen conditione, ut pastorinovello post obtentam investituram pro
administratione, si quidem eam peragere velit, satisfaciant – Nos –
e an dem consuetudinem perpetuis futuris temporibus vali
tur am admittimus et authoritate archiepiscopali – appro
bavimus et confirm avim us“.
30 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Die aus den angeführten Verordnungen sich ergebende


Rechtsverschiedenheit machte in den rechtsrheinischen Teilen
der nach Zerstörung der älteren Kirchenverfassung durch die
Bulle vom 26. Juli 1821 wiederhergestellten oder neube
grenzten Diözesen Köln, Trier und Münster die Herstellung
eines gleichförmigen Verfahrens wegen der Verteilung der
Einkünfte erledigter katholischer Kuratstellen unter gleich
zeitiger Ausdehnung auf den angrenzenden bischöflichen
Sprengel von Paderborn notwendig. Ein Einschreiten der
Staatsgewalt Preussens, dessen Gebiet die genannten Diözesen
ganz oder doch nahezu ganz einschloss, erschien ebensosehr
durch die weltliche Rechtsordnung, wie um des eigenen Inter
esses der katholischen Kirche willen geboten. Auf Antrag
des Staatsministeriums und nach Anhören der Gutachten der
erzbischöflichen und bischöflichen Ordinariate erliess der
König Friedrich Wilhelm IV. die Verordnung vom 3. Juli
1843 1).
Die Gnadenzeit ist dadurch innerhalb der Diözese Pader
born und in den rechtsrheinischen Teilen der Diözesen Köln,
Trier und Münster zu einer durchweg geltenden Einrichtung
erhoben worden. Der Ausdehnung ihres räumlichen Umfangs
steht aber eine erhebliche zeitliche Verkürzung gegenüber.
An Stelle des Gnadenjahrs, welches bald vom Todestage des
verstorbenen Geistlichen, bald vom Anfang des nächstfolgenden
Dienstjahres zu berechnen war, tritt eine auf drei Monate
festgesetzte Gnadenzeit, die vom Beginn des ersten Tages des
auf den Sterbemonat folgenden Monats läuft. Nur während
dieses kurz bemessenen Zeitraumes soll, wenn eine katholische
Kuratstelle durch den Tod ihres Inhabers sich erledigt, das

1) Preuss. Ges.-Samml. 1843 S. 289. Am 16. Januar 1844 erging von


dem Bischof Caspar Maximilian eine mit der Verordn. vom 3. Juli 1843
übereinstimmende Verordnung, welche alle älteren Konstitutionen, Sta
tuten, Kapitelsbeschlüsse, bischöfliche Verordnungen und Gewohnheits
rechte entgegenstehenden Inhalts für abgeschafft erklärte. Siehe Krabbe,
Stat. synodalia dioecesis Monast. (Monasteri, 1896) p. 214, Note.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 31

damit verbundene Einkommen auf dessen Erben übergehen (ä 1).


Ausgeschlossen bleiben davon die Stolgebühren und Oblationen
für geistliche Amtshandlungen, Memorien- und Anniversarien
Stipendien. Sie werden in Abweichung von dem früheren
Recht und ohne Rücksicht darauf, ob sie bei der Dotation der
Stelle dem Verstorbenen auf das Amtseinkommen angerechnet
sein sollten, demjenigen Geistlichen zugeteilt, der die betreffende
Handlung verrichtet (ß 4).
Wie die Gnadenzeit erfährt auch die Sterbezeit, während
deren die nach dem Sterbetage fälligen Einkünfte den vom
Verstorbenen wirklich schon verdienten Einkünften gleichge
achtet und behandelt werden, eine nicht unbeträchtliche Herab
setzung. Konnte sie sich vorher unter Umständen, namentlich
wenn der Todesfall vor Martini eintrat, über mehrere Monate
erstrecken, gilt jetzt nur der Sterbemonat als Sterbezeit, so
dass dem Nachlass des Verstorbenen, abgesehen von dem Ge
nuss der dreimonatlichen Gnadenzeit, nur noch die innerhalb
dieses Monats nach dem Sterbetage aufkommenden, nicht ver
dienten Einkünfte zuwachsen.
Die Erben, welche die Wohltat der Gnadenzeit zu ge
niessen haben, sind gleichbedeutend mit den Rechtsnachfolgern
des verstorbenen Kuraten, auf die sein Nachlass einschliesslich
der erwähnten, auf den Sterbemonat entfallenden Einnahmen
kraft Erbrechts übergeht. Ob sich dieses ihr Erbrecht in
Testament oder Erbvertrag oder in Ermanglung einer letzt
willigen Verfügung in gesetzlicher Vorschrift gründet, ist
‘ gleichgültig. Die Verordnung fasst den Erbenbegrifi ganz all
gemein. Ebensowenig ist der Anspruch der Erben auf den
Genuss der Gnadenzeit irgendwie von dem Umstand abhängig
gemacht, ob der Verstorbene bei seinem Ableben unberichtigte
Schulden nachlässt oder nicht 1).

1) Wenn Seibertz, Statutarische u. Gewohnheitsrechte des Herz.


Westfalen S. 323—324 bei Darstellung des vor 1843 bestehenden Rechts
zustandes davon spricht, es sei das Nach- oder Gnadenjahr bewilligt „um
32 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Dahingegen knüpft sich an den Genuss der Gnadenzeit


für die Erben die Verpflichtung, dass sie alle mit der Ver
waltung der erledigten Kuratstelle verbundenen Kosten und
Lasten übernehmen und tragen. In den Kosten ist die
Remuneration inbegriffen, welche dem von der bischöflichen
Behörde für die Dauer der Gnadenzeit bestellten Administrator
in Höhe des von dieser Behörde bestimmten Betrages zu
zahlen ist 1). Zu den Lasten gehört die Aufnahme des Ad
ministrators in die Amtswohnung. Das zu seinem Bedarf
nötige Gelass ist ihm sofort nach Beginn der Gnadenzeit ein
zuräumen (ä 1).

Zwecks Erleichterung und Vereinfachung des Verfahrens


bei der Auseinandersetzung zwischen den Erben des ver
storbenen Kuratgeistlichen und dessen Amtsnachfolger schreibt
die Verordnung (ä 2) des weiteren vor, dass der Jahresbetrag
des Stelleneinkommens vom 1. Januar bis 31. Dezember be
rechnet und behufs Bemessung des den Erben daran zustehen
den Anteils nach Verhältnis der Zeit geteilt werden soll.
Diese Bestimmung findet auch auf die Pacht- und Mietgelder

einen Fonds zur Tilgung von Not- und Ehrenschulden des Verstorbenen
zu haben“, so muss es, da die im XVIL-XVIII. Jahrhundert von den
geistlichen Oberen ausgegangenen Erlasse und Verordnungen hierüber
schweigen, als sehr fraglich bezeichnet werden, ob man damals noch
an jener Zweckbestimmung des Gnadenjahrs festhielt, zumal dieser,
wie wir früher sahen, ja keineswegs immer noch überall die Bedeu
tung einer Voraussetzung oder Bedingung für die den Erben des ver
storbenen Geistlichen zu verstattende Erhebung von Interkalarfrüchten
beiwohnte. Die Verordnung vom 3. Juli 1843 weiss davon jedesfalls
nichts mehr.
1) Die im Text bezeichnete Verpflichtung nimmt sonach mit dem
ersten Tage des auf den Sterbemonat folgenden Vierteljahres ihren An
fang, nicht etwa schon vom Sterbetage an. Die Frage, ob und wie es mit
der einstweiligen Abhaltung des Gottesdienstes und der Besorgung der
Amtsgeschäfte an Stelle des verstorbenen Geistlichen während des Sterbe
monats‘ zu halten, ist für die Erben belanglos.
Das Gnadenjahr in der katholischen Kirche Deutschlands. 33

der zur Stelle gehörigen Gärten, Aecker, Wiesen und sonstigen


Grundstücke Anwendung. Hat aber der Verstorbene diese
durch Selbstbewirtschaftung genutzt, so sind die Früchte nach
der Ernte, sowie die Kosten der Einsaat und Bestellung durch
zwei Sachverständige abzuschätzen, von welchen der eine durch
die Erben, der andere durch den Nachfolger, oder falls dieser
noch nicht ernannt, durch den Vertreter des erledigten Bene
fiziums zu wählen ist. Findet die Wahl Widerspruch, so geht
sie auf den zuständigen Landdechanten über. Der Ueber
schuss, welcher sich aus der Abschätzung der beiden Sach
verständigen und aus dem daraus gezogenen Mittelsatze ergibt,
ist dann in gleicher Art wie das Pachtgeld zu teilen (ä 3).
Die Auseinandersetzung ist durch die bischöfliche Behörde zu
leiten und festzustellen. Sie geschieht vorbehaltlich der Be
rufung der Beteiligten auf rechtliches Gehör. Die zu er
hebende Klage muss jedoch binnen vier Wochen bei dem
ordentlichen Gericht angebracht werden, welche Frist von dem
Tage ab läuft, an welchem der Partei, die sich beschwert fühlt,
die Entscheidung der bischöflichen Behörde bekannt gemacht
ist. Sonst wird solche rechtskräftig, sofern nicht die Behörde
(was ihr freisteht), die Sache, weil ihr das notwendig oder
zweckmässig scheint, ihrerseits selbst auf den Rechtsweg ver
weist 5).
Endlich ist hier noch zu erwähnen, dass die Verordnung
wegen zweifelhafter und streitiger, bei gedachter Auseinander
setzung entstehender Fragen, über welche sie keine Bestimmung
enthält, auf die Vorschriften des Zivilrechts, insonderheit auf
die wegen des Nieszbrauchs geltenden verweist (ä 6). Solche
waren in der Zeit, nachdem die Verordnung Kraft erlangt
hatte, bis zum 31. Dezember 1899 für die meisten hier in
Betracht kommenden Parochien mit den Vorschriften des
Preussischen Allgemeinen Landrechts sowie der französischen
Gesetzgebung und nur in den wenigen, zum rechtsrheinischen
Teil der Diözese Trier gehörigen Parochien mit denen des
römischen und gemeinen Rechts gleichbedeutend.
v. Brünneck, Gnadenzeit. 3
34 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Heute wird man im Anhalt an den Wortlaut der Ver


ordnung, die nur vom Zivilrecht spricht, ohne des preussischen
Landrechts, dessen Begrifl‘ weiter geht, zu erwähnen, unter
den zur Ergänzung heranzuziehenden Vorschriften diejenigen
des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs zu verstehen und in
erster Linie an die darin (ää 1030 ff.) wegen des Nieszbrauchs
getroffenen Bestimmungen zu denken haben.
II.
Die Gnadenzeit des älteren evangelisch-deutschen
Kirchenrechts.

Eine weit grössere Verbreitung als in der katholischen


Kirche hat die auf erledigte Pfarren erstreckte Einrichtung
des Gnadenjahres oder der Gnadenzeit in den deutschen evange
lischen Landeskirchen erfahren. Freilich aber ist das nicht
geschehen ohne einschneidende, damit vorgenommene Aende
rungen. Sie betreffen einesteils die Dauer der Zeit, für welche
dem Fortgenuss der Einkünfte des durch den Tod seines In
habers erledigten Amts stattgegeben wird, andernteils die
Wohltat selbst und die ihrer teilhaftigen Personen.
Nicht immer noch überall ist das Gnadenjahr durch eine
andere Zeitbestimmung ersetzt worden. Der Rechtszustand
war und blieb in dieser Hinsicht bis in die neueste Zeit hinein
ein verschiedener, und selbst gegenwärtig ist eine Ausgleichung
noch keineswegs vollständig durchgeführt.
Nicht wenige Kirchenordnungen des XVI.-XVIII. Jahr
hunderts übernahmen das von alters hergebrachte Gnadenjahr
als Zeitbestimmung 1) oder führten es in die Kirchenver
fassung, der es vorher fremd war, nachträglich ein2). Eine

1) Siehe Revidierte mecklenburgische K.O. 1602 u. 1650 Fol. 278:


„Es sol — das Gnaden Jar wie vor Alters gebräuchlich ver
gönnet werden“; siehe ferner K.O. der Grafschaft Schauenburg vom
Jahr 1614 (B üff‚ Kurhess. Kirchenr. S. 889); vgl. mit der oben S. 21,
Note 2 angef. Urk. des Bischofs Burchard von Lübeck vom Jahr 1298.
2) Siehe Pommerschc K.O. 1563 (Richter, Evangel. K.O. II
S. 229 ff.) bei den Worten: „schölen se — dorchuth in vnseren Försten
36 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

der später ergangenen K.O. begnügte sich sogar mit einer


dem Gnadenjahr gleichkommenden Zeitbestimmung nicht. Die

domen hebben dat gna den J h ar“. Diese K.O. dehnte die vor der Refor
mation auf die Pfarren der Insel Rügen (s. oben S. 19, Note 1) be
schränkte Wohltat auf alle Pfarren in den Pommerschen Herzogtümern
aus, nachdem die zur Synode versammelte Geistlichkeit des Landes an
fangs nur ein halbes Jahr als Gnadenzeit in Aussicht genommen und
erst später für Bewilligung des vollen Gnadenjahrs sich ausgesprochen
hatte. Vgl. Beschl. der Synode Greifswald 1544, Stettin 1545 (J. G. Bal
th as ar, Samml. einiger zur Pomm. Kirchen-Hist. geh. Schrift I S. 27. 45)
mit Beschl. d. Syn. Anclam 1557, Barth. 1560 (Balthasar a. a. O. I
S. 428-429. 586—587). Von anderen K.O., durch welche von Zeit ihrer
Emanation an die Dauer der Wohltat auf ein volles Jahr bemessen
wurde, seien hier noch angeführt: K.O. für die Grafschaft Hoya von
1573 und 1581 (Richter a. a. O. II S. 337. 458); K.O. für Sachsen
Lauenburg von 1585 (Spangenberg, Samml. d. Verordn. u. s. w.
für sämtl. Prov. des Hannoversch. Staat. IV, 2 S. 9 fl'.). Wenn später
die Verordn. vom 13. Sept. 1751 neben dem sonst beibehaltenen Gnaden
jahr den ohne Mutter oder Stiefmutter nachgebliebenen Kindern der
verstorbenen Prediger nur ein halbes Gnadenjahr zusprach, hing das
damit zusammen, dass diesen damals überhaupt erst die durch die K.O.
von 1585 auf die Witwen beschränkte Wohltat zugestanden ward. Siehe
die weiter unten anzuführenden Worte der Verordnung von 1751. Es
erhellt daraus auch die zu Gunsten der Kinder von Superintendenten
gemachte Ausnahme. Sie sollten stets das volle Gnadenjahr geniessen.
Dahingegen gestattete die in Teilen von Schleswig und Holstein
eingeführte K.O. von 1542 der Witwe des verstorbenen Pfarrers zwar
die Weiterbenutzung der Wohnung im Pfarrhause für die Dauer eines
ganzen Jahres, gab ihr aber sonst nur das Recht, die während dessen
aufkommenden Früchte und Einkünfte, soweit diese nicht schon von ihrem
verstorbenen Ehemann verdient waren oder als verdient angesehen wurden,
zur Hälfte zu ernten bezw. zu erheben, gegen die Verpflichtung, dem
Amtsnachfolger Wohnung und Kost zu gewähren (Corp. statut. provinc.
Holsatiae S. 53—54; Richter a. a. O. I S. 358). Die Ausdehnung des
Gnadenjahrs auf die gesamten Pfarreinkünfte ordnete erst ein Reskript
des Königs Christian IV. von Dänemark vom 22. Sept. 1642 an (Corp.
const. Holsat. I S. 449; Callisen, Kurz. Abriss des Wissenswürdig. aus
den den Prediger und sein Amt in Schleswig-Holstein betr. Verordnung.
S. 282). Noch später erhöhte die K.O. für das Fürstent. Halberstadt
vom Jahre 1747 die Gnadenzeit, welche dort bis dahin observanzmässig
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 37

für die evangelischen Gemeinden der Provinz Westfalen und


der Rheinprovinz erlassene K.O. vom 5. März 1835 setzte das
Nachjahr‚ wie sie die Gnadenzeit ernannte, auf 1 Jahr und
6 Wochen fest (ä 65)1).

ein halbes Jahr betragen hatte, auf ein volles Gnadenjahr (s. Motive zum
Rv. Entw. d. Provinzial. d. Fürstent. Halberstadt (Berlin 1836) S. 1621i‘.
und den Entw. selbst ä 109. Endlich mag hier noch auf eine gesetzl.
Anordnung hingewiesen sein, wodurch in einem Landesteil die entgegen
stehende Vorschrift der sonst massgebenden K.O. ausser Kraft gesetzt,
und die Gnadenzeit auf 1 Jahr verlängert wurde. Es geschah dies in
dem seit 1537 mit der Neumark vereinigten Herzogtum Crossen durch
den Spezialrevers vom 12. Juni 1611, den Kurfürst Johann Sigismund
den Ständen des Landes erteilte (Mylius, Gorp. const. March. VI, 1
p. 239).
1) Die Vorschriften der rhein.-westf‚ K.O. vom 5. März 1839 (ä 65)
sind hervorgegangen aus den von der Synode der reformierten Gemeinden
der Lande Kleve und Mark, sowie von Jülich und Berg beschlossenen
und von den beiderseitigen Landesherren bestätigten K.O. vom Jahre
1662, die ihrerseits wieder in Synodalbeschlüssen aus den Jahren 1580
bis 1609 beruhten (s. d. Einleit. zur K.O. 1662). Der auf das Nachjahr
bezügliche Inhalt der K.O. von 1662 (c. 2 Nr. 39) ging demnächst in
die vom Grossen Kurf. Friedrich Wilhelm den lutherischen Gemeinden
von Kleve und Mark gegebene K.O. vom 6. Aug. 1687 über (o. 1 Nr. 2-3).
Länger dauerte es, bis die lutherische Geistlichkeit der Stadt Soest sich
zur Annahme des Nachjahres im Sinne und der Bedeutung eines vollen
Gnadenjahres bequemte. Der hierauf bezügliche Beschluss der dortigen
Predigerkonvention wurde erst am 4. Okt. 1756 gefasst und am 26. Mai
1758 obrigkeitlich bestätigt (vorher erstreckte sich die Gnadenzeit dort
nur auf ein halbes Jahr). Wie aber erklärt sich die Verlängerung des
Nachjahres, von der die älteren Quellen nichts wissen, in der K.O. von
1835 von 1 Jahr auf 1 Jahr und 6 Wochen? Sie ist vermutlich auf
eine Verbindung einer unmittelbar an den Tod des Predigers sich an
schliessenden Sterbezeit mit der Gnadenzeit und das Zusammenfassen
beider in den einen Begriff des so um 6 Wochen verlängerten Nach
jahrs (Gnadenjahrs) zurückzuführen. Dass man aber die Sterbezeit gerade
auf 6 ‘Wochen festsetzte, gründet sich in der urkundlich bezeugten Ge
wohnheit oder Observanz, welche die gänzliche Einstellung des Gottes
dienstes in der Kirche, der der verstorbene Prediger vorgestanden hatte,
für die Dauer von 6 Wochen nach dem Todestage mit sich brachte
(siehe die Urk. über den vom luth. Ministerium in Soest errichteten
38 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Neben der Gesetzgebung machte das Gewohnheitsrecht


seinen Einfluss geltend. Zwar vermochte dieses dem Gnaden
jahr, wo man es, wie an manchen Orten der Mark Branden
burg im Mittelalter auf Pfarrbenefizien erstreckt hatte, der
durch die Reformation umgestalteten Kirchenverfassung gegen
über die frühere rechtliche Eigenschaft und Bedeutung nicht
zu bewahren. Doch verlor es darum nicht alle und jede Wir
kung. Für die Bestimmung der Zeit, während deren die Wohl
tat gewährt sein sollte, blieb es massgebend 1).
Nicht weniger konnte durch landesherrliches Privileg die
sonst kürzer bemessene Gnadenzeit auf die Dauer eines vollen
Jahres erstreckt werden. Es traf das in Fällen zu, wo den
evangelischen Geistlichen einer oder der anderen Inspektion
oder Ephorie oder den Pfarrern von Kirchen landesherrlichen
Patronats der Fürst durch Verlängerung der Gnadenzeit seine

Vergleich in J acobson, Gesch. u. Quellen des evang. Kirchenr. der


Prov. Rhein]. u. Westf. U.S. Nr. 59, S. 148-149). Man mochte den verstor
benen Geistlichen so lange noch als fortlebend betrachten. Eigentlich hätte
man die in die 6 Wochen fallenden Pfarreinkünfte als von ihm verdient
ansehen und seinem Nachlass zurechnen müssen. Wollte man das aber
nicht tun, so liess sich zu einem andern Ergebnis nur auf dem Wege
gelangen, dass man die Sterbezeit der 6 Wochen mit dem Nachjahr
verschmolz.
1) Siehe den märkischen Landtagsabschied von 1653 (Mylius
a. a. O. VI, 1 S. 431): „Da —— wegen duration und continuation des
Gnaden-Jahrs ein anders an etlichen Orten per statutum et observantiam
de jure subsistentem introduciret, so ist es dabey allerdinge zu lassen“;
siehe ferner die für die Herzogtümer Bremen und Verden von König
Wilhelm IV. von England-Hannover am 13. Mai 1831 erlassene Ver
ordnung (Sammlung der Gesetze u. s. w. für das Königreich Hannover
Jahrg. 1831, Abt. III, S. 98 Hi), worin das darin als Zeitbestimmung bei
behaltene Gnadenjahr auf hergebrachte Observanz zurückgeführt wird
(vgl. die Eingangsworte mit 5 11). Vgl. auch Ges. vom 16. Februar 1857
Art. IX ä 5 betr. Aufrechterhaltung des älteren Danziger Statutarrechts,
welches die Dauer der Gnadenzeit für die Pfarrer der Kirchen in der
Stadt und der beiden Kirchen St. Salvador und vom heiligen Leben auf
1 Jahr bestimmt, wohingegen diese für die Pfarrer der Dorfkirchen im
ehemaligen Danziger Stadtgebiet nur ein halbes Jahr betragen sollte.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 39

Gunst bezeugte und ihnen hierüber eine urkundliche Zu


sicherung ausfertigen und zustellen liess 1).
Den Rechtsquellen, welche das Gnadenjahr zum Massstab
der Dauer der zu gewährenden Wohltat nehmen, steht eine
zweite grössere Gruppe von Gesetzen gegenüber, in denen
die Gnadenzeit um die Hälfte verkürzt und demgemäss auf
ein sog. halbes Gnadenjahr bestimmt wird2).

1) Siehe die Urk. des Konsistoriums zu Köln a. d. Spree vom 12. April
1643 (Sam. Stryk, Diss. de anno gratiae p.12. 14) enthaltend die im
Namen des Grossen Kurf. Friedrich Wilhelm ausgesprochene Erneuerung
und Bestätigung des durch Johann Georg 1588 den Geistlichen des In
spektorats Frankfurt a. O. erteilten, durch Joachim Friedrich 1591 er
neuerten Privilegs, wodurch diesen für ihre Witwen und Kinder ein volles
Gnadenjahr bewilligt wird. Siehe ferner das von Pufendorf, Observ.
jur. IV, Obs. 123 p. 232-233 mitgeteilte Urteil des O.A.G. Celle vom
7. Dez. 1759, welches auf eine vom König Georg II. als Kollator aus
gegangene Konstitution vom Jahr 1738 wegen Gewährung des Gnaden
jahrs an Superintendenten und Pfarrer von Kirchen landesherrlichen
Patronats verweist und Bezug nimmt.
2) Von älteren, im XVI. Jahrhundert abgefassten K.O. seien ge
nannt: K.O. für Braunschweig-Lüneburg von 1569 (Richter
a. a. O. II S. 322); die märkische Visitations- und Konsistorial
Ordng. des Kurf. Johann Georg von 1573 (Myliu s a. a. O. I, 1 S. 273 11'.)
vgl. mit Landtagsabschied von 1653 zu Nr. 6 (Myli us a. a. O. VI, 1
S. 431); die kursächsische K.O. 1580 Tit. VI (Richter a. a. O. VI
S. 407). Dem XVIL-XVIII. Jahrhundert gehören an: Die Sachsen
Koburg. K.O. 1626 Bd. II c. 20 (Moser, Corp. jur. Evang. eccl. I
S. 182111); die Magdeburg. K.O. 1652 c. 20, 1685 c. 20 (Moser a. a. O.
I S. 566 ހ); Revid. Magdeb. K.O. 1739 14-18 (von Klewicz,
Provinzialr. d. Herzogt. Magdeb. I [Motive] S. 236); Verbess. Weimar.
K.O. 1664 Bd. II c. 19 9-10; die schlesische ev. Presbyterial
Ordn. von 1742 (Suarez, Samml. II p. 27), ergänzt durch das an die
Kriegs- und Domänenkammer erl. Zirkular-Reskr. vom 1. April 1746 (sog.
Kammer-Zirkular, Korn, Edikt. Samml. I S. 185). Von Rechtsquell.
des XIX. Jahrhunderts sind anzuführen: Die K.O. der Konföderation
der reformierten niedersächsischen Gemeinden vom Jahre 1839 ä 52
(R. Brandes, Verf. der Konföderation der ref. Kirche Niedersachs.
S. 23) und der Kgl. Erlass vom 13. Januar 1849 betr. die ev. Landes
kirche der rechtsrheinischen Lande Bayerns (Silb ern a gl, Verf. u. Verw.
40 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Noch weiter sind in der Herabsetzung der Gnadenzeit


die altwürttembergische K.O. von 15591), die Gesetzgebung
der evangelischen Landeskirche Bayerns in dem links des Rheins
belegenen Teile des Staatsgebiets2) und das ostpreussische
Provinzialrecht von 1801/02 3) gegangen. Diese Gesetze schrän
ken die Gnadenzeit in Ansehung der lutherischen bezw.
unierten Pfarren auf 3 Monate ein.
Die Bemessung der Zeit, während deren bei eintretendem
Tode eines Predigers ein Fortgenuss des Einkommens der von
ihm innegehabten Pfarrstelle Platz zu greifen hatte, auf eine

sämtl. Religionsgenossenschaft. Bayerns. 4. Aufl. Regensburg 1900 S. 184).


An letzter Stelle sei hier noch der Gesetzgebung der Landgrafschaft
Hessen-Kassel gedacht. Wenn durch die Konsistorialordn. von 1610
Tit. IX, 1 und 1657 Tit. IX 5 13 der Witwe und den Kindern verstor
bener Prediger ein Sterbequartal bewilligt und diesem erst durch landes
herrliches Reskript vom 27. Juli 1736 und Konsistorialreskript vom
13. Sept. 1737 ein zweites Quartal als Gnadenquartal hinzugefügt ward
(Büf f , Kurhess. Kirchen S. 878, Note 1—2), so handelte es sich dabei
nur um eine nominelle Unterscheidung. Rechtlich erfuhren die in das
Sterbequartal fallenden Einkünfte, weil sie nicht als vom Verstorbenen
verdient galten, mit denen des Gnadenquartals durchaus die gleiche Be
handlung (Büf f a. a. O. S. 879). In Wahrheit machte daher das Sterbe
quartal mit dem später hinzugefügten Gnadenquartal zusammengenommen
eine halbjährige Gnadenzeit aus.
1) Die altwürttembergische K.O. erging unter der Bezeichnung
„Summarischer Begriff, wie es mit der Lehre der Kirche, auch derselben
Kirche angehenden Sachen gehalten werden soll“. Die hier interessie
renden Bestimmungen finden sich abgedruckt in Richter, Evang. K.O.
H S. 204.
2) Kgl. Erlass vom 27. März 1835, Minist. Erl. 29. Aug. 1835 und
6. Sept. 1874; Silbernagl a. a. O. S. 260 ff.
3) Ostpreuss. Prov.-Recht Zus. 208 51. Zur Entstehungsgeschichte
dieser Bestimmungen vgl. man den Generalrezess der Kirchenvisitatoren
der Insterburg. und anderen littauisch. Aemter im Herzogtum Preussen
vom Jahre 1638 (Grube, Corp. jur. Pruth. Nr. V S. 34 fli). In anderer,
für sie vorteilhafterer Weise geschah die Regulierung der Gnadenzeit
wegen der Pfarren der deutsch-reformierten Prediger. Ihren Witwen und
Kindern gestand das Ostpr. Provinzialrecht Zus. 209, 64 ein volles
Gnadenjahr zu.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 41

andere, namentlich kürzere Dauer als die des Gnadenjahrs,


machte es für die evangelischen Landeskirchen noch nicht not
wendig, der Wohltat der Gnadenzeit einen neuen Zweck und
Inhalt zu geben und daran Wirkungen zu knüpfen, welche
das Gnadenjahr in Zeiten des Mittelalters nicht gehabt hatte.
An sich wäre es wohl denkbar und möglich gewesen, das
Gnadenjahr durch eine kürzere Gnadenzeit zu ersetzen, ohne
dass man darum die Rechtswohltat selbst inhaltlich und ihrer
Bedeutung nach umgestaltete. Weist doch das partikuläre
katholische Kirchenrecht des rechtsrheinischen Teils der Pro
vinzen Rheinland und Westfalen eine derartige Entwickelung
auf. Die Verordnung vom 3. Juli 1843 hat das Gnadenjahr
als Zeitbestimmung abgeschafft, im übrigen aber dieses sach
lich unberührt gelassen1).
In den deutschen evangelischen Landeskirchen aber nahm
die Rechtsbildung die gerade entgegengesetzte Richtung; die
Rechtswohltat der Gnadenzeit erfuhr nach Zweck und Inhalt
eine wesentliche Umgestaltung, mochte das Gnadenjahr als
Zeitbestimmung beibehalten oder durch eine andere ersetzt
werden. Die Reformation führte eine Wandlung wie der
ethischen so der Rechtsanschauungen herbei. Es konnte nicht
ausbleiben, dass die Gnadenzeit davon betroffen und beein
flusst wurde.
S0 lange der Zölibatszwang bestand, musste ein Miss
brauch, welcher ein Einschreiten der kirchlichen Oberen not
wendig machte, darin erblickt werden, dass Geistliche ihren
Konkubinen und den mit diesen erzeugten Kindern die Früchte
und Einkünfte des Gnadenjahrs letztwillig zuwandten 2).
Eine andere Sach- und Rechtslage schuf die Reformation.

1) Siehe oben S. 30 u. ff.


2) In der katholischen Kirche erhielt sich der im Text bezeichnete
Missbrauch bis weit über das Mittelalter hinaus. Man vgl. des Bischofs
Franz Wilhelm von Münster Synodalstatut vom Jahr 1632 P. II Dec. 2
(Lünig, Teutsches Reichsarchiv, Spicileg. eccl. II, Anhang Nr. 39,
p. 124).
42 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Nicht nur, dass die neue Kirchenverfassung die Freigabe der


Ehe an die Prediger mit sich brachte, so musste der Kirche
vielmehr daran gelegen sein, dass ihre Diener, um nicht der
Versuchung anheimzufallen, mit ledigen Frauen Unzucht zu
pflegen, oder gar mit verheirateten Ehebruch zu treiben, ihrer
seits selbst in die Ehe traten und eheliche Verbindungen ein
gingen. Stand diesen die Möglichkeit sich zu verheiraten
offen, so konnte das Kirchenregiment um so strenger gegen
diejenigen unter ihnen vorgehen, welche ausserehelichem Ge
schlechtsverkehr sich ergaben, und ohne weitere Rücksicht zu
ihrer Entfernung aus dem Amte schreiten, wenn sie, ergangener
Mahnung ungeachtet, sich nicht besserten1). Aber auch ohne
dies entsprach dem eigenen Interesse der Kirche, dass ihre
Diener sich verheirateten. Liess sich doch nur von denen,
welche aus eigener Erfahrung den Segen des Familienlebens
kannten, erwarten, dass sie den Hausvätern in ihren Gemein
den mit gutem Beispiel vorangehen und sie lehren und er
mahnen würden, sich zu ihren Frauen und Kindern so, wie
Christen geziemt, zu verhalten. Das Kirchenregiment durfte,
ja musste es daher wohl als eine ihm zufallende Aufgabe
betrachten, die Predigerehen, nachdem mit Wegfall des Zöli
bats das ihnen entgegengestandene rechtliche Hindernis beseitigt
war, auch tatsächlich durch geeignete Verordnungen zu er
leichtern und zu begünstigen.
Vorweg waren es die Predigerfrauen, deren Geschick
erwogen und beachtet sein wollte, wenn man an die mög
lichen und nicht seltenen Fälle dachte, dass deren Männer
vor ihnen starben und sie als Witwen hinterliessen. Um
ihnen nach Verlassen der Pfarrhäuser bis zu ihrem Tode oder
bis zu etwaiger Wiederverheiratung eine gesicherte Unter

1) Siehe Schleswig-Holst. K.O. 1542: „Wy willen ock, dat hyrnamals


alle Kerckherrn ock küsch leven — adder eelick warden scholen, wo
yemandt dagegen handeln wurde, wen he ein adder twemal vormanet
ys, vndt sick nicht betern wil, schal man en affsetten“.
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 43

kunft zu schaffen, sollten, wie einige K.O. bestimmen, die


Gemeinden und Patrone verpflichtet sein, Witwenhäuser zu
errichten1).
Mit der Gnadenzeit stand diese Massregel in keiner un
mittelbaren noch notwendigen Verbindung. Im Herzogtum
Preussen erging die betreffende Verfügung lange Zeit vorher,
ehe es zur Einführung der Gnadenzeit kam 2). Doch ist es
bei der Wichtigkeit, welche die Predigerehen für die Kirche
hatten, wohl verständlich, dass man an Orten, wo sich das
Gnadenjahr von der katholischen Zeit her erhalten hatte, und
nicht weniger dort, wo es zu seiner Einführung oder zur Ein
führung einer kürzeren Gnadenzeit kam, diese Wohltat unter
dem gleichen Gesichtspunkte einer Versorgung der Prediger
frauen in Betracht zog und dementsprechend auffasste und
behandelte. Wurde den Witwen der verstorbenen Geist
lichen damit auch nur eine vorübergehende Unterstützung zu
teil, so war solche doch keineswegs belanglos. Sie half ihnen
über die nächste schwere Zeit der Trauer und der Sorge
hinweg und ermöglichte ihnen, in Ruhe und ohne Uebereilung
sich nach Gelegenheit für ihr weiteres Fortkommen umzutun.
Zum deutlichen Ausdruck kam der Gedanke einer einst
weiligen Versorgung der Predigerwitwen in den Vorschriften,
welche die K.O. von Schleswig-Holstein von 1542 und von
Sachsen-Lauenburg von 1585 wegen des Gnadenjahres auf
stellten. Das Gnadenjahr war danach gleichbedeutend mit einer

1) Siehe des Herzog Albrecht des Aelteren Verordn. von „Erweh


lung der beyden Bischofl‘ Samlandt und Pomezan u. s. w.“ (Grube, Corp.
const. Pruth. P. I Nr. 1 S. lff.) [Tit.] Von den alten verlebten Pfarr
herrn oder ihren nachgelassenen Witwen. Ostpr. Provinzialr. Zus. 201;
Pomm. K.O. 1563 (Richter a. a. O. II S. 229 ff); Revid. mecklen
burg. K.O. 1602 Fol. 278 V, 1650 Fol. 278V, Erläuter. der m. K.O. 1708
Tit. IV.
1) Während sie von Herzog Albrecht dem Aelteren ausging (siehe
die vorige Note), kam es zur Einführung der Gnadenzeit erst durch den
oben S. 40, Note 3 angeführten Generalrezess von 1638.
44 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

nur für die Witwen allein bestimmten Wohltat, so dass man


es in Schleswig-Holstein schlechthin Witwenjahr nannte).
Es steht mit dem Erbrecht in keinem Zusammenhange.
Die Witwe als solche hat darauf ein Recht. Ob sie zugleich
Erbin ihres verstorbenen Ehemanns wird, und welcher Anteil
ihr von dessen Nachlass nach Orts- oder Landesrecht gebührt,
bleibt ausser Betracht“).
') Siehe die Schleswig-Holst. KO. 1542bei den Worten: „de nage
laten Wedewen der Dorpkerckherrn – scholen ein gantz Jar yn der
woninge besitten bliuen mit eren Kindern beth so lange se wol versorget
unde upgeholden mögen-werden. Ock late wy tho, dat se einmal na
affgange des Mannes de Winter edder Sommersaadt mögen nemen unde
de helffte des Tegenden mögen vpbören. Darumme, wen de Kerckherr
steruet na, der Winter Saadt, also na Martini, mögen se nicht allene
desuluige Saadt nemen, sondern ock dat halue Sommer Korn seyen
vnde megen mit der helffte der Tegenden im volgenden Jare. Auerst her
wedderumme schole sy den nygen Kerckherrn beth tho synen negest vol
genden Renten vöden vnde by sick underholden. Wo auerst der Kerck
herr steruet, wen de Sommersaadt gescheeen ys, also twischen Philippi
und Bartholomäi: mögen se meyen, wat se geseyet hebben, de helffte des
Tegenden vpheuen unde de helffte von dem Winterkorn dertho seyen
vnde ernen u. s.w. Mit der Kerckendener nagelaten Wedewen, so yn den
Steten syn, schal also ock geholden werden, des soldes haluen von dem
Jare, yn welckem der Kerckherr edder Caplan steruet, gelick alse von
den Dorpparrers Wedewen gesecht ys“. Vgl. dazu das Marginale in dem
Abdruck der K.O., welche das Corp. stat. Hols. a. a. O. gibt. Siehe
ferner Sachsen-Lauenburg. K.O. 1585 (Spangenberg a. a. O. IV, 2
S. 9 ff) II: „Von Vnterhaltung der Kirchen-Diener. Es sollen auch die
Widwen nach ihrer seligen Herrn Tode in der Wedeme ein Jahr lang
ihre Wohnung vnd des gantzen Jahrs Besoldung unverhindert haben
vnd empfangen“.
*) Als Erbin ihres Mannes würde, um hier nur beispielsweise auf
eines der mehreren zur Zeit der Abfassung der Schleswig-Holst. KO.
bestehenden Erbrechtssysteme hinzuweisen,die holsteinische Predigerwitwe
an Orten,wo Sachsenrecht galt, neben Kindern nur ein Viertel, bei Nicht
vorhandensein von solchen, ein Drittel der ihr von den Früchten und
Einkünften des Gnadenjahrs zukommenden Hälfte zu fordern gehabt
haben. Siehe Pauli, Privatr. von Schleswig-Holstein und Lauenburg
(2. Aufl.) § 136, S. 234.
Nicht im eigentlichen, sondern nur im figürlichen Sinne ist es da
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 4.5

Nur eine weitere Folgerung aus der Auffassung, welche


in dem Genuss des Gnadenjahrs oder der Gnadenzeit von
seiten der Predigerwitwen eine kraft gesetzlicher Vorschrift
eintretende Fürsorge erblickt, war es dann, wenn in der Mehr
zahl der K.O. die den neben und ausser der Witwe vor
handenen Kindern oder, sofern die Mutter oder Stiefmutter
vor ihnen verstorben war, den letzteren allein gewährte Wohl
tat der Gnadenzeit ebenfalls als eine Versorgung angesehen
und behandelt wurde.
Wo diese ausdrücklich nur die noch nicht ausgestatteten,
unversorgten Kinder an den Früchten und Einkünften der er
ledigten Pfarrstellen teilnehmen liessen, konnte ein Zweifel
deshalb nicht füglich aufkommenl). Nicht überall aber ward
die Wohltat an diese Massgabe geknüpft. Vielfach geschah
die Bewilligung der Gnadenzeit an die Kinder der verstor
benen Geistlichen schlechthin, ohne den Umstand zu berücksich
tigen, ob sie einer Versorgung bedurften oder nicht2).

her zu verstehen, wenn es in der Schleswig-Holst. K.O. von 1542 heisst:


„so sick yemandt bedüncken lete, dat eine solches schwer vallen wolde,
dat he (nämlich der neue Prediger und Amtsnachfolger) de Wedewen
so lange by sick ynne hebben scholde, de gedencke, wen her sterue,
dat her yn syne nagelaten Frouwen dat ock wedderum bekamen wert,
was eme also des vals dorch desse vnse Ordeninge affgeit“. Erinnert
das anscheinend an eine Vergütung für eine Karenz, welche der Nach
folger des verstorbenen Predigers zu erleiden hatte, so ist demgegen
über auf die Worte „yn syne nagelatene Frouwen“ hinzuweisen. Diese
sind durchaus bezeichnend. Nicht durch seine Frau als seine Erbin und
Rechtsnachfolgerin erhält er einen ihm bei Lebzeiten entgangenen Vor
teil zurück. Dieser fällt vielmehr seiner Ehefrau, wenn sie ihn überlebt,
zu. Er selbst wird nur in der Frau und nur soweit davon berührt, als
ihn mit dieser das Band der Ehe und Liebe verknüpft, nicht etwa, weil
irgendwelche vermögensrechtliche Verbindung zwischen ihm und ihr im
Wege einer Rechtsnachfolge Platz griffe.
1) Vgl. z. B. Sacha-Koburg. K.O. 1626 II c. 20; Magdeb. K.O.
1652 c. 20, ä 16, 1685 c. 20, Q 20; Rev. 1739 c. 20, Q 20.
2) Vgl. z. B. Braunschweig-Wolfenbütt. K.O. 1543, Tit. an Super
intendenten a. E. (Richter a. a. O. II S. 58); Württemberg. summarisch.
46 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Da liess sich nun nicht ohne weiteres das Bedenken ab


weisen, der Gesetzgeber lasse ihnen die Wohltat der Gnadenzeit
nicht sowohl um ihrer selbst willen, und um ihnen seine Fürsorge
zu betätigen, sondern wegen des verstorbenen Geistlichen und
aus dem Grunde zu teil werden, weil sie seine Erben und
Rechtsnachfolger seien.
Und selbst was die Witwen der Prediger anging, welche
mit und neben Kindern ohne Unterschied, ob diese schon er
wachsen und versorgt, oder noch minderjährig und unaus
gestattet waren, zur Gnadenzeit in den zuletzt gedachten K.O.
berufen wurden, mochte ein Zweifel nicht durchaus unbegründet
erscheinen.
Wurde nicht etwa der Witwen und der Kinder in den
Gesetzen bloss darum gedacht, weil in den bei weitem häufigeren
Fällen der verstorbene Pfarrer Frau und Kinder als seine näch
sten Erben hinterliess‚ ohne dass beabsichtigt gewesen wäre,
andere testamentarische oder gesetzliche Erben von der Wohl
tat der Gnadenzeit auszuschliessen?
Nicht so bald, noch überall in gleichem Masse machte
sich die durch die Reformation herbeigeführte Wandlung der
Rechtsanschauungen geltend. Es erhellt das nicht allein aus
manchen Statuten der evangelischen Domkapitel und Stifte,
die, obwohl erst nach der Reformation abgefasst, das Gnaden
jahr als ein den Erben der verstorbenen Kanoniker bestimmte
Wohltat gelten liessen 1). Auch für das auf Pfarren und

Begriff von 1559 (Richter a. a. O. II S. 204); Märk. Vis.- u. Konsi


storialordn. 1573 Tit. 23 und dazu Stengel, Beiträge zur Kenntnis des
Justizwesens in der preuss. Monarchie II S. 144; Ostpreuss. Provinzialr.
Zus. 208, Q5; Verordn. Georgs II. vom 13. Sept. 1751 für Sachsen
Lauenburg (Spangenberg, Samml. I S. 267—268): Meckl. Reskript
vom 9. Dez. 1775 und dazu Siggelkow, Handb. des meckl. Kirchenr.
(3. Aufl), ä 197.
1) Siehe Statut des Domkapitels Camin von 1578, P. V, Nr. 17
(Lünig, Reichsarchiv cons. III spicileg. eccl. p. 33: „ne haeredes de
mortuorum canonicorum duplici afficiantur calamitate nimirum privati
parente, fratre vel aliter sanguine juncto statim etiam reditibus careant,
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 47

deren Einkommen erstreckte, nach Einführung der evangelischen


Kirchenverfassung beibehaltene Gnadenjahr mangelt es nicht
an einem die Nachwirkung des älteren Rechts erweisenden
Zeugnis.
In Brandenburg(Altstadt) behauptete sich das XVI. Jahr
hundert hindurch und darüber hinaus bis über die Mitte des
XVII. Jahrhunderts das lokale Gewohnheitsrecht, welchem
dort, gleichwie an andern Orten der Mark, das Gnadenjahr
seine Entstehung verdankte. Es durften um deshalb, wie das
Konsistorium zu Köln a. d. Spree in den Gründen zu dem
von ihm am 9. Mai 1650 verkündeten Urteil näher aus
führt, nicht allein die Kinder und andere ehelichen Nach
kommen, sondern, wenn solche nicht da waren, die Geschwister
der verstorbenen Pfarrgeistlichen als Erben den Genuss der
Pfarreinkünfte während der Dauer des Gnadenjahres be
anspruchen").
So fehlte es denn in den Landeskirchen, deren Gesetz
gebung die Gnadenzeit den Witwen und den Kindern ohne
beschränkende Massgabe zubilligte, einer Auslegung der be
treffenden Bestimmungen in einem den Erben bezw. auch den
legibus hujus ecclesiae permittitur –, ut – defuncti canonici haeredes,
inter quos viduae non intelligantur, jus percipiendi integros illius anni
fructus habeant, et dicitur instituto majorum hic annus gratiae vel
haere dum“; Stat. des Domkap. Magdeburg von 1660 (Dreyhaupt,
Beschreib. des Saalkreis. I S.488): „Decani et cujusvis canonici capitu
laris defuncti haeredibus proventus decanales vel canonicales, quod
defunctus habuit, ultra annum deservitum per integrum adhuc
annum, qui gratiale vocatur, debentor“.
') Siehe hierüber Sam. Stryk, Diss. de anno gratiae p.69. In
dem von ihm mitgeteilten Urteil vom 9. Mai 1650 heisst es, „dass Klä
gern, dem allhier eingeführten Gebrauch zu Folge das Gnaden Jahr
da sein Bruder Er Petrus Wulff (als) Archi-Diaconus der Alten-Stadt
verstorben in allewege gebührt“. Erst der Landtagsrezess von 1653
führte da eine Aenderung herbei, indem er dem Sonderrecht nur noch
in so weit Spielraum liess, als es sich um die Dauer der Gnadenzeit
handelte, welche sich dort nach wie vor auf ein ganzes Jahr belaufen
sollte. Siehe oben S. 38, Note 1 und vgl. dazu Stryck 1. c. p. 69.
48 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Nachlassgläubigern der verstorbenen Geistlichen günstigen Sinne


nicht an all und jedem Anhalt.
Da griffdie Rechtslehre und die von ihr beeinflusste Recht
sprechung der Konsistorien ein. In Abhandlungen von grös
serem oder geringerem Umfang bemühten sich die Schrift
steller des XVI.–XVIII. Jahrhunderts, die von der Gnaden
zeit handelnden gesetzlichen Vorschriften zu erläutern, und wo
es Not tat, zu ergänzen. Zugleich aber suchten sie die frag
liche Wohltat selbst wissenschaftlich zu begründen und zu
rechtfertigen.
Das Rüstzeug gab ihnen das römische Recht. Ausser
einzelnen Konstitutionen des Justinianischen Kodex") war es
vornehmlich die Nov. 53, welche ihre Aufmerksamkeit auf sich
zog. Wenn diese (c. 5 § 1) den Kindern bezw. der Ehefrau
eines verstorbenen Beamten gestattet, die öffentliche Dienst
stelle (militia), welche der Vater oder Ehemann käuflich er
worben hatte, durch Weitveräusserung zu verwerten, nicht
weil diese oder der durch ihren Verkauf erzielte Erlös zur
Erbschaft des Verstorbenen gehörte, sondern lediglich deshalb,
weil die kaiserliche Gnade ihnen diese Möglichkeit eröffnete“),
so bot sie der von romanistischem Geiste erfüllten Doktrin
einen Rechtsstoff dar, welcher für eine entsprechende Anwen
dung wohl geeignet erscheinen konnte. Man brauchte eben
nur die evangelischen Fürsten und Landesherrn mit dem römi
schen Kaiser in Parallele zu bringen und gleich dem Vorzug,
dessen sich die Kinder und die Witwen der Staatsbeamten
wegen der militia einst zu erfreuen hatten, die Gnadenzeit
der Witwen und der Kinder der evangelischen Kirchendiener
unabhängig von jedem Erbverhältniss und Erbrecht allein auf

') c. 11 C. de proxim. sacr. scrinior.(12.19), c. 4 C. de domestic. et


protector. (12. 17).
*) Man vgl. die Worte in der angef, Novelle: „si quidem filifuerint
aut uxor defuncti, istos omnibus praeponimus modis, ut adeant nos et
secundum jussionem nostram haec habeant non tamquam paternam heredi
tatem –, sed tamq am imperialem munificentiam“.
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 49

den Willen der fürstlichen Gesetzgeber und eine Aeusserung


ihrer Mildtätigkeit zurückzuführen. Das geschah denn auch, die
Rechtsgelehrten der bezeichneten Zeit stimmen in ihren An
sichten darin überein, dass, wie die Wohltat der Nov. 53,
c. 5 Q 1, so auch die Gnadenzeit der Kirchenordnungen auf die
Witwen und die Kinder zu beschränken sei. Nur das ent
spreche der Absicht des Gesetzgebers. Diese gebiete ein
strenges Festhalten an dem Wortlaut. Sei es zwar bei dem
weiteren Begriff, der sich mit dem Wort Kinder verbinden
lasse, erlaubt, den Genussberechtigten ausser den Kindern die
Enkel und sonstigen Abkömmlinge zuzurechnen1), so müssten
dahingegen alle andern gesetzlichen oder letztwillig berufe
nen Erben von der Wohltat der Gnadenzeit ausgeschlossen
bleiben 2).

’) Siehe Benedict. Ca rpzov, Jurisprud. consistorial. I Def. 210.


Sam. Stryk, De anno gratiae p. 47 und die dort angeführte Entscheid.
des Oberkonsistoriums zu Dresden vom 7. Okt. 1609.
2) Siehe Andr. Rauchbar 50 Quaestion. — ad jus comm. Sax.
et elect. Sax. const. prov. declarationem pertinent. (Witemberg. 1634)
P. I Qu. 25 Nr. 21: „Salaria anni vel semestris sequentis — liberi dun
taxat et viduae ex principis beneficio consequuntur. Reliqui vero
haeredes nihil in iis jus habent et nullo minus creditores. Et hanc distin
ctionem optime confirmat text. in -— Nov. 53 c. 5; Sigism. Finckelt
haus, Tract. de jur. patronat. eccl. (Lipsiae, 1639) c. VI Nr. 94: „Liberi
defuncti pastoris salarium hoc semestre lucrari possunt, etiamsi alias
hereditati paternae renunciaverint. Ratio est, quia illud salarium non
judicio patris ad eos transmittitur, sed ex Electoris gratia et singulari
erga liberos providentia eis conceditur ac permittitur“; Nr. 110—111:
„declaratur — d. dispositione vom halben Gnaden Jahr, quod neque ad
parentes neque ad collaterales heredes pertineat. Ratio est, quod non
loquitur de heredibus in genere, sed expresse tantum von Kindern. Verbo
autem liberorum neque ascendentes neque heredes collaterales continen
tur“; Ern. Oothmann, Resp.jur. academ (Francof. 1618) 46 Nr. 1-2:
„Caeterum, quod ad annum insequentem, quem annum gratiae appel
lant, attinet, longe alia ejus est ratio, cum tantum ex mera gratia,
nullo jure viduae debetur“. Zitiert wird c. 4 O. de domest. et prot.
(12. 17); Benedict. Carpzov‚ Jurispr. consistor. (Lips. 1649) I Def. 217.
218. 223: „vidua ac liberi defuncti pastoris dimidium gratiae annum
v. Brünneck, Gnadenzeit. 4
50 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Zugleich aber ergab sich aus der von der römischen Ge


setzesvorschrift gemachten Nutzanwendung, dass der Witwe
und den Kindern der evangelischen Geistlichen auf den Ge
nuss der Gnadenzeit ein selbständiges, von ihrer etwaigen
gleichzeitigen Eigenschaft als Erben ihres Mannes und Vaters
unabhängiges Recht zuzuerkennen war. Sie behielten es daher
auch, wenn sie die Erbschaft des Verstorbenen ausschlugen.
Eine andere wichtige Folge aber war die, dass die Nachlass
gläubiger es ihnen nicht streitig machen und deshalb nicht die
Beschlagnahme der in die Gnadenzeit fallenden Pfarreinkünfte,
noch die Befriedigung ihrer Forderungen im Wege der
gerichtlichen Zwangsvollstreckung nachsuchen konnten, es sei
denn, dass die Witwen oder die Kinder so unvorsichtig waren,
die Erbschaft ihres verstorbenen Vaters ohne Vorbehalt an
zunehmen und daraufhin als dessen Erben für die Nachlass
schulden unbeschränkt hafteten).
Es konnte nicht ausbleiben, dass die auf die Auslegung

non ex hereditate patris et mariti, sed ex speciali privilegio ac


concessione principis obtinent, ut ex eo solatium quoddam et contra
egestatem atque inopiam habeant remedium. Quod ergo privilegi spe
ciali nomine ipsis permittitur, illud a creditoribus eripi nequit.
Quo et facit text. in 1. ult. cum auth. sequ. C. de pignoribus Nov. 53
c. 5, Nov. 97 c. 4 – quippe quod commodum illud liberi militantium
non hereditatis, sed privilegii nomine percipiant l. si quis in sacr. 11 C.
de prox. sacr. scrin. lib. 12. Ex quo ob paritatem rationis bene infert
Rauchbar ad sal. semest.“ S. Stryk, De anno gratiae p. 63: „bene
ficium anni gratiae non a patre percipit filius, quia pater ipse vivus
eodem non gaudebat, sed a principe ex speciali gratia, ut sic
eodem, licet hereditatem repudiat, privandus non sit. – Aes defuncti
alien um – negamus simpliciter ex annonis gratiosis exsolvendum
esse – non enim a patre ad filios haec bona transferuntur, sed ex libe
ralitate principis, ut per consequens creditoribus nihil juris hic sit con
cedendum arg. Nov.53 c. 5; von Balthasar, Jus eccl.pastor. I S. 550ff.;
J. Henning Boehmer, Exercit. ad Pand. (ed. 1775) III p. 136–137,
Note 6. Derselbe, Jus eccl. Protest. (ed. 4, 1762), § 289 p. 508.
') Siehe Rauchbar, Carpzov, Stryk an den in der vorigen
Note angeführten Stellen.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 51

der Kirchenordnungen und Ermittlung der wahren Absicht


der Gesetzgeber gerichtete Tätigkeit der Rechtsgelehrten Be
achtung und Berücksichtigung fand. Soweit das nicht schon
bei der ersten Abfassung der auf die Gnadenzeit bezüglichen
Bestimmungen geschah, wie in der verhältnismässig spät ent
standenen Magdeburger K.O. von 1652, sahen sich die Für
sten veranlasst und bewogen, bei stattfindenden Revisionen den
Gesetzestext den Ergebnissen der Wissenschaft entsprechend
zu gestalten oder zu diesem Zweck einzelne besondere Ver
ordnungen zu erlassen.
Während der Kurfürst von Sachsen sich damit begnügte,
in einzelnen, im Beschwerdeweg an ihn gebrachten Fällen zu
entscheiden, dass „die Testaments und andern Erben“ eines
ohne Nachkommen verstorbenen Pfarrers sich der Begnadigung
„nicht anzumassen“ hätten, und sein Oberkonsistorium in
Dresden anwies, sie gänzlich abzuweisen 1), hielt es der Fürst
Johann von Sachsen-Weimar für rätlich, der von ihm und
seinen Brüdern erlassenen verbesserten K.O. von 1664 eine
Bestimmung einzufügen: des Inhalts, es sollten, wenn ein
Kirchendiener sterbe und weder Weib noch Kinder hinterlasse,
seine Blutsfreunde weder in aufsteigender, noch in der Seiten
linie des halben Gnadenjahres sich nicht zu erfreuen haben,
sondern, so lange ein Pfarramt unbesetzt bleibe, die Einkünfte der
erledigten Stelle dem Kirchengut zuwachsen 2). Ebenso unzwei
deutig sprach sich der König Georg II. von England in einer
Verordnung aus, welche er als Herzog von Sachsen-Lauenburg

1) Siehe das Reskr. vom 11. Aug. 1634 bei Oarpzov a. a. O. I


Def. 218.
2) Verb. Weimar. K.O. vom 6. Nov. 1664 (Weimar 1664) Bd. II c. 19,
ä 10 Nr. 13 S. 404: „D0 ein Kirchendiener nach Gottes Willen verfiele
und weder Weib noch Kinder hinter sich verliesse, so haben sich dessen
Blutsfreunde sowohl in linea ascendenti wie auch collaterali, als da
sind Vater, Mutter, Bruder, Schwester des halben Gnaden-Jahrs nicht
zu erfreun, sondern, so lange die Pfarre bestellet ausbleibet (sicl), wachsen
die Pfarreinkommen der Kirche zu.“
52 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

am 13. September 1751 ausgehen liess 1). Indem er das in


der K.O. von 1585 nur der Witwe allein zugestandene Gnaden

1) Siehe die Verordn. vom 13. Sept. 1751 (Spangenberg, Samml.


der Verordn. -— für alle Prov. d. Hannov. Staats — I S. ‘367—268) bei
den Worten: „Demnach bisher beym Ableben der Prediger dieses Herzog
tums mit dem vollen Gnadenjahr der Witwen nach Vorschrift der K.O.
es also versehen, dass 1. diese Begnadigung nur allein der nachgeblie
benen Witwe privative und mit Ausschliessung des ablebenden Predigers
Kinder zu Teil geworden, wollen wir hiemit, dass 2. zum Genusse dieses
vollen Gnadenjahrs sollen — gelassen werden des verstorbenen Predigers
nachbleibende Witwe und desselben nachgelassene Kinder gemeinschaft
lich und zwar so, dass die Witwe alle und jede Pfarreinkünfte und
Hebungen — mit solchen Kindern aequaliter teile und jeder Teil zur
Halbscheid dieses Gnadenjahrs Einkünffte habe und geniesse. Sollten
aber von dem ablebenden Prediger keine leiblichen Kinder übrig seyn,
behält die überlebende Witwe dieses beneficium für sich allein, wie bis
her. Dafern endlich 3. der mit Tode abgehende Prediger keine Witwe,
sondern nur leibliche Kinder hinterlassen würde, sollen diese allein, sie
seyn annoch minderjährig oder bereits erwachsen und verheirathet‚ sie
seyen des Verstorbenen Erben oder enthielten sich des Nachlasses, ein
halbes Gnadenjahr, von dem Sterbetage an zu rechnen, zu geniessen —
haben. — Dagegen werden ascendentes, collaterales und andere etwaige
Testamentserben von diesem beneficio gänzlich ausgeschlossen, jedoch
dass es 4. bey dem, was wegen — (der) Superintendenten Witwe und
Kinder —— verordnet, dass nämlich diese samt und sonders und also auch,
wenn keine Witwe vorhanden wäre, deren Descendenten das ganze
Gnadenjahr zu geniessen (haben) —, sein Verbleib habe und be
halte“.
Nach alle dem war es seiner Zeit zweifellos eine besondere Ver
günstigung, dass den lutherischen Geistlichen der Grafschaft Ravensberg
durch eine Konstitution des Königs Friedrich I. vom 25. April 1708
nicht nur für ihre Witwen, Kinder und Kindeskinder, sondern, wenn sie
unvermählt sterben würden, auch für ihre Eltern das Nachjahr (Gnaden
jahr) zugestanden ward. Im Widerspruch mit der herrschenden An
schauung stand ihr Inhalt darum aber doch nicht. Denn nicht als Erben,
sondern schlechthin für ihre Person sollten die Eltern der genannten
lutherischen Geistlichen des Nachjahrs teilhaftig werden. Die dahin
gehende Absicht erhielt dadurch deutlichen Ausdruck, dass die Konsti
tution die Möglichkeit, in den Genuss des Gnadenjahrs zu treten, den
Eltern nicht neben einer vorhandenen Witwe, sondern nur allein für den
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 53

jahr mit gewissen Massgaben auf die leiblichen Kinder der


verstorbenen evangelischen Geistlichen erstreckte und es für
unerheblich erklärte, ob diese Erben ihres Vaters würden oder
sich des Nachlasses enthielten, schloss er dahingegen ausdrück
lich die Aszendenten,Seitenverwandtenund etwaigen Testaments
erben von der Rechtswohltat aus.
Ja selbst noch im XIX. Jahrhundert hielt man es nicht
immer für überflüssig ausdrücklich vorzuschreiben, dass die
Erben der Pfarrer als solche keinen Anspruch auf den Genuss
der Gnadenzeit hätten. Die von dem König Wilhelm IV.
von England-Hannover wegen des Gnadenjahrs bei Pfarrstellen
in den Herzogtümern Bremen und Verden am 13. Mai 1831
erlassene Verordnung') sagt nicht nur, es sollen zum Genuss
des Gnadenjahres die Witwen und eheleiblichen Deszendenten
der verstorbenen Superintendenten oder Prediger zugelassen
sein, sondern versagt ausdrücklich deren Erben als solchen,
„sie seien nun ab intestato oder durch Vertrag oder letzten
Willen zur Erbschaft berechtigt“, jeden Anspruch auf diese
Wohltat (§ 7).
In den reformierten Gemeinden am Rhein und in West
falen und ebenso innerhalb der reformierten niedersächsischen
Konföderation liess sich die Wohltat des Nachjahres bezw.
der Gnadenzeit nicht aus einem Akt der fürstlichen Gnaden
erweisung herleiten. Fand sie auch da Eingang, so hatte das
seinen Grund in der Autonomie der kirchlichen Vertretungs
körper.
Dass die von den Synoden der Reformierten der Lande
Jülich, Kleve und Bergbeschlossenen Statuten in die KO. von
1662 aufgenommen und von den beiderseitigen Landesherrn der

Fall eröffnete, wenn ihr Sohn, ohne sich verheiratet zu haben, oder nach
Auflösung der Ehe, in der er gestanden, mit Tode abging (Jacobson,
Geschichte der Quellen des evang. Kirchenr. der Provinz Rheinland und
Westfalen S. 218).
') Siehe Samml. der Gesetze u.s.w. für das Königreich Hannover
vom Jahre 1831, III. Abt., S. 98 ff.
54 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Pfalz und Brandenburgs bestätigt wurde, änderte nichts an der


Tatsache, dass es sich dabei um eine Rechtsbildung besonderer
Art handelte. Die fraglichen Beschlüsse kamen damals noch
frei und, ohne dass der fürstliche Wille sich zum ausschlag
gebenden Faktor gemacht hätte, zu stande.

