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Adolf Hitler (* 20. April 1889 in Braunau am Inn, Österreich-Ungarn; † 30.

April 1945
in Berlin) war von 1933 bis 1945 Diktator des Deutschen Reiches.

Ab Juli 1921 Parteivorsitzender der NSDAP, versuchte er im November 1923 mit


einem Putsch von München aus die Weimarer Republik zu stürzen. Mit seiner Schrift
Mein Kampf (1925/26) prägte er die antisemitische und rassistische Ideologie des
Nationalsozialismus.

Hitler wurde von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 zum
deutschen Reichskanzler ernannt. Innerhalb weniger Monate beseitigte sein Regime
mit Terror, Notverordnungen, Gleichschaltungsgesetzen, Organisations- und
Parteiverboten die pluralistische Demokratie, den Föderalismus und den Rechtsstaat.
Politische Gegner wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, gefoltert und ermordet.
1934 ließ Hitler anlässlich des „Röhm-Putsches“ potentielle Rivalen in den eigenen
Reihen ermorden. Hindenburgs Tod am 2. August 1934 nutzte er, um das Amt des
Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinen zu lassen, und regierte
seither als „Führer und Reichskanzler“.[1]

Die in Deutschland lebenden Juden wurden ab 1933 zunehmend ausgegrenzt und


entrechtet, besonders durch die Nürnberger Gesetze vom September 1935 und die
Novemberpogrome 1938. Mit den Befehlen zur Aufrüstung der Wehrmacht und der
Rheinlandbesetzung brach Hitler 1936 den Versailler Vertrag. Die
nationalsozialistische Propaganda stellte die Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik
als erfolgreich dar und steigerte so bis 1939 Hitlers Popularität.

1938 übernahm er die unmittelbare Befehlsgewalt über die Wehrmacht und setzte
den Anschluss Österreichs durch. Über das Münchner Abkommen vom 30.
September 1938, das ihm die Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche
Reich gestattete, setzte er sich mit der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ bereits
am 15. März 1939 hinweg. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 löste
er den Zweiten Weltkrieg in Europa aus. Am 31. Juli 1940 teilte er Vertretern des
Oberkommandos der Wehrmacht seinen Entschluss mit, die Sowjetunion
anzugreifen. Den am 22. Juni 1941 begonnenen Krieg gegen die Sowjetunion ließ er
unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ als Vernichtungskrieg zur
Eroberung von „Lebensraum im Osten“ vorbereiten und führen.

Im Zweiten Weltkrieg verübten die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer


zahlreiche Massenverbrechen und Völkermorde. Bereits im Sommer 1939 erteilte
Hitler die Weisung, die „Erwachseneneuthanasie“ vorzubereiten. Zwischen
September 1939 und August 1941 wurden in der „Aktion T4“ über 70.000 psychisch
kranke sowie geistig und körperlich behinderte Menschen, bei weiteren Formen der
„Euthanasie“ mindestens 190.000 Menschen, systematisch ermordet. Im Holocaust
wurden etwa 5,6 bis 6,3 Millionen Juden, im Porajmos bis zu 500.000 als „asozial“
verfolgte Sinti und Roma ermordet. Hitler autorisierte die wichtigsten Schritte des
Judenmordes und ließ sich über den Verlauf informieren.[2] Seine verbrecherische
Politik führte zu vielen Millionen Kriegstoten und zur Zerstörung weiter Teile
Deutschlands und Europas.
Inhaltsverzeichnis

1 Frühe Jahre (1889–1918)


1.1 Familie
1.2 Schulzeit
1.3 Kunstmaler in Wien und München
1.4 Soldat im Ersten Weltkrieg
2 Politischer Aufstieg (1918–1933)
2.1 Propagandaredner der Reichswehr
2.2 Aufstieg zum Führer der NSDAP
2.3 Putschversuch
2.4 Prozess und Festungshaft
2.5 Ideologie
2.6 Neugründung und erste Erfolge der NSDAP
2.7 Weg zur Kanzlerschaft
3 Herrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg (1933–1939)
3.1 Errichtung der Diktatur
3.2 Ausweitung des Hitlerkults
3.3 Privatleben
3.4 Verfolgungen
3.5 Baupolitik
3.6 Kirchenpolitik
3.7 Aufrüstungs-, Expansions- und Kriegskurs
4 Herrschaft im Zweiten Weltkrieg (1939–1945)
4.1 Polenfeldzug
4.2 „Euthanasie“
4.3 Völkermord an den Sinti und Roma
4.4 Westfeldzug
4.5 Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
4.6 Holocaust
4.7 Weiterer Kriegsverlauf
4.8 Widerstand gegen Hitler
4.9 Ende im Bunker
5 Historische Einordnungen
6 Veröffentlichungen
7 Weiterführende Informationen
7.1 Filme
7.2 Literatur
7.3 Quelleneditionen
7.4 Rezeption in der Taxonomie
7.5 Weblinks
8 Einzelnachweise

Frühe Jahre (1889–1918)


Familie
→ Hauptartikel: Hitler (Familie)
Mutter Klara Vater Alois
Mutter: Klara Hitler, geb. Pölzl (1860–1907)

Vater: Alois Hitler, geb. Schicklgruber (1837–1903)


Adolf Hitler als Kleinkind (um 1890)

Hitlers Familie stammte aus dem niederösterreichischen Waldviertel an der Grenze


zu Böhmen. Seine Eltern waren der Zollbeamte Alois Hitler (1837–1903) und dessen
dritte Frau Klara Pölzl (1860–1907). Alois war unehelich geboren und trug bis zu
seinem 39. Lebensjahr den Familiennamen seiner Mutter Maria Anna Schicklgruber
(1796–1847). Diese heiratete 1843 Johann Georg Hiedler (1792–1857), der sich
zeitlebens nicht zur Vaterschaft an Alois bekannte. Erst 1876 ließ sein jüngerer
Bruder Johann Nepomuk Hiedler (1807–1888) ihn als Alois’ Vater beurkunden und
die Namensform in Hitler ändern. Manche Historiker halten Johann Nepomuk selbst
für Alois Hitlers Vater. Klara Pölzl war seine Enkelin. Somit war Alois mit seiner
Halbnichte ersten oder zweiten Grades verheiratet.[3]
Adolf Hitlers ältere Geschwister Gustav (1885–1887) und Ida (1886–1888) waren vor
seiner Geburt gestorben. Die drei jüngeren Geschwister waren Otto (*/† 1892, nur
sechs Tage alt geworden), Edmund (1894–1900) und Paula (1896–1960). Ottos
korrekte Lebensdaten wurden erst 2016 ermittelt.[4] Hitlers zwei ältere
Halbgeschwister Alois junior und Angela Hammitzsch stammten aus der zweiten Ehe
seines Vaters. Sie wuchsen nach dem Tod ihrer Mutter im Haushalt von Hitlers Eltern
auf.[5]

Seit 1923 verschwieg Hitler manche Details seiner Herkunft.[6] 1930 verbot er Alois
Hitler junior und dessen Sohn William Patrick Hitler, sich in Medien als seine
Verwandten vorzustellen, da seine Gegner seine Herkunft nicht kennen dürften. Er
wollte das öffentliche Interesse an seiner Abstammung beenden.[7] Als ausländische
Medien 1932 wiederholt behaupteten, er habe jüdische Vorfahren, ließ er seinen
Stammbaum von zwei Genealogen erforschen und 1937 veröffentlichen. Nach dem
„Anschluss“ Österreichs 1938 erklärte er die Heimatdörfer seiner Eltern und
Großeltern, Döllersheim und Strones, zum militärischen Sperrgebiet, ließ dort für
einen großen Truppenübungsplatz bis 1942 ihre etwa 7000 Einwohner umsiedeln
und dabei mehrere Gedenktafeln für seine Vorfahren entfernen. Das Ehrengrab
seiner Großmutter wurde zerstört; die Taufakten ihrer Familie wurden bewahrt.[8]

Dem Journalisten Wolfgang Zdral zufolge wollte Hitler damit weitere Zweifel an
seinem „Ariernachweis“ unterbinden und Inzest-Vorwürfen wegen der
Blutsverwandtschaft seiner Eltern vorbeugen.[9] Die auf den Nationalsozialisten
Hans Frank zurückgehende „Frankenberger-These“, ein Großvater Hitlers könne
Jude gewesen sein, widerlegte der Hitlerbiograf Werner Maser 1971.[10]
Schulzeit
Adolf Hitler (Mitte) als Schuljunge, 1899

Wegen häufiger Umzüge der Familie besuchte Hitler von 1895 bis 1899
verschiedene Volksschulen in Passau und Lambach, wo er als guter Schüler galt.
Nach dem Umzug nach Leonding besuchte er ab 1900 die K. k. Staats-Realschule
Linz, wo er sich lernunwillig zeigte und zweimal wegen Verfehlung des
Leistungsszieles nicht in die nächstfolgende Klasse aufsteigen konnte. Den
Religionsunterricht bei Franz Sales Schwarz verachtete er, nur der Geografie- und
der Geschichtsunterricht bei Leopold Pötsch interessierten ihn. In Mein Kampf (1925)
hob er den positiven Einfluss von Pötsch hervor.[11] In seiner Realschulzeit las Hitler
gern Bücher von Karl May, den er zeitlebens verehrte. Sein Vater hatte ihn für eine
Beamtenlaufbahn bestimmt und bestrafte seine Lernunwilligkeit mit häufigem,
erfolglosem Prügeln.[12] Er starb Anfang 1903. 1904 schickte die Mutter Hitler auf
die Realschule in Steyr. Dort wurde er wegen schlechter Schulnoten nicht in die
neunte Klasse versetzt. Mit einer vorübergehenden Unpässlichkeit erreichte er, dass
er die Realschule ohne Abschluss verlassen und zur Mutter nach Linz zurückkehren
durfte.

In Linz lernte Hitler durch Mitschüler, Lehrer und Zeitungen das Denken des
radikalen Antisemiten und Gründers der Alldeutschen Vereinigung, Georg von
Schönerer, kennen.[13] Er besuchte erstmals Aufführungen von Opern Richard
Wagners, darunter Rienzi. Dazu äußerte er später: „In jener Stunde begann es.“
Unter dem Eindruck der Hauptfigur soll er laut seinem damaligen Freund August
Kubizek gesagt haben: „Ich will ein Volkstribun werden.“[14]

In Mein Kampf stellte Hitler sein Schulverhalten als Lernstreik gegen den Vater dar
und behauptete, ein schweres Lungenleiden habe seinen Schulabschluss
vereitelt.[15] Die Gewalttätigkeit des Vaters gilt als mögliche Wurzel für seine weitere
Entwicklung.[16] Nach Joachim Fest schwankte er schon in der Schulzeit zwischen
intensiver Beschäftigung mit verschiedenen Projekten sowie Untätigkeit und zeigte
ein Unvermögen zu regelmäßiger Arbeit.[17]
Kunstmaler in Wien und München

Seit 1903 bezog Hitler eine Halbwaisenrente; ab 1905 erhielt er Finanzhilfen von
seiner Mutter und seiner Tante Johanna. Anfang 1907 wurde bei seiner Mutter
Brustkrebs festgestellt. Der jüdische Hausarzt Eduard Bloch behandelte sie. Da sich
ihr Zustand rapide verschlechterte, soll Hitler auf der Anwendung von schmerzhaften
Iodoform-Kompressen bestanden haben, die letztlich ihren Tod beschleunigten.[18]

Seit 1906 wollte Hitler Kunstmaler werden. Er sah sich zeitlebens als verkannter
Künstler.[19] Im Oktober 1907 bewarb er sich erfolglos für ein Kunststudium an der
Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie. Er blieb zunächst in Wien,
kehrte nach Linz zurück, als er am 24. Oktober erfuhr, dass seine Mutter nur noch
wenige Wochen zu leben habe. Nach Aussage Blochs und Hitlers Schwester
versorgte er den elterlichen Haushalt bis zum Tod der Mutter am 21. Dezember 1907
und sorgte für ihr Begräbnis zwei Tage darauf. Er bedankte sich dabei bei Bloch,
schenkte ihm einige seiner Bilder und schützte ihn 1938 vor der Festnahme durch die
Gestapo.[20]

Indem er sich als Kunststudent ausgab, erhielt Hitler von Januar 1908 bis 1913 eine
Waisenrente von 25 Kronen monatlich sowie das Erbe seiner Mutter von höchstens
1000 Kronen. Davon konnte er etwa ein Jahr in Wien leben.[21] Sein Vormund Josef
Mayrhofer drängte ihn mehrmals vergeblich, zugunsten seiner minderjährigen
Schwester Paula auf seinen Rentenanteil zu verzichten und eine Lehre zu beginnen.
Hitler weigerte sich und brach den Kontakt ab. Er verachtete einen „Brotberuf“ und
wollte in Wien Künstler werden. Im Februar 1908 ließ er eine Einladung des
renommierten Bühnenbildners Alfred Roller ungenutzt, der ihm eine Ausbildung
angeboten hatte. Als ihm das Geld ausging, besorgte er sich im August von seiner
Tante Johanna einen Kredit über 924 Kronen. Bei der zweiten Aufnahmeprüfung an
der Kunstakademie im September wurde er nicht mehr zum Probezeichnen
zugelassen. Er verschwieg seinen Verwandten diesen Misserfolg und seinen
Wohnsitz, um seine Waisenrente weiter zu erhalten.[22] Deshalb gab er sich bei
Wohnungswechseln als „akademischer Maler“ oder „Schriftsteller“ aus. Ihm drohte
die Einziehung zum Wehrdienst in der österreichischen Armee.[23]

Nach August Kubizek, der mit ihm 1908 ein Zimmer teilte, interessierte sich Hitler
damals mehr für Wagner-Opern als für Politik. Nach seinem Auszug im November
1908[24] mietete er in kurzen Zeitabständen immer weiter von der Innenstadt
entfernte Zimmer an, offenbar weil seine Geldnot wuchs. Im Herbst 1909 bezog er für
drei Wochen ein Zimmer in der Sechshauser Straße 56[25] in Wien; danach war er
drei Monate lang nicht behördlich angemeldet. Aus seiner Aussage in einer
Strafanzeige ist ersichtlich, dass er ein Obdachlosenasyl in Meidling bewohnte.[26]
Anfang 1910 zog Hitler in das Männerwohnheim Meldemannstraße, ebenfalls ein
Obdachlosenasyl. 1938 ließ er alle Akten über seine Aufenthaltsorte in Wien
beschlagnahmen und gab ein Haus in einem gehobenen Wohnviertel als seine
Studentenwohnung aus.[27]

Ab 1910 verdiente Hitler Geld durch nachgezeichnete oder als Aquarelle kopierte
Motive von Wiener Ansichtskarten. Diese verkaufte sein Mitbewohner Reinhold
Hanisch bis Juli 1910 für ihn, danach der jüdische Mitbewohner Siegfried Löffner.
Dieser zeigte Hanisch im August 1910 wegen der angeblichen Unterschlagung eines
Hitlerbildes bei der Wiener Polizei an. Der Maler Karl Leidenroth zeigte Hitler,
wahrscheinlich im Auftrag Hanischs, wegen des unberechtigten Führens des Titels
eines „akademischen Malers“ anonym an und erreichte, dass die Polizei ihm das
Führen dieses Titels untersagte.[28] Daraufhin ließ Hitler seine Bilder von dem
Männerheimbewohner Josef Neumann sowie den Händlern Jakob Altenberg und
Samuel Morgenstern verkaufen. Alle drei waren jüdischer Herkunft. Der Mitbewohner
im Männerwohnheim, Karl Honisch, schrieb später, Hitler sei damals „schmächtig,
schlecht genährt, hohlwangig mit dunklen Haaren, die ihm ins Gesicht schlugen“, und
„schäbig gekleidet“ gewesen, habe jeden Tag in derselben Ecke des Schreibzimmers
gesessen und Bilder gezeichnet oder gemalt.[29]

In Wien las Hitler Zeitungen und Schriften von Alldeutschen, Deutschnationalen und
Antisemiten, darunter möglicherweise die Schrift Der Unbesiegbare von Guido von
List. Letztere schildert das Wunschbild eines vom „Schicksal“ bestimmten,
unfehlbaren germanischen Heldenfürsten, der die Germanen vor dem Untergang
retten und zur Weltherrschaft führen werde. Dieses Bild, so die Historikerin Brigitte
Hamann, könnte Hitlers später beanspruchte Auserwähltheit und Unfehlbarkeit, die
ihn keine Irrtümer eingestehen ließen, auch erklären.[30] Er las vielleicht die
Zeitschrift Ostara, die der List-Schüler Jörg Lanz von Liebenfels herausgab,[31] und
die von Eduard Pichl verfasste Biografie Georg von Schönerers (1912). Dieser hatte
seit 1882 die „Entjudung“ und „Rassentrennung“ per Gesetz gefordert, einen
Arierparagraphen für seine Partei eingeführt, ein völkisch-rassistisches Deutschtum
gegen den Multikulturalismus der Habsburger Monarchie und als Ersatzreligion für
das katholische Christentum vertreten („Los von Rom!“). Hitler hörte Reden seines
Anhängers, des Arbeiterführers Franz Stein, und seines Konkurrenten, des
Reichsratsabgeordneten Karl Hermann Wolf. Beide bekämpften die „verjudete“
Sozialdemokratie, tschechische Nationalisten und Slawen. Stein strebte eine
deutsche Volksgemeinschaft zur Überwindung des Klassenkampfes an; Wolf strebte
ein Großösterreich an und gründete 1903 mit anderen die Deutsche Arbeiterpartei
(Österreich-Ungarn). Hitler hörte und bewunderte auch den populären Wiener
Bürgermeister Karl Lueger, der die Christlichsoziale Partei (Österreich) gegründet
hatte, für Wiens „Germanisierung“ eintrat und als antisemitischer und
antisozialdemokratischer „Volkstribun“ massenwirksame Reden hielt. Hitler
diskutierte 1910 nach Aussagen seiner Mitbewohner im Männerwohnheim über
politische Folgen von Luegers Tod, lehnte einen Parteieintritt ab und befürwortete
eine neue, nationalistische Sammlungsbewegung.[32]

Wieweit diese Einflüsse ihn prägten, ist ungewiss. Damals sei, so Hans Mommsen,
sein Hass auf die Sozialdemokraten, die Habsburgermonarchie und die Tschechen
vorherrschend gewesen.[33] Bis Sommer 1919 sind keine antisemitischen, aber
einige sehr wohlwollende Aussagen Hitlers über Juden überliefert. Erst ab Herbst
1919 griff er auf antisemitische Klischees zurück, die er in Wien kennengelernt hatte;
seit 1923 stellte er Schönerer, Wolf und Lueger als seine Vorbilder dar.[34]
„Der Alte Hof in München“, 1914

Im Mai 1913 erhielt Hitler das Erbe des Vaters (etwa 820 Kronen), zog nach
München und mietete in der Schleißheimer Straße 34 (Maxvorstadt) ein anfangs mit
Rudolf Häusler geteiltes Zimmer. Ein Grund dafür war die Flucht vor der militärischen
Dienstpflicht in Österreich. Diese versuchte er nach dem Anschluss Österreichs 1938
durch Beschlagnahmung seiner militärischen Dienstpapiere zu vertuschen.[35] In
München las Hitler unter anderen die rassistischen Schriften Houston Stewart
Chamberlains, malte weiterhin Bilder, meist nach Fotografien bekannter Gebäude,
und verkaufte sie an eine Münchner Kunsthandlung. Er behauptete später, er habe
sich nach einer „deutschen Stadt“ gesehnt und sich zum „Architektur-Maler“
ausbilden lassen wollen. Nachdem die Münchner Kriminalpolizei ihn am 18. Januar
1914 aufgegriffen und beim österreichischen Konsulat vorgeführt hatte, wurde er am
5. Februar 1914 in Salzburg gemustert, als waffenunfähig beurteilt und vom
Wehrdienst zurückgestellt.[36]

Liebesbeziehungen Hitlers zwischen 1903 und 1914 sind unbekannt. Kubizek und
Hanisch zufolge äußerte er sich in Wien verächtlich über weibliche Sexualität und
floh vor Annäherungsversuchen von Frauen. 1906 verehrte er, ohne
Kontaktaufnahme, die Linzer Schülerin Stefanie Isak (später verh. Rabatsch). Später
bezeichnete er eine Emilie, vielleicht die Schwester Häuslers, als seine „erste
Geliebte“. Auch diese Beziehung stuft Brigitte Hamann als Wunschdenken ein. Hitler
soll schon 1908, wie die Alldeutschen, ein Verbot der Prostitution und sexuelle
Askese für junge Erwachsene gefordert und letztere aus Angst vor einer Infektion mit
Syphilis selbst praktiziert haben.[37]
Soldat im Ersten Weltkrieg
Hitler (ganz rechts sitzend) als Soldat, 1915

Wie viele andere begrüßte Hitler im August 1914 begeistert den Beginn des Ersten
Weltkriegs. Nach eigener Darstellung bat er den bayerischen König mit einem
Immediatgesuch vom 3. August 1914 erfolgreich um die Erlaubnis, als Österreicher
in die Bayerische Armee eingegliedert zu werden. Am 16. August sei er als
Kriegsfreiwilliger dort eingetreten, am 8. Oktober sei er auf den König von Bayern
vereidigt worden.[38] Heute wird vermutet, dass Hitlers Staatsbürgerschaft beim
Kriegsausbruch keine Rolle spielte, zumal er nicht der einzige Österreicher im
Regiment war.[39] Eine von ihm später behauptete, kurzfristig beantragte
österreichische Sondergenehmigung gilt als Legende.[40] Am 1. September 1914
wurde er der ersten Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 16 zugeteilt.[41]

Hitler nahm Ende Oktober 1914 an der Ersten Flandernschlacht teil. Am 1.


November 1914 wurde er zum Gefreiten befördert und am 2. Dezember 1914 mit
dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, weil er am 15. November 1914 mit
einem zweiten Meldegänger im Verlauf der Ersten Flandernschlacht nordwestlich von
Messines das Leben des unter französischem Feuer stehenden
Regimentskommandeurs geschützt und eventuell gerettet hatte.[42][43][44] Ab dem
9. November 1914 bis zum Ende des Krieges diente Hitler als Ordonnanz und
Meldegänger zwischen dem Regimentsstab und den Stäben der Bataillone mit 1,5
bis 5 Kilometer Abstand zur Hauptkampflinie am Wytschaete-Bogen der
Westfront.[45] Entgegen seiner späteren Darstellung war er also kein besonders
gefährdeter frontnaher Meldegänger eines Bataillons oder einer Kompanie und hatte
weit bessere Überlebenschancen als diese.[46]

Vom März 1915 bis September 1916 wurde er im Sektor Aubers-Fromelles (Kanton
La Bassée) und in der Schlacht von Fromelles (19./20. Juli 1916) eingesetzt.[47] In
der Schlacht an der Somme wurde Hitler am 5. Oktober 1916 bei le Barqué (Ligny-
Thilloy) durch einen Granatsplitter am linken Oberschenkel verwundet,[48] was
später zu zahlreichen Spekulationen über eine mögliche Monorchie führte.[49] Er
wurde bis zum 4. Dezember im Vereinslazarett Beelitz (Potsdam) gesund gepflegt
und hielt sich danach zur Pflege in München auf. Später behauptete er, er habe dort
erstmals bemerkt, dass die Kriegsbegeisterung in Deutschland verflogen war.[50]

Am 5. März 1917 kehrte Hitler zu seiner inzwischen nach Vimy verlegten alten
Einheit zurück. Im Frühjahr nahm er an der Schlacht von Arras, im Sommer an der
Dritten Flandernschlacht, ab Ende März 1918 an der deutschen Frühjahrsoffensive
und an der kriegsentscheidenden zweiten Schlacht an der Marne teil.[44] Im Mai
1918 erhielt er ein Regimentsdiplom für hervorragende Tapferkeit und das
Verwundetenabzeichen in Schwarz. Am 4. August erhielt er das Eiserne Kreuz I.
Klasse für einen Meldegang an die Front nach dem Ausfall aller Telefonleitungen.
Der Regimentsadjutant Hugo Gutmann, ein Jude, hatte ihm dafür diese
Auszeichnung versprochen; der Divisionskommandeur genehmigte sie nach zwei
Wochen.[51] Hitler behauptete später, dass er das Eiserne Kreuz I. Klasse im Ersten
Weltkrieg nicht getragen habe, da es dem Juden Gutmann (Hitler: „ein Feigling
sondersgleichen“) ebenfalls verliehen wurde.[52]

Hitler verhielt sich laut Zeitzeugen unterwürfig gegenüber Offizieren. „Den


Vorgesetzten achten, niemandem widersprechen, blindlings sich fügen“, gab er 1924
vor Gericht als seine Maxime an. Er klagte nie über schlechte Behandlung als Soldat
und sonderte sich damit von seinen Kameraden ab. Darum beschimpften sie ihn als
„weißen Raben“,[53] als jemanden, der sich für etwas Besonderes hielt oder eine von
der Mehrheit abweichende Meinung vertrat. Nach ihren Aussagen rauchte und trank
er nicht, redete nie über Freunde und Familie, war nicht an Bordellbesuchen
interessiert und saß oft stundenlang lesend, nachdenkend oder malend in einer Ecke
des Unterstands.[54]

Die Nationalsozialisten Fritz Wiedemann und Max Amann behaupteten nach 1933,
Hitler habe eine militärische Beförderung abgelehnt, für die er als mehrfach
verwundeter Träger des Eisernen Kreuzes beider Klassen in Frage gekommen
wäre.[55] Späteres Lob von Hitlers angeblicher Kameradschaft und Tapferkeit durch
Kriegskameraden gilt als unglaubwürdig, da die NSDAP sie dafür mit
Funktionärsposten und Geld belohnte.[54]

Am 15. Oktober 1918 wurde Hitler bei Wervik in Flandern von Senfgas getroffen,
erblindete vorübergehend infolge einer Kriegshysterie und wurde vom 21. Oktober
bis zum 19. November in der psychiatrischen Abteilung des Reservelazaretts von
Pasewalk behandelt.[56] Dort erfuhr er am 10. November von der
Novemberrevolution und den Waffenstillstandsverhandlungen von Compiègne, was
er zutiefst empört aufnahm. Später (1924) bezeichnete er diese Ereignisse im Sinne
der Dolchstoßlegende als „größte Schandtat des Jahrhunderts“, die ihn zu dem
Entschluss veranlasst habe, Politiker zu werden.[57] Letzteres gilt als unglaubwürdig,
da Hitler damals nahezu mittel- und perspektivlos war, keine Kontakte zu Politikern
hatte und den angeblichen Entschluss bis 1923 nie erwähnte.[58]

Nach Hitlers Feldpostbriefen missbilligte er den spontanen Weihnachtsfrieden 1914.