Man muss daher, will man anders die bei der Einführung
des Gnadenjahres oder der Gnadenzeit in die reformierte
Kirchenverfassung leitenden Gesichtspunkte richtig erkennen,
auf die Entstehung der sie betreffenden statutarischen Be
liebungen zurückgehen und die Art und Weise ihres Zustande
kommens in Erwägung ziehen. Nicht ohne Beschwerde der
Gemeinden, und nicht ohne dass die Pfarrer desselben Klassikal
synodalverbandes verpflichtet wurden, den Gottesdienst in den
verwaisten Kirchen zu halten, zu predigen und die pfarramt
lichen Geschäfte zu versehen, ergab sich die Möglichkeit, die
durch den Tod ihrer Inhaber erledigten Pfarrstellen während
der Dauer eines Jahres unbesetzt zu lassen, um den Witwen
und Kindern der verstorbenen Prediger die Erhebung des
Pfarreinkommens so lange zu belassen. Selbst wenn die be
teiligten Gemeinden und Pfarrer sich ihrerseits opferbereit
zeigten, ging es nicht immer an, von einer Wiederbesetzung
der erledigten Pfarrstellen für längere Zeit Abstand zu nehmen.
Bei Patronatskirchen musste auf den Patron (Kollator) und
dessen Wunsch und Willen Rücksicht genommen werden.
Machte dieser alsbald, nachdem ihm der Tod des Pfarrers be
kannt geworden, von seinem Vokationsrecht Gebrauch und
drang er auf schleunige Einführung des von ihm berufenen
Geistlichen, so war diesem nicht zuzumuten, zum Vorteil der
Witwe und der Kinder seines Vorgängers auf den Genuss
der Pfarreinkünfte eines ganzen Jahres zu verzichten. Für
solche Fälle und nicht weniger, wenn sonst aus anderen Ur
sachen eine schnelle Wiederbesetzung der erledigten Pfarrstelle
notwendig wurde, liess sich ein leidlich befriedigendes Ergebnis
nur erreichen, indem man sich zu einer Teilung der Jahres
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 55

einkünfte zwischen dem neuen Prediger und der Witwe und


den Kindern des verstorbenen entschloss 1).
Ein derartiges Verfahren aber setzte voraus, dass ent
weder der neu zu berufende Geistliche opferbereit genug war,
sich für das erste Amtsjahr mit den halben Pfarreinkünften zu
begnügen, oder Patron und Gemeinde, oder die letztere allein
es auf sich nahmen, ihn wegen des Ausfalls, den er zu Gunsten
der Witwe und der Kinder des verstorbenen Geistlichen er
liess, angemessen zu entschädigen.
Erforderte hiernach die Bewilligung des Nachjahres ein
gegenseitiges Entgegenkommen der bei der Erledigung von
Pfarrstellen beteiligten Personen, das bei der Beratung und
Beschlussfassung in den Voten der von den Presbyterien
zur Synode deputierten Aeltesten und Prediger zum Ausdruck
kam und zu Kompromissen führte, so musste diese Tatsache
jeden Zweifel heben, wie die auf die Gewährung der Wohl
tat des Nachjahrs abzielenden Statuten und die diesen ent
lehnten Vorschriften der K.O. von 1612 zu verstehen und
auszulegen waren. Sie und ebenso die Bestimmungen, welche
später der K.O. der reformierten Gemeinden der nieder
sächsischen Konföderation vom Jahr 1839 (ä 52) einverleibt
wurden, verlangten eine strikte Auslegung, die keine Ab
weichung vom Wortlaut erlaubte. Nur zum Vorteil der Witwen
und Waisen der verstorbenen Prediger hatten die Synoden
den bei der Erledigung von Pfarrstellen und deren Wieder
besetzung Beteiligten Lasten und Verpflichtungen auferlegen
wollen. Es wäre durchaus unbillig und ungerechtfertigt ge
wesen, von den Pfarrern, welche wechselweise zu vikarieren
hatten, zu verlangen, dass sie nicht bloss in Fällen, wo der
verstorbene Geistliche nur Witwe und Kinder oder nur letztere

1) Siehe die K.O. von 1662 c. 2 Nr. 40: „da aber wegen Collatoren
und anderer Ursachen halber die Anstellung des Predigers keinen Ver
zug leiden konnte —‚ so soll der neue Prediger — von der alljährlich ver
fallenden Besoldung — seines antecessoris Wittwe und Waysen ein halbes
Jahr zukommen lassen“.
56 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

hinterliess, sondern auch, wenn solche nicht in Frage kamen,


etwa auch zum Besten seiner Eltern oder Geschwister oder
anderer Erben die gleiche Verpflichtung auf sich nahmen.
Durften sie doch, weil die Statuten hiervon schwiegen, füglich
erwarten, man werde an sie eine dahingehende Zumutung
nicht stellen.
Hielt man aber an dem Wortlaut fest und beschränkte
man demgemäss das Nachjahr bezw. die halbjährige Gnaden
zeit auf die Witwe und die Kinder, so ergab sich hieraus von
selbst, dass diesen der Genuss der Wohltat für ihre Person
schlechthin und unabhängig von dem Umstande zukam, ob sie
zugleich ihren Ehemann oder Vater beerbten oder nicht.
Ihnen allein hatte ja geholfen werden, und um ihretwillen
der mit der Nichtbesetzung der erledigten Pfarrstelle während
längerer oder kürzerer Zeit verbundene Missstand hingenommen
und ertragen werden sollen. An die etwaigen Gläubiger der
verstorbenen Prediger war dabei nicht gedacht worden").

') Wie das Nachjahr bei den Reformierten am Rhein und in West
falen bezw. wie die halbjährige Gnadenzeit in der Konföderation der
reform. niedersächsischen Kirchen, so fusste in den evangelischen Dom
kapiteln und Stiften das Gnadenjahr in statutarischen Vorschriften. So
lange diese, wenn nicht der Form, so doch dem Inhalte nach den mittel
alterlichen Statuten angepasst blieben (siehe oben S. 46), mussten die
Dom- und Stiftsherrn selbst und ihre Erben als die mit der Wohltat
Begabten gelten. Es hiess dem geschichtlich überkommenen Recht Ge
walt antun, wenn die Leipziger Schöffen durch ein Urteil vom Jahr 1630
(Finckelthaus, De jure patr. eccl. c. VI Nr. 107) dem Sohne eines
verstorbenen Domherrn die Einkünfte des Gnadenjahres trotz seines
Verzichts auf die väterliche Erbschaft aus der Erwägung zuerkannten,
weil das beneficium der verstorbenen Kanoniker „nicht jure hereditatis,
sondern aus sonderbarer concession“ zuständig und also unter des Ver
storbenen Erbschaft nicht begriffen sei. Sollte in den evangel. Kapiteln
das Gnadenjahr mit grundsätzlicher Aenderung seines rechtlichen Cha
rakters aufhören, ein Gnadenjahr der Erben zu sein und in ein solches
der Witwen und Kinder umgeschaffen werden, so bedurfte es dazu der
Aufhebung der älteren Vorschriften und ihrer Ersetzung durch neue,
dem Inhalte des evangelischen Kirchenrechts entsprechende statutari
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 57

Die Uebereinstimmung der Gesetzgebung und der Wissen


schaft in der Auffassung der Wohltat der Gnadenzeit als
eines von dem Erbrecht in den Nachlass der verstorbenen
evangelischen Prediger unabhängigen Rechts ist hiermit fest
gestellt. Auch darin kommen, wenn wir die Gesetzgebung
Schleswig-Holsteins ausnehmen, die KO. und die sich ihnen
anschliessenden späteren Verordnungen sowohl miteinander,
wie mit der Rechtslehre überein, dass nicht bloss die Kinder
der verstorbenen Geistlichen aus der Ehe mit der hinter
bliebenen Witwe, sondern ebenso die Kinder aus einer früheren
Ehe oder m. a. W. die Stiefkinder der Witwe zum Genuss
der Gnadenzeit zu verstatten waren").
Dahingegen fand, wie schon in anderem Zusammenhange
erwähnt ist, die Frage eine verschiedene gesetzliche Regelung,
ob die Kinder oder Enkel und anderen Abkömmlinge schlecht

sche Bestimmungen. Als korrekt ist da das Verfahren zu bezeichnen,


welches das Magdeburger Domkapitel einschlug. Siehe die von Boehmer,
Jus eccl. Prot. II p. 506. 507 mitgeteilte Urk. betr. den sog. Vergleich
der Kapitularen vom 5. April 1671. Danach sollten nicht sowohl die
Einkünfte des annus deservitus, sondern auch die des annus gratiae der
Witwe und den Kindern eines verstorbenen Domherrn zustehen, dahin
gegen „auf Collaterales oder auswärtige Testamentserben“ die neu ein
geführte Bestimmung nicht ausgedehnt werden. Vgl. damit auch noch
die das. S. 514 mitgeteilte Bescheinigung des Magdeburg. Domkapitels
vom 18. Nov. 1699.
') Sachsen-Koburg. KO. 1626 II c. 20: „Dieweil – Zweifel
entstanden, ob die hinterlassenen Kinder erster Ehe sowohl als die Kin
der anderer Ehe von dem Einkommen des halben Gnaden-Jahres etwas
haben sollen, ist dahin geschlossen, dass alle und jede des Pfarrers hinter
lassenen Kinder, sie seyen aus der ersten, andern oder dritten Ehe, das
selbe Einkommen einnehmen und gleichmässig unter sich theilen sollen“;
Magdeburger K.O. 1652 c. 20, § 20. Verb. Weimar. KO. 1664
C. II c. 19, § 10 „nechst diesem ist – zu wissen –, dass diese Begna
digung allein des Verstorbenen Wittbe und von seinem Leibe erzeugten
Kindern ohne Unterschied, ob diese aus erster, anderer oder dritter Ehe
entsprossen, oder in welchem Grade lineae descendentis sie begriffen,
zu gute gerechnet“; Carpzov, Jurispr. consist. I Def. 210; S. Stryk
l. c. p. 22–29. 47.
58 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

hin oder nur, wenn und so lauge sie noch minderjährig oder,
obwohl schon erwachsen, unversorgt, beim Tode des Vaters
sich noch in dessen Gewalt befanden, zum Genuss des Gnaden
jahres gelangen sollten oder nicht 1). Und ebensowenig
herrschte in der Literatur Einverständnis darüber, wie es in
Fällen zu halten sei, wo die Gesetze die versorgten oder aus
gestatteten Kinder weder ausdrücklich zum Genuss des Gnaden
jahres zuliessen noch davon ausschlossen 2). _
Eine verschiedene Beantwortung erfuhr auch das Wegen
Teilung der Früchte und Einkünfte der Gnadenzeit zwischen
der Witwe und den Kindern einzuschlagende Verfahren.
Während manche K.O. und später dazu erlassene landesherr
liche Reskripte der Witwe davon die eine und den Kindern
zusammen die andere Hälfte zubilligten 3), ordneten andere

1) Siehe einerseits Verordn. Georg II. vom 13. Sept. 1751 für Sachsen
Lauenburg (Spangenberg a. a. O. IV, 2 S. 267—268) bei den Worten:
sollen diese (sc. die Kinder), sie seyen annoch minderjährig, oder bereits
erwachsen und verheirathet — ein halbes Gnadenjahr — zu geniessen
haben; siehe ferner mecklenburg. Reskript vom 9. Dez. 1775 (Siggel
kow, Mecklenburg. Kirchenr. fi 197); Ostpreuss. Provinzialr. Zus. 208,
ä 5; andererseits Magdeburger K.O. 1652 c. 20, ä 16; 1685 c. 20, ä 26;
Revidierte K.O. 1739 c. 20, ä 20; K.O. für Rheinland und Westfalen
5. März 1835, ä 65 zu 1 und Cabinetsordre 29. Juli 1840; Entwurf des
Provinzialrechts für Neu-Vorpommern zu II, 11 A.L.R., ä 1436 [= von
Seekt, Das Provinzialr. des Herzogt. Neu-Vorpomm. I, 3); K.O. der
reformierten niedersächs. Konföderation Q 52. Siehe auch Büff, Kur
hess. Kirchenr. S. 879, Note l0—l1. Die für die Herzogt. Bremen u.
Verden am 13. Mai 1831 ergangene Verordn. schliesst die versorgten
und ausgestatteten Kinder nicht schlechterdings aus, sondern stellt sie
nur den noch nicht emanzipierten Kindern nach, so dass sie zum Genuss
des Gnadenjahrs bloss dann kommen sollen, wenn sie mit einer Witwe
oder mit noch unausgestatteten Kindern nicht zusammentreffen (ää 1. 2).
2) Vgl. Carpzov l. c. I Def. 211. S. Stryk 1. c. p. 22—23. 47;
von Balthasar, Jus eccl. pastoral. I S. 550 ff.
3) Siehe Magdeb. K.O. 1685 c. 20, Q 20: „soll von dem halben
Gnaden-Jahr die Witbe die Helffte, die andere Heltfte aber die uner
zogenen und in des Pfarrers Familie würklich befindlichen Kinder he
bekommen“; Verordn. Georgs II. für Sachsen-Lauenburg 13. Sept. 1751
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 59

Gesetze eine Teilung nach Köpfen an und bestimmten dem


gemäss, es solle die Witwe nicht mehr denn einen Kindesteil
empfangen 1). Rechtslehre und Gerichtsgebrauch aber ent
schieden sich da, wo es an einer gesetzlichen Vorschrift hierüber
fehlte, bald für die eine, bald für die andere Teilungsart, oder
wollten diese im Anhalt an das im Lande oder am Orte
geltende eheliche Güter- und Erbrecht vorgenommen wissen
und daher der Witwe denjenigen Teil von den Einkünften der
Gnadenzeit zusprechen, der ihr neben vorhandenen Kindern
als statutarische Erbportion gebührte 2).
Die Rechtsverschiedenheit betraf jedoch nicht allein die
Kinder und übrigen Abkömmlinge der verstorbenen evangeli
schen Geistlichen, sowie die Teilung der in die Gnadenzeit
fallenden Früchte und Einkünfte der erledigten Pfarreien
zwischen ihnen und ihrer Mutter oder Stiefmutter (bezw. Gross

(Spangenberg a. a. O. IV S. 267-269): „zum Genuss dieses Gnaden


jahrs sollen - gelassen werden des verstorbenen Predigers nachgeblie
bene Wittwe und dessen nachgelassene Kinder gemeinschaftlich und
zwar so, dass die Wittwe alle und jede Pfarreinkünfte und Hebungen -
mit solchen Kindern aequaliter theile, und jeder Theil zur Halbscheid
dieses Gnadenjahrs Einkünfte habe und geniesse“; OstpreusaProvinzialr.
Zus. 208 ä 5: „die Wittwe theilt das Gnadenjahr mit den Kindern und
Enkeln so, dass die Wittwe die eine, die Kinder und Enkel die andere
Hälfte erhalten“. Dasselbe Teilungsverfahren fand in der Landgrafschaft,
späterem Kurfürstentum Hessen statt. Siehe Büff, Kurhess. Kirchenr.
S. 879.
1) Siehe Kurfürstl. Sächs. Decision vom Jahre 1661 (Moser, Corp.
jur. Evang. eccl. I S. 1011-1012): „setzen und ordnen Wir hiermit -,
dass - die halbjährigen Einkünffte, so vermöge der Kirchen-Ordnung
der Verstorbenen Wittwen und Erben gebühren, unter sie, die Wittwe
und Kinder zugleich nach Anzahl der Häupter und zwar, dass eins
so viel als das andere davon bekomme, eingetheilt werden‘sollen“.
2) Siehe S. Stryk 1. c. p. 51; Carpzov, Jurisprud. forens. P. 2
cons. 5 Def. 12; vgl. mit Carpzov, Jurisprud. consist. I Def. 212. Von
neueren Schriftstellern mag hier angeführt werden: Büf f a. a. O. S. 879.
Man vgl. auch wegen der mehreren und verschiedenen in der Theorie
und Praxis wegen des Teilungsplanes vertretenen Meinungen die Ein
60 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

mutter u. s. w.); sie trat auch hervor, soweit es sich darum


handelte, die Wohltat der Gnadenzeit zu anderen Ein
richtungen der Kirchenverfassung in ein geeignetes Verhältnis
zu setzen. Nachdem ihre Dauer bestimmt und bald auf ein
ganzes Jahr (oder mehr), bald auf ein halbes oder sogar nur
auf ein Vierteljahr bemessen war, kam es darauf an, den
Anfangstermin festzustellen, von dem ab sie ihren Lauf nehmen
sollte. ‘
Wie verhält es sich damit, frage ich zunächst, bei statt
findendem vollen Gnadenjahr? Von den K.O., die solches
bewilligten, enthalten einige die ausdrückliche Bestimmung,
es sollte vom Todestage des verstorbenen Pastors an gerechnet
werden 1). Den gleichen Anfangstermin setzte für das damals
erst seinem vollen Umfange nach den Predigerwitwen in
Schleswig und Holstein zugestandene Gnadenjahr das vom
Könige Christian IV. im Jahre 1642 ausgegangene Reskript
fest 2). Eine entsprechende Bestimmung enthält die wegen
des Gnadenjahres in den Herzogtümern Bremen und Verden
am 13. Mai 1831 erlassene Verordnung (ä 11) 3).
Andererseits liess die Pommersche K.O. von 1563 die

leitung zu der in der vorigen Note angeführten kursächsischen Dezision


von 1661.
1) Siehe Mecklenburg. K.O. 1602 Fol‚ 278": „wollen Wir das Gnaden
Jar also verstanden haben, das alles, was von dem Tage des tödtlichen
Abgangs eines Pastorn bis an denselben Tag des folgenden Jahrs fällig‘
und zu haben ist ——, der Wittwen und den Kindern sol gefolget wer
den“; Rev. K.O. 1650 Fol. 278-279 und vgl. dazu Cothmann, Resp.
jur. acad. 46, 2; Siggelkow, Handb. des Mecklenb. Kirchenr. ä 201;
Sachsen-Lauenburg K.O. 1585 II; Verordn. vom 13. Sept. 1751 (Span
genberg a. a. O. IV, 2 S. 911‘. 267. 268); Rheim-West. K.O. 1835
ä 65 zu 1.
2) Siehe das Reskr. vom 22. Sept. 1642 bei den Worten: „lassen
Wir — wissen, dass das Gnaden Jahr a tempore mortis anzurechnen
und weiter zu endigen“ (Corp. const. Holsat. I S. 449) und vgl. dazu das
oben S. 35, Note 2 bemerkte.
3) Siehe die Verordn. in Samml. der Ges. des Königr. Hannover,
Jahrg. 1831, Abt. III S. 98.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutscheu Kirchenrechts. 61

Frage, wann das Gnadenjahr seinen Anfang nehmen sollte,


unentschieden. Sie gab damit der Möglichkeit Raum, dass
sich ein Gewohnheitsrecht bildete, welches zwischen den Tag,
an dem der Prediger verstarb, und den Beginn des Gnaden
jahrs eine Zwischenzeit einschob von mehreren Tagen, Wochen
oder Monaten 1). Welche Bewandtnis es mit dieser Zwischen
zeit hatte, soll, um Wiederholungen zu vermeiden, hier uner
örtert bleiben. Es genüge die Bemerkung, dass sie der recht
lichen Bedeutung nach der Zeit gleichkam, welche sonst nur
in den Quellen begegnet, die statt des Gnadenjahres eine
kürzere Gnadenzeit kennen.
Die meisten der älteren Gesetze wussten davon noch
nichts. Die kursächsische K.O. von 1580, die Sachsen-Kobur
gische von 1626, die magdeburgische von 1652, die weimarische
von 1664 lassen die halbjährige Gnadenzeit mit dem Tode des
Predigers ihren Anfang nehmen 2).
Auch die märkische Visitations- und Konsistorialordnung
des Kurfürsten Johann Georg vom Jahre 1573 kannte noch
keinen andern Anfangstermin für die der Witwe und den
Kindern der verstorbenen Prediger bewilligte halbjährige
Gnadenzeit 3). Eine Aenderung führte im Geltungsbereiche

1) Siehe Beschlüsse der Stettiner Synode von 1545 (J. H. Baltha


s ar, Samml. einig. zur Pommerschen Kirchengeschichte gehörigen Schrift.
I S. 43); siehe ferner Entw. eines Provinzialr. von Alt-, Vor- und Hinter
pommern (Stettin, 1835) äß 83-84; Entw. d.’ Provinzialr. von Neu
Vorpommern (von Seekt) I, 3, 5 1435.
2) Kursächs. K.O. (Moser a. a. O. I S. 1137-1138): „nach ihres
Ehewirts und Vaters Absterben“; K.O. für Sachsen-Koburg 1626 B. II
c. 20 (das. I S. 353-354); Magdeburg. K.O. 1652 c. 20, ä 14; 1685 o. 20,
, 5 15; Rev. K.O. 1739 c. 20, ä 15; Weimar. K.O. 1664 Bd. II c. 19. Ent
sprechend liess die altwürttemberg. Gesetzgeb. das Gnadenvierteljahr von
Zeit des Todes des Predigers an beginnen, siehe Summarisch. Begriff‘
von 1559 (Richter, Ev. K.O. II S. 204) bei den Worten „zu fernerer
Gnade“.
3) Siehe dazu Tit. 23 bei den Worten „nach Absterben ihrer
Pfarrer noch ein halb Jahr“.
62 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

dieses Gesetzes erst König Friedrich I. herbei. Nachdem er


durch Reskript vom 6. Oktober 1704 verfügt hatte, „dass an
den Orten, wo ein gantzes und völliges Gnadenjahr herkommen
und gebräuchlich ist, es dabey verbleibe, an den Orten aber,
wo solches nicht hergebracht ist, die Witwe oder Kinder das
Quartal, in welchem der Inspektor gestorben, als ein Deservitum
und nach dessen Verfliessung annoch ein halbes Jahr die In
traden des Inspektorats und der Pfarren zu geniessen haben“
sollten, erstreckte er diese vorerst nur zu Gunsten der Witwe
und Kinder der Inspektoren (Superintendenten)getroffene An
ordnung durch ein zweites Reskript vom 20. November 1704
und durch ein drittes vom 9. Mai 1708 auf alle und jede
Pfarren in der Kurmark Brandenburg an Orten, an welchen
kein ganzes Gnadenjahr hergebracht war").
Aelteren Ursprungs ist das Sterbequartal in der Kirche
des Herzogtums Preussen. Gleich wie die dort auf ein Viertel
jahr bemessene Gnadenzeit gründete es sich in dem General
rezess der Visitatoren littauischer Kirchen vom Jahre 1638.
Danach sollten die Witwen und Kinder verstorbener lutheri
scher Prediger „des Quartals, darinnen ihr Seel. Herr ge
storben, und auch des folgenden Quartals Besoldung gantz
und richtig geniessen“)*).
Den ersten Anstoss zur Uebernahme dieser Einrichtung
in die brandenburgisch-preussische Kirchenverfassung mögen
die Privilegien gegeben haben, mit welchen die Landesherren

') Siehe die Reskripte vom 6. Okt. und 20. Nov. 1704 in Mylius
C. C. M. I, 2 S. 152–154 und vgl. damit das Reskr. vom 9. Mai 1708
(das. I, 2 S. 171–172) bei den Worten: „Nachdem Wir bereits den
20. Nov. 1704 Unserem Consistorium – notificiret, dass an den Orten,
wo ein gantzes und völliges Gnaden Jahr hergebracht ist, den Pfarr
wittwen und Kindern ein solches verbleiben soll, an den Orten, wo sol
ches nicht hergebracht ist, die Witwen und Kinder das Quartal, in
welchem der Pfarrer gestorben, als ein Deservitum und nach dessen
Verfliessung noch ein halbes Jahr der Pfarr-Intraden zu geniessen haben
sollen, als haben Wir Euch solches hiemit notificiren – wollen“.
*) Siehe Grube, Corp. jur. Pruth. P. I Nr. V S. 34 ff.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 63

die Universitäten Frankfurt a. O. und Königsberg begnadigten.


Diese sicherten den Professoren den Genuss des Einkommens
des ganzen Vierteljahres, innerhalb dessen sie versterben wür
den, für ihre Erben zu 1).
Sachlich wie seiner rechtlichen Bedeutung nach entsprach
dieses Sterbevierteljahr dem bei den katholischen und evange
lischen Domkapiteln und Stiften hergebrachten Verdienstjahr
(annus deservitus). Gleich diesem beruhte es in einer juri
stischen Fiktion. Vermöge dieser fielen dem Nachlass des ver
storbenen Präbendaten nicht etwa die Einkünfte der erledigten
Stiftsstelle zu, die schon vor seinem Tode fällig waren, wenn sie
auch erst später zur Hebung kamen. Auf sie hatten der Ver
storbene und seine Erben ohnehin schon ein wohlerworbenes
Recht. Waren sie doch bereits bei dessen Lebzeiten von ihm ver
dient. Als verdient wurden wegen der fraglichen Fiktion auch
solche Einkünfte angesehen und behandelt, deren Fälligkeit erst
nach dem Tode des Amtsinhabers, jedoch innerhalb eines Zeit
raumes eintrat, während dessen der Verstorbene als noch weiter
lebend gedacht werden sollte. Es ergab sich hieraus die Folge,
dass das Sterbequartal, wo ihm in den evangelischen Landes
kirchen stattgegeben ward, juristisch wesentlich anders aufge
fasst werden musste, als die Gnadenzeit, ihm auch Wir
kungen beizulegen waren, die sich von denen der letzteren er
heblich unterschieden. Galten die innerhalb seines Verlaufs
aufkommenden Einnahmen als solche, die der verstorbene Geist
liche verdient hatte, so gehörten sie zu seinem Nachlass. Die
Witwe und die Kinder hatten darauf nicht, wie auf die Ein
1) Siehe das Privileg des Herzogs Albrecht des Aelteren für die
hohe Schule in Königsberg vom 8. April 1557 (Grube a. a. O. I S. 266
bis 267). Die Frankfurter Professoren erhielten ausserdem noch für ihre
Witwen das Gnadenjahr bewilligt. Siehe S. Stryk l. c. p. 18: „in hac
academia Viadrina — professorum viduae annum gratiae habent, qui
tarnen non nisi quadrante anni inpleto, in quo professor
m o r t u u s, c o m p u t a t ur“. Entsprechende Bestimmungen enthielt übri
gens auch das Privileg der Universität Rostock. Siehe Co th m ann, Resp.
jur. acad. 462.
454 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

künfte der Gnadenzeit ein eigenes selbständiges Recht. Sie


vermochten darauf nur als Rechtsnachfolger ihres Ehemanns und
Vaters und demnach bloss dann Ansprüche zu erheben, wann
und sofern sie dessen Erben wurden. Keinesfalls aber hatten
sie die Möglichkeit, den Gläubigern des Verstorbenen zu ver
wehren, dass diese, ebenso wie aus den übrigen Stücken seines
Nachlasses, aus den Einkünften des Sterbequartals die Befrie
digung ihrer Forderungen im Wege der Zwangsvollstreckung
zu erreichen suchten. Hinwiederum stand, wenn die Witwe
und Kinder der Erbschaft ihres Mannes und Vaters entsagten,
und ebenso dann, wenn ein Prediger verstorben war, ohne
Frau und Kinder oder andere Nachkommen zu hinterlassen,
seinen übrigen gesetzlichen Erben kein rechtliches Hindernis
entgegen, um die Einkünfte des Sterbevierteljahrs für sich zu
beanspruchen und zu erheben. Und endlich war auch nicht
abzusehen, warum es nicht auch einem Geistlichen selbst
freistehen sollte, bei seinem Leben über jene Einkünfte letzt
willig zu verfügen, um sie dritten Personen als testamentari
schen oder Vertragserben zuzuwenden, sofern nur solches un
beschadet der seinen nächsten Erben zustehenden Pflichtteils
rechte geschah.
Dennoch sind nicht immer noch überall die richtigen
Folgerungen aus der bezeichneten Fiktion gezogen worden.
Während in Pommern und im Geltungsbereiche des ostpreus
sischen Provinzialrechts 1) die Ansicht durchdrang‚ das Sterbe
quartal gebühre allen Erben des im Amt verstorbenen evange
lischen Pfarrers, liessen die wegen seiner Bewilligung an die
Superintendenten und Pfarrer der brandenburgischen Kirchen
ergangenen Reskripte der Jahre 1704—1708 Zweifel hier
über entstehen. Da darin nur der Witwe und der Kinder
der verstorbenen Inspektoren und Pfarrer Erwähnung geschah,

1) Siehe Entwurf des Provinzialr. der Herzogt. Alt-, Vor- und Hinter
pommern ä 84; Entw. der Provinzialr. des Herzogtum Neu-Vorpommern
(von Seeckt) I, 3, ä 1434; ostpreuss. Provinzialr. Zus. 207, Qä 1. 2.
Die Gnadenzeit d. älteren evangeL-deutschen Kirchenrechts. 65

konnte, trotz der Bezeichnung des Sterbequartals als deservi


tum, der Anschein erweckt werden, als sollten nur sie allein
ein Erbrecht wegen der in seinem Verlauf aufkommenden
Pfarreinkünfte haben. Am weitesten aber gingen in der Ver
kennung der rechtlichen Verschiedenheit der Sterbe- und
Gnadenzeit die den Landgrafen von Hessen-Kassel bei Aus
übung des Kirchenregiments beratenden Beamten und Behör
den. Nachdem‘ in dem späteren Kurhessen mit Ausnahme
der früher schauenburgischen Landschaft Rintelnl) zuerst, wie
es scheint, durch die Konsistorialordnung von 16102) ein Sterbe
quartal eingeführt und diesem später durch ein landesherrliches
Reskript vom 27. Juli 1736 ein zweites Vierteljahr als Gnaden
quartal hinzugefügt war, kam es zu einer völligen Vermischung
und Gleichbehandlung der beiden an sich ganz verschieden
gearteten Einrichtungen. Wie das Gnadenquartal galt seit
dem das Sterbequartal als ein dem verstorbenen Prediger
zum Besten seiner Witwe und Kinder verliehenes, nicht aber
in seinem Vermögen und Nachlass einbegrilfenes Recht. So
wenig wie seinen anderen Testaments- oder gesetzlichen Erben
ein Erbrecht darauf zusteht, gründet sich das Recht wegen
des Genusses der Einkünfte des Sterbequartals für die Witwe
und Kinder im Erbrecht. Es stellt sich gleich der Wohltat
des Gnadenquartals als ein ihnen lediglich für ihre Person
eingeräumtes Vorrecht dar, unabhängig von ihrer Erbeneigen
schaft und darum jeder Einwirkung und Verfügung des Erb
lassers entzogen. Auch den Nachlassgläubigern gegenüber ist
das Verhältnis der Witwe und der Kinder in Ansehung der
Einkünfte des Sterbequartals durchaus dasselbe wie bezüglich
der Einkünfte des Gnadenquartals. Beide sind für die ersteren
nur soweit Gegenstand der Befriedigung ihrer Forderungen
und der deshalb zu betreibenden Zwangsvollstreckung, als die

1) Die K.O. der Grafschaft Schauenburg von 1614 (Büff, Kurhess.


Kirchenr. S. 889) kennt nur ein Gnadenjahr, kein Sterbequartal.
2) Büff a. a. O. S. 878, Note 1.
v. Brünneck, Gnadenzeit. 5
66 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Genussberechtigten zugleich die Erben des verstorbenen Geist


lichen geworden sind, der sich ihnen als Schuldner verpflich
tete 1). Nicht dem Namen, wohl aber der Sache nach war
damit das Sterbequartal, eliminiert; es ging in der Gnaden
zeit auf, welche sich so zu einem sg. halben Gnadenjahr er
weiterte.
Berührte die Einführung des Sterbequartals die Gnaden
zeit nur in so weit, als deren früherer oder späterer Anfang da
von abhängig gemacht ward, so griffen dagegen in die Rechts
wohltat selbst die gesetzlichen Vorschriften ein, welche das
öffentlich-kirchliche Interesse wegen des Gottesdienstes, sowie
in Ansehung der Seelsorge und der Wahrnehmung der Pfarr
geschäfte bei den durch den Tod ihrer Geistlichen verwaisten
Kirchen erheischten.
Als es zur Uebernahme des Gnadenjahrs aus dem parti
kulären katholischen Kirchenrecht bezw. zur Einführung einer
Gnadenzeit in die evangelische Kirchenverfassung kam, herrschte
wohl allseitiges Einverständniss darüber, dass solches nicht der
Kirche selbst zum Schaden gereichen dürfe. Die schles
wigholsteinische K.O. von 1542 nahm daher neben der, der
Witwe des verstorbenen Pfarrers für Jahresdauer zugestan
denen Befugnis, im Pfarrhause wohnen‚zu bleiben, die sofort
oder doch bald nach dem Tode des Pfarrers vorzunehmende
Wiederbesetzung der erledigten Stelle in Aussicht. Nur sollte
der Nachfolger im Pfarramt, abgesehen davon, dass er die
Witwe seines Vorgängers neben sich im Pfarrhause zu dulden
hatte, verbunden sein, ihr die Hälfte der Einkünfte seines
ersten Amtsjahrs zu verabfolgen 2). In der reformierten Kirche
der Lande Jülich, Cleve und Berg hatte nach der K.O.
von 1662 eine Neubesetzung der erledigten Pfarrstellen, wie
wir sahen3), ohne Rücksicht auf die Witwe und Kinder des

1) Siehe Büff a. a. O. S. 878. 879.


2) Siehe oben S. 35, Note 2; S. 44, Note 1.
') Siehe oben S. 55, Note 1.
Die Gnadenzeit d. älteren eVangeL-deutschen Kirchenrechts. 67

verstorbenen Pfarrers, nicht zwar unter gewöhnlichen Ver


hältnissen, wohl aber dann stattzufinden, wenn wegen Wider
spruchs des Kirchenpatrons, oder aus anderen gewichtigen
Ursachen es nicht anging, damit bis zum Ablauf des Nach
jahrs zu warten. Die Witwe und die Kinder mussten sich
unter solchen Umständen mit dem Empfang der Hälfte der
Pfarreinkünfte begnügen, die in dem Jahre nach dem Tode
ihres Ehemanns und Vaters zur Hebung kamen. Noch weiter
ging man in der pommerschen Landeskirche, zum wenigsten
in dem Teile ihres Bereiches, über den sich die Herrschaft des
Herzogs Bogislav XIV. (1625-1637) erstreckte. Dort wurden
die Kirchenvorsteher angewiesen, in Fällen, wo die Witfrau
oder die Kinder des verstorbenen Pfarrers Armuts halber
einen Kaplan, der den fehlenden Pfarrer vertrat und den Gottes
dienst und die pfarrlichen Geschäfte einstweilen gegen eine ent
sprechende Vergütung besorgte, nicht zu halten vermochten,
während die Ungelegenheit des Ortes es nicht ermöglichte, dass
die Geistlichen der Nachbarschaft wechselweise vikarierten,
das Wohl der Kirche und ihrer Parochianen dem Vorteile der
Witwe und der Waisen des verstorbenen Pfarrers voranzustellen
und die schleunige Anstellung eines neuen Pastors mit Nicht
berücksichtigung des Gnadenjahres herbeizuführen1).
Seit dem XVII. Jahrhundert ist die Besetzung erledigter
Pfarrstellen vor Ablauf des Gnadenjahres oder der Gnaden
zeit in den evangelischen Landeskirchen, deren Verfassung
solche früher gestattete oder sogar gebot, allmählich ausser
Gebrauch gekommen?) Was aber hatte nun, wenn eine Ge

1) Siehe Leges praepositis ecclesiarum ejus partis Pomeraniae, quae


ab - Bogislao XIV regitur, praescriptae (Moser l. c. II S. 762 ff.) c. VI
55 2-3.
2) In Schleswig-Holstein hatte das Reskr. Königs Christian IV. vom
22. Sept. 1642 (s. oben S. 35, Note 2) der Witwe des verstorbenen Pre
digers während der Dauer des Gnadenjahrs die gesamten Pfarreinkünfte
zugesprochen, ohne zu unterscheiden, ob die Stelle alsbald wieder be
setzt wurde, oder unbesetzt blieb. Für den ersteren Fall bestimmte dann
68 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

meinde ihren Pfarrer durch den Tod verlor und wegen der
seiner Witwe und seinen Kindern zustehenden Gnadenzeit die
von ihm inne gehabte Pfarrstelle längere oder kürzere Zeit
unbesetzt bleiben musste, zu geschehen, um zu verhüten, dass
der Gottesdienst in der verwaisten Kirche keine Unterbrechung
erfuhr, und die Parochianen nicht der Seelsorge und der Spen
dung der Sakramente entbehrten?
Zwei verschiedene Wege liessen sich da einschlagen.
Man konnte, wie es gegenüber den Erben der verstorbenen
Kleriker in katholischer Zeit geschehen war, von der Witwe
und den Kindern verlangen, dass sie einen Pfarrgehilfen oder
geeigneten Kandidaten als zeitweiligen Vertreter annahmen und
bestellten. Oder aber, man machte es den Pfarrern derselben
Ephorie, in den Städten den übrigen dort angestellten Geist
lichen, auf dem Lande den Pfarrern, welche in der ‘Nähe des
Kirchdorfs wohnten, in welchem die Erledigung der Pfarrstelle

eine Verordnung vom 17. Februar 1755 (Nr. IX), es solle die Witwe
gehalten sein, dem unverheirateten neuen Prediger, der vor Ablauf des
Gnadenjahrs das Pfarramt übernehme, freie Wohnung, Kost, Feuerung,
Licht, Wäsche und die nötige Verpflegung zu gewähren (Chalybäus,
Samml. der Vorschrift. betr. d. schleswig-holstein. Kirchenr. I S. 228,
II, S. 115). Auch diese, die Witwe im Genuss des Gnadenjahrs beschrän
kende Bestimmung wurdo indes im XIX. Jahrhundert nicht mehr be
folgt; es galt seitdem als Regel, dass, sobald ein im Amt stehender Geist
licher mit Hinterlassung einer Witwe starb, das Gnadenjahr seinem
ganzen Umfange nach eintreten, und der Antritt des Nachfolgers erst
nach dessen Ablauf zu geschehen habe (Chalybäus a. a. O. II S. 115).
In der rhein.-westf. Kirche beseitigt die K.O. von 1835 Q 65 zu Nr. 3
die vom älteren Rechte in Fällen, wo eine Wiederbesetzung der erledigten
Pfarrstelle vor dem Ende des Nachjahrs notwendig wurde, angeordnete
Teilung der Pfarreinkünfte zwischen der Witwe und den Kindern einer
seits und dem neuem Prediger anderseits. Der Witwe und den Kindern
sollte das Nachjahr unter allen Umständen voll und ganz zu teil werden.
Wünschte eine Kirchengemeinde noch vor dessen Beendigung einen neuen
Prediger zu haben, so blieb es ihr überlassen, sich mit der Witwe und
den Kindern des verstorbenen Prediger deshalb gütlich zu einigen und
auseinanderzusetzen.
Die Gnadenzeit d. älteren evangel.-deutschen Kirchenrechts. 69

eintrat, zur amtlichen Pflicht, den Gottesdienst anstatt des ver


storbenen Predigers abzuhalten und die Pfarrgeschäfte zu ver
sehen, indem sie sich darin wechselweise ablösten.
Sollte der Zweck, der Witwe und den Kindern durch die
Einrichtung der Gnadenzeit eine einstweilige Versorgung zu
verschaffen, nicht vereitelt werden, so musste man davon ab
sehen, die Wohltat an die Bedingung zu knüpfen, dass diese
selbst und auf ihre Kosten einen geeigneten Vertreter, um die
erledigte Pfarrstelle zu versehen, bestellten. Der Mangel aus
reichenden eigenen Vermögens erlaubte ihnen solches regel
mässig nicht, die Pfarren aber waren der Mehrzahl nach so
gering dotiert, dass sie von den Einkünften der Gnadenzeit für
sich wenig oder nichts übrig behalten haben würden, wären sie
genötigt gewesen, einen Pfarrverweser anzunehmen und zu be
solden. Man war daher, wollte man das allgemeine kirchliche
Interesse mit der Fürsorge für die Witwe und Waisen des ver
storbenen evangelischen Geistlichen in Einklang bringen, ein
zelne Fälle ausgenommen, in welchen besonders günstige Ver
hältnisse vorlagen, auf den zweiten Weg gewiesen. Diesen
hat denn auch die Gesetzgebung betreten. Wurden dem
gemäss die Amtsbrüder des verstorbenen Pfarrers zu dessen
Vertretung während der Dauer der Gnadenzeit berufen und
diese zu übernehmen von Rechts wegen für verpflichtet erklärt,
so blieb für eine verschiedenartige gesetzliche Regelung nur
insoweit noch Spielraum, als es sich darum handelte, zu be
stimmen, ob und inwieweit die zum Genuss der Gnadenzeit
Berechtigten zu den Kosten beizutragen hatten‘, welche die auf
diese Weise eingerichtete Vertretung mit sich brachte. Meist
fiel die Entscheidung dieser Frage zu Gunsten der Genuss
berechtigten aus. Die vikarierenden Pfarrer erhielten keine
Vergütung in barem Gelde.
Die Witwen und Kinder sollten nur verpflichtet sein, ihnen
Essen und Trinken zu verabfolgen, wenn sie wegen Abhaltung
des Gottesdienstes oder zum Behuf der Vornahme anderer geist
licher Amtshandlungen in das Kirchdorf kamen und im Pfarr
7() W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

haus abstiegen“). Einzelne K.O. aber gingen in der Rücksicht


nahme auf die Gnadenzeitberechtigten nicht so weit. Sie
knüpften an den Genuss der Wohltat für die Witwe und Kinder
die Bedingung, dass diese dem aushelfenden Pfarrer für seine
Mühewaltung in der Vertretung des fehlenden Geistlichen eine
billig bemessene Vergütung in Geld entrichteten).
*) Man sehe z. B. Pommersche K.O. 1563 Fol. 38b; Mecklenb.
K.O. 1602 Fol. 278V: „Die Pastoren so im gnaden Jar auffwarten, sollen
nichts mehr denn essen und trinken für ire Arbeit von der Witwe be
gern“; Rev. KO. 1650 Fol. 278 v; vgl. dazu Callisen, Kurz. Abriss d.
in d.Schleswig-Holst. Kirchenr. gelt. Verordn. S. 283; auch Büff a. a. O.
S. 880, Note 7.
*) Siehe KO. der Grafschaft Schauenburg 1614 (Büff a. a. O.
S. 889): „Wenn Jemand. Unserer Pastoren verstirbt und Wittwe oder
Kinder hinter sich verlässt, sollen dieselben – ein Gnadenjahr zu ge
niessen haben, und mit inen der benachbarte oder in officio folgende
Pastor (worin sich ein Jeder gegen eine geringe Ergötzlichkeit
der Gebühr soll finden lassen), um Verrichtung des Gottesdienstes
und anderem, zu solchem Amt gehörig, bis das Gnadenjahr verlaufen,
nach Billigkeit handeln“.
III.

Die Vorschriften des Preussischen Allgemeinen


Landrechts.

Die dogmengeschichtliche Entwicklung der Gnadenzeit


im deutschen partikulären evangelischen Kirchenrecht gelangte
mit Abfassung des Preussischen Allgemeinen Landrechts zu
einem gewissen Abschluss: der ersten und einzigen modernen
Kodifikation, die sich mit der fraglichen Einrichtung be
schäftigt.
Die wegen der Gnadenzeit darin aufgenommenen Vor
schriften vermitteln den Uebergang vom älteren zum neueren
Recht; sie bilden das Zwischenglied in der legislatorischen
Gestaltung der Rechtswohltat durch die frühere Landesgesetz
gebung einesteils und durch die gegenwärtige Kirchengesetz
gebung andernteils. Das Allgemeine Landrecht erhebt die
Gnadenzeit nicht zu einer Einrichtung des gemeinen preus
sischen Rechts 1). Das Gnadenjahr oder die Gnadenzeit findet,

1) Schon hierdurch unterscheidet sich, von anderen, weiterhin zu


beachtenden Merkmalen abgesehen, von der Gnadenzeit das Sterbequartal.
Das letztere kommt nach Q 832, II, 11 nicht bloss in Verbindung mit
einer nachfolgenden Gnadenzeit, in welche es selbst nicht einzurechnen ist
(ä 845), sondern auch für sich allein zur Anwendung. Nur setzt das frei
lich voraus, dass das Provinzialrecht die Gnadenzeit nicht schon mit dem
Tage beginnen lässt, an dem der Pfarrer verstirbt. Denn sonst ist für
ein Sterbequartal kein Raum. Soll doch das A.L.R. nur an Stelle des
bisher aufgenommen gewesenen fremden römischen, gemeinen Sachsen
rechts und anderer fremden subsidiarischen Rechte treten (P. P. Q V). Es
schliesst so abweichende Vorschriften des provinziellen und statutarischen
Rechts und demnach auch die darin das Sterbequartal enthaltenden
72 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

wie ß 838 II, 11 sagt, nur bei protestantischen Pfarrern und


nur an Orten statt, wo es durch Provinzialkirchenordnungen
eingeführt, oder durch Gewohnheit hergebracht ist.
In Uebereinstimmung mit der bisherigen Gesetzgebung
und Rechtslehre wird die Gnadenzeit, deren Dauer sich nach dem
örtlichen Recht richtet (Q 844), als eine den Genussberechtigten
für ihre Person und unabhängig von ihrer Stellung als Erben
gewährte Rechtswohltat angesehen und behandelt (es 846,
851 II, 11).
Als genussberechtigt gelten die hinterbliebene Witwe
und die Kinder. Für beide wird indes die Verstattung zum
Genuss der Einkünfte der erledigten Pfarrstelle an die Be
dingung geknüpft, das sie nicht schon anderweitig versorgt
oder doch in den Stand gesetzt sind, sich selbst fortzuhelfen.
Der Wohltat teilhaftig sollen daher nur solche Kinder des
Pfarrers werden, welche sich bei seinem Ableben noch in seiner
väterlichen Gewalt befunden haben (ä 839). Entsprechend
wird Witwen, welche nach der Verfassung des Orts einen
Witwengehalt empfangen, die Gnadenzeit versagt (Q 841).
Den Kindern werden zwar nicht Enkel überhaupt, wohl aber
solche Enkel, welche sich bei dessen Ableben in seinem Hause
und in seiner Verpflegung befunden haben, und bei Zutreffen
dieser Voraussetzung sogar angenommene Kinder gleichgestellt
(ä 840) 1). Nicht im Einklang mit diesen Vorschriften steht

Bestimmungen nicht aus. Wenn man bei Herstellung der Kodifikation


es trotzdem nicht unterliess, auch die Gnadenzeit zum Gegenstände gesetz
licher Regelung zu machen, so geschah das in der Absicht, in Fällen,
wo die Provinzialgesetze und Gewohnheitsrechte Lücken zeigten, offen
gelassene Fragen zu entscheiden und auftauchende Zweifel zu beseitigen.
1) Bei Ausdehnung der Gnadenzeit auf angenommene Kinder, welche
in der früheren Literatur nicht unangefochten geblieben war (s. S. Stryk,
De anno grat. p. 25) haben die Redaktoren des Landrechts sich vermut
lich von der Erwägung leiten lassen, dass sie ebensogut wie die leib
lichen Kinder, sei es allein oder mit diesen zusammen, von dem verstor
benen Pfarrer, so lange er lebte, Unterhalt empfangen hatten. Um deshalb
mochten sie es für billig halten, ihnen die Wohltat einer zeitweiligen
Die Vorschriften des Preussischen Allgemeinen Landrechts. 73

anscheinend der Q 847 II, 11; wonach rechtmässig enterbte


Kinder keinen Anspruch auf das Gnadenjahr (Gnadenzeit)
machen können. Geniessen die Kinder ebenso wie die Witwe
die Gnadenzeit kraft eigenen Rechts, so müsste, sollte man
meinen, der verstorbene Vater, weil er ja nicht ihr Rechts
vorgänger ist, durch eine von ihm ausgehende Verfügung von
Todes wegen hierauf nicht irgendwie einzuwirken die Macht
haben.
Dennoch liegt hier kein Widerspruch vor. Das Gesetz
entzieht den rechtmässig enterbten Kindern die Gnadenzeit
nicht, weil ihr Vater testiert und sie enterbt hat, sondern
weil sie sich ihm gegenüber einer Verfehlung schuldig machten,
oder ihm sonst durch ihr Verhalten und Betragen dazu Grund
und Anlass gaben. Darum sollen sie nicht als würdig gelten,
die Wohltat zu geniessen, während sonst das Gnadenjahr oder
die Gnadenzeit der Witwe und den Kindern bleibt, wenn sie
auch ihres Mannes und Vaters Erben nicht geworden sind
(ä 846). Noch ist, was die Kinder oder Enkel angeht, ein
Umstand zu beachten. Es sollen diese, wie das Landrecht
des weiteren vorschreibt, zur Hebung der Pfarreinkünfte selbst
bloss dann gelangen, wenn entweder beim Tode des Vaters
oder Grossvaters, die Mutter, Stiefmutter oder Grossmutter
schon verstorben ist, oder während der Dauer der Gnadenzeit
stirbt. Sonst kommt der Witwe allein der Genuss der Gnaden
zeit zu, und ist diese dafür nur verpflichtet, für den Unter
halt der Kinder oder Enkel zu sorgen (ä 848). Stirbt sie
während der Gnadenzeit, so setzen die Kinder oder Enkel,
soweit sie dazu berechtigt sind, den Genuss der Pfarreinkünfte
fort (ä 849). Geniessen nur Kinder (Enkel) die Wohltat,

Versorgung nicht zu versagen. Es ist demgegenüber nicht das Bedenken


abzuweisen, dass ein kinderloser Pfarrer, zumal wenn seine Ehefrau vor
ihm starb, durch Annahme von Kindern in der Lage war, der Pfarre
eine Last aufzubürden‚ die sie ohnedem nicht zu tragen gehabt hätte,
und auf diese Weise die Wiederbesetzung der erledigten Stelle aufzuhalten
und zu erschweren.
74 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

dann wächst, wenn eines von ihnen während des Genusses


stirbt, sein Anteil den übrigen zu (ä 850).
Ist die Folgerichtigkeit der ‚einzelnen aus dem in ä 839
II, 11 vorangestellten Prinzip abgeleiteten Sätze nicht wohl
zu bestreiten, so gilt nicht das nämliche von den landrecht
lichen Vorschriften über das Sterbequartal. Zwei verschiedene
Möglichkeiten hatte der Gesetzgeber bei der rechtlichen Ge
staltung dieses Instituts. Ging er mit der herrschenden Lehre
von der Fiktion aus, es habe der verstorbene Geistliche die
während des Sterbequartals zu erhebenden Einkünfte schon
verdient, so mussten diese ebenso, wie die wirklich bereits ver
dienten, aber noch nicht von ihm erhobenen Einkünfte seinem
Nachlass zugerechnet, und demgemäss damit verfahren werden.
Erblickte er dahingegen in dem Sterbequartal gleichwie in
dem Gnadenjahr oder der Gnadenzeit eine den Genussberech
tigten als solchen und für ihre Person gewährte Wohltat, dann
ergab sich für das erstere die Lösung jedes Zusammenhanges
des darauf zustehenden Rechts mit einer Nachfolge in die ver
mögensrechtliche Persönlichkeit des Verstorbenen. Die Redak
toren des Landrechts aber haben sich weder für die eine noch
für die andere, aus diesen Möglichkeiten sich ergebende Auf
fassung und Behandlung des Sterbequartals entschieden, son
dem in einer nicht gerade glücklichen Weise einen Mittelweg
eingeschlagen. Nicht allen Erben, sondern nur der Witwe und
den Kindern des im Amte verstorbenen Pfarrers und zwar ohne
Unterschied, ob sie schon versorgt oder noch unterhaltsberech
tigt sind, soll das Sterbequartal zu gute kommen 831). Den
Anlass zu der Beschränkung auf die Witwe und die Kinder,
gaben wahrscheinlich die Edikte König Friedrichs I. aus den
Jahren 1704-1708. Wenn diese, wie früher erwähnt ist, für
den Geltungsbereich der märkischen Konsistorialordnung von
1573 neben der halbjährigen Gnadenzeit der Witwe und den
Kindern der Inspektoren (Superintendenten) und Pastoren ein
Sterbequartal zugestanden, so hielt man sich, als es zur Abfassung
des A.L.R. kam, streng an den Wortlaut. Eine Auslegung der
Die Vorschriften des Preussischen Allgemeinen Landrechts 75

Worte Witwe und Kinder in dem Sinne, dass bei Erlass jener
Edikte dieser Personen eben nur als der zunächst berufenen
und berechtigten Erben der verstorbenen Prediger gedacht,
nicht aber beabsichtigt worden sei, darum etwa andere Erben
auszuschliessen1), wurde anscheinend nicht einmal versucht,
geschweige denn ernstlich erwogen. Andererseits scheute man
aber doch wieder davor zurück, der Witwe und den Kindern
den Genuss des Sterbequartals ohne weiteres einzuräumen,
ohne auf ihre Erbeneigenschaft zu sehen und diese ganz ausser
Betracht zu lassen. Nicht nur dass sie für verpflichtet er
klärt wurden, die Begräbniskosten zu bestreiten, soweit die in
das Sterbequartal fallenden Einkünfte dazu hinreichten (ä 884),
sollten sie auch zum Nachteil der Gläubiger des verstorbenen
Pfarrers auf diese nicht Anspruch erheben dürfen 835).
Hinwiederum ist es aber damit nicht zu vereinigen, dass
dem Ehemann und Vater das Recht abgesprochen wird,‘ seiner
Ehefrau oder seinen Kindern den Genuss des Sterbequartals
zum Vorteil anderer Erben durch letztwillige Verordnung zu
entziehen (ä 830)2).
So zeigt denn das im Landrecht bei der Regelung des
Sterbequartals beobachtete Verfahren ein beständiges Schwan
ken zwischen zwei an sich verschiedenen Prinzipien: der ‚juri
stischen Fiktion und der Gnadenerweisung.
Den Schluss des „von Pfarrgütern und Einkünften“ handeln
den 10. Abschnittes II. Teils bilden im A.L.R. einige das Gnaden
jahr (Gnadenzeit) und das Sterbequartal zusammen betreifende
Vorschriften. Von diesen interessiert hier der ä 855. Es wird
dadurch das Verhältnis der zum Genuss der Pfarreinkünfte Be
rechtigten zu den Geistlichen geordnet, welche den Gottesdienst
in der verwaisten Kirche während der Gnadenzeit versehen. Da
nach sind sowohl im Sterbequartal wie innerhalb der Gnadenzeit

1) Der in dem Edikt vom 6. Okt. 1704 zuf Bezeichnung der Sterbe
zeit gebrauchte Ausdruck deservitum sprach für und keinesfalls gegen
diese Annahme. Siehe oben S. 65.
2) Anders Ostpreuss. Provinzialr. Zus. 207, ä 2.
76 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

die Witwe und die Kinder bezw. die Enkel des verstorbenen
Pfarrers verbunden, den vertretenden Geistlichen die in der
Provinz oder im Kreise gewöhnliche Entschädigung zu ge
währen, soweit dies nicht durch die Stolgebühren erfolgt. Eine
Ueberlassung der Stolgebühren statt der zu leistenden Ent
schädigung kommt an Orten in Frage, an welchen es herge
bracht ist, dass auch diese den Einkünften des Gnadenjahrs
(Gnadenzeit) zugerechnet werden (ä 854). Wo das Rechtens ist,
müssen die genussberechtigten Witwen und Kinder den Geist
lichen, welcher die pfarramtliche Handlung vorgenommen hat,
für die dabei vorgefallenen Reise- und Zehrungskosten schad
los halten (ä 850). Immerhin ist das nur die Ausnahme. Als
Regel stellt das Landrecht den Satz auf, dass Stolgebühren
weder zum Gnadenjahr (Gnadenzeit), noch überhaupt zum
Pfarrvermögen gehören (ä 853). Für gewöhnlich können hier
nach auch die zum Genuss des Sterbequartals berechtigten
Witwen und Kinder einen Anspruch darauf nicht geltend
machen.
IV.

Die neuere evangelische Kirchengesetzgebung


über die Gnadenzeit.

Die mit Ausnahme der beiden Grossherzogtümer von


Mecklenburg-Schwerin und Strelitz und einigen kleineren
Staaten überall in Deutschland mit Einführung der Synoden
hergestellte gemischte Synodal- und Konsistorialverfassung hat
von seiten der Staatsgewalt das Zugeständnis einer Autonomie
an die evangelischen deutschen Landeskirchen zur Folge
gehabt.
Diese betätigt sich in einer eigenen, von der staatlichen
Landesgesetzgebung verschiedenen Kirchengesetzgebung. Zu
den mehreren und verschiedenen Gegenständen, welche eine
kirchengesetzliche Regelung erfahren haben, gehört auch die
Gnadenzeit. Nicht überall freilich ist diese in den Bereich
der neuen Kirchengesetzgebung einbezogen worden. Von der
Freiheit, die Gnadenzeit durch ein Kirchengesetz neu zu
regeln, haben noch heute einige Landeskirchen keinen Gebrauch
gemacht. Es hat dort bei den Vorschriften der K.O. des
XVL-XVIII. Jahrhunderts und anderer landesherrlicher
Verordnungen und Gewohnheitsrechte älterer und neuer Zeit
sein Bewenden behalten. Immerhin erstreckt sich das Geltungs
gebiet der neuen Kirchengesetze, welche die Gnadenzeit be
treffen, bis jetzt schon recht weit. Es umfasst die sämt
lichen Landeskirchen der älteren und neueren preussischen
Provinzen, die alt-oldenburger Landeskirche, sowie die Landes
kirche des Königreich Sachsen. Innerhalb jeder dieser
Landeskirchen wollte man die Gnadenzeit gleichförmiger und
78 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

einheitlicher gestalten. Zugleich aber bezweckte die neue


Kirchengesetzgebung eine Einschränkung ihrer Dauer.
Der Erlass der hierauf abzielenden Vorschriften ward er
leichtert durch die neuerdings geschaffene Errichtung von
Witwen- und Waisenkassen. Sie gewährleistet eine Fürsorge
für den Unterhalt der Hinterbliebenen der verstorbenen
evangelischen Geistlichen in angemessener und auskömmlicherer
Weise, als das früher geschah. Es lag so keine Veranlassung
mehr vor, sie im Genuss der Pfarreinkünfte über die nächsten,
auf den Tod ihres Ernährers folgenden Monate hinaus zu
belassen.
Von den preussischen evangelischen Landeskirchen hat
zuerst die lutherische Kirche Hannovers ein die Gnadenzeit
betretfendes Kirchengesetz erhalten. Es ist vom 16. Juli 1873
und zwar, weil die genannte Kirche damals noch kein eigenes
kirchliches Gesetz- und Verordnungsblatt besass, in der
preussischen Gesetzsammlung (J.G. 1873 S. 393) verkündet.
Seine Vorschriften haben inzwischen eine Ergänzung und teil
weise Aenderung erfahren durch das K.G. vom 2. Juli 1898
wegen des Diensteinkommens der lutherischen hannoversohen
Geistlichen (ä 27) 1).
Dem hannoverisch-lutherischen Kirchengesetz steht der
Zeit nach am nächsten das für die lutherische Kirche der‘
Provinz Schleswig-Holstein erlassene, auf die Gnadenzeit be
zügliche Kirchengesetz vom 21. März 1892 2).
Seine Ausdehnung auf ganz Schleswig wurde vorbereitet

1) Das K.G. vom 2. Juli 1898 findet sich abgedruckt in Fried


bergs Sammlung der geltenden Verfassungsgesetze der evang.-deutschen
Landeskirche, IV. Ergänzungsband, S. 562-—563 (= Deutsche Zeitschrift
f. Kirchenr., 3. Folge, I. Ergänzungsband).
2) Siehe Kirchl. Ges.- u. V.-B1. der evang.-luth. Kirche v. Schleswig
Holstein, Jahrg. 1892, S. 27. Einen Abdruck gibt die Deutsche Zeitschrift
für Kirchenr., hrsgeg. von Friedberg u. Sehling II S. 464 ff. Vgl.
dazu Ohalybäus, Samml. der Vorschriften u. Entscheidung. betr. das
Schleswig-Holst. Kirchenr. II S. 115-118.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 79

und ermöglicht durch das zwei Jahre zuvor ergangene Kirchen


gesetz vom 3. Mai 1890 anlangend die Verhältnisse der Geist
lichen in den unter der Herrschaft des dänischen Kirchenrechts
stehenden Gemeinden 1).
In der Landeskirche der älteren (9) preussischen Provinzen
hat es nach Einführung der synodal-konsistorialen Kirchen
verfassung verhältnismässig recht lange gedauert, bis die all
gemeine Kirchengesetzgebung sich mit der Gnadenzeit befasste.