Am 5. Februar 1915 schilderte er die Kampfhandlungen detailliert und äußerte zum
Schluss, er hoffe auf die endgültige Abrechnung mit den Feinden im Inneren.[59]
Deutsche Kriegsverbrechen wie Brandschatzung und Massenerschießungen zur
Vergeltung angeblicher Sabotage, die 1914 im besetzten Belgien begangen worden
waren, stellte Hitler im September 1941 nach Beginn des Russlandfeldzugs im
Rückblick deutlich übertrieben dar und bezeichnete sie als vorbildliche Methode zur
Partisanenbekämpfung im Osten.[60]

Sebastian Haffner nannte Hitlers Fronterfahrung sein „einziges Bildungserlebnis“.[61]


Ian Kershaw urteilte: „Der Krieg und die Folgen haben Hitler geschaffen.“[62] Da
Hitler sich 1914 erstmals in seinem Leben ganz einer Sache hingegeben habe, dem
Krieg, hätten sich seine schon mitgebrachten Vorurteile und Phobien in der
Erbitterung über die Kriegsniederlage ab 1916 entscheidend verstärkt.[63] Thomas
Weber urteilt dagegen: „Hitlers Zukunft und seine politische Identität waren noch
vollkommen offen und formbar, als er aus dem Krieg zurückkehrte.“[64]
Politischer Aufstieg (1918–1933)
Propagandaredner der Reichswehr

Am 21. November 1918 kehrte Hitler in die Oberwiesenfeldkaserne in München


zurück. Er versuchte, der Demobilisierung des Deutschen Heeres zu entgehen, und
blieb deshalb bis zum 31. März 1920 Soldat. In dieser Zeit formte er sein politisches
Weltbild, entdeckte und erprobte sein demagogisches Redetalent.[65]

Vom 4. Dezember 1918 bis 25. Januar 1919 bewachte Hitler mit 15 weiteren
Soldaten etwa 1000 französische und russische Kriegsgefangene in einem von
Soldatenräten geleiteten Lager in Traunstein. Am 12. Februar wurde er nach
München in die zweite Demobilmachungskompanie versetzt und ließ sich am 15.
Februar zu einem der Vertrauensmänner seines Regiments wählen. Als solcher
arbeitete er mit der Propagandaabteilung der neuen bayerischen Staatsregierung
unter Kurt Eisner (USPD) zusammen und sollte seine Kameraden in Demokratie
schulen. Am 16. Februar nahm er daher mit seinem Regiment an einer
Demonstration des „Revolutionären Arbeiterrates“ in München teil. Am 26. Februar
1919 begleitete Hitler den Trauerzug für den fünf Tage zuvor ermordeten Eisner.[66]

Am 15. April ließ Hitler sich zum Ersatzbataillonsrat der Soldatenräte der Münchner
Räterepublik wählen, die am 7. April ausgerufen worden war. Nach deren
gewaltsamer Niederschlagung Anfang Mai 1919 denunzierte er andere
Vertrauensleute aus dem Bataillonsrat vor einem Standgericht der Münchner
Reichswehrverwaltung als „ärgste und radikalste Hetzer […] für die Räterepublik“,
trug damit zu ihrer Verurteilung bei und erkaufte sich das Wohlwollen der neuen
Machthaber. Später verschwieg er seine vorherige Zusammenarbeit mit den
sozialistischen Soldatenräten.[67] Diese wird meist als Opportunismus oder Beleg
dafür gewertet, dass Hitler bis dahin kein ausgeprägter Antisemit gewesen sein
könne.[68] Anders als andere Angehörige seines Regiments schloss er sich keinem
der gegen die Räterepublik aufgestellten Freikorps an.[69]
Im Mai 1919 traf Hitler erstmals Hauptmann Karl Mayr, den Leiter der
„Aufklärungsabteilung“ im Reichswehrgruppenkommando 4. Dieser rekrutierte ihn
eventuell kurz darauf als V-Mann.[70] Auf Empfehlung seiner Vorgesetzten nahm er
im Sommer 1919 an der Universität München zweimal an „antibolschewistischen
Aufklärungskursen“ für „Propaganda bei der Truppe“ teil.[71] So schulten ihn
erstmals deutschnationale, alldeutsche und antisemitische Akademiker wie Karl
Alexander von Müller, der Hitlers Talent als Redner entdeckte, und Gottfried Feder,
der das Schlagwort von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ geprägt hatte. Durch
die Begegnung mit Feder, so schrieb Hitler während seiner Landsberger
Festungshaft, habe er „den Weg zu einer der wesentlichen Voraussetzungen zur
Gründung einer neuen Partei“ gefunden.[72]

Ab 22. Juli sollte Hitler mit einem 26-köpfigen „Aufklärungskommando“ der Münchner
Garnison angeblich von Bolschewismus und Spartakismus „verseuchte“ Soldaten im
Reichswehrlager Lechfeld propagandistisch umerziehen. Seine Reden weckten
starke Emotionen, auch mit antisemitischen Äußerungen.[73] Mayr stellte ihn im
Frühjahr oder Herbst 1919 Ernst Röhm vor, dem Mitgründer der geheimen
rechtsradikalen Offiziersverbindung „Eiserne Faust“.[74]

Mayrs V-Leute sollten neue politische Parteien und Gruppen in München


überwachen. Dazu besuchte Hitler am 12. September 1919 erstmals eine
Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP). Dort widersprach er heftig der
diskutierten Sezession Bayerns vom Reich. Der Parteivorsitzende Anton Drexler lud
ihn wegen seiner Redegewandtheit zum Parteieintritt ein.[75] Am 16. September
verfasste er im Auftrag Mayrs ein „Gutachten zum Antisemitismus“ für Adolf Gemlich,
einen Teilnehmer der Lechfelder Kurse. Darin betonte er, das Judentum sei eine
Rasse, keine Religion. „Dem Juden“ seien „Religion, Sozialismus, Demokratie […]
nur Mittel zum Zweck, Geld- und Herrschgier zu befriedigen. Sein Wirken wird in
seinen Folgen zur Rassentuberkulose der Völker.“ Daher müsse der „Antisemitismus
der Vernunft“ seine Vorrechte planmäßig und gesetzmäßig bekämpfen und
beseitigen. „Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden
überhaupt sein. Zu beidem ist nur fähig eine Regierung nationaler Kraft […] nur durch
rücksichtslosen Einsatz national gesinnter Führerpersönlichkeiten mit innerlichem
Verantwortungsgefühl.“[76] Mayr stimmte Hitlers Ausführungen weitgehend zu.[77]
Aufstieg zum Führer der NSDAP
Hitlers Mitgliedskarte der DAP (1. Januar 1920)

Am 4. Oktober 1919 bat Hitler Mayr, der DAP beitreten zu dürfen. Am 19. Oktober
beantragte er die Aufnahme[78] und wurde als 55. (nicht wie von ihm behauptet 7.)
Mitglied aufgenommen.[79] Ab Herbst 1919 beeinflusste der antisemitische
Schriftsteller Dietrich Eckart Hitlers Denken, verschaffte ihm Kontakte zum Münchner
Bürgertum und wichtigen Geldgebern, förderte ihn als rechtsradikalen Agitator bei
sozialen Unterschichten und propagierte ihn ab März 1921 als künftigen
charismatischen „Führer“ und Retter der deutschen Nation.[80] Von ihm, der als sein
Mentor galt, übernahm Hitler bis 1923 die Verschwörungstheorie eines angeblichen
Weltjudentums, das sowohl hinter der US-amerikanischen Hochfinanz als auch dem
„Bolschewismus“ stecke.[81]

1920 wurde Hitler „Werbeobmann“ für die DAP. Als diese sich am 24. Februar zur
NSDAP umbenannte, trug er das von ihm, Drexler und Feder verfasste 25-Punkte-
Programm vor.[82] Am 16. März 1920 stellte Eckart ihn in Berlin einigen Initiatoren
des Kapp-Lüttwitz-Putsches vor, der am Folgetag zusammenbrach.[83] Bei einem
weiteren Berlinbesuch 1920 traf Hitler Heinrich Claß (Alldeutscher Verband), der ihn
danach finanziell unterstützte und den Ausbau und die Entschuldung der
Parteizeitung Völkischer Beobachter vorantrieb.[84]

Bei seiner Entlassung aus der Reichswehr (1. April 1920) konnte Hitler von seinen
Redehonoraren leben. Er erreichte damals pro Auftritt 1200 bis 2500 Zuhörer und
warb neue Mitglieder für die NSDAP an, mit der Deutschvölkischer Schutz- und
Trutzbund (DVSTB) und Deutschsozialistische Partei (DSP) damals noch stark
konkurrierten.[85] Er hielt Drexler von einer Vereinigung der NSDAP mit der DSP ab
und setzte am 7./8. August in Salzburg ein Bündnis mit der österreichischen DNSAP
durch, um den alldeutschen Anspruch seiner Partei zu unterstreichen.

In seiner Grundsatzrede Warum sind wir Antisemiten? vom 13. August 1920 erklärte
Hitler erstmals ausführlicher seine Ideologie: Alle Juden seien aufgrund ihres
angeblich unveränderlichen Rassencharakters unfähig zu konstruktiver Arbeit. Sie
seien wesenhaft Parasiten und täten alles zum Erlangen der Weltherrschaft, darunter
(so behauptete er) Rassenmischung, Volksverdummung durch Kunst und Presse,
Förderung des Klassenkampfes bis hin zum Mädchenhandel.[86] Damit machte er
den rassistischen Antisemitismus zum Hauptmerkmal des NSDAP-Programms.

Mit einem langen Regenmantel über dem Anzug, einem „Gangsterhut“, einem
auffällig sichtbaren Revolver und einer Reitpeitsche machte Hitler bei Münchner
Empfängen auf sich aufmerksam. Anhänger beschrieben ihn als „grandiosen
Volksredner“, der „äußerlich irgendwie zwischen Unteroffizier und Handlungsgehilfen,
mit gezierter Unbeholfenheit und zugleich so viel Redegewalt […] vor einem
Massenpublikum“ auftrat.[87] Hitler wandelte die SA von einer „Saalschutztruppe“ in
eine paramilitärische Schläger- und Einschüchterungstruppe der NSDAP um.[88] Er
entwarf Hakenkreuzfahnen und Standarten für Machtdemonstrationen der SA in
Stadt und Land.[89]

Im Juni 1921 war er erneut in Berlin, um Geldmittel für seine Partei zu beschaffen.
Die NSDAP München lud Otto Dickel, ein sozialreformerisches Parteimitglied aus
Augsburg, als Ersatzredner ein und vermittelte ein Treffen am 10. Juli 1921 mit
Nürnberger DSP-Abgesandten, um über eine Fusion zu verhandeln. Hitler, den
vielleicht Hermann Esser informiert hatte, erschien. Als Eckart, Drexler und andere
Dickels Vorschläge zu einer Programmreform begrüßten, verließ er wütend das
Treffen. Am 11. Juli trat er aus der NSDAP aus, vielleicht weil er seine besondere
Stellung in der Partei zu verlieren fürchtete. Am 14. Juli kritisierte er Dickel und
dessen Ansichten in einer ausführlichen Erklärung scharf. Für seinen Wiedereintritt,
den Dietrich Eckart vermittelte, forderte er diktatorische Machtbefugnisse in der
NSDAP. Eine Mitgliederversammlung beschloss am 29. Juli 1921 eine Satzung mit
dem geforderten „diktatorischen Prinzip“, übertrug Hitler die Parteileitung und schloss
Drexler als „Ehrenvorsitzenden“ von den Entscheidungsprozessen aus. Hitlers
Vertrauter Max Amann straffte und zentralisierte die Parteiorganisation. So setzte
Hitler seinen Führungsanspruch durch und verhinderte eine Linkswende der
Partei.[90] Er war jetzt ein lokaler Parteiführer, den viele Nationalisten,
Demokratiegegner und Militaristen unter Intellektuellen, in der Regierung und
Verwaltung Bayerns unterstützten.[91]

Um seinen Einfluss auszudehnen, hielt er seit 1920 einige Reden vor dem Berliner
Nationalklub von 1919 und in Österreich.[92] Durch gezielte Angriffe auf politische
Gegner wollte er öffentlich bekannter werden. Am 14. September 1921 störten er und
seine Anhänger gewaltsam eine Veranstaltung des separatistischen Bayernbunds im
Münchner Löwenbräukeller. Dabei wurde dessen Gründer Otto Ballerstedt schwer
verletzt und zeigte ihn an. Hitler wurde am 12. Januar 1922 wegen
Landfriedensbruchs zu drei Monaten Haft verurteilt. Er verbüßte einen Monat davon;
der Strafrest wurde bis 1926 zur Bewährung ausgesetzt. Beim späteren „Röhm-
Putsch“ (1934) ließ Hitler Ballerstedt ermorden.[93][94]

Manche britische und US-amerikanische Presseartikel schätzten ihn damals als


„potentiell gefährlich“, als Vertreter einer „Armee der Rache“ oder als „deutschen
Mussolini“ ein.[95] Als solchen ließ Hitler sich am 3. November 1922, drei Tage nach
Mussolinis erfolgreichem Marsch auf Rom, von Hermann Esser in München
ausrufen.[96]
Putschversuch
Hitler (4. Person von rechts) mit weiteren Teilnehmern des Hitler-Ludendorff-
Putsches (1924)
→ Hauptartikel: Hitlerputsch

Während des Kapp-Putsches 1920 zwang die Reichswehrführung in Bayern die


Koalitionsregierung Hoffmann zum Rücktritt. Die neue Regierung unter Gustav von
Kahr schlug einen Rechtskurs ein, um aus Bayern die „Ordnungszelle“ des Reiches
zu machen. Sie gewährte vielen militanten Rechtsextremen wie Hermann Ehrhardt
Unterstützung und Unterschlupf.[97] Sie organisierten sich nach der Auflösung der
Freikorps im selben Jahr in bewaffneten „Einwohnerwehren“ und „vaterländischen
Verbänden“, die den Sturz der Weimarer Republik anstrebten. Einige bejahten und
verübten dazu politische Morde oder Fememorde.[98]

Nachdem die Alliierten 1921 die Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren


erzwungen hatten, betraute Kahr Otto Pittinger mit der geheimen Fortführung der
„Wehrarbeit“.[99] Im August 1922 planten Pittinger, der Münchner Polizeipräsident
Ernst Pöhner und Ernst Röhm einen Putsch, ausgehend von einer geplanten
Massenkundgebung der vaterländischen Verbände gegen das Republikschutzgesetz
am 25. August. Diese wurde jedoch kurzfristig verboten, so dass sich nur einige
Tausend Nationalsozialisten versammelten. Hitler, der den Putschplan kannte, soll
darüber vor Wut geschäumt und angekündigt haben, beim nächsten Mal werde er
handeln.[100] Die radikalen Kräfte um Röhm und Ludendorff lehnten Pittingers
monarchistisch-föderalistischen Kurs ab und widerstanden zunehmend seinen
Versuchen zur Einigung der Wehrbewegung. Zwar schloss sich die NSDAP zunächst
der am 9. November 1922 gegründeten „Vereinigung vaterländischer Verbände in
Bayern“ an, nicht jedoch der Bund Oberland und der Bund Wiking.[101] Im Februar
1923, während der Ruhrbesetzung, gründete sich auf Initiative Röhms die
Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, der sich die NSDAP und
SA anschlossen.[102] In ihr übte Hitler maßgeblichen Einfluss aus und definierte als
ihre Ziele: „1. Erringung der politischen Macht, 2. Brutale Säuberung des Vaterlands
von seinen Feinden im Innern, 3. Erziehung der Nation, geistig dem Willen nach,
technisch durch Ausbildung für den Tag, der dem Vaterlande die Freiheit gibt, die
Periode des Novemberverrats beendet und unseren Söhnen und Enkeln wieder ein
deutsches Reich überläßt. […]“ Nachdem mehrere völkische Politiker, darunter Hitler,
wegen Verstößen gegen das Republikschutzgesetz gerichtliche Vorladungen
erhielten, ließ er die Arbeitsgemeinschaft die bayerische Staatsregierung im April
1923 ultimativ auffordern, Haftbefehle gegen „vaterländisch gesinnte Männer
Bayerns ein für allemal“ abzulehnen. Sein Einfluss stieg, als er die SA aus ihrer
Verbindung mit Ehrhardts Organisation löste.

Hitler forderte als Erster eine „nationale Maifeier“.[103] Die traditionelle, behördlich
genehmigte Demonstration der Linksparteien am Ersten Mai 1923 in München ließ
sich jedoch nicht verhindern. Dies schwächte Hitlers Autorität in der NSDAP, so dass
er sich eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückzog.[104] Im Mai 1923 gründete er mit
dem Stoßtrupp Adolf Hitler München aus engsten Vertrauten eine Garde von
Leibwächtern und Schlägern.

Beim „Deutschen Tag“ am 1. und 2. September 1923 in Nürnberg vereinigten Hitler,


Ludendorff und ihre Anhänger den Bund Oberland mit dem Bund Reichskriegsflagge
unter Röhm und der SA zum Deutschen Kampfbund. Dieser forderte eine „nationale
Revolution“, bei der es wegen der Erfahrung vom 1. Mai primär darum gehe, von den
„polizeilichen Machtmittel[n] des Staates“ Besitz zu ergreifen. Am 25. September
übernahm Hitler seine politische Führung.[105] Bei einem durch Ulrich Wille junior
vermittelten Aufenthalt in Zürich im August 1923 redete er vor geladenen Gästen „Zur
Lage in Deutschland“ und erhielt Spenden zwischen 11.000 und 123.000 Franken,
meist in bar und ohne Quittung. Ob die unbekannte Gesamtsumme die
Putschvorbereitung der NSDAP ermöglichte, ist ungeklärt.[106]

Am 26. September ließ der neue Reichskanzler Gustav Stresemann (DVP) den
passiven Widerstand gegen die belgisch-französische Ruhrbesetzung abbrechen.
Daraufhin rief die Regierung Bayerns dort den Ausnahmezustand nach Artikel 48 aus
und übertrug die vollziehende Gewalt im Rang eines „Generalstaatskommissars“ auf
Gustav von Kahr. Er sollte offiziell mit seinen „speziellen Beziehungen“ zu
bayerischen rechtsradikalen Organisationen und seiner bekannten völkisch-
antisemitischen Gesinnung „Dummheiten“ von „irgendeiner Seite“ vorbeugen.[107]
Als eine seiner ersten Maßnahmen ließ er ostjüdische Familien aus Bayern
ausweisen und ihren Besitz konfiszieren.[108]

Ein Artikel mit dem Titel Die Diktatoren Stresemann – Seeckt im Völkischen
Beobachter, der die Reichsregierung scharf angriff, ließ den Konflikt zwischen ihr und
der Regierung Bayerns eskalieren.[109] Reichswehrminister Otto Geßler, der nach
der Verhängung des Ausnahmezustands über das ganze Reich am 27. September
die vollziehende Gewalt innehatte, verbot daraufhin den Völkischen Beobachter.
Kahr und der Kommandeur der Reichswehr in Bayern, Otto von Lossow,
verweigerten diesen Befehl.[110] Am 29. September erklärte Kahr, er werde das
Republikschutzgesetz in Bayern nicht länger vollziehen.

Hitler besuchte am 30. September erstmals die Villa Wahnfried. Der „Bayreuther
Kreis“ um Cosima Wagner unterstützte seinen Putschplan und seinen Anspruch, der
ersehnte nationale „Führer“ zu werden.[111] Er versuchte am 7. Oktober vergeblich,
Lossow und Seißer zum Eintritt in seinen Kampfbund zu bewegen.

Am 20. Oktober setzte Geßler Lossow ab. Kahr ernannte Lossow daraufhin
demonstrativ zum „Landeskommandanten“ und ließ die in Bayern stationierte 7.
Reichswehrdivision auf Bayern vereidigen. Dieser offene Verfassungsbruch war ein
erster Schritt zur Lösung Bayerns vom Reich.[110] Nach dem Austritt der SPD aus
dem Kabinett Stresemann am 2. November 1923 forderte Reichspräsident Friedrich
Ebert am 3. November analog zur Reichsexekution gegen das von Kommunisten
mitregierte Sachsen, Reichswehrtruppen gegen Bayern einzusetzen. Der Chef der
Heeresleitung, Hans von Seeckt, lehnte dies ab, da man nicht über ausreichende
Kräfte verfüge und Reichswehr nicht gegen Reichswehr marschiere.[112] Seeckt
verurteilte zwar den Ungehorsam der bayerischen Reichswehrtruppen, ließ aber
Kahr gegenüber durchblicken, dass er vor allem im Interesse der Einheit des Reiches
an den verfassungsgemäßen Formen festgehalten habe.[113] Zugleich warnte er
Kahr und Lossow, sich nicht zu sehr an den völkischen und nationalen Extremisten
zu orientieren.[112] Seeckt war zudem sowohl von Vertretern der Schwerindustrie
wie Hugo Stinnes als auch zeitweise von Politikern wie Ebert und Stresemann als
möglicher „Notstandskanzler“ einer nationalen Diktatur vorgesehen.[114]

Auch das „bayerische Triumvirat“ Kahr, Lossow und der Chef der Bayerischen
Landespolizei Oberst Hans von Seißer erwog Putschpläne gegen Berlin. In
Absprache mit Kontaktleuten in Norddeutschland hofften sie im Oktober 1923, die
Reichsregierung durch militärischen Druck dazu zu bringen, ein „nationales
Direktorium“ einzusetzen. Lossow sprach bei einem Treffen mit den Führern der
paramilitärischen Verbände am 24. Oktober sogar von einem „Marsch auf Berlin“,
spielte tatsächlich aber vor allem gegenüber dem Deutschen Kampfbund auf Zeit.
Anfang November herrschte indes noch völlige Unklarheit über die etwaige
Zusammensetzung des Direktoriums. Während Kahr als Reichspräsident im
Gespräch war, wären Hitler und Ludendorff, die ein Direktorium unter ihrer Führung
in München wollten, in keinem Fall daran beteiligt worden. Am 3. November stellte
Seeckt freilich gegenüber Seißer fest, nichts gegen die rechtmäßige Regierung
unternehmen zu wollen.[115]

Nach dem 3. November warnte Kahr alle Führer „vaterländischer Verbände“ vor
eigenmächtigen Aktionen und lehnte ein Treffen mit Hitler ab. Dieser fürchtete Kahrs
Einigung mit der Reichsregierung und verabredete daher am 7. November mit den
anderen Kampfbundführern den baldigen Putsch.[116] Am Abend des 8. November
ließ er eine Versammlung von etwa 3000 Anhängern Kahrs im Münchner
Bürgerbräukeller von seinem Kampfbund umstellen, verschaffte sich mit
Waffengewalt Zutritt, rief die „nationale Revolution“ aus und zwang Kahr, Seißer und
Lossow mit vorgehaltener Pistole, einer „provisorischen deutschen
Nationalregierung“ unter seiner Führung zuzustimmen. Er ließ alle anwesenden
Mitglieder der Landesregierung Bayerns festsetzen und ernannte Ludendorff zum
Oberbefehlshaber der Reichswehr. Dieser ließ das Triumvirat frei, das die erpresste
Zustimmung einige Stunden später widerrief und die Niederschlagung des Putsches
vorzubereiten begann.[117] SA und Bund Oberland nahmen zahlreiche wirkliche
oder vermeintliche Münchner Juden, deren Namen und Adressen aus
Telefonbüchern entnommen waren, als Geiseln fest.[118] Obwohl der Münchner
Kompaniechef Eduard Dietl, frühes DAP-Mitglied und Ausbilder der SA, und der
Offiziersnachwuchs Befehle verweigerten, gegen die Putschisten vorzugehen,[119]
konnten die von Ernst Röhm geführten Kampfbundverbände in der Nacht zum 9.
November die meisten Münchner Kasernen, den Bahnhof und wichtige
Regierungsgebäude nicht besetzen.[120] Daraufhin versuchten Hitler und Ludendorff
mit einem Marsch von bis zu 4000 teilweise bewaffneten NSDAP-Anhängern, den
Umsturz in München zu erzwingen. Die Landespolizei unter Seißer stoppte diesen
Marsch nahe der Feldherrnhalle. In einem kurzen Feuergefecht starben 16
Putschisten und vier Polizisten. Der bei einem Sturz verletzte Hitler floh und wurde
am 11. November im Haus Ernst Hanfstaengls am Staffelsee verhaftet.[121] Die
schon in neun deutschen Ländern verbotene NSDAP wurde ebenfalls in Bayern und
am 23. November reichsweit verboten.[122]
Ebert hatte Seeckt trotz dessen Befehlsverweigerung noch am 8. November 1923
den Oberbefehl über die Reichswehr übertragen, damit dieser die bayerische
Reichswehr zum Vorgehen gegen die Putschisten bewegen konnte. So bewirkte
Hitlers und Ludendorffs Alleingang den Zusammenhalt der 7. Division mit der übrigen
Reichswehr, durchkreuzte und diskreditierte die Putschpläne von Kahr und Seeckt.
Hitler lernte daraus, dass er die Macht „nicht in totaler Konfrontation mit dem
Staatsapparat, sondern nur im kalkulierten Zusammenspiel mit ihm“ erreichen konnte
und dazu den „Schein der Legalität“ wahren musste.[123]

Der dilettantisch inszenierte, gescheiterte Putschversuch wurde ab 1933 zum


Triumph umgedeutet und jährlich als heroische Tat mit dem Gedenken an die
„Blutzeugen der Bewegung“ gefeiert.[124]
Prozess und Festungshaft
→ Hauptartikel: Hitler-Prozess

Ab 26. Februar 1924 fand vor dem bayerischen Volksgericht, nicht vor dem
zuständigen Reichsgericht in Leipzig, ein Prozess gegen zehn Putschteilnehmer
statt. Ein Verhörprotokoll entlastete Ludendorff trotz seiner monatelangen aktiven
Putschvorbereitung: Er habe nichts vom Putschplan gewusst.[125] Hitler stellte sich
scheinbar mutig von Beginn an als treibende Kraft des Putschplans dar, bestritt den
Vorwurf des Hochverrats und behauptete, die „Novemberverbrecher“ von 1918 seien
die eigentlichen Verräter. Damit folgte er dem Angebot des Vorsitzenden Richters
Georg Neithardt für ein mildes Urteil, falls er die Putschpläne der als Zeugen
geladenen Kahr, Lossow und Seißer verschweige. Die Geiselnahmen und die Tötung
der vier Polizisten wurden nicht angeklagt und nicht verhandelt. Die
„Justizkomödie“[126] endete mit Freispruch für Ludendorff und milden Strafen gegen
fünf Mitangeklagte wegen Beihilfe zum Hochverrat.