1) Dieses K.G. vom 3. Mai 1890 hob die Bestimmungen des däni
schen Kirchenrechts über das sog. Gnadenjahr auf und setzte für die
Witwe der in den bezeichneten nordschleswigschen Gemeinden angestellt
gewesenen Geistlichen die Gnadenzeit auf ein halbes Jahr fest, die von
dem Todestage der letzteren an gerechnet werden sollte (ä 3). (Chaly
bäus a. a. O. II S. 109 ff.) Das somit abgeschaffte Gnadenjahr war durch
aus eigentümlich gestaltet. Nach dänischem Kirchenrecht muss jeder
Geistliche, welcher für ein Pfarramt ernannt wird, die Einnahmen des
ersten Amtsjahrs mit seinem Vorgänger bezw. dessen Erben teilen, hat
aber ebenso den Anspruch, dass auch sein Nachfolger die Einnahmen
seines ersten Amtsjahrs mit ihm oder, wenn er im Amte verstirbt, mit
seinen Erben teilt. Während des Gnadenjahrs bleibt die Familie
des abgegangenen oder verstorbenen Geistlichen in der bisherigen
Dienstwohnung, ist aber verpflichtet, den Nachfolger während dieser
Zeit in die Wohnung aufzunehmen und ihm da freie Station zu ge
währen (Chalybäus a. a. O. I S. 109). — Sieht man davon ab, dass
es auch dem unter Lebenden von der Pfarre scheidenden Geistlichen
zusteht, und daher selbst einem durch richterliches Urteil des Amts
entsetzten Geistlichen belassen bleibt, so kommt dieses dänische
Gnadenjahr mit dem Gnadenjahr der katholischen Dom- und Kollegiat
stifte überein, nicht zwar in der ursprünglichen Gestalt einer den Mit
gliedern für sich und ihre Erben gewährten reinen Gnadensache, wohl
aber in der späteren, den Vorschriften des kanonischen Rechts ange
passten Bedeutung einer Vergütung für früher erlittene Karenz. Die
nordschleswigschen Gemeinden, in welchen jenes dänische Gnadenjahr vor
Emanation des Kirchengesetzes vom 3. Mai 1890 bestand, waren, so viel
mir bekannt, die einzigen innerhalb der Grenzen des heutigen deutschen
Reichs, in welchen das Gnadenjahr mit Anwendung auf evangelische
Pfarrstellen bis in die neueste Zeit hinein ein annus heredum blieb und
zugleich eine Vergütung darstellte für eine nach dem Amtsantritt vom
neuen Prediger erduldete Karenz.
80 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Man begnügte sich einstweilen damit, in einer Provinz, näm


lich im Grossherzogtum Posen, ein hierauf gerichtetes Provinzial
kirchengesetz zu stande zu bringen. Dieses am 15. November
1878 publizierte Kirchengesetz führte in Gegenden, wo bisher
ein solches nicht stattgehabt hatte, die Gnadenzeit ein und
setzte diese dort und in anderen Teilen der Provinz, in deren
Gemeinden eine solche schon bestand, auf sechs Monate, vom
Ablauf des, den Vorschriften des A.L.R. entsprechenden Sterbe
quartals an gerechnet, fest, unter Abschaffung sämtlicher ab
weichenden, in Statuten, Observanzen, oder sonstigen lokalen
Ordnungen beruhenden Bestimmungen1).
Zu einer einheitlichen Gestaltung der Gnadenzeit kam es
in der Landeskirche der älteren (9) preussischen Provinzen
erst in den Jahren 1892—1893. Am 18. Juli 1892 wurde
das mit der Generalsynode vereinbarte Kirchengesetz, betreffend
die Sterbe- und Gnadenzeit bei Pfarrstellen, verkündet 2).
Eine vom 8. März 1893 datierte königliche Verordnung 3)
setzte dieses Kirchengesetz für den ganzen Umfang der Landes
kirche der älteren Provinzen in Kraft, nachdem inzwischen
seine Annahme durch die Provinzialsynoden von Rheinland und
Westfalen erfolgt war, von deren Zustimmung es selbst (ä 8)
seine Einführung in diesen beiden Provinzen abhängig gemacht
hatte. Zugleich aber sprach das Staatsgesetz vom 8. März
1893 (Art. I) 4) die Aufhebung aller bisher in Geltung ge
wesenen, die Sterbe- und Gnadenzeit betreffenden Vorschriften
aus, mochten sie in allgemeinen Landesgesetzen, in Provinzial
oder Ortsrechten enthalten, oder durch Observanz oder Gewohn
heit begründet sein.
Durch diese Gesetze ist die Gnadenzeit, welche bis dahin

’) Siehe Kirchl. Ges.- u. V.-Bl. der L.K. der 9 ält. preuss. Prov. von
1878 S. 170, auch abgedruckt in K0 chs Kommentar zur A.L.K. (8. Aufl.)
IV S. 591-592, Note 54.
2) Kirchl. Ges.- u. V.-Bl. 1893 S. 1.
3) Kirchl. Ges.- u. V.-Bl. 1893 S. 4.
‘) Preuss. G. Samml. 1893 S. 21.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 81

nur in Landesteilen bezw. an einzelnen Orten stattfand, wo


sie in Provinzialgesetzen oder Gewohnheitsrechten fusste, zu
einer gemeingültigen Einrichtung der evangelischen Landes
kirche der älteren (9) preussischen Provinzen erweitert und
erhoben worden.
Nach dem Jahre 1893 stand eine Neuregelung der
Gnadenzeit im Wege der Kirchengesetzgebung noch in einigen
Landeskirchen der neuen Provinzen Preussens aus. Sie ist
seitdem erfolgt, aber nicht überall vollständig durchgeführt,
so dass neben dem neugeschaffenen Recht in gewissen Fällen
noch die Vorschriften des älteren Rechts ihre Geltung behalten.
Denn nur die unter dem Konsistorium Frankfurt a. M. ver
einigten evangelischen Kirchengemeinschaften haben ein die
Sterbe- und Gnadenzeit besonders betreffendes Kirchengesetz
erhalten. Wie das Kirchengesetz der Landeskirche der älteren
Provinzen vom 18. Juli 1892, dem es seinen Inhalt, die Ver
kürzung der Gnadenzeit ausgenommen, entlehnt, will dieses
am 3. März 1902 verkündete Kirchengesetz erschöpfende Vor
schriften geben 1).
Anders verhält es sich mit den für die reformierte
Landeskirche Hannovers am 2. Juli 1898 2) und für die
lutherische. reformierte und unierte Kirchengemeinschaft der
Konsistorialbezirke Wiesbaden und Kassel am 2. Juli 1898

1) Vgl. hierzu noch das für dieselben Kirchengemeinschaften erlassene


K.G. vom 24. März 1902 betr. das Diensteinkommen der Geistlichen,
bestätigt durch Staatsgesetz vom 24. März 1902 (Friedberg a. a. O.
IV, Ergänzungsbd. S. 744. 746 fil), durch dessen ä 21 in Ansehung der
Pfarrstellen, auf welche die Vorschriften wegen des Diensteinkommens
der Pfarrer Anwendung finden, die im K.G. vom 3. März 1903 wegen
der Sterb- und Gnadenzeit getroffenen Bestimmungen ergänzt bezw. be
richtigt werden.
11) Siehe das Kirchengesetz vom 2. Juli 1898 betr. das Dienstein
kommen der Geistlichen der ev. reformierten Kirche der Provinz Han
nover ä 23 (E. Giese, Die Kirchengesetze der ev. reformierten Kirche
der Provinz Hannover S. 148).
v. Brünneck, Gnadenzeit. 6
82 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

erlassenen Kirchengesetze 1). Sie haben zu ihrem eigentlichen


Gegenstande das Diensteinkommen der Geistlichen. Die
Gnadenzeit ziehen sie nicht als solche, sondern nur so weit in
den Bereich einer neuen gesetzlichen Regelung, als es sich
um Pfarrstellen handelt, welche den wegen des Dienstein
kommens der Geistlichen getroffenen neuen Bestimmungen
unterliegen.
Unter den Landeskirchen ausserhalb Preussens steht die
Landeskirche des Herzogtums Oldenburg 2) als diejenige
voran, in welcher es zuerst zu einer neuen kirchengesetzlichen
Regelung der Gnadenzeit gekommen ist. Das bezügliche
Kirchengesetz erging am 2. Januar 1865 3).
Es bezweckt die Herstellung eines gleichförmigen Rechts
zustandes in der Altoldenburger Kirche. Seine Vorschriften,
die als vollständige gedacht und beabsichtigt sind, sollen an
die Stelle des älteren Rechts treten. Dieses wird ausdrücklich
für aufgehoben erklärt.
Einen anderen Zweck hat das von den in evangelicis
beauftragten Staatsministern mit Zustimmung der Landes
synode beschlossene und verordnete Kirchengesetz der lutheri
schen Landeskirche des Königreichs Sachsen vom 31. Mai
1898 4). Es will ausgesprochenermassen nur die Dauer des
1) Siehe das Kirchengesetz vom 2. Juli 1898 betr. das Dienstein
kommen der Geistlichen des Konsistorialbezirks Wiesbaden ä 24 (Ges.
u. Verordn.-Bl. für die ev. Kirchengemeinschaft. des Konsistorialbezirks
Wiesbaden Amtl. Ausg. 1903, S. 246); Kirchenges. betr. das Dienstein
kommen der Geistlichen der ev. Kirchengemeinschaft. des Konsistorial
bezirks Kassel ää 24-25 (Kirchl. Amtsbl. Ges.- u. Verordnungsbl. für
den Amtsbez. des Kgl. Kons. zu Kassel 1898, S. 45).
’) Innerhalb des Oldenburger Staatsgebiets gibt es drei ev. Landes
kirchen: die des Herzogtums Oldenburg (Altoldenburg), die des Fürsten
tums Lübeck und die des Fürstentums Birkenfeld (Friedberg, Evange
lisches Verfassungsrecht S. 7).
3) Siehe Zeitschrift für Kirchenrecht (hrsg. von Frie db erg) V
S. 367.
4) Siehe F ri e d b e r g, Die geltenden Verfassungsges. der ev. deutsch.
Landeskirche IV, Ergänzungsbd, S. 793-794.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 83

Gnadengenusses abkürzen. Im übrigen lässt es die Vorschriften


des älteren Rechts, von einer einzigen unbedeutenden Aende
rung abgesehen, unberührt.
Hinwiederum von grösserer Tragweite sind die Vor
schriften eines neuerdings im Herzogtum Sachsen-Koburg er
gangenen Gesetzes. Ein Kirchengesetz ist das freilich nicht.
Da die sachsen-koburgische Kirche zur Zeit noch der Auto
nomie ermangelt, konnte die Gnadenzeit dort nicht anders
denn durch ein Staatsgesetz neu geordnet werden. Das ist
geschehen durch das Gesetz vom 2. März 19031), betreffend
die den Witwen und Waisen der evangelischen Geistlichen zu
erweisende Fürsorge. Seine ää 1—4 sind der Gnadenzeit
insonderheit gewidmet. Die darin enthaltenen Vorschriften
dürfen hier nicht unberücksichtigt bleiben, weil sie sachlich
mit den neuen Kirchengesetzen und zwar namentlich mit den
jenigen unter ihnen übereinkommen, welche sich nicht darauf
beschränken, nur die Dauer der Gnadenzeit neu zu bestimmen
und zu begrenzen. ‘
Im festgehaltenen Zusammenhange mit dem älteren Recht
und dessen dogmengeschichtlicher Entwicklung gewähren die
neuen Kirchengesetze den Angehörigen der verstorbenen
evangelischen Pfarrer die Wohltat der Gnadenzeit.
Welcher juristische Gedanke liegt dem Verhältnis zu
Grunde, in welchem die so zum zeitweiligen Genuss der Ein
künfte erledigter Pfarrstellen Berechtigten ihrer Kirche gegen
über stehen?
Man darf, will man nicht auf jede Konstruktion verzichten
und sich mit der Annahme begnügen, es handle sich lediglich
um einen Akt der Billigkeit, wenn den Angehörigen des ver
storbenen Geistlichen ein gesetzlich gesicherter Anspruch auf
zeitweiligen Fortgenuss der von ihm bezogenen Pfarreinkünfte
zugestanden wird, nicht die so Begünstigten für sich allein
ins Auge fassen. Im Anhalt an die dogmengeschichtliche

1) Siehe Friedberg a. a. O. IV, Ergänzungsbd. S. 940 ü‘.


84 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Entwicklung ist vielmehr von der Person des verstorbenen


Pfarrers auszugehen. So wenig wie der Staatsbeamte tritt
der, welcher sich dem Dienste der Kirche als Prediger und
Pfarrer widmet, in ein vertragsmässiges Verhältnis ein. Wer
sich um ein geistliches Amt bewirbt und ein solches verleihen
lässt, stellt seine ganze physische und geistige Kraft der
Kirche zur Verfügung.
Demzufolge vollzieht sich mit der Verleihung des Pfarramts
durch das Kirchenregiment bezw. durch den Patron einerseits
und mit dessen Annahme durch den zum Prediger Berufenen
und Bestellten andererseits ein öffentlich rechtlicher und zwar
kirchenrechtlicher Vorgang. Das hindert jedoch nicht, dass
sich daran Rechtsfolgen knüpfen, welche in das bürgerliche
Recht hinübergreifen und vermögensrechtliche Wirkungen
hervorrufen. Allerdings ist das Pfarrgut, dessen Nutzniessung
dem Pfarrer zur Pfründe und als Gegenleistung für seine der
Kirche geleisteten Dienste überlassen wird, selbst ‘nur ein Zu
behör des Kirchenamts und darum keineswegs ein nur in den
Bereich des Privatrechts fallender Gegenstand. Wohl aber
sind die einzelnen im Pfründenrecht sich gründenden und
daraus hergeleiteten Befugnisse von privatrechtlicher Art und
Bedeutung.
Das gilt nun auch von den in die Gnadenzeit fallenden
Einkünften der durch den Tod ihrer Inhaber erledigten Pfarr
stellen. In ihrem Genuss setzt sich das Nutzungsrecht fort 1),
welches der Pfarrer erlangt und erwirbt, wenn und nachdem
er auf Grund der Verleihung in das geistliche Amt und in
den Besitz des zugehörigen Einkommens eingeführt und ein
gewiesen ist. Er ist es, welchem nicht zwar unbedingt, wohl
aber für den Fall und unter der Voraussetzung, dass er bis
zu seinem Tode im Amte bleibt und weder freiwillig aus
diesem scheidet, noch etwa ohne und wider seinen Willen im

1) Vgl. K.G. vom 18. Juli 1892, fil betr. die Sterbe- und Gnaden
zeit in der ev. Landeskirche der älteren (9) preuss. Provinzen.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 85

Wege des Disziplinarverfahrens daraus entfernt wird, die


Wohltat der Gnadenzeit als ein mit dem Amte verbundenes
Vorrecht zugesichert und bewilligt wird 1).
Nicht aber vermag, wie die Verordnung vom 3. Juli
1843 2) es den katholischen Kuratgeistlichen möglich macht,
der evangelische Prediger das mit der ihm bewilligten Ver
günstigung verbundene Recht für sich selbst und seine Erben
zu erwerben. Es konkurrieren auch nicht, wie bei der römi
schen militia 3), zwei voneinander unabhängige Berechtigungen

1) Vgl. Kursächs. K.O. 1580 zu VI, wo unter den Immunitäten und


Freiheiten der Kirchendiener das den Witwen und Kindern der Pastoren
bewilligte halbe Gnadenjahr mit inbegriffen wird. Siehe auch Sachsen
Koburg. K.O. 1626 II C. c. 2: „Von immunitatibus und freyheiten der
Kirchen-Diener. “
Von neueren R-Quellen vgl. K.G. vom 18. Juli 1892 betr. die Sterbe
und Gnadenzeit, ä 7. Danach gilt die den Hinterbliebenen eines ver
storbenen Pfarrers bewilligte Gnadenzeit als eine bereits von der An
stellung des letzteren an rechtlich begründete Anwartschaft; daher finden
bei eintretender Aenderung der Gesetzgebung und dadurch angeordneter
Verkürzung der Gnadenzeit die neuen gesetzlichen Vorschriften auf die
Hinterbliebenen der vor Emanation des neuen Gesetzes fest angestellten
Pfarrer keine Anwendung, und diese behalten den Anspruch auf die
längere Gnadenzeit des älteren Rechts selbst dann, wenn der verstor
bene Geistliche etwa erst geheiratet hat, nachdem das neue Gesetz in
Kraft getreten war. Eine Ausnahme soll nach demselben ä 7 des zit.
K.G. nur dann Platz greifen, wenn mit dem Stelleninhaber oder mit
dessen Amtsnachfolger etwas anderes vereinbart wurde. Im letzteren
Falle aber wird man voraussetzen müssen, dass die Hinterbliebenen ihrer
seits der getroffenen Vereinbarung beitreten und sich mit dem Amts
nachfolger wegen der Dauer ihrer Gnadenzeit einigen.
2) Siehe oben S. 31.
3) Man muss sich bei Erwägung des Inhalts der Nov. 53 c. 5, ä 1
gegenwärtig halten, dass Kaiser Justinian, wenn er den Kindern und der
Ehefrau des verstorbenen Beamten an der vor diesem innegehabten öffent
lichen Dienststelle ein eigenes, von deren Erbrecht in seinen Nachlass unab
hängiges Recht gibt, das ihnen deren Veräusserung und Verwertung mög
lich macht, er andererseits doch für den Fall, dass bei des ersteren Tode keine
Kinder noch auch eine Ehefrau vorhanden sind, demjenigen, der seiner Zeit
dem einen oder dem andern Beamten das Geld zum Ankauf der militia.
86 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

miteinander, von denen die eine der verstorbene Amtsinhaber


sich selbst erwirbt, und über die er zu verfügen im stande
ist, während die andere seine Witwe und seine Kinder
einem ihnen unmittelbar erteilten Privileg zu verdanken
haben.
Der Erwerb, der auf Grund der den evangelischen
Pfarrern gemachten Bewilligung vor sich geht, ist anders auf
zufassen. Er geschieht, obschon zunächst nur bedingungsweise,
zum Vorteile Dritter. Der Pfarrer erwirbt mit dem geistlichen
Amt die daran geknüpfte Vergünstigung als ein beneficium
in favorem tertii. Nimmt dieses den Ausgang von seiner
Person, und verdanken die ihm nachbleibende Witwe und
Kinder seinem Handeln und Verhalten, dass die bedingt ge
währte Vergünstigung mit Eintritt seines Todes im Amt zu
einer unbedingten und unwiderruflichen und nicht durch frei
williges Ausscheiden aus dem Amt oder durch Amtsenthebung
und Amtsentsetzung hinfällig wird, so stellt sich dieselbe
Wohltat ihrer Wirksamkeit nach dar als ein der Witwe und
den Kindern gebührendes eigenes Recht 1).

darlieh, ein Pfandrecht daran zuschreibt. Ja er gestattet sogar dann,


wenn ein solches Pfandrecht nicht in Frage steht, andern, sei es Pfand
gläubigern, sei es chirographarischen Gläubigern der Beamten, die militia
zum Zweck der Befriedigung ihrer Forderungen zu veräussern („si —
nullus eis neque filius neque uxor fuerit neque creditor, qui ad ipsam
militiam mutuavit tunc et aliis creditoribus praebemus haec“ —). Damit
aber ist anerkannt, dass die Beamten selbst ein Recht an den von ihnen
käuflich erworbenen Dienststellen hatten und vermöge dieser in den Stand
gesetzt waren, darüber zu verfügen.
1) Diese sozusagen doppelte Eigenschaft der Gnadenzeit als ein
mit dem Pfarramt und dessen Inhaber zusammenhängendes, andererseits
aber zum Vorteil für die hinterbleibenden Witwen und Kinder dieneudes
und für diese wirksam werdendes Recht, ist anscheinend schon frühzeitig
mehr oder weniger klar erfasst und erkannt worden. Man sehe die
Konfirmationsurkunde des Konsistoriums Cöln a. d. Spree vom 12. April
1643 (S. Stryk, De anno grat. p. 12——14) bei den Worten: „aus chur
fürstlicher christlicher Affection — dem Herrn Inspectori, desselben
D i a c o nis und zubehörigen P f a rrh e rr n des Franckfurtischen Weichbildes,
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 87

Der selbständigen Stellung, welche sie als Inhaber des


ihrem Ehemann oder Vater verliehenen, aber zu ihrem Vor
teil bestimmten Rechts einnehmen, geben mehrere der neuen
Kirchengesetze dadurch Ausdruck, dass sie die Angehörigen
des verstorbenen evangelischen Pfarrers schlechthin seine
Hinterbliebenen nennen. Diese Bezeichnung ist gerade
zu eine technische geworden.
Es wird damit in kurzer und prägnanter Weise der Unter
schied der Gnadenzeitberechtigten von den Erben des Ver
storbenen kenntlich gemacht und angezeigt, dass für erstere
der Genuss der Wohltat unabhängig ist von dem Umstand,
ob sie dessen Erbschaft annehmen oder ausschlagen.
Dahingegen ist, abgesehen davon, dass er mit dem Begriff
der Erben nicht zusammenfällt, der Begriff der Hinterbliebenen,
soweit es sich um die Teilnahme am Genuss der Gnadenzeit
handelt, selbst gegenwärtig noch nicht allgemein gesetzlich
festgestellt, noch gleichmässig bestimmt und abgegrenzt.
Am engsten beschränkt den Begriff unter Festhalten an
den Vorschriften des älteren Rechts 1) das Kirchengesetz der
schleswig-holsteinischen lutherischen Landeskirche vom 21. März
1892. Als berechtigt zum Genuss der Gnadenzeit gilt da
einzig und allein die Witwe des als Inhaber einer Pfarrstelle
verstorbenen Geistlichen (fiä 1, 8) 2).
Eine Beschränkung der Gnadenzeit auf die Witwe kennen

zuförderst aber derselben hinterlassenen Wittwen und Kindern


ein gantzes Jahr zum gnaden Jahr - gnädigst verwilliget“.
Siehe auch schon Schlesw.-Holstein. K.O. 1542 an der oben S. 41, Note 2
angeführten Stelle.
1) Siehe oben S. 43. 44.
2) Vgl. dazu K.G. vom 3. Mai 1890, ä 3 (Chalybäus, Samml. d.
Vorschr. u. Entsch. betr. das schleswig-holstein. Kirchenr. II S. 109).
Wenn das schleswig-holstein. K.G. 66 gestattet, dass unversorgten, ehe
leiblichen Stief- und Adoptivkindern eines im Amt verstorbenen Geist
lichen, falls die Mutter vor dem Vater mit Tode abgegangen ist,
oder während des auf dessen Tod folgenden Jahres stirbt, vom Konsi
storium unter beschliessender Mitwirkung des Gesamtsynodalausschusses
88 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

auch das oldenburgische Kirchengesetz vom 2. Januar 1865


(Art. I, Q 1) und das koburgische Staatsgesetz vom 2. März
1900 (Q 1). Doch legen sie den bezüglichen Vorschriften
nicht absolute, sondern nur relative Bedeutung bei. Sie
sollen nur Platz greifen, wenn ein Geistlicher bei seinem
Tode eine Witwe und neben dieser Kinder hinterlässt. Die
letzteren bleiben so zwar neben der Mutter oder Stiefmutter
von der Teilnahme an der Wohltat ausgeschlossen 1), nicht
aber, wenn sie beim Tode des Geistlichen allein vorhanden
sind. Da gelten sie, weil es an einer in erster Reihe bezugs
berechtigten Witwe fehlt, ihrerseits als zum Genuss der Wohl
tat berechtigt2).
In der Ausdehnung der Wohltat der Gnadenzeit stehen
andererseits voran: das Kirchengesetz der Landeskirche der
älteren (9) preussischen Provinzen vom 18. Juli 1892 und das
Kirchengesetz der zum Konsistorialbezirk Frankfurt a. M.
vereinigten Kirchengemeinschaften vom 3. März 1902. Als
Hinterbliebene im Sinne dieser Gesetze sind bezugsberechtigt
die Witwe sowie die ehelichen Nachkommen, Stiefkinder und
an Kindes Statt angenommenen Kinder des verstorbenen
Geistlichen 3).
aus einem besonderen Fonds Unterstützung gereicht werden kann, so
steht diese Bestimmung mit der Gnadenzeit und dem Recht auf den
Genuss dieser Wohltat in keiner rechtlichen Verbindung.
1) Eine Ausnahme zu Gunsten der neben der Witwe vorhandenen
Kinder bezw. anderer Nachkommen macht das Koburger Staatsgesetz
für den Fall, wenn beide, Witwe und Kinder, nicht zusammen, sondern
getrennt voneinander leben. Anders verhält es sich mit der in ä 3
dieses Gesetzes enthaltenen Bestimmung, derzufolge wenn ein Geist
licher weder eine Witwe noch eheliche Nachkommen hinterlässt, die in
die Gnadenzeit fallenden Dienstbezüge seinen Eltern, Geschwistern, Ge
schwisterkindern oder Pflegeeltern,‘ deren Ernährer der Verstorbene war,
auf die Zeit von 3 Monaten nach dem Sterbetage vom Kirchenregiment
gewährt werden können. Sie hat keine privatrechtliche, sondern ledig
lich eine öffentlich-rechtliche Bedeutung (vgl. oben S. 87, Note 2).
2) Oldenb. K.G. Art. I, ä 2. Koburg. St.G. ä 2.
3) K.G. vom 18. Juli 1892, ä2. K.G. vom 2. März 1902, Q2.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 89

Damit ist jedoch noch nicht ausgemacht, dass nun jeder


dieser Hinterbliebenen im einzelnen Falle auch berechtigt ist,
Anspruch auf den Genuss der Gnadenzeit zu erheben. Die
Teilnahme an der Wohltat wird nämlich für die sonst bezugs
berechtigten Hinterbliebenen in beiden Gesetzen an Bedingungen
geknüpft, die sich in anderen neuen Kirchengesetzen nicht
aufgestellt finden 1).
Sowohl die Witwe wie die ehelichen Nachkommen, Stief
kinder und an Kindes Statt angenommenen Kinder sollen näm
lich bloss dann als bezugsberechtigt gelten, wenn sie von dem
verstorbenen Geistlichen nicht rechtmässig enterbt sind. Und
dieser Bedingung tritt, was die Nachkommen und Adoptiv
kinder anlangt, noch die weitere Bedingung hinzu, dass diese
von dem Geistlichen, solange er lebt, Unterhalt zu bean
spruchen gehabt haben, und demnach, wäre er nicht verstorben,
‚noch während der Sterbe- und Gnadenzeit ihm gegenüber
unterhaltsberechtigt sein würden 2).
Unbestimmt lässt den Begrifl der Hinterbliebenen das
Kirchengesetz der hannoverschen lutherischen Landeskirche
vom 16. Juli 1873 (ä 1). Ebenso geschieht das in dem
Kirchengesetz der reformierten Landeskirche Hannovers

Wenn diese K.G. (ä 2 Abs. 2) das Konsistorium für befugt erklären, in


Fällen, wo bezugsberechtigte Hinterbliebene nicht vorhanden sind, den
Eltern, Geschwistern und Geschwisterkindern des verstorbenen Geistlichen,
welche wegen Mangels eigenen Unterhalts von ihm den Unterhalt emp
fangen haben, unter besonderen Umständen die Gnadenzeit auf ein Viertel
jahr zu gewähren, so fällt diese Bestimmung aus dem Rahmen der auf
die Gnadenzeit als Rechtsinstitut gerichteten Vorschriften heraus. Es
handelt sich dabei lediglich um eine der bezeichneten Kirchenbehörde er
teilte Anweisung und Ermächtigung, die sich auf dem Boden des öffent
lichen Rechts bewegt, ohne dass den genannten Familienmitgliedern ein
privatrechtlicher Anspruch beigelegt würde.
1) Vgl. die im Text angeführten K.G. Q2, z. B. mit dem schleswig
holstein. K.G. vom 21. ltlärz 1892, Q 1; Oldenb. K.G. vom 2. Jan. 1865
Art. I, l—2.
2) K.G. vom 18. Juli 1892, 5 2; K.G. vom 2. März 1902, ä 2.
90 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

vom 2. Juli 1898 (ä 23) wegen des Diensteinkommens der


Geistlichen und in den auf denselben Gegenstand gerichteten
Kirchengesetzen der unter dem Konsistorium Kassel vereinigten
Kirchengemeinschaften vom 2. Juli 1898 (Q 24). Man muss
daher im Geltungsbereiche dieser Kirchengesetze auf das
frühere Gesetzes- bezw. Gewohnheitsrecht zurückgreifen, um
zu ermitteln und festzustellen, welche Mitglieder der Familie
des verstorbenen Geistlichen der Wohltat der Gnadenzeit teil
haftig werden und welche nicht. Nur darf man dabei freilich
nicht die Aenderungen übersehen, welche jenes ältere Recht
durch das inzwischen eingeführte Deutsche B.G.B. erfahren
hat 1).
Ob mit den Pfarrstellen ein Einkommen von weniger
denn 4800 Mark verbunden ist, und diese darum den Kirchen
gesetzen, welche das Diensteinkommen der Geistlichen neu
ordnen, unterliegen, oder ob das, weil es sich um eine höher
dotierte Pfarrstelle handelt, nicht zutrifft 2), macht nichts aus.
Das ältere Recht behält, wenn man die Aenderungen aus
nimmt, welche das B. G.B. daran vorgenommen hat, für beide
Gruppen von Pfarrstellen in Ansehung des zum Genuss der
Gnadenzeit berechtigten Hinterbliebenen seine Geltung.
Anders wiederum verhält es sich mit der Gnadenzeit in
den zum Konsistorialbezirk Wiesbaden vereinigten Kirchen
gemeinschaften. Da finden die Vorschriften des früheren

1) Vgl. Q 1626 B.G.B. beispielsweise mit Q 839 II, 11 A.L.R. Mit


der im Text bezeichneten Einschränkung behalten in Ostfriesland und
der Grafschaft Lingen die Vorschriften des preuss. A.L.R. ihre subsi
diäre Bedeutung. Innerhalb der Herzogtümer Bremen und Verden aber
sind die Vorschriften der Verordn. vom 13. Mai 1831, 1-2, soweit
sie mit dem Inhalt des B.G.B. im Einklang stehen, die heute noch allein
massgebenden.
2) Vgl. K.G. betr. das Diensteinkommen der Geistlichen im Amts
bezirk des Kons. Kassel vom 2. Juli 1898, fifi 1. 24; K.G. betr. das
Diensteinkommen der Geistlichen der evangz-luth. Kirche Hannovers vom
2. Juli 1898, 5% 1. 27; K.G. betr. der Diensteinkommen der reformierten
Kirche Hannovers vom 2. Juli 1898, ää 1. 23.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 91

Gesetzes- oder Gewohnheitsrechts nur allein noch Anwendung


auf die Gnadenzeit in Fällen, wo Pfarrstellen mit einem Ein
kommen von 4800 Mark oder mehr in Frage kommen. Denn
diese unterliegen nicht den Vorschriften des Kirchengesetzes
vom 2. Juli 1898 wegen des Diensteinkommens der Geist
lichen (ää 1:24). Dahingegen hat eben dieses Kirchengesetz
(ä 24 Abs. 4) bezüglich derjenigen Pfarrer, welche ein
niedrigeres Einkommen beziehen und demzufolge den Vor
schriften des Gesetzes unterliegen, die Zahl und Eigenschaft
ihrer gnadenzeitberechtigten Hinterbliebenen im Anschluss an
die Vorschriften des Kirchengesetzes betreffend die Sterbe
und Gnadenzeit in den älteren (9) preussischen Provinzen vom
18. Juli 1892 genau angegeben und bestimmt.
Wie manche ältere Rechtsquellen lässt das Oldenburger
Kirchengesetz vom 2. Januar 1865 (Art. I ää 1—2) es frag
lich erscheinen, ob unter den Kindern, die es, wenn der Geist
liche bei seinem Tode keine Witwe hinterlässt, zum Genuss
der Gnadenzeit verstattet, wie der Wortlaut zu verlangen
scheint, nur die unmittelbaren ehelichen Abkömmlinge zu ver
stehen sind oder auch die Enkel oder überhaupt die Ab
kömmlinge.
Ich trage keine Bedenken im Anschluss an die Meinung
von Carpzov und Samuel Stryk 1), den Ausdruck Kinder im
weiteren Sinne zu verstehen, und darunter die Enkel und anderen
Abkömmlinge einbegriffen zu denken. Es lässt sich dagegen
nicht einwenden, die Rechtsregel, wonach der Ausdruck Kin
der die Enkel mit einschliesse, beziehe sich nur auf Testa
mente 2). Die 1.220 D. de verb. signif. (50, 16), auf welche
diese Behauptung wohl gestützt wird, sagt das keineswegs.
Sie zieht ebensowohl die Möglichkeit in Betracht, dass der
Gesetzgeber, sofern es ihm nicht notwendig erscheint, durch

1) Oarpzov, Jurispr. consist. I Def. 210; Stryk, De anno grat.


p. 47
.2) Dieser Ansicht ist Büf f, Kurhess. Kirchenr. S. 878, Note 2.
Q2 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

namentliche Anführung der Blutsverwandten eines bestimmten


Grades seine Verordnung auf diese allein zu beschränken,
allen Abkömmlingen ein und desselben Elternpaares, unter dem
Namen der Kinder (liberi) zusammengefasst, Rechte hat zu
schreiben und beilegen wolle. Selbst angenommen aber, der römi
sche Jurist Callistratus habe mit dem in l. 220 D. l. c. Gesagten
nur eine Anweisung für die Auslegung von Testamenten geben
wollen, ist nicht abzusehen, warum gesetzliche Vorschriften,
wenn sich nicht in ihrer Fassung irgend ein Anhalt hierfür
darbietet, ein Festhalten am Worte notwendig machen und uns
zwingen, den Ausdruck Kinder in dem engeren Sinne der un
mittelbaren Abkömmlinge zu verstehen. Man kann sich des
halb auf l. 56 ä 1 D. de verb. sig. (50, 16) 1) berufen. Da ge
braucht Ulpian das Wort Kinder in Wendungen, die ohne
im Zusammenhang mit testamentarischen Verfügungen zu
stehen, nicht füglich erlauben, an unmittelbare Abkömmlinge
desselben Elternpaares und nur an solche allein zu denken.
Hinwiederum würde es verkehrt sein, das Wort Kinder,
wo es, wie im Oldenburger Kirchengesetz, ohne nähere Definition
gebraucht wird, ausser auf eheleibliche Kinder in dem eben
bezeichneten weiteren Sinne auf die an Kindes Statt ange
nommenen Kinder mit zu erstrecken. Es hiesse das der
Kirche und Pfarre eine Last von weiterem Umfange aufer
legen, als die Gnadenzeit im natürlichen Verlaufe der Dinge
mit sich bringt 2). Zielte die Absicht des Gesetzgebers hierauf,
so würde er dem irgendwie Ausdruck gegeben haben. Wo
das Gesetz, wie das der Altoldenburger Kirche, die Kin
der überhaupt, nicht bloss die unversorgten Kinder zur Teil
nahme am Genuss der Gnadenzeit beruft, kann davon vollends
keine Rede sein. Es entfiele da der einzige Grund, den man

1) „Liberorum“ appellatione continentur non tantam qui sunt in


potestate, sed omnes qui sui juris sunt, sive virilis sive ferninini sexus
sunt, exve feminini sexus descendentes. Siehe auch ä 851 II, 11 A.L.R.
vgl. mit ß 839. 840 das.
2) Siehe oben S. 72, Note 2.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. Q3

für die Aufnahme der Adoptivkinder unter die Gnadenzeit


berechtigten, anführen könnte: der Umstand nämlich, dass diese
bis zum Tode des verstorbenen Pfarrers von ihm ihren Unter
halt empfingen.
Um mit der Feststellung der Zahl und der Eigenschaften
der als genussberechtigt geltenden Hinterbliebenen abzu
schliessen, ist jetzt noch mit einigen Worten auf die aus dem
preussischen A.L.R. II, 11 ß 847 in die hannoversche Ver
ordnung vom 13.Mai 1831 betreffend das Gnadenjahr in den
Herzogtümern Bremen und Verden 1) und hierauf später in
einige der neueren Kirchengesetze 2) übernommene Bestimmung
einzugehen, derzufolge vom Genuss der Gnadenzeit ausge
schlossen bleiben Hinterbliebene, welche von dem verstorbenen
Geistlichen rechtmässig enterbt sind. Für rechtmässig enterbt
wird man solche Hinterbliebene zu erachten haben, denen der
verstorbene Geistliche (Ehemann, Vater u. s. w.) den Pflicht
teil durch letztwillige Verfügung befugtermassen gänzlich ent
zogen hat, ohne dass diese Entziehung bis zur Zeit des einge
tretenen Erbfalls später etwa wieder wirkungslos geworden ist 3).
Von ihnen, aber eben nur von ihnen, lässt sich sagen,
dass sie sich der Wohltat der Gnadenzeit unwürdig gemacht
haben 4). Nicht gilt dasselbe von den Hinterbliebenen ver
storbener Geistlichen, die sich der Verschwendung ergeben
haben oder mit Schulden überlastet sind. Ihre Ausschliessung
von der Gnadenzeit wäre überdies auch schon deshalb unge
rechtfertigt, weil die sogenannte Enterbung in guter Absicht

1) Siehe diese Verordnung ä 1: „Rechtmässig enterbte Deszendenten


bleiben — gänzlich ausgeschlossen.“
2) K.G. für die evangel. Landeskirche der ‘alt. preuss. Prov. ä 2;
K.G. betr. das Diensteinkommen der Geistlichen im Konsistorialbezirk
Wiesbaden 2. Juli 1898, ä 2; K.G. betr. die Sterbe- u. Gnadenzeit im
Konsistorialbezirk Wiesbaden 3. März 1902, Q 2.
3) Siehe ää 2333. 2335. 2336 Abs. 4 B.G.B. vgl. mit ää 1565 bis
1568 das.
4) Siehe oben S. 73.
94 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

heute keiner völligen Enterbung mehr gleichkommt, sondern


nur einer Einschränkung des Pflichtteilrechts 1).
So viel über die Bedingungen, die erfüllt sein müssen,
sollen Hinterbliebene verstorbener evangelischer Pfarrer der
Wohltat der Gnadenzeit teilhaftig werden.
Wie aber verteilen sich die Früchte und Einkünfte der
erledigten Pfarrstellen, wenn mehrere bezugsberechtigte Hinter
bliebene vorhanden sind, unter diesen?2)
Das Kirchengesetz vom 18. Juli 1892, betreffend die
Sterbe- und Gnadenzeit in der evangelischen Landeskirche der
älteren preussischen Provinzen, bestimmt in ß 3: „den Hinter
bliebenen steht der Nieszbrauch“ 3) (der erledigten Stellen)
„gemeinschaftlich zu.“ — „Ist eine Witwe vorhanden, so ge

1) ä 2371 B.G.B.
2) Von der Erörterung scheiden nach dem im Text Bemerkten vor
weg diejenigen gesetzlichen Vorschriften aus, denen zufolge die Witwe
immer (Schleswig-Holstein. K.G. vom 21. März 1892, äl) oder doch
neben vorhandenen Kindern oder anderen Abkömmlingen die allein Ge
nussberechtigte ist (Oldenb. K.G. vom 2. Jan. 1865 Art. I, 51; Koburg.
K.G. ä 1. Siehe jedoch wegen der im letzten K.G. gemachten Aus
nahme das oben S. 88, Note 1 Bemerkte.
i1) Die Bezeichnung des Rechts das Pfarrgut zu nutzen als Niess
brauch, ist kein durchaus zutreffender. Nach gemeinem Recht ist das
Nutzungsrecht des Pfarrers am Pfarrgut ein umfassenderes, dem vasalli
tischen Recht des Lehmanns am Lehnsgegenstande entsprechendes oder
doch nahekommendes. F riedberg, Lehrb. des Kirchenr. S. 557-558.
Da das Kirchengesetz vom 18. Juli 1892, äl den gnadenzeitberechtigten
Hinterbliebenen des verstorbenen Pfarrers am Pfarrgut ein Recht von
gleicher Art zuschreibt, wie es dieser bei seinen Lebzeiten hatte, so
wäre es korrekter gewesen, statt des Ausdrucks Niessbrauch eine indiffe
rente Bezeichnung zu gebrauchen und etwa nur von Ausübung des
Nutzungsrechts oder Pfründenrechts zu sprechen. Soll doch dieses K.G.
nicht bloss im Geltungsbereiche des preuss. A.L.R., welches das Recht
des Pfarrers am Pfarrgut als Niessbrauch ansieht und behandelt, ä 778
II, 11, sondern auch in den Landesteilen zur Anwendung kommen, wo
wegen des Pfründenrechts die Vorschriften des gemeinen Rechts nicht
bloss früher massgebend waren, sondern auch nach Einführung des B.G.B.
noch massgebend geblieben sind. E.G. zum B.G.B. Art. 80, Abs. 2.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 95

bührt ihr allein die Erhebung und —— unbeschadet des Rechts


der Beteiligten — die einstweilige Verfügung über die Ver
wendung der Bezüge. -— Ist eine Witwe nicht vorhanden,
oder erhebt dieselbe die Bezüge nicht, so erfolgt die Erhebung
durch einen gemeinsamen Vertreter. Bis die Bestellung eines
solchen seitens der Nächstberechtigten bewirkt ist, kann das
Konsistorium eine einstweilige Vertretung anordnen. In diesem
Falle werden Einwendungen über die Verwendung der Bezüge
durch das Konsistorium entschieden.“
Dieselben Vorschriften finden sich in den Kirchengesetzen
betreffend die Sterbe- und Gnadenzeit im Konsistorialbezirk
Frankfurt a. M. vom 3. März 1902 (ä 3), sowie in dem
Kirchengesetz wegen des Diensteinkommens der evangelischen
Geistlichen im Konsistorialbezirk Wiesbaden vom 2. Juli 1898
(Q 27 Abs. 5).
Hierdurch ist zwischen der Witwe und den bezugsberech
tigten Abkömmlingen des verstorbenen Pfarrers oder, wenn
keine Witwe da ist, zwischen den letzteren allein in Hinsicht
der Nutzung des Pfarrgutes während der Gnadenzeit ein
Rechtsverhältnis hergestellt, welches sich nicht als eine ge
wöhnliche Gemeinschaft (ää 741 ff. B. G.B.), sondern als eine
solche zur gesamten Hand darstellt, auf welche heute die Vor
schriften des B. G.B. über die Gesellschaft ää 719 fl‘. ent
sprechend anzuwenden sind. Damit ist bis zur Erhebung der
Einkünfte, und so lange sich diese noch im Besitze der Witwe,
oder des mit der Erhebung betrauten Vertreters befinden,
eine Entscheidung darüber, welcher Teil der Interkalarfrüchte
der Witwe und welcher den Kindern oder anderen Abkömm
lingen zukommt, hinausgeschoben. Wie aber wird nun nach
bewirkter Erhebung, wenn es sich um ihre Verwendung han
delt, hierüber zu verfügen sein? Die Antwort kann meines
Erachtens nicht anders ausfallen als dahin, dass alle Hinter
bliebenen, die Witwe nicht ausgenommen, gleichviel erhalten
müssen. Ebenso wie die Auslegung der älteren Rechtsquellen
im Zweifel, und wo diese keine entgegenstehende Bestimmung
96 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

enthalten, eine Verteilung der Einkünfte der Gnadenzeit nach


Köpfen verlangt, ist einer solchen auch bei der Auslegung der
neuen Kirchen- und Staatsgesetze stattzugeben 1). Freilich aber
ist hier unter Kopfteil nur der Anteil zu verstehen, der auf die
Witwe oder jedes der noch lebenden Kinder entfällt. Enkel
erhalten, da sie an die Stelle ihres verstorbenen Vaters oder
ihrer verstorbenen Mutter treten, wenn ihrer mehrere des
selben Stammes vorhanden sind, zusammen immer nur eine,
unter ihnen gleichmässig zu verteilende Stammportion, gleich
viel, ob sie mit der Witwe oder mit Kindern des verstorbenen
Pfarrers oder miteinander zusammentreffen 2).
1) Mit eintretender Verfügung über die erhobenen und zur Ver
wendung kommenden Pfarreinkünfte hört an dieser die Gemeinschaft
zur gesamten Hand, wo solche nach den im Text angeführten Kirchen
gesetzen Platz greift, auf. Es steht infolgedessen einer entsprechenden
Anwendung des ä 742 B.G.B. auf die nach diesem K.G. von der Witwe
oder dem bestellten Vertreter bezw. dem Konsistorium über die zu ver
wendenden Einkünfte vorzunehmenden Verfügung ein rechtliches Hinder
nis nicht mehr im Wege. Tritt doch nunmehr an die Stelle der ge
samten Hand die gewöhnliche Gemeinschaft.
Bestimmt übrigens ä 3 des K.G. vom 18. Juli 1892, das Konsi
storium solle in dem Falle, wenn es seinerseits eine einstweilige Ver
tretung anordne, ermächtigt sein, Einwendungen über die Verwendung
der Bezüge zu entscheiden, so ist damit noch nicht gesagt, es habe
diese Entscheidung mit Ausschliessung des Rechtsweges zu geschehen.
Jedesfalls aber darf , wollte man solche Ausschliessung des Rechtsweges
als vom Gesetz beabsichtigt annehmen, die vom Konsistorium über die
Einwendungen zu treffende Entscheidung nicht willkürlich geschehen. Sie
muss vielmehr ebenso, wie die von der Witwe über die von ihr erho
benen Bezüge vorzunehmende einstweilige Verfügung, unbeschadet der
Rechte der Beteiligten getroffen werden.
2) Vgl. Verordn. über das Gnadenjahr in den Herzogt. Bremen
u. Verden vom 13. Mai 1831, ä 3: „Die Witwe und Kinder sollen von
den Aufkünften des Gnadenjahrs einen gleichen Anteil nach Kopfzahl
zu geniessen haben. Die Deszendenten entfernteren Grades erhalten dann
eintretenden Falls, da sie in die Stelle verstorbener Aszendenten treten,
nur eine unter den Konkurrenten eines jeden Stammes nach Köpfen zu
teilende Stammportion, gleichviel ob sie mit der Witwe oder mit Des
zendenten eines näheren oder desselben Grades konkurrieren.“
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 97

Sehen wir jetzt noch, welche Veränderungen der Genuss


des Gnadenjahres, und namentlich, wenn mehrere Hinterbliebene
daran teilnehmen, die Anteile der einzelnen erleiden, wenn
während der Dauer der Gnadenzeit einer oder der andere von
ihnen stirbt.
Ist die Witwe allein genussberechtigt 1), oder kommt,
weil ausser ihr andere Hinterbliebene nicht vorhanden sind,
nur sie in Frage, so vermag sie bei eintretendem Tode wäh
rend der Gnadenzeit wohl die schon fälligen, wenngleich noch
nicht erhobenen Früchte und Einkünfte der Stelle auf ihre
letztwillig berufenen oder gesetzlichen Erben (z. B. ihre
Geschwister) zu vererben, nicht aber kann etwa von einem
Uebergang des Genusses der Gnadenzeit selbst auf ihre Erben
die Rede sein. Sie besass ja, ebenso wie vordem ihr ver
storbener Ehemann, nur ein persönliches Recht auf den Ge
nuss der Pfarreinkünfte, das mit ihrem Leben aufhört. Anders
aber ist es, wenn neben und ausser der Witwe Kinder oder
andere Abkömmlinge vorhanden sind, zum Genuss der Gnaden
zeit jedoch erst gelangen, nachdem innerhalb derselben die
Witwe weggestorbenjst 2), oder aber wenn sie vom Beginn
der Gnadenzeit an zur Teilnahme an der Wohltat nach gesetz
licher Bestimmung berechtigt waren. Da wird je nachdem der
Genuss von den Kindern oder andern Abkömmlingen fortgesetzt 3),
oder es wächst ihnen der Anteil der Witwe zu4). Ebenso
greift das Zuwachsen des durch den Tod eines Hinterbliebenen
erledigten Anteils zum Vorteil der überlebenden Hinter
bliebenen dann Platz, wenn während des Verlaufes der Gnaden
zeit eines der bezugsberechtigten Kinder oder ein anderer

1) Siehe Schleswig-Holstein. K.G. vom 21. März 1892, 51; Oldenb.


K.G. vom 2. ‚Tau. 1865, Art. I, Qfi 1-2; Koburg. St.G. vom 2. März 1900,
ää 1-2.
2) Siehe Q 849 A.L.R. II, 11.
3) Siehe ä 849 A.L.R. II, 11.
‘) Vgl. Verordn. betr. das Gnadenjahr in den Herzogt. Bremen und
Verden vom 13. Mai 1831, ä 5.
v. Brünneck, Gnadenzeit. 7
Q8 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Abkömmling verstirbt 1). Nur ist dabei freilich, soll anders


der Anteil des verstorbenen Hinterbliebenen als erledigt gelten,
anzunehmen, dass es sich um Pfarreinkünfte handelt, welche
bei dessen Tod noch nicht fällig waren. Denn sonst würden
diese seinem Nachlass hinzutreten und mit diesem auf seine
Erben übergehen. Und soweit einige der neuen Kirchengesetze
eine Gemeinschaft der Genussberechtigten zur gesamten Hand
eintreten lassen, wird man sagen müssen, dass ein Zuwachsen
des Anteils eines während der Gnadenzeit verstorbenen Hinter
bliebenen zu den Anteilen der übrigen höchstens so lange statt
finden kann, als die Witwe, oder der zur Erhebung der Ein
künfte bestellte Vertreter eine Verfügung über deren Ver
wendung noch nicht getroffen hat, mag diese auch noch nicht
zur Ausführung gebracht, und eine Verteilung unter die ein
zelnen Berechtigten noch nicht bewirkt sein.
Nunmehr ist noch die Gnadenzeit als Einrichtung für sich
allein und zwar so, wie sie sich nach der heutigen Rechts
verfassung darstellt, vom dogmatischen Gesichtspunkte aus in
Erwägung zu ziehen.
Zielt die neue Gesetzgebung auf eine Verkürzung der
Gnadenzeit ab, so haben die deshalb getroffenen Verordnungen
die Folge gehabt, dass nicht nur innerhalb des Herrschafts
bereiches der einzelnen evangelischen Landeskirchen, sondern
im deutschen partikulären evangelischen Kirchenrecht über
haupt eine grössere Ausgleichung der bestandenen Verschieden
heiten herbeigeführt worden ist.
Die Mehrzahl der neuen Kirchengesetze setzt die Dauer
der Gnadenzeit auf ein halbes Jahr fest 2). Einige Gesetze
aber gehen in der Verkürzung der Gnadenzeit weiter. Das

1) 5 850 II, ll A.L.K. Vgl. auch die in der vorigen Note angef.
Verordn. vom 13.Mai 1831, ä 5.
2) Oldenb. K.G. vom 2. Jan. 1865 Art. I, ä 1; K.G. der hannoversch.
lutherischen L.K. vom 16.Juni 1873, ä 1; Schleswig-Holstein. K.G. vom
21. März 1892, ä 2; K.G. betr. die Sterbe- u. Gnadenzeit in der L.K.
der älteren preuss. Prov. Q1; K.G. betr. das Diensteinkommen der
‘Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 99

Kirchengesetz für die evangelisch-lutherische Kirche des


Königreichs Sachsen vom 31. Mai 1898 (ä 1), sowie das Ko
burgische Staatsgesetz vom 2. März 1900 (ä 1) mindern die
Gnadenzeit auf drei Monate herab. Das Kirchengesetz vom
3. März 1902, betreffend die Sterbe- und Gnadenzeit bei
Pfarrstellen im Konsistorialbezirk Frankfurt a. M., verkürzt
die Gnadenzeit sogar auf nur zwei Monate, eine Bestimmung,
die indes nur in Fällen Anwendung findet, wo mit einer
Pfarrstelle ein Einkommen von 4800 Mark oder mehr ver
bunden ist. Für Pfarrstellen mit geringerem Einkommen,
welche den Vorschriften des für denselben Konsistorialbezirk
erlassenen Kirchengesetzes vom 24. März 1902 unterliegen,
soll nach ä 21 dieses Gesetzes die Gnadenzeit drei Monate
. betragen.
Einen vermittelnden Standpunkt nimmt das Kirchengesetz
wegen des Diensteinkommens der Geistlichen im Konsistorial
bezirk Wiesbaden ein. Es gestattet neben der Gnadenzeit
von drei Monaten als der regelmässigen Zeitbestimmung an
Orten, wo diese nach dem früheren Recht länger dauerte, diese
bis zu sechs Monaten auszudehnen (ä 24). Doch auch abge
sehen von dem hiernach sich ergebenden Unterschied zwischen
einer halb- und vierteljährlichen Dauer, ist noch heute die
Gnadenzeit nicht immer noch in allen Fällen gleich bemessen.
Innerhalb der reformierten Landeskirche der Provinz Hannover
besteht für die Pfarrstelle zu Lehe (allerdings der einzigen,
auf welche die Vorschriften des Kirchengesetzes vom 2. Juli
1898 wegen des Diensteinkommens der Geistlichen keine An

Geistlichen in der hannov. reformiert. L.K. vom 2. Juli 1898, 523; K.G.
betr. das Diensteinkommen der Geistlichen im Konsistorialbezirk Kassel
vom 2. Juli 1898, ä 24.- Damit ist die Gnadenzeit innerhalb der L.K.
der 9 ält. preuss. Prov., wo sie wie in Pommern und an manchen Orten
der Mark Brandenburg einem vollen Jahr (Gnadenjahr) gleichkam, um
die Hälfte herabgemindert, andererseits aber für Ostpreussen und den Gel
tungsbereich des Ostpreuss. Provinzialrechts in Ansehung der lutheri
schen Geistlichen von 3 Monaten auf 6 Monate erweitert.
100 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

wendung findet), das nach der Verordnung vom 13. Mai 1831
(§ 1) stattfindende volle Gnadenjahr weiter fort"). Ferner ist
im Fürstentum Rinteln der Fortdauer des vollen Gnaden
jahres, auf der KO. der Grafschaft Schauenburg vom Jahr
1614 beruhend, durch das Kirchengesetz wegen des Dienst
einkommens der Geistlichen im Konsistorialbezirk Kassel vom
2. Juli 1898 (§ 24) in Ansehung derjenigen Pfarrstellen Raum
gegeben, die 4800 Mark eintragen und darum nach § 1 dieses
Gesetzes nicht unter seine Vorschriften fallen. Dabei mag
zugleich erwähnt sein, dass die sonst im genannten Konsistorial
bezirk für Pfarrstellen mit einem geringeren Einkommen auf
sechs Monate bestimmte Gnadenzeit in Hinsicht der im Fürsten
tum befindlichen, mit einem Einkommen von weniger denn
4800 Mark dotierten Pfarrstellen auf sieben Monate ausgedehnt
ist (§ 24). Nicht weniger ist noch der in einigen der neuen
Kirchengesetze enthaltenen Vorschriften zu gedenken, welche
es gestatten, dass die regelmässige sechsmonatliche Gnadenzeit
unter Umständen bis zur Dauer einesganzen Jahres verlängert
wird. Nach dem oldenburgischen Kirchengesetz vom 2. Januar
1865 bleiben, wenn eine Wiederbesetzung der erledigten
Pfarrstelle nach einem halben Jahre, vom Tode des Pfarrers
an gerechnet, noch nicht erfolgt, die Witwe oder die Kinder
des ohne Hinterlassung einer Witwe verstorbenen Pfarrers
im Genusse der Einkünfte bis zur endgültigen Regelung der
Sache, jedoch nicht über ein Jahr (Art. I, § 1, Abs. 2, § 2)*).
Das Kirchengesetz der lutherischen Landeskirche Hannovers
vom 16. Juli 1873 (§ 1, Abs. 2) und das Kirchengesetz be
treffend die Gnadenzeit in der lutherischen Kirche in Schles
wig-Holstein vom 21. März 1892 (§ 2, Abs. 2) fassen eine
Ausdehnung der halbjährigen Gnadenzeit für den Fall ins
') Gefällige Mitteilung des Konsistoriums Aurich.
*) Vgl. dazu noch dasselb. KG. Art. I, § 2, Abs. 3: „Stirbt ein
Pfarrer innerhalb der zweiten Hälfte eines von Mai bis November und
von November bis Mai zu rechnenden Halbjahrs, so endet das Gnaden
semester mit Ablauf des dem Tode folgenden Halbjahrs.“
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 101

Auge, wenn sich die zur Gnadenzeit Berechtigten verpflichten,


die Kosten für die Unterhaltung eines dem verstorbenen Amts
inhaber beigegeben gewesenen Geistlichen (Kollaboratoren,
Adjunkten u. s. w.) während der Gnadenzeit oder eines
Teils derselben ganz oder teilweise zu übernehmen. Es soll
dann eine verhältnismässige Verlängerung eintreten, deren
Dauer im einzelnen Fall von den Konsistorien nach den
Umständen zu bemessen ist, jedoch sich nicht über ein halbes
Jahr hinaus erstrecken darf.
Die schleswig-holsteinische Pfarrerswitwe allein, oder in
der lutherischen Landeskirche Hannovers die Kinder mit der
Witwe zusammen, oder, wenn solche nicht vorhanden ist,
die letzteren allein erwerben da vermöge einer mit dem
Konsistorium getroffenen Vereinbarung einen rechtlich ge
sicherten Anspruch auf die Ausdehnung der Gnadenzeit über
die regelmässige Dauer von sechs Monaten hinaus.
Eine andere Bedeutung kommt dahingegen der in ä 4
des genannten hannoverschen Kirchengesetzes enthaltenen Be
stimmung zu. Da handelt es sich lediglich um eine der
Kirchenregierung erteilte Anweisung, wodurch diese ermächtigt
wird, aus besonderen Gründen die sechsmonatliche Gnadenzeit
zu verlängern, jedoch so, dass diese Verlängerung nicht ein
weiteres halbes Jahr überschreiten darf. Den Genussberech
tigten erwächst daraus kein von Rechts wegen geltend zu
machender vermögensrechtlicher Anspruch. Sie haben nur
die Möglichkeit, sich mit einer bezüglichen Bitte an das zu
ständige Konsistorium zu wenden.
Ist, von den eben gedachten Ausnahmen abgesehen, die
Dauer der Gnadenzeit heute homogener geordnet als früher,
so ist das gleiche auch von der Festsetzung des Zeitpunktes
zu sagen, mit welchem der Genuss der Einkünfte der er
ledigten Pfarre seinen Anfang nimmt.
Von den neuen Kirchengesetzen 1) sind es nur wenige,
1) Oldenb. K.G. vom 2. Jan. 1865, Art. I, ä 1, Art. 4. Schleswig
Holstein. K.G. vom 21. März 1892, ä 2: „Die Gnadenzeit hat die Dauer
102 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

welche die Gnadenzeit schon von dem Tage ausgehen lassen,


an dem der Geistliche starb. Die meisten schieben zwischen
den Todestag und den Anfangstermin der Gnadenzeit eine
Sterbezeit ein.
Dass die Einrichtung der Sterbezeit in der neuen Gesetz
gebung eine durchweggeschickte und sachgemässe Behandlung
erfahren hat, wird man nicht sagen können. Von den neuen
Gesetzen sind das Kirchengesetz der evangelisch-lutherischen
Landeskirche des Königreichs Sachsen vom 31. Mai 1898 (§ 1)
und das koburgische Staatsgesetz vom 2. März 1901 (§ 3) die
einzigen, die Sterbezeit (Sterbemonat) und Gnadenzeit streng
unterscheiden und auseinanderhalten. Die anderen neuen Kir
chengesetze ), welche einer Sterbezeit überhaupt stattgeben,
werfen mit Verkennung ihrer Entstehung und des Rechts
grundes, in dem sie beruht, die Sterbezeit mehr oder weniger
mit der Gnadenzeit zusammen. Namentlich gilt das von den
einschlagenden Vorschriften des Kirchengesetzes vom 18. Juli
1892 (§ 1) über die Sterbe- und Gnadenzeit in der Landes

eines halben Jahres vom Sterbetag des Geistlichen an gerechnet“; KG.


betr. das Diensteinkommen der Geistlichen im Konsistorialbezirk Kassel
vom 2. Juli 1898, § 24, wo nur wegen der Pfarrstellen im Fürstentum
Rinteln, soweit sie den Vorschriften des Gesetzes unterliegen, eine Aus
nahme dahin gemacht wird, dass bei dieser ausser der Gnadenzeit von
7 Monaten noch ein Sterbemonat Platz greifen soll.
') KG. der Landeskirche betr. die Sterbe- und Gnadenzeit in den
9 älteren preuss. Prov. vom 18. Juli 1892, § 1; KG. vom 3. März 1902
betr. denselben Gegenstand im Konsistorialbezirk Frankfurt a. M. § 1 ;
KG. vom 24. März 1902 betr. das Diensteinkommen der Geistlichen im
selben Bezirk § 24; KG. vom 2. Juli 1898 betr. denselben Gegenstand
in der hannover.-luth. Kirche § 27. Durch die in diesem Gesetz wegen
der Sterbezeit getroffenen Bestimmungen wird in Ansehung der Pfarr
stellen mit einem Einkommen von weniger denn 4800 M. der Inhalt des
KG. vom 16. Juli 1873 betr. die Gnadenzeit in der evang.-luth. Kirche
Hannovers abgeändert. Der § 1 des letzteren KG, wonach die Gnaden
zeit von 6 Monaten schon vom Sterbetage des Geistlichen an gerechnet
werden soll, behält nur noch Bedeutung für die Pfarrstellen mit einem
Einkommen von 4800 M. und mehr.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 103

kirche der älteren (9) preussischen Provinzen. Zwar sind


danach während des Sterbemonats und des darauf folgenden
Monats schlechthin alle Erben des verstorbenen Pfarrers zur
Erhebung der während dieser Zeit aufkommenden Einkünfte
der erledigten Pfarrstelle berechtigt. Nächst ihnen sollen
jedoch hierauf auch die zum Genuss der Gnadenzeit berech
tigten Hinterbliebenen Anspruch haben. Das widerspricht
dem Begriff der Sterbezeit. Die Fiktion, auf Grund deren
die vom verstorbenen Geistlichen noch nicht wirklich ver
dienten Früchte und Einkünfte als bereits verdient angesehen
werden, schliesst aus, dass diese anderen Personen als den
durch letztwillige Verfügung oder Gesetz berufenen Erben
des Verstorbenen zufallen. Verstattet das Gesetz nächst ihnen
den Bezug der in die Sterbezeit fallenden Einkünfte den
genussberechtigten Hinterbliebenen, so kommt das einer
eventuell eintretenden Umwandlung der Sterbezeit in die recht
lich völlig verschiedene, in ganz anderem Rechtsgrunde fussende
Gnadenzeit gleich. Das führt nicht nur zu einer Unklarheit
der Sach- und Rechtslage, es steht auch nicht recht im Ein
klange mit der sonst von der neuen Gesetzgebung be
zweckten Verkürzung der Gnadenzeit.
Dazu kommt aber noch ein anderes und schwerer wiegen
des Bedenken.
Sind zum Bezug der Einkünfte der Sterbezeit die Erben
schlechthin berechtigt, so ist diesen auch der Fiskus zuzu
rechnen. Nach römischem und gemeinem Recht konnte der Fis
kus freilich nur, wenn er letztwillig berufen war, als Erbe im
eigentlichen Sinne gelten. Sonst trat er, wenn ihm durch
Anzeige des eingetretenen Vakanzfalles erbloses Gut deferiert
ward, wie das zum wenigsten die herrschende Meinung an
nimmt, zwar an Erbes Statt, nicht aber wurde er wirklicher
Erbe"). Andererseits aber erwarb er den ihm deferierten erb
losen Nachlass nicht ohne weiteres, sondern nur durch dessen

) Siehe Windscheid-Kipp, Pandekt. § 622 III S. 542.