Richter Neithardt, der 1922 schon den ersten Prozess gegen Hitler geführt hatte und
daher wusste, dass die damalige Haftstrafe noch zur Bewährung ausgesetzt war,
verurteilte Hitler in einem Akt der Rechtsbeugung lediglich zur Mindeststrafe von fünf
Jahren Festungshaft und einer Geldbuße von 200 Goldmark.[127][94] Zudem
verweigerte das Gericht seine nach dem Republikschutzgesetz vorgeschriebene
Ausweisung als straffällig gewordener Ausländer, da er eine „ehrenhafte Gesinnung“
habe, deutsch denke und fühle, viereinhalb Jahre freiwillig im deutschen Heer Soldat
gewesen und dabei verwundet worden sei.[128] Staatsanwalt Ludwig Stenglein
widersprach Hitlers vorzeitiger Entlassung: Künftiges Wohlverhalten sei wegen seiner
Verstöße gegen Haftauflagen (Briefschmuggel, Abfassen von Mein Kampf u. a.) nicht
zu erwarten.[129] Dennoch wurde er wegen angeblich guter Führung nach weniger
als neun Monaten Haft in der Festung Landsberg am 20. Dezember 1924 entlassen.
Bis zum Prozess hatte Hitler sich eher als „Trommler“ der völkischen Bewegung
gesehen, der den Weg für einen anderen „Retter Deutschlands“ wie vielleicht
Ludendorff frei machen sollte. Durch die Prozessberichte wurde er auch im Norden
Deutschlands als radikalster „völkischer“ Politiker bekannt. Seine Anhänger verehrten
ihn als Helden und Märtyrer für die nationale Sache. Das stärkte seine Stellung in der
NSDAP und sein Ansehen bei anderen Nationalisten. Wegen dieser Zustimmung,
des Propagandaerfolgs seiner Verteidigung, seiner Reflexion beim Abfassen von
Mein Kampf und des Zerfalls der NSDAP während seiner Haft sah Hitler sich selbst
in der Rolle des großen, von vielen erhofften Führers und Retters Deutschlands. Er
wollte die NSDAP nach seiner Entlassung als straff organisierte, von anderen
Parteien unabhängige Führerpartei neu aufbauen.[130]
Ideologie
→ Hauptartikel: Mein Kampf
Einladung zu einer NSDAP-Veranstaltung in München, April 1923: „Es wird sprechen
unser Führer Pg. Adolf Hitler“ (20. April 1923)

Hitler schrieb in seiner Haftzeit 1923/24 weitgehend ohne fremde Hilfe den ersten
Teil seiner Programmschrift Mein Kampf. Eine Autobiografie oder einen Ersatz für
das 25-Punkte-Programm beabsichtigte er nicht.[131] Er entfaltete hier seinen seit
Sommer 1919 vertretenen Rasse-Antisemitismus mit dem politischen Ziel einer
„Entfernung der Juden überhaupt“. Zentralidee war ein Rassenkampf, der die
Geschichte der Menschheit bestimme und in dem sich zwangsläufig das „Recht des
Stärkeren“ durchsetze.[132] Er verstand die „arische Rasse“ der weißen
Nordeuropäer, vor allem der Deutschen, als die stärkste, zur Weltherrschaft
bestimmte Rasse. Als ihren welthistorischen Todfeind sah er die Juden: Diese
strebten ebenfalls die Weltherrschaft an, sodass es zu einem apokalyptischen
Endkampf mit ihnen kommen müsse.[133] Denn da sie keine eigene Kraft und Nation
besäßen, trachteten sie, als „Parasit im Körper anderer Völker“, alle anderen Rassen
zu vernichten.[134] Da dieses Streben in ihrer Rasse angelegt sei, könnten die Arier
ihre Rasse nur durch Vernichtung der Juden bewahren. Im letzten Kapitel des
zweiten Bandes von Mein Kampf schrieb er über deutsche Juden: „Hätte man zu
Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser
hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer
allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde
erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen.
Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätten vielleicht
einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben
gerettet.“[135] Das belegt Hitlers Bereitschaft zum Völkermord, nicht dessen
Planung.[136]

Die programmatische Eroberung von Lebensraum im Osten zielte auf „Vernichtung


des ‚jüdischen Bolschewismus‘“, wie er das System der Sowjetunion nannte,[137]
und die „rücksichtslose Germanisierung“ osteuropäischer Gebiete. Gemeint war das
Ansiedeln von Deutschen und Vertreiben („Aussiedlung“), Vernichten oder
Versklaven der dortigen Bevölkerung.[138] Eine kulturell-sprachliche Assimilation
lehnte er als „Bastardisierung“ und letztlich Selbstvernichtung der eigenen Rasse
strikt ab.[139] Damit hatte er, so Kershaw, „eine feste gedankliche Brücke zwischen
der ‚Judenvernichtung‘ und einem auf den Erwerb von ‚Lebensraum‘ gerichteten
Krieg gegen Rußland hergestellt“.[140] Auf dieser ideologischen Basis sollte
Osteuropa bis zum Ural „als Ergänzungs- und Siedlungsraum“ für das
nationalsozialistische Deutsche Reich gewaltsam erschlossen werden.[141] Hitlers
Lebensraumidee knüpfte an Karl Haushofers Theorien zur Geopolitik an und überbot
sie, indem er die Eroberung Osteuropas zum primären Kriegsziel der NSDAP und
zum Mittel für dauerhafte ökonomische Autarkie und Hegemonie Deutschlands in
einem gründlich neugeordneten Europa erhob.[142]

Aus Hitlers Rassismus folgte seine Abwertung alles „Schwachen“ als minderwertiges
Leben ohne Lebensrecht: „Der Stärkere hat zu herrschen und sich nicht mit dem
Schwächeren zu verschmelzen, um so die eigene Größe zu opfern.“[143] Nach
außen wertete er die Slawen als „minderwertige Rasse“ ab, die zu Staatenbildung
unfähig und darum künftig von höherwertigen Germanen zu beherrschen sei.[144]
Nach innen forderte er etwa eine Zwangssterilisation von zeugungsfähigen
Erbkranken, Menschenzucht und „Euthanasie“.[145] So sagte er auf dem Nürnberger
NSDAP-Parteitag 1929: „Würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen
und 700.000 bis 800.000 der Schwächsten beseitigt, dann würde am Ende das
Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein.“[146] Diese Ideen gehen auf
Vertreter der deutschsprachigen Rassenhygiene wie Alfred Ploetz und Wilhelm
Schallmayer zurück.[147] Sie betrafen vor allem Menschen mit Behinderungen.
Hitlers Vorstellung des „Artfremden“, „Asozialen“ oder „Entarteten“ betraf auch in
Mein Kampf ungenannte Gruppen, etwa „Zigeuner“ (gemeint: Roma und
Jenische),[148] Homosexuelle[149] und christliche Pazifisten wie die Bibelforscher,
die Hitler als idealistisch verirrte und darum politisch gefährliche Verweigerer des
notwendigen Überlebenskampfs abwertete.[150] Ab 1933 ermordeten die
Nationalsozialisten viele Mitglieder dieser Gruppen.

Gegen Demokratie, Gewaltenteilung, Parlamentarismus und Pluralismus setzte Hitler


ein unbeschränktes Führerprinzip: Alle Autorität in Partei und Staat sollte von einem
nicht gewählten, nur per Akklamation bestätigten „Führer des Volkes“ ausgehen.
Dieser sollte die ihm untergeordnete Führerebene ernennen, diese wiederum die
nächsttiefere Ebene. Die jeweilige „Gefolgschaft“ sollte blind und bedingungslos
gehorchen. Diese Führeridee war seit 1800 im modernen Nationalismus entstanden
und seit 1900 als Sehnsucht nach einem „Volkskaiser“ oder einem autoritären,
kriegerischen Reichskanzler wie Otto von Bismarck im demokratiefeindlichen Lager
Allgemeingut geworden. Hitler hatte sie in Linz als Kult um Georg von Schönerer
kennengelernt und in Wien die Wirkung antisemitischer Volksreden Karl Luegers
erlebt, den er nun als Vorbild eines „Volkstribuns“ hervorhob. Dem Führerprinzip
entsprach die paramilitärische Organisation der NSDAP.[151] Er reklamierte die
Rolle des nationalen Führers ab November 1922 nach Mussolinis erfolgreichem
Marsch auf Rom für sich und übernahm den damit verbundenen „Führerkult“ und ein
voluntaristisches Politikverständnis aus dem italienischen Faschismus.[152]
Demgemäß behauptete er, er habe seine Ideologie in Wien bis 1913 als Autodidakt
erworben und dieses „granitene Fundament“ seines Handelns seither kaum
verändert.[153] Schönerer und Lueger hätten ihm zwar die Augen für die
„Judenfrage“ geöffnet und ihn gelehrt, die Juden in allen Varianten als fremdes Volk
zu betrachten; aber durch eigenes Forschen habe er die Identität von Marxismus und
Judentum erkannt und so seinen instinktiven Hass bis 1909 zu einer
„Weltanschauung“ verdichtet.[154]

Hitler blieb trotz Ablehnung der Amtskirchen, die er als Konkurrenz auf ideologischer
und organisatorischer Ebene sich unterzuordnen suchte, zeitlebens Mitglied der
römisch-katholischen Kirche. Rhetorisch bekannte er sich zu einem persönlichen
Gott, den er als „Allmächtigen“ oder „Vorsehung“ bezeichnete und als in der
Geschichte wirksame Macht verstand. Er habe das deutsche Volk geschaffen, zur
Herrschaft über die Völker bestimmt und Einzelpersonen wie ihn selbst zu seinen
Führern auserwählt. Damit übertrug er die biblische Erwählung des Volkes Israel auf
das Deutschtum und integrierte sie in das rassistische Weltbild des
Nationalsozialismus. Für dieses beanspruchte er in der Politik einzige und totale
Geltung.[155] Gemäß dem NSDAP-Programm, das ein überkonfessionelles
„positives Christentum“ gegen den „jüdisch-materialistischen Geist“ im Rahmen des
„Sittlichkeits- und Moralgefühls der germanischen Rasse“ bejahte, erklärte Hitler den
politischen Antisemitismus zum Willen Gottes und sich zu dessen Vollstrecker: „So
glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich
des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Diesen
„Erlösungsantisemitismus“ behielt er bis zu seinem Suizid unverändert bei und hob
ihn immer wieder als Kern seines Denkens hervor.[156] Aus dem Scheitern der „Los-
von-Rom“-Bewegung Schönerers folgerte er: Der Nationalsozialismus müsse beide
Großkirchen und ihre Lehren als „wertvolle Stützen für den Bestand unseres Volkes“
respektieren, schützen und konfessionelle Parteipolitik bekämpfen. Gläubige
Protestanten und Katholiken könnten ohne Gewissenskonflikte in der NSDAP
mitwirken. Schönerers Kampf gegen die Kirche habe die Volksseele missachtet und
sei taktisch falsch gewesen, ebenso Luegers Judenmission, statt eine Lösung für die
„Lebensfrage der Menschheit“ anzustreben.[157] Als Einfluss nach 1918 lobte er nur
Gottfried Feder.[158]

Da Hitler fast alle seiner Ideen aus dem Antisemitismus, dem Sozialdarwinismus und
pseudowissenschaftlichen Biologismus des 19. und 20. Jahrhunderts übernahm, wird
seine Ideologie und sein Aufstieg nicht als Ausnahme, sondern Bestandteil und
Ergebnis dieser Strömungen eingestuft.[159] So war die Gleichsetzung von
Sozialdemokraten, Marxisten und Juden in Österreich-Ungarn bei Christsozialen,
Deutschnationalen und böhmischen nationalen Sozialisten seit den 1870er Jahren
üblich.[160] Viele Einzelmotive seiner frühen Vorträge wie das angebliche
Nomadentum der Juden und ihre angebliche Unfähigkeit zu Kunst, Kultur und
Staatenbildung entnahm Hitler aus vielfach neu aufgelegten Schriften deutscher
Antisemiten, die er 1919/20 vom Münchner Nationalsozialisten Friedrich Krohn
ausgeliehen haben kann. Darunter waren H. Naudh (Die Juden und der deutsche
Staat, 12. Auflage 1891), Eugen Dühring (Die Judenfrage als Frage des
Racencharakters, 5. Auflage 1901), Theodor Fritsch (Handbuch zur Judenfrage, 27.
Auflage 1910), Houston Stewart Chamberlain (Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts,
1899), Ludwig Wilser (Die Germanen, 1913), Adolf Wahrmund (Das Gesetz des
Nomadentums und die heutige Judenherrschaft, München 1919) und die deutsche
Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion, die Ludwig Müller von Hausen
1919 veröffentlicht hatte.[161] Hitler benutzte die „Protokolle“ wie vor ihm Feder[162]
als Beweis für die angebliche „jüdische Weltverschwörung“.[163]

Der erste Band von Mein Kampf wurde von 1925 bis 1932 etwa 300.000 Mal verkauft
und durch viele Rezensionen in öffentlichen Konflikten weithin bekannt.[164]
Beachtet wurden davon jedoch fast nur Hitlers außen- und parteipolitische Ziele,
nicht seine Rassentheorie.[165] Fast kein führender Politiker des Auslands las das
Buch.[166] Der 1926 erschienene zweite Band Die nationalsozialistische Bewegung
führte Hitlers Vorstellungen zur Außenpolitik, Aufgabe und Struktur der NSDAP
genauer aus und wurde noch weniger beachtet. Hitlers Zweites Buch von 1928 führte
seinen Antisemitismus, Rassismus und seine bevölkerungspolitischen Pläne näher
aus, blieb aber unveröffentlicht.

Um die Nationalsozialisten als unglaubwürdige Heuchler zu entlarven, betonten


politische Gegner den Widerspruch von Hitlers Rassenideal zu seinem Aussehen. So
zitierte Fritz Gerlich in der katholischen Zeitung Der gerade Weg 1932 ein
„Gutachten“ des „Rassenhygienikers“ Max von Gruber von 1923 („Gesicht und Kopf
schlechte Rasse, Mischling …“) und kam anhand der Rasse-Kriterien von Hans F. K.
Günther zu dem Ergebnis, Hitler gehöre einer „ostisch-mongolischen
Rassemischung“ an.[167] Gerlich wurde vor allem wegen dieser Kritik 1934
ermordet. Auch Kurt Tucholsky bezeichnete Hilter 1932 als „hergelaufenen
Mongolenwenzel“.[168] Die Kritik an Hitlerkult und NS-Ideologie lebte nach 1933 als
lebensgefährlicher Flüsterwitz fort: „Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie
Göring und keusch wie Röhm.“[169]
Neugründung und erste Erfolge der NSDAP
→ Hauptartikel: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
Einladung zu einer Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller am 27. Februar
1925, einen Tag nach der Neugründung der NSDAP

Am 4. Januar 1925 versprach Hitler Bayerns Ministerpräsidenten Heinrich Held, er


werde nur noch auf legale Weise Politik machen und der Regierung im Kampf gegen
den Kommunismus helfen. Daraufhin hob Held das NSDAP-Verbot zum 16. Februar
1925 auf. Mit einem Leitartikel im Völkischen Beobachter gründete Hitler am 26.
Februar die NSDAP unter seiner Führung neu. Damit seine Parteizentrale die
Aufnahme kontrollieren konnte, mussten alle bisherigen Mitglieder einen neuen
Mitgliedsausweis beantragen. Zugleich appellierte er an die Einigkeit der völkischen
Bewegung im Kampf gegen Judentum und Marxismus, nicht gegen den in Bayern
starken Katholizismus. Damit grenzte er sich gegen Ludendorff ab, der den Vorsitz
der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung am 12. Februar niedergelegt und so
deren Auflösung eingeleitet hatte. Hitler erreichte, dass die während des NSDAP-
Verbots entstandenen konkurrierenden Splittergruppen Großdeutsche
Volksgemeinschaft, „Deutsche Partei“, „Völkisch-Sozialer Block“ und die
Deutschvölkische Freiheitspartei wieder oder neu in die NSDAP eintraten. Die SA
ließ er nur noch als Hilfstruppe der NSDAP, nicht mehr als eigenständige
paramilitärische Organisation zu, sodass Ernst Röhm ihre Führung abgab.[170]

Hitler verfügte über einen von Jakob Werlin geliehenen schwarzen Mercedes, einen
eigenen Chauffeur und eine Leibgarde, mit der er zu seinen Auftritten fuhr. Er
inszenierte diese fortan bis in jedes Detail hinein, indem er den Zeitpunkt seiner
Ankunft, sein Betreten des Veranstaltungsraums, der Rednerbühne, seine Kleidung
für die beabsichtigte Wirkung auswählte und seine Rhetorik und Mimik einstudierte.
Auf Parteiversammlungen trug er eine hellbraune Uniform mit einer
Hakenkreuzbinde, einen Gürtel, einen Lederriemen über der rechten Schulter und
kniehohe Lederstiefel. Vor einem größeren Publikum trug er einen schwarzen Anzug
mit weißem Hemd und Krawatte, „wenn es angemessen erschien, […] einen weniger
martialischen, respektableren Hitler vorzuführen“.[171] Mit seinem oft getragenen
blauen Anzug, Lederhosen, Regenmantel, Filzhut und Reitpeitsche wirkte er
dagegen wie ein „exzentrischer Gangster“. In der Freizeit trug er am liebsten
traditionelle bayerische Lederhosen. Im Hochsommer vermied er es, in Badehose
gesehen zu werden, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.[172]

Hitler betrieb erfolgreich zunächst die deutschlandweite Ausdehnung der NSDAP


durch Gründung neuer Orts- und Regionalgruppen, für die er „Gauleiter“ ernannte.
Regionale Redeverbote behinderten diese Arbeit kaum. Er beauftragte Gregor
Strasser im März 1925 mit dem Aufbau der NSDAP in Nord- und Westdeutschland.
Strasser bildete dort bis September 1925 einen eigenen Parteiflügel, der gegenüber
Hitlers Münchner Parteizentrale stärker sozialistische Ziele, einen
sozialrevolutionären Kurs sowie eine außenpolitische Zusammenarbeit mit der
Sowjetunion befürwortete. Strassers Entwurf eines neuen Parteiprogramms verlangte
eine Bodenreform, die Enteignung von Aktiengesellschaften und auch eine
Beteiligung der NSDAP am Volksbegehren zur Fürstenenteignung. Hitler ließ ihn
zunächst gewähren, gewann aber Strassers Anhänger Joseph Goebbels als
Unterstützer seines Kurses und seiner Führerrolle. Im Februar 1926 setzte er gegen
Strassers Flügel die Ablehnung des neuen Programmentwurfs und damit auch
dessen Forderung einer Fürstenenteignung als Form eines „jüdischen
Ausbeutungssystem[s]“ durch. Hitler untersagte jede Diskussion über das
Parteiprogramm (von 1920).[173] Im Sommer 1926 führte die NSDAP den Hitlergruß
ein und machte so den Hitlerkult zu ihrem zentralen Merkmal.[174] Hitler beherrschte
die Partei damals ähnlich wie ab 1933, indem er Streit und Rivalitäten zunächst
zuließ und dann die Entscheidung an sich zog. So wurde die persönliche Bindung an
den „Führer“ entscheidend für den Einfluss, den ein Funktionär in der Partei hatte,
und Hitler wurde in der NSDAP fast unangreifbar.[175]
Hitler posiert als Redner im Atelier seines Fotografen Heinrich Hoffmann.
Propagandapostkarte vom August 1927

Seit seinem Legalitätsversprechen wollte Hitler die Demokratie mit ihren eigenen
Waffen schlagen und untergraben. Die NSDAP sollte in die Parlamente einziehen,
ohne dort konstruktiv mitzuarbeiten. Zudem sollte die SA mit spektakulären
Aufmärschen, Straßenschlachten und Krawallen öffentliche Beachtung der Partei
und ihres Führers erzeugen und zugleich die Schwäche des demokratischen
Systems offenbaren. Dazu bediente sich die NSDAP der damals völlig neuen
Methoden der Werbung und Massenbeeinflussung (→ NS-Propaganda).
Grundlegend für deren Erfolg war Hitlers massenwirksame Rhetorik. Er griff
tagespolitische Themen auf, um regelmäßig und gezielt von der „Schuld der
Novemberverbrecher von 1918“, ihrem „Dolchstoß“, der „bolschewistischen Gefahr“,
der „Schmach von Versailles“, dem „parlamentarischen Wahnsinn“ und der Wurzel
allen Übels zu reden: „den Juden“. Mit seiner Ruhrkampagne und der Broschüre Der
Weg zum Wiederaufstieg versuchte er, die Unterstützung der Ruhrindustrie zu
gewinnen. Bei der Reichstagswahl 1928 blieb die NSDAP mit 2,6 Prozent der
Stimmen jedoch „eine unbedeutende, wenn auch lautstarke Splitterpartei“.[176] Die
stabilisierten wirtschaftlichen Verhältnisse und der anhaltende
Wirtschaftsaufschwung („Goldene Zwanziger“) boten radikalen Parteien bis 1929
kaum Ansätze für ihre Agitation.

Der 1929 von NSDAP und DNVP gemeinsam initiierte Volksentscheid gegen den
Young-Plan, der die offenen Reparationsfragen zwischen Deutschland und seinen
ehemaligen Kriegsgegnern regeln sollte, scheiterte zwar. Aber Hitler und seine Partei
erhielten bei den Landtagswahlen in Thüringen im Herbst 1929 erstmals erhebliche
Zustimmung im nationalistisch-konservativen Bürgertum. Auch das Presseimperium
des DNVP-Vorsitzenden Alfred Hugenberg unterstützte Hitler fortan, weil er in ihm
und der NSDAP lenkbare Mittel sah, den deutschnationalen Kräften zu einer
Massenbasis zu verhelfen.

Infolge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise zerbrach in Deutschland am 27.


März 1930 die Weimarer Koalition. Dem Reichskanzler Hermann Müller (SPD), der
noch eine demokratisch gesinnte Reichstagsmehrheit hatte, und dem ersten
Präsidialkabinett von Heinrich Brüning (Zentrum) folgte die Reichstagswahl 1930:
Dabei steigerte die NSDAP ihren Stimmenanteil auf 18,3 Prozent und ihre
Reichstagssitze von 12 auf 107 Abgeordnete. Damit war sie als zweitstärkste Partei
ein relevanter Machtfaktor in der deutschen Politik geworden.

Im Ulmer Reichswehrprozess schwor Hitler als Zeuge der Verteidigung am 25.


September 1930, er werde seine „ideellen Ziele unter keinen Umständen mit
ungesetzlichen Mitteln erstreben“ und Parteigenossen, die sich nicht an diese
Vorgabe hielten, ausschließen. Dann drohte er: „Wenn unsere Bewegung in ihrem
legalen Kampf siegt, wird ein deutscher Staatsgerichtshof kommen; und der
November 1918 wird seine Sühne finden, und es werden Köpfe rollen.“[177] Bei
einer Zeugenvernehmung deckte Rechtsanwalt Hans Litten 1931 auf, dass Hitler
weiterhin NS-Propaganda für einen gewaltsamen Umsturz zugelassen und somit
seinen Legalitätseid gebrochen hatte. Hitler wurde wegen Meineides angezeigt.[178]
Obwohl genügend Beweise vorlagen, um ihn auszuweisen, wurde das Verfahren
verschleppt und eingestellt.[179]

Währenddessen versuchte Kanzler Brüning, Hitler zur Zusammenarbeit zu bewegen


und bot ihm eine Regierungsbeteiligung an, sobald er, Brüning, die Reparationsfrage
gelöst habe. Hitler lehnte ab, sodass Brüning sein Minderheitskabinett von der SPD
tolerieren lassen musste.[180]
Weg zur Kanzlerschaft
Kandidatenplakate vor einem Berliner Wahllokal am zweiten Wahltag, dem 10. April
1932: Hindenburg, Hitler, Thälmann, noch mal Thälmann, Hindenburg und Hitler

Seit 1931 wurde Reichspräsident Hindenburg von Unterschriftenlisten und Eingaben


für Hitlers Reichskanzlerschaft „geradezu überschwemmt“.[181] Er lud Hitler und
Hermann Göring zu einem ersten Gespräch am 10. Oktober 1931 ein, dem Vortag
des Treffens der „Harzburger Front“. Laut Hitlerbiograf Konrad Heiden hielt Hitler
dabei Monologe, statt Hindenburgs Fragen zu beantworten. Dieser soll daraufhin
gesagt haben, der „böhmische Gefreite“ (Hindenburg verwechselte hier das
österreichische Braunau mit der gleichnamigen böhmischen Stadt, tschechisch
Broumov) könne „höchstens Postminister“ werden.[182] Hitler beeindruckte ihn zwar,
überzeugte ihn dennoch nicht von seiner Eignung für das Kanzleramt.[183]

Im Krisenjahr 1932 wirkten die konservativen Politiker Franz von Papen, Kurt von
Schleicher, Alfred Hugenberg und Oskar von Hindenburg mit verschiedenen
persönlichen Zielen teils mit-, teils gegeneinander auf Hindenburg ein. Sie alle
wollten die Weimarer Demokratie durch eine autoritäre Staatsform ersetzen und
lehnten Hitler und seine Partei zunächst als „plebejisch“ ab. Weil sie kaum Rückhalt
in der Bevölkerung erhielten, betrachteten und förderten sie die NSDAP oder einen
ihrer Flügel zunehmend als die für ihre Vorhaben benötigte Massenbasis und setzten
sich bei Hindenburg für deren Machtbeteiligung ein.
2. Wahlgang zum Reichspräsidenten

Um bei der Reichspräsidentenwahl 1932 gegen Hindenburg antreten zu können,


musste Hitler, der seit dem 30. April 1925 Staatenloser war,[184] nach § 1 Reichs-
und Staatsangehörigkeitsgesetz Staatsangehöriger eines Bundesstaates und somit
Deutscher werden (siehe Einbürgerung Adolf Hitlers). Als wegen Hochverrats
Vorbestrafter strebte er die nach § 14 Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz
mögliche „Anstellung im unmittelbaren oder mittelbaren Staatsdienst“ an, die „für
einen Ausländer als Einbürgerung […]“ galt, um die zu erwartenden Bedenken eines
Bundesstaats gegen seine Einbürgerung zu umgehen. Nach mehreren erfolglosen
Anläufen berief ihn der Innenminister im Freistaat Braunschweig Dietrich Klagges
(NSDAP) am 25. Februar 1932, drei Tage nach Bekanntgabe seiner Kandidatur, zum
Braunschweiger Regierungsrat.[185] Hitler trat seinen vorgesehenen Dienst aber nie
an, sondern erhielt sofort Urlaub für den Wahlkampf und beantragte später
unbefristeten Urlaub für seine künftigen „politischen Kämpfe“. Er wurde erst als
Reichskanzler am 16. Februar 1933 aus dem braunschweigischen Staatsdienst
entlassen.[186]

Hindenburg erhielt im zweiten Wahlgang am 10. April 1932 53, Hitler 36,8 Prozent
der abgegebenen Stimmen. Viele SPD-Wähler hatten auf Rat Brünings für
Hindenburg als „kleineres Übel“ gestimmt, um Hitlers Sieg und damit das Ende der
Weimarer Demokratie zu verhindern. Der wiedergewählte Hindenburg entließ
Brüning jedoch am 29. Mai, ernannte Franz von Papen zum neuen Reichskanzler
und löste den Reichstag auf.[187]

Die NSDAP nutzte alle für 1932 vorgesehenen Landes- und Reichswahlen zu
ständiger Agitation. Hitler engagierte den Opernsänger Paul Devrient als
Stimmtrainer und Wahlkampfbegleiter[188] und ließ sich von April bis November
1932 zu 148 Großkundgebungen einfliegen, die durchschnittlich 20.000 bis 30.000
Menschen besuchten. Die NS-Propaganda inszenierte ihn dabei als über den
sozialen Klassen stehenden Heilsbringer („Hitler über Deutschland“). Er wurde in der
Bevölkerung bekannter als jeder andere Kandidat vor ihm. Bei provokativen NSDAP-
Aufmärschen starben in diesem Wahlkampf Dutzende Menschen gewaltsam. Der
„Altonaer Blutsonntag“ (17. Juli) etwa bot von Papens Regierung den Anlass, die
verfassungsgemäß geschäftsführend amtierende Landesregierung Preußens durch
eine Notverordnung abzusetzen (Preußenschlag, 20. Juli).[189]

Bei der Reichstagswahl vom Juli 1932 wurde die NSDAP mit 37,3 Prozent stärkste
Partei. Hitler beanspruchte das Kanzleramt. Bei der zweiten Reichstagssitzung am
12. September löste Hindenburg den Reichstag infolge von Tumulten um seine
Notverordnungen wieder auf. Bei der Reichstagswahl November 1932 wurde die
NSDAP trotz Stimmenverlusten mit 33,1 Prozent erneut stärkste Partei; die KPD
gewann ebenfalls Sitze dazu, sodass die demokratischen Parteien keine
parlamentarische Mehrheit mehr stellen konnten. Daraufhin trat von Papen zurück
und schlug Hindenburg vor, ihn per Notverordnung zum Diktator zu ernennen.

Viele forderten stattdessen Hitler als Kanzler, darunter nationalkonservative


Unternehmer mit der von Hjalmar Schacht organisierten Industrielleneingabe.[190]
Diese „nationalkonservativen Kräfte in Wirtschaft, Militär und Bürokratie“ strebten die
„autoritäre (monarchistische) Umgestaltung des Staates“, die „dauerhafte
Ausschaltung von KPD, SPD und Gewerkschaften“, den „Abbau der steuerlichen und
sozialstaatlichen Belastungen der Wirtschaft“, die „schnelle Überwindung des
Versailler Vertrages“ und die „Aufrüstung“ an. Sie glaubten, ihre Ziele nur gestützt auf
die nationalsozialistische Massenbewegung erreichen zu können. Für sie
unerwünschte Teile von Hitlers Programm (Führerdiktatur statt Monarchie,
Berücksichtigung von Arbeiterinteressen) wollten diese Eliten durch die „Einrahmung“
Hitlers und die „Zähmung“ seiner Politik abschwächen. Dazu erschien ihnen von
Papen als geeigneter Bündnispartner, da er „nach wie vor das volle Vertrauen
Hindenburgs besaß und als Einziger in der Lage war, dessen Misstrauen gegenüber
Hitler zu zerstreuen“.[191] Ihre Initiative vom 19. November hatte zunächst keinen
Erfolg.

Hitler hatte Kapitalismuskritik in der NSDAP früh dem Antisemitismus untergeordnet,


wonach nur die Juden ökonomisches Elend verschuldet hätten. Hitlers Rede vor dem
Industrie-Club Düsseldorf lobte Anfang 1932 die Rolle der Wirtschaftseliten und
betonte gegen die Wähler der Linksparteien: Das deutsche Volk könne nicht
überleben, solange es zur Hälfte „Eigentum als Diebstahl“ betrachte. Nachdem Hitler
bis Ende 1932 gute Beziehungen zu Unternehmerkreisen gewonnen und deren
Bedenken gegen das NS-Wirtschaftsprogramm weitgehend ausgeräumt hatte,
unterstützte die Großindustrie den Aufstieg der NSDAP in der Arbeitsstelle Schacht
oder der Wirtschaftspolitischen Abteilung der NSDAP, vor allem durch
„Wirtschaftsvertreter aus dem zweiten und dritten Glied der Eisen- und
Stahlindustrie“[192] und spätere Arisierungsgewinnler, aber auch Bankiers und
Großagrarier: Diese versuchten, eine künftige NS-Wirtschaftspolitik „mit dem
Gedeihen privater Wirtschaft in Einklang zu bringen“, damit „Industrie und Handel
mitmachen können“.[193]
Das „Kabinett Hitler“: die Nationalsozialisten Hitler, Göring und Frick (2. Reihe, 4. von
l.), „eingerahmt“ von konservativen Ministern (alte Reichskanzlei, 30. Januar 1933)

Um das Risiko eines Bürgerkriegs und einer möglichen Niederlage der Reichswehr
gegen die paramilitärischen Kräfte von SA und KPD zu vermeiden, ernannte
Hindenburg Kurt von Schleicher am 3. Dezember zum Reichskanzler. Dieser war
unter von Papen Reichswehrminister geworden und vertrat scheinbar einen
arbeiterfreundlicheren Kurs.[194] Schleicher versuchte, die NSDAP durch eine
Querfront-Strategie zu spalten:[195] Gregor Strasser war bereit, auf Schleichers
Vorschlag einer Regierungsbeteiligung einzugehen, Vizekanzler zu werden und
damit Hitler zu übergehen. Dieser setzte seine Führungsrolle in der NSDAP und
Anspruch auf das Kanzleramt im Dezember 1932 unter Tränen und Drohungen, sich
umzubringen, durch.[196] Damit waren Hindenburgs konservative Berater mit dem
Versuch, die NSDAP an der Regierung zu beteiligen, ohne Hitler das Kanzleramt
zuzugestehen, gescheitert.
Das Treffen Papens mit Hitler im Haus des Bankiers Schröder am 4. Januar 1933 gilt
als „Geburtsstunde des Dritten Reiches“, die „eine unmittelbare kausale
Geschehensfolge bis zum 30. Januar“ einleitete:[197] Indem Hitler von Papen die
Vizekanzlerschaft, die Besetzung der klassischen Ministerien mit Deutschnationalen
und das Recht anbot, bei allen Vorträgen des Kanzlers beim Reichspräsidenten
zugegen zu sein, erlangte er dessen Zustimmung.[198] Von Papen und Hugenberg
glaubten weiter, einen Reichskanzler Hitler in einer von konservativen Ministern
dominierten Regierung „einrahmen“ und „zähmen“ zu können.[199] Ihr Bündnis mit
Hitler isolierte Schleichers Regierung, die der nationalsozialistisch geführte
Reichslandbund im Schutzzollkonflikt zwischen Landwirtschaft und Exportindustrie
zusätzlich unter Druck setzte.[200]

Die NSDAP wurde bei der Landtagswahl in Lippe 1933 (15. Januar) mit 39,5 Prozent
der Stimmen (bei 100.000 Wahlberechtigten) stärkste Partei und sah damit ihren
Führungsanspruch bestärkt.[201] Als der Missbrauch der Osthilfe Hindenburgs Ruf
bedrohte, setzte sich dessen Freund Elard von Oldenburg-Januschau persönlich für
Hitlers Kanzlerschaft ein, von dessen Kabinett er die Vertuschung des Skandals
erwartete. Zudem gewann Hitler am 22. Januar Oskar von Hindenburg mit
Drohungen und Angeboten als Unterstützer. Dies beseitigte letzte Vorbehalte des
Reichspräsidenten gegen seine Ernennung.[202]

Als General Werner von Blomberg mit dem Versprechen, neuer Reichswehrminister
zu werden, für Hitlers Regierung gewonnen wurde, verlor Schleicher die
geschlossene Unterstützung der Reichswehr und war völlig isoliert und
handlungsunfähig.[203] Als Hindenburg seine Bitte um Neuwahlen ablehnte, trat er
am 28. Januar 1933 zurück. Hitler, von Papen und Hugenberg hatten sich
inzwischen auf ein Kabinett geeinigt. Das ermöglichte Hitlers Ernennung zum
Reichskanzler.[204]
Herrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg (1933–1939)
Errichtung der Diktatur
→ Hauptartikel: Machtergreifung und Gleichschaltung
Adolf Hitler (1933)
Adolf Hitler in der Reichskanzlei (1936)

Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg verfassungswidrig zunächst Blomberg


zum neuen Reichswehrminister, da die NSDAP in Berlin Putschgerüchte gestreut
hatte.[205] Erst danach vereidigte er Hitler und das übrige Kabinett und erlaubte ihm
die geforderte Auflösung des Reichstags, um Neuwahlen zu ermöglichen. So wollte
Hindenburg die politische Einigung der Rechtsparteien in einer von
Deutschnationalen dominierten Koalitionsregierung erreichen. Demgemäß gehörten
fast alle Minister im Kabinett Hitler zur DNVP. Der NSDAP gehörte außer Hitler nur
Wilhelm Frick an, der mit dem Reichsministerium des Innern ein Schlüsselressort
erhielt.[191] Zudem kontrollierte Hermann Göring als „Reichskommissar für das
preußische Innenministerium“ die Polizei im größten deutschen Staat. Damit konnte
die NSDAP die Innenpolitik bestimmen.[206]

Hitler soll schon beim Einzug in die Reichskanzlei gesagt haben: „Keine Macht der
Welt wird mich jemals wieder lebend hier herausbringen.“[207] Bereits vor den
Neuwahlen ging er daran, die Demokratie durch Notverordnungen und
Verfassungsänderungen zu beseitigen. Den letzten Vorwand dafür lieferte ihm der
Reichstagsbrand vom 27. Februar, den das NS-Regime als angebliches Startzeichen
zu einem kommunistischen Aufstand ausgab. Die auf Hitlers Initiative von Frick
verfasste und vom Kabinett einstimmig beschlossene „Verordnung des
Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ und die „Verordnung des
Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ traten mit Hindenburgs
Unterschrift bereits am 28. Februar in Kraft. Sie hoben die Versammlungsfreiheit,
Pressefreiheit und das Briefgeheimnis auf und erlaubten willkürliche Verhaftungen für
die gesamte Zeit des Nationalsozialismus. Die Reichstagsbrandverordnung
begründete also den Ausnahmezustand, der bis 1945 nicht mehr aufgehoben wurde.
Sie gilt daher als eigentliche „Verfassungsurkunde des Dritten Reiches“.[208]

Im folgenden Wahlkampf ließ Hitlers Regime viele Gegner, vor allem Kommunisten,
einschüchtern, verhaften oder ermorden. Dennoch verfehlten NSDAP und DNVP bei
der Reichstagswahl am 5. März die für Verfassungsänderungen notwendige
Zweidrittelmehrheit. Beim sogenannten Tag von Potsdam, der Reichstagseröffnung
am 21. März, inszenierten NSDAP und Deutschnationale ihre Einigung unter ihrer
Leitfigur Hindenburg. Das Ermächtigungsgesetz vom 23. März kam nur durch
massiven Straßenterror, den illegalen Parlamentsausschluss aller KPD- und einiger
SPD-Abgeordneter und nachträgliche Annullierung der KPD-Mandate zustande. Es
erlaubte dem Regime für zunächst vier Jahre, Gesetze künftig direkt zu erlassen.
Damit verzichtete der Reichstag auf seine Rolle als Gesetzgeber (Legislative),
überließ diese der Regierung (Exekutive) und entmachtete den Reichspräsidenten.
Das ermöglichte Hitlers Diktatur und die Gleichschaltung von Staat und
Gesellschaft.[209] Das NS-Regime schaltete am 2. Mai, nach den Maifeiern des
Vortags, die freien Gewerkschaften aus und gründete stattdessen am 10. Mai die
Deutsche Arbeitsfront. Am 22. Juni wurde die SPD verboten, deren Abgeordnete als
einzige gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten, und bis zum 5. Juli die
Selbstauflösung der übrigen Parteien verfügt. Am 1. Dezember 1933 wurde die
NSDAP mit dem Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat zur einzigen
Staatspartei. In diesem Prozess wirkten „Druck von ‚unten‘“ und Hitlers „persönliche
Initiative“ zusammen.[210]
Wahlwerbung zur Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen
Reichs am 19. August 1934

Am 30. Juni 1934 befahl Hitler unter dem Vorwand eines angeblichen, von Ernst
Röhm geplanten Putsches die Ermordung von 150 bis 200 möglichen oder wirklichen
Konkurrenten und Rivalen inner- und außerhalb der NSDAP. Sein Kabinett
legalisierte die Morde am 3. Juli 1934 mit dem Staatsnotwehrgesetz[211] als
„Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe“.[212] Am 13. Juli 1934
versprach Hitler der Reichswehr erneut, sie bleibe die einzige Waffenträgerin des
Staates.
Hitler bei einer Parade auf dem Nürnberger Hauptmarkt anlässlich des
Reichsparteitages im September 1935

Am 1. August 1934, als der Tod Hindenburgs absehbar wurde, vereinigte das
Kabinett dessen Reichspräsidentenamt per Gesetzesbeschluss mit dem Kanzleramt
und übertrug „die bisherigen Befugnisse des Reichspräsidenten auf den Führer und
Reichskanzler Adolf Hitler“. Am selben Tag gab Blomberg, ohne von Hitler dazu
aufgefordert zu sein, bekannt, nach dem Ableben Hindenburgs die Soldaten der
Wehrmacht auf den neuen Oberbefehlshaber vereidigen zu lassen.[213] Bisher
waren alle Soldaten auf die Weimarer Verfassung vereidigt worden. Am 2. August,
Hindenburgs Todestag, ordnete Hitler in einem Erlass an, ihn künftig „im amtlichen
und außeramtlichen Verkehr wie bisher“ mit diesem Doppeltitel anzureden, da der
Titel „Reichspräsident“ mit Hindenburgs Namen „unzertrennlich verbunden“ sei.[214]
Die Ämtervereinigung bejahten am 19. August in der Volksabstimmung über das
Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs 89,9 Prozent derer, die gültige Stimmen
abgegeben hatten. Dennoch enttäuschte das Abstimmungsergebnis die NS-Führung,
weil es keineswegs so beeindruckend ausgefallen war, wie sie es angesichts von
offenem Druck und Manipulation erwartet hatte.[215]

Kabinettssitzungen verloren zunehmend an Bedeutung. 1935 kamen die Minister


zwölfmal, 1937 sechsmal, am 5. Februar 1938 letztmals zusammen.[216] Bis 1935
hielt sich Hitler an einen einigermaßen geordneten Tagesablauf in der Reichskanzlei:
vormittags, ab 10 Uhr, Besprechungen mit Hans Heinrich Lammers, Meissner,
Walther Funk und verschiedenen Ministern, Mittagessen um 13 oder 14 Uhr,
nachmittags Besprechungen mit militärischen oder außenpolitischen Beratern oder
bevorzugt mit Albert Speer über Baupläne. Allmählich wich Hitler von diesem festen
Tagesablauf ab und pflegte wieder seinen früheren Bohème-Lebensstil. So
erschwerte er seinen Adjutanten, von ihm als Staatsoberhaupt Entscheidungen zu
erhalten. Die Minister (außer Goebbels und Speer) erhielten keinen Zugang mehr zu
Hitler, falls sie keinen guten Kontakt zu dessen Adjutanten besaßen, die so große
informelle Macht erlangten.[217]
Ausweitung des Hitlerkults

1933 wurde der Hitlerkult zum Massenphänomen, bei dem Erwartungen der
Bevölkerung und NS-Propaganda zusammenwirkten.[218] Hitlers Herrschaft war von
Beginn an „extrem personalisiert“: Er hatte kein Politbüro wie Josef Stalin, keinen
Kriegsrat und keinen Großrat wie Mussolini.[219] Er ließ keinen Länderrat oder
Parteisenat als Gegengewicht zu und ersetzte das Kabinett nicht, nachdem es nicht
mehr zusammengetreten war. Der Hitlergruß wurde 1933 für Beamte zur Pflicht
gemacht und von großen Bevölkerungsteilen freiwillig übernommen.

Hitlers Politik stieß in weiten Teilen der Bevölkerung auf wachsende Zustimmung.
Die realen oder scheinbaren Erfolge des Regimes – Beseitigung der
Massenarbeitslosigkeit, Überwindung des Versailler Vertrags und die innenpolitische
Konsolidierung sowie später die zunächst spektakulären Siege zu Beginn des
Zweiten Weltkriegs – schrieb die NS-Propaganda Hitler allein zu. Dadurch dehnte sie
den Führerkult vom Parteimerkmal zu einem nationalen Kult aus und stärkte Hitlers
Position gegenüber den konservativen Eliten und dem Ausland.[220]
Als einer der ersten Orte verlieh die Gemeinde Gau-Odernheim Hitler bereits am 25.
Mai 1932, ein halbes Jahr vor der Regierungsübernahme, ihre Ehrenbürgerwürde,
die 2007 entzogen wurde.
Propagandastücke im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden

Die fehlende Kritik nutzte Hitler zum weiteren Ausbau des schrankenlosen
Führerstaates. Dieser wurde 1939 vollendet, als alle Beamten und Soldaten einen
persönlichen Führereid ablegen mussten.[221] Die NS-Rechtslehre legitimierte dies,
indem sie Verfassungsrecht mit dem an keiner Rechtsidee messbaren Führerwillen
gleichsetzte.[222] Schon seit 1934 als „Führer und Reichskanzler“ angeredet, war
der Titel „Führer“ ab 1941 ausschließlich Hitler vorbehalten. Dadurch, so die
Germanistin Cornelia Schmitz-Berning, habe sich der Begriff allmählich zum
Eigennamen entwickelt.[223]

Der Hitlerkult wurde im deutschen Alltag allgegenwärtig, etwa durch Umbenennung


vieler Straßen und Plätze nach Hitler,[224] durch die Verleihung der
Ehrenbürgerschaft, einen Adolf-Hitler-Koog als Musterbeispiel für die staatliche Blut-
und-Boden-Ideologie,[225] dörfliche „Hitlereichen“ und „Hitlerlinden“, kommerziell
vermarktete Hitlerbilder, ab 1937 staatliche Briefmarkenserien und Besucherandrang
in Obersalzberg. Diese Verehrung überstieg den Personenkult um Bismarck bei
weitem. Für kritische Zeitgenossen wurde es immer schwieriger, sich davon zu
distanzieren.[226] Hitler zeichnete andere mit seinem Namen aus, etwa ab 1937
durch die Vergabe des Titels Adolf-Hitler-Schule an NS-Ausleseschulen.[227]

Dem kamen weite Gesellschaftsbereiche freiwillig entgegen: So förderte die


deutsche Industrie mit der Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft ab 1. Juni
1933 den „nationalen Wiederaufbau“ bis 1945 mit rund 700 Millionen Reichsmark für
die NSDAP, über deren Verwendung Hitler frei entscheiden konnte. Dafür stiftete er
1937 den „Adolf-Hitler-Dank“, eine jährliche Spende von einer halben Million
Reichsmark „für besonders verdiente, notleidende Parteigenossen“.[228] Hitler wurde
Ehrenbürger vieler deutscher Städte; einige entzogen ihm die Ehrenbürgerschaft
nach seinem Tod wieder oder erklärten sie für beendet.
Der Hitlerkult gilt Historikern als Kennzeichen einer „charismatischen Herrschaft“, die
bürokratische Instanzen nicht ersetzte, sondern überwölbte und so vielfach
Kompetenzstreit zwischen Parteihierarchie und Staatsapparat erzeugte. Rivalitäten
von NS-Behörden, die in Wettläufe um das vorauseilende Erfassen des
„Führerwillens“ eintraten, erforderten wiederum immer mehr autoritative
tagespolitische Entscheidungen Hitlers. Dieser ließ jedoch viele Konflikte
unentschieden, um seinen Ruf als über den Alltagskonflikten stehender, unfehlbarer,
genialer Alleinherrscher nicht zu beschädigen, und trug so zur Aushöhlung einer
funktionierenden Staatsverwaltung bei.[229] Mit dem Wachsen des Hitler-Mythos
sank zugleich das Ansehen der NSDAP.[230]

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der ersten Wahl zum
„Großdeutschen Reichstag“ am 10. April 1938 mit 99,1 % Zustimmung war das
Prestige des Diktators abermals gestiegen und die Konsensbasis seiner Herrschaft
vermutlich nie größer.[231] Der Überfall auf Polen war bei den Deutschen nicht
populär. Kershaw zufolge erreichte Hitlers Popularität trotzdem nach dem
siegreichen „Blitzkrieg“ gegen Frankreich einen neuen Höhepunkt, ging 1941 nur
allmählich zurück und stürzte erst nach der Niederlage in Stalingrad 1943 rasch
ab.[232] Götz Aly dagegen folgerte 2006 aus neuen Indikatoren eines von ihm
geleiteten Forschungsprojekts, dass Hitlers Popularität schon vor dem Polenfeldzug
stark abnahm, sich nach dem Westfeldzug 1940 kaum erholte und ab dem Überfall
auf die Sowjetunion rapide abnahm.[233]
Privatleben
Eva Braun und Adolf Hitler auf dem Berghof am Obersalzberg, 14. Juni 1942

Im persönlichen Gespräch ließ Hitler sich als „Mein Führer“ anreden. Enge Freunde
durften seit etwa 1921 das Pseudonym „Wolf“ verwenden,[234] das sich an die
Etymologie seines Vornamens Adolf anlehnte.[235] Im Krieg ließ Hitler einige
Führerhauptquartiere danach benennen.

Zwischen 1926 und 1931 korrespondierte er vertraulich mit Maria Reiter, einer
Urlaubsbekanntschaft, lehnte aber ihren Ehewunsch ab. 1928 hatte er im
Berchtesgadener Ortsteil Obersalzberg ein Landhaus gemietet, in das seine
Halbschwester Angela Raubal und deren beide Töchter Angela (gen. Geli) und
Elfriede einzogen. 1929 ließ er seine Halbnichte Geli in seine Münchner Wohnung
einziehen und zwang sie, eine Liebesbeziehung zu seinem Chauffeur, Emil Maurice,
zu beenden. Am 19. September 1931 wurde sie mit seinem Revolver erschossen
aufgefunden; ein Suizid wurde angenommen. Hitler nutzte dies zur Selbstdarstellung
gegenüber Parteifreunden: Er wolle in Zukunft nur noch uneigennützig dem Wohl des
deutschen Volkes dienen.[236]
Seit Januar 1932 kamen Gerüchte auf, dass Hitler mit Eva Braun, einer Angestellten
seines Fotografen Heinrich Hoffmann, ein intimes Verhältnis habe. Eine Ehe mit ihr
lehnte er ab. Im Jahresverlauf unternahm sie mehrere Selbstmordversuche.
Daraufhin ging er ein festeres Verhältnis mit ihr ein, das er jedoch bis zu seinem Tod
gegenüber der Öffentlichkeit geheim hielt.[237]

Hitler war seit seiner Jugendzeit Nichtraucher und trank keinen Alkohol, später auch
keinen Kaffee und Schwarztee. Ab 1932 ernährte er sich aus Furcht vor einer
Magenkrebserkrankung vegetarisch. Diese Ernährungsgewohnheit behielt er als
Reichskanzler bei und thematisierte sie in Monologen vor dem engsten
Anhängerkreis als Mittel für die nationalsozialistische Gesundheitspolitik nach dem
Krieg.[238]

Seit dem Ersten Weltkrieg mochte und hielt Hitler Hunde.[239] Oft ließ er sich mit
seiner Schäferhündin Blondi vor idyllischen Landschaften abbilden, um so seine
private angebliche Tierliebe und Naturverbundenheit vorzuführen, den Deutschen
Identifikation zu ermöglichen und eine verbreitete Sehnsucht nach Harmonie
zwischen Führer und Geführten zu bedienen.[240]

Hitler lehnte Hochschulen, Professoren („Profaxe“) und etablierte Wissenschaft


lebenslang ab und eignete sich Detailwissen autodidaktisch an. Er konnte sich
gelesene Informationen, auch Details, dauerhaft merken und flocht sie bei Bedarf
ohne Herkunftsangaben in Reden, Gespräche oder Monologe ein, um sie als eigene
Ideen auszugeben.[241] Er besaß 16.000 auf drei Privatbibliotheken verteilte Bücher,
von denen noch rund 1.200 erhalten sind. Etwa die Hälfte davon ist militärische
Gebrauchsliteratur. Mehr als jedes zehnte Buch hat rechte Esoterik, Okkultismus,
deutschnationale und antisemitische Themen zum Inhalt. Nur wenige Werke gehören
zur schönen Literatur, darunter Ausgaben der Dramen William Shakespeares, etwa
Julius Caesar und Hamlet.