104 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Annahme, indem er von dem ihm deshalb zustehenden Vor


recht Gebrauch machte 1). Das preussische A.L.R. und das
französische Zivilrecht, deren Geltungsgebiete neben dem des
gemeinen Rechts im Bereiche der evangelischen Landeskirche
der älteren preussischen Provinzen lagen, schreiben dem Fis
kus ausser der Möglichkeit, durch letztwillige Verfügung als
Erbe berufen zu werden, die Eigenschaft des gesetzlichen
Erben zu. Nicht aber legen sie ihm den Zwang auf, die ihm
als solchem angefallene Erbschaft zu behalten; er kann sie
ausschlagen 2).
Mit der Einführung des deutschen Bürgerlichen Gesetz
buches hat sich das geändert. Jetzt wird der Fiskus, wenn
keine letztwillig berufenen, noch auch andere nähere gesetzliche
Erben vorhanden sind, nicht allein selbst gesetzlicher Erbe
(ä 1936), sondern zugleich auch Zwangserbe. Er kann zwar
eine ihm durch letztwillige Verfügung angefallene Erbschaft,
nicht aber die Erbschaft ausschlagen, zu deren Erben ihn das
Gesetz berufen hat (ä 1942, Abs. 2).
Wie sollen nun die zum Genuss der Gnadenzeit berech
tigten Hinterbliebenen nach den Erben des verstorbenen
Pfarrers zur Erhebung der in die Sterbezeit fallenden Ein
künfte der erledigten Pfarrstelle gelangen, wenn, nachdem
alle ihnen vorgehenden letztwillig berufenen oder gesetzlichen
Erben die Erbschaft des Erblassers ausschlagen, und infolge
dessen sein Nachlass an den Fiskus, als an den allein noch
in Betracht kommenden gesetzlichen Erben fällt‘?
Soll die Bestimmung des ä 1 des Kirchengesetzes vom
18. Juli 1892 heute nicht völlig gegenstandslos werden, so
bleibt nur eine Möglichkeit. Der wegen wirklicher oder
doch vermeintlicher Ueberschuldung von der Witwe, den Kin

1) l. 20, ä 7. De de hered. pet. (5, 3); l. 1, ä 1. D. de jure fisci


(49, 14); c. 5 O. de bon. von. vac. (10, 10).
2) Preuss. A.L.R. II, 16, äfi 4. 20. 25; vgl. mit I, 9, ä 383. Urteil
des Obertribunals III vom 20.Juni 1841 (Entsch. "II S. 155; Code civil
Art. 768. 775. 788.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 105

dern und anderen gesetzlichen Erben ausgeschlagene Nach


lass des verstorbenen Pfarrers reicht wider Erwarten, oder
weil die Gläubiger einen Teil ihrer Forderungen fallen lassen
und vorbehaltslos quittieren, eben aus, um mit den Einkünften
der Sterbezeit, oder ohne diese zu Hilfe zu nehmen, die Nach
lassschulden zu decken. Der wider Willen Erbe gewordene
Fiskus gibt, nachdem alle Nachlassgläubiger befriedigt oder
abgefunden sind, sein erworbenes Recht an den fraglichen
Einkünften auf. Diese würden sonst dem Pfarrvermögen
hinzutreten, oder in eine etwa errichtete Vakanzkasse fallen.
Weil aber das Kirchengesetz verordnet, dass sie nächst den
Erben an die Gnadenzeitberechtigten kommen sollen, sind
diese nunmehr in den Stand gesetzt, sie für sich zu erheben.
Dass eine gesetzliche Vorschrift, welche nur bei Eintritt
einer derartig komplizierten Sach- und Rechtslage anwend
bar wird, praktisch unbrauchbar und wertlos ist, liegt, sollte
man meinen, auf der Hand. Es ist daher schwer begreif
lich, warum man sie trotzdem in das Kirchengesetz wegen
des Diensteinkommens der Geistlichen des Konsistorialbezirks
Wiesbaden vom 2. Juli 1898 (g 24) und in das Kirchen
gesetz betreffend die Sterbe- und Gnadenzeit im Konsistorial
bezirk Frankfurt a. M. vom 3. März 1902 (ä 1) unverän
dert aufgenommen hat, obwohl bei Erlass des ersten Kirchen
gesetzes das deutsche B.G.B. vom 18. August 1896 schon
verkündet, beim Erlass des anderen sogar schon in Kraft ge
treten war.
Nicht aus demselben, wohl aber aus einem anderen
Grunde sind die auf die Sterbezeit bezüglichen Vorschriften
zu missbilligen, die sich in dem Kirchengesetz der hannover
schon lutherischen Landeskirche vom 2. Juli 1898, betreffend
das Diensteinkommen der Geistlichen, verzeichnet finden.
Der ä 27 dieses Gesetzes bestimmt, dass während des Sterbe
monats die nach dem Kirchengesetz vom 10. Juli 1873 zum
Genuss der Gnadenzeit berechtigten Hinterbliebenen, und
wenn solche beim Tode eines Pfarrers, Superintendenten oder
106 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Generalsuperintendenten nicht vorhanden sind, die gesetzlichen


Erben des Verstorbenen, soweit sie seine Hausgenossen waren,
für die Dauer des Sterbemonats und des darauf folgenden
Monats an Stelle der Gnadenzeitberechtigten zur Erhebung
der in die Sterbezeit fallenden Einkünfte der erledigten Pfarr
stelle befugt sein sollen. Diese Gesetzesstelle lässt eine zwie
fache Auslegung zu: entweder man sieht bei der Witwe
und den Kindern oder andern Abkömmlingen von ihrer
Erbeneigenschaft und dem Umstand, ob sie die Erbschaft ihres
Ehemanns, Vaters bezw. Grossvaters annehmen oder aus
schlagen, ganz ab und fasst sie nicht als Erben, sondern nur
als zum Genuss der Gnadenzeit berechtigte Hinterbliebene
auf. Dann hat der Sterbemonat bezw. auch der ihm nach
folgende Monat überhaupt nicht die rechtliche Bedeutung der
Sterbezeit. Es gibt dann für die Witwe und die Kinder
u. s. w. eben nur eine, um den Sterbemonat nach vornhin
verlängerte Gnadenzeit. Für die übrigen gesetzlichen Erben
des verstorbenen Geistlichen aber würde der Sterbemonat und
der ihm nächstfolgende Monat nicht einer Sterbezeit, sondern
einer ihnen, die sonst darauf keinen Anspruch hätten, ausser
ordentlicherweise bewilligten Gnadenzeit gleichzuachten und
zu behandeln sein.
Oder aber man geht von der Annahme aus, der Gesetz
geber habe eine wirkliche Sterbezeit statuieren und dem Geist
lichen bezw. seinen Erben die während ihrer Dauer auf
kommenden Einkünfte der Pfarrstelle zuerkennen wollen, da
diese, wenngleich nicht wirklich verdient, doch für schon ver
dient zu gelten hätten. Solches vorausgesetzt, würden dann
die Witwe und die Kinder u. s. w. die Einkünfte des
Sterbemonats nur zu beanspruchen haben, wenn sie gleich
zeitig die Erben des verstorbenen Geistlichen geworden wären.
Und entsprechend dürften bei Nichtvorhandensein einer Witwe
oder von Kindern oder sonstigen Abkömmlingen die übrigen
gesetzlichen Erben (Eltern, Geschwister, Geschwisterkinder)
des verstorbenen Geistlichen nur in der Eigenschaft wirklicher
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 107

Erben Ansprüche auf die Einkünfte des Sterbemonats und


des nächstfolgenden Monats erheben.
Die zweite Auslegung erscheint an sich als die annehm
barere und der ersteren vorzuziehen, weil sie der wahren
Absicht des Gesetzgebers mehr denn jene gerecht wird.
Immerhin steht, wenn man sich für diese entscheidet,
damit der Umstand nicht im Einklang, dass die angeführte
Gesetzesstelle nicht allein die Testamentserben des verstorbenen
Geistlichen vom Genuss der Sterbezeit ausschliesst, sondern
auch für dessen gesetzliche Erben das Recht auf den Bezug
der Einkünfte des Sterbemonats und des ihm nächstfolgenden
Monats von der Voraussetzung abhängig macht, dass sie bis
zum Tode des Geistlichen dessen Hausgenossen gewesen sind.
Auch bei dieser Auslegung zeigt sonach der 827 des in
Rede stehenden Kirchengesetzes eine gleiche oder ähnliche
Unklarheit, wie das preussische A.L.R. in seinen wegen des
Sterbequartals getroffenen Vorschriften 1).
Dem Inhalt und Gegenstande nach ist der Genuss der
Gnadenzeit sowie der Sterbezeit, wo solche stattfindet, heute
ein recht umfassender. Er erstreckt sich nach den neuen
Kirchengesetzen namentlich mit auf die Stolgebühren und die
dem verstorbenen Geistlichen für seine Amtszeit aus Mitteln
der Gemeindekasse oder aus örtlichen kirchlichen Fonds be
willigte Zulage, sofern nicht bei deren Bewilligung ein anderes
festgesetzt ist 2). Nicht weniger fallen darunter die in den
Kirchengesetzen wegen des Diensteinkommens der Geistlichen
bezeichneten Bezüge von Mietsentschädigung‚ Grundgehalt und
Alterszulage 3).

1) Siehe oben S. 74. 75.


2) K.G. betr. die Sterbe- und Gnadenzeit bei Pfarrstellen in der
L.K. der älteren preuss. Prov. vom 18. Juli 1892, ä 1; K.G. betr. die
Gnadenzeit in der evang-luth. Kirche der Prov. Schleswig-Holstein vom
21. März 1892, ä 3.
3) K.G. betr. das Diensteinkommen der evang. LK. der älteren
preuss. Prov. vom 2. Juli 1898, ä 23, vgl. mit 5 13 das. (Kirchl. Ges.- u.
108 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Sieht man davon ab, dass die genussberechtigten Hinter


bliebenen die auf der Pfarre ruhenden, sonst den Inhaber
treffenden Lasten zu übernehmen und zu tragen haben, so
steht dem Genuss der Wohltat für gewöhnlich nur die Ver
pflichtung gegenüber, dass sie den vikarierenden Geistlichen,
welche in Vertretung des fehlenden Pfarrers den Gottesdienst
in der verwaisten Kirche halten und die pfarramtlichen Ge
schäfte besorgen, Beherbergung und Beköstigung, auch die
nötigen Fuhren, soweit diese nicht nach Lokalrecht durch
andere Verpflichtete zu stellen sind, zu gewähren, und falls
das nicht durch Naturalleistung geschieht, die entstandenen
notwendigen Auslagen zu ersetzen haben 1).
Immerhin ist diese Regel keine ausnahmslose. Sieht sich
das Kirchenregiment (Konsistorium) durch die Umstände ver
anlasst, für die Verwaltung der erledigten Pfarre einen be
sonderen Vertreter am Orte zu bestellen, so ist es in Er
manglung anderer Mittel befugt, den genussberechtigten
Hinterbliebenen die Verpflichtung aufzuerlegen, entweder dem
Vertreter Wohnung, Beköstigung, Heizung und Licht, sowie
die nötige Bedienung unentgeltlich zu gewähren, oder einen
angemessenen Beitrag zu den Kosten der Vertretung zu
leisten 2).
Ferner aber kommt hier die durch einige Kirchengesetze
offen gelassene, in anderem Zusammenhang schon erörterte
Möglichkeit in Betracht, dass das Kirchenregiment mit der

Verord.-B1. 1898, S. 61 ff); K.G. betr. das Diensteinkommen der Geistl.


in der luth. Kirche der Prov. Hannover vom 2. Juli 1898, ä 27; K.G.
der reformierten Kirche der Prov. Hannover denselben Gegenstand betr.
vom 2. Juli 1898, ä 23; K.G. der im Konsistorialbezirk WViesbaden ver
einigten Kirchengemeinschaften denselben Gegenstand betr. vom 2. Juli
1898, ä 24.
1) Oldenb. K.G. betr. die Gnadenzeit vom 2. Jan. 1865, Art. 2;
K.G. betr. die Sterbe- und Gnadenzeit in den älteren preuss. Prov. vom
18. Juli 1892, ä 4.
2) K.G. betr. die Sterbe- und Gnadenzeit in der L.K. der älteren
preuss. Prov. vom 18. Juli 1892, ä 6.
Die neuere evang. Kirchengesetzgebung über die Gnadenzeit. 109

Witwe oder mit dieser und den Kindern des verstorbenen


Pfarrers dahin übereinkommt, dass letztere die Kosten für die
Unterhaltung eines dem verstorbenen Geistlichen beigeordnet
gewesenen Adjunkten während der Gnadenzeit oder eines
Teils desselben ganz oder teilweise übernehmen, wohingegen ihnen
dafür eine entsprechende Verlängerung der Gnadenzeit über
die regelmässige Dauer (von sechs Monaten) hinaus zugestanden
wird 1).

1) Siehe oben S. 101.


Anhang

Während das preussische A.L.R. II, 11, Anhang ä 842 1)


der Witwe und den Kindern eines Pfarrers, der sein Amt
gänzlich niedergelegt und nur ein Gnadengehalt davon genossen
hat, die Wohltat der Gnadenzeit abspricht, bewilligen neuere
Kirchengesetze den Hinterbliebenen der nach ihrer Emeritierung
verstorbenen Geistlichen den Fortgenuss des von diesen be
zogenen Ruhegehalts während einer kürzeren oder längeren
Zeit nach deren Tode oder von Ablauf des Sterbemonats an.
Fällt diese Vergünstigung mit der Gnadenzeit, welche
sich geschichtlich anders entwickelt, auch dogmatisch ange
sehen einen verschiedenen Inhalt hat, nicht in einen Begriff
zusammen, so ist doch nicht zu bestreiten, dass das den
Hinterbliebenen eines emeritierten Pfarrers eingeräumte Recht
auf Weitererhebung des von ihm bei seinem Leben bezogenen
Ruhegehalts in einer der Wohltat der Gnadenzeit entsprechen
den Weise begründet wird und Wirksamkeit erlangt 2). Wie

1) Das A.L.R. schliesst sich mit dieser Bestimmung dem Inhalt der
älteren K.O. an. Eine Ausnahme aber machte die Revidierte Magdeb.
K.O. vom 9. Mai 1739. Sie gab der Witwe und den unversorgten Kin
dern des verstorbenen pensionierten Pastors den Anspruch auf den Ge
nuss seiner Provision aus den Pfarreinkünften während der Gnadenzeit.
Siehe Koch, Kommentar zu ä 892 II‚ 11 A.L.R. Note 59.
2) K.G. betr. das Ruhegehalt der Geistlichen in der L.K. der älteren
(9) preuss. Prov. vom 26. Jan. 1880 (Kirchl. Ges.- u. Verord.-B1. 1880,
S. 37), ä8: „Hinterlässt ein Geistlicher, welcher Ruhegehalt bezieht, eine
Witwe oder eheliche Nachkommen, so wird dasselbe, falls der Geistliche
im zweiten Monat des Kalendervierteljahrs verstorben ist, noch für einen
auf das Vierteljahr folgenden Kalendermonat, falls der Geistliche im
dritten Monat des Kalendervierteljahrs verstorben ist, noch für zwei auf
Anhang. Fortgenuss des Ruhegehalts. 111

die letztere ist auch das Recht auf den Fortgenuss des Ruhe
gehalts während einer gewissen Zeit ein von dem verstorbenen
Geistlichen erworbenes, aber als beneficium in favorem tertii
nicht ihm selbst, noch seinen Erben, sondern eben den Hinter
bliebenen erworbenes und diesen zustehendes Recht. Nur ist
freilich hier der Erwerb nicht, wie bei der Gnadenzeit, auf die
Verleihung und die Uebernahme des Pfarramts, sondern auf
die Tatsache zurückzuführen, dass der verstorbene Geistliche
aus dem ihm übertragen gewesenen Amt unter Bewilligung
eines Ruhegehalts ausschied. Gleichwohl ist das so erworbene
Recht kein von Anfang an unbedingtes, sondern ebenso, wie
das Recht auf den Genuss der Gnadenzeit, ein bloss be
dingtes. Soll es für die Hinterbliebenen, zu deren Vorteil es
bestimmt ist, seine Wirkung äussern, so muss der Geistliche
nach seiner Versetzung in den Ruhestand sich bis zum Ein
tritt seines Todes dergestalt verhalten, dass er des Anspruchs
auf Ruhegehalt nicht verlustig geht1).

das Vierteljahr folgende Monate gezahlt“; K.G. betr. die Ruhegehalts


ordnung für die Geistlichen im Konsistorialbezirk Wiesbaden vom
11. März 1901 (Ges. u. Verordn. über die evang. Kirchenverfassung des Kon
sistorialbez. Wiesbaden (Wiesbaden 1903, amtl.Ausg.), Q 11: „Das Ruhe
gehalt eines Geistlichen, welcher eine Witwe oder eheliche Nachkommen
hinterlässt, wird auch für den auf den Sterbemonat folgenden Monat
gezahlt“; Emeritierungsordnung für die Geistlichen der luth. Kirche
Hannovers vom 16. Juli 1873 (Preuss. G.S. 1873 S. 386), ä 8: „Verstirbt
ein in Ruhestand versetzter Geistlicher mit Hinterlassung von Deszen
denten oder einer Witwe, so soll diesen das Ruhegehalt noch für 6 Mo
nate, vom Sterbetage des Geistlichen an gerechnet, ausgezahlt werden.“
1) Siehe K.G. betr. den Ruhegehalt der Geistlichen in der L.K.
der älteren preuss. Prov. vom 26. Jan. 1880, Q9, Abs. 2: „Der Anspruch
auf Ruhegehalt hört auf, wenn dem Emeritus strafrechtlich die bürger
lichen Ehrenrechte aberkannt werden, oder wenn derselbe durch eine
im Disziplinarverfahren ergangene rechtskräftige Entscheidung der Kirchen
behörde oder durch Entsagung die Rechte des geistlichen Standes in der
evangelischen Kirche verliert.“ Vgl. dazu Q 47 K.G. betr. die Dienst
vergehen der Kirchenbeamten u. s. w. vom 16. Juli 1886 (Kirchl. Ges.- u.
Verordn.-B1. 1886, S. 81).
112 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

Sind es die Hinterbliebenen und nicht die Erben des ver


storbenen Emeritus, für welche das von ihm erworbene Recht
seine, sozusagen reflektierende Wirkung äussert‚ so kommt
es mit dem Recht auf den Genuss der Gnadenzeit ebenfalls
darin überein, dass es sich in einer vom Gesetz bewilligten
Wohltat gründet. Darum aber ist es noch nicht notwendig,
dass der Kreis der zum Fortbezug des Ruhegehalts berechtigten
Hinterbliebenen in genauer Uebereinstimmung mit dem Be
griff der zum Genuss der Gnadenzeit Berechtigten abgegrenzt
wird. Vielmehr ist es gerade die Gnadenbewilligung, welche
der Gesetzgebung da freie Hand lässt.
Die neuen wegen des Ruhegehalts der evangelischen
Geistlichen erlassenen Gesetze weisen denn auch in dieser
Hinsicht einige nicht unwichtige Abweichungen von den Ge
setzen über die Gnadenzeit auf. Das Kirchengesetz der
evangelischen Landeskirche der älteren preussischen Provinzen,
das Ruhegehalt der Geistlichen betreffend, vom 26. Januar
1880 (ä 8), verstattet den Fortbezug des Ruhegehalts nur
allein der Witwe und den ehelichen Nachkommen der
emeritierten Geistlichen, indem es so die Adoptivkinder aus
schliesst 1).
Hinwiederum kennt es die im A.L.R. II, ä 845 und da
nach im K.G. vom 18. Juli 1892 mit Ausdehnung auf die
Witwe gemachte Bedingung, dass der verstorbene Geistliche
in seinem letzten Willen keine rechtmässige Enterbung ange
ordnet habe, nicht 2).

1) Vgl. hierzu Gossner, Preuss. evang. Kirchenr. S. 323, Note 10


und das dort angeführte Ministerial-Reskr. vom 16. April 1895.
2) Vgl. hierzu das wegen der gegenteiligen Bestimmung im K.G.
vom 18. Juli 1892 oben S. 89 Bemerkte.
Beilage.

Erst während des Druckes der vorstehenden Abhandlung


ist mir die Tatsache bekannt geworden, dass die Lande Hadeln
und Wursten den norddeutschen Landschaften zuzuzählen sind,
in welchen das Gnadenjahr während des Mittelalters auf Pfarr
benefizien Ausdehnung erfahren hat. Weil die Urkunde, die
hierüber Aufschluss gibt, auch in anderer Beziehung Interesse
erweckt, teile ich ihren Inhalt, indem ich nur die Eingangs
worte in etwas kürze und offensichtliche Schreibfehler ver
bessere, nach dem Abdruck, den Pratje, Altes und Neues
aus den Herzogtümern Bremen und Verden III, S. 242
bis 246 veranstaltet hat, unverändert, wie folgt, mit:
„JohannesSchlamstorp,Archidiaconusterrarum Hadeleriae
et Wurstiae, et Vice-Dominus in ecclesia Bremensi – cum
ex antiqua, laudabili, probata et honesta consuetudine, legitime
praescripta et hactenus inconcusse et absque interruptione ob
servata, rectores ecclesiarum, in dictis terris decedentes, syno
dalia seu mortalia"), post ipsorum obitum, archidiacono istarum
terrarum pro tempore existenti dare teneantur, et si eadem
synodalia non habent, dare tenentur, loco eorumdem synoda
lium, certam“) pecuniae quantitatem: cumque multi rectores
ecclesiarumin dictisterris obierunt,qui,propter ipsorum inopiam,

*) Siehe über die Abgabe der Synodalien (cathedraticum) meine


Beiträge zur Geschichte des Kirchenrechts in den deutschen Kolonisations
landen. II. Zur Gesch. des märk. Provinzialkirchenr. S. 68 ff.
*) So muss gelesen werden statt des bei Pratje beibehaltenen
Schreibfehlers „tertiam“.
v. Brünneck, Gnadenzeit. Z
114 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

nec synodalia, nec pecuniam loco synodalium, dare potuerunt,


propter quod ipsis synodalibus et pecunia pro iisdem, hactenus
saepe caruimus, et forte carebimus in futurum, et est veri
simile, successorem nostrum in antea dictis iisdem synodalibus
et etiam pecunia pro iisdem danda carere oportere in ipsius
damnum et jacturam, praeterea ex dicta consuetudine rectores
ecclesiarum terrae Hadeleriae praedictae, qui ecclesias de novo
assequuntur, aedificia in dote seu immunitate ecclesiae con
structa, executoribus testamentorum rectorum ecclesiarum de
functorum, pro magna summa pecuniae, exsolvere consueverunt,
et exsolvunt"), quae quidem aedificia in multis locis diocesis
Bremensis per parrochianos ecclesiarum ad certam quantitatem
et valorem aedificari consueverunt, et etiam aedificantur *); cum
ergo propter praemissa, et propter inundationes aquarum fluen
tium, et propter superfluitatem aquarum pluvialium ac rupturas
aggerum et sterilitatem frugum, rectores praedictarum com
muniter ad tantam inopiam, cum vixerint, perveniant, ac etiam
futuris temporibus verisimiliter pervenire formidentur, quod
creditores in suis debitis, post obitum eorumdem rectorum,
continuo defraudentur, ac incolae ipsarum terrarum rectoribus
ecclesiarum in iisdem terris propter inopiam, quae, ut perfer
tur, saepius evenit, pecuniam, ac res et bona mutuo tradere,
ac contractus super debitis cum iisdem inire denegarunt et
recusarunt, ac denegant ac recusant, unde rectores nobis, quanta
potuerunt instantia, supplicarunt, ut super his de celeri reme
dio eis providere dignaremur. Nosque attendentes, quod justis

') Der in Herkommen und Gewohnheit beruhende Rechtssatz, dass


der Pfarrer die (aus Fachwerk) hergestellten Pfarrgebäude auf eigene
Kosten zu errichten hatte, dafür aber der Nachfolger gehalten war, dem
Amtsvorgänger bei dessen Abgange von der Stelle, oder, wenn dieser
starb, seinen Testamentsvollstreckern bezw. Erben den Wert der Pfarr
gebäude zu erstatten, galt in Zeiten des Mittelalters auch in anderen
Gegenden, so namentlich auf der Insel Rügen. Siehe den Wendisch
Rugian. Landgebr. des Matthäus von Normann (Fromm hold) 91, 5.
*) Pra tj e hat aedificant.
Beilage. 115

petitionibus non est consensus denegandus, et pro iisdem recto


ribus, super praemissis, sit merito de opportuno remedio pro
videndum, supplicationibus ipsorum, tamquam rationabilibus,
duximus annuendum; unde matura et diligenti deliberatione
praehabita, super his cum juris peritorum consilio, et consensu
reverendi in Christo patris et domini, Ottonis, Archiepiscopi,
et venerabilium virorum, dominorum, Gottschalcki, Decani [et]
capituli ecclesiae Bremensis, praesenti statuto, perpetuo et
inviolabiliter valituro statuimus et ordinamus in his scriptis,
quod rectores ecclesiarum, in dictis terris decedentes, post ipso
rum obitum habeant annum gratiae, prout rectores, decedentes
in praepositura Hamburgensi, Bremensis diocesis, qua longa
est et lata hactenus et consuetudine antiqua, laudabili, hone
sta, et legitime praescripta, ac inconcusse ac absque inter
ruptione observata, post eorum obitum habuerunt, habere
consueverunt, et habent, in hunc modum, quod omnes et
singulos fructus et reditus, proventus et obventiones, ac ob
lationes ad ecclesias in dictis terris, quocunque et qualiter
cunque pertinentes ad rectores ecclesiarum in eisdem terris
decedentes, per unum annum, a die obitus ipsorum continuo
computandum, integraliter et ex toto, absque diminutione, per
petuo sperare debent, sic, si iidem rectores vitam ducerent in
humanis, quos quidem fructus, reditus, proventus, obventiones
et oblationes testamentarii ipsorum rectorum, durante dicto
anno, percipient et levabunt. Si vero aliquis eorum rectorum
obierit intestatus, ex tunc archidiaconus terrarum praedictarum
per praefatum annum percipiet et levabit fructus, reditus, pro
ventus, oblationes et obventiones supra scriptas, et praedicti
testamentarii vel archidiaconi, qui ipsos perceperint et levave
rint, praeesse debent ecclesiae in divino officio, et in admini
stratione sacramentorum, parochianis ipsius ecclesiae ministran
dorum, adeo diligenter, ut de negligentia in his nullatenus
possint deprehendi, et etiam de synodalibus archidiacono prae
dicto, et debitis, in quibus iidem rectores tenebantur, credi
toribus satis facere debebunt juxta posse. In quorum testi
116 W. v. Brünneck, Gnadenzeit.

monium, sigillum praesentibus duximus appendendum. Et nos


Otto, Archi-Episcopus, Gothiscalcus, decanus et capitulum
praedictum, quia praesens statutum per praefatum dominum
Johannem, archidiaconum cum consilio et consensu nostro
statutum est, ipsum statutum praesentibus ratificamus, appro
bamus, et confirmamus, perpetuis temporibus duraturum, ac
praesentes literas, in majus testimonium praemissorum, etiam
sigillis nostris duximus roborandum. Datum Bremae ao. do
mini 1398. Die b. Magni martyris.
Igpirchenrechtliche Abhandlungen.
Herausgegeben

V01]

Dr. Ulrich Stutz,


o. ö. Professor der Rechte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelins-Universität
zu Bonn.

22. Heft:

System des Justinianischen Kirchenvermögensrechtes.


Von

August Knecht,
Doktor der Theologie und beider Rechte,
Professor des Kirchenrechtes am kgl. b. Lyzeum Bamberg.

STUTTGART.
VERLAG VON FERDINAND ENKE.
1905.
System des Justinianischen
KirchenVermögensrechtes
Von

August Knecht,
Doktor der Theologie und beider Rechte,
Professor des Kirchenrechtes am kgl. b. Lyzeum Bamberg.

STUTTGART.
VER, LAG VON ET ER D IN AN D EN KE.
1905,
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
in’
’.
‘.‚

015m
Inhaltsverzeichnis.
((3 ‚i

‘ Seite
‘S3 Verzeichnis der hauptsächlich benutzten Quellen und Literatur . VII
l
‘f. Erstes Kapitel.
Die Subjekte des Kirchenvermögens.

Q1. DieKirchen................. 1
Q2. Die Wohltätigkeitsanstalten. . . . . . . . . . . . 43
Q3.DieKlöster.................55

Zweites Kapitel.
Die Objekte des Kirchenvermögens.

Q 4. Die verschiedenen Arten von kirchlichen Vermögensstücken 66


Q 5. Die juristische Qualität der kirchlichen Vermögensobjekte 68

Drittes Kapitel.
Die Quellen des Kirchenvermögens.

Q6. Freiwillige Zuwendungen. . . . . . . . . . . . . 72


Q7. Gesetzliche Gefälle. . . . . . . . . . . . . . . 79

Viertes Kapitel.
Die Zwecke des Kirchenvermögens.

Q8. Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Q 9. Der Unterhalt des Klerus . . . . . . . . . . . . 95
Q 10. Die Bestreitung der Ausgaben für die Liturgie und die
kirchlichen Gebäude . . . . . . . . . . . . . 100

c/y
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Die Unterstützung der Armen . 102

Der Loskauf von Gefangenen . . . . . 105

Fünftes Kapitel.
Die Verwaltung des Kirchen vermögens.
Die kirchlichen Verwalter - - - 108
Die bischöfliche Aufsicht . . . . . . . 116

Sechstes Kapitel.
Die Privilegien des Kirchenvermögens.
§ 15. Die Vorgeschichte der Justinianischen Privilegien . 121

§ 16. Die Vergünstigungen bei dem Erwerb von Kirchengütern . 123

§ 17. Die Immunitäten 128

§ 18. Die Verjährungsprivilegien 131

§ 19. Die Veräusserungsverbote 133


Verzeichnis
der hauptsächlich benutzten Quellen und Literatur.

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Arndts, L., Lehrbuch der Pandekten. 12. Aufl. Stuttgart 1883.
Athanasiades, A, Die Begründung des orthodoxen Staates durch
Kaiser Theodosius d. Gr. Leipzig 1902. -

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berg 1756. Tom. II.
Beth, K., Die orientalische Christenheit der Mittelmeerländer. Berlin
1902.
Biener, F. A., Geschichte der Novellen Justinians. Berlin 1824.
Bigelmair, A., Die Beteiligung der Christen am öffentlichen Leben
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Birkmeyer, K., Enzyklopädie der Rechtswissenschaft. Berlin 1901.
Böhmer, G. L., Principia, Juris Canonici. Gottingae 1791.
Böhmer, J. H., Institutiones Juris Canonici. Halae Magdeburgicae
1741.
Bondroit, A., De capacitate possidendi ecclesiae necnon de regio
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aetate Merowingica (A. 481–751). Tom. I. Lovani 1900.
Braun, J. B., Das kirchliche Vermögen von der ältesten Zeit bis auf
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Brendel, S., Kirchenrecht. 2. Bd. Bamberg 1840.
Brinz, A., Lehrbuch der Pandekten. 1.–4. Bd. 2. Aufl. Erlangen
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Buss, F. J., System der gesamten Armenpflege. 3. Bd. Stuttgart
1846
Carassai, C., La politica religiosa di Constantino il Grande e la pro
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Patria. Vol. XXIV. (1901). Roma.
Cohn, M., Zum römischen Vereinsrecht. Berlin 1873.
Corpus Juris Rom. antejustin., ed. G. Haenel. Bonn 1842.
Corpus Juris Canonici, ed. Alem. L. Richter, Aem. Friedberg.
I, II. P. Lipsiae 1879, 1881.
Corpus Juris Civilis, ed. P. Krueger, Th. Mommsen, R. Schoell,
G. Kroll. 3 Vol. Berolini 1893–95.
VIII Quellen- und Literaturverzeichnis.

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Derselbe, Das bürgerliche Recht des Deutschen Reichs und Preussens
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Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis. Parisiis 1883

Duchesne, Origines du culte chrétien. 3e éd. Paris 1903.


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Flasch, F. M., Konstantin d. Gr. Würzburg 1891.
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Gothofre dus, Jac, CodexTheodosianus cum comment. ed.J. D. Rit
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Derselbe, Die Gesetze der römischen Kaiser über die Immunitäten der
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Grupp, G., Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit. 2 Bde. München
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Hefele, ' Konziliengeschichte. 1. 2. Bd. 2. Aufl. Freiburg i. Br.
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Derselbe, Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-germanischen
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lehrte Anzeigen“. 166. Jahrg. Berlin 1904. S. 1–86.
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des kirchlichen Benefizialwesens in „Gött. gelehrte Anzeigen“.
160. Jahrg. Berlin 1898. S. 281–325.
Theodosiani libri XVI cum constitutionibus Sirmondianis et leges no
vellae ad Theodosianum pertinentes consilio et auctoritate aca
demiae litterarum regiae Borussicae ediderunt Th. Mommsen
et Paulus M. Meyer. Vol. I. Pars prior et posterior. Bero
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Thomassin, L., Vetus et nova eccles. disciplina circa beneficia, et
beneficiarios. Moguntiaci 1788.
Uhlhorn, G., Die christliche Liebestätigkeit in der alten Kirche.
Stuttgart 1882.
Uhrig, A. J, Das Kirchengut. Augsburg 1867.
Unterholzner, K. A. D., Ausführliche Entwicklung der gesamten
Verjährungslehre aus den gemeinen in Deutschland geltenden
Rechten. 2. Aufl. 2 Bde. Leipzig 1858.
Vering, Fr. H., Lehrbuch des katholischen, orientalischen und prote
stantischen Kirchenrechts. 3. Aufl. Freiburg i. Br. 1893.
XII Quellen- und Literaturverzeichnis.

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14. Aufl. Bonn 1871.
Waltzing, J. P., Etude historique sur les corporations professionelles
chez les Romains. Louvain et Bruxelles 1895/96.
Weilbächer, P., Wer ist Eigentümer des Kirchenvermögens nach ge
meinem Recht? Limburg a. d. Lahn 1888.
Windscheid, B., Lehrbuch des Pandektenrechts. 1. Bd. 7. Aufl.
Frankfurt, 1891.
Winkler, M., Einkommensverhältnisse des Klerus im christlichen Alter
tum in „Theol. prakt. Monatsschrift“. 10. Bd. Passau 1899 bis
1900. S. 1–12, 77–82, 162–175, 237–248, 331–339, 471–486.
Zachariä von Lingenthal, K. E., Geschichte des griechisch-römi
schen Rechtes. 3. Aufl. Berlin 1892.
Zhish man, J. v., Das Stifterrecht in der morgenländischen Kirche.
Wien 1888.
Zscharnack, L., Der Dienst der Frau in den ersten Jahrhunderten
der christlichen Kirche. Göttingen 1902.
Erstes Kapitel.
Die Subjekte des Kirchenvermögens.

§ 1. Die Kirchen.
Am 1. April des Jahres 527 bestieg Justinian I. den ost
römischen Kaiserthron. Zweihundert Jahre waren damals ver
flossen, seitdem die christliche Kirche durch kaiserliche Ge
setze in das römische Recht aufgenommen worden war. Im
Mailänder Edikt vom Jahre 313 hatte Konstantin I. gemein
sam mit Licinius die Freiheit der christlichen Religion pro
klamiert und jede Verfolgung ihrer Bekenner verboten"). Die
in derZeit der Diokletianischen Christenverfolgung konfiszierten
Güter sollten zurückerstattet werden. Durch die im Jahre 321
sanctissimo catholicae (sc. fidei)venerabilique concilio gewährte
Fähigkeit, aus letztwilligen Verfügungen zu erwerben“), war
*) Lactantius, De morte persec. c.48, ed. H. Hurter, S.S. Patr.
opusc. sel. XXII. Oeniponti 1873. – Eusebius, Hist. eccl. 10, 5. –
F. M. Flasch, Konstantin d. Gr. Würzburg 1891. S. 17ff.– L.Seuf
fert, Konstantins Gesetze und das Christentum. Würzburg 1891.
S.5ff. – A. Galante, La condizione giuridica delle cose sacre. To
rino 1903. p. 35 ss.
*) L. 4 C. Theod. 16, 2 = 1. 1 C. (Just.) 1, 2. – Bei den Konsti
stutionen des C. Theod. ist die Ausgabe von Gust. Haenel, Codex
Theodosianus, Bonnae 1842, und bei der Korrektur noch die neue Aus
gabe von Theodor Mommsen, soweit erschienen (Theodosiani libri
XVI cum constitutionibus Sirmondianis . . . ed. Th. Mommsen et Paulus
M. Meyer. Vol. I. Pars prior et posterior. Berolini 1905), benutzt
worden. Die sämtlichen Zitate aus dem Corpus Juris civilis sind ent
nommen der dreibändigen Berliner Ausgabe: I. Codex Justinianus
recogn. Paulus Krueger. Berolini 1892; II. Institutiones recogn.
Paulus Krueger, Digesta recogn. Theodor Mommsen. Berolini
Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht. 1
2 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

die Kirche in privatrechtlicher Beziehung den Korporationen


besten Rechtes zur Seite gestellt worden"). Zwar besassen
die christlichen Gemeinden schon seit dem Anfang des dritten
Jahrhunderts bewegliches und unbewegliches Vermögen. Aber
der tatsächliche Besitz war nicht zugleich ein rechtlicher im
Sinne der Staatsgesetze. Selbst wenn es historisch nachweis
bar wäre, dass die Christengemeinden sich als collegia te
nuiorum seu funeraticia organisiert hätten“), um so die Vor
teile der erlaubten und vermögensfähigen Vereine geniessen
zu können, würde ihr Vermögensrecht noch als ein sehr
prekäres“) erscheinen müssen. Stand es doch im Belieben
1893; III. Novella e recogn. Rudolfus Schoell et Guillelmus
Kroll. Berolini 1895.
') L. Seuffert, a. a. O. S. 9 f. – J. Hergenröther und
J. P. Kirsch, Handb. der allgem. Kirchengeschichte. 1. Bd. 4. A.
Freiburg i. Br. 1902. S. 276. 323. 427. – C. Carassai, La politica
religiosa di Constantino il Grande e la proprietà della chiesa im Ar
chivio della R. Società Romana di Storia Patria. Vol. XXIV. (1901).
Roma. p. 95–157. – M. Voigt, Römische Rechtsgeschichte. 3. Bd.
Stuttgart und Berlin 1902. S. 170. – C. Schwarzlose, Die Patri
monien der römischen Kirche bis zur Gründung des Kirchenstaates.
Inaug-Diss. Berlin 1887. S. 11. – P. Fournieret, Ressources dont
l'église disposa pour reconstituer son patrimoine. Paris 1902. p.87–91.
*) Gegen diese lange Zeit fast allgemein vertretene Ansicht er
heben sich seit mehr denn einem Jahrzehnt gewichtige Stimmen, so
u. a.: A. Rivet, Le régime des biens de l'église avant Justinien. Lyon
1891. p. 7. 12. 15–25. – Duchesne, Origines du culte chrétien.
3e éd. Paris 1903. p. 399 ss. – R. Sohm, Kirchenrecht. 1. Bd.
Leipzig 1892. S.75 A. 22. –J. P. Waltzing, Etude historique sur
les corporations professionelles chez les Romains. Louvain et Bruxelles
1895–96. Tom. I. p. 141 ss. – A. Bondroit, De capacitate possi
dendi ecclesiae necnon de regio proprietatis vel dispositionis dominio in
patrimonio ecclesiastico aetate Merovingica. Tom. I. Lovani 1900.
p. 123. – J. Hergenröther und J. P. Kirsch, a. a. O. S. 311.
*) L. 1 D. de collegis et corporibus 47, 22.– Fr. Schiess, Die
röm. collegia funeraticia nach den Inschriften. München 1888. p.81 ss.
98 ss. – W. Liebenam, Zur Geschichte und Organisation des römi
schen Vereinswesens. Leipzig 1890. S.39 f. 232.267 ff. – Th. Momm
sen, De collegis et sodaliciis Romanorum. Kiliae 1843. p. 90 s. –
Q 1. Die Kirchen. 3

der Kaiser, jederzeit die harten Bestimmungen gegen die ver


botenen Vereine auf sie anzuwenden. Konstantin hat das
Verdienst, das tatsächliche Kirchengut, wie es z. B. in den
Restitutionsedikten der Jahre 3121) und 313 2) vorausgesetzt
wird, in ein rechtliches umgestaltet zu haben. Er hat die
Kirche in das öffentliche Recht eingeführt und durch die Ver
leihung publizistischer Befugnisse jene Entwicklung angebahnt,
die im Laufe der Jahrhunderte bald ein harmonisches Zu
sammenwirken der weltlichen und geistlichen Gewalt zeitigte,
bald in erbitterte Fehde und unheilvollen Kampf um die
Superiorität ausartete. Er hat auch den Grund gelegt zur
Entfaltung der Kirche auf privatrechtlichem Gebiete. Der
Aufbau des kirchlichen Vermögensrechtes vollzog sich im all
gemeinen ruhiger als die Entwicklung der Kirchenpolitik.
Doch fehlte auch hier häufiger Wechsel nicht. Die Gunst
der verschiedenen Kaiser war bald grösser bald geringer. Der
jeweilig bessere oder schlechtere Stand der Staatsfinanzen und
die Rückschläge aus den variierenden kirchenpolitischen Ver
hältnissen bewirkten zu einer Zeit eine Erweiterung, zu einer
anderen eine Beschränkung der kirchlichen Vermögensrechte,
der Privilegien und Freiheiten des Kirchengutes. Im ganzen
aber zeigt sich in der Vorjustinianischen Periode ein rasches
A. Rivet, l. c. — M. Cohn, Zum röm. Vereinsrecht. Berlin 1873.
S. 92 ff. — Waltzing, 1. c. p. 316 ss. — E. Löning, Geschichte des
deutschen Kirchenrechts. 1. Bd. Strassburg 1878. S. 202 f. - H. v.
Poschinger, Der Eigentümer de Kirchenvermögens von Christus bis
auf Justinien. München 1869. S. 5 ff.
1) Restitutionsedikt Maximins bei Euseb., Hist. eccl. 9, 11:
„ . . . . oixfaz xm‘z Xwpia roö ömaioo räiv Xpzouavrhv.“ — Rivet, l. c. p. 36 s.
2) Konstantins Edikt von Mailand: „ . . . . loca . . . . ad jus corporis
eorum . . . . pertinentia.“ — Fourneret, l. c. p. 16-25. — M. Wink
1er, Einkommensverhältnisse des Klerus im christlichen Altertum in
„Theolog.-prakt. Monatsschrift“. Passau. 10. Bd. (1899-1900). S. 77
bis 79. - A. Bi g elmair, Die Beteiligung der Christen am öffentlichen
Leben in vorkonstantinischer Zeit. München 1902. S. 202 ff. - J. Knopf,
Ueber die soziale Zusammensetzung der ältesten heidenchristlichen Ge
meinden in „Zeitschr. f. Theologie u. Kirche“. 10 (1900). S. 325-347.
4 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Anwachsen des kirchlichen Besitzes und ein solches Mass von


Rechten und Bevorzugungen der Kirche, wie es in der heid
nischen Vorzeit weder die Sakralgüter noch die privilegier
testen Kollegien genossen hatten.
Mit der Praxis hielt die Theorie nicht gleichen Schritt.
Die christlichen Kaiser vor Justinian hatten weitgehende kirch
liche Vermögensrechte verliehen, ohne dass auch nur über
den Träger dieser Rechte, über das Rechtssubjekt Klarheit
bestand. Die Theorie des Rechtes ist zwar nicht eigentlich
Sache des Gesetzgebers, steht vielmehr der Jurisprudenz zu.
Aber die Frage, wer Eigentümer des Kirchengutes sei, hätte
doch eine autoritative Beantwortung finden müssen. Das aber
war nicht geschehen. Weder Konstantin noch einer seiner
auf gesetzgeberischem Gebiete noch so bedeutenden Nachfolger
hatte die Lösung dieses Problems ernstlich versucht. Die
Kirche war leichter und schneller in das Recht aufgenommen,
als in ihrer juristischen Natur erfasst worden. Der Grund
dieser Erscheinung liegt in der Eigenart ihres Wesens, Ur
sprunges und Zweckes, wodurch sie sich von allen religiösen
und profanen Verbänden der Vorzeit unterschied 1). Gestiftet
als übernatürliche Heilsanstalt für alle Völker ohne nationale
Beschränkung erschien die Kirche ,in der Oefientlichkeit zu
gleich als internationaler Verband und als örtliche Gemeinde.
Sie als lokalen Verein aufzufassen, lag für diejenigennahe,
welche sahen, wie die Christen an den einzelnen Orten ge
schlossen bei den Kulthandlungen auftraten und bei der Aus
übung der Charitas nach gemeinsamem Plane arbeiteten. Die
Bestimmung als Weltkirche konnte in den ersten christlichen
Jahrhunderten infolge des Mangels eines internationalen Ver
ständnisses im allgemeinen und bezüglich des religiösen Kultus

1) O. G i erke, Das deutsche Genossenschaftsrecht. 3. Bd. Berlin


1881. S. 106 ff. —— U. Stutz, Kirchenrecht in Fr. v. Holtzendorff und
J. Kohlers Enzyklopädie der Rechtswissenschaft. 6. Aufl. 2. Bd. Leipzig und
Berlin 1904. S. 813 f. 816. 817 f. -— A. Athanasiades, Die Begründung
des orthodoxen Staates durch Kaiser Theodosius d. Gr. Leipzig 1902. S. 9 ff.
ä 1. Die Kirchen. 5

insbesondere selbst von den Rechtsgelehrten nicht begriffen


werden. Die Kirche galt auch in späterer Zeit nur als Reichs
kirche. Ihre territorialen Grenzen wurden gedacht als zu
sammenfallend mit denen der oixoonäw; 71‘; des römischen Welt
reiches. Unfassbar war dem klassischen Juristen der Begrifl‘
einer Religionsgesellschaft, die als selbständige Persönlichkeit
über oder neben dem Staate stehen könnte. Die Rechtsan
schauungen waren zu fest, die Autorität des alten Rechts war
zu gross, die Ueberzeugung von seiner Vollkommenheit wur
zelte zu tief, als dass der Gedanke hätte durchdringen können,
die Kirche sei eine juristische Institution besonderer Art und
bedürfe eigenen Rechtes. Die Kirche wurde deshalb in die
alten Rechtsformen eingezwängt. Der Gesetzgeber behandelte
sie wie einen Personenverband im Reiche und unterstellte sie
dem im klassischen Recht entwickelten Korporationsbegriffe.
Das Vermögen der christlichen Gemeinschaft erscheint in den
Kaisergesetzen als dem „concilium“, „conventiculum“ oder
„corpus“ der Gläubigen zugehörend 1). Mag die Gleichstellung
des Kirchengutes mit dem Korporationsgut nur dem Namen
nach vollzogen worden sein, wie R. Sohm 2) behauptet, mögen
unter den korporativen Benennungen der Kirche die Einzel
gemeinden oder die Gesamtkirche 3), die Diözesankirchen oder
1) Edikt v. J. 313 bei Lactantius, l. c. c. 48. — Edikt v. J. 321
in 1. 4 O. Theod. 16, 2 = l. 1 C. (Just) 1, 2: „Habeat unusquisque li
centiam sanctissimo catholicae venerabilique concilio deeedens bono
rum quod optavit relinquere.“ — A. Rivet‚ l. c. p. 26—-32. —— O. Ca
rassai, l. c. p. 134. 156. —— P. Fourneret, 1. c. p. 88.
2) A. a. O. S. 77.
3) Die gegen die Möglichkeit, sich die allgemeine Kirche als ju
ristische Person zu denken, erhobenen Einwendungen Försters (in
Suckow, Der Prophet. Breslau 1846. VIII, 223 u. 235): „Eine Kor
poration hat stets ein lokales Element in sich, ist räumlich begrenzt;
die allgemeine Kirche kann daher nicht Korporation‚sein“, und Dor
n ers (Kurze Erörterung der Rechtsfrage, wem das Eigentum am Kirchen
gut zusteht? Rosenheim 1868. S. 8): „Eine juristische Person, die sich
über die ganze Erde erstrecken und wachsen könnte, gibt es nicht“,
dürfen durch die neuere Theorie und Praxis im Korporationsrechte als
6 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

die Reichskirche verstanden werden, sicher ist, dass die Herr


schaft des römischen Korporationsbegrifies nicht von langer
Dauer war. „Im Leben wie im Recht,“ sagt O. Gierke 1),
„drang eine Vorstellungsweise durch, für welche die von Gott
gestiftete und vom Bischof vertretene Heilsanstalt als das
Subjekt erschien, an welches der Staat die Vermögensfahig
keit geknüpft hatte.“ Je mehr die Kirche aus der ehemals
aufgezwungenen Verborgenheit in die Oeffentlichkeit hinaus
trat, und je mehr sie sich entfaltete, desto deutlicher offenbarte
sich der Aussenwelt ihr anstaltlicher Charakter, desto erkenn
barer zeigte sich aber auch eine in ihr ruhende rechtsbildende
Macht. Jede organisierte Gemeinschaft von Menschen strebt
vermöge der dem Menschen innewohnenden Idee des Ge
rechten und infolge der Ueberzeugung von der Notwendigkeit
einer vernünftigen gesellschaftlichen Ordnung nach Aufstellung
von Rechtssätzen 2). In der christlichen Kirche war dieses
Streben umso stärker, als das Bewusstsein der unmittelbar
göttlichen Stiftung der Heilsanstalt die Mitglieder ebenso er
füllte, wie sie die Ueberzeugung beseelte, dass ihr Stifter
selbst die Grundlagen der kirchlichen Verfassung gegeben
habe, und dass die weitere Ausbildung der Grundrechte in
seinem Willen liege. Aus dem Inneren der Kirche heraus
bildete sich ein eigenes Recht, das sich unabhängig vom
Staate durchsetzte. Unter der Mitwirkung der Bischöfe er
hoben sich sehr frühe zahlreiche kirchliche Institute mit
Sondervermögen für ihre Zwecke. Vergebens sucht man im
römischen Recht nach einer Bestimmung, durch welche diesen
kirchlichen Neubildungen die Rechtsfahigkeit verliehen worden
wäre 3). Die staatliche Gesetzgebung war bei dieser inner

widerlegt betrachtet werden. H. v. P oschinger, Das Eigentum am


Kirchenvermögen.‘ München 1871. S. 16 A. 30.
1) A. a. O. 3. Bd. S. 116. -— Fourneret, l. c. p. 88 s.
2) U. Stutz, Kirchenrecht a. a. O. S. 901 f. — Derselbe, Die
kirchliche Rechtsgeschichte. Stuttgart 1905. S. 11 f.
3) Fourneret, 1. c. p. 87. 90. 95. — A. Bondroit, l. c. p. 127. —
Q 1. Die Kirchen. 7

kirchlichen Rechtsentwicklung nicht beteiligt. Sie vermochte


nicht die neuen Ideen, die sich mit dem Christentum entfal
teten, juristisch zu prägen. „Das Altertum,“ sagt O. Gierke 1),
„verharrte, auch nachdem es christlich geworden war, auf dem
eigentlichen Rechtsgebiet im Rahmen der überkommenen
Formen und im Banne der hergebrachten Begriffe. Freilich
musste, soweit die vom Christentum neu geschaffenen Institu
tionen in die äussere Rechtswelt eintraten, ihnen eine Stätte
bereitet werden. Allein dies geschah fast durchweg in mecha
nischem‘ Anschluss an das zum Schema verknöcherte System
der alten Gedanken. Die schöpferische Kraft zu gedanklichem
Neubau war dem alternden Rechtsgeist der Antike ent
schwunden.“ Die Signatur der Rechtsbildung war auf kirch
licher Seite frisches Leben, rege Kraftentfaltung, mutiges
Vorgehen, wie es der Jugend eigen ist, beim Staate senile
Schwäche, starres Festhalten am Hergebrachten und Verstei
nerung früherer Gebilde. Die Kaiser hatten Einsicht genug,
mit der Macht gegebener Verhältnisse zu rechnen. Sie ge
währten der kirchlichen Rechtskraft zumeist grosse Freiheit
in der Entwicklung. In kurzer Zeit hatte das kirchliche Ver
mögensrecht eine ungeahnte Ausbildung erlangt. Die Kirche
Fr. Thaner schreibt in „Göttingische gelehrte Anzeigen“ 160. Jahrg.
(1898) S. 293: „Es darf nicht ausser acht gelassen werden, dass die ju
ristische Persönlichkeit der Kirchen zwar nicht im Widerspruche mit
dem Wesen der Kirche ist, aber nicht wie etwas Notwendiges daraus
folgt. Sie birgt vielmehr‘ eine Gefahr für das Christentum in sich. Die
Christen werden durch sie geradezu darauf hingewiesen, ein Zweck
vermögen anzusammeln und leicht zu dem Glauben verleitet, dass sie
damit ihren Lebenszweck erfüllt hätten. Indem sie die Nächstenliebe
zu Kapital machten, liessen sie dieses für die Werke der Nächstenliebe
arbeiten, um der lästigen Sorge entledigt dem Egoismus .zu huldigen.“
Darauf ist zu erwidern, dass auch eine notwendige Folge Gefahr bieten
kann. Ein Missbrauch einer Sache kann nicht gegen deren Existenz
berechtigung und guten Gebrauch geltend gemacht werden. Die Ge
schichte der christlichen Charitas spricht gegen eine Herrschaft des
Egoismus.
1) A. a. o. 3.3.1. s. 107.
8 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

schuf zum Zwecke der Erleichterung, Verbesserung und Ver


breitung des christlichen Glaubenslebens und zur gedeihlicheren
Ausübung der Wohltätigkeit fortgesetzt neue Anstalten und
Einrichtungen mit Sondervermögen. Die Kaiser bemühten
sich, die vollendeten Tatsachen erfassend und würdigend, für
die Ausstattung derselben mit staatlichen Rechten und Privi
legien zu sorgen. Ihre Tätigkeit war vielfach nur eine die
Kirche ergänzende. U. Stutz 1) zeichnet dies Verhältnis
treffend mit den Worten: „Die jeweilige Gesetzgebung des
römischen Reichs hat die Eigentumsverhältnisse am Kirchen
gut nicht sowohl geschaffen, als sich an sie angeschlossen.
Die primäre Eigentumseinheit und der nachherige Uebergang
zu einer Mehrheit von Eigentümern von Kirchengut sind in
ihr nicht um ihrer selbst willen und direkt ausgesprochen,
haben sich vielmehr ausser ihr gebildet und können nur in
direkt aus ihr erschlossen werden.“ So die Rechtslage, wie
sie sich aus der Konstantinischen und Nachkonstantinischen
Gesetzgebung, namentlich aus dem 16. Buch des Theodosiani
schen Kodex erkennen lässt.
Justinian trat in die Fussstapfen seiner Vorgänger. Ihm
fehlte die Kraft, neue Rechtsbahnen einzuschlagen. Die grosse
Zahl seiner kirchlichen Gesetze vermag nicht den Mangel an
Originalität und legislatorischer Initiative zu verdecken. Der
Üebereifer in der Gesetzgebung, 0b dessen sich zu entschul
digen er oft für notwendig erachtete 2), hielt ihn ab, nach
tieferliegenden Prinzipien zu forschen. Das umfangreiche