Nach einer Liste des Starnberger Zahnarztes und Mitglieds der Thule-Gesellschaft
Friedrich Krohn, dessen Bibliothek vor allem völkischer Schriften Hitler während der
Jahre 1919 bis 1921 nutzte, lieh sich Hitler eine Reihe ganz unterschiedlicher Werke
aus, von Leopold von Ranke über Berichte zur russischen Revolution bis zu Werken
von Montesquieu, Rousseau, Kant, Schopenhauer und Oswald Spengler, nicht
zuletzt aber auch antisemitische Schriften von Houston Stewart Chamberlain, Henry
Ford, Anton Drexler, Gottfried Feder und Dietrich Eckart. Während seiner Haftzeit in
Landsberg soll sich Hitler mit Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Heinrich von Treitschke
und Otto von Bismarck beschäftigt haben. Anstreichungen und Randnotizen zeigen
Hitlers Leseverhalten.[242] Er beherrschte keine Fremdsprache außer etwas
Französisch seit seiner Linzer Realschulzeit.[243] Auslandspresseberichte ließ er
sich von seinem Chefdolmetscher Paul-Otto Schmidt übersetzen.
Vom 1. Mai 1920 bis zum 5. Oktober 1929 wohnte Hitler in München in der
Thierschstraße 41 im Stadtteil Lehel. 1929 zog er in eine 9-Zimmer-Wohnung im
Stadtteil Bogenhausen, Prinzregentenplatz 16, ein. Die Wohnung wurde von Hitler ab
1934 kaum mehr genutzt, war jedoch weiterhin seine offizielle Meldeadresse.

Hitler kaufte im Sommer 1933 das Haus Wachenfeld am Obersalzberg bei


Berchtesgaden und ließ das Anwesen bis Mitte 1936 zum „Berghof“ umbauen.[244]
Verfolgungen

Nach dem Straßenterror der SA in der Weimarer Republik begann mit Hitlers
Machtantritt eine systematische, gewaltsame Verfolgung politischer Gegner der
NSDAP unter dem Schlagwort der „nationalen Revolution“. So ließ die SA ab Januar
1933 Konzentrationslager einrichten. Die staatlichen Internierungen, Misshandlungen
und Morde trafen seit der „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28. Februar 1933
Kommunisten, Sozialdemokraten, Pazifisten, Zeugen Jehovas, konservative NS-
Gegner und andere Deutsche, die Kritik äußerten oder sich widersetzten (→
Mitglieder des Widerstandes), sowie vor allem Juden. In den folgenden Jahren
wurden die Verfolgungen auf verschiedene christliche Gruppen, Behinderte,
Homosexuelle, vermeintlich Asoziale und „Fremdrassige“ ausgeweitet.

Hitler hatte keinen umfassenden Plan für die staatliche „Judenpolitik“,[245] sondern
reagierte oft kurzfristig auf den Druck von NSDAP-Mitgliedern[246] mit
Gesetzesinitiativen. Deren erkennbares Ziel war die im NSDAP-Programm
festgeschriebene Ausgrenzung und Vertreibung der deutschen Juden. Hitler
bereitete den „Judenboykott“ vom 1. April 1933 direkt mit vor, trat aber nach außen
nicht als dessen Initiator und Organisator auf. Er beriet das am 7. April erlassene
Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (zum Ausschluss
„nichtarischer“ Beamter) mit und entschied sich aus Rücksicht auf die politischen
Bedingungen für eine gemäßigtere Fassung.[247] Daraufhin schlossen auch viele
Berufsverbände Juden aus. Dem folgten zahlreiche weitere, auch nichtstaatliche
Ausgrenzungsschritte. Hitler schwebte schon 1933 eine konsequente Ghettoisierung
der Juden und ihre räumliche Ausgrenzung vor: Sie müssten „heraus aus allen
Berufen […], eingesperrt in ein Territorium, wo sie sich ergehen können […],
während das deutsche Volk zusieht, wie man wilde Tiere sich ansieht“.[245]

Auch die Nürnberger Gesetze von 1935, die den deutschen Juden die
staatsbürgerlichen Rechte entzogen und „Mischehen“ sowie sexuelle Beziehungen
zwischen Juden und Nichtjuden als „Rassenschande“ mit Gefängnis oder Zuchthaus
bedrohten, wurden durch Terror aus der Parteibasis angebahnt und sollten diese
zufriedenstellen. Hitler bereitete sie monatelang mit vor, sodass er sich beim
Nürnberger Reichsparteitag im August anderen Themen zuwenden konnte. Er strich
die Begrenzung auf „Volljuden“ im Gesetzentwurf noch unmittelbar vor dessen
Bekanntgabe am 15. September.[248]
Die Judenverfolgung trat zwar 1936 wegen Sommer- und Winter-Olympia und 1937
in den Hintergrund. Doch als Hitler am 9. November 1938 vom Tod des
angeschossenen Botschaftssekretärs Ernst Eduard vom Rath erfuhr, beriet er sich
sofort mit Goebbels und autorisierte ihn, das Attentat als Vorwand für die bereits
geplanten deutschlandweiten Novemberpogrome auszunutzen. Dabei wurden
Hunderte Juden ermordet, Zehntausende in KZs interniert und enteignet und
Tausende Synagogen und jüdische Friedhöfe zerstört.[249] US-Präsident Franklin D.
Roosevelt verschärfte daraufhin den Ton gegenüber Deutschland.[250] Hitler
übertrug die weitere „Judenpolitik“ Hermann Göring, Heinrich Himmler und Reinhard
Heydrich. Diese unterbanden den „spontanen“, unkontrollierten Straßenterror
endgültig, indem sie die Juden gesetzlich wie Kriminelle behandelten und etwa mit
der „Judenbuße“ für die Schäden der Novemberpogrome aufkommen ließen.

Hitler sagte in einer auch für das Ausland bestimmten Reichstagsrede zum sechsten
Jahrestag seines Amtsantritts am 30. Januar 1939:

„Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen
Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in
einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der
Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen
Rasse in Europa.“[251]

Diese Drohung, dass ein Weltkrieg, für den selbstverständlich das Judentum
verantwortlich wäre, die physische Vernichtung der Juden bringen würde, bekräftigte
Hitler in den folgenden Jahren in etlichen weiteren Reden. Dabei datierte er seine
„Prophezeiung“ vom 30. Januar 1939 auf den Tag des Kriegsbeginns um und
verschärfte seine Rede von der „Vernichtung“ noch um das Wort „ausrotten“.[252]
Baupolitik
→ Hauptartikel: Architektur im Nationalsozialismus
Hitler beim ersten Spatenstich am 23. September 1933 zur angeblich ersten
Autobahn

Hitler gab sich mit einem inszenierten Spatenstich am 23. September 1933 fälschlich
als Erfinder und Planer der Reichsautobahnen aus und ließ deren Ausbau als „Hitler-
Programm“ zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit propagieren. Tatsächlich
waren die ersten zwei Autobahnen vor 1933 gebaut und weitere geplant worden. Der
Weiterbau in der NS-Zeit beschäftigte meist nur Zehntausende, maximal 125.000
Arbeiter, die abkommandiert, zum Arbeiten für Niedriglöhne gezwungen und bei
Weigerung in KZs inhaftiert wurden. Das Programm wurde 1941 wegen der
Einziehung der Arbeiter für den Kriegsdienst unvollendet eingestellt. Hitlers
Versprechen einer Massenmobilität blieb uneingelöst. Dennoch bestand das
Klischee nach 1945 fort, er habe die Arbeitslosigkeit mit dem Autobahnbau bis 1938
erfolgreich beseitigt.[253]

Hitler plante seit 1933, Berlin bis 1950 als „Hauptstadt des germanischen Reichs
deutscher Nation“ völlig umzugestalten und in „Germania“ umzubenennen. Dazu
ernannte er Albert Speer 1937 zum „Generalinspekteur für die Neugestaltung der
Reichshauptstadt“. Speer entwarf im Zuge der Planungen für den sich in der
Öffentlichkeit gerne bescheiden gebenden Hitler einen gigantischen „Führerpalast“
im Spreebogen. Von den geplanten Monumentalbauten wurde 1939 nur die Neue
Reichskanzlei fertiggestellt.[254] Die Stadt sollte von einem Autobahnring umgeben
und von zwei schnurgeraden, kreuzungslosen, breiten, für Aufmärsche geeigneten
Prachtstraßen durchquert werden. Der Bau eines Tunnels zur Unterquerung der
Nord-Süd-Achse wurde 1939 begonnen, aber 1942 wegen Materialmangels im Krieg
eingestellt.[255] Hitler ließ sich als „genialer Baumeister“ des
Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg ausgeben und mischte sich mit seinen Ideen,
Skizzen und Besuchen in die Planung ein, segnete tatsächlich aber meist nur
Initiativen anderer NSDAP-Stellen ab.[256]
Kirchenpolitik
→ Hauptartikel: Kirchenkampf

Gemäß der machttaktischen Bejahung des Christentums hatte Hitler Vertreter des
Neuheidentums wie Artur Dinter 1928 aus der NSDAP ausgeschlossen und Alfred
Rosenberg 1930 gezwungen, sein antikirchliches Buch Der Mythus des 20.
Jahrhunderts als Privatansicht zu kennzeichnen. Zugleich hatte er planmäßige
Versuche von NSDAP-Mitgliedern zugelassen, das Christentum an die NS-
Rassenideologie anzugleichen. Dazu gründeten diese 1932 die Kirchenpartei
Deutsche Christen (DC).[257]

Hitlers erste Regierungserklärungen (1. Februar, 23. März 1933) betonten, er werde
das Christentum als „Basis unserer gesamten Moral“ schützen, „tiefe, innere
Religiösität“ ermöglichen, die Staatsverträge beider Kirchen einhalten, ihnen in
Schule und Erziehung angemessenen Einfluss zugestehen, den „Bolschewismus“
und atheistische Organisationen bekämpfen und freundschaftliche Beziehungen zum
Vatikan ausbauen. Die Großkirchen seien die „wichtigsten Faktoren zur Erhaltung
unseres Volkstums“. Dafür sollten sie sich am Kampf gegen die „materialistische
Weltauffassung“ und am Aufbau der „Volksgemeinschaft“ beteiligen.[258] Er schloss
mit dem Vaterunser nachempfundenen liturgischen Gebetsformeln und mit „Amen“.
Beim inszenierten „Tag von Potsdam“ (21. März) knüpfte er an preußische
Staatskirchentradition an und zerstreute zugleich katholische Sorgen vor einem
neuen „Kulturkampf“.[259]
Wegen dieser gezielten NS-Propaganda und ihrer eigenen antidemokratischen
Tradition bejahten beide Großkirchen die Aufhebung der Demokratie. Die katholische
Zentrumspartei unter Ludwig Kaas stimmte am 23. März für das
Ermächtigungsgesetz. Die deutschen katholischen Bischöfe hoben die 1931 erklärte
Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus am 28. März auf und
erlaubten Katholiken den Beitritt zur NSDAP.[260] Die meisten evangelischen
Landeskirchen begrüßten die „nationale Wende“ und ließen Fürbitten zu Hitlers
Geburtstag verlesen, ohne die Opfer der NS-Gewaltpolitik zu erwähnen.[261]

Bis zum 20. Juli handelte Hitler mit dem Vatikan ein Reichskonkordat nach dem
Vorbild der Lateranverträge Mussolinis von 1929 aus. Es untersagte politische
Betätigung katholischer Kleriker und Parteien und sicherte den Bestand der
katholischen Lehre, Bekenntnisschulen, rein religiöse, karitative und kultische
Vereine und Verbände zu. Deren konkrete Festlegung unterblieb, weil die
Selbstauflösung der Zentrumspartei (5. Juli) den raschen Vertragsabschluss
erzwang.[262] In einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbarte Hitler mit den
Bischöfen einen Militärseelsorgevertrag, falls Deutschland die Wehrpflicht
wiedereinführen werde.[263]

Um alle evangelischen Landeskirchen in einer „Reichskirche“ gleichzuschalten, berief


Hitler am 25. April den ostpreußischen Militärpfarrer Ludwig Müller (DC) zum
„Bevollmächtigten“ für evangelische Angelegenheiten und ernannte am 24. Juni
August Jäger zum „Staatskommissar“ für die Landeskirchen in Preußen. Jäger
ersetzte alle Kirchenleiter, die gegen staatliche Übergriffe protestierten, durch DC-
Vertreter. Nach heftigen Protesten und einem von Hindenburg vermittelten Treffen
nahm Hitler Jägers Maßnahmen zurück. Die am 11. Juli gebildete Deutsche
Evangelische Kirche (DEK) verpflichtete sich dafür zu Kirchenwahlen am 23. Juli. Am
Vorabend warb Hitler im Rundfunk massiv für die DC, die daraufhin die Leitung der
meisten evangelischen Landeskirchen errangen.[264] Nach Gesprächsprotokollen
von Zeitzeugen lehnte Hitler das Christentum jedoch im Juli 1933 als „jüdischen
Schwindel“ ab. „Deutsches Christentum“ sei Krampf und Illusion. Man könne nur
entweder Christ oder Deutscher sein. Sein Eintreten für die DC war demnach nur
machtpolitisch motiviert.[265]

Am 5. September wählten die DC Müller zum Reichsbischof und führten in Preußen


ein zum Arierparagraphen analoges Gesetz ein, das Judenchristen aus der
Landeskirche ausschloss. Infolge der Sportpalast-Kundgebung (13. November 1933)
verloren sie viele Mitglieder und ihre Einheit. Daraufhin setzte Müller ihre Sprecher
ab, unterstellte die evangelische Jugend im Dezember widerrechtlich der Hitlerjugend
und verbot im Januar 1934 alle innerkirchliche Kritik an seiner Führung. Damit verlor
er seine Autorität in der DEK. Im folgenden Kirchenkampf zerbrach deren
organisatorische Einheit; der Arierparagraph ließ sich in ihr nicht mehr
durchsetzen.[266]
Hitler nötigte die DC-Gegner am 25. Januar 1934 mit Vorführen abgehörter
Telefonate Martin Niemöllers zunächst, sich staatsloyal zu zeigen und Müller als
Reichsbischof zu akzeptieren. Im März ernannte er den ehemaligen
Freikorpskämpfer Franz von Pfeffer zum „Sonderbeauftragten für Kirchenfragen“, am
12. April Jäger zum „Rechtswalter“ der DEK. Deren Versuche, die Gleichschaltung
der Landeskirchen durch Absetzen gewählter Landesbischöfe zu erzwingen,
scheiterten am Widerstand der DC-Gegner. Am 30. Mai 1934 gründeten diese die
Bekennende Kirche (BK), deren von Karl Barth verfasste Barmer Theologische
Erklärung nur einen Rechtsstaat als dem Evangelium gemäß definierte und totalitäre
Staatsideologien als Häresie verwarf. Im Oktober schuf ein Teil der BK eigene
Verwaltungsstrukturen. Londoner Vertreter der Ökumene drohten mit dem Abbruch
der Beziehungen zur DEK. Infolge der starken in- und ausländischen Proteste setzte
Hitler Pfeffer und Jäger Ende Oktober 1934 ab, sagte die geplante Vereidigung aller
evangelischen Bischöfe auf sich ab und erkannte die Bischöfe Hans Meiser, Theophil
Wurm und August Marahrens als rechtmäßige Kirchenvertreter an. So inszenierte er
sich als Schlichter des Streits in der DEK.[267]

Parallel dazu stärkte Hitler 1934 die kirchenfeindlichen Kräfte in der NSDAP: Er
ernannte Alfred Rosenberg zum „Weltanschauungsbeauftragten“ (Januar), ließ beim
„Röhmputsch“ auch einige engagierte Katholiken ermorden (Juli), den
Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) einrichten und dessen Hauptamt nach
Berlin verlegen (Dezember). Die SD-Zentralabteilung für „weltanschauliche
Auswertung“ bespitzelte beide Großkirchen und bekämpfte ihren öffentlichen Einfluss
zugunsten neuheidnischer Religiosität. Im Anschluss an Vorschläge von
Staatssekretär Wilhelm Stuckart (Januar 1935) lehnte Hitler den Rückzug des
Staates aus kirchlichen Belangen jedoch ab und bevorzugte abwartende Neutralität
und verschärfte Aufsicht des Staates über die Kirchen. Dazu ernannte er Hanns Kerrl
zum „Reichskirchenminister“ (Juli). Dieser erließ ein „Gesetz zur Sicherung der DEK“
(September), das die Tätigkeit der BK mit 17 Durchführungsverordnungen bis 1939
stark begrenzte und den DEK-Teilkirchen unter anderem die Verfügung über ihre
Geldmittel und Rechtsverfahren entzog. Mit Vertretern aller Richtungen besetzte
staatliche „Kirchenausschüsse“ sollten die DEK organisatorisch einen. Kerrl verfehlte
dieses Ziel und spaltete die BK in Befürworter und Gegner seiner Ausschüsse
(Februar 1936).

Infolge wachsender Proteste gegen Kerrl setzte Hitler am 15. Februar 1937
überraschend Neuwahlen in der DEK an, angeblich um ihr eine autonome
Kirchenverfassung zu gewähren. Da Teile der DEK mit einem Wahlboykott drohten,
wurde der Wahltermin mehrmals verschoben und im November abgesagt. Die
Gestapo nahm bis zum Jahresende zahlreiche BK-Vertreter und katholische NS-
Gegner fest. Im Dezember übertrug Kerrl die DEK-Leitung dem Juristen Friedrich
Werner. Dieser schränkte kirchliche Publizistik, Ausbildung und Finanzierung
fortlaufend weiter ein und entzweite die BK, indem er von allen Pfarrern Preußens
einen Treueid auf Hitler verlangte (April 1938). Die meisten BK-Vertreter bejahten
den Eid als rechtmäßige Staatsforderung, aber Hitlers Stellvertreter Martin Bormann
schrieb an alle NSDAP-Gauleiter, der Eid sei innerkirchlich und freiwillig (Juli). Indem
das NS-Regime dies im September bekannt werden ließ, schwächte es die Autorität
der BK-Leitung erheblich. Kerrl versuchte 1939 wiederholt, alle DEK-Führer auf eine
Erklärung zur „dem deutschen Volke artgemäßen nationalsozialistischen
Weltanschauung“ und zum „unerbittlichen Kampf gegen den politischen und
geistigen Einfluß der jüdischen Rasse“ zu verpflichten. August Marahrens
unterschrieb die Erklärung im Juli eigenmächtig für den Lutherrat, der damit ebenfalls
Autorität in der BK verlor.[268]

Nach dem Anschluss Österreichs (März 1938) begrenzte Hitler Kerrls Befugnisse auf
das „Altreich“; nach Kerrls Tod (Dezember 1941) ließ er dessen Amt unbesetzt. Er
ließ die antikirchlichen NSDAP-Vertreter kirchliche Aktivitäten in den neuen Gebieten
unterdrücken; sie beseitigten 1938 in Österreich alle Ordens- und Klosterschulen. Im
September 1939 verbot Hitler jedoch alle NSDAP-Maßnahmen gegen die
Großkirchen, damit sie seinen Krieg unterstützten. Diese riefen die Christen 1939
gemeinsam zum „Gehorsam gegen den Führer“, Gebet und Einsatz für den
deutschen Sieg auf. Gauleiter Arthur Greiser erklärte die Kirchen im neugebildeten
„Reichsgau Wartheland“ 1940 zu Religionsvereinen ohne staatlichen Rechtsschutz
und enteignete sie bis auf reine Kulträume. Zwar protestierten die Großkirchen,
dankten Hitler aber Ende Juni 1941 dafür, dass er die „christlich-abendländische
Kultur“ vor dem „Todfeind aller Ordnung“, dem Kommunismus, gerettet habe. Dieser
erklärte nun vor allem aufgrund deutlicher kirchlicher Proteste gegen die
Euthanasiemorde vor Vertrauten öfter: Nach dem Krieg werde er das
„Kirchenproblem lösen“ und die Großkirchen entmachten; das Christentum müsse
„abfaulen wie ein brandiges Glied“. Daraufhin übertrug Bormann allen NSDAP-
Gauleitern die Kirchenpolitik in den eroberten Gebieten und befahl ihnen, den
Einfluss der Kirchen auf die „Volksführung“ endgültig zu brechen.[269]
Aufrüstungs-, Expansions- und Kriegskurs
Hitler mit Benito Mussolini auf der Münchner Ludwigstraße (1939)

Wie die demokratischen Regierungen der Weimarer Republik wollte Hitler


außenpolitisch zunächst die im Versailler Vertrag von 1919 festgelegten deutschen
Gebietsverluste und Rüstungsbeschränkungen revidieren, jedoch nicht bloß mit
diplomatischen Vorstößen, sondern mit dem Risiko militärischer Konflikte. Öffentlich
betonte er bis 1939 wiederholt seinen Friedenswillen; tatsächlich bereitete er seit
1933 erst die Aufrüstung der Wehrmacht und die deutsche Kriegsfähigkeit,
spätestens seit 1937 einen Angriffskrieg vor. Laut der Liebmann-Aufzeichnung
erläuterte er der Reichswehrführung am 3. Februar 1933 die angestrebte
kriegerische Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und nahm Polen schon als
„Feindstaat“ ins Visier. Öffentlich betonte er dagegen am 17. Mai 1933 vor dem
Reichstag seinen Friedenswillen – ein Propagandamanöver, mit dem die Gegner des
NS-Regimes beruhigt werden sollten. Die SPD-Fraktion stimmte in der Abstimmung
zu dieser so genannten Friedensrede mit Ja, was zum Bruch der Reichs-SPD mit der
Sozialistischen Internationale führte.[270]
Im Oktober 1933 brach das NS-Regime Abrüstungsverhandlungen mit
Großbritannien und Frankreich ab und veranlasste den Austritt des Deutschen
Reiches aus dem Völkerbund. Nach Hindenburgs Tod 1934 teilte Hitler der
Generalität mit, dass Deutschland in fünf Jahren kriegsbereit sein solle. Er
unterstützte einen nationalsozialistischen Putschversuch in Wien, bei dem der
österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde. Nachdem dieser
Putschversuch gescheitert war, erklärte Hitler, das deutsche Reich habe nichts damit
zu tun gehabt.[271]

Im März 1934 erhöhte Hitler den deutschen Wehretat über die Grenzen des
Versailler Vertrags hinaus. Im September 1934 schloss er mit Polen überraschend
einen zehnjährigen Nichtangriffspakt. Am 16. März 1935 führte er die im Versailler
Vertrag verbotene allgemeine Wehrpflicht wieder ein. Um Großbritannien in
Sicherheit zu wiegen, wiederholte er am 21. Mai 1935 in einer „Friedensrede“ im
Reichstag, die deutsche Marine strebe nur 35 Prozent der Tonnage der britischen
Flotte an.[272] Am 18. Juni 1935 schloss Großbritannien mit Deutschland ein von
Hitler angebotenes Flottenabkommen, um eine andernfalls eventuell noch stärkere
deutsche Aufrüstung zu vermeiden.[273]

1936 kündigte Hitler den Vierjahresplan an. Dieser sollte in vier Jahren die deutsche
Armee einsatzfähig und die deutsche Wirtschaft kriegsfähig machen.[274] Er wurde
mit Mefo-Wechseln finanziert und trug zum deutschen Wirtschaftsaufschwung bei. Im
März 1936 folgte die Rheinlandbesetzung. Beide Brüche des Versailler Vertrags
nahmen die Alliierten hin. Das NS-Regime verhalf Francisco Franco im Spanischen
Bürgerkrieg seit 1936 mit dem Einsatz der deutschen Legion Condor und
völkerrechtswidrigen Bombenangriffen auf Städte wie Gernika zum Sieg.
Die Regierungschefs des Vereinigten Königreichs, von Frankreich, Deutschland und
Italien beim Schluss des Münchener Abkommens am 30. September 1938, das Hitler
die Annexion des Sudetenlandes gestattete, aber bereits im März 1939 mit der
Zerschlagung der Rest-Tschechei gebrochen wurde

Am 5. November 1937 erläuterte Hitler vor dem Außenminister, dem Kriegsminister


und den Oberbefehlshabern der drei Wehrmachtteile seine „grundlegenden
Gedanken über […] unsere außenpolitische Lage“.[275] 85 Millionen Deutsche
hätten ein „Anrecht auf größeren Lebensraum“, daher sei die „Lösung der Raumnot“
die zentrale Aufgabe der deutschen Politik. England und Frankreich seien dabei die
beiden Hauptgegner. Am Schluss des mehr als zweistündigen Monologs nannte er
als erstes Ziel die Niederwerfung der „Tschechei und gleichzeitig Österreich[s], um
die Flankenbedrohung […] auszuschalten“. Damit hatte der Diktator seine Karten
aufgedeckt und die beiden Nahziele deutscher Expansion genannt.[276] In der
folgenden zweistündigen Diskussion erhoben die Generäle Bedenken nicht wegen
eines Anschlusses Österreichs und einer Annexion der Tschechoslowakei, waren
aber beunruhigt wegen Hitlers Ungeduld und befürchteten einen vorzeitigen
europäischen Konflikt. Außenminister Neurath will Hitler im Januar 1938 davor
gewarnt haben, „dass seine Politik zum Weltkrieg führen“ müsse. Hitler soll nur
erwidert haben, „er habe keine Zeit mehr“.[277]