1) U. Stutz, Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens von seinen


Anfängen bis auf die Zeit Alexanders III. 1. Bd. 1. Hälfte. Berlin 1895.
S. 41 A. 2. —— Derselbe in „Gött. gel. Anzeigen“ 166. Jahrg. (1904).
S. 78. Vgl. auch A. Bondroit, l. c. p. 127 s. — Coulondre, Des
acquisitions des biens par les (Etablissements de 1a religion chretienne
en droit romain et dans Pancien droit francais. Paris 1886. p. 48 ss.
58 ss. — Fourneret, l. c. p. 97.
2) Nov. 46 pr.; 49 pr.; 59 pr.; 60 pr.; 73 pr.; 74 pxx; 89 pr.;
115 c. 5 ä 14.
§ 1. Die Kirchen. 9

kirchenrechtliche Material der Novellen *) entbehrt eines ein


heitlichen juristischen Motives. Selbst über die Kompetenz
zur kirchlichen Gesetzgebung und über deren Grenzen war
der Kaiser sich nicht klar. Aengstlicher Anschluss an die
Kanones“) und verwegener Cäsaropapismus“) wechselten mit
einander ab. Sein grosses Kodifikationswerk vermehrte in
folge der Vermischung heidnisch-sakraler und kirchlicher Ver
mögensbegriffe die Rechtsunklarheit. Weder Justinian noch
die von ihm aufgestellten Kompilatoren hatten die Fähigkeit
in sich, den Bann der überlieferten Begriffe zu durchbrechen
und die neuen Rechtsideen, welche die Kirche bot, in passende
Formeln zu bringen“). An die direkte Entscheidung der Frage
nach dem Eigentümer des kirchlichen Vermögens ist auch die
Justinianische Gesetzgebung nicht herangetreten. Der juristi
schen Interpretation blieb dadurch ein weites Feld eröffnet.
Auf demselben arbeiteten bis in die jüngste Zeit viele Geister
mit verschiedenen Resultaten. Es seien nur genannt, von den
Vertretern des Eigentumsrechtes der Gesamtkirche Evelt, Per
maneder, Phillips, Vering, Lämmer, Heiner, Maas, Hirschel,
Sternberg, Hergenröther, Silbernagl, Weilbächer, Rivet“),von
) F.A. Biener, Geschichte der Novellen Justinians. Berlin 1824.
S. 11. 157 ff.
*) L. 45 C. 1, 3; Nov. 3 pr.; 5 pr., c. 2. 3. 7. 8; 6 c. 1 § 8. 3. 4;
7; 79 c. 1; 83 c. 1; 123 c.2. 6; 131 c. 1. 2; 133pr.; 137 pr, c. 1. 2.3.4.
*) A. Knecht, Die Religionspolitik Kaiser Justinians I. Würz
burg 1896. S. 146f. – H. Gelzer, Das Verhältnis von Staat und
Kirche in Byzanz. Histor. Zeitschrift, begr. v. H. Sybel. 86. Bd. (Neue
Folge 50. Bd). München u. Leipzig 1901. S. 202 ff. – H. Grisar,
Geschichte Roms und der Päpste im Mittelalter. 1. Bd. Freiburg i. Br.
1901. S. 504–507. – A. Pichler, Geschichte der kirchlichen Tren
nung zwischen dem Orient und Okzident von den ersten Anfängen bis
zur jüngsten Gegenwart. 1. Bd. München 1864. S. 78f.
*) Chr. Meurer, Der Begriff und Eigentümer der hl. Sachen.
1. Bd. Düsseldorf 1885, S. 305.
*) J. Evelt, Die Kirche und ihre Institute auf dem Gebiete des
Vermögensrechtes. Soest 1845. S. 76 ff. – M. Permaneder, Hand
buch des Kirchenrechts. 3. A. Landshut 1856. S. 832 ff. – G. Phil
1() Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

den Verfechtern des Divinaleigentums Uhrig, Seitz, J. E. Pru


ner,Thomassin, van Espen"), von den Anhängern der Kirchen
gemeindetheorie Sarpi, Savigny, Brendel, einige Zeit Walter,
Eichhorn, Keller, J. H. Böhmer, G. L. Böhmer“) und von den
Verteidigern der Proprietätsrechte der Einzelkirchen und kirch
lichen Institute Braun, Hübler, Helle, Arndts, Windscheid,

lips, Lehrbuch des Kirchenrechts. 3. A. Regensburg 1881. S.474 ff.–


F. H. Vering, Lehrbuch des Kirchenrechts. 3. A. Freiburg i. Br. 1893.
S. 765. – H. Lämmer, Institutionen des kath. Kirchenrechts. 2. A.
Freiburg i. Br. 1891. S. 650. – Fr. Heiner, Kath. Kirchenrecht,
2. Bd. 3. A. Paderborn 1902. S. 415 ff. – Maas, Ueber das Rechts
subjekt, die Vertretung, Verwaltung und Verwendung des Kirchen-,
Schul- und Stiftungsvermögens, „Archiv für kath. Kirchenrecht“ 4. Bd.
(1859) S. 583–604, 604–704; 5. Bd. (1860) S. 1–35. – Hirschel,
Das Eigentum am kath. Kirchengute, „Archiv für kath. Kirchenrecht“
34. Bd. (1875), besonders S. 283–301.– P. Ch. Sternberg, Versuch
einer juristischen Theorie vom Eigentum der kath. Kirche. Stuttgart
1860. – J. Silbernagl, Lehrbuch des kath. Kirchenrechts. 4. A.
Regensburg 1903. S. 690 ff. – P. Weilbächer, Wer ist Eigentümer
des Kirchenvermögens nach gem. Recht? Limburg a. d. Lahn 1888.
S. 18 ff. – Rivet, l. c. 26 ss.
*) A. J. Uhrig, Das Kirchengut. Augsburg 1867. S. 86ff. –
E. Seitz, Recht des Pfarramts der kath. Kirche. I. Teil. Regensburg
1840. S. 316ff. – J. E. Pruner, Lehre von Recht und Gerechtigkeit.
2 Bde. Regensburg 1857. 2. Bd. S. 209. – L. Thomassin, Vetus
et nova eccl. disciplina circa beneficia et beneficiarios. Mogontiaci 1788.
Pars III. lib. 3. c.26–33. – Van Espen, Jus eccles. univ. Coloniae
Agrippinae 1748. Tom I. tit. 32. c. 3. 4.
*) P. Sarpi, Von dem Kirchengut. Aus dem Italienischen über
setzt von J. G.Streb. Frankfurt u. Leipzig 1786. S. 16f. 90. 101 f.–
Fr. K. v. Savigny, System des heutigen römischen Rechts. 2. Bd.
Berlin 1840. S. 264ff. – S. Brendel, Kirchenrecht. 2. Bd. Bam
berg 1840. § 449. – F. Walter, Kirchenrecht. 1.–9. A. § 251.
Bonn 1822 ff. – K. Fr. Eichhorn, Grundsätze des Kirchenrechts.
2. Bd. Göttingen 1831. S. 648. – Fr. L. v. Keller, Pandekten.
2. A. 1. Bd. Leipzig 1866. S. 85. – J. H. Böhmer, Institutiones
Iur. Can. Halae Magdeburgicae 1741. Lib. I. tit. I. § 4. 5. –
G. L. Böhmer, Principia Jur. Can. Gottingae 1791. Lib. III. sect. V.
tit. V. § 612. § 614.
§ 1. Die Kirchen. 11

Brinz, Dernburg, Schulte, Poschinger, Richter,Walter, Fried


berg, Sägmüller, Meurer und Sohm ).
Die gemeinsame Grundlage der angeführten verschiedenen
Theorien ist die l. 25 (26) C. de ss. eccl. 1, 2 vom 20. Ok
tober 530. Justinian klagt in dieser Konstitution, dass ihm
eine grosse Anzahl letztwilliger Verfügungen vorgelegt worden
sei, in denen schlechthin Jesus Christus als Erbe ohne jeg
liche Bezeichnung eines heiligen Hauses (pi) Tp00des ebxriptow
oxov 3Sva) eingetragen war. Unter anderen sei ihm auch
ein Testament eines den vornehmen Ständen angehörenden,
im Recht und in sonstigen Wissenschaften erfahrenen Mannes
unterbreitet worden, worin der Testator Erzengel und Mär
tyrer bedacht hatte, ohne ein heiliges Haus erwähnt zu haben
(pi) Toyoäpsyos oxoo pysiay). Da hierdurch nach den alten
Gesetzen (xard Tobs To Matob: vöpoo) eine grosse Unsicherheit
') J. B. Braun, Das kirchliche Vermögen von der ältesten Zeit
bis auf Justinian I. Giessen 1860. S. 20–52. – B. Hübler, Der
Eigentümer des Kirchengutes. Leipzig 1868. S. 78.85f.; vgl. U.Stutz,
Das Preussische Allgemeine Landrecht und der Eigentümer des Kirchen
gutes. Festgabe für B. Hübler. Berlin 1905. – H. Helle, Das
kirchliche Vermögen von der ältesten Zeit bis auf Konstantin den
Grossen. Paderborn 1876. S. 40. 56 ff. – L. Arndts, Lehrbuch der
Pandekten. 12. A. Stuttgart 1883. S. 58. – B. Windscheid, Lehr
buch des Pandektenrechtes. 1. Bd. 7. A. Frankfurt 1891. S. 142. –
A. Brinz, Lehrbuch der Pandekten. 2. Bd. 2. A. Erlangen 1873.
S. 1019. – H. Dernburg, Pandekten. 1. Bd. 4. A. Berlin 1894.
S. 142ff.–J. F. Schulte, De rerum eccl. dominio. Berol. 1851. p. 24.–
Derselbe, Das kath. Kirchenrecht. 2. T. System des allgemeinen kath.
Kirchenrechts. Giessen 1856. S. 477 ff. – Derselbe, Die juristischen Per
sonen der kath. Kirche. Giessen 1869. – Poschinger, Das Eigentum
am Kirchenvermögen. S.38ff.– Aem. L. Richter, Lehrbuch des kath.
und prot. Kirchenrechts. 8. A. Leipzig 1877–86. § 302. – F. Walter,
Lehrbuch des Kirchenrechts. 14. A. Bonn 1871. § 251. – E. Fried
berg, Lehrbuch des kath. und evang. Kirchenrechts. 5. A. Leipzig
1903. S. 538ff. – J. B. Sägmüller, Lehrbuch des Kirchenrechts.
Freiburg 1904. S. 778. – Meurer, Der Begriff und Eigentümer der
hl. Sachen. 1. Bd. S. 290 ff.; 2. Bd. S. 111 ff. – Vgl. Weilbächer,
a. a. O. S. 20 f. – R. Sohm, Kirchenrecht. S. 75 ff. mit A. 22.
12 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

(to))) &önix) entstehe, so verordne er wie folgt: „Wenn


jemand unseren Herrn Jesus Christus als Erben bezeichnet
hat, so soll die in jener Stadt, in jenem Dorfe oder in jener
Gegend, wo der Verstorbene sich aufgehalten hat, befindliche
Kirche (Sz) 70ia) als Erbin zu betrachten sein... . Das Gleiche
soll gelten bei einem hinterlassenen Legat oder Fideikommiss.
Auch diese sollen den Kirchen (rais & totärzt; &xx)70iat)
zukommen zur Verwendung für die Armen (Sp” prs si: Troyöw
Torpophy abrá rpoyopsy). Wenn aber einer von den heiligen
Erzengeln oder den verehrungswürdigen Märtyrern genannt
ist ohne Bezeichnung eines bestimmten Hauses (000), so soll,
wenn in jener Stadt oder in deren Umgebung ein frommes
Haus (söxrjpto: oxo) zu Ehren jenes heiligen Erzengels oder
Märtyrers sich findet, dieses als Erbe eingesetzt gelten, in Er
mangelung derartiger solche in der Metropole (robe xard rhy
pyrpóToty 08320pioog oxoos). . . . Wenn aber ein solches Haus
(oxos) daselbst sich nicht findet, so sollen die Ortskirchen
(rös war röroy & toräraç Sex)70iag) auch dies erhalten. Denn
es ist klar und billig, dass den heiligen Kirchen alle die
übrigen Häuser nachstehen . . . (A7)oyört rais & totárats
Sxx)70iat &Toyrs of Xoro öxaios Topayopoösty oxo). . . . Hat
der Verstorbene einen bestimmten Ort nicht genannt und fin
den sich in jener Stadt oder in deren Umgebung mehrere
fromme Häuser (söxrjpta Tod adsoröra), so soll, wenn der
Verlebte eines derselben häufig besucht und für dasselbe eine
besondere Vorliebe gezeigt hat, dieses das Legat erhalten.
Lässt sich ein solches nicht eruieren, dann soll ein derartiges
Legat oder Testat als dem ärmsten und der Unterstützung
am meisten bedürftigen Hause gleichen Namens (rp. 5)Mov
Sx roö öroö övóparo: Svöss0répp op at ösopéyp Boydeix)
hinterlassen anzusehen sein.“
In fast gleichem Wortlaute wiederholt Justinian diese
Entscheidung in der Nov. 131 Kap. 9 vom 18. März 545.
Dadurch entfällt von selbst der Einwand, die l. 25 habe, weil
nicht glossiert, nur einen zweifelhaften Wert.
§ 1. Die Kirchen. 1Z

Welche „alte Gesetze“ hatte der Kaiser wohl im Auge?


Zunächst ist zu denken an die Konstitution Konstantins,
1.4 C. Theod. 16, 2= 1. 1. C. (Just) 1,2: „Habeat unusquisque
licentiam sanctissimo catholicae (sc. fidei) venerabilique concilio
decedens bonorum quod optavit relinquere. Non sint cassa judi
cia.“ Am 7. April 529 war der Justinianische Kodex dem Prä
fekten des Orientes, Menna,zur Publikation übermittelt worden.
In dem Publikationspatent (Constitutio „Summa reipublicae“)
hatte Justinian die Allegierung der Konstitutionen aus anderen
Sammlungen bei Strafe verboten und den Kodex für das ein
zige im römischen Reiche gültige Gesetzbuch erklärt"). Andert
halb Jahre waren seitdem verflossen, und der Kaiser musste
fühlen, dass das neue Gesetzbuch den Zeitbedürfnissen nicht
genügte. Die Konstitution Konstantins war, wie noch eine
Reihe diesbezüglicher Kaisergesetze desTheodosianischen Kodex,
zu vag. Dem ersten christlichen Kaiser war es darum zu tun
gewesen, dem religiösen Verband der Christen das zu den
Zeiten der Verfolgungen entrissene Vermögen wieder zu ver
schaffen“) und den Erwerb neuer Güter unter Lebenden und
von Todes wegen zu sichern. Die textliche Fassung seines
Willens in die Formen des römischen Korporationsrechtes
entsprach der Rechtsanschauung seiner Zeit. Sie war auch
in der Praxis genügend, da die sämtlichen Christen eines
Ortes korporativ auftraten und noch nicht in einzelne selb
ständige Bezirke abgeteilt oder bestimmten Einzelkirchen zu
gewiesen waren. Der Mittelpunkt der Gemeinde war der
Bischof. Um ihn scharten sich die Christen als eine ge
schlossene Einheit. Er war der Repräsentant des „concilium“.
') K. Esmarch, Römische Rechtsgeschiche. 3. A. Kassel 1888.
S. 438.
*) Lactantius, De morte persec. c. 48: „Et quoniam idem
Christiani non ea loca tantum, ad quae convenire consuerunt, sed alia
etiam habuisse noscuntur ad jus corporis eorum, id est ecclesiarum, non
hominum singulorum pertinentia, ea omnia lege, qua superius com
prehendimus, circa ullam prorsus ambiguitatem vel controversiam isdem
christianis, id est corpori et conventiculis eorum reddi jubebis. .. .“
14 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Zuwendungen, welche diesem „concilium“, „collegium“, „cor


pus“ oder „conventiculum“ gemacht wurden, fanden den Weg
zu dem Honorierten und ihre entsprechende Verwendung 1).
Als in der Folgezeit mit der Ausbreitung des Christentums
im Anschluss an die Errichtung von Nebenkirchen kleinere
Verbände von Gläubigen an den verschiedensten Orten gebildet
wurden, blieb der Bischof wie für den Glauben und die Dis
ziplin so auch für die vermögensrechtlichen Verhältnisse noch
das Zentrum 2). Bei Zweifeln und Streitigkeiten entschied
sein autoritatives Wort. Die Staatsgewalt hatte keinen Anlass,
in solchen Fragen einzugreifen. Nur wo das kirchliche Eigen
tum durch die Häretiker gefährdet war, trat die kaiserliche
Gesetzgebung zum Schutze des Rechtes der „catholica ecclesia“ s)
auf. Im übrigen konnte das Vermögensrecht im Inneren der
Kirche sich frei entwickeln. In den korporativen Ausdrücken
„concilium“, „collegium“, „corpus“, „conventiculum“ liegt
ebensowenig wie in dem von späteren Kaisern gebrauchten
Worte „ecclesia catholica“ eine authentische Lösung der kirch
lichen Eigentumsfrage. Der Gebrauch der ersteren war nahe
gelegt durch das weit ausgebildete Vereinsrecht jener Zeit.
Letzteres diktierte die zeitgeschichtliche Notwendigkeit einer
allen erkennbaren Unterscheidung der Kirche von den zahl
reich auftauchenden Sekten. Weder die Theorie von dem
Eigentum der Gesamtkirche, noch die neuestens wieder von
Bondroit 4) verteidigte These eines dominium eminens findet
in den angeführten Bezeichnungen eine haltbare Stütze. Allzu

1) H. Schäfer, Pfarrkirche und Stift. Kirchenrechtliche Ab


handlungen, herausg. v. U. Stutz. 3. Heft. Stuttgart 1903. S. 32.
2) Poschinger, Das Eigentum S. 42. — U. Stutz in
Realenzyklopädie für prot. Theologie und Kirche. 3. Aufl., 15. Bd.
Leipzig 1904. S. 240. -— Fr. Gillm ann, Das Institut der Chorbischöfe
im Orient. München 1903. S. 122 f.‘ 126 f.
3) Eusebius, De vita imp. Constantini 3, 64. 65. — L. 43 G.
Theod. 16, 5; l. 52. 54. 57. 65 eod.
4) L. c. p. 123-136.
§ 1. Die Kirchen, 15

kühn ist die Schlussfolgerung, welche der eben genannte,


sonst scharfsinnig und gründlich arbeitende Autor aus dem
Gebrauche des „catholica ecclesia“ in Kaisergesetzen mit den
Worten zieht: „Haec . . . ostendunt principes catholicos haud
concepisse ecclesias catholicas institutaque christiana ut toti
dem collegia independentia relate ad bona. Juxta ipsos,
ecclesiae individuae jus et proprietatem possidebant; at sub
auctoritate suprema Ecclesiae universalis, a qua deficere non
poterant, quin bona, quae hac defectione a patrimonio eccle
siastico detrahere voluissent, „Ecclesiae catholicae' restituerent,
His et aliis similibus locutionibus ostendunt principes, se supra
jus ac proprietatem singulorum institutorum dominium eminens
universale catholicae Ecclesiae concipere. Hoc non impedit,
ut credimus, quominus, ad praxim quod attinet, subjectum
patrimonii ecclesiastici apud singula religionis christianae in
stituta reponant“ ").
Dem Geiste des älteren römischen Rechtes und besonders
des römischen Genossenschaftsrechtes entspricht es mehr, unter
„concilium“ etc. und unter „ecclesia catholica“, welch letzterer
Ausdruck in den Kaiserkonstitutionen ebenso viel in der Mehr
zahl wie in der Einzahl gebraucht ist, ein lokales Eigentums
subjekt zu verstehen. Der alte Gothofred dürfte recht haben,
wenn er bei der Kommentierung der l. 4 C. Theod. 16, 2
schreibt: „Concilium nempe est quodcunque tandem corpus
speciale cujusque loci. . . . Ut proinde fallantur . . . qui
concilium hic pro synodo ecclesiastica accipiunt; quos vel titulus,
sub quo haec lex posita est, refutat. Contra, recte hic Graeci
et Basilica lib. I. tit. I. verterunt rơīç ởfíatç èxx), moíatç. Deni
que concilium est corpus speciale cujusque loci: et hic con
cilium catholicae, pro ecclesia catholica. . . . Ita concilium
naviculariorum dicitur, non omnium in orbe Romano vel in
imperio orientis, verum speciale cujusque loci, veluti Alexan
drinorum, Carpathiorum. . . .“ ”).
") B on droit, l. c. p. 135 s.
*) Goth o fre du s, Comment. ad l. cit. ed. Ritter. Lipsiae 1736.
16 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Ob in Konstantinischer Zeit das örtliche Subjekt des


Kirchenvermögens staatlicherseits als Korporation oder als
Anstalt betrachtet worden ist, lässt sich schwer entscheiden.
Schliesst sich auch die sprachliche Formulierung der betrefien
den Gesetze an das Kollegienrecht an, so hat, wie Meurer 1)
sagt, doch weder „concilium“, noch „corpus“, noch „conven
ticula Christianorum“ die notwendige Bedeutung eines kom
munalen Verbandes. Auch die Tatsache, dass die Kirche in
der Vorkonstantinischen Periode Eigentum besass, gibt kein
Recht zu einem sicheren Schluss auf korporativen Besitz.
„Die Anschauung,“ schreibt Sohm 2), „dass die Gemeinde Eigen
tümerin des Kirchengutes sei, und dass die Gemeinde Gewalt
über das Kirchengut habe, ist der ganzen alten Zeit durch
aus unbekannt. Auch für die Vermögensverwaltung gilt nicht
Genieindeprinzip im modernen Sinne des Wortes, sondern
Autoritätsprinzip: Verwaltung nicht kraft Gemeindeauftrags,
sondern kraft des Auftrags, welcher von oben her, von Gott durch
das Charisma gegeben worden ist.“ Waren die Gemeinde
glieder, die Laien von der kirchlichen Vermögensverwaltung
ausgeschlossen, stand, wie oben (S. 13 f.) bemerkt, die Rege
lung der Güterverhältnisse in der Macht des Bischofs, dann
ist nicht einzusehen, wie der Gesamtheit der Laien ein Eigen
tumsrecht hätte zustehen können. Entscheidend war bei den
vermögensrechtlichen Fragen stets der Zweck. Das Kirchen
gut sollte und konnte nicht dem Nutzen eines einzelnen Men
schen oder einer Gesamtheit von Menschen, einer Gemeinde
dienen, sondern hatte die Bestimmung, primär zum Dienste
Gottes verwendet zu werden. Diesem Zwecke entsprach die
Form des Korporationsvermögens nicht, wohl aber die des

p. 28. — G. Haenel, Corp. Iur. Rom. antejust. Bonn 1842. p. 148251.


— Poschinger, Das Eigentum S. 40. —— Vgl. dagegen Hir
schel, a. a. 0. S. 291.
1) A. a. O. 1. Bd. S. 342. — Braun, a. a. O. S. 26.
2) A. a. O. S. 77 f.
ä 1. Die Kirchen. 17

Anstaltsvermögens 1). Nach dieser Richtung entwickelte sich


naturgemäss aus dem Inneren der Kirche heraus und ihrem
Wesen entsprechend das kirchliche Eigentumsrecht. Das
römische Recht wurde dann gezwungen, neben dem all
gemeinen Begriff des Korporationsvermögens den besonderen
des kirchlichen Anstaltsvermögens in sich aufzunehmen 2).
Damit gelangte es auch, wie Sohm 3) bemerkt, zu der Zwei
teilung der juristischen Personen, welche uns heute noch ge
läufig ist 4).
Wann der Anstaltsbegriff der Kirche im römischen Recht
sich festgesetzt hat, lässt sich nicht genau bestimmen. In
den Kaiserkonstitutionen des fünften Jahrhunderts hat er be
reits feste Stellung gefasst. Das Kirchengut erscheint in den
Gesetzen dieser Zeit schon als Anstaltsgut. In der Praxis
hatte der Begrifi bereits vorher geherrscht. Durch das Wohl
wollen der Kaiser, das Entgegenkommen der nach den kaiser
lichen Intentionen handelnden Gerichtsorgane und durch die
kraft kaiserlicher Uebertragung von den Bischöfen ausgeübte
zivile Jurisdiktion‘) wurden gesetzliche Ungenauigkeiten bei
frommen Schenkungen ohne Schwierigkeit zu Gunsten der
heiligen und wohltätigen Zwecke gehoben. Die spätere Be
schränkung und schliessliche Aufhebung der bürgerlichen Ge
richtsbarkeit der Bischöfe, die Durchführung der zivilen Ge
richtsorganisation im römischen Reiche und die Kodifizierungen

1) Sohm, a. a. O. S. 77 A. 22.
2) A. Brinz‚ Lehrbuch der Pandekten. 2. Aufl. 3. Bd. Er
langen 1886. S. 466.
3) A. a. O. S. 77.
4) H. Dernburg, Pandekten. 1. Bd. 4. A. Berlin 1894. S. 138 ff.
147f. -— Derselbe, Das bürgerliche Recht des Deutschen Reiches und Preussens.
1. Bd. 2.A. Halle a. S. 1902. S. 1651i‘. 1961i‘. -— F. Endemann, Lehr
buch des bürgerl. Rechts. 1. Bd. 6. A. Berlin 1899. S. 191 fl‘. 216 fi‘.
— K. Birkmeyer, Enzyklopädie der Rechtswissenschaft. Berlin 1901.
S. 643 f. — Chr. Meurer, Die juristischen Personen nach deutschem
Reichsrecht. Stuttgart 1901. S. 8 fl‘.
5) Seuffert, a. a. O. S. 19 f. — E. Löning, a. a. O. S. 293 ü‘.
K n e c h t , Justinianisches Kirchenvermögensrecht. 2
18 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

des Rechtes bedingten mehr ein Vorgehen nach dem strengen


Wortlaute des Gesetzes als Entscheidungen nach wohlwollen
dem Ermessen. Durch die äussere Autorität und die aus
schliessliche Geltung, mit der speziell Justinian seinen Kodex
ausgestattet hatte, musste in der gerichtlichen Praxis die
innere Schwäche mancher alter Bestimmungen offenkundig
werden. Mit der l. 25 konnte auch der beste Richter den
Anforderungen der innerhalb zweier Jahrhunderte erfolgten
kirchlichen Rechtsentwicklung nicht mehr gerecht werden.
Das „concilium catholicae“ hatte eine Vielheit von selbstän
digen juristischen Wesen erzeugt. Die zahlreichen Rechts
fälle, die an den Kaiser schon in seinen ersten Regierungs
jahren zur Entscheidung gebracht wurden, zeigten die Insuf
fizienz der alten Gesetze und die Notwendigkeit neuer, dem
vorgeschrittenen kirchlichen Rechtsleben paralleler Bestim
mungen. Justinian schritt zur Tat in der Ueberzeugung, dass
„die Veränderlichkeit der menschlichen Verhältnisse, welche
nie auf dem gleichen Punkte stehen bleiben, sondern beständig
wechseln, Störungen in den Gesetzen hervorbringe, und dass
die Mannigfaltigkeit der Fälle oft das erschüttere, was früher
ganz angemessen, fest und durch das Alter geheiligt war“ 1).
Bei der Bezugnahme des Kaisers auf „alte Gesetze“ könnte
auch gedacht werden an die Bestimmungen über die Erb
unfähigkeit der incertae personae (1. 9 ä9 D. de hered. instit.
28, 5), zwar nicht in dem Sinne, als ob der Kaiser einen
Mangel jeder juristischen Persönlichkeit gesehen hätte, viel
mehr nach der Richtung, dass die Unterlassung einer genauen
Benennung der Individualität des Honorierten eine Gefahr für
die Zuwendung bot. Zwar hatten schon Valentinian und
Marcian in l. 24 C. 1, 3 (24. April 455) bezüglich der Erb
einsetzung von Armen, und Leo in l. 28 h. t. (18. August 468)
hinsichtlich letztwilliger Anweisungen von Mitteln zum Loskauf

1) Nov. 49 pr. Vgl. auch Nov. 46 pr.; 59 pr.; 60 pr.; 73 pr.;


74 pr.; 84 pr.
ä 1. Die Kirchen. 19

von Gefangenen die Einwendung der incertae personae be


seitigt. Ebenso hatte Justinian selbst in l. un. C. de incertis
personis 6, 48 (wenn diese echt ist) nach der gleichen Richtung
physische und juristische Personen, darunter auch die Kirchen
und Wohltätigkeitsanstalten, im allgemeinen gesetzlich ge
schützt. Aber über die Frage, ‘welchem von verschiedenen
an einem Orte bestehenden, in der letztwilligen Verfügung
nicht näher bestimmten religiösen Häusern eine Erbschaft oder
ein Legat zufallen sollte, konnten und mussten Zweifel sich
erheben.
Die Exegese der l. 25 (26) C. 1, 2 mit Novelle 131 Kap. 9
ergibt als allgemeine Sätze:
1. Justinian kennt kein Divinaleigentum, ebenso
wenig ein Eigentum der Engel und Heiligen. Nach
den vielen gründlichen Untersuchungen, die über diese These
bisher erschienen sind 1), genügt es, mit Meurer 2) zu sagen:
„Aus der angezogenen constitutio geht zweierlei hervor:
a) dass in vielen Testamenten Christus, in weniger zahl
reichen ein Erzengel oder Märtyrer, entweder als heres ex asse
oder als heres ex semisse oder auf einen anderen ungleichen
Teil neben einem Menschen, eingesetzt wurde;
b) dass trotz dieser Erbeinsetzung oder einer legatarischen
oder fideikommissarischen Zuwendung weder Christus noch der
betreffende Heilige juristischer Eigentümer wurde.“
Die Argumente, welche Seitz, Uhrig u. a. m. aus der
vorstehenden Konstitution zu Gunsten der Theorie einer gött
lichen Proprietät schöpfen wollen, sind oft, in besonders ein
gehender Weise von Poschinger 3) und Meurer 4), widerlegt
worden. Es genügt hier, auf die einschlägige Literatur zu
verweisen. Die Untersuchungen über diese These dürfen als
abgeschlossen betrachtet werden. Ernstlich kann heutzutage
1) Vgl. die S. 9 fi‘. angeführte Literatur.
2) A. a. O. 1. Bd. S. 290.
3) Das Eigentum . . . S. 66-71.
4) A. a. O. 1. Bd. S. 282-285.
20 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

ein Legist und ein Kanonist die Divinaltheorie nicht mehr


vertreten.
Eine Frage soll indes hier noch beantwortet werden,
nämlich die, ob Justinian mit der l. 25 (26) C. 1, 2 in Wider
spruch getreten sei mit der früheren christlichen Rechtsauf
fassung, ob das ältere Recht ein Divinaleigentum angenommen
habe. Die Antwort muss eine verneinende sein. Zum Beweise
eines göttlichen Eigentumsrechtes wird vielfach die Analogie
des altrömischen Sakralrechtes angeführt. Selbst ein Savigny
stand nicht an, zu schreiben 1): „Die alten Götter wurden ge
dacht als individuelle Personen ähnlich den einzelnen sichtbar
umherwandelnden Menschen; nichts war natürlicher, als dass
jeder derselben sein eigenes Vermögen haben konnte, und es
war eine Fortsetzung desselben Gedankens, wenn auch der in
einem einzelnen Tempel verehrte Gott wieder eine besondere
juristische Person darstellte, a selbst eigene Privilegien erhielt.“
Eine kaiserliche Konstitution, die durch ihren Wortlaut
letztere Ansicht stützen würde, fehlt. Zu diesem Mangel einer
formellen Bestätigung gesellt sich die Unmöglichkeit einer
sachlichen Bekräftigung aus dem heidnischen Sakralrecht.
Der römische Götterkult war in seinem Wesen derart vom

1) A. a. O. 2. Bd. S. 264. — Seitz, Recht des kath. Pfarramtes.


1. Bd. S. 316: „Wie grundlos die Behauptung sei, diese Theorie der
göttlichen Proprietät stehe mit unseren Rechtsbegriffen in Widerspruch,
widerlegt sich schon dadurch, dass zur Zeit der Blüte der nämlichen
Jurisprudenz, welche wir bewundern, von einer fremden Nation entliehen
und zur vaterländischen gemacht haben, die Römer bestimmten Gott
heiten, die sie gewissermassen mit Oivität bekleideten, Erbfähigkeit zu
gestanden.“ - Uhrig a. a. O. S. 19 u. 46. Derselbe in Tüb. Theol.
Quart-Schr. 1878 S. 559: „Diese Rechtsanschauung (von der Proprietät
der Götter) wurde auch nachher bis zur Regierungszeit des Kaisers
Justinian I. ohne die geringste Veränderung festgehalten, als vom
Kaiser Konstantin d. Gr. an das Christentum Staatsreligion geworden
war. An die Stelle der heidnischen Götter trat nämlich der Eine wahre
Gott.“ — Noch andere ähnliche Stellen sind angeführt von Poschinger
S. 9 ff. und Meurer S. 280 fl‘.
ä 1. Die Kirchen. 21

Christentum verschieden, dass eine Rezeption des sakralen


Eigentumsrechtes ausgeschlossen war. Im alten Rom war die
Religion eine Funktion des Staates, ein Zweig der Staats
verwaltung wie die Justiz und das Finanzwesen 1). Ein König,
kein Gott, nicht einmal ein Dichter oder Prophet hatte, wie
die Sage lehrt, Religion und Kultus geschaffen. Der Staat
galt als älter und ehrwürdiger denn die Götter, und der Götter
wille musste sich nicht selten unter den Menschenwillen
beugen 2). Die Götter bedurften, um öffentlich verehrt werden
zu können, der förmlichen Aufnahme in den römischen
Staat. Das Zwölftafelgesetz hatte sogar die private Vereh
rung anderer Götter verboten s), und Tertullian konnte noch,
obwohl später der häusliche Kult sehr ausgebildet war, ein
Gesetz erwähnen, wonach keine Götter eingeführt werden
durften, ohne dass ein Senatsbeschluss es genehmigt hätte 4).
Weder die dii patrii der Römer noch die rezipierten perc
grinischen Gottheiten waren mit juristischer Persönlichkeit
ausgestattet 5). Im Gegensatze zu Mühlenbruch6), Gierke7),

1) A. De-Marchi, Il culto privato di Roma antica. Milano


1896. p.1 ss. 13 ss.
2) G. Grupp, Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit. 1. Bd.
München 1903. S. 8 fl‘.
3) Cic., De leg. 2, 8: Separatim nemo habessit deos; neve novos,
sive advenas, nisi publice adscitos, privatim colunto.
4) De-Marchi, l. c. p. 27 ss. —— Grupp, a. a. O. S. 11.
5) M. Voigt, Römische Rechtsgeschichte. 2. Bd. Stuttgart 1899.
S. 326 u. 329 f. ’
ß) Chr. Fr. Mühlenbruch, Rechtliche Beurteilung des Städel
schen Beerbungsfalles. Halle 1828. S. 167 ff. ——— Derselbe in Chr. Fr.
Glück, Ausführl. Erläuterung der Pandekten. 39. Teil. Erlangen 1837.
S. 444 f.: „Man dachte sich die Götter als lebende und unter den
Menschen wandelnde Individuen. Die Persönlichkeit derselben haftete
an ihnen selbst, nicht an den Tempeln und den dazu gehörigen Dota
tionen.“
7) A. a. O. S. 64: „Die Rechtssubjektivität der Götter tritt neben
die Befugnissphären des populus und der privati als eine eigenartige
dritte Institution. . . . . Keineswegs aber ist damit der Gott ein der All
22 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Müller 1), Meurer 2), Mommsen 3), Marquardt 4), Löning 5),
welche die Rechtssubjektivität aller Götter verteidigen, und
zu Karlowa6), dem eine selbständige Vermögenspersönlich

gemeinheit und dem Individuum koordiniertes drittes Zentrum der


Rechtswelt geworden! Seine irdische Rechtssubjektivität ist nicht ein
selbstverständlicher Ausfluss seiner überirdischen Persönlichkeit, sondern
eine von der souveränen Gemeinde innerhalb ihres jus pnblicum voll
zogene Attribution.“ Wenn die Götter juristische Personen wären,
müsste der letzte Satz voll gebilligt werden.
1) Th. A. Müller, Ueber das Privateigentum an kath. Kirchen
gebäuden. München 1883. S. 13: „Die populär-heidnische Religions
ansicht der Römer gestaltete die Götter nicht als pure Geister, sondern
als unter den Menschen wandelnde Wesen mit menschlicher Lebens
weise und Sitte. Darum war nichts natürlicher, als dass jeder der
Götter sein eigenes Vermögen haben konnte, und es war eine Fort
setzung desselben Gedankens, wenn auch der in einem einzelnen Tempel
verehrte Gott wieder eine besondere juristische Person vorstellte.“
2) A. a. O. S. 270—282. S. 280: „Die Götter sind im Privatrecht
Rechtssubjekte, also Personen im technischen Sinn.“ S. 282: „Der Gott
ist eine in einer individuellen Leiblichkeit existierende Rechtswesenheit;
aber diese Körperlichkeit verschmäht sämtliche Schranken der mensch
lichen Daseinsweise und ähnelt auf diese Weise täuschend der rein
geistigen Existenzform‚ wodurch er als unkörperliche Person in Betracht
kommen könnte. So steht die römische Gottheit zwischen den körper
lichen und unkörperlichen Personen als ein Machtträger eigener Art,
von beiden etwas entlehnend und von beiden gleichmässig verschieden.“
i) Th. Mommsen, Römisches Staatsrecht. Leipzig 1877. S. 57 fi‘.
4) Joach. Marquardt, Römische Staatsverwaltung. 3. Bd.
2. Aufl. Leipzig 1885. S. 224.
5) A. a. O. 1. Bd. S. 218.
°) O. Karlowa, Römische Rechtsgeschichte. 2. Bd. Leipzig 1901.
S. 862: „Sollen wir schliessen, dass die sämtlichen altrömischen Götter
einsetzungsfahig, also in bürgerlicher Beziehung als selbständige Ver
mögenssubjekte anzusehen gewesen seien? Meines Erachtens nicht. Sie
erhielten die für ihren Dienst notwendige Ausstattung durch die für
denselben eingesetzten priesterlichen collegia, eventuell durch das
römische Volk: ein Vermögen jedes dieser Götter, welches vom Ver
mögen der priesterlichen Kollegien verschieden gewesen wäre, gab es
nicht. Diesen Göttern nun durch besonderes Privilegium Erbeinsetzungs
fähigkeit zu verleihen, bestand keinerlei Bedürfnis, während bei den
ä 1. Die Kirchen. 23

keit nicht für sämtliche altrömische Götter, sondern nur


für die fremden Gottheiten gegeben und gefordert zu sein
dünkt, behauptet Voigt 1) mit guten Gründen, dass die
juristische Persönlichkeit der Götter in Wahrheit sich als eine
pia causa erweise: als ein selbständiger Vermögenskomplex,
dem die Verwirklichung eines vorgeschriebenen Zweckes und
damit eine juristische Interessensphäre unmittelbar prädestiniert
sei. „Und so nun treten,“ schreibt der letztgenannte Autor 2),
„die Götter als die von der Volksanschauung substituierten
Subjekte des Tempelschatzes mittels ihrer beschliessenden,
wie vollziehenden Organe als Person, wie als Rechtssubjekt
innerhalb der vermögensrechtlichen Verhältnisse auf, wobei
indes denselben die testamenti factio samt dem die capacitas
begründenden jus liberorum, nur insoweit durch individuelles
Privileg verliehen, zukömmt.“
Ob nach dem bekannten Fragment aus Ulpian 3) die
Volksanschauung alle Götter als des Privilegs der testamenti
factio passiva fähig oder bedürftig gehalten habe, oder ob, wie
Karlowa 4) meint, nur den peregrinen Gottheiten die Erbein
setzungsfähigkeit verliehen worden sei, ist für die prinzipielle
Frage der Vermögensfahigkeit der Götter irrelevant. Faktisch
war nicht die Gottheit, sondern die pia causa Eigentümerin
des ersterer zugedachten Vermögens, soweit überhaupt be
sonderes „Göttergut“ in Betracht kam und nicht das für sakrale

fremden Gottheiten, deren Unterhalt keine Pflicht des römischen Volkes


war, die Sache anders lag.“ Vgl. auch S. 59-61.
1) A. a. O. 2. Bd. S. 329. Derselbe, 3. Bd. S. 172 f.
2) A. a. O. 2. Bd. S. 329 f.
s) Ulp. 22, 6: „Deos heredes instituere non possumus praeter eos,
quos senatusconsulto, constitutionibus principum instituere concessum est,
sicuti ‚Iovem Tarpeium, Apollinem Didymaeum Mileti, Martem in Gallia‚
Minervam Iliensem, Herculem Gaditanum, Dianam Ephesiam, Matrem
Deorum Sipylenem, Nemesim, quae Smyrnae colitur, et Oaelestem Sali
nensem Carthagini.“ — Galante‚ l. c. p. 2l-—27.
4) A. a. O. S. 862.
24 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Zwecke bestimmte Staatsgut oder Gemeindegut"). Deutlich


zum Vorschein trat das Rechtsinstitut der pia causa seinem
Wesen nach allerdings erst in der christlichen Kaiserzeit, als
die kirchlichen Anstalten sich auftaten. Der juristische Aus
druck sö0eß: airia scheint sogar erst von Justinian geprägt
worden zu sein“).
Mit dem Wesen des römischen Götterkultus und mit der
Art der Kulteinrichtungen sind auch schwer vereinbar die
Theorien von dem Eigentumsrecht der Priesterkollegien“) am
Tempelgute und von dem der Tempel selbst. Die Priester
waren zugleich Staatsdiener, wie die Religion Staatsreligion.
Das Priestergut war Staatsgut, und den Priestertümern fehlte
die juristische Persönlichkeit“). Der Idee von einem Ver
mögensrecht der Tempel gibt Poschinger“) Ausdruck in den
Worten: „In der Tat war aber nicht der Gott der Eigentümer
des Tempelvermögens, es besass vielmehr der Tempel selbst
unter dem Namen des daselbst verehrten Gottes Rechtsfähig
keit, wie dies schon ganz deutlich aus einer weit bekannten
Stelle Ulpians hervorgeht“%). Analogisierend fährt er fort:

') Ueber die Zweiteilung des Tempelgutes im weiteren Sinne in


eigentliches Göttergut und für sakrale Zwecke bestimmtes Staatsgut
siehe Mommsen, a. a. O. S. 58 ff.
*) Nov. 131 c. 11 § 3; c. 12 pr. u. § 1; c. 13 pr.– Voigt, 3. Bd.
S. 172.
*) Ueber die Priesterkollegien: Marquardt, 3. Bd. S. 235 ff.;
Karlowa, 2. Bd. S. 59–69; Mommsen, 2. Bd. S. 17 ff. 61 ff.; Der
selbe, De collegis et sodaliciis Romanorum, p. 32 ss.
*) Voigt, 2. Bd. S.326 ff. – Grupp, 1. Bd. S. 10. 13.
*) Das Eigentum . . . S. 68 ff.
') Ulp. fragm. 22 § 1. De annuis legatis: „Attia fideicommissum
his verbis reliquit: quisquis mihi heres erit fidei ejus committo, ut det
ex redditu coenaculi mei et horrei post obitum sacerdoti et hyerophylaco
et libertis dumtaxat, qui in illo templo erunt, denaria decem die nun
dinarum quas ibi posui. Quaero utrum his dumtaxat qui eo tempore
quo legabatur, in rebus humanis et in officio fuerint, debitum sit an
his, qui in locum eorum successerunt? Respondit secundum ea, quae
ä 1. Die Kirchen. 25

„Gleichwie also im Heidentume die Tempel unter der Firma


eines Gottes spezielle Rechtsfähigkeit genossen und selbstän
dige juristische Personen darstellten, so hatten auch die christ
lichen Kirchen ihr eigenes Vermögen, waren selbständige
Rechtssubjekte und durch den Heiligen, dem die Kirche ge
weiht war, gegen Vermögenskonfusion geschützt. Diese
Analogie mochte es auch bewirken, dass bei den Römern die
Frage nach dem Rechtssubjekte des Kirchenvermögens eine
unbestrittene war, da in der Tat nur eigentlich der christliche
Heilige dem heidnischen Gotte zu sukzedieren, nur an die
Stelle des caeterum datum templo das caeterum datum ecclesiae
martyrio venerabili loco zu treten brauchte.“
Poschinger fühlt selbst die Schwierigkeit, die mit seiner
Sachpersonifikation gegeben ist, und er nähert sich mehr oder
minder bewusst der anstaltlichen Auffassung, wenn er in
obigem Zusammenhange sagt: „So wurden die Rechte und
Verbindlichkeiten, die dem Kultuszwecke dienten, den Göttern
vindiziert, während doch eigentlich das heidnische Kultu s
institut als der wirkliche Eigentümer erscheint.
Bei der Beurteilung der Tempeleigentumstheorie wie der
antiken Kultuseinrichtungen überhaupt wirken oft Ideen mit,
die der christlichen Bildung angehören, dem alten Religions
leben aber fremd waren 1). Zwischen einer christlichen Kirche
und einem römischen Tempel besteht eine grosse Verschieden
heit. Erstere ist ein Versammlungsort für eine Gemeinde zur
gemeinsamen Feier des Gottesdienstes, letzterer eine Wohnung
des Gottes, den man an sein Bild, den Fetisch, gebunden
dachte 2). Der Schwerpunkt des antik-römischen Kultlebens
lag im Hausgottesdienst des Einzelnen 3). ‘ Grosse Tempel im
Sinne christlicher Kirchen gab es darum nicht. Die Kon
proponerentur, ministerium nominatorum designatum caeterum da
tum templo.“
1) Marquardt, 3. Bd. S. 209.
2) Grupp, 1.Bd. S. 17.
3) De-Marchi‚ 1. c. p. 79 ss.
26 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

struktion eines Eigentümerbegriffes wäre bei dem christlichen


Gotteshause als dem regelmässigen Versammlungsorte von
physischen Personen (ämlcrgoia) näherliegender denn bei dem
heidnischen Tempel. Zur Zeit der Glossatoren wurde auch
allen Ernstes der Versuch einer Bildung der kirchlichen
Rechtssubjektivität im Sinne einer Sachpersonifikation unter
1101111116111).
Die Konklusion Poschingers, dass bei den Römern die
Frage nach dem Rechtssubjekte des Kirchenvermögens eine
unbestrittene war, weil der christliche Heilige nur einfach dem
heidnischen Gott zu sukzedieren brauchte, ist unrichtig. Als
das Christentum die Begrifle der personifizierten Anstalt und
der selbständigen Stiftung entwickelte, waren nicht die heid
nischen Vorstellungen des Göttergutes und des für sakrale
Zwecke bestimmten Staatsgutes die Vorbilder, vielmehr er
wuchsen diese juristischen Gebilde aus der Auffassung der Kirche
als einer Heilsanstalt oder göttlichen Stiftung 2). Wohl übertrug
die Volksanschauung die Vorstellung der Rechtssubjektivität
auf Gott und die Heiligen. Allein eine juristisch-technische
Bedeutung hatte dies, wie Gierke 3) richtig bemerkt, für das
christlich-römische Recht nicht. Das Volk liebt die Abstrakta
nicht. Es sucht zu personifizieren. Ihm dünkt eine Persönlich
keit, die physisches Sein besitzt, oder die in geistiger Existenz
oder Fortexistenz namentlich infolge hoher Verehrungswürdig
keit lebhaft vor Augen schwebt, als Träger von Vermögens
rechten fähiger und geeigneter zu sein als eine juristische
Person. An diesem Empfinden vermochte weder beim römischen
Volke das frühzeitige Vorhandensein juristischer Persönlich
keiten im Rechte, wie z. B. der städtischen und ländlichen
Gemeinden und der Korporationen, noch beim christlichen
Volke die Lehre von dem heilsanstaltlichen Charakter der
Kirche etwas zu ändern.
1) Gierke, 3. Bd. S. 194 f. — Meurer, 2. Bd. S. 121 f.
2) Gierke, a. a. O. S. 65 f.
s) A. a. O. S. 66 A. 111; 2. Bd. S. 527. — Galante, l. c. p. 50 ss.
ä 1. Die Kirchen. 27

Der populären Anschauung, nicht einer tieferen Rechts


überzeugung oder gründlichen juristischen Auffassung sind
daher jene Erbeinsetzungen entwachsen, in welchen die Rechts
subjektivität statt an Kirchenstiftungen und Wohltätigkeits
anstalten an ein geistig existierendes oder fortlebendes Wesen,
dem das betreffende Objekt geweiht oder nach dem es benannt
ist, geknüpft erscheint. In mittelalterlichen Schenkungs
urkunden und letztwilligen Verfügungen sind derartige Ein
setzungen noch sehr zahlreich. Die Gesetzgeber berücksichtigten
die Volkssprache, und es erklärt sich daraus leicht, dass noch
der Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis vom Jahr 1756,
Teil III Kap. 6 ä 4, die Bestimmung enthält, dass, „was Gott
oder seinen Heiligen überhaupt vermacht wird, zum Gottes
dienste in der Pfarrkirche gehört, wo der Verstorbene zur Zeit
des Absterbens eingepfarrt gewesen“ 1) —— ein Gesetzestext,
der sich fast deckt mit dem Wortlaut der Justinianischen
Konstitution.
So wenig wie eine Sukzession der Heiligen in die Rechte
der Götter, ebensowenig annehmbar ist eine solche des Einen
Gottes der Christen. Die zum Belege der These von der
Rezeption heidnischer angeblicher Rechtsanschauungen ge
wöhnlich allegierten 7 und 8 J. 2, 1 2) und l. 1 pr., l. 6 ä 2
und 3 D. 1, 83) müssen keineswegs im Sinne eines göttlichen
Eigentums interpretiert werden. In diesen Stellen wird die
Einteilung der Sachen in die beiden Kategorien der res divini
und res humani juris behandelt. Die Eigentumsfrage wird
darin weniger berührt. Es ist vielmehr die passive Proprietäts
unfähigkeit und die Extrakommerzialität der res divini juris

1) Aehnlich das Sächsische Bürgerliche Gesetzbuch v. J. 1863


ä 2165. — Poschinger, a. a. O. S. 64 A. 21.
2) ß 7 J. 2, 1: „Nullius autem sunt res sacrae et religiosae et
sanctae: quod enim divini juris est, id nullius in bonis est.“
3) L. 1 pr. D. de divisione rerum et qualitate 1, 8: „Divini juris
sunt veluti res sacrae et religiosae; sanctae quoque res veluti muri et
portae quodammodo divini juris sunt.“
28 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

aufgestellt. Eine Sache göttlichen Rechtes ist darnach den


Bestimmungen des jus humanum entrückt. „Ihre Benutzung
regelt sich nach göttlichem Rechte, sie ist dem profanen Ge
brauch und Verkehr entzogen. Dies ist die Folge der engen
Beziehung der Sache zur Gottheit; der Rechtsgrund ist die
religio, nicht das dominium“ 1). ‘
2. Justinian setzt ein Eigentumsrecht der ein
zelnen Kirche als feststehend voraus. Der Begriff
eines Proprietätsrechtes der Unive1‘salkirche ist ihm fremd.
Er kennt auf vermögensrechtlichem Gebiete nur äxxhjoiaz,
keine allgemeine äxxkrjoia. Wenn Vertreter 2) des Eigentums
rechtes der Gesamtkirche zum Beweise ihrer Theorie auf die
Analogie der stationes fisci des römischen Staates hindeuten,
so ist zuzugeben, dass im antiken Staatswesen die einzelnen
Anstalten, welche unmittelbar dem Staatszweck dienen sollten,
in der Regel keine juristische Persönlichkeit besassen, sondern
nur einzelne Kassen des Staatsärars waren. Der Fiskus blieb
Eigentümer des gesamten so verwendeten Vermögens. Aber
neben den stationes fisci bestanden, namentlich in späterer
Zeit, auch staatliche Anstalten, die als juristische Personen
Eigentumsrecht an ihrem Zweckvermögen hatteng). Aus dem
Wortlaute der Justinianischen Konstitution ist eine Folgerung
auf stationes ecclesiae nicht zulässig. Dagegen drängen die
Ausdrücke, es soll das Legat oder die Erbschaft der oder jener
Kirche „zufallen“, „überwiesen werden“, „als hinterlassen an
zusehen sein“, auf Anerkennung des Eigentumsrechtes ein
zelner Kirchen hin.
3. Es besteht ein Unterschied zwischen einer ämckn
1) Meurer, 1. Bd. S. 256 fl‘. 270. 284.
2) Literatur oben S. 9 f.
3) Poschinger, Das Eigentum. . . S. 12 fl‘. — A. Brinz, Lehrb.
d. Pand. 3. Bd. 2. A. Erlangen 1886. S. 483. — Grupp, 1. Bd. S. 231 f.
—— Gierke, 3. Bd. S. 58 ff. — Karlowa, 2. Bd. S. 2—59. — Voigt,
2. Bd. S. 401; 3. Bd. S. 183 ff. — N. Milaä, Das Kirchenrecht der
morgenländischen Kirche. Uebersetzt von A. R. v. Pessic’. Zara 1897.
S. 460 f.
§ 1. Die Kirchen. 29

Gio. und einem oto: sbr pos, eb.rptoy, 0 : 0, 0 Sßá0


po. Hierfür zeugt der aus sprachlichem Wohlklang allein
nicht zu erklärende abwechselnde Gebrauch dieser Wörter hier
und an anderen Stellen), sowie die Gegenüberstellung von
oz &torárat Sex):0i und 6 Tavre; o. Monrot oxot, welch letztere
ersteren vermögensrechtlich nachstehen sollen“). Der Unter
schied kann nun ein liturgischer sein. Dafür spricht, dass
Söxrjpto: oxos einerseits als Allgemeinbegriff“) gebraucht er
scheint,anderseits als Spezialausdruck sich findet, wo von einem
Bau zu Ehren eines Märtyrers,Apostels, Propheten oder Engels
die Rede ist“). Möglich ist auch, dass die verschiedene Be
zeichnung eine Verschiedenheit im Rang der Bethäuser unter
einander angeben soll, indem über den damals schon vorhan
denen mehreren Kirchen in einer Stadt und den Landkirchen
die bischöfliche Sxx)710ia – jede Stadt sollte einen Bischof
haben“) – stand. Die Terminologie könnte ferner zur Be
zeichnung des öffentlichen oder privaten Charakters der Ora
torien gebräuchlich gewesen sein. Ich halte dafür, dass
Justinian hier mit Söxript zur Messliturgie geeignete Privat
oratorien und Nebenkirchen im Unterschied von den bischöf
lichen Kirchen in den Städten und den Hauptkirchen auf dem
Lande bezeichnen wollte"). Sonst gebraucht er söxtfotos und
*) L. 15. 16 („ecclesiarum et martyriorum“). 17.20.22. 23. C. 1, 2.
*) In Nov. 58 werden âtörarot oxot in Konstantinopel und die
dortige Exx) Isia genannt und erstere alsunter dieser (ör" 2örp) stehend
betrachtet.
*) L. 25 pr. C. 1, 2.
*) L. 15 pr. h. t
*) L. 35 (36) C. 1, 3.
') In Nov. 58werden exx) qaia, eöxtpto: otto: Syrog; obwog, in denen
das Messopfer gefeiert wird, und einfache oxot ispo, Räume zur Haus
andacht und zum privaten Gebet, unterschieden. Zur Bezeichnung von
Kirchen und Oratorien finden sich die Wörter exx) aix, papröpov, oxo-,
eöxriptos oxo, söxriptov, ebayè; eöxrpov, spös oxo; (Nov. 67 c. 1. 2),
rpooxoyrös oxoç, aeßá0pro; oxo; (Nov. 3 c. 1), &to; eöxripto: obxo;
(Nov. 120 c. 6 § 1), ausserdem für die Hauptkirche in Konstantinopel
ausschliesslich & torärm payán exx)Maia.
30 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

9517i}: o3Wq (römq) auch bei Wohltätigkeitsanstalten mit und


ohne Hauskapellen.
Fest steht, dass sowohl die äxxlcqciaz als auch die eöxrfipza,
eüwcvjpaoz, etmetq oixoz als selbständige Rechtssubjekte ange
sehen werden. Dass nicht die Gebäude, die materiellen äxxk-Qur'az
und oi7toz, als juristische Personen aufgefasst werden müssen 1),
ist nach den neueren zivilistischen Untersuchungen klar. Die
Rechtssubjektivität ist in dem Umstände begründet, dass Güter
zu einem selbständigen frommen oder gemeinnützigen Zwecke
bestimmt sind. Die körperlichen Gebäude sind selbst Vermögens
objekte der zur Verfolgung eines religiösen oder wohltätigen
Zweckes bestimmten Stiftung. Die Namen sind von der Sache
so auf die juristische Person übertragen wie die Zweckbezeich
nung pia causa auf das daraus hervorgehende Rechtssubjekt2).
Wenn am Schlusse von 1. 25 (26) pr. C. 1, 2 den Kirchen
die Unterstützung der Armen anbefohlen wird, so kann, mag
sich der betreffende Satz auf die Erbschaften allgemein oder
nur auf die an‘ dieser Stelle zuletzt genannten Legate und
Fideikommisse beziehen, damit nicht der alleinige oder der
Hauptzweck des Kirchenvermögens genannt sein; noch weniger
ist eine Schlussfolgerung auf ein dominium pauperum zulässig.
An Einzelbestimmungen für den Fall, dass in letzt
willigen Anordnungen ein bestimmtes Haus nicht genannt ist,
enthalten die zitierten Gesetze ein Vorrecht der Kirche im
Wohnort des Testators, falls die Verfügung Jesus Christus
als Erben, Legatar oder Fideikommissar bezeichnet hat, ein
gleiches für andere religiöse Häuser am Wohnort, wenn Engel
oder Märtyrer genannt sind, ein sekundäres Recht für solche
1) Braun vertritt diese Auffassung a. a. O. S. 24. Die Gebäude
theorie, die „vergeistigt zu einem reinen Anstaltsbegrifl‘ hätte leiten
müssen“, behandelt eingehend kritisch Gierk e, 3. Bd. S. 194 ff. —
Meurer, 2. Bd. S. 121 f. -— Sohm, a. a. O. S. 77. A. 22.
2) Arndts, a. a. O. S. 582. — Gierke, 3. Bd. S. 251. -— K. Sal
kowski, Lehrbuch der Institutionen und Geschichte des römischen
Privatrechts. 6. A. Leipzig 1892. S. 195. -— Voigt, 3. Bd. S. 172 fl’. —
A. Brinz, 3. Bd. S. 497 ff.
ä 1. Die Kirchen. 31

in der Umgebung und in der Metropole und zuletzt wieder


für die Heimatskirche, weiterhin eine Bevorzugung des Hauses,
für das der Verstorbene durch häufigen Besuch oder sonstwie
eine besondere Vorliebe bewiesen hat, zuletzt eine Berück
sichtigung der grösseren Armut und Dürftigkeit der religiösen
Häuser.
Wie diese durch die aus ihrem Wortlaute gezogenen
Eigentumstheorien in der Literatur besonders viel benutzte
Konstitution, so beweisen auch andere in den folgenden Ka
piteln dieser Abhandlung besprochenen Gesetze des Justiniani
schen Kodex und zahlreiche Novellen die Rechtssubjektivität
der Kirchenstiftungen. Die einzelnen Kirchen erwerben1 selb
ständig Eigentum und Besitz, schliessen untereinander, mit
anderen juristischen und mit physischen Personen die ver
schiedensten rechtsgültigen Verträge ab, empfangen zahlreiche
kaiserliche Privilegien und wenden sie im Rechtsleben an, er
heben durch bevollmächtigte Vertreter Klagen vor den Ge
richten und verschaffen sich bei den Justizbehörden wie bei
den staatlichen Verwaltungsorganen gesetzlichen Schutz gegen
die Angriffe auf ihre Rechte 1).
Die Spezialisierung des Kirchenvermögens lief parallel
mit der innerkirchlichen Entwicklung und der äusseren kirch
lichen Ausdehnung. Die Bedürfnisse der Seelsorge erheischten
die Errichtung neuer Gotteshäuser. Der allgemeine religiöse
Eifer strebte nach äusserer Betätigung. Mit der zunehmenden
Verehrung der Engel und Heiligen wuchs auch die Zahl der
Kirchen und Kapellen. Ueber den Gräbern der Märtyrer
nämlich und an sonstigen den Gläubigen heiligen Stätten, in
Ortschaften, die zum Stadtbezirk gehörten, in Dörfern und im
Mittelpunkt mehrerer Landgüter hatten sich, besonders im ost
römischen Reich, frühe zahlreiche Bethäuser erhoben. Viel

1) L. 19. 20. 22. 23. 24 C. 1, 2; l. 41 (42). 42 (43). 43 (44). 44 (45).