In der Blomberg-Fritsch-Krise (Januar/Februar 1938) trat Blomberg vom Amt als


Reichskriegsminister zurück; Hitler entband Werner von Fritsch vom Oberkommando
des Heeres (OKH) und übernahm das neugeschaffene Oberkommando der
Wehrmacht (OKW) per Führererlass vom 4. Februar 1938.[278] Er sah sich dabei als
idealen „Feldherrn“, der „mit Kopf, Willen und Herzen den totalen Krieg für die
Lebenserhaltung des Volkes“ (Ludendorff 1935) zu führen habe und dies wie sein
Idol Friedrich „der Große“, aber anders als Wilhelm II. nicht den Militärs überlassen
dürfe. Vielmehr verlange der im „Kampf ums Dasein“ notwendige, kommende
Vernichtungskrieg vom „‚Führer‘ des deutschen Volkes“ die Bündelung aller
gesellschaftlichen Kräfte. Er müsse nicht nur allgemeine „weltanschauliche“ und
politische Ziele, sondern auch die Strategien der einzelnen Feldzüge vorgeben.[279]
1938: Wagenkolonne Hitlers in Wien, vom Praterstern in die Praterstraße einfahrend

Mit militärischen Drohungen („Unternehmen Otto“) erreichte Hitler im März 1938 den
„Anschluss“ Österreichs an das fortan „Großdeutsche Reich“. In Wien verkündete er
am 15. März einer begeisterten Menge die „Vollzugsmeldung meines Lebens“: den
„Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“.[280] Im September 1938 verlangte er
von der Tschechoslowakei, das Sudetenland an Deutschland abzutreten, und drohte
andernfalls mit dem Einmarsch deutscher Truppen (Sudetenkrise). Auf der
Münchener Konferenz am 29. September 1938 sicherte Hitler deren Verbündeten
Frankreich und Großbritannien den Bestand der übrigen Tschechoslowakei zu. Dafür
gestanden ihm der britische Premier Neville Chamberlain und der französische
Ministerpräsident Édouard Daladier die Eingliederung der sudetendeutschen Gebiete
zu, um den angedrohten Krieg zu verhindern. Hitler, der Krieg und Expansion für
unaufgebbare Überlebensbedingungen seines Regimes hielt, fühlte sich mit dem
Abkommen um die angestrebte Eroberung der ganzen Tschechoslowakei
betrogen.[281]

Auf Hitlers Druck hin rief Jozef Tiso im März 1939 die Erste Slowakische Republik
aus. Hitler ließ am 15. März das verbliebene tschechische Staatsgebiet von der
Wehrmacht besetzen und am folgenden Tag als „Protektorat Böhmen und Mähren“
des Großdeutschen Reiches annektieren. Dieser Bruch des Münchner Abkommens
sollte die „Germanisierung“ dieser Gebiete erleichtern: Ein Teil der Tschechen sollte
assimiliert, der Rest als „rassisch unbrauchbar“ und „reichsfeindlich“ ermordet oder
vertrieben werden.[282] Die Slowakei wurde zu einem Satellitenstaat Deutschlands.
Am 23. März 1939 trat Litauen, das Hitler zuvor ebenfalls massiv unter Druck gesetzt
hatte, das Memelland an Deutschland ab.[283]
Wegen Hitlers Vertragsbruch beendeten Frankreich und Großbritannien ihre
bisherige Appeasement-Politik und schlossen mit Polen bis zum 13. April 1939
militärische Beistandsverträge. Schon am 11. April befahl Hitler dem
Wehrmachtführungsstab, den Überfall auf Polen bis zum Herbst militärisch
vorzubereiten.[284] Am 28. April kündigte er den deutsch-polnischen
Nichtangriffspakt sowie das deutsch-britische Flottenabkommen und verlangte den
Anschluss der Freistadt Danzig an das Deutsche Reich. Am 23. Mai erklärte er den
Generälen der Wehrmacht, diese Forderung sei nur ein Vorwand zur Eroberung von
„Lebensraum“ für eine autarke Ernährung der Deutschen (siehe Schmundt-Protokoll).
Fotografie der Titelseite der Time, die Hitler im negativen Sinne zum Mann des
Jahres 1938 wählte

Als Bedingung für einen Nichtangriffsvertrag mit den Westmächten, der diesen
Polens Verteidigung erleichtern sollte, verlangte der sowjetische Diktator Josef Stalin
von Polen eine Durchzugsgarantie für die Rote Armee, die dessen Regierung
erwartungsgemäß ablehnte. Dann vereinbarte Stalin mit Hitler bis zum 24. August
den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Damit wollte er Zeit zur Reorganisation
der Roten Armee gewinnen, deren Offiziere er im Großen Terror (1937–1939)
massenhaft hatte ermorden lassen. Im geheimen Zusatzprotokoll des Paktes
vereinbarten beide Seiten die Aufteilung Polens und des Baltikums. In der Ansprache
Hitlers vor den Oberbefehlshabern am 22. August 1939 gab er die „Vernichtung
Polens = Beseitigung seiner lebendigen Kraft“ als sein Kriegsziel bekannt[285] und
erklärte: „Wir werden den Westen halten, bis wir Polen erobert haben.“[286]

Die Zeitschrift Time wählte Hitler 1939 zum „Mann des Jahres“ 1938, weil er zur
größten Bedrohung der demokratischen, freiheitsliebenden Welt geworden sei.[287]
Herrschaft im Zweiten Weltkrieg (1939–1945)
Polenfeldzug
→ Hauptartikel: Überfall auf Polen

Kurz nach Abschluss des Pakts mit Stalin forderte Hitler von Polen, den Polnischen
Korridor abzutreten und die polnischen Rechte in der Freien Stadt Danzig dem
Deutschen Reich zu überlassen. Die NS-Propaganda behauptete verstärkt
angebliche Gräueltaten und Massaker von Polen an sogenannten Volksdeutschen
und forderte ein Einschreiten dagegen. Seit dem 28. August stand für die deutsche
Wehrmacht als Angriffstermin der 1. September fest. Am 31. August um 12:40 Uhr
erteilte Hitler seine „Weisung Nr. 1 für die Kriegführung“. In der Nacht vom 31.
August auf den 1. September 1939 inszenierten in polnische Uniformen gekleidete
SS-Männer einen Überfall auf den Sender Gleiwitz in Schlesien. Ab 4:45 Uhr
beschoss das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein die polnischen Stellungen
auf der Danziger Westerplatte. Mit diesem Angriff begann der deutsche Überfall auf
Polen, durch den Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte.
Am 1. September behauptete Hitler wahrheitswidrig im Radio und vor dem
Reichstag, Polen habe Deutschland angegriffen und seit 5:45 Uhr werde
„zurückgeschossen“. Frankreich und Großbritannien erklärten am 3. September
Deutschland den Krieg gemäß ihren Bündnisverträgen mit Polen, jedoch ohne
eigene Kampfhandlungen gegen Deutschland zu eröffnen. Am 18. September wurde
die Masse der polnischen Truppen eingeschlossen, nachdem tags zuvor die Rote
Armee mit ihrem Einmarsch in Ostpolen begonnen hatte. Warschau kapitulierte am
27. September. Hitler nahm hier am 5. Oktober eine Parade der 8. Armee ab. Einen
Tag später kapitulierten die letzten polnischen Truppen nach der Schlacht bei Kock.
Parade am 5. Oktober 1939 in Warschau

Im Verlauf des deutschen Polenkriegs fielen etwa 66.000 polnische und 17.000
deutsche Soldaten.[288] Speziell aufgestellte Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei
und des SD, Soldaten der Wehrmacht und Einheiten von Volksdeutschen
ermordeten im Polenfeldzug rund 16.400, bis zum Jahresende rund 60.000 Polen,
darunter etwa 7.000 Juden. Damit wollten sie möglichst viele der zwei Millionen
polnischen Juden in das sowjetisch besetzte Ostpolen vertreiben. Ab Oktober 1939
erfolgten Deportationen von Juden in abgelegene polnische Gebiete. Sie wurden
zwar im März 1940 nach örtlichen Protesten eingestellt, dienten aber als erprobtes
Muster für umfassende Abschiebepläne der Folgejahre wie der (nach dem
Westfeldzug undurchführbare) Madagaskarplan, deren erwünschte Folge die
Vernichtung der europäischen Juden sein sollte.[289]
Erschießungen von polnischen Zivilisten durch ein deutsches Einsatzkommando im
Oktober 1939

Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee gemäß dem geheimen
Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt in Ostpolen ein. Nach dem Zusammentreffen
von deutschen und sowjetischen Truppen in Brest-Litowsk am 22. September 1939
erfuhr Hitler, wie schlecht die sowjetischen Panzer seien. Die Niederlagen der Roten
Armee im Winterkrieg gegen Finnland 1939/40 bestärkten Hitler in seiner Annahme,
die Rote Armee sei ein leicht zu besiegender Gegner.
„Euthanasie“
Führererlass zur Ermordung behinderter Menschen, umschrieben mit „unheilbar
Kranken“

Aller Wahrscheinlichkeit nach äußerte sich Hitler um das Jahr 1935 grundsätzlich
positiv zur „Euthanasie“, ohne diese konkret zu planen.[290] Der Fall eines
behinderten Kindes in Sachsen führte 1938 oder 1939 dazu, dass sich Hitler selbst
oder die Kanzlei des Führers näher mit der Krankentötung beschäftigte. Zunächst
wurde die Kinder-„Euthanasie“ vorbereitet.[291] Im Juli 1939 erteilte Hitler dem
Reichsärzteführer Leonardo Conti dann den Auftrag, auch die
„Erwachseneneuthanasie“ zu organisieren. Während Conti eine Reglementierung
befürwortete, entschied sich Hitler, einem Vorschlag Philipp Bouhlers folgend, dazu,
die Mordaktion ohne Rechtsgrundlage durch die Kanzlei des Führers organisieren zu
lassen.

Im Oktober 1939 erging zu diesem Zweck ein informelles Schreiben Hitlers, das auf
den 1. September, mithin auf den Kriegsbeginn, zurückdatiert war und Philipp
Bouhler und Karl Brandt ermächtigte, die sprachlich als „Gnadentod“ verschleierte
Ermordung von Psychiatriepatienten und behinderten Menschen zu
organisieren.[292] Diese schriftliche Vollmacht legitimierte auf Drängen der
Organisatoren Hitlers vorherigen mündlichen Auftrag für diesen Massenmord ohne
ausdrückliches Gesetz, das er aus Geheimhaltungsgründen auch weiterhin
verweigerte. Die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus wurden als
„Euthanasie“ beschönigt und als „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ideologisch
gerechtfertigt.[293]

Über die halbstaatliche Sonderverwaltung Zentraldienststelle T4 wurden


Zwischenanstalten eingerichtet, in denen die Opfer aus dem ganzen Reich zunächst
gesammelt und zur Vergasung in eigene Tötungsanstalten transportiert wurden.
Wegen verschiedener Durchführungspannen erfuhren Vertreter der Großkirchen in
Deutschland, darunter Bischof Clemens August Graf von Galen, von dieser
„Geheimen Reichssache“ und wandten sich nach einiger Bedenkzeit vereinzelt
öffentlich dagegen. Daraufhin befahl Hitler im August 1941 offiziell die Einstellung der
„Aktion T4“. Die Morde wurden dezentral als „wilde Euthanasie“ (auch als „Aktion
Brandt“ bezeichnet) nun vor allem mit Medikamenten und Nahrungsentzug
fortgesetzt. In der „Aktion 14f13“ wurden außerdem kranke, alte oder „nicht mehr
arbeitsfähige“ KZ-Insassen ermordet. Bei Kriegsende war ungefähr die Hälfte aller
Anstaltsinsassen getötet worden. Die Ermordung der Behinderten diente den SS-
Einsatzkommandos als Experimentierfeld für die späteren Massenmorde an
Juden.[293] Allein im damaligen Reichsgebiet wurden fast 190.000 geistig und
körperlich behinderte Menschen vergast, vergiftet, erschossen oder dem Hungertod
überlassen; viele weitere Opfer gab es in den besetzten Gebieten.
Gesamtschätzungen belaufen sich auf bis zu 260.000 Opfer.
Völkermord an den Sinti und Roma
→ Hauptartikel: Porajmos

Hitler teilte seit seiner Wiener Zeit die gängigen Stereotype des Antiziganismus. Er
beurteilte die in Mein Kampf unerwähnten Roma implizit wie die Juden als
„rassefremde Elemente“, die somit aus dem „Volkskörper“ „auszumerzen“ seien.[294]

Gemäß Himmlers Erlass vom 8. Dezember 1938 zur „endgültigen Lösung der
Zigeunerfrage“ wurden die Roma seit Juni 1939 aus vom NS-Regime kontrollierten
Gebieten nach Osteuropa deportiert. Im Polenfeldzug ab September 1939 begannen
die Nationalsozialisten und ihre Helfer mit Massenmorden an ihnen. Bis zum
Kriegsende ermordeten sie zwischen 100.000 und 500.000 Roma.[295] Hitler lehnte
die Einberufung von Roma in die Wehrmacht 1940/41 ab und verbot Himmler 1942,
„arische“ Roma von der Internierung in KZs auszunehmen. SS-Einsatzgruppen,
Offiziere der Wehrmacht bei Racheaktionen für Partisanenanschläge oder KZ-
Besatzungen führten die Massenmorde aus, besonders 1943/44 in den Gaskammern
von Auschwitz.[296]

Der Porajmos war wie die Shoa ein rassistischer, auf Vernichtung zielender
Völkermord. Direkte Mordbefehle Hitlers zu den Roma sind nicht bekannt. Seine
Verantwortung steht jedoch wegen der rassistischen Gesamtplanung und Politik
seines Regimes fest.[297]
Westfeldzug
→ Hauptartikel: Westfeldzug
Von Ribbentrop, Hitler, Göring, Raeder, von Brauchitsch und Heß vor dem Wagen
von Compiègne, 22. Juni 1940
Hitler mit Albert Speer und Arno Breker vor dem Eiffelturm, 23. Juni 1940

In seiner Ansprache vor den Oberbefehlshabern am 23. November 1939 kündigte


Hitler an, „zum günstigsten und schnellsten Zeitpunkt“ Westeuropa anzugreifen.[298]
Im „Unternehmen Weserübung“ besetzte die Wehrmacht vom 9. April bis 10. Juni
1940 zunächst das neutrale Dänemark und eroberte Norwegen. Vom 10. Mai bis
zum 25. Juni okkupierte sie im Westfeldzug Luxemburg, Belgien, die Niederlande
und zwang das mit Großbritannien verbündete Frankreich nach wenigen Wochen zur
Kapitulation. Ausschlaggebend für diesen überraschend schnellen Sieg war der
später so bezeichnete Sichelschnittplan, den Generalleutnant Erich von Manstein
ausgearbeitet und Anfang 1940 mit Unterstützung Hitlers gegen Vorbehalte seitens
des OKH durchgesetzt hatte. Der Plan sah einen hochriskanten Panzervorstoß durch
die Ardennen vor, mit dem die Wehrmacht die Maginot-Linie umging und das Gros
der gegnerischen Streitkräfte in Belgien und Nordfrankreich einkesselte.

Hitlers persönliches Eingreifen führte aber nicht nur dazu, dass der neue Plan
Mansteins umgesetzt wurde, sondern auch dazu, dass er sein Endziel verfehlte. Am
24. Mai entschied Hitler, in Übereinstimmung mit Rundstedt und im Widerspruch zur
Meinung anderer Generäle, die angeschlagene Panzertruppe zu schonen und die
Einschließung von Dünkirchen der Luftwaffe zu überlassen. Das ermöglichte es der
Royal Navy, während der „Operation Dynamo“ über 224.000 britische und fast
112.000 französische und belgische Soldaten über den Ärmelkanal zu evakuieren.
Waffen und Kriegsmaterial mussten die Alliierten zwar zurücklassen, aber der Kern
des britischen Heeres blieb aufgrund von Hitlers Anhaltebefehl bestehen.[299]
Mit dem besiegten Frankreich schloss Deutschland am 22. Juni 1940 den
Waffenstillstand von Compiègne. Die symbolträchtige Zeremonie erfolgte im Beisein
Hitlers am selben Ort und im selben Eisenbahnwaggon wie die Unterzeichnung des
Waffenstillstands nach dem Ersten Weltkrieg. Am darauffolgenden Tag besichtigte
Hitler mit seiner Entourage frühmorgens Paris.[300]
Benito Mussolini und Hitler in München, 1940

Kurz vor der französischen Kapitulation im Juni 1940 war Italien als Verbündeter
Deutschlands in den Krieg eingetreten. Zusammen mit dem japanischen Botschafter
Saburō Kurusu unterzeichneten Mussolini und Hitler am 27. September 1940 in
Berlin den Dreimächtepakt zwischen Japan, Italien und Deutschland, der
gegenseitigen Beistand bei der „Schaffung einer neuen Ordnung in Europa“ und „im
großasiatischen Raum“ zusicherte. Die Vertragsbestimmungen, die vor allem die
USA von einem Kriegseintritt abhalten und eine starke Front gegen Großbritannien
bilden sollten, verfehlten diesen Zweck.[301]

Etwa zur gleichen Zeit, im Sommer und Frühherbst 1940, zeichnete sich jedoch ab,
dass Hitler damit scheiterte, Großbritannien zur Anerkennung der deutschen
Alleinherrschaft auf dem europäischen Festland und Duldung weiterer Eroberungen
im Osten zu zwingen. Am 10. Mai 1940 war Winston Churchill, seit 1933 ein strikter
Gegner der Appeasementpolitik, neuer britischer Premierminister geworden. Am 19.
Juli 1940 lehnte er Hitlers öffentliches Waffenstillstandsangebot über die BBC
umgehend und endgültig ab.[302] Die Luftschlacht um England (10. Juli bis 31.
Oktober 1940), die als militärisches Patt endete, war eine politische und strategische
Niederlage für Hitler, dem es zum ersten Mal misslang, einem Land seinen Willen
aufzuzwingen.[303] Daraufhin ließ Hitler im Frühjahr 1941 die Planungen für die
Invasion Englands einstellen.

Ebenso misslangen Hitlers Versuche, Spanien und das französische Vichy-Regime


zum Kriegseintritt gegen Großbritannien zu bewegen. Am 23. Oktober 1940 traf er
sich in Hendaye mit dem spanischen „Caudillo“ Franco. Hitler rechnete damit, dass
dieser sich für die deutsche Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg als dankbar erweisen
würde, und schlug den sofortigen Abschluss eines Bündnisses und den spanischen
Kriegseintritt für den Januar 1941 vor. Den spanischen Territorialwünschen in
Nordafrika (Französisch-Marokko, Provinz Oran) wollte er aber mit Rücksicht auf
Vichy-Frankreich nicht nachgeben. Außerdem konnte Großbritannien, anders als
Deutschland, Spanien mit Kohle, Kautschuk, Baumwolle und lebenswichtigem
Weizen beliefern, was das Land im Sommer 1940 vor einem wirtschaftlichen Kollaps
bewahrt hatte.[304] Der vorsichtige Franco ließ sich daher nicht zu unbedachten
Schritten, z. B. zu einem Angriff auf Gibraltar, bewegen und war nur zu einem
Protokoll bereit, wonach der spätere Kriegseintritt erst noch gemeinsam festgelegt
werden müsse. Damit war die Abmachung für Hitler praktisch wertlos.[305] Im
internen Kreis „wütete“ er später über das „Jesuitenschwein“ und den „falsche[n]
Stolz des Spaniers“.[306]
Philippe Pétain und Adolf Hitler am 24. Oktober 1940 in Montoire-sur-le-Loir
Foto: Heinrich Hoffmann

Auf der Fahrt nach Hendaye war Hitler bereits am 22. Oktober 1940 in Montoire-sur-
le-Loir zu einem informellen Gespräch mit dem französischen Außenminister Pierre
Laval zusammengetroffen, einem Fürsprecher der Kollaboration mit
Deutschland.[307] Einen Tag nach der Begegnung mit Franco traf Hitler erneut in
Montoire ein, diesmal zu Gesprächen mit Marschall Pétain, seit Juni Staatschef des
besetzten Frankreich. Dabei verfolgte er die Absicht, wenn schon nicht eine
Kriegserklärung Frankreichs an Großbritannien, so wenigstens die Verteidigung der
französischen Kolonien in Nordafrika und Nahost gegen Angriffe der Forces
françaises libres (Charles de Gaulle) und der Briten zu erreichen. Frankreich könne
bei einer Neuverteilung afrikanischer Kolonien aus englischem Besitz voll entschädigt
werden.[308] Pétain und Außenminister Laval bekräftigten, dass das Ausmaß der
Zusammenarbeit Frankreichs mit Deutschland von großzügiger Behandlung und dem
Erwerb von Kolonialgebieten bei einem Friedensschluss abhänge. Hitler bot Pétain
nichts Konkretes an, und umgekehrt sagte Pétain eine aktive Unterstützung nicht
präzise zu. „Das Ergebnis“, so Ian Kershaw, „war daher bedeutungslos“.[309] Henry
Rousso weist darauf hin, dass die Konsequenzen dennoch weitreichend gewesen
seien. Denn obwohl enttäuscht, verkündete Pétain am 30. Oktober 1940 in einer
Rede, er werde den „Weg der Kollaboration“ betreten, und leitete den Wechsel von
einer attentistischen zu einer aktiven Zusammenarbeit seines Regimes mit der
Besatzungsmacht ein. Er prägte dabei nicht nur einen neuen politischen Begriff,
sondern führte auch einen Bruch herbei, der in der französischen und internationalen
Öffentlichkeit negativ aufgenommen wurde.[310]

Hitler gab schließlich den Plan auf, Großbritannien aus dem Mittelmeerraum
(Gibraltar, Malta, Ägypten) zu verdrängen. Seiner Ansicht nach waren die
gravierenden Interessengegensätze zwischen Spanien, Frankreich und Italien im
Mittelmeerraum nicht zu überwinden, sodass eine darauf ausgerichtete Strategie
gegen Großbritannien nicht von großem Nutzen sein würde, diesen Gegner zu
besiegen und derart die USA von einem möglichen Kriegseintritt im Jahr 1941
abzuhalten.[311] Für zwei weitere Optionen, einen strategischen Luftkrieg oder einen
Belagerungskrieg gegen Großbritannien, fehlten die materiellen Voraussetzungen:
eine Flotte schwerer Bomber beziehungsweise eine starke Marine. Die vierte Option,
eine Invasion auf der britischen Insel, wurde von der Heeresführung favorisiert.[312]
Hitler jedoch sah im Sieg über die Sowjetunion, den er aus weltanschaulichen und
rassischen Gründen ohnehin anstrebte, den sichersten Weg für das Deutsche Reich,
sich seitens der USA und Großbritanniens unangreifbar zu machen. Er und sein
Regime hatten laut Ian Kershaw „1940 nur eine Wahl: weiterzuspielen und wie stets
den kühnen Schritt nach vorn zu wagen“.[313]

Der Diktator hatte nach dem Sieg über Frankreich den Gipfel seiner Popularität bei
den Deutschen erreicht. Nach einem Ausspruch von Generaloberst Wilhelm Keitel
stilisierte ihn die NS-Propaganda zum „größten Feldherrn aller Zeiten“,[314] dessen
Genie die nun so genannte „Blitzkriegstrategie“ erfunden und die raschen Siege
bewirkt habe. Auch Hitler selbst war von seinen militärischen Fähigkeiten überzeugt.
Daher griff er, anders als etwa Stalin, immer wieder in operative Entscheidungen der
Militärs ein und entmachtete zunehmend die Generalstäbe, speziell das
Oberkommando des Heeres.[315] Zudem war er der Ansicht, ein Krieg gegen die
Sowjetunion sei, verglichen mit dem Westfeldzug, ein „Sandkastenspiel“.[316] Diese
Geringschätzung des sowjetischen Militärpotentials teilte Hitler mit seinen
Befehlshabern; denn das nachrichtendienstliche Wissen über die Sowjetarmee war
gering.[317] All das sollte sich im Verlauf des Russlandfeldzugs als verhängnisvoll für
die deutsche Kriegsführung erweisen.
Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
→ Hauptartikel: Deutsch-Sowjetischer Krieg und Vernichtungskrieg

Das Wirtschaftsministerium hatte Hitler 1940 informiert, dass die im Hitler-Stalin-Pakt


vereinbarten sowjetischen Rohstofflieferungen, die Deutschland bereits kaum
begleichen konnte,[318] nicht ausreichen würden, um einen langen Krieg gegen
Großbritannien und möglicherweise die USA zu führen. Seine Absicht, demnächst
die Sowjetunion anzugreifen, wurde dadurch bestärkt und in führenden Kreisen von
Wehrmacht, Großwirtschaft und Ministerialbürokratie von vielen geteilt.[319] Hitlers
Ziel war „ein blockadefestes Großimperium“ bis zum Ural und über den Kaukasus
hinaus.[320]
Lagebesprechung im Hauptquartier des Oberbefehlshabers Walther von Brauchitsch
(l. v. Hitler), 1940

Am 21. Juli 1940 sagte Hitler in einer Besprechung mit Walther von Brauchitsch, sein
militärisches Ziel sei es, so weit „russischen Boden in die Hand zu nehmen“, um
feindliche Luftangriffe auf Berlin und das schlesische Industriegebiet verhindern zu
können.[321] Damit rechtfertigte er den Zweifrontenkrieg. Zehn Tage später erörterte
er auf dem Berghof in einem Kreis der höchsten Generale[322] den geplanten
Feldzug gegen die Sowjetunion: Wenn Russland geschlagen sei, dann sei Englands
letzte Hoffnung getilgt.[323] Als politische Ziele nannte er: „Ukraine, Weißrußland,
Baltische Staaten an uns. Finnland bis ans Weiße Meer.“ Militärisch war eine Linie
von Archangelsk im Norden längs der Wolga bis nach Astrachan an der Mündung
derselben avisiert.[324]

Am 12. und 13. November 1940 besuchte der sowjetische Außenminister Molotow
Berlin. Auch dieses Treffen blieb ergebnislos, da die territorialen Interessen
Deutschlands und der Sowjetunion nach Ansicht Hitlers nicht miteinander vereinbar
waren.[325] Danach war er mehr denn je davon überzeugt, dass die „Vernichtung“
der Sowjetunion in einem Blitzfeldzug der einzige Weg sei, den Krieg zu
gewinnen.[326] Er wies daher Brauchitsch und Franz Halder am 5. Dezember 1940
an, das Heer für einen Angriff auf die Sowjetunion Ende Mai nächsten Jahres
vorzubereiten. Am 18. Dezember 1940 gab er seine formelle Weisung für das
„Unternehmen Barbarossa“ heraus, „vor Beendigung des Krieges gegen England
Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.“[327]

In den Folgemonaten erließ er den Kommissarbefehl und weitere Befehle, die


sowjetischen Führungseliten im Gefolge der Front zu ermorden und
Partisanenaktionen durch Vergeltungsakte an Zivilisten zu bekämpfen. Vor über 200
höheren Offizieren der Wehrmacht erklärte er am 30. März 1941 in der
Reichskanzlei, der bevorstehende Krieg sei ein rassenideologischer
Vernichtungskrieg und ohne Rücksicht auf kriegsvölkerrechtliche Normen zu führen.
Die Befehlshaber müssten jegliche persönlichen Skrupel überwinden. Keiner der
Anwesenden nahm den Anlass wahr, Hitlers Forderungen nachher noch einmal zur
Erörterung zu stellen.[328] Das OKW und das OKH gaben daraufhin entsprechende
operative Befehle aus. Zudem sah die Blitzkriegsplanung vor, große Teile der
sowjetischen Bevölkerung verhungern zu lassen. Überleben sollte nur, wer in den
besetzten Gebieten für die Bereitstellung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln
benötigt wurde. Die übrigen galten als unnütze Esser, die die deutsche
Ernährungsbilanz belasteten (→ Hungerplan).