45 (46). 51 (52). 53 (54). 54 (56) C. 1, 3; Nov. 6 c. 1 Q 9, c. 6; Nov. 7
c. 2, 4; Nov. 16 c. 1; Nov. 55 c. 2; Nov. 58; Nov. 65; Nov. 67; Nov. 111
c. 1; Nov. 120 c. 5, 6, 7, 8; Nov. 123 c. 1-3; Nov. 131 c. 1.
Z2 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

fach bauten Gutsherren für sich und ihre Angehörigen Kapellen


und Oratorien, die beim Gottesdienst auch der Nachbarschaft
geöffnet waren. Die Zahl derselben war zu Justinians Zeiten
so gross, dass sowohl der örtliche Kirchenverband und der
gemeinsame Gottesdienst gefährdet, als auch das wiederholte
Verbot der sektiererischen Liturgie nicht mehr kontrollierbar
war. In Nov. 58') (3. Nov. 537) erinnert der Kaiser an die
älteren Verbote, in Privathäusern die heiligen Geheimnisse zu
feiern, und untersagt allen Einwohnern von Konstantinopel
und sämtlichen anderen Untertanen des Reiches, Eukterien in
ihren Häusern zu halten und darin die heilige Messe darbringen
zu lassen, da dies der katholischen und apostolischen Tradition
entgegen sei, ausgenommen, wenn sie von den Patriarchen
der Hauptstadt oder von den Ortsbischöfen der Provinzen
approbierte Kleriker zur Vornahme der heiligen Handlungen
einladen. Uebertretungen dieses Verbotes sollten an dem Eigen
tümer mit Konfiskation des betreffenden Hauses gestraft
werden. Dagegen sollte es jedem freistehen, einfache Ora
torien (ispoös oxoos) auf seinem Eigentum zu haben zum
Zwecke blosser Privatandacht.
Den hier genannten Oratorien, die sich ganz im Eigen
tum von Privaten befinden, stehen die selbständigen Kirchen
und Eukterien in Nov. 67 gegenüber. Daselbst beklagt Ju
stinian, dass viele aus reiner Eitelkeit, um den Namen eines
Kirchenerbauers zu erhalten, Kirchen errichten, ohne zugleich
für genügende Dotierung für die kirchlichen Bedürfnisse und
den Unterhalt des Klerus zu sorgen. In Zukunft, so bestimmt
er, dürfe kein Bau einer Kirche oder Kapelle (Eukteriums)
begonnen werden ohne die vorherige Erlaubnis des Ortsbischofs,
ohne bischöfliche, feierliche und öffentliche Benediktion des
Bauplatzes, ferner ohne vorausgegangene Anweisung und Ab
lieferung eines dem Bischof genügend erscheinenden Fonds
') Nov. 58: „späy of woo; 0öro; &n)ö; rive Systy ofovira: Bey &v ro;
Saoröv ispods eöy 3, 8 xa plöyrys ägy, wo oödsvös rpartopévolo Tavre)ös
röv 63a ris spä; adé0rps Astroopia, roöro abrog & piepsy.“
§ 1. Die Kirchen. ZZ

für den sachlichen und persönlichen Kirchen- und Kultus


bedarf. Wolle einer sich absolut den Namen eines Kirchen
erbauers (spoö oxoo riory Adva) verschaffen, seien aber
die von ihm gestifteten Mittel nicht genügend, dann möge er
mit Zustimmung des Bischofs eine von den vielen alten und
baufälligen, zu kleinen oder nach der Ansicht der daselbst
angestellten Kleriker nicht würdig im Innern dekorierten
Kirchen in der Hauptstadt oder in den Provinzen herrichten
lassen; dann könne er den Namen eines Kirchenstifters führen,
während der Kirchenbedarf mit den Einkünften aus früheren
Fundationen gedeckt werden solle.
Aus den zuletzt angeführten Novellen in Verbindung mit
1.45(46) §3 C. 1, 3 und den Nov. 123 Kap. 18 und 131 Kap.8
und 14 wird vielfach die Möglichkeit eines Privateigentums
an öffentlichen Kirchen gefolgert. Th. A. Müller)
stützt sich bei dieser Konklusion noch auf das ältere Recht
mit den Worten: „Fast zahllose Gesetzesstellen liefern den
Beweis, dass nach christlich-römischem Rechte kirchliche In
stitute die Rechtsträger gottesdienstlicher Sachen waren. Die
Fähigkeit hierzu besitzen nach demselben Rechte ebenso welt
liche wie geistliche Einzel- und Gesamtpersonen. So erwähnt
der Codex Theodosianus die Anstellung von Geistlichen an
Kirchen, die, wie gewöhnlich der Fall sei, mehreren gemein
schaftlich zugehören“). Die Veräusserung gottesdienstlicher
Gebäude wird nur in dem Falle verboten, wenn der Erwerbende
ein Ungläubiger oder Häretiker ist. An Verboten dieser Art
ist der Codex Theodosianus überaus reich“); der Codex Ju
*) Th. A. Müller, Ueber das Privateigentum an katholischen
Kirchengebäuden. S. 19 f. 26.
*) L. 33C.Theod.16,2:„Ecclesis, quaeinpossessionibus,ut adsolet,
diversorum, vicis etiam vel quibuslibet locis sunt constitutae, clerici non
ex alia possessione vel vico, sed ex eo, ubi ecclesiam esse constiterit
(eatenus) ordinentur, ut propriae capitationis onus ac sarcinam recog
noscant, itaut pro magnitudine vel celebritate uniuscujusque vici ecclesis
certus judicio episcopi clericorum numerus ordinetur.“
*) L. 2 C. Theod. 16, 2; 1. 11. 12. 14. 15. 57 eod.
Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht. Z
34 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

stinianus enthält das Verbot des Kaisers Leo, bei Strafe des
Heimfalls an den Fiskus katholische Gotteshäuser an Häre
tiker zu übertragen"). Da Leo durch sein Gesetz verhindern
will, dass solche Gebäude des herkömmlichen feierlichen
Gottesdienstes beraubt werden, so folgt von selbst, dass es
sich dabei nicht etwa, wie in Nov. 58, um private Gebets
lokale, sondern um öffentliche geweihte Kirchen handelt.
Justinian selbst verfügt in Nov. 131 Kap. 14: „Wenn ein
Rechtgläubiger ein Grundstück, aufwelchem eine Kirche steht,
an einen Juden, Samariter, Heiden, Montanisten, Arianer oder
einen anderen Irrgläubigen veräussert, vererbt, in Pacht gibt
oder zu irgend einer privatrechtlichen Benutzung überlässt,
so soll das Eigentum des Grundstückes an die Kirche des
Ortes fallen“*).“ J.Zhishman“) sucht das Privateigentum an
Kirchen aus verschiedenen, zumeist gegen Häretiker gerich
teten Konstitutionen von Konstantin“), Valentinian II. und
Theodosius I."), Arkadius und Honorius"), Theodosius II.")
und Leo“) zu beweisen und fährt dann fort: „Ebenso werden in

') L. 10 C. (Just) 1, 5.
*) „E & öp808650; xray Syoy, y | Sarry ägia exx) 3ia, Synose:
ara)eis: * war” ppöreoay - padbay , war okayör rote Boxyaty
rabry 880xey "Iooßaip * Xapapeiry "Exp, Movraytar - 'Apstav
ä0p oipertz, hältorárn exxxyzia ris aörs «copy; ty roökoy Beantorei
ex8xstro.“
*) J. v. Zhishman, Das Stifterrecht(Tortoptvöy 3xatov) in der
morgenländischen Kirche. Wien 1888. S. 5f.
*) L. 2 C. Theod. 16, 5: „Itaque ecclesiae suae domos et loca
sepulcris apta sine inquietudine eos firmiter possidere praecipimus.“
') L. 14 C. Theod. 16, 5: „colligendarum congregationum vel in
publicis vel in privatis ecclesis careant facultate.“
') L. 33 C. Theod. 16, 2: „Ecclesis, quae in possessionibus . ..
diversorum . . .“ cf. S. 33*.
') L. 57 C. Theod. 16, 5: „Si qua etiam propria e.orum nunc
extant aedificia, quae non ecclesiae, sed antra debent feralia nominari,
venerabilibus ecclesis orthodoxae sectae cum donaris addicentur“.
*) L. 10 C. (Just) 1, 5, von Kaiser Leo in den Jahren 466–475
5 1. Die Kirchen. 35

der 58. Novelle Justinians (537) jene, welche mit Genehmigung


des Bischofs Gebäude zur Abhaltung des Gottesdienstes ge
widmet oder errichtet hatten, als deren Eigentümer (räw
oixuiw xbpzoz) bezeichnet. Jene Gebäude bestehen als iözwrmoi
oixor fort und werden nur im Falle der Umgehung der kirch
lichen Intervention dem Staate zugesprochen.“ Die erwähnte
Konstitution des Kaisers Leo wurde in der 131. Novelle Ju
stinians (545) dahin abgeändert, dass eine an Häretiker ver
äusserte Kirche statt an den Fiskus an die Ortskirche heim
fallen solle. U. Stutz 1) hat bei der Besprechung der Be
stimmungen des Papstes Gelasius für die Gründung und Weihe
von Kirchen und Oratorien in Italien die Möglichkeit offen
gelassen, dass die Gelasianische Formel ein Eigentum des
Gründers am Boden und an der Kirche zulasse. Die Beweis
führung Müllers aber erschien ihm nicht genügend. Thanerz)
hält das in Nov. 123 Kap. 18 den Erbauern von Kirchen zu
erkannte Recht, die Geistlichen für sie zu denominieren, als
einen Ausfluss des Eigentums. Bezüglich der Stelle aus 1. 33
C. Theod. 16,2: „Ecclesiis, quae in possessiouibus, ut adsolet,
diversorum constitutae sunt“, die Müller im Sinne eines Ge
samteigentums mehrerer, Zhishman im Sinne eines gemein
schaftlichen Eigentums von mehreren Geistlichen interpretiert,
während Stutz nur bemerkt, dass diversi verschiedene, nicht
mehrere heisse, schreibt er: „Wenn die Worte ut adsolet
nicht eine ganz banale, nichtssagende Phrase sein sollen,
so ist das Gesetz von Kirchen zu verstehen, die, wie es nicht
selten der Fall sei, in die Besitzungen verschiedener hinüber
reichen, man mag dabei an einen ausgedehnten Kirchen
sprengel oder, was mir wahrscheinlicher ist, an Kirchengrund

erlassen, nicht von Anastasius i. J. 510, wie Zhishman, a. a. O. S. 5


und Galante, l. c. p. 64 angeben.
1) U. Stutz, Gesch. d. kirchl. Benef. S. 63 A. 102. — Derselbe in
Gött. gel. Anz. 166. Jahrg. (1904). S. 77.
2) Thaner in Gött. gel. Anz. 160. Jahrg. (1898). S. 302 f.
36 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

stücke denken, die in verschiedenen Besitzungen lagen.


Jedenfalls wurde dadurch der Bischof in der Auswahl des
Geistlichen beschränkt; da aber das Gesetz stillschweigend
voraussetzt, dass der Geistliche einer Landbesitzkirche nur aus
der betreffenden Besitzung gewonnen werde, so möchte wohl
auch in dieser lex ein Anhaltspunkt liegen, dass der Besitzer
das Anstellungsrecht hatte, als xrnropmbv öixazov, was aber nicht
mit Stifter-, sondern mit Besitzerrecht zu übersetzen ist.“
Neuestens hat Galante 1) die vorstehende Frage erörtert und
ist zu dem Ergebnis gelangt, dass aus dem Theodosianischen
Kodex und der Konstitution des Kaisers Anastasius ein Eigen
tum des Stifters einer Kirche sich nicht ableiten lasse 2).
Dieser Ansicht dürfte beizustimmen sein. Unter Auseinander
haltung der verschiedenartigen Rechtsentwicklung im Okzident
und im Orient, und in Beschränkung der Erörterung auf die
letztere ist von den einschlägigen Vorjustinianischen Konsti
tutionen zu sagen, dass ein Privateigentum an öffentlichen
Kirchen sich aus ihnen mit Sicherheit nicht erweisen lasse.
Zunächst ist auch hier wieder der Mangel eines originellen
weltlichen Rechts zu konstatieren. Die Gesetzgebung der
Kaiser schloss sich an die kirchliche Praxis an. Mit Aus
nahme der Konstitution Konstantins vom Jahre 326 3), worin
den Novatianern der Fortbesitz ihrer Kirchen und Grabmäler,
die sie durch Ersitzung, Kauf oder sonst in rechtmässiger
Weise erworben hatten, gestattet wurde, und jener des Ar
kadius und Honorius vom Jahre 3984), die von der Anstellung
der Geistlichen handelt, richten sich die zitierten Gesetze sämt

1) L. c. p. 61-65.
2) L. c. p. 64: „. . . si impediva che ai fondatori della chiesa deri
vasse un qualsiasi diritto sull’ edificio secondo le norme communi del
diritto di superficie.“ . . . p. 65: „Perciö non e a credersi che il ne
cessario presupposto della costituzione di Anastasio sia 1a proprieta dei
privati sulle chiese ed oratorii esistenti nei loro fondi.“
3) L. 2 C. Theod. 16, 5.
4) L. 33 C. Theod. 16, 2.
§ 1. Die Kirchen. 37

lich gegen die Juden, Heiden und Häretiker. In deren Eigen


tum oder Besitz sollte kein Heiligtum kommen. Das war
kirchlicher Grundsatz. Ihn nahmen die Kaiser in ihre Gesetze
auf. Die Kirche musste ferner jede Gefahr einer Störung des
Gottesdienstes fernhalten. Solche aber, z. B. Absperrung des
Zuganges zur Kirche, wäre möglich gewesen bei einem Ueber
gang der Grundbesitzung, auf der eine vom Grundeigentümer
oder einem anderen Stifter errichtete Kirche stand, in den
Besitz eines Nichtorthodoxen. Privatkapellen und solche pri
vate Oratorien, in denen, wie die Nov. 58 sie beschreibt, mit
Erlaubnis des Ortsbischofes durch von ihm approbierte Priester
Gottesdienst abgehalten wurde, sollten ebenfalls nicht an die
Ungläubigen ausgeliefert werden. Sie hätten das geheime
Konventikelwesen gefördert und der Häresie Vorschub ge
leistet. Die viel interpretierte Stelle der 1. 33 C. Theod. 16,2
„quae in possessionibus, ut adsolet, diversorum . . . constitutae
sunt . . .“ lässt sich besser lokal und materiell auffassen denn
als juristischer Besitz erklären. Das Wort diversi, seiner Be
deutung nach mehr disjunktiv als konjunktiv, findet in der
Auslegung Thaners seinen besten Sinn. Um die Zeit, wo das
Gesetz erlassen wurde, war der heilige Chrysostomus Patriarch
von Konstantinopel. In seinem Streben, das Volk zur Feier
der heiligen Geheimnisse und zur Anhörung des Wortes Gottes
zu versammeln, ermunterte er derart zum Bau von Kirchen,
dass er in einer seiner Homilien den Gedanken aussprach,
jeder Grundbesitzer sollte eine Kirche aufweisen können"),
und es dürfte weder die Nähe einer anderen Kirche noch der
Kostenpunkt eine Entschuldigung sein in Anbetracht des
Segens, der daraus dem Besitztum und seinen Bewohnern zu
fliesse. Nicht jeder von den Latifundienbesitzern, die damals
sehr zahlreich waren“), mochte dem Wunsche des Patriarchen

') Homilia 18 in Act. Migne, Patr. graec. tom. 60 col. 147:


„vöpov rörp, öste plöéya öpdiva Spoy exx) qatag opioy &yovra.“
*) Voigt, a. a. O. 3. Bd. S. 26 ff.
38 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

nachgekommen sein. Manche, deren Grundstücke nebenein


ander lagen, während sie selbst verschiedenen Bezirken an
gehörten, haben wohl gemeinsam Kirchen gebaut, manche, in
verschiedenen Distrikten begütert, haben vielleicht in dem
einen oder anderen Orte eine oder auch mehrere errichtet.
Nach der Konstitution sollten nur Geistliche aus dem Orte
ordiniert werden, an dem die Kirche errichtet war. Es sollte
dadurch verhütet werden, dass durch die Anstellung eines
Geistlichen aus einem höher besteuerten Bezirke in einen ge
ringer besteuerten das Aerar verkürzt werde 1).
Die Justinianischen Gesetze liefern keinen Be
weis für das Privateigentum an Kirchen. Wenn in
Nov. 131 Kap. 8 den Grundherren, welche in ihrem Hause
oder auf ihren Ländereien kirchliche Funktionen durch dem
Ortsbischofe nicht unterstehende Geistliche vornehmen lassen,
die Entziehung der Besitzungen und die Ueberweisung derselben
an die Ortskirche angedroht wird, so hat der Gesetzgeber nicht
öEentliche Kirchen intentiert, sondern die in Nov. 58 bezeich
neten zwei Kategorien von Privatoratorien.
Deutlich findet sich dagegen im Justinianischen Recht das
sogenannte Stifterrecht. Erworben wurde dasselbe durch die
mit eingeholter bischöflicher Erlaubnis 2) vorgenommene Er
bauung 3) einer Kirche, ebenso durch Wiederherstellung, teil
weisen Wiederaufbau, durch Vergrösserung und Verschönerung
einer solchen 4). Sobald ein derartiges Werk begonnen war,
hatte der Unternehmer die Pflicht, es zur Vollendung zu
führen. Wer nach der Benediktion des Bauplatzes durch den
Bischof den Bau einer Kirche oder eine Renovation angefangen
hatte, musste durch den Bischof, den Oekonomen und die
Zivilgerichte zwangsweise angehalten werden, das begonnene

1) Thaner, a. a. O. S. 302.
2) L. 15 C. 1. 2; Nov. 5 c. 1; 67 c. 2.
i) Nov. 67 c. 2; Nov. 58.
‘) Nov. 67 c. 2.
§ 1. Die Kirchen. Z9

Werk zu Ende zu führen. Das Gleiche konnte nach seinem


Tode von den Erben verlangt werden). Dem Stifter einer
Kirche stand der Ehrentitel «rtorf; zu“). Er hatte das Recht
der Verwaltung derselben nach Massgabe kirchlicher Verord
nungen“). Es stand ihm frei, dem Bischofe einen tauglichen
Verwalter zu nennen, oder die Einsetzung eines solchen seinen
Erben zu überlassen“). Solange die Stiftungseinkünfte aus
reichten zur Deckung der notwendigen Ausgaben, entstanden
bei einer ordnungsgemässen Verwaltung keine Schwierigkeiten.
Anders aber, wenn die Mittel erschöpft waren. Dieser Fall
war nicht selten. Denn Justinian führt in Nov. 67 bittere
Klage, dass in Konstantinopel und in den Provinzen viele
Kirchen einzustürzen drohen, in unwürdigem Zustande sich
befinden oder der Mittel entbehren zur Abhaltung des Gottes
dienstes. In solchen Fällen mussten die Gebäude entweder
niedergelegt oder solchen orthodoxen Personen anvertraut
werden, welche zu ihrer Wiederherstellung oder Ausstattung
sich bereit erklärten. Zur Anerkennung ihrer Verdienste ver
lieh Justinian solch werktätigen Unternehmern das Recht, sich
%rtorijs zu nennen, wie die eigentlichen Stifter.
Den Erbauern von Kirchen räumte derselbe Kaiser, nach
dem er noch im Jahre 537) den vergeblichen Versuch ge

') L. 15 C. 1, 2; 1. 45 (46) § 1. 6. C. 1, 3; Nov. 131 c. 7. 10. 12.


*) Nov. 67 c. 2. – Zhishman, a. a. O. S. 6.
*) L. 15 C. 1, 2.
*) L. 45 (46) § 3 C. 1, 3; Nov. 123 c. 18; Nov. 131 c. 10.
*) Nov. 57 (gerichtet an den Patriarchen Menas) c. 2: „Köxevo
pévrottpös tippvwa 0äßa; ro5 $ póyoo roö 0058topilopey, öre er oxoßophag
Sex) say it a ä)Moç Yopyöy ro; &v aör Metroopo50 argets 80ö)otró
reva; ) pxoö. Spadstäy aör, p. eya: 2. Ör Cp rappa tav pm 8 epia»
oß; 3oö.) erat war”& Soba tav rposäley rj al Reop)iq, g” pre yetporovey
abroög; piro; wat ve Ferro;, ä)).à rpodaropäyoo; abroög; & Seráezdat
rapà rl; Cris &toaby, vöpy ret a wat roö töy spartyöv dpóvoy Storpo
Teöovro; die roökoo; 84ys08: rpv yetporovay, orep By T ce a paxaptórq:
zai toi per" aörp errheto 365atey dearzyz war roödeo5)stroopia;
&#tot. . . .“
40 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

macht hatte, wenigstens für den Patriarchatsprengel von Kon


stantinopel bezüglich der Erbauer von Gotteshäusern wie der
Fundatoren von kirchlichen Aemtern die Entwicklung hintanzu
halten, im Jahre 546 das Recht ein, dem Bischofe würdige Geist
liche vorzuschlagen, vorausgesetzt, dass von ihnen oder ihren
Erben die Anstellung solcher gewünscht und die Besoldungüber
nommen werde"). Dem Zentralisationsbestreben Justinians ent
sprach die Erteilung solcher Privilegien ebensowenig wie seiner
Bemühung, einen für Kirche und Staat gleich segensreich
wirkenden tüchtigen Klerus zu erhalten. Es war ihm daran
gelegen, „dass nach dem Wort der heiligen Schrift das Heilig
tum Gottes nicht profaniert, sondern der Dienst Gottes in
Frömmigkeit und Ehrfurcht verrichtet werde“*). Der Klerus
sollte dem Episkopat strenge untergeordnet sein, von ihm vor
der Ordination auf die Würdigkeit genau geprüft, in seinen
Dienstverrichtungen sorgfältigst beaufsichtigt, bei gesetzwidri
gem Verhalten mit kanonischen Strafen zurechtgewiesen,
eventuell aus Würde und Amt entlassen werden. Wenn der
Gesetzgeber von seinen früheren Grundsätzen in späterer Zeit
etwas abwich, so erklärt sich dies neben anderem auch aus
dem Niedergang der allgemeinen volkswirtschaftlichen Ver
hältnisse. Die vorhergegangenen Kriege hatten die Finanz
kraft des Volkes stark beansprucht, die Durchführung neuer
staatlicher Organisationen in den Städten und auf dem Lande
und die Verbesserung des Verkehrswesens in den Provinzen
hatten eine festere Spannung der Steuerschraube gefordert.
Die privaten Aufwendungen für kirchliche Zwecke minderten

') Nov. 123 c. 18: „Ert; eöxriptoy oxov araoxspä0et, wat 3oo) dein
&v aörp ) ptxod; rpoßä0e08.at *) abtö; * of toökoo x) poyópot, er räg
Baráva; abrot ro; ) ptxois; yoproöst wat ä5ioo; Övopä0000, rods. Övo
pa08évra; Yetporoveisdat. et & rods rap" abtöy ërt)erävras dos &vaStoos
woMöCoozy of Scion xavóve; yetporoy 87vat, rpvexaöra 6 töy töttov 60öraros
êriaxono; oö.; äy yopiay wa)Miova; rpo3ä020dat ppovráto.“ – Thaner,
a. a. O. S. 302.
*) Nov. 57 c. 2 i. f.
ä 1. Die Kirchen. 41

sich. Dazu kam, dass der Zugang zum Klerus aus den
besseren Volksschichten sich mehrte und dabei die vermög
licheren Stifter auf eine gute Versorgung von Angehörigen
oder Schützlingen bedacht waren. Auf kaiserlicher Seite stand
die Sorge um Erhaltung der zahlreichen dem Verfalle ent
gegengehenden Kirchen, auf der Seite der Stifter das Ver
langen nach einer irdischen Gegengabe. Das Resultat war
die Erweiterung des Stifterrechtes, des später sogenannten
xrnropzxbv öixouov.
Das Stifterrecht d‘eckt sich nicht mit dem Eigen
tumsrecht. Die mit ihm verbundenen Befugnisse sind
nicht Ausflüsse des dominium an den Kirchen 1), sondern aus
drücklich verliehene Privilegien, die unabhängig von dem
Eigentum gewährt werden. Noch weniger verlieh es selbst
wieder ein Eigentumsrecht an dem einer Kirchenstiftung vor
seinem Eintritt zugehörigen oder nachher aus anderen Quellen
zugekommenen Vermögen. „Grössere, insbesondere verfassungs
rechtliche Bedeutung,“ sagt U. Stutz 2), „hat es nie erlangt
und, wo es heute noch besteht, wird es von dem im sechzehnten
oder siebzehnten Jahrhundert ins Morgenland importierten Pa
tronat, trotz vorübergehender Annäherung im Mittelalter, streng
unterschieden.“
Keinen Zusammenhang hat das Stifterrecht ferner mit
dem germanischen Eigenkirchenrecht, welches dahin erklärt
wird, dass „wer eine Kirche auf seinem Grund und Boden
errichte, daran und an allem, was ihr vom Gründer oder von
Dritten zugewiesen werde, das vererbliche und veräusser
liche Eigentum behalte, mit dem ausser der Nutzung auch

1) P. Hinschius, Das Kirchenrecht der Katholiken und Prote


stanten in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1878. S. 618. A. 7. — U. Stutz,
„Patronat“ in Realenzyklopädie f. prot. Theologie und Kirche. 3. Aufl.
15. Bd. Leipzig 1904. S. 14. — Aem. L. Richter, Lehrbuch des
kath. und evang. Kirchenrechts. 8. Aufl., bearb. von R. Dove und
W. Kahl. Leipzig 1886. S. 668 f. — Milas, a. a. O. S. 355 f.
2) Patronat, a. a. O. S. 14.
42 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

die volle Leitungsgewalt gegeben sei“). Ein solches frei


heitliches Rechtsinstitut ist mit dem straffen römischen und
dem absolutistischen byzantinischen Geiste unvereinbar. Zen
tralisation des Eigentums am Kirchengute, seiner Verwaltung
und Nutzung im Bischofe ist das Charakteristische im grie
chisch-römischen Rechte. Diese bischöfliche Zentralgewalt
suchte Justinian bei aller Anerkennung der juristischen Per
sönlichkeit der Einzelkirchenstiftungen zu erhalten. Wenn
unlösbare Zweifel an dem Proprietätsrechte oder in der Ad
ministration des Kirchengutes entstehen, da kommt nach seinen
Gesetzen immer die bischöfliche Kirche und das Recht des
Bischofes zum Siege.
Auch im Okzident entwickelten sich die vermögensrecht
lichen Verhältnisse im engen Anschluss an die bischöfliche
Gewalt. Der Bischof übte daselbst allein die Rechte des
Eigentümers über das Kirchengut aus. Die Einnahmen flossen
in seine Kasse, und er verlieh daraus die Stipendien an die
Geistlichen nach freiem Ermessen“). An dieser Zentralisation
änderte sich im wesentlichen auch dann nichts, als sich seit dem
fünften Jahrhundert von Rom aus die Vier-(Drei-)Teilung der
Einnahmen einer Kirche durchsetzte"). Dieser zentrale Grund
zug des kirchlichen Vermögensrechtes war gegeben mit dem
einheitlichen Wesen der Kirche, näherhin bedingt durch den
monarchischen Charakter der Episkopalgewalt und beeinflusst

) Stutz, a. a. O. – Derselbe, die Eigenkirche als Element des


mittelalterlich-germanischen Kirchenrechts. Berlin 1895. – Derselbe,
Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens von seinen Anfängen bis
auf die Zeit Alexanders III. 1. Bd. Berlin 1895. S. 95 ff. – K. Müller
in „Theologische Literaturzeitung“, herausg.v. A. Harnack u. E. Schürer.
21. Jahrg. Leipzig 1896. Nr. 7, S. 184–189.
*) Stutz, Gesch. des kirchl. Benef. S. 4 ff. – Chr. Meurer,
Bayerisches Kirchenvermögensrecht. 2. Bd. Stuttgart 1901. S. 1 f.–
Rivet, l. c. p. 72 s.
*) Stutz, a. a. O. S. 24 ff. – Meurer, a. a. O. S.3. – Imbart
de la Tour, Les paroisses rurales du IVe au XIe siècle. Paris 1900
p. 69 s.
ä 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 43

durch das römische Verfassungs- und Verwaltungsrecht 1).


Justinians Gesetze lehnen sich an die innerkirchliche
Rechtsentwicklung und an den überlieferten Geist
des römischen Rechts an. Sie erstreben eine Verbin
dung der zentralen vermögensrechtlichen Obergewalt
des Episkopates mit der Eigentumsfähigkeit der Ein
zelkirchen.

ä 2. Die Wohltätigkeitsanstalten.
Die charitative Tätigkeit, welche die Kirche von Anfang
an in kleinem Kreise geübt, war mit der Zunahme der Be
kenner Christi schon im vierten und fünften Jahrhundert zur
kirchlichen und sozialen Grossmacht im römischen Reiche ge
worden. Alle Klassen des Elends: Witwen und Waisen,
arbeitsunfähige Arme, obdachlose Kranke, altersschwache
Greise, ausgesetzte Kinder, verlassene Mädchen, fanden Hilfe;
alle Armen ohne Unterschied des Glaubens wurden berück
sichtigt 2). Die eigenartigen, zur Massenverarmung drängenden
gesellschaftlichen und nationalen Verhältnisse im Orient schufen
ein derartiges Elend des Volkes, dass Chrysostomus 3) (T 407)
berichten konnte, die Kirche von Antiochien ernähre über
3000 Witwen und Jungfrauen, pflege zahllose Kranke in den
Hospitälern, unterhalte Altersschwache und Krüppelhafte,
nehme sich vieler Gefangenen und anderer Hilfsbedürftigen
an. Aus den ehemaligen Speisesälen für die Armen in Privat

1) Stutz, a. a. O. S. 2-5. — Thaner, a. a. O. S. 292.


2) G.Ratzinger‚ Geschichte der kirchlichen Armenpflege. 2. Aufl.
Freiburg 1884. — L. Lallemand, Histoire de la charite. Tome I.
Paris 1902. Tome II. Paris 1903. — G. Uhlhorn, Die christliche
Liebestätigkeit in der alten Kirche. Stuttgart 1882. — Bigelmair,
a. a. O. — Winkler, a. a. O. S. 162 ff. 237 ff. — K. E. Zachariä
v. Lingenthal, Geschichte des griechisch-römischen Rechts. 3. Aufl.
Berlin 1892. S. 205.
s) Hom. 66 (67) in Matth. - Lallem an d, l. c. Tome I. p. 41 ss.
47 ss. — Uhlhorn, a. a. O. S. 93-113. 213-238.
44 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

häusern erwuchsen die Diakonien, zuerst in den Bischofsstädten,


dann auch neben den Kirchen auf dem Lande. Die Armen
listen (matricula, xävwv) an den einzelnen Bischofskirchen
hatten einen solchen Umfang angenommen, dass eine zentrale
Leitung der Geschäfte durch den Bischof und seine zahl
reichen Diakone und Diakonissen 1) sehr erschwert und auf
die Dauer unausführbar war. Parallel mit der Entstehung
selbständiger Landkirchen ging denn auch eine Dezentralisation
und Lokalisierung der Armenpfiege vor sich. Dazu kam in
grösseren Städten und Flecken eine Abteilung der Hilfsbe
dürftigen nach der besonderen Art ihrer materiellen Notlage
Von Laien und Geistlichen wurden seit dem vierten Jahr
hundert verschiedenartige Wohltätigkeitsanstalten errichtet 2).
Sie standen zum Teil auf Grundstücken, die zum Privateigen
tum der Gründer gehörten, und blieben wie die Grundstücke
selbst Privateigentum. Da aber die in solchen Häusern an
gestellten Kleriker (Diakone, Subdiakone und Priester) unter
der Jurisdiktion des Ortsbischofes verbleiben mussten und
zwar gemäss partikularer Gesetze‚ die der achte Kanon des
Konzils von Chalcedon vom Jahre 451 zum allgemeinen kirch
lichen Recht erhob, war ein so enger Zusammenhang der
Wohltätigkeitsanstalten mit der Kirche gewahrt, dass vielfach
der letzteren ein Eigentumsrecht zugeschrieben wurde 3). Viele
Stifter von Armen- und Krankenhäusern übergaben auch
ihre Fundationen durch Verfügung unter Lebenden oder von
Todes wegen den Ortskirchen zu Eigentum 4‘). Je nach der
Grösse des allgemeinen Vermögens und dem Gebot besonderen
Bedürfnisses oder je nach der zu spezifiziertem Zwecke er

1) In Nov. 3 c. 1 beschränkte Justinian die Zahl der Diakone in


Konstantinopel auf 100, die der Subdiakone auf 90, die der Diakonissen
auf 40.
2) Ludov. Thomassin, Vetus et nova ecclesiae disciplina. Mo
gontiaci 1786. P. I 1. 2 c. 89. — Uhlhorn, a. a. O. S. 317 fl‘.
3) Löning, a. a. O. S. 250.
4) Fourneret, 1. c. p. 67—75. -— Winkler, a. a. O. S. 2445.
ä 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 45

haltenen Güterzuwendung sorgten die Bischöfe für den Bau


der verschiedenartigsten charitativen Asyle. Durch solche
Entwicklung der Dinge kam es, dass im vierten und fünften
Jahrhundert die meisten Anstalten im Eigentum der Kirchen
waren.
Im Orient zeigte sich indes im Unterschied vom Okzident
schon im fünften Jahrhundert eine weitgehende Spezialisierung
der Wohltätigkeitsanstalten nach einem ausschliesslichen Zwecke
und ebenso eine fortschreitende Entwicklung zur juristischen
Selbständigkeit, letztere gefördert durch kaiserliche Gesetze.
Justinian zählt wiederholt 1) als besondere Anstalten auf:
Fremdenspitäler, Kranken-, Armen-, Waisen- und Findelhäuser
sowie Asyle für Greise. Dass seine Aufzählung nicht er
schöpfend sein soll, beweist der öftere Beisatz „und jede an
dere kirchliche Anstalt“ 2). An allen Orten war indessen diese
Scheidung nicht durchgeführt. Es gab Städte und Land
gemeinden, wo oft ein einziges Haus zur Aufnahme mehrerer
Arten von Hilfsbedürftigen dienen musste 3). Aber kaum eine
Bischofsstadt war zur Zeit Justinians ohne die eine oder andere
derartige Anstalt.
Bei diesen Anstalten handelt es sich nicht mehr um ein
blosses Zweckvermögen, das etwa im Eigentum der Ortskirche
befindlich nach einer bestimmten Richtung verwendet werden
musste, sondern um personifiziertes Vermögen, um Stiftungen
im engeren Sinne, um wie räumlich, so auch vermögens
rechtlich getrennte selbständige Anstalten; nur in der Ver
waltung waren sie der Aufsicht der Bischöfe unterstellt 4).
Die milden Stiftungen sind dem christlichen Geiste und dem
kirchlichen Rechte entsprungen. Die staatliche Gesetzgebung

1) Z. B. Nov. 7 c. pr. c. 1. 2. G. 12; Nov. 120 c. 1; 1. 45 (46) C. 1, 3.


2) Nov. 7 pr. „xa‘: nüv lsparmbv cöcrvjpa“; c. 6 „xa‘: näv änlai»;
oöormxa“; Nov. 120 c. 1 „ählo; söaxfqq olxo;“, „eöarplj; ‘t61ro;“. cfr. l. 22
O. 1, 2.
3) L. 45 (46) C. 1, 3.
‘) L. 45 ä 31 C. 1, 3; l. 48@1 h. 12.; Nov. 131 c. 10.
46 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

hat sie in jeder Weise begünstigt und gefördert. Vom fünften


Jahrhundert an werden sie in den Kaiserkonstitutionen) in
ihren verschiedenartigen Gestaltungen genannt. Im Justiniani
schen Recht ist ihr juristischesWesen voll gewürdigt*). Die
frommen oder wohltätigen Stiftungen beruhen auf dem Doppel
fundamente: 1. der definitiven Ausscheidung einer Vermögens
masse aus der Habe des Stifters und Uebereignung derselben
als eines unveräusserlichen Kapitals an einen bestimmten
dauernden Zweck, für den die Erträgnisse verwendet werden
sollen, verbunden mit der Schaffung einer selbständigen juristi
schen Individualität, 2. der Ausstattung dieser Persönlichkeit
mit Organen, welche sie repräsentieren, ihre Güter verwalten
und über die Verwendung der Einkünfte beschliessen und das
Beschlossene ausführen. Zu dieser administrativen Stellung
werden entweder durch den Willen des Stifters benannte
Personen berufen oder kraft Gesetzes die Bischöfe, in deren
Sprengel die Stiftung domiziliert“).
Die namhaftesten milden Anstalten der Justinianischen
Zeit sind:
a) Die Fremdenspitäler (HeyoBoysia, Sevöve). Hospi
tien waren der vorchristlichen Zeit, sowohl der jüdischen wie
heidnischen, meistens unbekannt. Sie treten aber auch in der
christlichen Zeit erst seit dem vierten Jahrhundert auf. Vor
her war ein Bedürfnis wenig gefühlt worden, da die Hospi
talität als vorzügliche Privattugend galt und in grossem Um
fange geübt wurde“), und ausserdem die Bischöfe wie die
Gläubigen der in der heiligen Schrift ") besonders betonten
') L. 31. (32) C. 1, 3; 1.32 (33). 34 (35) eod.
*) L. 19. 22. 23 C. 1, 2; 1. 45 (46) § 3. 9 C. 1, 2; 1.48 (49) eod.;
Nov. 7 c. 1. 2; 54 c. 2; 111 c. 1; 120 c. 1; 131 c. 10.
*) Voigt, a. a. O. 3. Bd. S.173 f.
*) F. J. Buss, System der gesamten Armenpflege. 3. Bd. Stutt
gart 1846. S. 333 f. – Ratzinger, a. a. O. S. 37. 80. 131. – Lalle
mand, l.c.Tome I.p. 12.70ss. Tome II.p.30ss.– Uhlhorn,a. a.O.
1. Bd. S. 316 f.
*) I.Tim.3,2; Hebr. 13,2; Röm. 12, 13; I. Petri4,9; III.Joh.5.6.
§ 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 47

Verpflichtung, die Fremden zu beherbergen, nachkommen


konnten. In der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts
sehen wir neben den Diakonien zur Unterstützung der ein
heimischen Armen an Stelle des in jeder Bischofswohnung
eingerichteten gesonderten Raumes zur Aufnahme der mit
Empfehlungsschreiben ihres Ortsbischofs ankommenden Frem
den eigene Gebäude zu diesem Zwecke erstehen"). Der
Bischof behielt gemäss dem zweiten Kanon" des Konzils von
Chalcedon die Oberaufsicht über die Xenodochien, während
die Verwaltung des Hauses und dessen Sondergutes einem
eigens hiezu bestellten Kleriker, gewöhnlich einem Priester,
übertragen war, der den Namen Sevoöóyos führte. Unter den
vielen Hospitälern, welche Justinian teils restaurieren, teils
neu erbauen liess, seien genannt, das von einem gewissen
Samson“) errichtete und nach ihm benannte, im Nikaaufstande
aber zerstörte geräumige Xenodochium in Konstantinopel, das
Xenodochium zum heiligen Isidor und Arkadius") ebendaselbst
und verschiedene Unterkunftshäuser für Pilger in Jericho und
Jerusalem“), deren Leitung er Mönchen übertrug. In Rom
errichtete Belisar nach seinen Siegen ein grosses Xenodochium,
das mit reichen Mitteln ausgestattet wurde.
b) Die Krankenspitäler. Krankenhäuser (vo00xopeia)
als öffentliche Anstalten waren den Alten ebenfalls unbekannt.
Bei dem kompakteren Wesen der alten Familie, für deren
sämtliche Mitglieder der Hausvater haftete, kannte man eine
Pflege der Kranken ausserhalb des Familienhauses nicht. Sie
wurde vorgenommen in dem häuslichen Krankensaal, im vale

*) Das 4. Konzil von Karthago machte in c. 14 den Bischöfen die


Errichtung von Fremdenhospizen zur Pflicht. – Ratzinger, a. a. O.
S. 141. – Konz. v. Antioch. c. 7.– Konz. v. Chalced. c. 11: „Goytoxrot
êrtaro) zi“ für angesehene Personen, „eippvexa àntatoMai“ für Arme. –
Löning, a. a. O. S. 144.
*) Nov. 59 c. 4.
*) Procopius, De aedif. lib. I. c. 2.
*) Procopius, 1. c. lib. V. c. 6.
48 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

tudinarium1). In der ersten Zeit der öffentlichen christlichen


Charitas fanden arme und verlassene Kranke in den Xeno
dochien Aufnahme und Pflege. Die ersten der Geschichte
bekannten Krankenspitäler, diejenigen, welche Fabiola unter
Leitung des heiligen Hieronymus (T 420) in Rom und in
Palästina errichtet hat 2), ebenso jenes, das um das Jahr 369
durch den heiligen Basilius vor den Toren Cäsareas in Kap
padozien unter Mitwirkung des heiligen Gregor von Nazianz
erbaut worden ist und in seinem Umfang einem ganzen Stadt
teil gleich sah, dienten nebenbei noch zur Beherbergung frem
der Reisender. Chrysostomus, der nach dem Vorbild des
Basilius verschiedene Wohltätigkeitsanstalten in Konstantinopel
errichtete, führte zuerst dortselbst vereinzelt eine Trennung der
Krankenhospitäler von den Xenodochien durch. Seinem Bei
spiele folgte Kaiser Marcian.
Justinian begünstigte in l. 48 (49) C. 1, 3 (23. August
531) die Kranke pflegenden Xenodochien durch die Bestimmung,
dass Erbschaften, welche ohne nähere Bezeichnung „den Armen“
hinterlassen werden, dem Xenon in der betreffenden Stadt zu
fallen sollen und vom Xenodochen zu Gunsten der Kranken
in der Weise zu verwenden seien, dass, wenn eine Jahresrente
hinterlassen sei, diese verteilt, wenn die Erbschaft in Mobilien
bestehe, dieselben verkauft, mit dem Erlös Immobilien erworben
und deren Früchte jährlich dem Anstaltszweck zugeführt wer
den sollen. „Denn wer,“ sagt er zur Begründung, „ist ärmer
als Leute, welche durch Not gezwungen im Xenon untergebracht
sind und wegen körperlicher Leiden den notwendigen Lebens
unterhalt sich nicht verschaffen können?“ Die Ortsbischöfe
und die Verwalter des Kirchenvermögens sollen verpflichtet
sein, solche Erbschaften einzufordern und ihrem Zwecke zu
zuweisen.
Die Uebertragung der letzteren Aufgabe an die Oekono
1) Buss, a. a. O. S. 334. — Lallemand, 1. c. Tome II. p. 125 ss.
2) Hieronymus, Ep. ad Oceanum; de Fabiola; in epitaphium;
ep. ad Pammach. — Lallemand, 1. c. Tome II. p. 179 s.
ä 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 49

men der Ortskirche bedeutet nicht eine Unselbständigkeit der


Krankenhäuser. Die Vindizierung solcher Vermächtnisse wurde
nämlich deswegen der Kompetenz der kirchlichen Oekonomen
zugeschrieben, weil sie auf die Armen lauteten, und weil den
Verwaltern des Ortskirchenvermögens die örtliche Armenfür
sorge oblag.
Die Dienste in den Krankenhäusern versahen Diako
nissen und fromme Witwen 1), Laienbrüder und Priester, von
denen manche ärztliche Ausbildung besassen. In l. 17 (29. Sep
tember 416) und 18 (3. Februar 418) C. 1, 3 wird eine eigene
Korporation von Krankenpflegern angeführt, die Gesellschaft
der sogenannten Parabolanen 2}. Die Parabolanen, 600 an der
Zahl, zumeist Kleriker niederer Grade, hatten kollegiale Ver
fassung, standen unter der Aufsicht und Obhut des Orts
bischofes, waren verpflichtet, seinen Dispositionen pünktlich
zu gehorchen, und mussten zurückgezogen, frei von allen
zivilen Beschäftigungen und fern von jeglicher öffentlichen
Unterhaltung ganz ihrem Berufe leben. Ob dieses Institut
ein bloss lokales, auf Alexandrien beschränktes war oder nicht,
lässt sich nicht sicher angeben. Jedenfalls kannte man es
nur im Orient, nicht im Okzident, woselbst klösterliche Ver
einigungen die Krankenpflege innehatten.
Für den Unterhalt der Krankenhäuser sorgten die Gründer
durch Anweisung liegender Güter. Beichten die Jahresein
künfte der Stiftung nicht hin zur Deckung der Ausgaben, so
wurde der Fehlbetrag durch Zuweisungen aus dem örtlichen
Kirchenvermögen seitens der Bischöfe und durch freiwillige
Beiträge gedeckt. An der Spitze der Verwaltung stand ge
wöhnlich ein Priester, der sogenannte vocoxönoq. In Kon

1) L. Zscharnack, Der Dienst der Frau in den ersten Jahr


hunderten der christlichen Kirche. Göttingen 1902. S. 135 ff.
2) L. 18 C. 1, 3: „Parabolani, qui ad curanda debilium aegra cor
pora deputantur .. . .“ — Jac. Cujacius, Novellarum constit. Imp.
Justiniani expositio. Ooloniae Agrippinae 1592. Nov. 3 p. 37. — Uhl
horn, a. a. O. 1. Bd. S. 828.
K n e c h t , Justinianis ches Kirchenvermögensrecht. 4,
50 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

stantinopel, in Pythia in Bithynien, zu Jerusalem und an


mehreren anderen Orten bestanden grössere von Justinian er
baute Häuser dieser Art 1).
c) Die Armenhäuser. Die Armenhäuser (zrrwxsta)
dienten zur Aufnahme und Verpflegung von verlassenen zeitlich
oder dauernd Notleidenden. Sie existierten neben der aus
gedehnten ambulanten Armenpflege, wie sie bei jeder selb
ständigen Kirche unter der Leitung des Bischofs durch die
Diakonen und ihre Gehilfen aus Mitteln des Kirchenvermögens
betrieben wurde. Dem ausgebildeten Strassenbettel suchten
schon im Jahre 382 Gratian, Valentinian Il. und Theodosius I.
durch die Anordnung einer gründlichen körperlichen Unter
suchung der Bettler auf Fähigkeit oder Unfähigkeit zur Ar
beit und durch Bestrafung der notorischen Müssiggänger mit
Freiheitsentzug entgegenzuwirken. Justinian nahm diese Ver
ordnung in seinen Kodex 2) auf, milderte sie aber durch
Nov. 80 Kap. 4. 5, indem er statt Freiheitsberaubung für fremde
Arbeitsscheue Ausweisung aus der Stadt und Zurücksendung
in ihre Heimat, für einheimische Verwendung zu öffentlichen
Arbeiten gegen Verpflegung anordnete. Den einer Unter
stützung würdigen Dürftigen half er durch gesetzliche Be
günstigungen der Schenkungen und letztwilligen Verfügungen
für die Armen. So nimmt er dieselben allgemein in l. 48
(49) C. 1, 3 in Schutz gegenüber der Anwendung der älteren
Bestimmungen über die Ungültigkeit von Vermächtnissen an
incertae personae 3). Im besonderen bestimmte er 4), dass eine
Erbesinstitution der Armen auch dann nicht angefochten wer
den könne, wenn aus dem Testamente nicht zu ersehen sei,
ob der Testator ein bestimmtes Ptochium oder die Armen
einer bestimmten Kirche im Auge gehabt habe. Seien in der

1) Procop., l. c. lib. I. c. 9; lib. V. c. 4. 6.


2) L. un. C. de mendicantibus validis 11, 26 (25).
s) Ulpian, Fragm. XXII, ä 4; ä 25. 26; I. de legatis 2, 20 und
die restituierte l. un. C. de inc. person. 6, 48; l. 24 C. 1, 3.
‘) L. 48 (49) C. 1, 3.
§ 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 51

betreffenden Stadt mehrere Ptochien, so sollten die Sachen


und Gelder dem nach dem Urteil des Bischofs und dessen
Klerus ärmsten überwiesen werden. Finde sich keine solche
Anstalt daselbst, so habe der Bischof oder der Verwalter des
Ortskirchenvermögens die Erbschaft anzunehmen und sie an
die Bettler und andere Unterstützungsbedürftige der Stadt zu
verteilen.
Wie die anderen charitativen Anstalten, so hatten auch
die Armenhäuser einen dem Klerus entnommenen Vorsteher,
Troyotpópo, dem die Verwaltung des Stiftungsvermögens und
die Leitung des Hauses übertragen waren.
d) Die Waisenhäuser. Die Sorge um die Waisen hat
in der kaiserlichen Gesetzgebung der christlichen Zeit schon
so frühe eine bevorzugte Stellung gefunden, dass Leo und
Anthemiusbereits eine Reihe von Privilegien bestätigen konnten,
die vor ihnen an die Orphanotrophien erteilt worden waren).
Als Stifter der Waisenhäuser (öppavorpopso) nennen
die Kaiser einen gewissen Zotikus, als besonderen Beförderer
in ihrer Zeit den Priester Niko. Die gesetzliche Behandlung
dieser Anstalten seitens der genannten Herrscher wie durch
Justinian lassen einen engeren Zusammenhang derselben mit
den Ortskirchen nicht erkennen. Sie erscheinen als ganz
selbständige Institute und tragen mehr bürgerlichen als kirch
lichen Charakter. DieVorsteher derWaisenhäuser(öppo vorpópo)
standen als Priester zwar unter der Aufsicht der Ortsbischöfe,
aber ihre gesetzliche Dienstinstruktion hielt sie bei der Ge

') L.31. (32) C. 1, 3 (1.Juni 472); 1. 34. (35) C. 1, 3 (23. Dez.472):


„Omnia privilegia, quae a retro principibus aut a nostra serenitate . .
praestita sunt orphanotrophiosive asceteris vel ecclesis aut, ptochisseu
xenodochis aut, monasteris atque ceteris hominibus etiam ac rebus
juris eorum ad curam Niconis viri religiosissimi presbyteri et or
phanotrophivel ad eos, qui post eum loco eius successerint, pertinenti
bus ad similitudinem Zotici beatissimae memoriae, qui prius huius
modi pietatis officium invenisse dicitur, per hancpragmaticam sanctionem
firma illibataque in perpetuum custodiri decernimus . . . .“
52 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

schäftsfuhrung mehr mit den staatlichen Beamten als mit der


kirchlichen Gewalt in Kontakt. Die Stellung der Orphano
trophen war rechtlich der von Tutoren und Kuratoren ähn
lich. Mit den Tutoren hatten sie die Vertretung der gesamten
vermögensrechtlichen Persönlichkeit und die Ergänzung der
Handlungsfähigkeit des Waisenkindes gemein, mit den Kura
toren verband sie die Stellvertretung in einem einzelnen Rechts
verhältnis, in der Vermögensverwaltung. Ohne jede Bürg
schaft oder sonstige gesetzliche Beschwernis konnten sie in
gerichtlichen und aussergerichtlichen Geschäften frei handeln,
wenn ihnen nur das Vermögen der Waisen in Gegenwart
eines öffentlichen Notars oder nach Aufnahme eines Proto
kolles vor dem Chef des Steuerkatasteramtes (magister census)
in Konstantinopel, vor den Statthaltern (moderatores) in den
Provinzialstädten oder vor den munizipalen Defensoren (defen
sores locorum) auf dem Lande übergeben worden war. Zu
einer Rechnungsablegung nach Art der Kuratoren und Tu
toren sollten sie nicht verpflichtet sein, da es, wie es in
l. 31 (32) ä un. C. 1, 3 heisst, „hart und ungerecht wäre,
durch allerlei Chikanen Männer zu quälen, welche aus Gottes
furcht sich armer elternberaubter Kinder annehmen und die
selben mit väterlicher Liebe zu erziehen bemüht sind“. Justinian
erneuerte durch Gesetz vom 18. März 5451) diese bevor
rechtete Stellung der Orphanotrophen und gab ihnen die fast
unbeschränkte, von Kautions- und Rechnungsstellung freie Ge
schäftsfähigkeit in Vermögenssachen der Waisen auch bezüg
lich der Güter der Waisenhäuser.
Räumlich verbunden mit der Erziehung der Waisen war
bereits vor Justinian vielfach auch die Pflege von aus
gesetzten Kindern. Doch finden sich schon im vierten
Jahrhundert eigene Findelhäuser. (ßpegoorpogoeia). Bewegen
durch das Interesse, welches der Staat an der Bevölkerungs
zunahme hat, und durch die von dem Christentum aufgestellte

1) Nov. 121. c. 15.


ä 2. Die Wohltätigkeitsanstalten. 53

übernatürliche Wertung der menschlichen Individuen und dem


entsprechende Charakterisierung der Kindesaussetzung als
schweres Verbrechen suchte Konstantin wie den Mord so auch
die Aussetzung von neugeborenen Kindern durch gesetzliche
Massnahmen einzuschränken. In zwei Konstitutionen aus den
Jahren 315 und 322 1) forderte er die staatlichen Beamten in
Italien und Afrika auf, Kinder aufzunehmen und für ihre Er
nährung zu sorgen, wenn solche von Eltern gebracht würden,
welche die Armut an der Erfüllung dieser Aufgabe hinderte.
Bereitwillig überliessen seine Nachfolger die öffentliche Fürsorge
für die ausgesetzten Kinder der Kirche, welche dieselben zu
nächst verlässigen Familien zur Erziehung anvertraute, bis sie
Mittel gewonnen hatte zum Bau und Unterhalt von eigenen
Findelhäusern. Die Ansetzung der Todesstrafe auf Kinder
mord und die schwere Ahndung der Aussetzung von Neu
geborenen durch Valentinian 1. und Gratian vermehrten die
Zahl der an die Kirchen zur Erziehung abgelieferten Kinder
ebensosehr, wie die durch Honorius verfügte Entziehung des
vordem den Herren und Patronen zuerkannten Rückforderungs
rechtes der ausgesetzten Kinder für den Fall, dass über die
Annahme eines Findlings eine Urkunde durch den Bischof
aufgenommen worden war, die Freiheit des Pfleglings und
dessen ungestörte Heranbildung sicherte 2). Justinian rezi
pierte 3) diese Bestimmung seines Vorgängers, führte sie weiter
aus und stellte die Findelkinder gesetzlich unter den beson
deren Schutz der Bischöfe und der Provinzialstatthalter. Auch
die städtischen Magistrate forderte er zur Mitwirkung auf.
Allen Findlingen gab er die Freiheit. Die Aussetzung eines
Säuglings wurde von ihm für ein schlimmeres Verbrechen als
der gemeine Mord qualifiziert. Die Findelanstalten erhielten
durch ihn die gleichen gesetzlichen Begünstigungen in Bezug

)L. 1. 2. C. Theod. 11, 27. -— Lallemand, 1. c. p. 65—-70.


2) L. 2 C. Theod. 5, 7. Editio Mommsen-Meyer 1. 2 C. Theod. 5, 9.
) L. 2 C. de infant. expos. 8, 51 (52) v. 17. Sept. 529.
54 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

auf die passive Erbfähigkeit wie die übrigen charitativen In


stitute. Sie hatten unbeschränktes Erwerbs- und Eigentums
recht. Genügten das Stiftungsvermögen und die freiwilligen
Beiträge nicht zur Bestreitung der Ausgaben, so konnten Zu
schüsse aus dem Ortskirchenvermögen gereicht werden. Als
Anstaltsvorstand fungierte in der Regel ein Priester (ßperporpöcpoq),
unter dessen Leitung Diakonissen und fromme Witwen den
Pflegedienst versahen. Dem Ortsbischof stand die Aufsicht
über das Ganze zu.
e) Die Altersspitäler. Wie am Anfang des Lebens,
so stand die Kirche Hilfsbedürftigen auch in den Tagen des
Alters bei. Arme alte Leute, die sich ihren Lebensunterhalt
nicht mehr erwerben konnten und niemanden besassen, der
sich ihrer annahm, wurden bis zu ihrem Tode in der ersten
Zeit in Xenodochien, Armen- oder Krankenhäusern unter
gebracht. Eigene Asyle für Greise und Greisinnen (wspovroxonsia)
sind jüngeren Datums. Das alte römische Recht appellierte
bei notwendiger Alimentation von Aszendenten an die Dank
barkeit und die Pietät der Deszendenten bis zu entfemteren
Graden. Das Klagerecht der Hilfsbedürftigen war indessen
ein sehr prekäres. Dem richterlichen Ermessen war ein breiter
Spielraum gewährt. Wenn gleich im Rechte anerkannt war,
wie sehr von der natürlichen Vernunft eine Ernährung des
Vaters vom Sohne gefordert werde, so konnte gesetzlich weder
der Sohn gezwungen werden, um dessentwillen Schulden zu
machen, noch war es möglich, die Erben des Sohnes wider
ihren Willen zur Leistung dessen anzuhalten, was der Sohn
aus Pietät gegeben hätte, ausgenommen, wenn der Parens in
die alleräusserste Not versetzt war 1). Die wenigen Bestim
mungen über diese Pietätspflichten, die aus der Kaiserzeit
vorhanden sind 2) und die mit Severus und Antoninus schliessen

1) L. 5 Q 16. 17. D. de agnoscendis et alendis liberis vel parenti


bus 25, 3.
2) L. 1. 2. 3. 4. C. de alendis liberis ac parentibus 5, 25.
ä 3. Die Klöster. 55

(im Jahre 197), besserten die Lage der Greise nicht sonder
lich. Bei dem konzedierten Klagerecht extra ordinem kam
es sehr viel auf den konkreten Fall und die näheren Umstände
des Dürftigen und des Verpflichteten an, so dass die Normen
vielfach flüssige blieben 1). Die private Wohltätigkeit hatte
damit ein weites Feld. Justinian selbst zog den charitativen
Weg dem direkten gesetzgeberischen vor, beförderte die Grün
dung und Ausstattung von Invalidenanstalten, gründete aus
eigenen Mitteln eine Altersversorgungsanstalt für arme Greise,
die im Staatsdienste grau geworden, und dotierte sie reich
lich1). Den bestehenden kirchlichen Anstalten dieser Art gab
er die Rechte aller anderen Stiftungen. Ein geistlicher Vor
stand (yepovroxöaoq) hatte auch hier die Leitung und vermögens
rechtliche Vertretung.

ä 3. Die Klöster.

„Wer die Geschichte der griechischen Kirche schreibt,“


sagt Karl Beth, „für den ist das Mönchtum ein sehr wichtiger
Faktor“ 3). Das Klosterwesen war im Orient in den zwei
Jahrhunderten seit der Gründung des ersten Cönobiums durch
den ägyptischen Einsiedler Antonius den Grossen zu einer für
das staatliche wie kirchliche Leben so einflussreichen Aus
dehnung — und das nicht durchweg und überall in vorteil
hafter Weise —— gelangt, dass die hierarchischen wie politi
schen Legislatoren genötigt waren, sich mit ihm eingehend
zu beschäftigen. Neben zahlreichen Verordnungen von Päpsten,
Konzilien und Bischöfen entstanden eine Menge kaiserlicher,
besonders das Mönchswesen betreffender Gesetze. Justinian
erreichte das Höchstmass auf diesem Gebiete, so dass es beim

1) Dernburg, Pand. 3. Bd. S. 71.


2) Ph. Inverniz i, De rebus gestis Justiniani. Romae 1783. IX, 8.
3) K. Beth, Die orientalische Christenheit der Mittelmeerländer.
Berlin 1902. S. 322.
56 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Studium seiner Novellen dünken könnte, als handle es sich


hier um ein rein staatliches Institut.
An der Rechtssubjektivität der Klöster besteht nach
Justinianischem Rechte kein Zweifel. Jedes einzelne Kloster
ist ein selbständiges Rechtsinstitut. Dass sie alle Vermögens
fähigkeit und testamenti factio passiva besassen, erhellt schon
aus dem Theodosianischen Kodex"). Ob aber die juristische
Persönlichkeit als an den korporativen Charakter der Klöster
geknüpft erachtet worden sei, oder ob man sie in der pia
causa gelegen gedacht habe, darüber geben die Quellen keinen
Aufschluss“). Das Wesen der Klöster legt die juristische
Auffassung als pia corpora nahe. In der älteren Zeit war
diese wohl auch die herrschende. Gleiches lässt sich mit Ge
wissheit von dem Justinianischen Rechte nicht behaupten.
Dasselbe nennt die Klöster bald corpora“), bald führt es die
selben zugleich mit den Wohltätigkeitsstiftungen als consortia“)
an, an dritter Stelle fasst es dieselben mit den Kirchen und
frommen Stiftungen unter dem Ausdruck venerabiles domus")
zusammen. Die Analogie der Rechtsentwicklung bei den Kir
chen und charitativen Anstalten dürfte die Annahme der In
stitutentheorie rechtfertigen.
*) L. un. C. Theod. 5, 3.
*) L. 32 (33) C. (Just) 1, 3; 1. 34 h. t.; 1. 22. 23 C. 1, 2; Nov. 7
C. 1, 2; 54 c. 2. – Voigt, a. a. O. 3. Bd. S. 171 A. 33. – Brinz,
R. 3. O. 3. Bd. S.479 A. 5.499 A. 11. – Gierke, a. a.O. 3. Bd. S. 119 f.