Mit einmonatiger Verzögerung infolge des Balkanfeldzuges überfiel die Wehrmacht


die Sowjetunion am 22. Juni 1941 auf Hitlers Befehl ohne offizielle Kriegserklärung.
Das stattdessen in Moskau von Schulenburg übergebene „Memorandum“
behauptete ebenso wie die folgende NS-Propaganda eine akute Angriffsabsicht der
Roten Armee, die Hitler rechtzeitig vorhergesehen habe und der er nun
vorbeuge.[329] Letztere gab Hitler als Retter des Abendlandes vor „asiatischer
Barbarei“ und kulturzerstörendem „(jüdischem) Bolschewismus“ aus. An dieser
Präventivkriegsthese hielten viele Generäle der Wehrmacht weit über 1945 hinaus
fest. Dagegen betonen Historiker Hitlers Absichten, die er 1927 im zweiten Band von
Mein Kampf dargelegt und seit 1933 wiederholt bekräftigt hatte: Er wollte die
Sowjetunion zur „Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und
Ernährungsbasis“ der Deutschen erobern, das fiktive, dort angeblich herrschende
Weltjudentum vollständig vernichten[330] und die Bevölkerung der eroberten Gebiete
entweder als Sklavenarbeiter ausbeuten oder ebenfalls vernichten. In Leningrad, das
von September 1941 bis Januar 1944 von deutschen und finnischen Truppen
belagert wurde, tötete die deutsche „rassistisch motivierte Hungerpolitik“ etwa 1,1
Millionen Menschen.[331]

Trotz siegreicher Kesselschlachten war der Plan Barbarossa bereits im August 1941
gescheitert, weil aus den Kesselschlachten große Teile des Gegners entkamen und
sich neu formierten, der Überraschungseffekt abflaute, die deutschen Verluste
zunahmen und Hitlers „Zickzack der Anordnungen“ zur Schwerpunktbildung bei der
Heeresgruppe Mitte und der Heeresgruppe Süd sich häufte.[332] Der deutsche
Vormarsch geriet ab Oktober 1941 ins Stocken. Die Sowjetunion konnte einen
Großteil ihrer Rüstungsproduktion östlich des Urals fortsetzen und neue Divisionen
an ihre Westfront führen. Sie war grob fahrlässig unterschätzt worden, und die
deutsche Logistik für die Eroberung eines so großen Landes war unzureichend.[333]
Bei einer Konferenz in Berlin am 29. November 1941 berichtete Walter Rohland
Hitler und dem OKW von der Überlegenheit der sowjetischen Panzerproduktion.
Nach seinen Angaben sagte Rüstungsminister Fritz Todt dabei im kleinen Kreis:
„Dieser Krieg ist militärisch nicht mehr zu gewinnen!“ Hitler habe gefragt, wie er ihn
beenden solle, und eine politische Lösung als kaum möglich ausgeschlossen.[334]
Lagebesprechung im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd in Poltawa, 1. Juni 1942

Der Angriff auf Moskau (Beginn 2. Oktober) war ein letzter improvisierter Versuch
Hitlers, die Niederlage der Sowjetunion vor dem Winter zu erzwingen. Aber ab Mitte
Oktober ließen heftige Regenfälle und später strenger Frost (−22 °C) alle
Operationen zum Stillstand kommen. Die Ausrüstung der deutschen Armee für den
Winterkrieg und der Nachschub für die Heeresgruppe Mitte waren völlig
unzureichend.[335] Trotzdem beharrte Hitler auf der Meinung, die Rote Armee
befinde sich kurz vor dem Zusammenbruch, und wollte Moskau belagern und
aushungern lassen. Am 5. Dezember musste der Vormarsch wegen arktischer
Temperaturen von minus 40 bis 50 Grad Celsius und des mangelnden Nachschubs
an Waffen, Verpflegung und Winterausrüstung 20 km vor Moskau eingestellt werden.
Am Tag darauf begann der sowjetische Gegenangriff mit 100 Divisionen, unter ihnen
frische, für den Winterkrieg ausgerüstete Einheiten aus Fernost, der die
Heeresgruppe Mitte zum Rückzug zwang.[336] Der Rückzug drohte in eine heillose
Flucht umzuschlagen. In dieser gefährlichen Situation verbot Hitler am 15. und am
19. Dezember 1941 jeden weiteren Rückzug und erlaubte „nur dort eine
Ausweichbewegung […], wo weiter rückwärts eine Stellung vorbereitet ist“.[337]
Dieser Befehl trug „möglicherweise und vorübergehend zur Vermeidung einer
Katastrophe von napoleonischen Ausmaßen bei“.[338] Hitler übernahm selbst den
Oberbefehl über das Heer von Walther von Brauchitsch und war überzeugt: „Das
bißchen Operationsführung kann jeder machen.“[339] Aber wäre Hitler flexibler
gewesen, wäre die Ostfront bis Ende Januar 1942 wahrscheinlich mit weniger
Verlusten an Menschenleben konsolidiert worden.[340] Die deutschen Verluste in der
Schlacht um Moskau, 581.000 Soldaten, waren größer als die in Stalingrad und bei
Kursk im folgenden Jahr. Die Sowjetunion verlor 1,8 Millionen Soldaten.

Vor Moskau wandte das Ostheer erstmals das Prinzip der „verbrannten Erde“ zur
Deckung des Rückzugs an, das sowjetische Zivilisten und Kriegsgefangene im
Rückzugsgebiet massenhaft dem Hunger- oder Kältetod preisgab. Nicht alle Befehle
dazu stammten von Hitler oder Keitel, sollten aber „dem Führer
entgegenarbeiten“.[341]

Die Niederlage vor Moskau gilt als Zäsur des Weltkriegs, weil sie die Serie der
deutschen Blitzkriege beendete.[342] Hitler erkannte dies laut Jodl sofort.[343]
Der Deutsch-Sowjetische Krieg „war genau der Krieg, den Hitler seit den zwanziger
Jahren gewollt hatte“.[344] Als bisher verlustreichster Krieg der
Menschheitsgeschichte kostete er etwa 28 Millionen Sowjetbürgern das Leben,
darunter 15,2 Millionen Zivilisten.[345] Mindestens 4,2 Millionen Menschen starben
hungers, unter ihnen 2,5 Millionen[346] der 3,3 Millionen sowjetischen
Kriegsgefangenen, die im deutschen Gewahrsam an Unterernährung, Krankheiten
oder Misshandlungen starben oder erschossen wurden.[347]
Holocaust
→ Hauptartikel: Holocaust und Holocaustforschung
Hitler-Porträt im KZ Mauthausen

Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die Eskalation zum Holocaust
gingen Hand in Hand. Die vier Einsatzgruppen der SS sollten nach Heydrichs
Instruktion vom 2. Juli 1941 kommunistische Funktionäre, „radikale Elemente“
(Partisanen) sowie „alle Juden in Partei- und Staatsstellungen“ erschießen. Bald
wurden unterschiedslos alle auffindbaren Juden als angebliche Partisanen ermordet
– zunächst überwiegend Männer, dann auch jüdische Frauen und Kinder.[348]

Am 16. Juli 1941 begrüßte Hitler gegenüber ranghohen NS-Funktionären den


sowjetischen Partisanenkrieg: „… er gibt uns die Möglichkeit, auszurotten, was sich
gegen uns stellt.“[349] Er übertrug Himmler für diese Mordaufgabe die Führung über
SS, Polizei und SD im Osten.[350] Himmler verstärkte die Einsatzgruppen sofort von
3.000 auf 33.000 Mann. Hitler ließ sich ab 1. August laufend über ihre Ergebnisse
berichten. In den ersten fünf Monaten des Ostfeldzugs ermordeten sie ungefähr
500.000 Juden.[351]

Am 19. August folgte Hitler dem Vorschlag von Goebbels, nach den polnischen die
deutschen Juden zum Tragen des Judensterns zu zwingen. Etwa am 17. September
1941 erlaubte er auf Drängen vieler Gauleiter, die Deportation der deutschen Juden
nach Osten einzuleiten, die er bislang erst nach dem Sieg über die Sowjetunion
beginnen lassen wollte. Damit reagierte er auf Alfred Rosenbergs Vorschlag, sich so
an Stalins Deportation der Wolgadeutschen zu rächen.[352] Am 25. Oktober kam
Hitler vor Vertrauten auf seine Ankündigung vom 30. Januar 1939 zurück, die Juden
im Fall eines neuen Weltkriegs als Vergeltung für die deutschen Kriegsopfer zu
vernichten: „Diese Verbrecherrasse hat die zwei Millionen Toten des Weltkrieges auf
dem Gewissen, jetzt wieder Hunderttausende. Sage mir keiner: Wir können sie doch
nicht in den Morast schicken! […] Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, daß
wir das Judentum ausrotten.“[353]

Am 12. Dezember 1941, dem Tag nach seiner Kriegserklärung an die USA, sagte
Hitler nach Goebbels’ Notizen zu den in die Reichskanzlei geladenen Gau- und
Reichsleitern: „Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die
notwendige Folge sein.“ Die Juden müssten die Opfer unter deutschen Soldaten im
„Ostfeldzug“ mit ihrem Leben bezahlen.[354] Die Anwesenden, darunter Hans Frank,
verstanden Hitlers Aussage als Aufforderung, die europäischen Juden nicht mehr
abzuschieben, sondern im besetzten Polen zu ermorden und nach geeigneten
Methoden dafür zu suchen.[355] Am 18. Dezember 1941 notierte Himmler in seinen
Dienstkalender, Hitler habe auf sein Nachfragen das bisherige Vorgehen der
Einsatzgruppen bestätigt und befohlen: „Judenfrage / als Partisanen
auszurotten“.[356]

Hitler hatte Görings Auftrag an Reinhard Heydrich vom 31. Juli 1941 zur
„Gesamtlösung der Judenfrage“ autorisiert und ordnete auch die Wannseekonferenz
vom 20. Januar 1942 an, auf der Heydrich seinen Auftrag erläuterte: 11 Millionen
europäische Juden sollten nach Osten deportiert werden, angestrebt sei ihre
„natürliche Verminderung“ durch Sklavenarbeit sowie „entsprechende Behandlung“
der Überlebenden. Damit umschrieb er die Ausrottungsabsicht in der Tarnsprache
des NS-Regimes.[357] Für die „Räumung“ von bereits überfüllten Judenghettos für
nachfolgende Deportierte wurden ab März 1942 im besetzten Polen drei
Vernichtungslager in Betrieb genommen. Damit begann auch die Ermordung der
Deportierten sofort bei ihrer Ankunft und durch Gaskammern. Davon waren Juden
und Roma betroffen.[358]
Ankunft von Juden aus Ungarn im KZ Auschwitz, Mai 1944

Ein schriftlicher Holocaustbefehl Hitlers wurde nicht gefunden und gilt als
unwahrscheinlich.[359] Seine Aussage vom 12. Dezember 1941 deuten manche
Historiker als Entscheidung, die Judenmorde auf ganz Europa auszuweiten, oder
zumindest als wichtigen Eskalationsschritt des Holocaust. Diesen habe Hitler jedoch
nicht allein eingeleitet und nicht an einem einzigen Datum befohlen.[360]

Zeitzeugen belegten mündliche Befehle Hitlers zur Durchführung von Judenmorden.


So berief sich Staatssekretär Wilhelm Stuckart Ende Dezember 1941 – also wenige
Wochen vor der Wannseekonferenz zur systematischen Vernichtung der Juden –, als
er wegen Anordnungen zu Judenmorden entlassen werden sollte, erfolgreich auf
einen Führerbefehl. Heinrich Himmler sprach in Briefen und Reden an Untergebene
wie den Posener Reden von 1943 wiederholt von Hitlers ihm auferlegten Befehl zur
„Endlösung“ und hielt besondere Anweisungen Hitlers dazu in seinen Privatnotizen
fest. Hitler selbst erklärte ab Januar 1942 öffentlich mehrfach, dass sich seine
„Prophezeiung“ vom Januar 1939 nun „erfülle“. Folgerichtig bezeichnete Goebbels
ihn in einem Tagebucheintrag vom 27. März 1942 als „unentwegten Vorkämpfer und
Wortführer einer radikalen Lösung“ der „Judenfrage“.[361] Hitler ließ sich am 7.
Oktober 1942 persönlich von Odilo Globocnik über die Judenmorde in vier
Vernichtungslagern unterrichten und im März 1943 den Korherr-Bericht über die
Ermordung (umschrieben als „Evakuierung“ und „Sonderbehandlung“) von bis dahin
2,5 (tatsächlich über drei) Millionen Juden vorlegen. Auch die Tarnsprache ordnete er
an. NS-Täter wie Rudolf Höß und Adolf Eichmann haben nach Kriegsende einen
Befehl Hitlers vom Sommer oder Herbst 1941 zur Ausrottung der Juden
bezeugt.[362] Auf dem Höhepunkt der Schlacht um Stalingrad erinnerte Hitler am 8.
November 1942 im Münchener Löwenbräukeller zum vierten Mal in jenem Jahr an
seine „Prophezeiung“ über die Juden, als er gerade alle Kompromisse und
Friedensangebote an äußere Feinde ausgeschlossen hatte. Das Ergebnis des
„internationalen Weltkrieg“[s] werde „die Ausrottung des Judentums in Europa
sein“.[363]
Weiterer Kriegsverlauf

Am 7. Dezember 1941 griff das mit Deutschland verbündete Kaiserreich Japan den
US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor an und zog damit die USA in den Zweiten
Weltkrieg. Hitler, nicht über den Zeitpunkt des japanischen Angriffs informiert,
begrüßte den Angriff euphorisch: Nun könne Deutschland den Krieg nicht mehr
verlieren.[364]
Reichstagsrede Hitlers zur Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten, Krolloper
Berlin, 11. Dezember 1941

Im Reichstag erklärte er am 11. Dezember 1941 den USA den Krieg, ohne dass der
Dreimächtepakt ihn dazu verpflichtete, ohne vorher seine Generäle zu konsultieren
und ohne die militärstrategischen und wirtschaftlichen Folgen für die eigene
Kriegführung kalkulieren zu lassen.[365] Historiker nehmen verschiedene Gründe
dafür an: Hitler habe für 1942 ohnehin mit dem Eingreifen der USA gerechnet und
ihre seit dem Leih- und Pachtgesetz begonnenen Rüstungslieferungen an
Großbritannien und die Sowjetunion als Kriegseintritt gewertet. Er habe ihre
Kriegserklärung nicht abwarten wollen, um ein Zeichen der Stärke zu setzen. Er habe
immer noch mit dem baldigen Sieg über die Sowjetunion gerechnet und einen
„Weltblitzkrieg“ mit dem Ziel deutscher Weltherrschaft führen wollen. Er habe
Einzelsiege der USA gegen die Achsenmächte und etwaige bilaterale
Friedensverhandlungen von vornherein ausschließen wollen. Er habe die Möglichkeit
eines U-Boot-Krieges im Atlantik gegen US-Schiffe eröffnen wollen.[366] Hitler
versuchte, die Entwicklung im Pazifik als vorteilhaft darzustellen. Denn der Krieg im
Pazifik werde die USA veranlassen, ihre Waffenlieferungen an Großbritannien zu
reduzieren. Deutschland werde also genügend Zeit gewinnen, um vor einem
amerikanischen Eingreifen in Europa den Kontinent vollständig unter Kontrolle
gebracht zu haben.[367]

Im Krieg wurde Hitler zu einem „Workaholic“, der vor allem mit Details beschäftigt
war, ohne sich erholen zu können, umgeben von der immer gleichen, wenig
inspirierenden Entourage. Nächte mit wenig Schlaf und tägliche lange
Besprechungen mit führenden Militärs folgten aufeinander. Sein Arbeitsstil war Folge
der extrem personalisierten Herrschaft und seiner Unfähigkeit, Autorität zu
delegieren. Seine egomanische Überzeugung, nur er könne den Sieg gewährleisten,
verstärkte sein Misstrauen gegen seine Generäle und vermehrte seine cholerischen
Wutausbrüche. Dies zerstörte ab 1940 die geregelte Arbeit der Regierung und des
militärischen Kommandos, was mit Hitlers Übernahme der Heeresführung in der
Winterkrise 1941 deutlich wurde. Bei Angelegenheiten, die die Heimatfront betrafen,
beanspruchte er kompromisslos die Autorität, intervenierte aber nur sporadisch und
unsystematisch, um Untätigkeit zu verschleiern.[368]

Anfang 1943 verlor die Wehrmacht mit ihren bislang höchsten Verlusten die Schlacht
von Stalingrad. Diese Niederlage gilt als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Hitler
war dafür verantwortlich, da er dem Befehlshaber der 6. Armee den Rückzug aus
Stalingrad verboten hatte, solange dies noch operativ möglich gewesen war, ohne
die Heeresgruppe A, die bis zum Kaukasus vorgestoßen war, zu gefährden. Hitler
selbst äußerte danach, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei.[369]

Das Deutsche Afrikakorps (DAK) verlor die zweite Schlacht von El-Alamein, und
Rommel befahl am 4. November 1942 gegen Hitlers Befehl wegen erdrückender
Übermacht der Briten den Rückzug. In Tunesien wurde das DAK von britischen und
inzwischen eingetroffenen US-Truppen in die Zange genommen („Operation Torch“).
Rommels Bitte vom März 1943, Tunesien räumen und seine Truppen nach Sizilien
zurückziehen zu dürfen, lehnte Hitler strikt ab und berief Rommel aus Nordafrika ab.
Am 12. Mai 1943 kapitulierten 150.000 deutsche und 100.000 italienische Soldaten
bei und in Tunis. Diese Niederlage deuteten viele Deutsche als „zweites Stalingrad“
oder „Tunisgrad“.[370]
Hitler spricht beim Staatsakt zum umgedeuteten „Heldengedenktag“ (heute wieder
Volkstrauertag) der gefallenen Soldaten in Berlin, 21. März 1943

Anfang April 1943 traf Hitler Mussolini im Schloss Kleßheim bei Salzburg und lehnte
dessen Eintreten für einen Kompromissfrieden im Osten kategorisch ab. Mit langen
Monologen über die preußische Geschichte versuchte er, Mussolini zur Fortsetzung
des Krieges zu bewegen.[371] Auch die verbündeten Machthaber von Bulgarien,
Rumänien, Ungarn, Norwegen, der Slowakei, Kroatien und Frankreich traf er bis
Ende April in Kleßheim, um ihren Widerstandswillen durch Schmeichelei, gutes
Zureden und kaum verhüllte Drohungen zu stärken.[372] Mit Hilfe eigens
angefertigter Karten des OKW, auf denen der Frontverlauf im Osten falsch
eingetragen und die Kräfte des Gegners sowie die eigenen nicht erkennbar waren,
beschönigte er die Lage.[373]

Anfang 1944 erlangten die alliierten Bomber- und Jagdverbände allmählich die
Luftüberlegenheit und zerstörten viele große und mittlere deutsche Städte durch
Flächenbombardements. Trotzdem ließ Hitler weiterhin Bomber statt vermehrt
Jagdflugzeuge zur Bekämpfung dieser Angriffe bauen. Nach der „Operation
Gomorrha“ gegen Hamburg im Juli 1943, bei der über 30.000 Menschen im
Feuersturm umkamen, weigerte er sich, die zu mehr als 50 Prozent zerstörte Stadt
zu besuchen, empfing keine Delegation der Rettungsdienste und hielt keine
Rundfunkrede.[374] Nach drei Großangriffen auf Berlin im August und September
1943 notierte Goebbels in sein Tagebuch, dass man „vor allem beklagt, daß
bezüglich des Luftkriegs von seiten des Führers kein erklärendes Wort gesprochen
wird“.[375]

Hitlers strategische Fehlentscheidungen begünstigten die „Operation Overlord“ am 6.


Juni 1944. So hatte er zwar zunächst die Normandie als Invasionsgebiet
angenommen, sich jedoch von seinem Stab wieder davon abbringen lassen und
glaubte noch am 13. Juni an ein Täuschungsmanöver. Er verbot, Truppen von
anderen Küstenabschnitten abzuziehen,[376] und vermutete eine Landung am Pas-
de-Calais. Die deutschen Truppen in der Normandie wurden an unerwarteter Stelle
überrascht. Von Rundstedt, der Oberbefehlshaber West, hatte am frühen Morgen um
die Freigabe zweier bei Paris stationierter Panzerdivisionen gebeten. Alfred Jodl
lehnte das ab. Erst gegen Mittag stimmte Hitler dem verspäteten Einsatz dieser
Reserve gegen den 150 Kilometer entfernten alliierten Brückenkopf zu. Seine
Adjutanten hatten bis etwa 10 Uhr gezögert, Hitler zu wecken, da er erst gegen drei
Uhr morgens zu Bett gegangen war. „Diese Verzögerung war entscheidend.“[377]
Als alliierte Truppen im August 1944 auf Paris vorrückten, befahl Hitler, die Stadt bis
zum letzten Mann zu verteidigen, und nahm damit ihre Zerstörung in Kauf. Der
deutsche Stadtkommandant Dietrich von Choltitz ignorierte Hitlers Befehl zum
Widerstand und übergab Paris kampflos und nahezu unversehrt an den
französischen Generalmajor Jacques-Philippe Leclerc de Hauteclocque.

Weil Hitler merkte, dass er das Vertrauen der Deutschen verloren hatte und ihnen
keine Triumphe mehr verkünden konnte, redete er 1944 nicht mehr öffentlich[378]
und nur dreimal (am 30. Januar, 21. Juli und 31. Dezember) im Rundfunk.[379] Sein
Gesundheitszustand verschlechterte sich rasch. Wahrscheinlich litt er an der
Parkinson-Krankheit, die seine politisch-militärische Entscheidungsfähigkeit kaum
beeinflusste.[380] Trotz fortwährender Niederlagen, immenser Opfer, gewaltiger
Zerstörungen und des Wissens um die unvermeidbare deutsche Niederlage ließ
Hitler den Krieg fortsetzen. Seine Eingriffe in die Kriegführung, etwa das Verbot,
gefährdete Truppenteile frühzeitig zurückzuziehen (→ Fester Platz (Wehrmacht)),
bewirkten massive Verluste auf Seiten der Wehrmacht.

In einer von zahlreichen Illusionen bestimmten Gesamtbeurteilung hatte Hitler schon


Mitte August 1944 erwogen, gegen die Westalliierten einen empfindlichen
militärischen Schlag zu führen, der den Zusammenbruch der Anti-Hitler-Koalition
bewirken sollte. Vier Tage vor Beginn der Ardennenoffensive sagte er zu seinen
Kommandeuren, dass der Feind, „ganz gleich, was er auch tut, nie auf eine
Kapitulation rechnen kann, niemals, niemals“; dieser werde schließlich „eines Tages
einen Zusammenbruch seiner Nervenkräfte erleben“.[381]
Die ersten Vorbereitungen für die Offensive liefen, unter größter Geheimhaltung, im
Spätsommer 1944 an. Hauptziel der Offensive war die Hafenstadt Antwerpen, für
den Nachschub der Alliierten von großer Bedeutung. Sie begann am 16. Dezember
1944 und musste bereits Anfang 1945 abgebrochen werden. Hitler trug dennoch
weiter öffentlich höchste Zuversicht zur Schau und feuerte Menschen in seiner
Umgebung an. Gegenüber Nicolaus von Below gab er jedoch zu, der Krieg sei
verloren. Das führte er wie üblich auf Verrat und Versagen anderer zurück. Er strebte
jetzt nur noch seinen Platz in der Geschichte an: „Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir
können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen.“[382] Dabei machte
Hitler vor dem eigenen Volk nicht halt. Der Terror kehrte heim ins Reich:[383]

„Der Führer erwartet, daß die Gauleiter die ihnen damit gestellte Aufgabe mit der
erforderlichen Härte und Folgerichtigkeit durchführen und rücksichtslos jede
Auflösungserscheinung, Feigheit und Defaitismus mit den Todesurteilen der
Standgerichte niederhalten. Wer nicht für sein Volk zu kämpfen bereit ist, sondern
ihm in ernstester Stunde in den Rücken fällt, ist nicht wert, weiter zu leben und muss
dem Henker verfallen.“

Graffito im von amerikanischen Alliierten befreiten Konzentrationslager Buchenwald


im April 1945: „Hitler muss sterben, damit Deutschland lebt“. Davor befindet sich eine
gehängte Hitler-Puppe.