*) L. 55 (57) § 1 C. 1, 3: „. . .. povaarpioy ers ávöpöv stre ova


öy - röv ä)Mov röv rotoökov 000rpárov . .. .“
*) L. 22 pr. C. 1, 2: „. . . . venerabiles ecclesias vel xenones vel
monasteria vel ptochotrophia vel brephotrophia vel orphanotrophia vel
gerontocomia vel si quid aliud tale consortium . . . .“ Nov.7 c. 9. 12pr.
*) L. 55 (57) § 2 C. 1, 3: „. . . . et rt; * röv eö)aße0täroy oxov6
poy * Esyodóyoy - vo0oxópoy - Troyotpópoy - spoyroxópov / 3pspo
rpópov / dpavorpópov * ägypayôpröy - röv ä0Mov töy repesyopévoy
TF rpotépq plöy deiq BaráFet. npoabrov tö Brvexö-; xara)etpdèy tog
eöagéay oxot;, &by rpotatoya: . ...“ Vgl. l. 13. 16. 17. 20. 22. 23
C. 1, 2; 1. 20. 46. (47). 53. (54). 54. (56) C. 1, 3. Nov. 5; 7 c. 11; 76;
79; 120 c. 7; 123 c. 23. 37. 38; 131 c. 7.
ä 3. Die Klöster. 57

Zwei Hauptbestrebungen durchziehen die Klostergesetz


gebung Justinians: eine Reform des asketischen Lebens im
Aeusseren und eine im Inneren. Die Zahl der Einsiedler war
um jene Zeit noch gross1). Neben ihnen zogen Scharen von
‘Mönchen im Lande umher und bettelten um das tägliche
Brot 2). Oft schlossen sich ihnen unlautere Elemente an. Die
öffentliche Ruhe wurde nicht selten gefährdet. Um diesen
äusseren Missständen zu steuern, verwies Justinian alle Ein
siedler und Mönche hinter die Klostermauern und trug Sorge
für den Unterhalt und die finanzielle Sicherung der Klöster.
Die innere Disziplin suchte er zu heben durch eine scharfe
Trennung der Klöster nach dem Geschlechte der Insassen 3),
durch die allgemeine Aufhebung separater Wohnungen und
Zellen 4) sowie durch die Anordnung standesgemässer geistiger
und körperlicher Beschäftigung 5). Bei diesen Reformversuchen,
die im Anschluss an die kanonischen Bestimmungen vor sich
gehen sollten, war der Kaiser geleitet von dem Gedanken an
das öffentliche Wohl, dessen Förderung er aus dem guten
Wirken und Beispiel der Ordensleute erhoffte 6).
Die Reformierung bedingtedie Ordnung auch vieler ver
mögensrechtlicher Fragen. Dies umsomehr, als im Reiche die
verschiedensten klösterlichen Genossenschaften bestanden. In
den Justinianischen Gesetzen werden unterschieden Männerklöster
(uovoccrrjpza), in denen zumeist Laienbrüder 7) in grosser Zahl
sich mit Gebet, Betrachtung und körperlichen Arbeiten be
schäftigten S), Frauenklöster, in Welchen Jungfrauen, vereinzelt

1) Grupp, a. a. O. 2. Bd. S. 417 f.


2) Grupp, a. a. O. S. 422 fl‘.
3) L. 43 (44) C. 1, 3; Nov. 123 c. 36.
4) Nov. 123 c. 36; 133 pr., c. 1.
5) Nov. 133 c. 6.
6) Nov. 5 c. 3; 123 c. 36; 133 pr., c. 5. 6; 137 c. 1.
7) Nov. 133 c. 6.
8) L. 51 (52) C. 1, 3. — W. Nissen, Die Regelung des Kloster
wesens im Rhomäerreiche bis zum Ende des 9. Jahrh. Hamburg 1897.
--— Marin, Les moines de Constantinople depnis la fondation de la
58 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

auch Frauen sich befanden"), und Büsserinnenhäuser (30x7


rjpta), in denen gefallene ledige Frauenspersonen oder von
ihren Männern getrennt lebende Frauen und Witwen einem
strengen Bussleben sich gewidmet hatten“). In Frauenklöstern
wohnten auch jüngere Diakonissen“). Ferner dienten die
Frauenklöster und Asketerien zur Aufnahme und Bewachung
von Frauen, die wegen schwerer Verbrechen in Untersuchungs
haft sich befanden“). Ebenso sollten in dieselben Diakonis
sen, die trotz Mahnung seitens des Bischofs einen Aerger
nis erregenden Lebenswandel nicht aufgaben"), und notorisch
treulose Frauen gebracht werden. Letztere sollten zunächst
zwei Jahre daselbst verbleiben. Ihren Männern aber stand es
frei, sie innerhalb dieses Zeitraumes wieder zu sich zu nehmen.
Taten sie es nicht, oder starben sie vor der Wiederaufnahme
ihrer büssenden Frauen, so mussten diese für ihre ganze
Lebenszeit im Büsserinnenhaus verbleiben").
Alle Klöster waren der Aufsicht der Ortsbischöfe unter
stellt"). Bei ihnen hatten die Klosterleute auch ihren ordent
lichen Gerichtsstand“).
An der Spitze eines jeden Klosters stand ein von den In
sassen gewählter und vom Bischofapprobierter Abt (70öpsvog,
Opypayöpir) bezw. eine Aebtissin (700psy)“). Für die
ville jusqu'à la mort de Photius. Paris 1897. p. 19–37. 278–295.
373 ss. – J. Silbernagl u. J. Schnitzer, Verfassung und gegen
wärtiger Bestand sämtlicher Kirchen des Orients. 2. Aufl. Regens
burg 1904. S.52 ff.
') L. 52 (53) § 14 C. 1, 3; l. 53 (54) pr. h. t.; l. 6 § 2 C. 1, 4;
Nov. 5 c. 9 § 1.
*) L. 52 (53) § 14 C. 1, 3; Nov. 123 c. 34. 35.
*) Nov. 6 c. 6.
*) Nov. 134 c. 9.
') Nov. 123 c. 30.
') Nov. 134 c. 10.
') L. 43 (44) § 8. 9. C. 1, 3; l. 39 (40) h. t.; Nov. 5 epilog.;
Nov. 133 c. 2; Nov. 137 c. 5.
*) Nov. 79 c. 1.
*) L. 46 (47) C. 1, 3; l. 55 (57) § 2 h. t.; 1. 8 C. 1, 1; Nov. 123
ä 3. Die Klöster. 59

Führung der Geschäfte nach aussen einschliesslich der Ver


mögensverwaltung wurden neben dem Abt und der Aebtissin
sowohl für die Männer- wie für die Frauenklöster zwei bis
drei erfahrene Mönche (äuroxpzozäpzor) aufgestellt 1).
Jedes Kloster sollte eigenes Vermögen besitzen und über
dieses frei verfügen können. Dies Prinzip suchte Justinian nament
lich auch bei Trennung der Klöster nach Geschlechtern durchzu
führen. Noch wohnten nämlich zu seiner Zeit an mehreren Orten
Mönche und Nonnen zusammen unter einem Dache, wenn
auch in verschiedenen voneinander getrennten Räumen. L. 43
(44) C. 1,3 (18. Jan. 529) verlangt, dass, wo in einem ge
mischten Kloster die Mönche in der Mehrzahl seien, der Bischof
der Stadt den Nonnen ein anderes Haus anweise und umge
kehrt, wo die letzteren die Majorität oder gleiche Anzahl von
Mitgliedern besitzen. Das Vermögen aber, bewegliches und _
unbewegliches, solle unter die Ausziehenden und die Bleiben
den pro rata parte geteilt werden. Obwohl Strafen angedroht
waren für den Fall, dass binnen Jahresfrist die Trennung nicht
vollzogen wäre, sah sich Justinian im Jahre 546 2) zur Wieder
holung der Anordnung genötigt, modifizierte sie aber dahin,
dass in jedem Falle die Nonnen in dem alten Kloster ver
bleiben, die Mönche aber in ein anderes am Orte übersiedeln,
eventuell sich ein neues bauen sollten. Nicht einmal die bis
her gemeinschaftlichen Begräbnisstätten sollten von beiden
Teilen weiter benützt werden dürfen 3).
Die Klöster im ganzen Reiche konnten untereinander Ver
tauschung von Gütern vornehmen, ein Recht, das den kirch
lichen Anstalten in Konstantinopel vorenthalten war 4). Emphy

c. 34; Nov. 133 c. 2. 3. — A. Ferradou, Des biens des monasteres


ä Byzance. Bordeaux 1896. p. 187 s. — Marin, l. c. p. 85 ss.
1) Nov. 133 c. 5.
2) Nov. 123 c. 36. — H. Achelis, Virgines subintroductae. Leip
zig 1892. p. 58.
3) Nov. 133 c. 3.
4) Nov. 120 c. 7.
60 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

teusen an Klostergütern durften mit Zustimmung der Mehrheit


der Mönche abgeschlossen werden"). Ein Verkauf von Im
mobilien war nur mit Einwilligung des vorgesetzten Bischofes
gestattet, bei dem zuvor über die Notwendigkeit und den
Nutzen der Veräusserung ein Protokoll aufzunehmen und eid
lich zu bekräftigen war *). Klostergebäude zu veräussern und
durch Uebergabe in Privatbesitz zu profanieren“), verbot ein
strenges Gesetz, bei dessen Uebertretung der Ortsbischof das
Recht und die Pflicht hatte, das Kloster zurückzufordern und
seinem heiligen Zwecke wieder zuzuführen.
Das Vermögensrecht der Klöster absorbierte das Eigen
tumsrecht seiner Insassen. Vor der feierlichen Aufnahme in
ein Kloster konnte jedermann über sein Vermögen beliebig
disponieren. Ob des Vorsatzes, in ein Kloster zu gehen,
durfte niemand im Vermögen benachteiligt werden. Wer aber
ohne vorherige Verfügung über seine Habe in ein Kloster trat,
verlor mit der festen Aufnahme jedes Recht an seinen Gütern.
Das Gesetz nahm an, dass „er sich mit Leib und Seele und
mit seinem Vermögen dem Kloster geweiht habe““). Dieser
Grundgedanke kehrt in mehr oder minder modifizierter Form
in einer Menge von Einzelbestimmungen über die Eigentums
rechte der Klosterkandidaten wieder. Ueberall handelt es sich
dabei zuletzt um Schaffung oder Vermehrung von ordentlichen
oder ausserordentlichen Vermögensquellen“) für die Klöster.
Widmete sich nach Abschluss von Sponsalien in gesetz
') Nov. 120 c. 6.
*) L. c.
*) Nov. 120 c. 7 § 1: „ánö iepartwoö. Gyparo; es 8tory Bago
p psray paries da.“ – Nov. 7 c. 11.– Ferradou, l. c. p. 117 s,
verteidigt das Privateigentum an Klöstern. Seine Beweisführung stützt
sich auf Novelle 7 Kap. 11. Dieselbe beweist gerade das Gegenteil.
*) Nov. 76 pr.: „perä ro5 0öparo; xa ris Joy; aör r" etößp
r) war tö povaGripoy «adtspoöy Sabroös a räg; &aoröv repoozias.“ Nov.5
c. 5; Nov. 123 c. 38. – Fr. Hellmann, Das gemeine Erbrecht der
Religiosen. München 1874. S. 11–15. 18.– Ferradou, l. c. p. 129ss.
*) Ferradou, l. c. p. 126 ss.
ä 3. Die Klöster. 61

licher Form ein Bräutigam oder eine Braut dem Klosterleben,


so hatten sie sich gegenseitig nur zurückzuerstatten, was sie
arrarum sponsalium nomine erhalten hatten 1).
Wer unter der Bedingung, dass er heirate oder Nach
kommenschaft erhalte, als Erbe oder Legatar honoriert worden
war, verlor mit dem Eintritt in ein Kloster oder Asketerium
diese Zuwendungen nicht. Die Bedingungen galten als nicht
beigesetzt. Verliess ein solcher aber später wieder das Kloster
oder Asketerium, so verblieben die Güter diesen Anstalten.
Nur wenn eine Substitution zum Loskauf von Gefangenen oder
zur Unterstützung der Armen gemacht war, fiel die Erbschaft
oder das Legat diesen Zwecken zu 2).
Das Vermögen kinderloser Eheleute ging bei ihrem Ein
tritt in ein Kloster an dieses über 3).
Eltern war es nicht erlaubt, ihre Kinder, und umgekehrt
Kindern nicht, ihre Eltern beim Eintritt in ein Kloster als
undankbar von der Erbschaft auszuschliessen weder wegen
dieses Entschlusses noch wegen eines Grundes, der vor der
Erwählung des klösterlichen Berufes gegeben war 4).
Den Kindern sollte, wenn sie sich dem Klosterleben
widmeten, das volle Intestaterbrecht und zum mindesten der
Anspruch auf die gesetzliche Quart gewahrt bleiben 5). .
Wenn während des Bestandes einer Ehe der Mann oder
die Frau in einem Kloster eingekleidet wurde, so galt die
Ehe auch sine repudio als gelöst ‘1). Trat der Mann ein, so
sollte der Frau die dos und alles, was er etwa sonst noch
von ihr empfangen hatte, ausserdem von der Nuptialdonation
1) L. 54 (56) ä 2. 3 C. 1, 3; Nov. 123 c. 39. Die in l. 3. 5 C. de
sponsalibus et arris sponsaliciis 5, 1 angesetzten Vermögensstrafen beim
Rücktritt von der gesetzlichen Verlobung fanden hier keine Anwendung.
e) Nov. 122. c. 37; cfr. 1. 52 (53) s 13. 14 c. 1, s.
e) Nov. 12a c. es.
4) Nov. 123 c. 41; l. 54 (56) ä 5. 6. 7 C. 1, 3.
5) L. 54 (56) C. 1, 3.
6) Nov. 22 c. 5; Nov. 123 c. 40. „. . . özaloäsüw ö 10'410; xa‘z ötxa
psnouöioo . . .“
62 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

so viel, als für den Todesfall des Mannes vertragsmässig der


Frau zugekommen wäre, zurückgegeben werden. Trat die
Frau ins Kloster, so erhielt der Mann die Nuptialdonation
und von der dos so viel, als durch Vertrag für den Todesfall
der Frau stipuliert war. „Denn,“ heisst es in Nov. 22 Kap. 5,
„der Ehegatte, welcher in ein Kloster eintritt, ist für den
anderen Teil, was die Ehe anbelangt, so gut wie tot.“ Wandten
sich beide Ehegatten dem Klosterleben zu, so galten die
Dotalverträge für aufgehoben, der Mann erhielt die Nuptial
donation zurück, die Frau die dos und was sie sonst dem
Manne nachweisbar zugebracht hatte 1).
All dieses Vermögen folgte ihnen ins Kloster nach, falls
sie vor dem Eintritt in dasselbe nicht andere Verfügungen
getroffen hatten.
Ein Dispositionsrecht über das Vermögen stand nach der
Klosteraufnahme nur jenen zu, die mit Hinterlassung von
Kindern ohne jegliche Anordnung über ihr Eigentum aufge
nommen worden waren. Sie sollten an die eigenen Kinder
und nur an diese ihr Vermögen verteilen dürfen, und zwar
so, dass keines der Kinder weniger als den Pflichtteil erhielt.
Dem Kloster musste aber bei Teilung nach Köpfen mindestens
ein Kindsteil zukommen. Starben Eltern im Kloster vor der
Verteilung ihrer Güter, so empfingen die Kinder den Pflicht
teil, die übrige Hinterlassenschaft fiel an das Kloster 2).
Verliess ein Mönch sein Kloster dauernd, so blieb letzterem
dessen Vermögen, er selbst aber sollte von dem Bischofe und
Provinzstatthalter, die ihn auffingen, mitsamt der eventuell in
zwischen erlangten Habe wieder in ein Kloster gebracht
werden. Bei abermaligem Verlassen desselben wurde er in
den Stand der Kohortalen versetzt.
Trat jemand von einem Kloster in ein anderes über, so
verblieb sein ehemaliges Vermögen dem ersten Kloster 3). Damit
1) Nov. 123 c. 40; l. 52 (53) S 15 C. 1, 3.
2) Nov. 123 c. 38.
3) Nov. 123 c. 42.
ä 3. Die Klöster. 63

entfiel die ältere Bestimmung in l. 38 (39) C. 1, 3, wonach beim


Austritt nur die Mobilien am Kloster hafteten, gleichviel, ob
eine gerichtliche Insinuation über die eingebrachten Mobilien
vorlag oder nicht, während die Immobilien herausgefordert
werden konnten. Diese Konstitution basierte auf der Lehre von
der Schenkung, wie sie von Konstantin an Stelle der bei den klas
sischen Juristen bekannten, später ausser Gebrauch gekommenen
l. Cincia de donis et muneribus aus dem Jahre 550 u. c. in das
Recht eingeführt worden war, und welche für alle Donationen
die Form der gerichtlichen Insinuation vorgeschrieben hatte.
Die Novelle Justinians fusste auf seiner Konstitution vom Jahre
531 (l. 36 Q 3 C. de donationibus 8, 53), wonach Schenkungen
bis zu 500 solidi von dieser Form befreit waren, ein Gesetz,
das eine Erleichterung von Gaben zu frommen Zwecken be
absichtigte und bewirkte. Ein Schenkungsakt wurde in dem
Eintritt in ein Kloster erblickt. Dieser war vor dem Gesetze
gleichbedeutend mit einer vollständigen Hingabe der Persön
lichkeit, mit einer Tradition „von Leib und Seele und Ver
mögen“ 1).
Eine kleine Beschränkung des Vermögensrechtes von
Klosterkandidaten stellte Nov. 6 Kap. 1 und 4 auf durch die
Forderung, dass Kurialen bei der Aufnahme in ein Kloster ein
Viertel ihrer Güter an ihre Kurie überlassen müssen.
Eine ausserordentliche Einnahmequelle war den
Klöstern durch Strafen für gewisse Verbrechen eröffnet. So
sollte dem Kloster, in das eine Diakonisse wegen Aergernis
erregenden, trotz bischöflicher Mahnung fortgesetzten Zu
sammenlebens mit einem Manne versetzt wurde, falls dieselbe
Kinder hatte, ein Kindsteil, falls sie kinderlos war, die Hälfte
ihres Vermögens zufallen, während die andere Hälfte der
.Kirche zukam, an der sie vorher angestellt war.
Eine Diakonisse, welche unter Aufgabe ihres kirchlichen
Dienstes heiratete oder ein anderes geschlechtliches Zusammen

1) Nov. 76 pr.
64 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

leben mit einem Manne führte, traf nebst ihrem Mitschuldigen


die Todesstrafe. Das Vermögen der ersteren wurde dem
Kloster, in dem sie gewohnt, oder der Kirche, in der sie
gedient hatte, zugewiesen; das des Mannes fiel an den Fiskus 1).
Eheleute, die sich aus einem anderen als den gesetz
lichen 2) Gründen einseitig oder nach gegenseitiger Ueberein
kunft getrennt hatten, waren, wenn sie die eheliche Gemein
schaft nicht wieder aufnahmen, in Klöster zu verbringen. Ihr
Vermögen verfiel zu einem Drittel den Klöstern, zu zwei Dritteln.
ihren Deszendenten aus dieser oder einer anderen Ehe, falls
solche nicht vorhanden waren, zu zwei Dritteln den Klöstern
und zu einem Drittel den Aszendenten, soweit diese nicht ihre
Zustimmung zur Trennung gegeben hatten; fehlten auch solche,
dann hatten die Klöster ein Anrecht auf deren ganze Habe.
Den zur Wiederaufnahme des Zusammenlebens bereiten Ehe
gatten trafen diese Strafen nicht.
Die Durchführung dieser Gesetze und die Exekution der
Strafen sollten vorzüglich die Provinzialstatthalter und zwar
bei Gefahr des Exils und der Güterkonfiskation vornehmen.
„Aber auch den Bischöfen oblag, für die Beobachtung dieser
Dinge zu sorgen, damit so die betreffenden Personen in Klöster
verbracht und aus ihrem Vermögen die bestimmten Teile den
Klöstern übergeben würden“ 3).
In gleicher Weise wie mit dem Vermögen der widerrecht
lich getrennt lebenden Ehegatten sollte mit der Habe einer
Frau verfahren werden, welche wegen nachgewiesener Ver
letzung der ehelichen Treue in ein Kloster verwiesen und von
ihrem Manne binnen zweier Jahre nicht zurückgenommen wurde 4).
Ihr Vermögen wurde wie im vorangeführten Falle aufgeteilt.
Dem Manne verblieb das im Ehekontrakte Ausbedungene. Ent
zog sich die verurteilte Frau den gesetzlichen Strafen und lebte

1) Nov. 6 c. 6 in fine.
2) Nov. 117 c. 9. 10.
5) Nov. 134 c. 12; Nov. 117 c. .13.
‘) Cfr. oben S. 58.
ä 3. Die Klöster. 65

mit dem Mitschuldigen zu Lebzeiten des Mannes zusammen,


oder versuchten beide eine Ehe einzugehen, so wurde das
beiderseitige Vermögen in der angegebenen Ordnung verteilt 1).
Raub, Entführung und Schändung einer gottgeweihten
Jungfrau, Witwe oder Diakonisse zog für den Täter und seine
Helfershelfer beim Einbruch und Raub die Todesstrafe nach
sich. Das Vermögen der Verbrecher wurde dem Kloster oder
Asketerium, in dem die vergewaltigte Person lebte, zu vollem
Eigentum zugesprochen. War letztere eine Diakonisse, und
hatte sie bisher nicht in einem Kloster gewohnt, so sollte sie
nunmehr in ein solches eintreten müssen und diesem ihr Ver
mögen übergeben nach allenfallsigem Abzug des Pflichtteils
für ihre Kinder 2).
Rückgabe von Vermögensobjekten seitens eines Klosters
kennt das Justinianische Recht bezüglich Sklaven und Höriger.
Grundsätzlich sollte bei der Aufnahme in ein Kloster kein
Unterschied gemacht werden zwischen Freien und Sklaven,
„weil die Gnade Gottes alle in gleicher Weise aufnehme, und
es in Bezug auf den göttlichen Kult keine Unterscheidung
gebe zwischen männlich und weiblich, zwischen frei und un
frei, vielmehr alle in Christus als eins erachtet werden“ 3).
Aber während freie Männer ohne weiteres aufgenommen
werden konnten, sollten Sklaven und solche, von denen nicht
sicher war, ob sie nicht auch diesem Stande zugehörten, zuvor
ein dreijähriges Noviziat bestehen. Requirierte innerhalb dieses
Trienniums der sicher erwiesene Herr einen solchen Kandi
daten unter dem Nachweis, dass derselbe wegen Diebstahls,
grober Vergehen oder lasterhaften Lebenswandels ins Kloster
geflüchtet war, so sollte dem Verlangen des Herrn stattgegeben
werden. Hatte der Sklave gestohlenes Gut in das Kloster
mitgebracht, so war dies an den Herrn zurückzugeben4).

1) Nov. 134 c. 12.


2) L. 53 (54) C. 1, 3 pr. und ä 3; Nov. 123 c. 43.
‘) Nov. 5 c. 2 Q 1.
4) Nov. 5 c. 2 ä 1.
Kn e cht , Justinianisches Kirchenvermögensrecht. 5
66 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Aehnlich hatten die Aebte zu handeln, wenn ein Kolone nur,


um den Anstrengungen des Ackerbaues zu entkommen, wegen
Diebstahls oder eines sonstigen Vergehens ins Kloster ge
treten war und Vermögen in dasselbe gebracht hatte. Nach
Ablauf des Trienniums konnte der Requirierte im Kloster ver
bleiben, die allenfallsigen Vermögensstücke aber mussten dem
Herrn herausgegeben werden. Traten solche Mönche später
aus dem Kloster aus, so fielen sie ihrem früheren Stande
wieder anheim 1).

Zweites Kapitel.
Die Objekte des Kirchenvermögens.

ä 4. Die verschiedenen Arten von kirchlichen


Vermögensstücken.
Die Kirchen, Wohltätigkeitsanstalten und Klöster waren
schon längst vor Justinian nicht mehr auf die schwankenden
Abgaben von Naturalien und Geld in den Formen der Obla
tionen, Primitien und des vom alten Testamente übernommenen
Zehnten angewiesen, sondern hatten an vielen Orten aus
gedehnten Immobiliarbesitz und feste Renten. Den Christen
gemeinden gehörten bereits zur Zeit der Verfolgungen un
bewegliche Güter, allerdings in einem durch die feindlichen
Verhältnisse bedingten kleinen Umfange. Nach den Tagen
der äussersten Bedrängnis erlangte die Kirche zu den durch
Konstantin zurückgeleiteten, vormals konfiszierten Vermögens
objekten, zu den neu überlassenen heidnischen Tempeln und
dem zugeteilten Göttergut hauptsächlich mit Hilfe erbrecht
licher Privilegien in raschem Zuge ganz beträchtliches Eigen
tum, besonders an Gründen 2). Zu Anfang des sechsten Jahr
hunderts befanden sich viele Ländereien von allen Teilen des

1) Nov. 123 c. 35.


2) Löning, a. a. O. S. 288.
ä 4. Arten der kirchlichen Vermögensstücke. 67

oströmischen Reiches in kirchlicher Hand. Das verheissene


ewige Bestehen der Kirche drängte zu dauerndem Besitz; die
stetig sich mehrenden Bedürfnisse verlangten unausgesetzte
Zuwendungen. „Jedem Menschen,“ sagt Justinian1), „ist vom
Schöpfer nur ein Lebenslauf beschert, dessen Ende der Tod
ist. Anders bei den frommen Anstalten und deren Gliedern.
Die werden von Gott unsterblich erhalten und bezüglich ihres
Vermögens ist kein Ende abzusehen. Solange sie bestehen
bleiben, d. i. bis zum Ausgang aller Zeiten, solange der christ
liche Name unter den Menschen wohnt und Verehrung g0'9
niesst, müssen auch billigerweise auf ewig überlassene Mittel
und dauernde Einkünfte vorhanden sein für die nimmer
endenden heiligen Zwecke.“ Es begreift sich, dass der Kaiser
in solchen Gedanken und bei den damaligen unsoliden volks
wirtschaftlichen Verhältnissen den Immobilienbesitz der Kirchen
und frommen Anstalten beförderte, im sicheren Bestände zu
erhalten suchte und das Mobiliarvermögen, wo es anging, in
unbewegliches Eigentum überzuführen bemüht war. Liegende
Gründe, praedia urbana und rustica 2), darunter Gärten 3),
Waldungen und Weinberge 4), Kultusgebäude, Miet- und Ge
schäftshäuser in den Städten und auf dem Lande 5) bildeten
den Hauptbesitz.
Eine singuläre Erscheinung von bloss lokaler Bedeutung
war das Eigentumsrecht der Hauptkirche in Konstantinopel an
1100 in der besten Lage der Stadt befindlichen Kaufläden
und Werkstätten (äpyaorvjpza), mit deren Erträgnissen im
Verein mit den Renten einiger Grundstücke die kirchlichen
Oekonomen und Defensoren für unentgeltliches ordentliches Be

1) L. 55 (57) ä 3 C. 1, 3 (12. Sept. 534).


2) L. 14 pr. C. 1, 2; Nov. 7 c. 1. 6 pr.; Nov. 37 c. un. Q 3. 11;
Nov. 120 c. 1.
5) Nov. 7 c. 1.
4) Nov. 65.
5) Nov. 7 c. 1. 6 pr.; Nov. 65.
68 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

gräbnis der Verstorbenen sorgen sollten"). Konstantin hatte


schon 350 Ergasterien zu diesem Zwecke angewiesen. Durch
Anastasius waren dieselben auf die Zahl 1100 erhöht und
dazu noch jährliche Einkünfte von 70 Pfund Gold beigegeben
worden“). Da das Institut nach ihm in Verfall geraten war,
und für die Bestattung der Toten von deren Hinterbliebenen
grosse Summen bezahlt werden mussten, restituierte Justinian
die Einrichtung in der Weise, wie sie Anastasius organi
siert hatte.
An Mobilien (res se moventes et res mobiles) besassen
die Kirchen, kirchlichen Institute und Klöster Kolonen und
Sklaven“) für den landwirtschaftlichen Betrieb, Handwerker
für die Arbeiten in den Geschäftshäusern“), Renten“), Kapi
talien, Pretiosen und einen reichen Schatz von liturgischen
Gegenständen.

§ 5. Die juristische Qualität der kirchlichen


Vermögensobjekte.
„Summa rerum divisio in duos articulos deducitur: nam
aliae sunt divini juris, aliae humani. Divini juris sunt veluti
res sacrae et religiosae; sanctae quoque res, veluti muri et
portae, quodammodo divini juris sunt.“ Diese Theorie aus
dem Sachenrecht des Gajus") hat Justinian ungeachtet der
wesentlichen Differenz der religiösen Anschauung in seinem
Gesetzeswerk rezipiert"). In gleicher Weise übernahm er die
') Nov.43; Nr. 59. –Cujacius,Jac, Novellarum Constitutionum
Imp. Justiniani expositio. Coloniae Agrippinae 1592. – Nov.43p. 172;
Nov. 59 p. 198 s. – Fournieret, 1. c. p. 63 ss.
*) L. 18 C. 1, 2; cfr. 1. 4. 9 C. h. t.
*) L. 14 C. 1, 2; Nov. 7 pr, c. 1. 6; Nov. 156; 162 c.3. – Fer
radou, l. c. p. 177 s.
*) Nov. 43; 59.
') L. 45 (46) § 9; 10; 11 C. 1, 3; l. 55 (57) § 2 eod.
') Gaj. Instit. II § 4 ss. – Galante, l. c. p. 1 ss.
') L. 1 pr. D. de divisione rerum et qualitate 1, 8.
§ 5. Juristische Qualität der kirchlichen Vermögensobjekte. 69

Begriffsdefinition: „Sacra sunt, quae rite et per pontifices


deo consecrata sunt, veluti aedes sacrae et dona, quae rite
ad ministerium dei dedicata sunt“).
Die Qualität von res sacrae im juristischen Sinne er
hielten nach dem klassisch-römischen Recht Sachen dadurch,
dass sie zum öffentlichen Kult einer von den Römern ver
ehrten Gottheit mit Genehmigung des Volkes (ex auctoritate
populi), in späterer Zeit des Kaisers, dediziert, unter gewissen
feierlichen Formen aus dem menschlichen Eigentumsverbande
entlassen und von dem Pontifex als Divinaleigentum in Emp
fang genommen wurden“). Dedicatio und consecratio, zwei
Begriffe, die keineswegs identisch sind, sich vielmehr verhalten
wie das Ganze zu seinem vorzüglichsten Teile“), waren die
konstitutiven Momente bei diesem Akte, während der locus
religiosus durch die blosse Beisetzung eines Toten seitens des
hierzu Befugten, vorausgesetzt, dass er Eigentümer des Ortes
war oder die Zustimmung des Eigentümers erhalten hatte,
ohne weiteres geschaffen wurde“), und die res sancta da ge
geben war, wo eine bestimmte Sache des Staates oder der
Gemeinden, namentlich Stadtmauern und Tore, in den beson
deren Schutz der Götter gestellt wurden“).
') Gaj. Inst. II § 8 = § 8 J. de rerum divisione 2, 1. – Ga
lante, l. c. p. 4 ss. – Müller, a. a. O. S. 13 ff. – Zhishman,
a. a. O. S. 1 ff.
*) L.9 pr. D. de div. rer. et qual. 1, 8: „Sacra loca ea sunt, quae
publice dedicata, sive in civitate sint sive in agro.“ – Galante, l. c.
p. 6 s. 15 s. 69 ss.
*) Meurer, Der Begriff und Eigentümer . . . 1. Bd. S. 198.
*) Gaj. II § 6: „Religiosum vero nostra voluntate facimus, mor
tuum inferentes in locum nostrum, si modo ejus mortui funus ad nos
pertineat.“– § 9 J. 2, 1: „Religiosum locum unusquisque sua voluntate
facit, dum mortuum infert in locum suum.“ Cfr. 1. 2. 4. 34 D. de re
ligiosis et sumptibus funerum 11, 7. – A. Geouffre de Lapra
delle, Desfondations. Wuesthéoriques et legislatives. Paris 1894.p. 16ss.
*) Gaj. § 4 h. t. – Marcian., 1.8 pr. D. de div. rer. et qual. 1,8:
„Sanctum est, quod ab iniuria hominum defensum atque munitum est.“
– § 10 J. de rer. div. 2, 1: „Sanctae quoque res, veluti muri etportae,
70 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Da im Christentum seit den ältesten Zeiten eine „con


secratio“ von Oertern und Gegenständen als liturgische Hand
lung üblich war und Justinian dieselbe als solche wiederholt
strenge anbefohlen hat"), so ist klar, dass die „consecratio“,
wie sie in den Institutionen Aufnahme gefunden hat, nur in
christlichem Sinne aufgefasst werden darf, umsomehr als die
selbsteigenen Gesetze des Kaisers, die Novellen, eine kirchlich
liturgische Weihe fordern“). Meurer hat Recht, wenn er sagt:
„So sehr wir einerseits für unsere Frage die formale Ab
hängigkeit Justinians vom heidnischen Altertum anerkennen,
ebenso bestimmt, müssen wir uns auf der anderen Seite gegen
eine Identifizierung der alten und neuen Ideen erklären“).“
Eine magistratische Mitwirkung bei der consecratio, wie sie
in heidnischer Zeit sich fand, ist Justinian fremd. Die „ponti
fices“ sind in seiner Auffassung die Bischöfe, wie denn auch
in den Novellen dieses Wort durch „SrioxoTrot“ verdrängt ist.
Die bischöfliche Konsekrationsgewalt hat keinen materiellen
Zusammenhang mehr mit der auctoritas populi noch mit der
Macht des Kaisers. Damit entfällt für das neue Recht die
dedicatio im Sinne einer Eigentumsverschiebung. Sie ist
nunmehr blosse Zweckbestimmung. In eigentumsrechtlicher
Hinsicht ist darum die altrömische Qualität der res sacrae im
Justinianischen Recht ohne Bedeutung. Die Extrakommerzia
lität hatte grundsätzlich aufgehört. Für den Gottesdienst
konsekrierte und zu frommen Zwecken bestimmte Gebäude
und sonstige geweihte Sachen stehen in menschlichem Domi
quodammodo divini juris sunt et ideo nullius in bonis sunt. Ideo autem
muros sanctos dicimus, quia poena capitis constituta sit in eos, qui ali
quid in muros deliquerint.“
*) Nov. 5 c. 1: „Trptv . . . 6 8é (sc. Srioxonos) Yepag re &vatevstev
es oöpayby a Stà rl; eöy 3 röv róroy &vspózste dep . ..“; Nov.67 c. 2;
Nov. 131 c. 7. – Meurer, a. a. O. 1. Bd. S. 202. – Galante, l. c.
p. 48 ss.
*) Cfr. 1).
*) Meurer, 1. Bd. S.202 ff. – Galante, l. c. p.70.– Brinz,
a. a. O. 3. Bd. S. 497–503. – E. Richter, a. a. O. S. 1299 f.
ä 5. Juristische Qualität der kirchlichen Vermögensobjekte. 71

nium und befinden sich im Besitz von Privatpersonen. Sie sind


zumeist Eigentum der Einzelkirchen und unterliegen nur im
Interesse ihrer dauernden Erhaltung gewissen Veräusserungs
verboten und einigen Bestimmungen zum Schutze vor un
würdigem und profanem Gebrauche.
Die res sanctae haben zum Kirchenvermögen keinerlei
Beziehungen.
Bezüglich der loca religiosa 1) hat Justinian die altheid
nischeri Sätze formell und materiell rezipiert. Eine Umwer
tung des religiosum war umsoweniger notwendig, als die
christliche Kirche den Leibern der Verstorbenen aus dogma
tischen Gründen praktische Pietät in nicht minderem Grade
entgegenbrachte, als das römische Heidentum die Manen der
Toten hochschätzte. Eine neue legislatorische Lösung der
Eigentumsfrage drängte nicht, da gemeinschaftliche Begräb
nisstätten noch nicht obligatorisch waren, vielmehr seit der
durch Leo I. verfügten Abänderung des Zwölftafelverbotes 2),
Leichen intra muros zu bestatten, und eines gleichinhaltlichen
Verbotes Hadrians 3) Gräber innerhalb und ausserhalb der
Städtemauern errichtet werden konnten. Ausserdem schien neben
dem strafrechtlicher‘) Schutz des „religiosum“ nach aussen
der private Eigentümer des Grundstückes, in dem ein Toter
ruhte, genügende Sicherheit für die würdige Behandlung des
Grabes zu bieten. Die Entwicklung des allgemeinen kirch
lichen Friedhofes und des Eigentums an demselben gehört einer
späteren Zeit an.

1) Meurer, 1. Bd. S. 163-170; 208.


2) P. Lex, Das kirchliche Begräbnisrecht. Regensburg 1904.
S. 19 ff.
3) L. 3 ä 5 D. de sepulcro violato 47, 12.
4) L. 1. 3. 8. 11. D. h. t.
72 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Drittes Kapitel.
Die Quellen des Kirchenvermögens.
§ 6. Freiwillige Zuwendungen.
„Das beste Mass in Gaben an die Kirchen ist die Mass
losigkeit“, sagt Justinian in Nov. 7). Diesen Satz in die
Praxis übersetzend hat er den Kirchen und frommen Anstalten
die Vermögensquellen, die ihnen früher reichlich geflossen,
gesetzgeberisch gesichert und sie durch neue vermehrt. Den
noch gebräuchlichen ältesten Reichnissen an die Kirchen, Ob
lationen *) in Naturalien und Geld, Kollekten *), Primitien“)
und den in der Väterzeit so sehr empfohlenen Zehnten "),
suchte er den Charakter der Freiwilligkeit zu erhalten, indem
er im Kodex") die Konstitution erneuerte, dass Bischöfe,
Chorbischöfe, Visitatoren oder Kleriker die Laien und die
Landwirtschaft betreibenden Angehörigen des geistlichen Stan
des weder zur Zahlung von Erstlingsfrüchten und Abgaben,
zur Leistung von Spann-und anderen Diensten anhalten, noch
für die Unterlassung dieser Gaben und Dienste mit Entziehung
der Sakramente, Anathem und sonstigen Kirchenstrafen vor
gehen dürfen. „Derartiges unwürdiges und aller Gottlosig
keit volles Treiben, das zuletzt zur Verachtung des orthodoxen
Glaubens führt,“ sagt der Gesetzgeber, „verbieten wir unter
allen Umständen und lassen auch kein Gewohnheitsrecht hierin
aufkommen. Jedermann mag aus seinem erarbeiteten Ver
mögen freiwillig Gott und seinen Dienern weihen, was er für
') Nov. 7 c. 2 § 1: „... et; & torära; & Maiaç, g” by áparov
pérpoy + röv Bopoopévoy xadécripev perpia.“
*) Winkler, a. a. O. S. 3. – Rivet, l. c. p. 3. – Thaner,
a. a. O. S. 292 f.
*) Winkler, a. a. O. S.7. – Rivet, l. c.
*) Fournieret, 1. c. p.28–38. – Winkler, a. a. O. S.9 ff
*) Fournieret, p. 39–50. – Winkler, a. a. O. S. 9–11.
') L. 38 (39) § 2 ss. C. 1, 3.
Q 6. Freiwillige Zuwendungen. 73

gut erachtet. . . . Den Zwang verbieten wir; freiwillige Gaben


finden unser Lob.“
Die Kirchen erhielten in der Justinianischen Zeit die Mittel
für ihren Bedarf hauptsächlich aus der gesetzlich geforderten
Dotation durch den Stifter 1), durch Schenkungen von liegen
den Gütern und beweglichen Sachen 2), durch Rentenkaufi‘),
Erbschaften und Vermächtnisse. Die älteren Kirchen hatten
ausserdem sichere jährliche Einkünfte aus früher erlangtem
Grund- und Häuserbesitz 4). Die Schenkungen von Immobilien
hatten nach den Konstantinischen Restitutionsedikten an Zahl
und Umfang rasch zugenommen. Viele Bischöfe des vierten
und fünften Jahrhunderts hatten ihr ganzes Vermögen für
kirchliche Zwecke hingegeben. Ihrem Beispiele waren die
Laien in einer Weise gefolgt, dass oft die wichtigsten fami
liären Pflichten dadurch hintangesetzt worden waren. Hatte
sich doch ein heiliger Augustinus 5) genötigt gesehen, die
Eltern an die Unterhaltung und Unterstützung ihrer armen
Kinder zu mahnen, und war ein heiliger Ambrosius ü) gezwungen,
Gaben von Söhnen zurückzuweisen, die das Recht der Eltern
geschmälert hatten. Die Kirche zu Rom hatte seit der Wende
des vierten und fünften Jahrhunderts ausgedehnten Grund
besitz in Italien, Afrika und selbst in Kleinasien besessen 7).

1) Nov. 6 c. 8; Nov. 67.


2) Nov. 37 epil.
3) Nov. 20.
4) Fourneret, 1. c. p. 77. 80-82. 84.
5) Augustinus, Serm. 355 in Migne, Patr. lat. 39 col. 1571:
„Tamen rogo vos, nemo me reprehendat, quia ejus (qui exhaeredat filios)
haereditatem nolo suscipiat ecclesia.“
6) Ambrosius, Expos. Evang. secund. Lucam c. 18 in Migne,
Patr. lat. 15 col. 1789: „Sed dicis te quod eras parentibus collaturus,
ecclesiae malle conferre. Non quaerit donum Deus de fame parentum.“
— Fourneret, l. c. p. 69. 72. 75 s.
") Schwarzlose, a. a. O. S. 16-22. 30 f. -— Fourlleret, l‚ C
p. 76-80. — Es entspricht deshalb nicht den Tatsachen, wenn der in
der ersten Hälfte des 6. Jahrh. an der Sophienkirche zu Konstantinopel
74 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Im Orient war die Kirche von Konstantinopel schon frühe im


Besitze von Häusern und Grundstücken gewesen, aus denen
ihr eine regelmässige Rente zufloss. Um diese zu erhalten,
hatten Leo und Anthemius im Jahre 470 die Veräusserung
von Immobilien verboten ). Justinian erwähnt des öfteren
die grossen Besitzungen der Hauptkirche *). Die Kirchen von
Antiochien und Alexandrien waren bereits im vierten Jahr
hundert mit grossem Immobilienbesitz ausgestattet und die
Auferstehungskirche zu Jerusalem bestritt noch zu Justinians
Zeiten die bedeutenden Ausgaben für die Verpflegung der
Pilger aus den Renten, welche die ihr gehörenden Häuser
und Grundstücke abwarfen").
Die Kaiser hatten durch Spezialgesetze das Wachstum
des kirchlichen Immobilienbesitzes gefördert. Von Konstantin,
dem Begründer des Erbrechtes der Kirchen, bis zu Justinian
zeigt sich die Gesetzgebung der Fondierung des Kirchenver
mögens günstig. Valentinian, Valens und Gratian bilden mit
als Vorleser (va vórq) angestellte Theodor mit dem Beinamen Lektor
in seinen kirchenhistorischen Auszügen (Hist. eccl. II, 55 in Migne,
Patr.gr.86 col. 211) schreibt: „Ecclesiae Romanae hunc esse morem . . .
ut res immobiles non possideat; sed si forte possessiones ei obvenerint,
confestim eas vendat et pretium in tres portiones distribuat.“– Stutz,
Gesch. d. kirchl. Benef. S. 26 ff. – Löning, a. a. O. 1. Bd. S. 436 ff.
') L. 14 C. 1, 2.
*) Nov. 3; 120. Wenn Fournieret, l. c. p. 81, aus Nov. 3 pr.
„ob Töp öst Tipös räg; Sarräva; ër: Frey xa räg «rass (roöto öp e;
r) mariov ts 6po5 x 2532:0 v. Ös), 8)) & ro; oöst Coppergey xa räg
Barâyag“ entnehmen will, es seien „les immeubles possédés par l'église
telement nombreux que l'empereur, si bien disposé qu'il soit, ne peut
pas admettre qu'on en acquière de nouveaux“ und mithin ein Verbot
des Erwerbes weiterer Immobilien erblickt, so ist dies eine falsche Inter
pretation der Stelle. Justinian will in der behandelten Novelle eine
Beschränkung der Ueberzahl der Kleriker an der Sophienkirche und er
tritt dem Versuch, durch Erwerbung neuer Einnahmequellen diese Re
duktion der Geistlichen als unnötig darzutun, entgegen, will aber mit
nichten den Immobilienerwerb absolut untersagen.
*) Nov. 40. – Fournieret, l. c. p.82–84. – Grupp, a. a. O.
2. Bd. S. 373.
§ 6. Freiwillige Zuwendungen. 75

dem Gesetz vom Jahre 370, worin kirchliche Personen für


unfähig erklärt werden, aus letztwilligen Verfügungen von
Witwen und Waisen etwas zu erwerben, keine Ausnahme.
Denn das Gesetz beschränkt nicht das Erbrecht der Kirchen,
sondern wendet sich gegen die Erbschleicherei, die sich Kle
riker hatten zu Schulden kommen lassen"). Auch das zwei
Jahre später von denselben Kaisern erlassene Gesetz greift
nicht die Erbfähigkeit der Kirchen an, ist vielmehr nur eine
Ausdehnung des ersten Verbotes auf die Bischöfe und gott
geweihten Jungfrauen *). Eine direkte odiose Beschränkung
der Erwerbsfähigkeit der Kirchen kann auch in den zwei
Konstitutionen des Theodosius vom Jahre 390, worin den
Diakonissen, welche als Witwen unter Hinterlassung von Kin
dern sterben, zu Gunsten der letzteren Beschränkungen in der
Testierfähigkeit und bezüglich der Schenkungen unter Leben
den auferlegt sind, nicht erblickt werden"). Die beiden
') L. 20 C. Theod. 16, 2: „Ecclesiastici aut, ex ecclesiasticis vel
qui continentium se volunt nomine nuncupari, viduarum ac pupillarum
domos non adeant . . . Censemus etiam, ut memorati nihil de ejus mu
lieris, cui se privatim sub praetextu religionis adjunxerint, liberalitate
quacunque vel extremo judicio possint adipisci et omne in tantum
in efficax sit, quod alicui horum ab his fuerit derelictum, ut nec
per subjectam personam valeant aliquid vel donatione vel testamento
percipere.“– Vgl. hierzu die bitteren Anklagen, die der hl. Hieronymus
gegen die Erbschleicherei einzelner Kleriker erhoben hat in der ep. ad
Nepotianum (Migne, Patr. lat. 22 col.532).– Fournieret, 1. c.p.91 s.
*) L. 22 C. Theod. 16, 2: „Forma praecedentis consulti etiam circa
episcoporum virginumque personas et circa alias, quarum statuto prae
cedenti facta complexio est, valeat ac porrigatur.“
*) L. 27 C. Theod. 16, 2: „. . . ac si quando diem obierit, nullam
ecclesiam, nullum clericum, nullum pauperem scribat heredes. Careat
namque necesse est viribus, si quid contra vetitum circa personas spe
cialiter comprehensas fuerit a moriente confectum . . .“ – L. 28 eod.:
„Legem quae de diaconissis vel viduis nuper est promulgata, ne quis
videlicet clericus neve sub ecclesiae nomine mancipia, superlectilem
praedam velut infirmi dispoliator invaderet et remotis adfinibus ac pro
pinquis ipse sub praetextu catholicae disciplinae se ageret viventis
heredem, eatenus animadvertat esse revocatam....“– Ich kann in diesen
76 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Bestimmungen schützen ein natürliches Recht der Kinder und


richten sich nur gegen einen Missbrauch der mütterlichen
Gewalt. Das Verfügungsrecht der Eltern über ihr Vermögen
hat eine natürliche Schranke in dem Rechte der Kinder auf
Unterhaltung. Wenn nach offensichtlicher Verletzung des
letzteren, die auch durch einen anderweitigen guten Zweck
nicht saniert wird, die Kaiser das Dispositionsrecht der Eltern
beschränkt haben, und dadurch den Kirchen und kirchlichen
Instituten manches Vermögensstück nicht znfloss, so liegt
hierin keine formelle Verengerung des kirchlichen Erwerbs
rechtes. Das Gesetz Marcians vom Jahre 455, das den Wit
wen, Diakonissen und den weiblichen Religiosen das Recht
zusicherte, in jeder Form Kirchen, Kapellen, Klerikern, Mön
chen und Armen Vermögen zuzuwenden, enthält nicht sowohl
eine Aufhebung der Konstitutionen Valentinians und Theo
dosius’, wie gewöhnlich und zuletzt auch von Fourneret 1) be
hauptet wird, als vielmehr eine Erleichterung bezüglich der
Form ihrer Verfügungen 2). Im Kodex Justinians haben die

Gesetzen weder mit Winkler, a. a. O. S. 335, eine „Einschränkung


der in 1. 4 C. Theod. 16, 2 im vollsten Masse zugestandenen Erwerbs
fähigkeit der katholischen Kirche“ finden, noch mit Fourneret, l. c.
p. 94, eine Zurückziehung der testamenti factio passiva „non seulement
aux clercs et aux moines, mais encore a Peglise et aux pauvres“. Zu
weit geht F o urn eret in der Interpretation des zweiten Gesetzes, wenn
er schreibt l. c.: „La loi du meme Theodose, qui corrige cette consti
tution (sc. l. 27 C. Theod. 16, 2) sur un point de detail, laisse subsister
cette incapacite dans ce qu’elle a d’essentiel.“ — Rivet,
l. c. p. 48—51.
1) L. c. p. 93. 95.
2) Nov. 5 Marciani : l. 13 C. (Just.) 1, 2: „Generali lege sanci
mus, sive vidua sive diaconissa vel virgo deo dicata vel sanctimonialis
mulier, sive quocumque alio nomine religiosi honoris vel dignitatis fe
mina nuncupatur, testamento vel codicillo suo, quod tamen alia omni
juris ratione munitum sit, ecclesiae vel martyrio vel clerico vel monacho
vel pauperibus aliquid vel ex integro vel ex parte in quacumque re vel
specie credidit seu crediderit relinquendum, id modis omnibus ratum
firmumque consistat, sive hoc institutione sive substitutione seu legato
Q6. Freiwillige.Zuwendungen. 77

oben angeführten vier Gesetze Valentinians und Theodosius’


keine Aufnahme gefunden, wohl aber die Konstitution Mar
cians. Daraus kann indes kein Schluss gezogen werden auf
eine in denselben gelegene Beschränkung der kirchlichen Er
werbsfähigkeit. Denn in der Zeit von Theodosius bis Marcian
und noch mehr bis Justinian war das Erbrecht der Kinder
durch anderweitige allgemeine Gesetze gesichert worden, so
dass ein Spezialgesetz wie die obigen entbehrlich war. Ausser
dem knüpft die sonst sehr freiheitlich lautende Konstitution
Marcians die Gültigkeit eines Testamentes oder Kodizills an
die Bedingung, dass es „alia omni juris ratione munitum“ sei.
Darin liegt doch wohl mehr als die Forderung, dass die ge
setzliche Form der Testamente eingehalten werde, wie Four
neret 1) meint. Es ist mit diesem Ausdruck vielmehr auch
verlangt, dass der Inhalt der schriftlichen letztwilligen An
ordnungen dem geltenden Rechte entspreche.
Mehrung und Konsolidation des Vermögens der Kirchen
und kirchlichen Anstalten war das Ziel der Justinianischen
Gesetzgebung. Die Schenkungen, für deren Gültigkeit Kon
stantin im Anschluss an das gemeine Recht schriftliche Form
und Anwesenheit von Zeugen verlangt hatte, waren schon
durch Theodosius’ II. und Valentinians III. Gesetze auch für
den Fall der Nichtbeachtung der vorgeschriebenen Form für
gültig erklärt worden 2). Kaiser Zeno hatte den Bischöfen
und Oekonomen ein Klagerecht gegen solche gewährt, welche
die Gründung einer frommen oder wohltätigen Stiftung ver
sprochen hatten, in der Ausführung aber sich säumig zeigten.
Indessen konnte die Klage nur dann wirksam geltend gemacht
werden, wenn die für Schenkungen zivilrechtlich verlangten

aut fideicommisso per universitatem seu speciali, sive scripta sive non
scripta voluntate fuerit derelictum: omni in posterum in hujusmodi
negotiis ambiguitate submota.“
1) L. c. p. 95.
2) L. 1. 2. 5. 9 C. Theod. 8, 12. — Rivet, 1. c. p. 35 s. -—Four
neret, l. c. p. 96 s.
78 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Formen eingehalten waren 1). Justinian brach teilweise mit


diesen Beschränkungen des gemeinen Rechts. Der Mangel
in der Form sollte bei Zuwendungen zu kirchlichen und chari
tativen Zwecken keine wirksame Einrede mehr sein, soweit
der Betrag der Schenkung 500 solidi nicht überstieg. Bis zu
diesem Werte hatte jede beliebige formlose Schenkung zu
Gunsten einer Kirche, einer wohltätigen Anstalt, der Armen
und Gefangenen Gültigkeit und musste zur Exekution gebracht
werden 2).
Für die Ausführung der Legate ad pias causas gab
‚Iustinian eingehende Bestimmungen 3), deren Inhalt sich zu
sammenfassen lässt in die Sätze: Die Erben sind zur Heraus
gabe und Erfüllung eines Legates verpflichtet an dem vom
Testator bestimmten Termine. Ist vom Erblasser keine Zeit
bestimmt, so müssen die in einer einmaligen Prästation be
stehenden Vermächtnisse binnen sechs Monaten entrichtet
werden. Für den Bau einer Kirche gilt eine Frist von fünf
Jahren, für den einer Wohltätigkeitsanstalt eine solche von
zwölf Monaten. Wer in der Erfüllung über diese Fristen hinaus
säumig ist, verliert an den Ortsbischof das Recht der Exe
kution. Derjenige, welcher ein auferlegtes Legat zu Gunsten
von Armen oder Gefangenen nach Ablauf der Frist und zwei
maliger bischöflicher Mahnung nicht ausführt, verliert alles,
was ihm aus jenem Nachlass zugedacht war nebst den Früchten
und dem Zuwachs. Wer andere Vermächtnisse innerhalb
sechs Monaten nicht erfüllt, muss allen Zuwachs, die Zinsen
und Früchte, die seit dem Tode des Erblassers angefallen
sind, mit herausgeben. Wenn der onerierte Erbe oder Legatar

1) L. 15 C. (Just.) 1, 2. — Fourneret, 1. c. p. 95.


2) L. 19. 25 (26) C. 1, 2; l. 24. 28. 33 (34). 48 (49) C. 1, 3; Nov. 131
c. 9. 12.
3) Nov. 131 c. 10. 11. 12 mit l. 45 (46) und 1. 48 (49) C. 1, 3. -
Th. G. L. Marezoll, Zu der Lehre von den Legaten ad pias causas
in der Zeitschrift für Zivilrecht und Prozess. 5. Bd. (1832). S. 76-106.
- Cujacius, l. c. ad Nov. 131 p. 310-313.
Q 7. Gesetzliche Gefälle. 79

es nach erfolgloser Mahnung durch den Bischof bis zur ge


richtlichen Klage kommen lässt oder die ganze Verbindlich
keit ableugnet, hat er zur Strafe das Doppelte zu entrichten.
Ein Abzug der Falcidischen Quart für den onerierten Erben
ist nicht gestattet. Behauptet der Erbe, die Verlassenschaft
sei zur Erfüllung ungenügend, so soll der Bischof alles, was
sich an Vermögen des Verstorbenen vorfindet, den Zwecken
zuführen, für die es bestimmt ist. Bei weiter Entfernung
des vermachten Objektes darf mit Einwilligung des onerierten
Teiles ein Tausch gegen eine nähere, ein Viertel Mehrertrag
abwerfende Sache oder ein Verkauf um mindestens den fünf
unddreissigfachen Jahresertragswert stattfinden.

Q 7. Gesetzliche Gefälle.
Die Wohltätigkeit der Gläubigen gegen die Kirche hatte
von den Zeiten Konstantins an eine Ergänzung erhalten durch
den Edelsinn der Kaiser. Gaben aus dem Privatschatze und
Zuwendungen aus fiskalischem Vermögen waren nicht selten.
Konstantin hatte der Kirche beträchtlichen Grundbesitz über
wiesen, eine grosse Zahl von religiösen Gebäuden errichtet
und ansehnliche Stiftungen zu gottesdienstlichen Zwecken ver
anlasst 1). Als dem Heidentum durch die christlichen Kaiser
der Krieg erklärt war, gingen viele Tempel und Güter in
kirchlichen Besitz über 2). Eine ähnliche Vermehrung erlangte
das Kirchenvermögen durch die Ueberweisung häretischer
Kirchen und von Grundstücken, auf denen Häretiker Zu
sammenkünfte abgehalten hatten 1"). Justinian folgte in diesen
privaten, fiskalischen und gesetzlichen Vergünstigungen der
Kirchen und kirchlichen Institute dem Beispiele seiner Vor
gänger. Seine diesbezüglichen legislatorischen Massnahmen

1) Eusebius, Hist. eccl. 10, 6. — Rivet, 1. c. p. 36 ss.


2) Rivet, l. c. p. 39-42. — Fourneret, 1. c. p. 112-117. —
Winkler, a. a. O. S. 78 f.
3) Rivet, 1. c. p. 421.
80 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

lassen sich in drei Kategorien bringen. Die einen bezwecken


die Sicherung von bisher gewährten Staatszuschüssen, die
anderen erstreben eine Erweiterung des Erbrechtes, die dritte
Klasse eröffnet den Kirchen, Klöstern und frommen Stiftungen
eine Einnahmequelle durch Fixierung und Ueberweissung von
Vermögensbussen für bestimmte Delikte.
Die ersten Staatszuschüsse an die Kirchen gewährte Kon
stantin durch die Verordnung, dass alljährlich aus den Staats
einkünften ein bestimmtes Mass von Getreide an jene abgelie
fert werden sollte. Eusebius") führt in seiner Kirchengeschichte
beträchtliche Summen an, welche der erste christliche Kaiser
der Kirche von Karthago zukommen liess. Von einem all
gemeinen Gesetz über Getreidelieferungen an die Kirchen be
richten auch Sozomenus")(† ca.450) und Theodoret“)(† 458).
Julian hat zwar diese Vergünstigung zurückgezogen“). Sie
trat aber bald wieder hervor und blieb dann in Bestand.
Justinian rezipierte die Konstitution Valentinians und Marcians
vom 12. November 451, wonach die Beiträge, welche den
Kirchen bis dahin in den verschiedensten Arten aus öffent
lichen Mitteln gereicht worden waren, auch fernerhin dauernd,
unverändert und unverringert geleistet werden sollten“).
Ein Erbrecht ab intestato war der Kirche bereits durch
Konstantin konzediert worden bezüglich des Vermögens von
Christen, die für ihren Glauben gestorben oder wegen des

') Eusebius, l. c. 10, 16. – Löning, a. a. O. S. 220 f. –


Flasch, a. a. O. S. 23. – Fournier et, l. c. p. 109 ss.
*) Sozomen, Hist. eccl. lib. I c.8: „. . . . 88 r; oön öropópoo
wad" &ärqv róty &Sedov roö 8 posioo töy télo; rais warà rórov
Sexygiats wat jpot; &néveps 2 rpv 8opsv st; róvárovra póvov zopiav
sya: Svopodéryzzy.“ -

*) Theodor, Hist. eccl. lib. I c. 11.


*) Sozom. lib. V. c. 5. – Theodor. lib. I c. 10.
') L. 12 C. 1, 2: „. . . salaria etiam quae sacrosanctis ecclesis in
diversis speciebus de publico hactenus ministrata sunt, jubemus nunc
quoque inconcussa et a nullo prorsus imminuta praestari liberalitatique
huic promptissimae perpetuam tribuimus firmitatem.“
§ 7. Gesetzliche Gefälle. 81

selben verbannt worden waren und keine erbfähigen Verwandten


hinterlassen hatten "). Eine neue juristische Erscheinung war
dies nicht. Die erlaubten römischen Kollegien hatten bereits
ein bestimmtes Intestaterbrecht in das Vermögen ihrer Mit
glieder. Analog dem Erbrecht, das im Jahre 319 den Kurien
bezüglich der Güter der Dekurionen, im Jahre 326 den Schiffer
zünften bezüglich der Hinterlassenschaft ihrer Mitglieder und
später im Jahre 347 den Armeen bezüglich der Habe der
Soldaten gewährt worden war *), hatten Theodosius II. und
Valentinian III. im Jahre 434 den Kirchen einen Anspruch
auf das Vermögen von Bischöfen, Priestern, Diakonen, Sub
diakonen, anderen Klerikern und von Diakonissen, den Klöstern
ein Recht auf die hinterlassenen Güter von Mönchen und
Klosterfrauen zugesprochen für den Fall, dass dieselben ohne
Testament und ohne gewisse erbberechtigte Verwandten ge
storben waren "). Ausgenommen sollten nur sein die Güter
") Euseb i u s, Vita Constant. l. 2 c. 36 in Migne, Patr. gr. 20
col. 1014: „Quod si nullus cognatus supersit qui, prout rationi consen
taneum est, hereditatem capessat eorum quos supra memoravi, martyrum
scilicet et confessorum, aut illorum qui ob hujusmodi causam ex patria
migraverunt, cujusque loci ecclesiam hereditatem adire decernimus.“ –
Fourn er et, l. c. p. 98.
°) Nov. 36 Valentiniani; Nov. 43 Theodosii jun. ; l. 1 C. Theod.
De bonis decurionum 5, 2; l. 1 C. Theod. De bonis militum 5, 4. Edit.
Mommsen-Meyer, 1. 1 C. Theod. 5, 6. – Fourneret, l. c. p. 98 s. —
Rivet, l. c. p. 46.
°) L. un. C. Theod. De bonis cleric. et mon. 5, 3: „Si quis epi
scopus aut presbyter aut diaconus aut diaconissa aut subdiaconus vel
cujuslibet alterius loci clericus aut monachus aut mulier, quae solitariae
vitae dedita est, nullo condito testamento decesserit nec ei parentes
utriusque sexus vel liberi vel si qui agnationis cognationisve jure jun
guntur vel uxor extiterit, bona quae ad eum pertinuerint, sacrosanctae
ecclesiae vel monasterio, cui fuerat destinatus, omnifariam socientur,
exceptis his facultatibus, quas forte censibus adscripti vel juri patronatus
subjecti vel curiali condicioni obnoxii clerici monachive cujuscumque
sexus relinquunt. Nec enim justum est bona seu peculia, quae aut patrono
legibus debentur aut domino possessionis, cui quis eorum fuerat adscriptus,
aut ad curias pro tenore dudum latae constitutionis (der Gesetzgeber
Km e c h t, Justinianisches Kirchenvermögensrecht. 6
82 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

der Kolonen, Freigelassenen und Kurialen, weil es nicht als


gerecht erscheinen würde, wenn Güter oder Besitzungen, die
nach dem Gesetze dem Patron oder Grundherrn oder den
Kurien gehörten, auf solche Weise an Kirchen oder Klöster
fallen würden. Justinian nahm diese Konstitution in seinen
Kodex auf 1). Wenn dabei das Wort „episcopus“, das am
Anfange des Urtextes steht, weggelassen wurde, so bedeutet
das nicht eine exzeptionelle günstigere Stellung des Episko
pates, sondern erklärt sich daraus, dass Justinian sechs Jahre
vor der Herausgabe des Codex repetitae praelectionis in einem
eigenen Gesetze das Dispositionsrecht der Bischöfe über ihr
Vermögen beschränkt hatte. In 1. 41 (42) Q5 C. 1, 3 vom
Jahre 528 verordnet nämlich der Kaiser folgendes: „Die
jetzigen und die zukünftigen Bischöfe sollen in keinem Falle
die Befugnis haben, testamentarisch oder durch Schenkung
oder auf irgend einem anderen Wege Verfügungen zu treffen
über Objekte ihres eigenen Vermögens, das sie nach ihrer
Erhebung zum bischöflichen Amte erworben haben, sei es
durch Erbfolge, Geschenke oder auf eine andere Weise. Aus
genommen sind jene Sachen allein, welche sie, bevor sie
Bischöfe geworden, aus irgend einem Rechtstitel besessen haben,
oder die darnach von Eltern, Oheimen und Brüdern auf sie
gekommen sind oder noch kommen werden. Alles aber, was
nach der Weihe irgendwie, ausser von den genannten Per
sonen, in ihren Besitz gelangt, soll ihrer bischöflichen Kirche
(rf; irap’ aivräw ärczoxoiroonävzj äyzwrdcrm äxxlvrjoiog) zufallen
und von ihr beansprucht werden.“ In Nov. 131 Kap. 13
(18. März 545) wird in näherer Ausführung dessen den Bi
schöfen ausdrücklich untersagt, „Mobilien oder Immobilien,
die sie nach Uebernahme des Episkopates erlangt haben, ausser
solchen von Verwandten, denen gegenüber ihnen ein Intestat

weist hin auf l. 1 C. Theod. 5, 2) sub certa forma pertinere noscuntur‚


ab ecclesiis vel monasteriis detineri . . . . .“
1) L. 20 C. 1, 3.
8 7. Gesetzliche Gefälle. 83

erbrecht bis zum vierten Grade zusteht, auf ihre Angehörigen


oder andere Personen zu übertragen“.
Diese Bestimmungen wurden ausgedehnt auf die geist
lichen Vorstände und Verwalter der frommen Stiftungen. Alles
Vermögen, was ihnen während der Amtsdauer angefallen war,
musste mit den zulässigen gleichen Ausnahmen wie bei den
Bischöfen den ihnen unterstellten Häusern überlassen werden 1).
Dass Priester und Diakone und die übrigen Kleriker nicht
in gleicher Weise von diesem Gesetz getroffen wurden, erklärt
sich aus ihrer in Bezug auf das Kirchenvermögen unselbstän
digen Stellung unter dem Bischof. Bei ihnen lag eine Gefahr
der Vermengung des privaten Vermögens mit den Gütern der
Kirchen und Anstalten nicht vor. Justinian wollte den Kirchen
das ihnen gehörende Vermögen sichern und verhüten, „dass
dasselbe von den Bischöfen zum eigenen oder ihrer Verwandten
Vorteile missbraucht werde“ 2).‘ Darum verlangte er auch
neben anderen Gründen, „dass nur solche zu Bischöfen ordiniert
werden sollten, die weder Kinder noch Enkel besässen“ 3).
Keineswegs dürfte aus dem Umstande, dass in jenen Verord
nungen neben dem Bischof die anderen Kleriker nicht genannt
sind, geschlossen werden auf eine Vermögensunfähigkeit der
selben. Denn schon Leo und Anthemius hatten die Priester
und Diakone neben den Bischöfen in Schutz genommen gegen
eine unbeschränkte Anwendung der aus der patria potestas
resultierenden Vermögensrechte. Sie hatten erklärt 4), dass den
orthodoxen Bischöfen, Priestern und Diakonen ein volles Eigen
tums- und Verfügungsrecht über alles Vermögen zustehe,
welches sie in ihrem Amte erworben haben, selbst wenn sie
noch in der väterlichen Gewalt stehen sollten. Und Justinian
hat, da sich Zweifel erhoben hatten, ob die querela inofficiosi
testamenti bei testamentarischen Verfügungen über das pecu

1) L. 41 (42) 5 12. 13 o. 1, 3; Nov. 131 c. 13 5 2.


2) L. 41 (42) ß 3 C. 1, 3.
3) L. c. ä 1. 4; 1. 47 (48) C. 1, 3 (Zölibat der Bischöfe).
4) L. 33 (34) C. 1, 3 (4. April 472).
84 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

lium castrense gestellt werden könne, in l. 49 (50) C. 1,3


(1. September 531) erklärt, dass die Bischöfe 1), Presbyter und
Diakone gesetzmässige letztwillige Verfügungen über dasselbe
treffen könnten, und dass „deren letzter Wille, soweit er sich
nur hierauf erstreckt, der Querel nicht unterliege“. In Nov. 123
Kap. 19 gab er den Priestern, Diakonen, Subdiakonen, Lektoren
und Kantoren, kurz allen Klerikern das Recht, das Vermögen,
welches auf irgend einem Wege an sie gekommen war, als
Eigentum zu behalten nach Art des peculium castrense, es zu
verschenken und testamentarisch über dasselbe zu verfügen,
auch wenn sie noch unter väterlicher Gewalt ständen, so zwar,
dass ihre allenfallsigen Kinder und mangels solcher ihre Eltern
den Pflichtteil erhielten. Das Eigentumsrecht der Kleriker ist
in den Justinianischen Gesetzen rückhaltlos anerkannt und
praktisch durchgeführt. Ebenso ist eine Reihe vermögens
rechtlicher Privilegien des Klerus teils neu bestätigt, teils erst
von Justinian bewilligt worden 2). Die Bestimmung in Nov. 115
Kap. 3 Q14, dass das Vermögen von Klerikern, die unter
Hinterlassung von nur häretischen Eltern und Verwandten
gestorben, der Kirche des Wohnortes zufallen solle, stellt sich
nicht als eine Beeinträchtigung des Eigentumsrechtes der Geist
lichen dar, sondern als eine Strafe für die der Häresie ver
fallenen Angehörigen.
Eine sehr reichliche Quelle kirchlichen Vermögens bildete
das Strafrecht. Sie nähert sich in der Ergiebigkeit der
jenigen, welche aus demselben Rechtsboden für die Staatskasse
floss. An erster Stelle sind hier zu nennen die Ketzer
strafen. Sie nehmen einen grossen Raum im Justinianischen
Recht ein und führten der katholischen Kirche, wie ehedem
heidnische Tempel, so jetzt zahlreiche Kultusgebäude der Hä

1) In Nov. 81 c. 3 (18. März 539) hat Justinian erklärt, dass die


Bischöfe mit ihrer Wahl von der patria potestas frei werden.
2) L. 1. 2. 3. 6. 16. 20. 21. 33 (34). 52 (53) Q 13 und 14. 54 (56)
Q 5 und 6; Nov. 22 c. 44; Nov. 123 c. 19. 37.
§ 7. Gesetzliche Gefälle. 85

retiker, Häuser und Grundstücke von solchen Privatpersonen


zu, welche zu ketzerischen Versammlungen und Kultakten
Räume überlassen hatten. Die durch Arkadius, Honorius und
Theodosius vollzogene Qualifizierung der Häresie und des
Paganismus als publicum crimen") brachte so weitgehende
Konsequenzen zu Gunsten der Staatskasse“) mit sich, dass die
für den Fiskus beschlagnahmten Güter die Zuweisungen an
die Kirchen überstiegen. Dass selbst Bischöfe mitwirken“)
mussten, dem öffentlichen Schatze konfiszierte Güter, Häre
tikern zugedachte Erbschaften und Legate zu vindizieren, er
gab sich als Folgerung aus der den Bischöfen übertragenen
Jurisdiktion in weltlichen Dingen. Wo Laien mit Häretikern
in irgend welcher Weise, sei es durch Verwandtschaft, sei es
durch Unterstützung und Begünstigung, in Berührung standen,
kam bei Konfiskation im allgemeinen nur die Staatskasse in
Betracht, während da, wo orthodoxe Kleriker oder Kloster
leute beteiligt waren, die Kirche bedacht wurde. Ein deut
liches Beispiel bietet Nov. 115 Kap. 3 § 14. Darnach dürfen
häretische Kinder und Verwandten bei Erbschaften und Le
gaten nicht berücksichtigt werden. „Wenn die Kinder sowie
die agnatischen und kognatischen Verwandten der Gemein
schaft des wahren Glaubens fernstehen, dann sollen, wenn
ihre Eltern dem klerikalen Stande angehörten (st péy Cyp-2 %)
ptxöw of oves abröy Syosy), ihre Güter der Kirche des Ortes
zufallen, wo sie ihr Domizil hatten, sojedoch, dass, wenn die
') L. 4 C. 1, 5 § 1: „Ac primum quidem volumus esse publicum
crimen, quia, quod in religione divina comittitur, in omnium fertur in
juriam; quos bonorum etiam publicatione persequimur.“– Fournieret,
l. c. p. 123 ss.
*) L. 3. 5 § 1 u. 2. 6 § 2. 8 § 3, 4, 5. 10 § 1. 17. 19 §2. C. de
haereticis et Manichaeis et Samaritanis 1, 5; 1. 1 C. de apostatis 1, 7;
l. 12 C. de Judaeis et Caelicolis 1, 9; 1. 1. 8 C. de paganis sacrificis et
templis 1, 11.
*) L. 17 C. 1, 5: Der Fiskus soll Besitz nehmen von Erbschaften
und Legaten, die Häretikern zugeschrieben sind, und zwar „npovoq röv
êrtexörov xai töy pyóvroy“.
86 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Kirche die Sachen nicht innerhalb eines Jahres an sich zieht,


der Fiskus sie ergreift. Wenn aber die Eltern Laien waren,
sollen die Vermögensobjekte ohne Unterschied an den kaiser
lichen Privatschatz kommen. Das hat auch Geltung, wenn
dergleichen Personen ohne Testament gestorben sind“ 1). Im
umgekehrten Fall, wenn die Eltern Häretiker waren, die Kinder
katholisch, finden die gleichen Grundsätze Anwendung auf das
Erbrecht der Eltern 2).
Eine Ausnahme von dem allgemeinen Satze enthält Nov. 42,
die sich mit der Anathematisierung und Verurteilung der
Monophysiten Anthimus, Severus, Petrus und Zoaras beschäf
tigt 1"). Sie verbietet in Kap. 3 Q2, die Verbannten irgendwo
aufzunehmen; widrigenfalls „sollen die Häuser, in denen sie
Unterkunft gefunden, oder die Grundstücke, von denen man
ihnen Nahrung gereicht, den Eigentümern entzogen und den
Kirchen der Orthodoxen zugewiesen werden“.
Das namentlich für Konstantinopel gegebene Verbot
der Messezelebration in Privathäusern4) ohne spezielle
Erlaubnis des Bischofs, anderenfalls das betreffende Haus für
den Staatsärar konfisziert wird, findet in den damaligen mono
physitischen Umtrieben in der Hauptstadt und dem staatlichen
Vorgehen gegen Ketzer einen örtlichen und zeitgeschichtlichen
Erklärungsgrund. Das wird besonders klar, wenn dieses Ver
bot verglichen wird mit der mehr fir die Vorstädte und das
Land berechneten späteren Verordnung 5), in der die Abhal
tung von Gottesdienst durch einen nicht dem Ortsbischof
unterstehenden Kleriker in Privatkapellen mit Entziehung des
Hauses zu Eigentum der Ortskirche bedroht wird.
Mit Vermögensbussen zu Gunsten der Kirchengüter wurden
auch bestraft Verfehlungen an kirchlichen Personen.

1) Cfr. auch Nov. 118 c. 6.


2) Nov. 115 c. 4 ä 8.
s) A. Knecht, a. a. O. S. 112 ff.
‘) Nov. 58 (vom 18. Okt. 537).
5) Nov. 131 c. 8 (vom 18. März 545).
Q 7. Gesetzliche Gefälle. 87

Bischöfe durften ohne ausdrückliche Ermächtigung oder An


ordnung des Kaisers weder in bürgerlichen noch in Strafsachen
vor eine Zivil- oder Militärbehörde gefordert oder zwangs
weise gebracht werden. Verfehlte sich ein höherer Beamter
hiegegen, so verlor er den Gürtel und musste zwanzig Pfund
Gold an die Kirche zahlen, deren Bischof dem Gerichte vor
geführt werden sollte 1).
Raub, Entführung und Schändung ‚von Diakonissen war
ausser mit der Todesstrafe für den Täter und diejenigen, die
ihn beim Einbruch oder Raub unterstützt hatten, mit Verlust
des ganzen Vermögens belegt. Die Güter der Frevler sollten,
wenn die Diakonisse nicht in einem Kloster oder Asketerium
untergebracht war, sondern für sich gelebt hatte, nach even
tuellem Abzug des Pflichtteils für ihre Kinder derjenigen
Kirche ausgehändigt werden, bei der sie Dienst verrichtet
hatte. Die Kirche sollte daran volles Eigentum und Besitz
haben, die Diakonisse lebenslänglichen Usufrukt. So nach
der 1. 53 (54) C. 1, 3 (17. November 533). Nach der späteren
Nov. 123 musste jede derartig vergewaltigte Diakonisse mit
ihrem Vermögen in ein Kloster gebracht werden.
Gewisse disziplinäre Verstösse kirchlicher Per
sonen wurden mit Güterverlust bestraft. Ein Bischof, der
im Widerspruch mit den kaiserlichen Bestimmungen 2) über
die Zulassung zum Episkopat jemanden zum Bischof ordi
nierte, sollte auf ein Jahr suspendiert werden. Sein ganzes Ver
mögen, das zu irgend einer Zeit und auf irgend eine Weise
in seinen Besitz gelangt war, musste für die Kirche zu Eigen
tum vindiziert werden, an der er den Bischofsstuhl inne
hatte 5).
Das Verbot der Kanones, dass Priester, Diakone und
Subdiakone nach empfangener Weihe heirateten, und die
Androhung des Verlustes von Amt und Würde für die Ueber
1) Nov. 123 c. 8.
2) L. 41 (42) C. 1, 3.
1) Nov. 123 c. 1 Q 1. — Poschinger, a. a. O. S. 73.
88 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

treter wollte Justinian durch ein gleiches staatliches Gesetz


verstärken und durch die Hinzufügung verschärfen, dass die
aus solchen Verbindungen hervorgehenden Kinder rechtlich
gleich geachtet und behandelt würden den aus blutschänderi
schem Umgang entstammenden. Sie sollten von der väter
lichen Erbfolge ausgeschlossen sein, keine Schenkung von den
Vätern annehmen können, weder direkt noch indirekt durch
ihre Mütter, auch nicht durch andere Zwischenpersonen. Alle
väterlichen Zuwendungen an solche Kinder sollten der Kirche ‘
zufallen, an welcher der Vater seine Anstellung gehabt hatte.
Im Zusammenhangs sei hier nochmals genannt der schon
auf S. 63 erwähnte Anspruch der Kirchen auf die Hälfte des
Vermögens einer Diakonisse, die wegen Fortsetzung eines
ärgerniserregenden Umganges in ein Kloster verbracht werden
musste.
Das Verbrechen der Simonie, gegen welches sich
schon die heilige Schrift und die ältesten Kirchensatzungen
richteten, bedrohte Justinian neuerdings mit Vermögensstrafen.
Als der Simonie schuldig erscheint nach seinem Rechte, das
sich an die apostolischen Kanones und an die Sätze des
vierten allgemeinen Konzils anschliesst, nicht nur derjenige,
der des Gewinnes wegen die Cheirotonic verleiht oder jemanden
zu hierarchischen Graden befördert, sondern auch der, welcher
auf solche Weise eine Weihe empfängt, sowie jener, welcher
hierbei als Vermittler auftritt 1). Nachdem sich die Anwen
dung der condictio indebiti ob turpem vel illicitam causam
auf den accipiens und den solvens nicht mit Erfolg hatte
durchführen lassen 2), waren dem im Orient sehr häufigen
simonistischen Erwerb von kirchlichen Würden und Aemtern
bereits Leo und Athemius mit gesetzlichen Mitteln entgegen
getreten. „Niemand soll,“ so heisst es in einer Konstitution
1) Milas, a. a. O. S. 449 fl‘. - A. Leinz, Die Simonie. Frei
burg i. Br. 1902. Kap. 1. 2. 9. — J. Hinschius, Das Kirchenrecht
der Kath. und Prot. 5. Bd. Berlin 1893-95. S. 161 f. 703 f.
2) Fourneret, l. c. p. 53.
Q 7. Gesetzliche Gefälle. 89

vom 8. März 4691), „die bischöfliche Würde für käuflich


halten. Es darf nicht darauf gesehen werden, was einer
zahlen kann, sondern welche Verdienste er hat. . . . Fern sei
von den Altären gemeine Geldgier und von dem Heiligtum
schimpflicher Frevel. In unseren Zeiten muss ein untadel
hafter und demütiger Mann zum Bischof gewählt werden, so
dass die Reinheit seines Wandels überall bessernd wirke. Non
pretio, sed precibus ordinetur antistes. . . . Gewiss ist derjenige
des bischöflichen Amtes nicht würdig, der. . . den bischöf
lichen Stuhl durch Geld erlangt hat oder der überführt wird,
dass er für die Ordination und Wahl eines anderen eine Gabe
angenommen habe. Ein solcher soll entfernt werden ad instar
publici criminis et laesae majestatis accusatione proposita a
gradu sacerdotii. Nec hoc solum deinceps honore privari,
sed perpetuae quoque infamiae damnari decernimus, ut eos,
quos facinus par coinquinat et aequat, utrosque similis poena
comitetur.“ Die Qualifikation der Simonie ist in diesem Ge
setze eine neue. Justinian nahm dieselbe in seinen Kodex auf,
fügte aber in den Nov. 6, 56 und 123 Vermögensstrafen hinzu.
Zu gleicher Zeit dehnte er den Begriff der Simonie und die
Strafen für dieselbe ausdrücklich auf den bezahlten Empfang
und die entgeltliche Erteilung jeder anderen Weihe aus 2).
Die simonistische Bischofsordination betreffend, sagt er in
Nov. 123 Kap. 2 Q 1: Keiner solle deshalb, weil er Geld
oder andere Dinge geschenkt habe, zum Bischof ordiniert
werden. Wenn dagegen gefehlt werde, so müsse alles, was für
solche Schuld gereicht worden sei, falls der Geber, Empfänger
oder Vermittler dem Klerus angehöre, im einfachen, wenn
die Schuldigen Laien seien, im doppelten Betrage der Kirche
überantwortet werden, deren Bischofssitz erkauft werden
sollte, ebenso jede gestellte Kaution. Ausserdem sollte der,
welcher ein simonistisches Versprechen akzeptiert hatte, das

1) L. 30 (31) C. 1, 3.
2) Nov. 6 c. 1 Q 9. c. 4-8. —— Fourneret, 1. c. p. 57-—59.
90 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Doppelte der versprochenen Summe der betreffenden Kirche


auszahlen müssen 1). Der Gesetzgeber wollte bei dieser Ge
legenheit nicht die Bemerkung unterlassen, dass, wenn ein
Bischof vor oder nach seiner Weihe das Vermögen, das er
besitze, ganz oder teilweise der bischöflichen Kirche zuführen
wolle, er hierin nicht bloss nicht gehindert sei und von jeder
Verurteilung und Strafe verschont bleibe, sondern noch kaiser
liches Lob verdiene, weil das ja kein Kauf, sondern Oblation
sei 2). Im Zusammenhang damit verbot der Kaiser, unter
genauer Fixierung der Höhe der bischöflichen Weihesporteln,
über diese Beträge hinaus etwas anzunehmen. Dem Zuwider
handelnden wurde die Zahlung des dreifachen empfangenen
Betrages auferlegt 3). Die Strafsumme fiel der Ortskirche des
Gebers zu.
Zahlreich sind die Strafen, welche den Schutz des
Kirchen- und Anstaltenvermögens bezwecken.
Wer aus Anlass der Verleihung eines Vorsteher
oder Verwalterpostens oder bei Aufstellung eines Kura
tors kirchlicher Rechtsgeschäfte etwas für die Uebertragung
gibt oder nimmt oder für die Vermittlung erhält, zahlt, wie
bei simonistischer Bischofsweihe, wenn er Kleriker ist, den
einfachen, wenn Laie, den doppelten Betrag an die betreffende
Kirche oder Anstalt ‘).
Ein Bischof, der gegen das kaiserliche Verbot i) in
eigenem oder der Kirche Namen öffentliche Steuern oder Zölle
oder fremde Besitzungen pachtet oder als curator domus oder
procurator litis oder als Bürge in Rechtshändeln sich auf
stellen lässt und auf solche Art ebenso das kirchliche Ver
mögen in Gefahr bringt, wie er seinen kirchlichen Dienst be
einträchtigt, muss sein ganzes Vermögen, aus welchem Rechts

1) Nov. 123 c. 2 Q 1.
2) Nov. 123 c. 3 pr.
3) Nov. 123 c. 3.
4) L. c. c. 16 Q 1.
5) L. c. c. 5.
Q 7. Gesetzliche Gefälle. 91

titel und von welcher Person er es auch immer vor oder nach
der Ordination erlangt hat, seiner Kirche abtreten 1).
Kirchliche Oekonomen und sonstige Kleriker,
welche verbotene Geschäfte 2) treiben, sollen vom Bischof zu
einer arbiträren Busse zum Besten ihrer Kirchen verurteilt
werden 3).
Den kirchlichen Verwaltern und den Anstaltsvorständen,
deren Kindern, Verwandten und Verschwägerten wurde unter
sagt, Emphyteusen, einfache Pachtverträge und Hypotheken
bestellungen mit den Kirchen- oder Stiftungsfonds abzuschliessen,
widrigenfalls das ganze Vermögen der Beteiligten nach ihrem
Tode an jene fallen 4) sollte.
Mit ähnlichen Vermögensstrafen wurden geahndet der
Abschluss von sonstwie gegen das Gesetz verstossenden Emphy
teusen 5), von speziell verbotenen Verträgen über Mobilien und
Immobilien ‘1), von Pachtungen von kirchlichen Gütern seitens
der Provinzstatthalter 7), von Güterkontrakten mit Häretikern 8),
unerlaubte Schenkungen 9), gesetzwidrige Hypothekenbestellun
gen und Veräusserungen“).
Eine eigene Quelle kirchlichen Vermögens eröffnete sich
nach dem Gesetz bei Verletzung der Pietät gegen die
Eltern, begangen von Kindern, die sich nicht bemühten ihre
in der Gefangenschaft schmachtenden Eltern loszukaufen. Star
ben solche Eltern als Gefangene, so fiel deren ganzes Ver
mögen an die Kirche ihres Heimatsortes. Mit demselben sollte
solchen, die das gleiche traurige Schicksal erlitten, Hilfe ge
L G
L c.
L. c.
Nov. 20 c. 5 ä 1. c. 7 in fine.
L ‚c. c. 9.
L ‚O . c. 10. 11.
L. 24 o. 1, 2.
s) Nov. 131 c. 14; 1. 10 C. 1, 5.
9) Nov. 120 c. 10.
w) L. c.
92 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

bracht werden 1). Umgekehrt galt das Gleiche, wenn Eltern


sich um die Befreiung gefangener Kinder nicht annahmen 2).
Die vielen charitativen und gesetzlich eröflneten Quellen
führten den Kirchen reiches Vermögen zu. Doch war der
Zufluss ein örtlich sehr verschiedener. Einen Einblick nach
dieser Richtung gewährt unter anderem eine Klassifizierung
der Metropolitan- und Diözesankirchen, die Justinian aus An
lass der Festsetzung der bischöflichen Weihegelder aufgestellt
hat. Nach Ausschaltung der Patriarchalkirchen von Rom,
Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem, die
grösseres Vermögen besitzen mussten, werden unterschieden
Kirchen mit nicht unter dreissig Pfund Gold jährlicher Einkünfte,
mit unter dreissig bis zehn, zehn bis fünf, fünf bis drei, drei bis
zwei und solchen mit weniger als zwei Pfund 3). Die sieben
Klassen von Kirchenvermögen umfassen zunächst nur die bi
schöflichen Kathedralen. Wir dürfen daraus aber den Schluss
ziehen, dass auch für die übrigen Kirchenstiftungen ein grosser
Wechsel in der Zahl, Art und Ergiebigkeit der Vermögens
quellen geherrscht hat. Aus der Nov. 123 Kap. 3 zu folgern,
es hätten zu Justinians Zeiten überhaupt nur die bischöflichen
Kirchen einen Stiftungsfonds besessen, ist nach den früheren
Erörterungen über die Vermögensfähigkeit der übrigen Kirchen
unzulässig. Gegen diese Schlussfolgerung spricht auch der
ganze Zusammenhang des genannten Kapitels. Dasselbe han
delt wie die unmittelbar vorhergehenden und nachfolgenden
Abschnitte ausschliesslich von den Bischöfen, von ihren Eigen
schaften, ihrer Ordination, von der simonistischen Erlangung‘
der Bischofsstühle und der hierin liegenden Gefahr für das
Vermögen der Episkopalkirchen.

1) Nov. 115 c. 3 Q 13.


2)L.c.c.4Q7.
3) Nov. 123 c. 3. — Näheres über den juristischen Charakter der
Weihetaxen, über ihre Höhe und Verwendung bietet Fourneret, l. c.
p. 54-61, auf Grund der Justinianischen Novellen.
ä 8. Die Zwecke des Kirchenvermögens. 93

Viertes Kapitel.
Die Zwecke des Kirchenvermögens.

ä 8. Allgemeines.
Die Geschlossenheit der Vermögensmasse der Diözesen
war im oströmischen Reich schon vor Beginn des sechsten Jahr
hunderts durchbrochen. Das ehedem in den Händen der
Bischöfe als Kathedral- und Diözesangut vereinigte Vermögen
war mit der Entstehung selbständiger Stadt- und Landkirchen
zu einer raschen Auflösung in Sonderbesitz gedrängt worden.
Zahlreiche Stiftungen wohltätiger Anstalten hatten infolge von
Dotationen für ihren speziellen Zweck den Zufluss von all
gemein verwendbaren Mitteln zu den bischöflichen Kassen
beschränkt. Die Bestreitung aller kirchlichen Bedürfnisse der
gesamten Diözese aus einem gemeinsamen Fonds hatte an sehr
vielen Orten aufgehört. An der unbeschränkten Freiheit der
Bischöfe, das kirchliche Einkommen nach Teilen, deren Grösse
ihr persönliches Ermessen bestimmte, für die Armenpflege,
für den Aufwand zum Gottesdienste, die Erbauung und Er
haltung der kirchlichen Gebäude und für den Unterhalt der
Geistlichkeit zu verwenden, war bereits durch die um die
Wende des vierten und fünften Jahrhunderts in Syrien ent
standenen apostolischen Konstitutionen gerüttelt worden. Die
selben enthielten die Bestimmung, dass die Zehnten und Pri
mitien teils unterschiedslos an Arme und Kleriker 1), teils
getrennt an die einen und anderen verteilt 2), oder dass die
Erstlingsfrüchte an die Bischöfe, Priester und Diakone, die
Zehnten an die niederen Kleriker, gottgeweihten Jungfrauen
und Witwen, sowie an die Armen 3) zu vergeben seien, wäh
rend die Eulogien zu vier Teilen dem Bischof, zu drei den

1) Oonst. apost. lib. II. c. 25. 34. - Winkler, a. a. O. S. 81.


162 11'.
2) L. c. lib. VII. c. 29. - Fourneret, 1. c. p. 34-38. 46-50.
3) L. c. lib. VIII. c. 30. - Löning, a. a. O. S. 240 f.
94 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Presbytern, zu zwei den Diakonen, zu einem Teil den Diako


nissen überlassen werden sollten 1).
Die Justinianischen Gesetze kennen weder ein unbe
schränktes bischöfliches Verfügungsrecht über die Kirchen
güter im weiteren noch über die im engeren Sinne, noch eine
Zuweisung nach mathematisch gleichen Teilen zu gewissen
Zwecken. Auch die in der okzidentalischen Kirche seit der
Mitte des fünften Jahrhunderts vielerorts gebräuchliche, von
Papst Simplicius (468—483) eigens angeordnete und von dessen
übernächstem Nachfolger Gelasius (492—496) als anerkannte
und wohlbegründete kirchliche Vorschrift neu eingeschärfte
Vierteilung des Kirchenvermögens zu Gunsten der Armen, der
Kirchenfabrik, des Bischofs und der Kleriker 2) ist im Justi
nianischen Rechte nirgends erwähnt. Justinian setzt bei seinen
Anordnungen spezifiziertes Zweckvermögen voraus und zwar als
konsolidiert in der juristischen Persönlichkeit der Einzelkirchen
oder in der von Wohltätigkeitsanstalten. Der Zweck bei den
letzteren ist aus deren verschiedenen Namen erkennbar, wäh
rend bei dem reinen Kirchenvermögen selbst wieder mehrere
Zwecke zu beobachten sind, nämlich die Sustentation des
Klerus, die Ausgaben für die Liturgie und die kirchlichen
Gebäude, die Unterstützung der Armen und der Loskauf von
Gefangenen.

1) L. c. lib. VIII. c. 30.


2) Löning, a. a. O. S. 244 f. — Ep. Simplicii ad epp. Florentium,
Equitium et Severum bei An dr. Thiel, Epistolae Rom. Pontif. Bruns
bergae 1868. p. 175 ss. — Gelasius in einem Briefe an die Bischöfe
in Lukanien . . . v. J. 494 (bei Thiel p. 378), während er in einem wenige
Monate späteren Briefe an die Bischöfe Siziliens (bei Thiel p. 381) von
einer Dreiteilung für Arme, Bischof und Klerus spricht. — U. Stutz,
Gesch. des Benef. S. 27 ff. — Meurer, Bayer. Kirchenvr. 2. Bd. S. 2 f. -
K. Gross, Das Recht an der Pfründe. Graz 1887. S. 15 ff. 26. 27. —
P. Fabre, De Patrimoniis Romanae ecclesiae usque ad aetatem Caro
linorum. Paris 1892. p. 49—52.
Q 9. Der Unterhalt des Klerus. 95

Q 9. Der Unterhalt des Klerus.


Aus dem Vermögen der Kathedralkirchen musste zunächst
dem Bischofe das für seinen Lebensunterhalt Notwendige
gereicht werden. Die Höhe des Betrages wird in keinem
kaiserlichen Gesetze angegeben. Es waren demnach die in
dividuellen Bedürfnisse entscheidend. Vor allzu grosser Inan
spruchnahme der Kirchenkasse schützten wiederholte Weisungen
an die Oekonomen, so z. B. der Befehl, den Bischöfen, welche
die Residenzpflicht nicht beobachteten, sondern ohne Not nach
der Hauptstadt sich begaben oder im Lande herumreisten und
viel Geld verbrauchten, keine Sustentation auszuzahlen 1).
Ueber die Einkommensverhältnisse der übrigen Kleriker
höherer oder niederer Grade sowie der Diakonissen geben
namentlich die Novellen 3, 7 und 57 mit 1.41 (42) Q24 bis
28 G. 1, 3 Aufschluss. Nov. 3 ist ein Spezialgesetz für
Konstantinopel. Nov. 6, am gleichen Tage erlassen, dehnt
die Bestimmungen der Nov. 3 auf das ganze Reich aus 2).
Veranlassung zu beiden Erlassen gab dem Kaiser die Beob
achtung, dass die Kirchen infolge unnötiger Vermehrung der
an ihnen Bediensteten in grosse Schulden gestürzt worden
waren, so dass z. B. die Hauptkirche in Konstantinopel ihre
schönsten Besitzungen verpfänden musste. „Wir haben daher,“
so sagt er in Nov. 3 pr., „für notwendig erachtet, die Sache
persönlich zu untersuchen und zu sehen, wie die Verhältnisse
früher waren, und was für Missbräuche sich im Laufe der
Zeit eingeschlichen haben. Durch allseitige Prüfung der Dinge
haben wir gefunden, dass ein jeder von denen, welche in der
Reichshauptstadt Kirchen erbaut haben, nicht nur um die Aus
führung des Baues besorgt war, sondern sich auch angelegen
sein liess, den errichteten Kirchen genügende Einkünfte zu
überweisen und zu bestimmen, wie viele Priester, Diakone und

1) L. 42 (43) pr. C. 1, 3; Nov. 6 c. 2. 3; 67 c. 3; 123 c. 9.


2) Cujacius, l. c. ad Nov. III. p. 34 sq.
96 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Diakonissen, Subdiakone, Kantoren, Lektoren und Ostiarier


anzustellen seien. Darnach bemass ein jeder auch den not
wendigen Aufwand der Kirche und überwies eigene Einkünfte
(rpó0060y oixelay &Téôoxsy), hinreichend für die von ihm ge
nannte Zahl von kirchlichen Personen, aber nicht genügend,
wenn jemand die Zahl vermehrte. So blieben die Verhält
nisse lange Zeit bestehen und die Güter reichten aus zur
Sustentation der Kirchenbediensteten. Sobald aber die Bischöfe
den fortgesetzten Bitten mancher nachgebend zur Ordination
einer grösseren Zahl schritten, wuchsen die Ausgaben ins End
lose. Die Folge waren Gläubiger und Zinsen, zuletzt Verlust
des Kredits, notwendige ungesetzliche Veräusserungen und un
ehrenhafte Geschäfte, Dinge, die nicht einmal in einem Privat
hause vorkommen dürfen.“ Um den Missständen abzuhelfen,
verbot. Justinian für die Zukunft jegliche Ordination, bis die
Menge der Kleriker auf die von den Erbauern der Kirche be
stimmte Zahl reduziert wäre. Das Verbot sollte gelten für
die Hauptkirche in Konstantinopel"), für alle Kirchen, deren
Aufwand die Hauptkirche bestritt“) oder die dieser unter
stellt waren, ebenso für alle anderen Kirchen in der Haupt
stadt und in den Provinzen“). Der Kaiser diktierte: „Vor
Reduktion der Kleriker auf die vom ersten Stifter und Er
bauer einer Kirche angesetzte Zahl, entsprechend welcher auch
die Einkünfte angewiesen sind, darf in keiner Kirche jemand
ordiniert werden. Unter anderen Verhältnissen, wenn näm
lich die Stadtkirche für den eigenen und der übrigen Kirchen
Bedarfselbst aufkommt“), dürfen die dort angestellten Kleriker
nicht leichthin vermehrt werden, und es geht nicht an, aus
Mitleid oder durch Gunstbezeigungen gegen einzelne die Aus
gabelasten für jene zu erhöhen. So etwas ist gottlos und
') Nov. 3 c. 1 pr.
*) Nov. 3 c. 2 § 1.
*) Nov. 6 c. 8 pr.
*) Nov. 6 c.8: „Et 83 p roöko Péovey, aör 33 - 3 Tö)so; ex
w

«) zio optqoq räg arras; Saor es 2. Tag & Nat; Sex) ziag;. . .“
§ 9. Der Unterhalt des Klerus. 97

der Bischöfe nicht würdig. Aus den Mitteln, die Gott der
Herr geschickt, soll, soweit sie reichen, der Aufwand be
stritten werden. Mindestens aber muss die alte Ordnung ge
wahrt bleiben. Neuerungen einzuführen ist untersagt“). In
Nov. 57 (18. Okt. 537) beklagt Justinian, dass öfters viele
Kleriker ihren kirchlichen Obliegenheiten sich dauernd ent
zögen oder von der Kirche, bei der sie angestellt seien, sich
vollständig trennten, wodurch der Gottesdienst beeinträchtigt
werde. An die Bischöfe richtet er die Aufforderung, die er
ledigten Stellen mit anderen Klerikern zu besetzen und für
die Auszahlung der Einkünfte an die neu Angestellten Sorge zu
tragen. „Wir dulden nicht,“ erklärt er in Kap. 1, „dass manche
sich einen Gewinn machen aus den Mitteln, welche von ihnen
oder durch ihre Vermittlung bisher an die Kirchen ausgezahlt
worden sind, vielmehr müssen die von Anfang an bestimmten
Reichnisse bis in alle Zukunft geleistet werden und der Gottes
dienst darf keinen Schaden leiden . . .“*). „Kehren diejenigen
Kleriker, welche ihre Stellungen aufgegeben haben, wieder
zurück, so ist weder erlaubt, die an ihrer Statt Eingesetzten
wegzudrängen, noch auch von den Zahlungspflichtigen den
doppelten Betrag zu fordern. . . . Sie sollen vielmehr nicht
wieder aufgenommen werden.... Kein Gewinn aber darf daraus
für diejenigen entstehen, welchen die Leistungen obliegen,
und jene, die solchen Vorteil erstreben, müssen aus ihrem
eigenen Vermögen die Lieferungen und allen Aufwand denen
entrichten, die von ihnen aufgestellt sind, in gleicher Weise
auch ihre Erben und Rechtsnachfolger. Sie mögen wissen,
dass, wenn sie auch fortan etwas vorenthalten sollten, ein
bestimmtes Besitztum ihrem persönlichen Vermögen entnommen

) Nov. 6 c. 8.
*) Nov. 57 c. 1: „0633 öp 300öpe84 ra: 836va spözvey rät in
Top” abtöy F 8" aöröy yoproöpeya rag & totärzt; &qaiang (rstörep
ob8. Septöy x28° okay Bhnors pópaav xépôo; rtyás Totev &x r; Stépov
ároorspritzeo.), 0 : 5 py; yoproöpeva psypt ratös r3600da, wo
p: rpv späv àyre58ey Metroopiary Bapdepe08.at.“
Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht. 7
98 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

und unserem Privatschatze einverleibt wird, damit davon der


Aufwand bestritten werde“). L. 41. (42) § 24–28 C. 1, 3
wendet sich an alle in den einzelnen Kirchen angestellten
Kleriker mit der ernsten Mahnung, „persönlich (6" Saoröv) dem
Chordienst bei Nacht, am Morgen und am Abend obzuliegen
und nicht bloss durch den Genuss kirchlichen Vermögens und
nur dem Namen nach als Kleriker zu erscheinen, ohne die
klerikalen Pflichten bezüglich des Gottesdienstes zu erfüllen“
(§ 24). „Denn diejenigen,“ heisst es gegen Schluss der Kon
stitution, „welche zum eigenen Seelenheil und für das gemein
same Beste Kirchen gestiftet oder erbaut haben, hinterliessen
ihnen (2örag) auch die Mittel für den Gottesdienst, auf dass
in den hl. Tempeln durch gewissenhafte Kleriker Gott ver
herrlicht werde“ (§ 29).
Aus den angeführten Texten ist eine Entwicklung zum
Benefizialwesen erkennbar. Justinian fand bei seinen Nach
forschungen, dass schon vor seiner Zeit den Einzelkirchen ge
sonderte Mittel für den Unterhalt des Klerus geschenkt worden
waren. In den meisten Fällen hatten die Stifter auch die
Zahl der anzustellenden Kleriker bestimmt. Die Dotation der
verschiedenen geistlichen Aemter bestand entweder in ge
sicherten regelmässigen Lieferungen von Naturalien und Geld
seitens der Stifter, solange sie lebten, oder in einer ein
maligen Ueberweisung von Mobilien und Immobilien oder in
dauernden Auflagen für Erben und Rechtsnachfolger. Bei
allen drei Arten war ein umgrenztes dauerndes Einkommen
für einen oder mehrere Kirchendiener gegeben. Die vor
gefundene Besoldungsordnung will der Kaiser auch in Zukunft
gewahrt wissen. Die Erbauer von Kirchen sollten verpflichtet
sein, zugleich dauernde Vorsorge zu treffen für den Unterhalt
der benötigten Geistlichen“). Ausserdem war es jedem an
') Nov. 57 c. 1 in fine: „ . . . etöórooy dog er «zt per & roöra &nco
ersphatev, er erzt: &pop28-sera: & rh: 2öröv rspooaia; ro: deiots
plöv rpt3árot, öste syrsödev tp yopriav aôto: pive2dat.“
*) Cfr. auch Nov. 67 pr. u. c. 1. – Brinz schliesst (a. a. O.3. Bd.
Q 9. Der Unterhalt des Klerus. 99

deren gestattet, mit fester Dotation Klerikerstellen an Kirchen


zu gründen. Den Stiftern stand ein Präsentationsrecht auf
die Kirchenämter zu. Zur Anstellung eines Kandidaten aber
bedurfte es der bischöflichen Zustimmung. „Wenn jemand,“
so fasst die an den Patriarchen Menas gerichtete Nov. 57
Kap. 2 das geltende Recht zusammen, „der eine Kirche gebaut
hat oder sonstwie den Unterhalt für die an ihr Bediensteten
gewährt, Kleriker daselbst anstellen will, so soll ihm nicht
freistehen, nach eigenem Ermessen und Willen Deiner Heilig
keit Kandidaten vorzuführen, auf dass Du sie ohne weitere
Untersuchung und Prüfung ordinierest, sondern die Präsentierten
sollen von Deiner Heiligkeit geprüft werden. Es dürfen nach
Deinem und Deiner Nachfolger Gutachten die Ordination nur
solche empfangen, welche Dir und Deinen Nachfolgern ge
eignet zur Anstellung und würdig zum göttlichen Dienste
dünken“ 1). Selbst ein kaiserlicher Befehl sollte nicht zwingen
können zur Vornahme einer Weihe, weil auch der Kaiser der
Kirchendisziplin sich zu unterwerfen verpflichtet sei 2).
Die Bischöfe waren zur Einhaltung der fixierten Zahl von
Klerikern verpflichtet. Wenn sie über die Normalzahl hinaus
Ordinationen erteilten und die Oekonomen für die überzähligen
Kleriker Unterhalt herausgaben, mussten beide Teile der Kirche
den entstandenen Schaden ersetzen 3). Absolute Ordinationen
waren verboten.

S. 501 A. 24) aus l. 45 (46) Q 9 C. 1, 3, dass der Klerus einer Kirche


eigenes Vermögen besessen habe, wogegen Gierke (a. a. O. 3. Bd.
S. 118 A. 19) aus derselben l. 45 in Verbindung mit l. 13 C. 1, 2 eine
juristische Persönlichkeit des Klerus einer Kirche ebenso schwer beweisbar
hält wie eine solche der daneben als einsetzungsfähig angeführten
pauperes. Ein selbständiges Korporationsvermögen des Klerus als juristi
scher Persönlichkeit kennt das Justinianische Recht so wenig wie ein
Kollektivvermögen der Armen im allgemeinen. Die betreffenden Ver
mögensmassen sind unselbständige, den Kirchen zustehende Zweckvermögen.
1) Cfr. auch Nov. 123 c. 18.
2) Nov. 3 c. 2 Q 1.
3) Nov. 3 c. 2 Q 1; 6 c. 8; 16 epilog.
‘ 100 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

Das Einkommen der neu in den Klerus einer Kirche


eintretenden Ordinierten schützte Justinian durch das all
gemeine Verbot von Eintrittsgeldern, wie sie an manchen
Kirchen gezahlt werden mussten und die _mit den später bei
den Kapiteln üblich gewordenen Karenzen eine Aehnlichkeit
aufweisen. Nur bei der Hauptkirche in Konstantinopel, wo
die Zahlung einer gewissen Summe beim Eintritt neu ordi
nierter Kleriker althergebracht war, sollte dieser Gebrauch
noch fernerhin geduldet werden, indes mit der Einschränkung,
dass die verschiedenen Abgaben und Geschenke die Einkünfte
eines einzigen Jahres nicht übersteigen durften 1).

Q 10. Die Bestreitung der Ausgaben für die Liturgie


und die kirchlichen Gebäude.
Wurde der persönliche Bedarf für die Kirchen mit Aus
nahme des Unterhalts für den Bischof bereits nach Vorjustinia
nischem Recht zum grössten Teile mit speziellem Zweck
vermögen gedeckt, so beanspruchte die Realexigenz in damaliger
Zeit zumeist noch die allgemeine Kirchenkasse. Aus ihr wurden
bestritten die Kosten für die hl. Gefässe und Paramente, so
weit diese nicht von Gläubigen geschenkt wurden. Was zum
hl. Opfer notwendig war, brachten noch vielfach nach alt
christlicher Sitte die frommen Laien bei. Dagegen fielen die
hohen Ausgaben für die feierlichen gottesdienstlichen Zere
monien dem Kirchenvermögen zur Last. Die Baufälle, die
sich im Laufe der Zeit ergaben, Anbauten und Neubauten,
Restaurationen im Innern und Aeussern der Kirche fanden
ihre Kostendeckung, wenn der Betrag sich nicht hoch belief,
aus dem Kirchengut. Bei grösseren Anforderungen halfen
ausserordentliche freiwillige Gaben der Gemeindemitglieder oder
die Kirche ward dem Verfall anheimgegeben und später ab
gebrochen. Der Eifer für Kirchenbauten war in den Tagen
Justinians gross. Der Kaiser selbst ging mit gutem Beispiele
1) Nov. 56 c. 1; 123 o. 16.
§ 10. Ausgaben für Liturgie und kirchl. Gebäude. 101

voran, wie der prächtige Wiederaufbau der im Nikaaufstande


zerstörten Sophienkirche"), der Kathedrale von Ostrom und
viele andere durch ihn errichtete Kirchen beweisen"). Hohe
Summen wurden für religiöse Gebäude verwendet, aber nicht
immer in rationeller Art. Justinian tadelt des öfteren, dass
Neubauten und Reparaturen von Klöstern und Kirchen be
gonnen, aber nicht zu Ende geführt werden, zahlreiche Gottes
häuser verfallen und abgebrochen werden müssen“). Diesen
Missständen trat er entgegen mit der Forderung, dass zujedem
Neubau und zu jeglicher Renovation eines religiösen Zwecken
gewidmeten Gebäudes die vorherige Erlaubnis des Bischofs
eingeholt werde“). Die bischöfliche Genehmigung durfte nur
erteilt werden, wenn vom Stifter eine genaue Summe fest
gesetzt war für Licht, Gottesdienst, die Unterhaltung des Ge
bäudes und die Besoldung der Kirchendiener“). „Erscheint,“
heisst es in Nov. 67 Kap.2, „der angewiesene Fonds als hin
reichend, so muss derselbe zuvor ausbezahlt und dann erst
mag der Bau begonnen werden. Genügt er nicht, will der
Geber aber unter allen Umständen sich den Namen eines
Kirchenstifters erwerben, dann sind in den Provinzen viele
Kirchen, in denen zwar noch Gottesdienst gehalten wird, die
aber ob ihres Alters einzustürzen drohen oder zu klein sind
oder nicht so dekoriert, wie es die betreffenden Geistlichen
wünschten. Von diesen soll er eine sich herauswählen und
sie herrichten lassen, jedoch nur mit Zustimmung des Orts
') Charles Diehl, Justinien et la civilisation Byzantine au
VIe siècle. Paris 1901. p.471 ss. – G. F. Hertzberg, Geschichte der
Byzantiner und des Osmanischen Reiches bis gegen Ende des 16.Jahrh.
Berlin 1883. S.84–87. – Th. Preger, Die Erzählung vom Bau der
Hagia Sophia in „Byzant. Zeitschrift“ 10. Bd. (1901). S.455–476.
*) Procop, De aedif
*) Nov. 67 pr.
*) Nov. 5 c. 1; 67 c. 1. 2; 131 c. 7.
-
*) Nov. 67 c. 1. 2: „ .. . npy äy . .. öpiaste Tö pérpov örep á popiet
n r w w. e v - n r -

rpö; te rpv Moyyoxaiay xa rpv späy Metroopiay x2 rpv 3:äpdopov roö


oxoo Covrplay a rpv röv rpose3peoóvroy &norpopp.“
102 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

bischofs.“ Hatte einer den Bau eines neuen Gotteshauses oder


die Renovation eines alten begonnen, so sollte er und nach
seinem Tode der Erbe durch den Ortsbischof, den kirchlichen
Vermögensverwalter und den Zivilrichter zur Vollendung des
Werkes angehalten werden").
Wie Justinian mit neuen Fundationen die Abschichtung
von Vermögensobjekten zum Zwecke des Unterhaltes der
Kleriker erstrebte und dadurch der Ausbildung der kirchlichen
Pfründe Vorschub leistete, so gehen seine gesetzgeberischen
Bemühungen auch auf eine Gewinnung und Sicherstellung von
Kirchenstiftungsvermögen zum Zwecke der Bestreitung der
Kultusausgaben und Baukosten. Stiftungen mit der Eigen
schaft juristischer Personen sind zwar in beiden Fällen noch
nicht beabsichtigt. Es handelt sich noch um Güterkomplexe,
die den Einzelkirchen als Eigentum übergeben wurden zu be
stimmten Zwecken, also um kirchliches Spezialzweckvermögen.
Die genaue Scheidung bei dem Erwerb, die gesonderte Ver
waltung und Verwendung dieses Vermögens aber drängte
naturnotwendig auf die spätere Entwicklung zur juristischen
Selbständigkeit hinaus.

§ 11. Die Unterstützung der Armen.


Die altchristliche Auffassung, dass das Kirchenvermögen
zu zwei grossen Zwecken verwendet werden müsse, für den
Gottesdienst und die Pflege der Armen, durchzieht die ganze
GesetzgebungJustinians. Eswird sogar unterschieden zwischen
Vermögen zu kirchlichen Zwecken im engeren Sinne und
solchem zur Armenunterstützung (Tpäpa Sex).000 ExÖy und
Tpäpa Troyexóv*). An grösseren Kirchen standen dem
Oekonomen des ersteren eigene Verwalter des letzteren gegen
über (6 Sri r; Troysia, 6 x2)oöpsyo; Sri r; Troysia:)“).
') Nov. 131 c. 7 § 1.
*) Nov. 7 c. 5 pr.
*) L. 41. (42) § 20. 23 C. 1, 3.
§ 11. Die Unterstützung der Armen. 10Z

Justinian sieht in denjenigen, „welche aus Liebe zu Gott und


zur Rettung ihrer Seele zu den Kirchen kommen und ihre
Habe darbringen, die Intention, etwas zu geben zur Verwen
dung zunächst für die Armen und Dürftigen und dann für
die anderen frommen Bedürfnisse“). Die Armen treten in
manchen seiner Gesetze derart in den Vordergrund, dass sich
Kanonisten sogar verleiten liessen, aus ihnen Belege zu ent
nehmen für die Theorie eines dominium pauperum am Kirchen
vermögen. Noch Rosshirt stand nicht an zu schreiben: „Un
bezweifelt ist das Kirchengut heute noch Gut der Armen und
niemand hat Recht darüber wie die Armen“*).
Die Begründung der Armentheorie ist aus dem Justinia
nischen Recht nicht möglich“). Wenn in der von den Ver
teidigern des patrimonium pauperum hauptsächlich allegierten
l. 25 (26) pr. C. 1, 2 gesagt wird, dass, falls in einem Testa
mente Jesus Christus als Erbe, Legatar oder Fideikommissar
eingesetzt sei, die betreffenden Vermächtnisse an die Kirchen
übergehen sollten, damit sie zur Unterstützung der Armen
verwendet würden“), so stehen dieser Stelle viele andere")
gegenüber, die deutlich dartun, dass die Armen beim kirch
lichen Eigentum nicht ein aktives Recht haben, sondern nur
passiv in Betracht kommen.
Die Armen sind weder Eigentümer des Kirchenvermögens,
noch bilden sie in ihrer Gesamtheit im Reiche oder in den
einzelnen Städten oder Kirchengemeinden eine Korporation
mit Rechtsfähigkeit. Auch für eine selbständige Armen
anstalt im Sinne einer juristischen Persönlichkeit findet sich
im Justinianischen Recht kein fester Anhaltspunkt, soweit

') L. 41. (42) § 3 C. 1, 3: „... es tods royod, wo révytag war


Stépa; eö0eße; cabro (psia.“
*) C. F. Rosshirt, Geschichte des Rechts im Mittelalter. 1. Bd.
Mainz 1846. S. 488.
*) B. Hübler, a. a. O. S. 17 ff.
*) Vgl. oben S. 12 u. 30.
*) L.24; 48 (49) § 1 C. 1, 3; Nov. 7 c. 5. 8; 123 c.37; 131 c. 11.
104 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

die Armen im allgemeinen in Betracht kommen. Anders bei


bestimmten Klassen von Armen, die in besonderen Häusern
untergebracht sind. In diesem Falle ist eine juristische Per
sönlichkeit der betreffenden Anstalt möglich und, wie oben an
den Wohltätigkeitsanstalten gezeigt wurde, auch häufig gegeben.
Wo die Armen schlechthin in den Gesetzen Justinians ge
nannt werden, haben wir regelmässig ein der Ortskirche zu
stehendes Zweckvermögen anzunehmen. Dasselbe muss von
den zu rein kirchlichen Zwecken bestimmten Gütern geschieden,
in seiner Integrität bewahrt und für die Armen verwendet
werden 1).
Die Zuwendung an die Armen erfolgte in letztwilligen
Verfügungen und Schenkungen entweder unter allgemeinen
Ausdrücken, in welchem Falle der Ortsbischof des Gebers mit
dem Oekonomen die Schenkungen in Empfang zu nehmen
und zu verteilen hatte 2), oder unter Nennung bestimmter
Namen und Klassen, von Dürftigen oder einer speziellen charita
tiven Anstalt. Den Schutz, welchen im Jahre 455 Valentinian
und Marcian den allgemein auf die Armen lautenden Testa
menten und Kodizillen gegen die Einwendung der „incertae
personae“ gewährt hatten, erneuerte Justinian 3). Er prägte
den Bischöfen ein, für die Exekution solch letztwilliger Ver
fügungen zu sorgen, und ermahnte die Bischöfe und die Oeko
nomen, dass sie nach der Bestreitung der rein kirchlichen
Bedürfnisse „die übrigen Einkünfte der Kirchen zu frommen
und gottgefälligen Zwecken verwenden und den wahrhaft
Armen, die sonst nichts zum Leben haben, zuweisen sollten“.
Verboten sollte sein, mit kirchlichen Mitteln wohlhabende Leute
zu begünstigen und die Armen darben zu lassen. Die Oeko
nomen der Kirchen waren für die ordnungsgemässe Admini
stration und die zweckentsprechende Verwendung der Gaben

1) L. 41 (42) Q 2. 4. 8 C. 1, 3; 1. 55 (57) h. t.
2) L. 48 (49) Q 4 C. l, 3; 131 c. 11.
3) Vgl. oben S. 18 f.
Q 12. Der Loskauf von Gefangenen. 105

verantwortlich. Für ungesetzliche Verwaltung drohte ihnen der


Kaiser mit dem göttlichen Strafgericht und der Pflicht, Ver
untreuungen aus ihrem Privatvermögen zu ersetzen 1).

Q 12. Der Loskauf von Gefangenen.


Einer besonderen Fürsorge erfreuen sich im Justinianischen
Rechte die Gefangenen. Die Kriege, durch welche der Kaiser
die Grenzen seines Reiches auszudehnen und zu befestigen ge
sucht 2), hatten viele Opfer an Menschenleben gefordert und
zahlreiche Untertanen in fremde Gefangenschaft gebracht.
Humanitätsgefühl, christliche Liebe, nicht zuletzt aber auch
staatliches Interesse liessen ihn die Rückkehr der Kriegs
gefangenen wünschen. Kindern und Eltern legte er unter der
Strafe der Enterbung den gegenseitigen Loskauf aus der Ge
fangenschaft auf 3). Den Bischöfen bringt der Gesetzgeber
die Bestimmung seines Vorgängers Leo vom 18. Aug. 468
in Erinnerung4), wonach es ihre Aufgabe ist, sich der Aus
führung von letztwilligen Verfügungen zur Befreiung von
Kriegsgefangenen 5) anzunehmen, falls der Testator nicht einen
eigenen Exekutor bezeichnet hat. Der Bischof des Ortes, aus
dem der Erblasser stammte, sollte baldigst das hinterlassene
Vermögen an sich ziehen, ein Protokoll hierüber aufnehmen
und den Betrag wie die Zeit des Empfanges dem Rektor der
Provinz anzeigen. Binnen Jahresfrist musste der Loskauf be
werkstelligt und dann berichtet werden, welche Zahl von Ge
fangenen losgekauft und welcher Preis für dieselben bezahlt
worden war. Für die vorgenommenen Akte durfte vom Bischof
1) Nov. 3 c. 3.
2) A. Knecht, a. a. O. S.8 ff.
3) Nov. 115 c. 3 Q 13. 4 Q 7. Vgl. oben S. 91.
4) L. 28 C. 1, 3.
5) L. 22 u. 23 C. l, 4 (18. u. 21. Jan. 529) empfehlen den Bischöfen
den Besuch und die Aufsicht der staatlichen Gefängnisse, die Entlassung
unschuldig Inhaftierter und die Befreiung der in allgemein verbotenen
Privatkerkern Eingeschlossenen. -— Lallem an d, 1. c. Tome II. p. 107 ss.
106 Knecht, Justinianisches Kirchenvermögensrecht.

kein Abzug an den Vermächtnissen vorgenommen werden, damit


diese nicht, wie die Konstitution sagt, unter dem Scheine der
Humanität durch Gerichtskosten verringert würden 1). Aus
den „Gerichtskosten“ ist ersichtlich, dass die Zuständigkeit
der Bischöfe bei solchen Zuwendungen nach älterem Rechte
in der ihnen übertragenen weltlichen Jurisdiktion gründete.
In Justinians persönlichen Gesetzen erscheint dieselbe mehr
als ein Ausfluss der geistlichen Pflicht, sich der Bedrängten
anzunehmen, und als Annex der kirchlichen Vermögensverwal
tung. Wie bei allen anderen frommen V