Am 7. März erreichten US-Soldaten die unzerstörte Brücke von Remagen südlich


des Ruhrgebiets. Hitler ließ ein „Fliegendes Standgericht“ an die Westfront
entsenden, das fünf Offiziere der Brückenmannschaft von Remagen am 9. März zum
Tode verurteilte.[384] Am 23. März begann die Rheinüberquerung nördlich des
Ruhrgebiets bei Wesel durch britische Truppen. Damit war der Krieg im Westen
endgültig verloren, aber Hitler weigerte sich, zu kapitulieren. Er sah nur noch in
einem „Kampf bis zum Letzten“ Sinn, um so wenigstens von zukünftigen
Generationen geachtet zu werden.[385]

Seit Anfang seiner politischen Karriere dachte Hitler in extremen Alternativen:


Deutschland werde siegen oder untergehen. Je unwahrscheinlicher ein Sieg wurde,
desto totaler sollte die deutsche Niederlage sein.[386] Gegenüber Speer erklärte er
am 18. März 1945, es sei nicht notwendig, Rücksicht auf die Grundlagen zu nehmen,
die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben brauche. Es sei besser, selbst diese
Dinge zu zerstören. Das Volk habe sich als das schwächere erwiesen, und die
Zukunft gehöre ausschließlich dem stärkeren „Ostvolk“. Am 19. März befahl Hitler
durch Führererlass (später „Nerobefehl“ genannt) die Zerstörung aller Infrastrukturen
beim Rückzug des Heeres. Er beauftragte Speer und die Gauleiter, die Zerstörungen
durchzuführen, erfuhr aber, dass Speer seinen Befehl sabotiere. Dieser bestritt dies.
Goebbels sah darin Hitlers Autorität schwinden.[387]
Widerstand gegen Hitler
→ Hauptartikel: Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Liste der Attentate
auf Adolf Hitler

Zwischen 1933 und 1945 leisteten Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen aus
verschiedenen Gründen Widerstand gegen Hitlers Regime. Nur wenige lehnten von
vornherein seine Diktatur ab. Die verfolgten Kommunisten und Sozialdemokraten
hatten schon vor 1933 gewarnt: „Hitler bedeutet Krieg!“[388] Die Exil-SPD Sopade
versuchte, die Deutschen vom Ausland aus zu beeinflussen, und rief sie am 30.
Januar 1936 mit der Flugschrift „Für Deutschland – gegen Hitler!“ zum Aufstand
gegen dessen Regime auf.[389]
Hitler-Attentäter Georg Elser auf einer deutschen Briefmarke, 2003
Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ nach dem Attentat vom 20. Juli 1944
Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf einer bundesdeutschen
Briefmarke, 1964

Seit Februar 1933 gab es viele anonyme Attentatsdrohungen gegen Hitler.


Einzeltäter waren unter anderen der von der nationalsozialistischen
Oppositionsgruppe „Schwarze Front“ beauftragte Helle Hirsch im Dezember 1936,
der ehemalige Schweizer Theologiestudent Maurice Bavaud im November 1938 und
der Handwerker Georg Elser.[390] Dessen selbstgebastelter Sprengsatz explodierte
am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, nur Minuten nachdem Hitler
seine Rede dort beendet hatte. Elser wurde als „Sonderhäftling des Führers“ im KZ
Dachau am 9. April 1945 auf Hitlers persönlichen Befehl ermordet.[391]

Die 1934 gegründete Bekennende Kirche widersprach zwar staatlichen Übergriffen


auf die Kirchenorganisation, weniger Staatsverbrechen. Viele ihrer Mitglieder wählten
die NSDAP, billigten die Aufhebung der Demokratie und die Judenverfolgung.[392]
Pastor Dietrich Bonhoeffer kritisierte den Führerkult im Februar 1933 in einem
Rundfunkvortrag („Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes“) und
forderte im April 1933 kirchlichen Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen
des Hitlerregimes. Nach den Novemberpogromen 1938 half er im Kreis um Hans
Oster aktiv mit, ein Attentat auf Hitler vorzubereiten.[393]

1938 bildeten sich konservative und innermilitärische Widerstandsgruppen wie der


Goerdeler-Kreis und der Kreisauer Kreis.[394] Ihre Umsturzpläne setzten auf Teile
der Wehrmacht, hatten daher nur bei einer Tötung Hitlers Erfolgsaussicht und
konnten nur von Personen mit Zugang zum engsten Führungskreis um ihn
ausgeführt werden. Diese hatten Hitler unbedingte Treue geschworen; schwere
Gewissenskonflikte waren also unvermeidbar.[395] In der Septemberverschwörung
planten einige hohe Militärs und Beamte im Auswärtigen Amt, dass Hauptmann
Friedrich Wilhelm Heinz am 28. September 1938 mit einem Stoßtrupp in die
Reichskanzlei eindringen und Hitler in einem Handgemenge erschießen sollte.[396]
Als dieser überraschend einem Kompromiss für das Münchner Abkommen
zustimmte, erschien es aussichtslos, seinen Sturz mit „militärischem Abenteurertum“
zu rechtfertigen.[397] Daraufhin unterblieb das Attentat, das von Brauchitsch und
Halder nur halbherzig unterstützt hatten.[398] Die an der Verschwörung beteiligten
Militärs im OKH und in der Amtsgruppe Abwehr des OKW hielten Hitlers Vorhaben,
Frankreich schon 1939 anzugreifen, für undurchführbar und wollten diesen Angriff mit
einem weiteren Putschversuch verhindern. Nach Elsers Attentat wurden die
Vorkehrungen zu Hitlers Schutz jedoch verschärft. Brauchitsch fürchtete nach einem
Wutausbruch Hitlers am 5. November 1939, dieser wisse über den bevorstehenden
Putschversuch Bescheid. Daraufhin nahm Hans Oster an, dass eine für den 11.
November 1939 geplante Sprengstoffübergabe an Erich Kordt zu riskant sei; somit
unterblieb dieses geplante Attentat.[399]

Die als Weiße Rose bekannt gewordene Münchner Gruppe versuchte bis zur
Verhaftung der Geschwister Scholl am 18. Februar 1943, die Deutschen, besonders
die Jugend, mit Flugblättern zum Widerstand zu bewegen. Hauptgrund waren NS-
Verbrechen wie der Holocaust, von dem die Gruppe über Auslandssender wusste.
Die Mitglieder wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet.

Nach der Niederlage in Stalingrad versuchten einige Offiziere der Heeresgruppe


Mitte erneut, Hitler zu töten. Die Bombe, die Henning von Tresckow am 13. März
1943 in Hitlers Flugzeug schmuggelte, zündete nicht.[400] Am 21. März 1943 wollte
Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff sich während einer Ausstellung im Berliner
Zeughaus zusammen mit Hitler in die Luft sprengen. Dieser verließ die Ausstellung
schon nach wenigen Minuten, bevor der Säurezünder wirksam werden konnte. Von
Gersdorff konnte den Zünder noch rechtzeitig entschärfen.[401]

Das Attentat vom 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze verletzte vier
Anwesende tödlich; Hitler blieb fast unverletzt. Er äußerte direkt danach: Die
Vorsehung habe ihn gerettet, damit er seinen „Auftrag“ zu Ende führen könne. Claus
Schenk Graf von Stauffenberg, der die Bombe abgelegt und einen Staatsstreich zur
Beendigung des Krieges vorbereitet hatte, und drei seiner Mitstreiter wurden ohne
Prozess und ohne Hitlers Einverständnis am 21. Juli kurz nach Mitternacht im Hof
des Bendlerblocks in Berlin von einem Erschießungskommando exekutiert.[402]

Im Rundfunk erklärte Hitler, eine „ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und
zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere“ habe geplant, ihn und den
Wehrmachtführungsstab „auszurotten“.[403] Anders als beim Dolchstoß 1918
würden diesmal die Verbrecher „unbarmherzig ausgerottet werden“. Die Wehrmacht
sollte die beteiligten Offiziere zuerst ausschließen, der Volksgerichtshof sollte sie
dann als gewöhnliche Kriminelle zum Tod verurteilen und innerhalb von zwei
Stunden hängen lassen, damit sie ihre Motive und Ziele nicht erklären konnten.
Roland Freisler, der auch in der NSDAP als „Blutrichter“ galt, war sofort bereit, ganz
im Sinne Hitlers zu urteilen. Dieser nutzte das gescheiterte Attentat, um Widerstände
gegen seine Kriegführung in den Stäben der Wehrmacht endgültig auszuschalten
und skeptischen Generälen die Schuld an den verlorenen Schlachten zu geben.[404]

Eine 400 Mitarbeiter umfassende Ermittlungsgruppe der Gestapo deckte ein weit
verzweigtes Verschwörernetz auf und fand am 22. September 1944 in Zossen Akten,
die Absprachen für Putschversuche vor 1939 und damit eine dauerhafte militärische
Opposition gegen Hitler belegten. Dieser verbot dem Volksgerichtshof, die
Dokumente in den laufenden Prozessen zu verwenden: Die Deutschen sollten nicht
erfahren, dass der Attentatsversuch Vorläufer hatte und nicht nur von wenigen
geplant worden war.[405] Ab August 1944 verurteilte der Volksgerichtshof in mehr als
50 Prozessen über 110 Personen des 20. Juli 1944 zum Tod; 89 davon wurden bis
zum 30. April 1945 im Gefängnis Berlin-Plötzensee erhängt.[406] Insgesamt wurden
etwa 200 Personen als Beteiligte hingerichtet.[407]
Ende im Bunker

Ab 16. Januar 1945 lebte Hitler meist in den Räumen des Bunkers im Garten der
Alten Reichskanzlei in Berlin. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 20. März
1945 zeichnete er 20 Hitlerjungen und 30 SS-Soldaten mit dem Eisernen Kreuz für
ihre „Heldentaten bei der Verteidigung Berlins“ aus.[408]

Als Präsident Roosevelt am 12. April 1945 starb, hoffte Hitler kurzzeitig auf einen
Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und drängte die Soldaten der Wehrmacht mit der
Drohung sowjetischer Gräueltaten am 16. April nochmals zum bedingungslosen
Weiterkämpfen. Am 20. April 1945 empfing er im Führerbunker letztmals Gäste zu
seinem Geburtstag. Am 22. April erlitt er einen Nervenzusammenbruch, als er erfuhr,
dass SS-Obergruppenführer Felix Steiner den befohlenen Entsatzangriff seiner
Armeegruppe in der Schlacht um Berlin als undurchführbar verweigert habe. Hitler
klagte, alles sei verloren, auch die SS habe ihn verraten, und entließ Teile seines
Stabes. Er beschloss, in Berlin zu bleiben, und beauftragte seinen Chefadjutanten,
SS-Obergruppenführer Julius Schaub, alle Papiere und Dokumente aus seinen
Privattresoren in Berlin, München und auf dem Berghof zu verbrennen.[409] Am 23.
April 1945 telegrafierte Göring aus Berchtesgaden an Hitler, er (der Reichsmarschall)
betrachte sich für den Fall, dass Hitler weiterhin in Berlin ausharre und bis 22 Uhr
keine anderslautende Mitteilung einginge, gemäß der im Juni 1941 per Erlass
getroffenen Regelung ab sofort als Nachfolger des Führers mit allen Vollmachten.
Hitler interpretierte dies als versuchten Staatsstreich und unterzeichnete einen von
Martin Bormann aufgesetzten Funkspruch, wonach der Reichsmarschall seiner
Ämter enthoben und sofort wegen Hochverrats zu verhaften sei.[410] Göring wurde
daraufhin auf dem Obersalzberg von der dortigen SS-Kommandantur festgesetzt. Am
25. April meldete der Großdeutsche Rundfunk, Göring sei aufgrund von
Herzproblemen von all seinen Ämtern zurückgetreten.[411] Am 25. April hörte Hitler
von der Siegesfeier von US-Soldaten mit Rotarmisten in Torgau und von der
Einkesselung ganz Berlins durch die Rote Armee. Er ließ sich laufend über deren
Vorrücken in das Stadtzentrum unterrichten.

Am 27. April soll Hitlers Entschluss zum Suizid festgestanden haben, um


Rotarmisten nicht lebend in die Hände zu fallen und einer Strafe für seine
Verbrechen zu entgehen. Am 28. April erfuhr er von Himmlers seit Monaten
laufenden Geheimverhandlungen mit den Alliierten über einen Separatfrieden und
seinem „Angebot“, dafür den laufenden Holocaust an den ungarischen Juden
einzustellen. Die Alliierten gaben Himmlers Gesprächsangebot an die Presse weiter.
Hitler reagierte mit einem Wutanfall. Aus Rache an Himmler ließ er den
Verbindungsoffizier der Waffen-SS zum Führerhauptquartier, Hermann Fegelein,
festnehmen und erschießen. Gegen Mitternacht heiratete er seine Lebensgefährtin
Eva Braun. Danach diktierte er seiner Sekretärin Traudl Junge ein kurzes privates
und sein politisches Testament. Darin ernannte er Karl Dönitz zu seinem Nachfolger
als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Goebbels zum neuen
Reichskanzler, schloss Göring und Himmler aus der NSDAP aus und rief die
Deutschen zur unbedingten Fortsetzung des Krieges, Einhaltung der Nürnberger
Gesetze und weiteren Judenvernichtung auf. Am Abend des 29. April erfuhr er von
Mussolinis Erschießung am Vortag und vielleicht von der Schändung seiner Leiche.
Dies bestärkte seinen Entschluss zum Suizid.[412]
Schlagzeile in der US-Army-Zeitung Stars and Stripes nach Hitlers Tod

Am 30. April mittags verteilte er Giftampullen an seine Begleiter und erlaubte ihnen
private Ausbruchsversuche. Die Wirkung des Gifts ließ er vorher an seiner
Schäferhündin erproben, ohne dabei anwesend zu sein. Etwa um 15:30 Uhr
schluckte Eva Braun Zyankali; Hitler erschoss sich.[413] Martin Bormann und andere
aus dem Führerbegleitkommando verbrannten wie befohlen ihre Leichen im Garten
der Neuen Reichskanzlei und begruben die Überreste mit anderen Leichen in einem
Bombenkrater in der Nähe des Bunkerausgangs.[414] Das OKW meldete Hitlers Tod
erst am Abend des 1. Mai über den noch verbliebenen Reichssender Hamburg und
verschwieg dabei seinen Suizid.[415]

Am 10. Mai identifizierte Fritz Echtmann, langjähriger Assistent von Hitlers Zahnarzt
Hugo Blaschke, gegenüber den sowjetischen Besatzern Gebissteile und
Zahnbrücken der Leichen Hitlers und Eva Brauns. Spätere Untersuchungen
bestätigten die Identifizierung.[416] Die Sowjets hielten die Ergebnisse aus
politischen Gründen geheim. Das löste viele Verschwörungstheorien aus. Um diese
einzudämmen, belegte der britische Historiker Hugh Trevor-Roper Hitlers Tod 1947
anhand vieler Indizien und Zeugenaussagen und begründete damit eine westliche
„Hitler-Tod“-Forschung.[417] Otto Günsche hatte Hitlers Raum an seinem Todestag
bewacht und den Pistolenschuss gehört; er und andere hatten Hitler tot in einem
Sessel sitzend aufgefunden. Diese und andere Zeugen bezeugten den Hergang
1956 vor Gericht. Deswegen erklärte das Gericht Hitler am 25. Oktober 1956 für
tot.[418] Nach Berichten von 1990 sollen Hitlers und Eva Brauns Überreste
mehrmals an verschiedenen Orten in Berlin-Buch, Brandenburg und Sachsen-Anhalt
begraben und 1970 vollständig verbrannt und als Asche bei Biederitz in die Ehle,
einen Nebenfluss der Elbe, gestreut worden sein.[419][420]

Hitler zugeschriebene Schädelteile im russischen Staatsarchiv stammen nach neuen


Untersuchungen von einer Frau.[421] 2017 waren französischen Wissenschaftlern
erstmals nach 1946 Untersuchungen möglich. Das in Moskau aufbewahrte Gebiss
kann Hitler zugeordnet werden. Bläuliche Ablagerungen an den künstlichen Zähnen
„könnten auf eine chemische Reaktion zwischen Zyanid und dem Metall der
Prothesen hindeuten“. Hitler hätte demnach – zusätzlich zum Kopfschuss – auch
Zyanid eingenommen.[422]

Dönitz ließ gemäß Hitlers letztem Willen zunächst weiterkämpfen und lehnte eine
Gesamtkapitulation ab. Am 8. Mai 1945 erfolgte jedoch die bedingungslose
Kapitulation der Wehrmacht, mit der der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Weltweit
verloren mehr als 66 Millionen Menschen ihr Leben.[423] Weitere Millionen wurden
verletzt, zu dauerhaft Kriegsversehrten, obdachlos, vertrieben, deportiert oder
inhaftiert. Viele Städte Europas und Ostasiens waren zerstört. Das Deutsche Reich
wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt und seine Ostgebiete teils unter polnische,
teils sowjetische Verwaltungshoheit gestellt. Knapp zwölf Millionen Deutsche wurden
aus den damaligen Ostgebieten vertrieben. Später folgten die jahrzehntelange
Teilung Europas und die deutsche Teilung.
Historische Einordnungen

Die NS-Forschung fragt vor allem, wie Hitler ohne berufliche und charakterliche
Qualifikation zum Kanzler und Diktator aufsteigen konnte, welche Ziele er hatte und
welche Rolle er im NS-Staat spielte, besonders im Krieg und beim Holocaust.[424]

Friedrich Meinecke war 1946 der Ansicht, Hitler sei vom preußischen Militarismus
stark gefördert worden, habe die Kanzlerschaft nur zufällig von Hindenburg erhalten.
Mit ihm sei ein „satanisches Prinzip“ und „innere Fremdherrschaft“ in die deutsche
Geschichte getreten. Er sei „nicht zu unserer Rasse gehörig“.[425] Diese Sicht diente
in der Nachkriegszeit dazu, „alles oder fast alles Hitler und eben nicht ‚den
Deutschen‘ zur Last“ zu legen.[426]

Schon 1936 hatte Konrad Heiden Hitlers Politik als detaillierten Plan zum Erringen
der Weltherrschaft beschrieben. Dagegen erklärte Hermann Rauschning 1939, Hitler
sei ein Machtpolitiker ohne klare Ziele und benutze außenpolitische Gelegenheiten
nur für Machtgewinn. Dieser Sicht folgte 1952 Alan Bullock, der erste international
anerkannte Hitlerbiograf: Hitler sei ein nur vom „Willen zur Macht“ gelenkter „völlig
prinzipienloser Opportunist“ gewesen. Laut Alan J. P. Taylor (1961) wollte Hitler wie
frühere deutsche Politiker nur Deutschlands kontinentale Großmachtstellung
wiederherstellen. Dagegen begründete Hugh Trevor-Roper 1960 mit späteren
Aussagen Hitlers seine Ansicht, Hitler habe konsequent sein frühes Lebensraum-
Konzept durchgehalten und verwirklicht.[427]

Günter Moltmann vertrat 1961 die Ansicht: Hitler habe die Weltherrschaft angestrebt.
Andreas Hillgruber führte 1963 aus: Hitler habe zuerst Kontinentaleuropa, dann den
Nahen Osten und die britischen Kolonien erobern wollen, um später die USA
besiegen und die Welt beherrschen zu können.[428] Klaus Hildebrand, Jost Dülffer,
Jochen Thies, Milan Hauner und andere „Globalisten“ stützten Hillgrubers These mit
Spezialuntersuchungen. Auch für die „Kontinentalisten“ (Trevor-Roper, Eberhard
Jäckel, Axel Kuhn) bestimmte Hitler die NS-Außenpolitik und hielt sein rassistisches
Lebensraumprogramm und eine dauerhafte Weltmachtstellung Deutschlands bei
allen taktischen Wendungen als Kernziele durch.[429]

Schon 1941 meinte Ernst Fraenkel: Die Konkurrenz zwischen Verwaltungsbehörden


und NSDAP habe Hitlers Handlungsspielraum begrenzt.[430] In den 1970er Jahren
stritt die Forschung darüber, ob eher individuelle Absichten oder eher allgemeine
Entwicklungen und anonyme Machtstrukturen die NS-Zeit bestimmten und ob Hitler
eher ein „starker“, die Geschichte eigenwillig bestimmender oder eher ein
„schwacher“, auf Zeitumstände und Sachzwänge reagierender Diktator war.[431]

Hitlers Rolle beim Holocaust war besonders umstritten. „Intentionalisten“ wie


Hillgruber und Jäckel[432] sahen Hitlers „rassenideologisches Programm“ und
konsequent verfolgte Vernichtungsabsicht als entscheidenden Faktor, auch wenn er
nicht jede einzelne Eskalationsstufe des Holocaust initiiert habe.[433]
„Funktionalisten“ wie Hans Mommsen und Martin Broszat dagegen erklärten den
Holocaust aus einer kumulierenden Eigendynamik und einem komplexen
Bedingungsgeflecht von vorauseilendem Gehorsam, innenpolitischer
Funktionalisierung und selbstgeschaffenen Sachzwängen. Hitlers antisemitische
Rhetorik habe diesen Prozess nur ausgelöst.[434]

Neuere Spezialuntersuchungen zum „Räderwerk der Vernichtung“ haben diesen


Deutungsstreit überholt.[435] Im Prozess (1995–2000) gegen den Holocaustleugner
David Irving belegte Peter Longerich mündliche Befehle Hitlers zur Judenvernichtung
und seine treibende Kraft bei deren Durchführung.[436] Auch Raul Hilberg, dessen
Monographie Die Vernichtung der europäischen Juden 1961 den Holocaust aus dem
Zusammenspiel der verschiedenen Machtgruppen und Behörden im NS-System
erklärte, betonte 2002: Dass Hitler seinen Antisemitismus „zum
Regierungsprogramm machte, führte zum Mord an den europäischen Juden“.[437]
Kershaw fasste 2009 zusammen:[438]
„Hitlers Rolle war entscheidend und unverzichtbar auf dem Weg zur Endlösung.
[…] ohne Hitler und das einzigartige Regime, an dessen Spitze er stand, wäre die
Schaffung eines Programms zur Verwirklichung der physischen Ausrottung der
Juden Europas undenkbar gewesen.“

1961 hatte Waldemar Besson eine Hitlerbiografie, die ihn als prägenden
Repräsentanten der NS-Zeit darstelle, zur wichtigsten Aufgabe der
Geschichtsschreibung erklärt.[439] Die NS-Forschung verwarf Hitlerbiografien von
Zeitzeugen wie Helmut Heiber (1960), Hans Bernd Gisevius (1963), Ernst Deuerlein
(1969)[440], Robert Payne (1973) wie auch Bestseller von Geschichtsrevisionisten
wie Erich Kern, David Irving und Werner Maser sowie Werke zur
Psychopathographie Adolf Hitlers von Walter Charles Langer, Rudolph Binion und
Helm Stierlin als wissenschaftlich wenig ertragreiche „Hitler-Welle“.[441]

Auch die Hitlerbiografie von Joachim Fest (1973) wurde als auf die Einzelperson
fixierter „Hitlerismus“ kritisiert, da sie großenteils auf seinen Gesprächen mit Albert
Speer beruhe und Hitlers Vernichtungspolitik aus einem Charakterzug zur
Selbstzerstörung erkläre.[442] Broszat lehnte jede Erklärung von Hitlers Politik nach
1933 aus seiner frühen Biografie als unzulässigen Rückschluss von historischen
Wirkungen auf persönliche Ursachen ab.[443]

Faschismustheorien wiederum sahen Hitler nur als austauschbare Figur und


vernachlässigten seine individuellen Absichten und Taten. In der DDR erschien
deshalb keine Hitlerbiografie.[444] Gerhard Schreiber stellte 1983 als westlichen
Forschungskonsens heraus: Hitler sei für den Nationalsozialismus unersetzlich und
die NS-Zeit ohne ihn undenkbar gewesen. Diese Wirkung hätten auf Hitlers
„Persönlichkeit“ fokussierte Biografien kaum erklärt. Man müsse auch die
historischen Bedingungen für seinen Werdegang darstellen.[445] Diesem Anspruch
versuchte Ian Kershaw mit seiner zweiteiligen Hitlerbiografie (1998; 2000) zu
genügen. Er erklärt Hitlers Aufstieg mit Max Webers Modell der „charismatischen
Herrschaft“: Aufgrund der sozialen Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg habe
der „Führermythos“ Hitlers Popularität und seine späteren Anfangserfolge begründet.
Seine Macht habe darauf beruht, dass seine Anhänger und große Teile der
deutschen Gesellschaft bereit waren und sich verpflichteten, auch ohne direkte
Befehle „im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten“, wie es der NSDAP-Beamte
Werner Willikens 1934 ausdrückte.[446]

Ludolf Herbst kritisierte: Kershaw deute Hitlers charismatische Herrschaft als vom
Glauben der Beherrschten getragene soziale Beziehung und somit als Produkt
gesellschaftlicher Erwartungen. Dabei bleibe unbeachtet, ob und wie dieses
Charisma den politischen Alltag bestimmt habe. Ein Glaube der meisten Deutschen
an außergewöhnliche Fähigkeiten Hitlers, der die NS-Herrschaft legitimiert habe, sei
nicht beweisbar. Die NS-Propaganda habe Hitlers Charisma künstlich geschaffen,
um Heilserwartungen der Deutschen auszunutzen.[447]
Veröffentlichungen

Mein Kampf.
Band 1; 2. Auflage 1926; 1932: Eine Abrechnung. Eher, München 1925 ff.
Band 2; 2. Auflage 1932: Die nationalsozialistische Bewegung. Eher, München
1927 ff.
Adolf Hitlers Reden. Hg. von Ernst Boepple, Boepple, München 1925.
Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem. Eher, München 1926.
Die Reden Hitlers am Reichsparteitag 1933. Eher, München 1934.
Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler vor dem Reichstag am 13. Juli 1934. Müller,
Berlin 1934.
Reden des Führers am Parteitag der Ehre 1936. 6. Auflage. Eher, München 1936.
Führerbotschaft an Volk und Welt. Eher, München 1938.
Reden des Führers am Parteitag Großdeutschland 1938. 6. Auflage. Eher,
München 1939.
Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939. Eher, München 1939.
Der großdeutsche Freiheitskampf. Reden Adolf Hitlers. Hg. von Philipp Bouhler, 3.
Bde., Eher, München 1940–1943.